Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: Re: Alltag
BeitragVerfasst: 7. Jan 2018, 00:24 
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Delora
Mit vor Anstrengung bebendem Atem ließ sich Delora auf einer nahestehenden Kiste nieder, Schild und Schwert daran anlehnend. Schweißnasse Strähnen klebten in ihrem Gesicht und das sonst so akkurat liegende Haar stand in nahezu alle Richtungen ab. Sie hob die Feldflasche an ihre Lippen und zog den Rest unerbittlich ab, während sie Zeit hatte, Luft zu holen.
Die Entscheidung war ihr schwergefallen – in ihrem in einer Taverne gemieteten Raum hatte sie Ewigkeiten auf das fast schon heilige Schwert gestarrt. Ihre Gleve verblasste zunehmend daneben ob der Tatkraft und dem Prestige, das sich das Schwert seit den frühen Tagen in Silithus angeeignet hatte. Eigentlich war es keine Entscheidung. Ihr blieb keine Wahl. Wer wäre sie, eine solche Gabe abzulehnen? Ein blinder und sturer Narr, das wäre sie.
Meister Wan-Tzu hätte wahrscheinlich gelacht und ihr auf die Schulter geklopft mit dem Rat das zu tun, was sie für richtig halten würde. Doch gab es hier ein richtig und falsch? Die Tage ihres Soldatenlebens waren gezählt, doch das Auftreten und Benehmen eines solchen hatte sie trotz ihrer Abneigung gegen diese Profession nie abgelegt. Dafür ging ihr die Zeit im Militär zu nahe. Schwert und Schild hatte sie mit ihrer Entlassung nie wieder angerührt.
Doch da lag es nun wieder vor ihr. Ihr altes Soldatenschwert – gesegnet durch eine Macht, die sie wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise begreifen konnte. Sie widerstand dem Drang, auch nur ansatzweise belustigt mit den Mundwinkeln zu zucken; dafür war ihr die Ironie des Schicksals hier zu deutlich.
Die Gleve hatte sie sich jahrelang erarbeitet. Mit jeder Trainigseinheit, mit jeder Lektion im Land der Pandaren, die sie näher zu sich selbst gebracht hatten. Gleichgewicht war seitdem ihr stetiger Begleiter. Selbst im fürchterlichsten Gefecht. Doch war nicht sie es, die sich immer wieder schützend vor andere stellte? Die bisher nur zu Boden ging, um ihre Kameraden vor unmittelbaren Bedrohungen zu beschützen? Dafür war eine Gleve nicht gemacht. Sie hielt viele Angreifer auf Distanz und hinterließ eine Schneise der Zerstörung, wenn es sein musste. Nein, eigentlich war es keine Frage – es war eine vom Schicksal getroffene Entscheidung, die sich ihr da offenbarte.
Ihr Atem hatte sich wieder beruhigt und sie schraubte die Feldflasche ordnungsgemäß zu, die gesegnete Klinge und das Schild aus fremdartigem, gehärteten Mantis-Chitin wiederaufnehmend.
Es war ein langer Weg bis zur Perfektion, doch nicht weniger wurde diesem Schwert gerecht. Und Delora war nicht darauf aus, den Kommandanten oder ihre eigenen Erwartungen zu enttäuschen.

Rena
„Was meint Ihr? Der pompöse, überragende Kapitänshut oder der grimmig-gruselige Stammeskopfschmuck mit Federn und Perlen?“ Sie setzte sich abwechselnd beide der Kopfbedeckungen auf und stolzierte mit in den Hüften gestemmten Händen vor ihm her. Er hatte die Schnauze gründlich voll – das konnte man ihm beinahe von dreihundert Metern Entfernung ansehen. Doch Rena sah es nicht. Oder sie übersah es. Der Kunde war immerhin König. Außerdem wurde er hierfür bezahlt! Einen Aufschlag für nervige Kunden gab es dennoch eher nicht für ihn. Der arme Wicht.
„Der Kopfschmuck steht Euch fantastisch. Viel besser als die royale Krone die Ihr davor anprobiert hattet, wenn ihr mich fragt.“ Klar. Der Kopfschmuck war auch eine Ecke teurer – immerhin war er handgefertigt von irgendwelchen Einheimischen aus Nordend.
„Jaja. Ihr habt schon Recht! Aaaaber…“
Nur mit Mühe und Not konnte der Verkäufer ein genervtes Seufzen unterdrücken. Drei Stunden und siebenundzwanzig Hüte später und sie hatte immer noch nicht den richtigen gefunden.
„Achwas. Ich nehme den Kopfputz und die Murloc-Mütze. Wer könnte diesen Augen widerstehen?“ Sie schob dem Verkäufer förmlich die gestrickte Mütze ins Gesicht, während die grellbunten Antennen des Murlocs schwankten und die kleinen, schwarzen Perlen die locker in den Sockeln der eingesetzten Augen wackelten. „Grmglmmmgrml!“, imitierte Rena nervigerweise das allzubekannte Geräusch der Biester und zog sich die Kapuze auf, während sie mit den zwei herunterhängenden Bändeln spielte. Sie handelte ihn nicht herunter – nein! Das hatte sie nicht nötig! – und stolzierte in den Straßen Sturmwinds herum wie ein König mit seinem Gefolge.
Sie vermisste Gadgetzan nicht. Auch, wenn sie dort einen großen Teil ihres Lebens verbracht hatte – jedoch nur, weil sie von dort nie weggekommen war. Da kam ihr der Dämmersturm und seine Selbstmordmission gerade recht. Mit dem grinsen eines Honigkuchenpferdes hupfte Rena weiter durch die Stadt und sog die Eindrücke mit jedem Lidschlag und jedem Atemzug ein. Wer weiß schon, wann es mal wieder so unbekümmert wie jetzt zugehen würde?

Aylen
Ruhelos blätterte sie mit den schmalen, behandschuhten Fingern einen Wälzer nach dem anderen durch. Der Zustand der Bücher bekümmerte sie zum ersten Mal nicht; durchgebrochene Rücken, verblasste Kaffeeränder und unzählige Eselsohren – es war irrelevant. Monographien, Sammel- und Reiseberichte, Tagebucheinträge. Sie sah jedes einzelne Werk durch, in dem auch nur das Wort ‚Dämon‘ einmal auftauchte.
Stapel vergilbten Pergamentes lagen vor ihr, geprägt von schwarzer Tinte in ihrer eigenen Handschrift. Zusammenfassungen der gesammelten Erkenntnisse die sich ihr ergaben, aber auch Zitate mit ordentlichen Verweisen auf das ursprüngliche Werk und dessen Verfasser.
Was ihr zu ihrer Studienzeit in Dalaran als unmissverständlich und vor allem unnötig vorkam war nun erstaunlich entspannend und entlastend. Recherche, Forschung, Beschreibung. Es tat ungemein gut, wieder ein Buch in der Hand zu halten, welches nicht beim aufklappen einige Sandkörner verlor oder schon unsagbar viele Male von ihr durchgelesen wurde während der langen Reise.
Seit ihrer Ankunft hatte man sie nur einmal im Hauptquartier gesehen – nachdem sie den Aushang zur Information über die Abwesenheit des Kommandanten geschrieben und an das Brett gepinnt hatte war sie spurlos verschwunden.
Neben der furchtbar theorielastigen Arbeit widmete sie sich jedoch auch ihrer eigenen Ausbildung. Ohne Torfstich war es schwieriger als gedacht und vor allem verließ sie der Glaube, dass sie je auch nur fähig wäre, ein Schild so mühe- und makellos zu weben wie er es zu pflegen tat. Jedes ihrer arkanen Schilde war zu flüchtig, zu zeitversetzt, zu instabil – zu unsicher, um es einzusetzen. Es zehrte an ihr, doch sie würde nicht aufgeben. Ihre Eismagie verfeinerte sich mit jedem Zauber und mit der Beschwörung von Feuer hatte sie dank ihrem Armband aus Feuerstein keine Probleme mehr. Der funkenschlagende Schmuck half ihr dabei, die Flammen aus ihr herauszulocken und sie besser zu kontrollieren. Sie verdrängte die lockende Stimme, die hinter dieser impulsiven Magie stand.
Das vor ihr liegende, in rotes Leder gebundene Buch klappte sie zu und legte es zur Seite. Übrig war nur noch ein zerfledderter, nur durch wenige Fäden zusammengebundener Bericht und ein grünes Buch mit schwarzer Prägung, dann musste sie wieder auf die Suche gehen.
Aylen fuhr sich mit den Händen unter die Kapuze um diese abzustreifen, nur um dann das Mundtuch herunterzuziehen und sich ausgiebig auszustrecken. Knarzend erhob sie sich von dem hölzernen Stuhl und lief gemächlich zu der Küchennische. Bevor sie ihre Studien fortführte wurde es höchste Zeit für eine ordentliche Tasse Kaffee. Schwarz, ohne alles – so, wie ihn Torfstich einst getrunken hatte. So, wie er ihr einmal in Gadgetzan eine Tasse des bitteren Gebräus gereicht hatte, um sich für eine lange Nacht des Lernens zu wappnen. Aylen führte die dampfende Tasse an die Lippen; doch nicht, ohne diese zuvor zum stillen Gruß zu erheben.


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 Betreff des Beitrags: Re: Alltag
BeitragVerfasst: 6. Apr 2018, 21:01 
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Aylen

Es war ungewöhnlich still in dem heruntergekommenen Gasthaus, in dem Aylen sich seit ihrer Rückkehr ein kleines Zimmer – kaum nennenswert größer als eine Besenkammer – gemietet hat. Putz bröckelt, Staub rieselt und Holz knarrt unter schweren Stiefeln, die eine Treppe hinaufstapfen. Gläser klirren, Humpen laufen tropfend über, Menschen reden stumpfsinniges Zeug, welches nicht mehr als eine laustarke Wolke aus trunkenen und unartikulierten Worten hervorbringt.
Während ihr Unterbewusstsein sehr wohl das treiben der Taverne zur Kenntnis nimmt sind die Geräusche, die sie im Halbschlaf wahrnimmt, von einer anderen Natur. Metallisch scharrend kreuzen sich Klingen, beschwörerische Worte werden gemurmelt. Ein Schlachtfeld, ohne Zweifel. Goldgelber Sand, wohin das Auge reicht – ohne einen Fleck grün in Sicht. Ein Meer aus Dünen, welches einen nicht zu ertränken, jedoch zu verschlucken droht. Karg. Ohne Hoffnung auf einen Ausweg.
Der wolkenlose Himmel färbt sich ohne Anzeichen eines Unwetters – ja wie auch, in dieser Einöde? – dunkel, fast schon verheißend finster. Ein giftgrüner Mond steht am Himmel und taucht die Wüste in seine ätzende Farbe. Schreie hallen durch das endlose Nichts und werden im nächsten Augenblick unter einem stillen Kampf erstickt. Die Kampfgeräusche werden von gurgelnden, bestialischen Lauten übertönt. Reißzähne werden gefletscht, gutturale Kampfschreie geäußert. Knochen bersten, Fleisch verschlungen. Lebenssaft sickert ohne Unterlass in den Sand, breitet sich von einer harmlosen Pfütze zu einem reißenden Strom aus, welcher den Sand zinnoberrot färbt. Ein von Hallen unterlegtes Lachen drängt sich dem Gehör ohne Erbarmen auf, will wahrgenommen, will bemerkt werden. Klaffend öffnet sich ein zähnefletschendes, triefendes Maul und ergibt sich in einem Schwall von grünem Feuer über die karge Ödnis, bis sie davon verschlungen wird. Die Flammen züngeln, lecken, verbrennen alles, was in ihrem Weg steht. Hinter dem Wall des felgrünen Feuersturms regt sich eine massige Gestalt. Flügel brechen geräuschvoll aus dem Rücken der Monstrosität und mit deren Entfaltung öffnet der Dämon unter einem vernichtenden Windstoß seine Augen. Reptilienartig. Scharlachrot. Gierig.
Ein Ruck geht durch die Landschaft, zieht alles in einen wirbelnden Mahlstrom aus Erinnerungen, Geschehnissen und einer verdrehten Gedankenwelt, die nicht zur Ruhe kommt. Rote Augen verschwinden hinter ledrigen Lidern, felgrüne Iriden weiten sich ob des grotesken Szenarios, dass sich hinter verschlossenen Augen abgespielt hat. Die Magierin kommt keuchend zurück in die Welt der Lebenden, in das Hier und Jetzt. Schmale, zitternde Finger suchen krallend Halt an der Realität, eigentlich bloß am hölzernen, bereits zur Unkenntlichkeit verkratzten Boden unter ihr. Der Fokus kehrt nur quälerisch langsam in die gläsernen, sonst so klaren Augen zurück, als sie das Zimmer mit Blicken absucht, mental eine Liste durchgehend. Mit einem erschöpften Seufzer lässt sie sich wieder auf den Boden sinken.
Es war nichts geschehen. Diesmal. Von ihrer sonst so peniblen Ordnung ist hier schon lange nichts mehr zu sehen – das eichenhölzerne Bettgestell ist von wüsten, teilweise großflächigen Brandspuren übersehen, die Decke aufgrund der Tatsache, dass sie sie schockgefroren und das hauchdünne Überbleibsel zerschmettert hat, auch nicht mehr vorhanden. Bücherstapel machen den ohnehin kleinen Raum undurchquerbar und die ganzen Papierhaufen sowie die einzelnen, verteilten Blätter scheinen keiner denkbaren oder gar logischen Reihenfolge zu unterliegen.
Das Klopfen an der maroden Tür verwechselte sie mit den hämmernden Kopfschmerzen, die ihren Schädel zeitgleich zermarterten. Nicht fähig einen Gedanken zu verfassen oder den Strom an rasanten Gedanken überhaupt zu zähmen, fährt Aylen sich durch die wirren, weißen Haare und bindet sich einen mehr oder weniger akkuraten Pferdeschwanz, während sie sich aufsetzt. Das Klopfen blieb vehement unerwidert von der reglosen Magierin; wenige Momente später jedoch werden achtlos Briefumschläge durch den viel zu breiten Türschlitz hindurchgeschoben. Unter all den Mahnungen der Sturmwinder Bibliotheken, die nicht abgegebene Bücher beklagten, fand sich jedoch auch die Bestätigung der ersten Auflage der Lexika, die sie für den Dämmersturm publizieren würde. Sie hält für einen Moment inne, als der Name des Söldnerbundes ein undefinierbares Echo in ihr hinterließ. Die Erinnerungen bahnen sich einen Weg durch glühende Wangen – doch bevor es weiter kommen kann, schüttelt Aylen den Gedanken ab. Der letzte Brief war mit einer kalligraphischen Schrift und einem violetten Siegel versehen, dass sie ohne einen Gedanken zu verschwenden brach. Ihre Mundwinkel zuckten unbestimmt ob des Textes – einer Einladung, auf die sie bereits mehrere Wochen gewartet hatte. Schwungvoll steht sie auf, eine Wolke von Staub hinter sich herziehend, die von dem einfallenden Licht durch die Tür Korn für Korn beleuchtet wurde, ehe er nebulös durch das Zimmer schwebt. In wenigen Handgriffen packte sie einen Rucksack und ihre verbrauchte Umhängetasche, ehe sie ihr Antlitz vermummte und aus der Taverne stürmte, den Briefumschlag mit den verschnörkelten Worten in der Hand.


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 Betreff des Beitrags: Re: Alltag
BeitragVerfasst: 8. Apr 2018, 20:14 
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Auszug aus Viktories Tagebuch


Nach einem unruhigen Flug kam ich auf Burg Wellenheim an und wurde von Rottenmeister Heineken empfangen. Ich mag diesen Mann. Er ist nicht hektisch, wirkt bedacht und strahlt das Maß an Autorität aus, das von ihm benötigt wird.

Gemeinsam mit ihm habe ich mich zum Abendessen eingefunden, das von Margarete von Bauergard vorbereitet wurde, die uns in Empfang nahm. Oh, wie sehr habe ich mich geirrt, was diese Frau betrifft! Gerechnet habe ich mit einer älteren Dame, streng, eine Matriarchin. Vor mir stand jedoch eine bezaubernd anzusehende junge Lady (mit Blume im Haar), die bei fast jedem Mann Beschützerinstinkte wecken muss. Doch wie so oft trügt selbst die hinreißenste Schönheit nicht über schlechte Wesenszüge hinweg, von denen sie viele zu haben scheint. Ihre Arroganz und ihre spitze Zunge machen Gespräche schwierig und ihre schlechte Stimmung fügt ihren Teil hinzu. Letztere kann ich ihr nicht verübeln, sie befindet sich schließlich in einer schwierigen Lage, gefangen und entmachtet. Ich gehe davon aus, dass sie das Beste daraus zu machen versteht und wünschte nur, sie würde dabei weniger Gift versprühen. Gift scheint unter den hohen Damen in Alterac ein gern genutztes Mittel zu sein, um politische oder persönliche Ambitionen durchzusetzen und Margarete bildet hierbei ganz gewiss keine Ausnahme. Trotzdem hat mir der deftige Eintopf, den sie servieren ließ, gemundet und ich hoffe, dass unser langes Gespräch, das wir im Verlauf des Abends unter vier Augen führen konnten, einen guten Grundstein für unsere Beziehung gelegt hat. Ich möchte nicht mit ihr befreundet sein, viel mehr liegt mir daran, ein Band zu ihr zu knüpfen, denn ich traue ihr nicht und zugleich könnte diese Frau für die Zukunft Alteracs von Bedeutung bleiben. Dabei ist nicht alles, was es über sie zu erwähnen gäbe, schlecht. Sie ist klug und sehr aufmerksam. Die höfischen Regeln und Schachspiele sind ihr nicht fremd. Und sie kennt Land und Leute besser als jeder von uns aus dem Süden. Ihre Fassaden machen es nicht leicht, mit ihr umzugehen, doch auch in ihr wird irgendwo eine empfindsame Seele stecken. Gut verborgen. Ich glaube nicht, dass diese Seele von schlechter Natur ist, sie hat nur zu viel erdulden müssen und kennt keine anderen Wege, um sich zu schützen.

Salmas Kinder scheinen Margaretes Fürsorge zu genießen. Als sie den ältesten Sohn zu mir brachte, fiel mir auf, wie freundlich sie mit ihm umging und wie wohl er sich in ihrer Gegenwart zu fühlen scheint. Er ist ein fröhliches und aufgewecktes Kind, trägt ein Schwertchen und scheint sehr nach seinem Vater zu kommen. Es wirkt, als würde er bereits kindgerecht im Umgang mit dem Schwert geschult werden, ohne zu wissen, was das überhaupt bedeutet. Das ungewisse Schicksal seiner Mutter und der viel zu frühe Tod seines Vaters überschatten die Zukunft dieses kleinen Söldners, der noch so viele Jahre brauchen wird, bis er mündig ist und sein Erbe antreten kann. Wie jedes Kind glaubt er unerschütterlich daran, dass seine Mutter zurückkehren wird. Ich muss gestehen, diese Hoffnung mit ihm zu teilen, auch, da Rottenmeister Heineken mir erzählte, dass [...].


[...] Endlich habe ich Ruhe. Das kalte Wetter macht mir zu schaffen und ich bin sehr froh, dass man mir in Tobiasstadt Unterkunft und Versorgung angeboten hat, nachdem Njörn Cherusk sich bereit erklärte, mich zu empfangen. Er muss ein Schatten seiner selbst sein, so, wie ich ihn vorgefunden habe. Einst ein imposanter Krieger und heute ein Mann, der dem Tode näher ist als dem Leben. Eine schwelende, eiternde Wunde an seiner Schulter, tief verdorben durch den dämonischen Einfluss, ist die Ursache für sein Leid, das er mit schier übermenschlicher Stärke zu tragen scheint. Er ist müde, sein Geist jedoch wirkt klar. Sehr zu meiner Überraschung. Andere in einer ähnlichen Lage wären nicht mehr als sabberndes Gemüse. Seinem Körper ergeht es dabei schlecht. Die Haut hat bereits begonnen, abzusterben. Seine Organe werden dem folgen, manche sind schon von den Ausstrahlungen der Wunde betroffen. Sie siecht wie Gift durch seinen ganzen Leib und wird ihn jeden Tag ein wenig mehr einnehmen, das Leben förmlich aus ihm saugen. Ohne eine Behandlung habe ich ihm wenige Wochen gegeben. Vielleicht zwei Monate, mit viel Glück. Er hat sich für die Behandlung entschieden, die ihm nur ein wenig Zeit schenken wird. Zeit, die er mit einer Hochzeit verbringen wird. Ich bin mir nicht sicher, wen er sich erwählt hat. Dem Gemauschel auf Burg Wellenheim nach zu urteilen tippe ich auf Margarete, die jedoch bereits verheiratet ist. Dass sich niemand über die lange Krankheit ihres Gatten wundert... und welch Gift sie dafür wohl genommen hat?

Sei es drum. Cherusk wird heiraten, also benötigt er Zeit. Ich wusste, dass es ihn ins Grab bringen würde, wenn ich die Heilung an der Wunde ansetze. Der Schmerz hätte ihm den Verstand geraubt und vermutlich wäre sein Herz stehen geblieben. Also entschied ich mich dazu, die Auswirkungen einzudämmen und mich der Wunde von außen zu nähern. Bereits meine schützenden Segen bereiteten ihm Unwohlsein. Meine Heilungsversuche noch viel mehr. Es tat mir im Herzen weh, seine Qualen zu beobachten und wir beide können von Glück sprechen, dass ein wenig Licht zu ihm durchdringen und die üblen Auswirkungen zurückdrängen konnte. Es wird ihm etwas Zeit schenken. Ob er in der Lage ist, die Ehe zu vollziehen, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Allein der Gestank der Wunde wird die Nächte schwierig gestalten. Die arme Braut.
[...]

_________________
"StaPhi"


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 Betreff des Beitrags: Re: Alltag
BeitragVerfasst: 2. Mai 2018, 16:03 
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Fjölni

Mit einem Greifen war der Weg vom Hinterland bis zum Schattenhochland nicht sonderlich weit oder beschwerlich gewesen. Besonders nicht, wenn man die Elemente auf seiner Seite hatte. Nach seiner Rückkehr aus Silithus hatte Fjölni Felhammer reichlich Zeit gehabt, sich von den Strapazen des Büßerfeldzuges zu erholen. Und das hatte er auch bitter nötig gehabt. Er hatte Zeit mit seiner Familie verbracht, hatte die Ruhe genossen und seine Wunden heilen lassen. Denn der Krieg gegen die Legion war vorbei. Argus war vom Himmel verschwunden. Doch Fjölni wusste, dass der Ruhestand noch in weiter Ferne für ihn lag. Eben deshalb hatte er beschlossen, den Berg Donnerschlag aufzusuchen um sich wieder dem Irdenen Ring anzuschließen. Viel Zeit war vergangen, seit Fjölni gemeinsam mit dem Dämmersturm die Schamanen des Wildhammerklans aufgesucht hatte, um Unterstützung bei den Problemen mit dem Zirkel des Cenarius zu erbitten. Damals hatten sie am Fuße des Berges warten müssen, während die Schamanen sich über die Invasion der Legion beraten hatten. Heute aber war Fjölni nicht nach Warten zumute gewesen. Er hatte sich von seinem Greifen fallen gelassen und hatte die Winde beschworen, um seinen Fall zu bremsen. Und so war er inmitten der Zwergenschamanen gelandet. Jeden der sieben Schamanen, die dort auf ihren steinernen Sesseln saßen, kannte er mit Namen, kannte sie alle seit Jahren und mit manchem von ihnen hatte er Seite an Seite gekämpft. Natürlich waren sie empört, über sein unangekündigtes, plötzliches Erscheinen. Sie hatten es Fjölni einst übel genommen, als er sich vom Irdenen Ring getrennt hatte, um Söldner zu werden. Heute wusste Fjölni, dass er mehr sein musste, als nur ein Schamane des Irdenen Rings. Und eben dies sagte er den Schamanen auch, erneut. Gleichzeitig aber wusste Fjölni auch, dass er sein Können einem höheren Zweck widmen wollte. Auch dies sagte er ihnen. Und er berichtete von dem Feuer, dass über Silithus gekommen war. Und ganz, wie er es sich bereits gedacht hatte, wusste der Irdene Ring Bescheid. Und endlich konnten sie offen miteinander reden und die dickköpfigen, alten Zwerge schenkten Fjölni Gehör. Er berichtete vom Büßerfeldzug und den Übergriffen der Druiden, berichtete von den Schlachten gegen die Silithiden und gegen die Kultisten und von den Dämonen, die dazu kamen, sobald Argus am Himmel erschienen war. Und er berichtete von seinen Schwierigkeiten, die Elemente in dieser Einöde zu kontaktieren. Umgekehrt berichteten die Schamanen ihm von den enormen Verlusten, die dem Irdenen Ring zu schaffen machten und vom hohen Preis, den der Sieg gefordert hatte.

Zahlreiche Schamanen, jung wie alt, waren im Krieg gegen die Legion gefallen. Doch zumindest hatten der Irdene Ring es geschafft, die Elementarfürsten zu einem Bündnis zu bewegen. Zum ersten Mal kämpften die Elementarfürsten geschlossen, gemeinsam mit Sterblichen, gegen einen gemeinsamen Feind. Man war sich einig, dass das Inferno von Silithus Nachwehen haben würde. Ähnlich wie beim Weltenbeben war sich der Rat der Ältesten sicher, dass auch hier Druiden und Schamanen abermals helfen mussten, den Schaden rückgängig zu machen, den die Brennende Legion der Welt angetan hatte. Fjölni versicherte, helfen zu wollen. Doch er wollte nicht wie damals durch die Welt reisen, um Kultisten zu bekämpfen und das Land zu heilen. Er erklärte den Schamanen, dass er eine Familie hatte und diese nicht im Stich lassen würde. Seine Hingabe musste also Grenzen haben. Er bot an, junge Schamanen auszubilden. Sein Wissen weiter zu geben. Und die sieben Schamanen baten um einen Moment, in dem sie sich beraten wollten. Fjölni entfernte sich vom Steinkreis auf dem Gipfel des Berg Donnerschlags und blickte in die Ferne. Er konnte bis zum Hafen des Drachenmals blicken, bis zum Krater im Westen, wo einst der Schlund des Wahnsinns lag, eine gigantische Kreatur des Schattenhammers, und zu den grasbewachsenen Dächern von Donnermar und Kirthafen. Es würde vermutlich immer irgendwo Bedrohungen geben. Manchmal konnte man diese mit Gewalt lösen, manchmal eben nicht. Manchmal musste man Krieger sein, manchmal Heiler und manchmal die Stimme der Vernunft. Aber Fjölni wusste, dass er nicht tatenlos zusehen konnte, wenn es eine Möglichkeit gab, dass er helfen könnte. "Fjölni", flüsterte der Wind ihm zu, als die sieben Ältesten ihre Diskussion beendet hatten. Fjölni wandte sich von den Klippen ab und kehrte in den Kreis der alten Schamanen zurück. "Wir werden dich wieder in die Reihen des Irdenen Rings aufnehmen, Fjölni Felhammer. Du hast uns Hilfe zugesichert und der Irdene Ring wird deinen Beitrag nötig haben, während der kommenden Prüfungen. Und im Angesicht dessen, was du hinter dir hast, haben wir außerdem beschlossen, deine langjährige Erfahrung entsprechend zu würdigen. Wir erheben dich in den Stand eines Scharfsehers. Willkommen zurück!"

James

"Warum muss es hier eigentlich immer regnen?" fragte Scharfschütze Robert Barnes, während er die nähere Umgebung sorgsam im Auge behielt. Der Nordtorwald südlich des zerstörten Graumähnenwalls war finster und verregnet wie eh und je. Aber die regelmäßigen Patrouillen waren eine Notwendigkeit. Die dunkle Fürstin selbst forderte es so. Der kleine Trupp von Verlassenen hatte die Aufgabe bekommen, durch den Nordtorwald zu patrouillieren, bis hin zum Fluss im Osten und der Stadtgrenze im Süden. Denn nach der Schlacht an der Verheerten Küste und den folgenden Gefechten mit Graumähne und seinen Gilneern war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Waffenstillstand offiziell vorbei war und es abermals zum Krieg kommen würde. Die Verlassenen hatten in Gilneas gewütet und gemordet und Sylvanas Windläufer war sich sicher, dass der erste Schlag gegen die Horde den Verlassenen gelten würde. "Warum musst du immer meckern?" konterte Elias Gordon, der das Schlusslicht des Trupps aus acht Verlassenen bildete. "Schnauze halten", forderte der Truppführer, ein wuchtiger Untoter, den man nur als den Großen Harald kannte. "Man hat euch wieder zusammen gesetzt - zwingt mich nicht, euch wieder zu erlegen!" Harald war über zwei Meter groß und hatte Arme wie Baumstämme. Sämtliche Mitglieder des Trupps rätselten, ob er nicht vielleicht Teile eines Tauren oder einer Monstrosität abbekommen hat, als man ihn wieder belebte. Doch zumindest war er stark und fähig, weshalb er auch der Anführer war. Nur manchmal hatte er es schwer, die Truppe zur Konzentration zu bewegen, denn die letzten - gefühlten tausend - Tage ohne Zwischenfall waren allesamt gähnend langweilig gewesen. Doch das konnte sich jederzeit ändern. Der große Harald wusste das und er erinnerte seine Leute immer wieder daran. "Seht euch nach Spuren um", forderte er, als sie eine Lichtung erreicht hatten. "Der Boden ist meistens matschig und Worgen hinterlassen deutliche Spuren." Bob Evans, einer der 'Flicker' entfernte sich einige Meter, wobei seine Stiefel im Morast klebten und bei jedem Schritt schmatzende Geräusche verursachten. "Meistens matschig", äffte er Harald leise nach. "Meistens!" Ein Geräusch in den nahen Büschen ließ den Untoten inne halten und sein Gewehr heben. Einen Moment lang lauschte er gespannt, doch das Rauschen des nahen Flusses machte es Schwierig, einzelne Geräusche und ihre Herkunft zuzuordnen. Vorsichtig trat er näher an die Büsche heran. Dann schlug eine rotbraune Pranke auch schon den Gewehrlauf beiseite, während eine Klaue nach vorne sauste und Bobs Unterkiefer packte, um ihn einfach aus dem Gesicht zu reißen. Unfähig, eine Warnung zu brüllen, wandte sich Bob herum. Doch da wurde er auch schon von starken, pelzigen Armen in die Büsche gezogen und das letzte, was er fühlte waren Pranken, die seinen Kopf packten und einen merkwürdigen Schmerz am Hals, ehe die Welt für ihn dunkel wurde - endgültig.

"Bob ist weg!", bemerkte Giftmischer Daniel Lockhart und zückte eine Seuchengranate vom Gürtel. "In alle Richtungen absichern!" brüllte der große Harald und die verbliebenen sieben Untoten ordneten sich in einer Sternformation an, richteten ihre Gewehre in alle Himmelsrichtungen. Der große Harald bildete das Zentrum und sah sich alarmiert um. "Bobby?", brüllte er. "Melde dich! Wenn das ein Scherz ist, reiß ich dir Arme und Beine ab und näh sie verkehrt herum wieder dran!" Doch Bob Evans antwortete nicht. Dann plötzlich ertönte lautes Heulen aus Richtung des Flusses. "Worgen", stellte Scharfschütze Paul Dravis fest und legte sein Gewehr an. Abermals raschelten die Büsche, irgendwo aus östlicher Richtung. "Was du nicht sagst?", murrte Bufford Blau, ein neu erweckter Flicker aus dem Schlingendorntal, der Teil einer Piratenbande war, die so dämlich war, an Lordaerons Küste an zu legen. "Fresse halten!" donnerte der große Harald. "Feuerbereitschaft! Wenn die Ärger wollen, lasst sie doch kommen!" Und da sauste auch schon etwas großes aus den Büschen. Mehrere der Schützen rissen die Gewehre herum und feuerten. Doch was da durchlöchert vor ihren Füßen landete war nur Bobs verdrehter Körper, dessen Kopf verdächtigerweise abwesend war. "Scheiße!" fluchte Paul Lawrence, der zweite Giftmischer der Truppe. Panisch warf er seine Seuchengranate in die Büsche. Sie explodierte und eine giftgrüne Wolke breitete sich aus, die die nahen Büsche und Bäume direkt entlaubte, jedoch keinen lauernden Feind offenbarte oder gar eliminierte. Einen kurzen Moment waren all ihre gelb leuchtenden Augen auf die sterbenden Büsche gerichtet und eben diese Sekunde nutze der Angreifer. Einer der Worgen sprang aus einem Busch im Norden, preschte mitten in die Reihen der Untoten und ehe diese ihre Gewehre neu ausrichten konnten, da rissen die braun bepelzte Bestie auch schon einen von Buffords Armen ab, schlug ihn damit gegen den Kopf und schnellte mit dem zähnestarrenden Kiefer vor, um den Schädel des Flickers mit einem ekelhaften Knacken aufzubrechen. "Die dunkle Fürstin schütze uns!" jammerte Josh Dravis und hätte er noch einen Penis und eine funktionierende Blase gehabt, hätte er sich wohl eingenässt. So aber richtete er sein Gewehr auf den Worgen und feuerte. Doch die pelzige Bestie sprang einfach davon, um wieder in den Büschen zu verschwinden. Die Kugel streifte den Großen Harald an der Schulter und während die Formation auseinander brach war er es, der versuchte, die Disziplin aufrecht zu halten. "Formation halten, ihr Maden! Macht sie nieder!" Er selbst richtete das Gewehr auf die Büsche und abermals flog ihm etwas vor die Füße. Diesmal war es Bobs Kopf, dessen Unterkiefer fehlte und die Zunge spöttisch ausgestreckt im Matsch landete. In einem Gebüsch westlich des Trupps regte sich etwas und kurz sahen sie blau leuchtende Augen und schwarzes Fell. Panisch warf Daniel Lockhart eine Seuchengranate, doch der Worgen war längst nicht mehr an Ort und Stelle, sondern eilte in einem Bogen herum und preschte wie ein Berserker auf allen Vieren in die Truppe. Wie der Worgen zuvor setzte er auf schnelle, präzise Angriffe. Josh Dravis die halbe Gesichtshälfte durch einen Klauenhieb, der den blanken Knochen freilegte. Diesmal aber schossen zwei weitere Worgen aus den Büschen und in den Trupp hinein.

Einer, der erste Angreifer mit dem rotbraunen Fell, packte Paul Lawrence mit beiden Armen, hob ihn hoch und schleuderte ihn davon. Der Giftmischer landete hart auf dem felsigen Bogen und schrie panisch auf, als eine seiner Seuchengranaten losging und ihn mit grünem Nebel einhüllte. Gellende Schreie wurden höher und höher, ehe sie in einem grässlichen Gurgeln vergingen. Als sich der Seuchennebel verflüchtigte sah man nur noch die Ausrüstung des Giftmischers, in einer leuchtend grünen Pfütze. Eine Worgin mit grauem Fell landete zwischen Robard und Elias und schwang die Pranken, um Gewehre von sich fern zu halten. Doch die Untoten reagierten rasch auf den Angriff und zogen ihre Klingen. Der Worgen mit dem schwarzen Fell packte Elias Gordon von hinten am Kopf, stemmte ihm ein Bein in den Rücken und riss ihm einfach den Kopf ab. Robert Barnes stach mit der Klinge nach dem Worgen und erwischte ihn an der Seite. Das lederne Oberteil riss auf und der Worgen riss es sich gänzlich vom Leib, erhüllte dabei etliche Narben und einen weißen Flecken Fell auf dem Rücken. Mit glühenden, blauen Augen funkelte er den Untoten an, doch die Worgin fiel eben diesem direkt in den Rücken, warf ihn um und riss ihm erst einen Arm ab, dann den anderen, ehe der Kopf folgte. Daniel Lockhart zückte eine weitere Seuchengranate, um sie dem Worgen mit dem rotbraunen Fell aus nächster Nähe entgegen zu schleudern. Doch dieser packte die Hand des Untoten, riss ihn von den Füßen und als er den Giftmischer mit der Granate weg schleudern wollte, da kassierte er einen Schwerthieb vom Großen Harald, der seinen Rücken aufschlitze und ihn jaulen ließ. Die Seuchengranate ging nun doch hoch und sowohl Lockhart als auch der Worgen verschwanden in einer grünen Wolke, während Harald rasch auf Distanz ging und das Schwert nach dem schwarzen Worgen schwang. Unweit davon riss die Worgin dem armen Josh Dravis auch die andere Gesichtshälfte ab. Der große Harald und der Worgen indes lieferten sich einen wilden Schlagabtausch, der ein Ende fand, als der Worgen die Schwerthand des bulligen Untoten zwischen die Kiefer bekam und einfach abbiss. Dann packte er Harald am Torso, hob ihn hoch und riss den entsetzen, überrumpelten Untoten in einem Regen aus fauligen Innereien einfach auseinander. Der ganze Kampf hatte nur wenige Sekunden gedauert und was blieb war der faulige Gestank untoter Körper und der prasselnde Regen, der die Spuren des Kampfes fort spülte. "Was nun, James?" grollte die Worgin, mit Blick auf ihren toten Kameraden, der halb zerfressen in einer Seuchenpflütze lag. "Wir ziehen uns zurück. Für heute."

Fjölni

Zufrieden betrachtete Zwielichtprophet Eliphas die versammelten Kultisten, die sich heute Nacht zusammen gefunden hatten, um seinen Worten zu lauschen. Der Prophet war bereits seit vielen, vielen Jahren dem Schattenhammer verschrieben. Seit seine Träume begonnen hatten, ihm den Weg zu weisen, vor so vielen Jahren. Einst war er ein unbedeutender Priesterlehrling in der Nordhainabtei gewesen. Nun, so viele Jahre später, war er zu einem Meister geworden. Er war es, der Befehle gab. Er war es, der als Bote der großen Götter fungierte und deren Pläne weiter gab, dafür sorgte, dass sie umgesetzt wurden. Der Schattenhammer hatte Todesschwinges Ende überstanden. Und obwohl hunderttausende von Kultisten ausgelöscht worden waren und ihre Anzahl auf wenige tausend Kultisten gesunken war, hatte der Kult überlebt. Und er würde sich wieder erheben! Stolz erfüllte den Propheten, als sich mehr und mehr Kultisten in den alten Ruinen an der Nordküste des Schattenhochlands einfanden. Der Tod von Neltharion war ein unglaublicher Rückschlag gewesen. Doch der Schattenhammer war nicht restlos vernichtet worden. Er war im Untergrund erneut gewachsen und bald, bald würden die Götter sich der Welt bemächtigen. Und er, so schwor sich Eliphas, würde dabei eine entscheidende Rolle spielen. Schon immer hatte der Schattenhammer unterwandert, im Verborgenen agiert. Überall gab es Gruppierungen und besonders die Invasion der Brennenden Legion hatte dem Schattenhammer in die Hand gespielt: Allianz und Horde waren geschwächt und laut Gerüchten stand ein erneuter Krieg zwischen beiden Fraktionen unmittelbar bevor. Und spätestens das Auftauchen von Argus am Himmel hatte gezeigt, wie zerbrechlich diese Welt doch war. Wie flüchtig die Lüge vom Frieden war. Ängstlich hatten sich mehr und mehr Leute vom Licht abgewandt und sich dem Schattenhammer verschrieben. Es war egal, dass die Legion versagt hatte und besiegt worden war. Letzten Endes hatte sie unwissentlich die Pläne der Götter voran getrieben. Azeroth war geschwächt und bald war es Zeit, zuzuschlagen. Der Zwielichtprophet steuerte einen provisorischen, steinernen Altar an, direkt an den Klippen zum Verbotenen Meer. Einst war hier eine Zwergensiedlung gewesen, doch das Weltenbeben hatte die Siedlung zerstört und weite Teile ins Meer fallen lassen. Der Altar war einst ein steinernes Gebäude gewesen. Ein aus Stein gemeißelter Greifenkopf war kaum noch zu erkennen und sah nunmehr wie die Fratze eines Ungeheuers aus. Der Prophet erklomm einen Mauerrest und kletterte mühsam auf den Altar. Die Last der Jahre wog schwer auf seinen dürren Schultern, doch es war ihm egal. Die Götter würden ihn für seinen Eifer belohnen. Und so blickte er über die zahlreichen Kultisten und atmete tief ein, bevor er die Stimme erhob: "Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt!"

Die Kultisten wiederholten die Worte wie aus einer Kehle, doch anders als der Prophet brüllten sie nicht, sondern wisperten die Worte, bevor sie allesamt in gespanntes Schweigen verfielen. Es war eine dunkle, wolkenverhangene Nacht und weder Monde noch Sterne waren zu sehen. Man hatte zahlreiche Fackeln um die Ruinen herum in die verbrannte Erde gesteckt, um den Kultisten den Weg zu weisen und die Ruinen etwas zu beleuchten. Diese lagen abgelegen und abgeschottet, so dass der Kult hier seine Ruhe hatte. Im Osten lag ein gigantischer Krater, in dem einst eine gigantische Kreatur der Schatten gehaust hatte. Doch der Schlund des Wahnsinns war schon vor Jahren von der Allianz gesprengt worden. Im Süden lagen verbrannte Ruinen und lediglich ein Ogerhort stellte eine potentielle Gefahr dar. Der Drachenmalklan war stark geschwächt - tatsächlich hatten sich etliche Orcs dem Schattenhammer angeschlossen, nach der Niederlage von Kriegsfürstin Zaela. Bald würde sich der Schattenhammer nicht mehr verstecken müssen, sondern wie eine schwarze Flut über das Land fegen. Es würde nicht mehr lange dauern, die Götter hatten es ihm geflüstert, in seinen Träumen. Abermals ließ er den Blick über die Kultisten wandern. Da waren Orcs, Elfen, Gnome und sogar ein gigantischer, verhüllter Tauren. Er gönnte sich ein Grinsen und neigte andächtig das Haupt. "Die großen Götter sind zufrieden. Unsere Zahl wächst stetig und damit auch unsere Macht. Bald schön können wir zuschlagen. Bald schon wird dieses Land in unsere Hände fallen. Im Laufe des Abends werden wir erste Einzelheiten besprechen. Doch davor... bin ich durstig! Und die Götter sind es auch!" Die Menge johlte und teilte sich, als zwei seiner Diener ein junges Mädchen zwischen den Ruinen hervor holten. Sie war bewusstlos, wehrte sich nicht und so war es ein leichtes, sie zum Alter zu bringen vor den Füßen des Zwielichtpropheten nieder zu legen. Dieser zückte einen Ritualdolch und starrte triumphierend auf das junge Ding hinab. Die Menge lauschte und beobachtete, gespannt. Bis sich plötzlich eine Hand hob. "Warte mal" hallte eine Stimme über die Menge bis hin zum Altar. Verärgert blickte Eliphas nach unten. "WAS?" donnerte er verärgert. "SPRECH!" Eine kleine, verhüllte Gestalt winkte aufmerksamkeitssuchend und wog nachdenklich den von einer Kapuze verhüllten Kopf. "Also... Ich hab ja eine bessere Idee, du. Wie wäre es, wenn du es bist, der jetzt direkt den Löffel abgibt? Und ich mal so richtig den Spielverderber spiele?" Der Zwerg nahm seine Kapuze ab, enthüllte eisblaue Augen, weiße Haare und ein von weißem Bart umrandetes Grinsen. Dann, mit einer vagen Handbewegung des Zwergen, fegte ein Windstoß dem Zwielichtpropheten den Dolch aus der Hand. "Packt ihn! Packt ihn!" kreischte Eliphas überrascht auf. Und da regte sich der bullige Tauren unweit des Zwergen. Die Robe rutschte vom massigen Leib und enthüllte einen gigantischen, steinernden Erdelementar, der seine grobe Form geschickt versteckt hatte. Mit einer donnernden Faust schlug er um sich und Panik brach aus. Eliphas sah sich hektisch um und sah, wie Elfen, Tauren, Orcs und Zwerge aus den Schatten jenseits der Ruinen traten. Der Irdene Ring! Der Schattenhammer war unterwandert worden! Jemand hatte die großen Infiltratoren infiltriert! "Nein, nein nein!" jaulte er und versuchte, einen Zauber zu weben. Doch da sauste auch schon ein weißer Kettenblitz aus den Fingern des Zwerges, durch die Leiber der nahestehenden Kultisten und das Letzte, was der Zwielichtprophet sah war, wie ihn eine weiße Blitzlanze von den Füßen riss, über die Klippe schleuderte und das dunkle, verbotene Meer immer näher kam, um ihn zu verschlingen. Die großen Götter hatten ihn angelogen!


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 Betreff des Beitrags: Re: Alltag
BeitragVerfasst: 23. Sep 2018, 01:56 
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James

Der König hatte sich für einen Angriff in den frühen Morgenstunden entschieden. Untote brauchten keinen Schlaf, brauchten keine Ruhe oder Verpflegung und es hieß, dass sie auch im Dunkeln bestens sehen konnten. Es galt, den Tag zu nutzen. Dieser kündigte sich nun als schwacher, heller Schimmer am östlichen Horizont an. Die Flotte der Allianz hatte sich an der Nordküste von Tirisfal versammelt, nachdem sie die Westküste umsegelt hatte. Und natürlich wurde die Allianz bereits erwartet. Sylvanas Windläufer hatte zu Recht mit einer Vergeltung für die Vernichtung von Teldrassil gerechnet – und sich entsprechend vorbereitet. Kundschafter auf gigantischen Fledermäusen hatten die Flotte immer wieder aus der Ferne beobachtet, waren aber nie zu nah heran geflogen. James Barker hatte die Fledermäuse stets sorgsam im Auge behalten – zu gut konnte er sich an die Angriffe mit Seuchenbomben erinnern, damals, beim Kampf um Gilneas. Doch die Untoten hielten sich zurück, behielten die Allianztruppen lediglich im Auge. Und als die Flotte schließlich im Norden des Landes vor Anker ging, schwand jeder Zweifel daran, dass man bereits erwartet wurde. An der Küste waren große, metallene Panzersperren verteilt worden, die von den Offizieren an Bord schnell den Spitznamen Tirisfaligel bekommen hatten. Sie würden das Vordringen von Dampfpanzern erschweren. Zwischen den Bäumen huschten Schatten hin und her und über dem dichten Wald, da war ein kränklicher, grüner Schimmer zu sehen. Der Anblick erinnerte James an den Chaosmond, wie er sich über der Wüste von Silithus aufgetan hatte. Argus hatte ein ähnlich ekelhaftes Leuchten gehabt, solange er am Himmel hing. Der Gedanke riss James zurück nach Kalimdor, beschwor Erinnerungen herauf, die James lieber hätte vergraben gesehen. Erinnerungen an die Kämpfe mit den Silithiden, mit den verrückten Elfen und den Kultisten. So viele Monate waren vergangen, seit er Silithus überstanden hatte. Und seit den Dämmersturm hinter sich gelassen hatte. Doch irgendwie waren die Dinge anders gelaufen, als James es sich immer vorgestellt hatte. Irgendwie hatte sein Weg ihn doch zurück zum Militär geführt. Und nun sogar mitten ins Herz des Untodes. Das Donnern von Kanonen riss den Gilneer aus seinen Gedanken. Die Schiffe eröffneten das Feuer auf den nördlichen Wald. Die Küstenlinie und die Bäume dahinter verschwanden in Rauch und Feuer und James hielt sich die Ohren zu, während Salve um Salve abgefeuert wurde. Panzersperren wurden einfach beiseite gefegt und der dichte Wald wurde wie von einer gigantischen Faust zerschmettert. James war sich nicht sicher, wie viele Bogenschützen der Verlassenen im Bombardement vernichtet wurden, doch zumindest schuf sich die Allianz eine breite Bresche, durch die sie tiefer ins Land vordringen konnten. Kaum ebbte das Krachen der Kanonen ab, wurden die Landeboote zu Wasser gelassen und James meldete sich bei seinem Vorgesetzten, denn er wollte dabei sein, wenn die Küste gesichert wurde und Lebende zum ersten Mal seit so vielen Jahren ihre Stiefel auf untoten Boden setzen würden. Der Staub vom Kanonenbeschuss hatte sich noch nicht einmal gelegt, da bewegten sich unzählige Ruderboote und Transportschiffe voller Dampfpanzer auf die Küste zu. Und obwohl James die fliegenden Festungen vermisste, die vom Himmel aus den Feind unter Beschuss nahmen, sah er nun ein anderes, technologisches Meisterwerk erstmals in Aktion: Die Allianz hatte gigantische rollende Türme entwickelt, einige mit gigantischen Kanonen, die anderen hoch genug, um Festungsmauern zu erobern. James sah zahlreiche Nachtelfen in den Booten oder auf Greifen in den Kampf fliegen. Die Nachtelfen waren erpicht darauf, sich für den Verlust ihrer Heimat zu revanchieren und James konnte es ihnen nicht verübeln. Er wusste genau, wie sie sich fühlten.

Das Ruderboot wurde im harten Seegang hin und her geworfen. Ein begann zu regnen und ein kalter Wind wehte vom Meer her heran. James sah sich im Boot um und sah zitternde Hände, klappernde Zähne und fahle Gesichter. Er musste sich nicht in seine Fluchgestalt verwandeln, um die Angst riechen zu können. Er selber gönnte sich einen Schluck aus seiner Feldflasche und stellte zu seinem Erschrecken fest, wie ruhig er selber eigentlich war. Kein Herzklopfen. Keine Todesangst. Angespannt war er, ja. Aber er fürchtete sich nicht. Natürlich wollte er nicht sterben, doch abgesehen davon waren ihm sämtliche lähmenden Gefühlsregungen fern. Silithus musste das alles aus ihm heraus gebrannt haben, kam ihm in den Sinn. Abermals in Gedanken versunken griff er sich an die rechte Schulter und kratzte sich dort, wo ihn damals, vor den Toren der Ruinenstadt, ein grässlicher, unheiliger Zauber nieder gestreckt hatte. Beim Sieg über den Leviathan war er bewusstlos gewesen. Man hatte ihn durch die gesamte Ruinenstadt geschleppt und erst nach dem Sieg, auf dem Heimweg, hatte er erfahren, was eigentlich passiert war. Noch immer war die Stelle, wo der Zauber ihn erwischt hatte, kalkweiss. Auch das Fell seiner Fluchgestalt war an dieser Stelle weiß wie Schnee. Eine ständige Erinnerung an den Büßerfeldzug des Dämmersturms. Und an all das, was er verloren hatte. James atmete tief durch, schluckte dem kalten Klumpen in seiner Kehle hinunter und überprüfte den Verschluss seines Repetiergewehres, damit kein Wasser oder Sand an die Waffe kommen konnte. Er sah Rekruten zittern und hörte vereinzelte Gebete an das Licht. Dann begann der Gegenangriff der Verlassenen. Fledermausreiter tauchten am Himmel auf und warfen Giftgasgranaten auf die Landungsboote. Die Soldaten in den Booten reagierten sofort mit Beschuss und von den Allianzschiffen stiegen unzählige Flugmaschinen auf, um den Fledermausreitern in einer wilden Luftschlacht zu begegnen, bevor sie den Landungstruppen und der Flotte selbst gefährlich werden konnte. Irgendwo links von sich sah James ein ganzen Ruderboot kentern, weil die Männer von ätzendem Gas erwischt worden waren. Zu seiner rechten stellte ein Gnom ein wuchtiges Maschinengewehr am Bug seines Landungsbootes auf und eröffnete irre lachend das Feuer und ließ zahlreiche Fledermäuse in blutigen Nebel zerplatzen. Langsam legte sich der Rauch an der Küste und sichtbar wurde ein verwüsteter Wald, dessen verbrannte Bäume wie abgeknickte Streichhölzer aus der Asche ragten. Dahinter drohte immer noch der giftgrüne Schimmer und die Ungewissheit des kommenden Krieges. Die ersten Boote erreichten das Land und Soldaten sprangen in die eiskalte Brandung und stürmten gen Süden. Auch James warf sich ins Getümmel und kaum hatte er sicheren Boden unter den Füßen riss er den schützenden Verschluss von seinem Gewehr und sah sich um, während Offiziere Befehle bellten. Irgendwo am Himmel explodierte ein Gyrokopter, woanders klatschte eine Fledermaus auf den Stand, wo ihr untoter Reiter mit einem Kopfschuss nieder gestreckt wurde. Die Allianz hatte mit ihrem Beschuss eine breite Schneise geschlagen, die bereit war, erobert zu werden. Doch nun, da die ersten Truppen an Land waren, drängte sich ihnen untoter Widerstand entgegen – im sicheren Wissen, dass die Kanonen nicht mehr feuern konnten, ohne eigene Truppen zu gefährden. Pfeile flogen ihnen entgegen und James ging hinter einer Panzerspeere in Deckung. Seuchenkatapulte schleuderten giftig glühende Geschosse auf den Strand. Irgendwo im Wasser wurde ein Landungsschiff getroffen und ein gigantischer, rollender Turm versank harmlos in den Fluten, während die Besatzung ins Wasser sprang und zur Küste schwamm.

Die Untoten wollten ihnen keinen einzigen Meter leichtfertig überlassen und zumindest darin konnte James sie verstehen – er und die Befreiungsfront hatten es genau so gemacht. Bis zum bitteren Ende gekämpft. Der Gilneer legte sein Gewehr an, zielte vorsichtig und bettete den Lauf des Repetiergewehres auf der linken Faust, bevor er die Besatzung eines Seuchenkatapultes unter Beschuss nahm. Hinter den abgeknickten Baumstämmen waren die Untoten in Deckung gegangen und James wusste, wie flink die Bogenschützen der Verlassenen waren. Doch die Allianz war ihnen überlegen. Sie hatten geballte Feuerkraft mitgebracht und vermutlich waren sie auch zahlenmäßig überlegen. Doch James kannte die fiesen Tricks der Verlassenen. So sicher war der Sieg keinesfalls und die Untoten würden dafür sorgen, ihr Land bis zum Schluss zu halten. Und so behielt James vor allem den Himmel im Auge, aus Sorge, dass die Verlassenen die Seuche auf sie alle herab regnen ließen. Doch nichts dergleichen geschah. Die Fledermausreiter waren arg dezimiert worden und die Flugmaschinen hatten den Himmel gesichert. Die ersten Dampfpanzer und rollenden Festungen erreichten den Strand und die Allianztruppen fächerten aus, um ein möglichst breites Areal unter Kontrolle zu bringen. Ein Brückenkopf wurde angelegt und die Allianz begann bereits, Munition, Nahrungsmittel und Medizinische Güter an den Strand zu bringen. Als die nahen Seuchenkatapulte unschädlich gemacht waren und keine unmittelbare Gefahr mehr drohte, stürmten die Soldaten direkt weiter gen Süden und James erhob sich aus seiner Deckung und schloss sich ihnen an, während er sein Gewehr nachlud. Kurz fiel sein Blick auf Genn Graumähne, der umgeben von seiner Garde im Zentrum der Offensive war und diese koordinierte. Befehle wurden gebrüllt und während die Nachtelfen die westliche Flanke übernahm, sollten die Truppen aus Gilneas die östliche Flanke halten. Langsam rückte man weiter gen Süden vor, während am Strand mehr und mehr Boote anlegten. Doch es sollte nur eine kurze Verschnaufpause werden, denn dann eröffneten die gigantischen, rollenden Türme ihr Feuer, um die Schneise der Verwüstung tiefer ins Land zu treiben. Auch weiter im Süden gelegene Waldstücke wurden in Brand gesetzt und von Kanonen einfach weg gesprengt. Ein Hauptmann in seiner Fluchgestalt führte die Truppen aus Gilneas tiefer in den verwüsteten Wald, bis sie einen See erreichten, dessen Ufer die östliche Grenze der so genannten Löwenschneise markierte. Zwischen den Bäumen flogen ihnen Pfeile entgegen und rasch gingen auch die Gilneer in Deckung. James warf sich auf den Boden, der immer noch warm von der abgeklungenen Feuersbrust war. Irgendwo neben ihm ging eine Gilneerin mit zwei Pfeilen im Bauch zu Boden. Woanders wurde ein stämmiger Worgen einfach gefällt, da sich ihm ein Pfeil in den Schädel gegraben hatte. James legte sein Gewehr an und erwiderte das Feuer, musste kurz an unzählige Diskussionen mit Finnje denken, wo es darum ging, ob Bögen oder Schusswaffen letztendlich besser waren. Er gönnte sich ein Grinsen, als die leuchtenden Augen eines Verlassenen erlischten, nachdem er ihm den unter einer Kettenhaube verborgenen Schädel weg geschossen hatte. Stabgranaten flogen nach vorne und Giftgasgranaten flogen zurück und James wagte einen Ausfall, winkte einige Soldaten mit sich. Er hielt sich nah am Seeufer, wo er sich geduckt vorwärts bewegte und einem kleinen Verband von Verlassenen schließlich in die Flanke fiel. Mit wenigen, gezielten Schüssen war der Widerstand auf einem verbrannten Hügel schließlich gebrochen und die Gilneer rückten weiter vor. Irgendwo südlich von ihnen, so wusste James vom Kartenmaterial her, lag Brill. Das vermutlich größte Widerstandsnest der Verlassenen auf dem Weg nach Lordaeronstadt.

"Gute Arbeit, Barker", lobte der Hauptmann den Ausfall von James, ehe sich die blau leuchtenden Augen seiner Fluchgestalt entsetzt weiteten. Aus dem trüben Wasser des Blendwassersees erhoben sich unzählige Verlassene und drängten mit erhobenen Schwertern, Äxten und Hellebarden auf sie zu. Nur kurz konnten die Gilneer die soeben eroberte Anhöhe zu ihrem Vorteil nutzen, als ihr Beschuss so manchen Untoten endgültig ins Jenseits schickte, dann aber waren Gewehre leer geschossen und die Untoten erreichten die Gilneer im Nahkampf. Der Hauptmann wurde von unzähligen, schartigen Klingen zurück getrieben und während jene in der Fluchgestalt sich mühelos zur Wehr setzen konnten, gerieten die übrigen ziemlich in Bedrängnis. So auch James, der sein Gewehr los ließ und es sich – am Gurt hängend – auf den Rücken schwang. Ein großer, gepanzerter Krieger hatte es auf ihn abgesehen. Gelb leuchtende Augen funkelten im gehörnten Helm einer schwarzen Rüstung und der Untote schwang ein großes Beil nach James, der sich wieder und wieder nur knapp außer Reichweite retten konnte. Nein, bewaffneter Nahkampf hatte ihm nie sonderlich gelegen. Daran würde sich auch vermutlich nichts mehr ändern. Sorgsam studierte er die Bewegungen des Untoten, während um ihn herum ein wilder Kampf tobte. Gilneer wurden abgeschlachtet und Untote wurden in Stücke gerissen. Irgendwo riss ein Worgen einem Untoten den Kopf von den Schultern, woanders schlitzte ein Untoter einem Worgen den Bauch auf und riss ihm mit einem Widerhaken an der Klinge die Eingeweide heraus. Doch für James gab es nur diesen einen Untoten, der ihm das Leben nehmen wollte. Nach einem mächtigen Schwinger der Axt aber sprang James an den Untoten heran und donnerte ihm die Faust mehrmals ins Gesicht. Doch dem Untoten war es egal, ob seine Nase brach oder Zähne davon flogen. Vermutlich spürte er den Schmerz nicht einmal. Er konterte, indem er James den behelmten Schädel an die Stirn schmetterte und mit einer blutenden Platzwunde am Kopf und Sternen vor den Augen ging James zu Boden. Mit einem heiseren Lachen stellte der Untote ihm einen Stiefel auf den Bauch und hob seine Axt. Nun aber reagierte James und verwandelte sich in seine Fluchgestalt. Sein Körper bebte, als sich Muskeln vergrößerten und Fleisch und Knochen ihre Form änderten. Immer wieder war es eine Qual, sich zu verwandeln und vor Schmerzen brüllte James laut auf, doch noch während die Axt auf ihn nieder sauste, packte er das Bein des Untoten und schleuderte ihn fort von sich. Nun war es der Untote, der im Dreck landete, sich jedoch zeitgleich mit James wieder erhob. Und so umkreisten sie einander, beide mit unheilvoll glühenden Augen. Der Untote mit erhobener Axt und James mit messerscharfen Klauen und gefletschten Zähnen. Dann griff der Untote an. Mit raschen Schritten erreichte er James und ließ die Axt seitlich schwingen. James aber sprang über diese hinweg, machte einen Salto und packte dabei die Schulterpanzerung des Untoten, grub seine Klauen unter das Metall und bekam den Verlassenen somit zu fassen – und schleuderte ihn nach der Landung über sich hinweg, gegen einen ausgebrannten, abgeknickten Baum. Die Rüstung schepperte gewaltig und die Axt landete in der Asche. Und der Untote klatschte unweit in den Boden, rührte sich nur noch schwach, da der Körper innerhalb der Rüstung zerschmettert war. Gebrochen. James trat näher und riss sich dabei die aufgeplatzten Stiefel von den Füßen und trat auf den Helm, bis er wie eine Konservendose nachgab und Hirnmasse aus der Helmöffnung spritzte. Dann warf er sich wieder ins Getümmel, um den Kameraden zu helfen.

***


Meritia

"Der feige Angriff der Horde auf Teldrassil hat uns in den Krieg gestürzt..." König Genn Graumähne hatte seine Fluchgestalt angenommen und stand auf einem der zahlreichen Hügel, die das Bombardement der Allianz in der Landschaft von Tirisfal hinterlassen hatte. Wo vorher ein dichter Wald gewesen war ragten nun zersplitterte, ausgebrannte Bäume aus der verwüsteten Landschaft. Die Allianz war nicht zimperlich gewesen, bei ihrem Angriff auf Tirisfal. Dampfpanzer und fahrende Belagerungstürme hatten eine breite Schneise in das Land geschossen und von der Küste bis nach Brill alles vernichtet, was im Weg stand. Meritia Mallea war als Teil der zweiten Angriffswelle eingetroffen, gemeinsam mit zahlreichen anderen Soldaten, Zwergen, Gilneern, Nachtelfen und Überlebenden aus Lordaeron, die darauf aus waren, ihre alte Heimat zu befreien. "...und zeigt uns, was wirklich auf dem Spiel steht." Genn Graumähne hatte die erste Angriffswelle angeführt, war immer mitten im Geschehen gewesen, an vorderster Front. Er hatte den ersten Widerstand an der Küste hinweg gefegt, damit die Allianz einen ersten Brückenkopf errichten konnte, um weiter in den Süden von Tirisfal vor zu dringen. Zahlreich waren die Verluste gewesen. Und doch brannte jeder Soldat der Allianz darauf, es den Untoten heim zu zahlen. Die Geißel hatte Lordaeron verwüstet und war von den Verlassenen ersetzt worden. Die Verlassenen hatten Gilneas verwüstet und nun hatte die Horde auch den Nachtelfen ihre Heimat genommen. Verbissene Gesichter hatten Meritia im Landungsboot angestarrt. Da waren alternde Veteranen, verbissene Elfen und wütende Worgen. Und etliche junge Rekruten, halbe Kinder, die vor Angst in ihre Helme gekotzt hatten. Es hatte nach Erbrochenem, nach Salzwasser und Waffenöl gerochen. Und auch Meritia war mulmig zumute gewesen. Ihr Magen rebellierte und ihr Herz klopfte wie wild. Trotz all dem Training, trotz ihrer Fortschritte als Knappe der Silbernen Hand, war es immer wieder etwas anderes, tatsächlichen Kampfhandlungen beizuwohnen. Doch die Küste war bereits gesichert, als sie an Land ging. Keine Pfeile, die ihr knapp am Kopf vorbei schwirrten. Keine wilden Schwertkämpfe mit den Truppen der Verlassenen. Stattdessen hatte sich Meritia ein ganz anderes Bild offenbart, eine andere Seite des Krieges, fernab vom Schlachtgetümmel. Einst hatte ihr Vater sie mit in die Kathedrale von Sturmwind genommen, um ihr die Verwundeten zu zeigen. Er wollte ihr zeigen, was der Krieg tatsächlich anrichtete. Er wollte sie davon abhalten, Paladin werden zu wollen. Damals hatte es Meritia mitgenommen, aber nur in ihrem Entschluss bestärkt. Nun aber hatte sie den Wahnsinn des Krieges gesehen, ungefiltert. Sie hatte Soldaten gesehen, denen Gliedmaßen fehlten. Sie hatte grässliche Wunden erblickt, von Schwertern und Pfeilen und Granaten gleichermaßen verursacht. Sie hatte gesehen, was Giftgasgranaten mit einem Menschen anrichten konnten und sie hatte das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden gehört. Klagende Gebete ans Licht und wimmernde Rufe nach Müttern oder Ehefrauen. Meritia war keine fünf Minuten an Land gewesen, da hatte sie sich hinter einem Zelt auch schon die Seele aus dem Leib gespuckt und die Angst vor der Schlacht war einem betäubenden Entsetzen gewichen. Nun, Stunden später, hatte sich Meritias Magen wieder beruhigt, doch das Entsetzen war nicht so ganz gewichen.

Während Genn Graumähne sprach, blickte sich Meritia um. Sie standen in der Mitte von dem, was einmal Brill gewesen war. Die Heimat von ihrem Vater, ihrer verstorbenen Mutter und ihrem Onkel. Meritia hatte sich gewünscht, ihrem Vater etwas Gutes erzählen zu können. Sie hatte sich gewünscht, ihrem Vater sagen zu können, dass er seine Heimat wieder sehen konnte. Doch er würde seine Heimat vermutlich nicht mehr erkennen. Oft hatte er ihr von den Tagen seiner Kindheit erzählt, als er mit seinem Bruder im Wald spielte oder irgendwelchen Unsinn angestellt hatte. Doch soweit Meritia nun sehen konnte, war der Wald verbrannt und verwüstet. Brill, so wie ihr Vater die Stadt einst gekannt hatte, hatte schon vor dem Angriff der Allianz nicht mehr existiert. Die Untoten hatten groteske, schwarze Gebäude errichtet und eine Mauer drum herum gezogen. All das war von der Allianz einfach hinweg gefegt worden. Nur noch Reste waren von der Mauer geblieben. Nur noch Trümmerhaufen verrieten, wo einmal Gebäude gewesen waren. Eine Statue von Sylvanas Windläufer war oberhalb der Taille in Stücke geschossen worden. Der nahe, gigantische Friedhof war ein Meer aus Grabsteinen inmitten von Asche und Allianzbanner wehten auf ausgebrannten Hügeln, während südlich, bei Lordaeronstadt, immer noch geschossen und gekämpft wurde. Nein, die Heimat ihrer Eltern war nicht mehr so wie damals, soviel stand fest. Und Meritia selbst erkannte, wie distanziert sie selber gegenüber diesem ausgebrannten, verwüsteten Land war. Es war nicht ihre Heimat. Sie war eigentlich nur hier, um für die Heimat ihres Vaters zu kämpfen. Stolz wollte sie ihm erklären, für ihn alleine gekämpft zu haben. Einen Beitrag zur Befreiung geleistet zu haben. Sie war eine Närrin gewesen. Meritia blickte zum einzigen bekannten Gesicht in der Ansammlung aus Soldaten. Ihr Lehrmeister war nicht begeistert gewesen, als Meritia erstmals davon gesprochen hatte, um Lordaeron kämpfen zu wollen. Tatsächlich hatte Ragnari Heldenhammer alles getan, um Meritia davon abzubringen. Doch sie war fort gelaufen und natürlich war er ihr gefolgt. Am Liebsten hätte er sie noch im Hafen von Sturmwind zurück an Land gezerrt, doch als all das keinen Zweck hatte, hatte der Zwerg sie begleitet. Er hatte geschwiegen, als Meritia die Verwundeten gesehen und sich wieder und wieder übergeben hatte. Er hatte geschwiegen, als sie gen Süden marschierten und Meritia entsetzt war, über die Verwüstungen. Und der Zwergenpaladin schwieg auch jetzt, während der König von Gilneas seine Reden schwang. Ausführlich hatte der Zwerg ihr erläutert, wie er einen Großteil seiner Familie in all den Kriegen verloren hatte. Seine Mutter war im Zweiten Krieg gestorben, erschlagen von den Orcs. Sein Bruder – genau so ein Söldner wie Meritias Vater – hatte ebenso im Kampf sein Leben gelassen. Ragnari hatte nicht in diesen Krieg ziehen wollen. Er hatte daheim ein Weib und ein Kind und er hatte deutlich gemacht, dass er im Krieg zwischen Allianz und Horde eher neutral bleiben wollte, da er nicht daran glaubte, dass dieser Konflikt einen wirklichen Sieger haben konnte. Meritia hatte all seinen Worten nur halb zugehört, während sie an Bord eines der Schiffe gen Norden segelten. Nun aber wurde ihr schlagartig klar, wie dumm sie doch gewesen war. Und Ragnari zeigte Meritia nun die kalte Schulter, um ihr deutlich zu machen, dass sie die Suppe auslöffeln musste, die sie sich selber eingebrockt hatte.

Katapulte und Dampfpanzer waren in der ganzen Stadt verteilt, Zeltlager voller Verwundeter erhoben sich zwischen Munitionskisten und Karren voller Vorräte. Auf einem Hügel im Osten thronte einer der Belagerungstürme, dessen Spitze von einem Seuchengeschoss weg gesprengt worden war. Grimmige Gilneer lauschten den Worten ihres Königs und Meritia bemerkte auch einige Leerenelfen, die entsetzt auf die angerichtete Verwüstung starrten. "Was geschieht hier nur?" hörte sie eine Elfenmagierin flüstern, während ihr Tränen über das Gesicht rannen. "Es sieht aus wie in den Geisterlanden", kommentierte ein Bogenschütze mit langen, violetten Haaren. Und auch die Nachtelfen wirkten bar jeder Erhabenheit. Ihre Gesichter waren dreckig, blass und verbissen. Meritia hatte die Nachtelfen immer als majestätisch empfunden. Nun aber sah sie den Kummer und den Zorn in ihren sonst so ruhigen Gesichtern. Die Horde hatte so viele schreckliche Dinge getan. Der Überraschungsangriff auf Theramore. Die Vernichtung von Süderstade mittels der Seuche. Sie hatten Gilneas angegriffen und nun hatten sie Teldrassil nieder gebrannt. Krieg war selten eine faire, saubere Sache. Das zumindest wurde Meritia nun deutlich. Heldenhafte Kämpfe gab es nur in den Büchern. Die Wirklichkeit aber war dreckig, brutal und unfair. Ja, sie bereute es, in Sturmwind an Bord des Schiffes gegangen zu sein. Und doch machte es keinen Unterschied mehr. Sie konnte die Zeit nicht zurück drehen und sie würde trotz ihrer Angst nicht wanken und sich feige im Hintergrund halten. Die Horde hatte so viel Groll auf sich gezogen. Und ganz besonders die Bansheekönigin selbst. "Ihr Kriegshäuptling wollte nicht einfach eine Stadt einnahmen", sprach Graumähne weiter und blickte dabei über die versammelten Truppen. Hinter ihm ragten zahlreiche Belagerungstürme auf, rollten langsam gen Süden, der Front entgegen. "Sie wollte unsere Lebensweise zerstören! Und jegliche Hoffnung für kommende Generationen!" Der schneeweiße Worgen breitete die Pranken aus, machte eine allumfassende Handbewegung und deutete dabei nicht nur auf die Verwüstungen der vergangenen Offensive, sondern auch in die Ferne, zu den finsteren Wäldern unter dem grünen Seuchenschleier. "Um unsere Zukunft zu sichern, muss die Bansheekönigin gerichtet werden! Ihre dunkle Herrschaft endet heute!" Zahlreiche Soldaten johlten zustimmend und reckten ihre Klingen in die Luft. Meritia aber schwieg, ebenso wie ihr Lehrmeister. "Gemeinsam treiben wir ihren verderbten Kadaver aus diesem Land. Und lassen unsere Banner aufs Neue über Lordaeron wehen!" Donnernder Applaus schallte dem König von Gilneas entgegen. "Vorwärts! Holen wir uns die Bansheekönigin! Holen wir uns unser Land zurück! Holen wir uns den Sieg!" Die Menge löste sich auf. Unteroffiziere riefen ihre Truppen zu sich und Meritia konnte sehen, wie aus dem Norden, aus Richtung der Küste, weitere Truppen eintrafen. Darunter auch ein junger Mann, der in etwa ihr Alter haben musste. Anhand der prächtigen Rüstung und der Erzählungen, die sie gehört hatte, musste dies König Anduin Wrynn sein. Er war ein hübscher, junger Mann und Meritia konnte verstehen, warum all ihre Freundinnen in Sturmwind für ihn schwärmten. Gleichzeitig schien das alles so fern zu sein. Gemeinsam mit ihren Freundinnen wie dumme Gänse zu kichern schien ihr nunmehr so unvorstellbar zu sein wie ein normales Leben als Ehefrau und Mutter. Sie wandte den Blick vom jungen König ab und sah zu Ragnari, der ihr ernst zunickte, sie mit seinen eisblauen Augen musterte, ehe er sich abwandte, um zu den vorrückenden Truppen aufzuschließen. Meritia beeilte sich, um Schritt zu halten. Bisher hatten sie an keinen Kampfhandlungen teilgenommen, doch nun zog sich die Schlinge um Lordaeronstadt zunehmend enger.

Vor den Mauern von Lordaeronstadt tobte die Schlacht. Hier sah man erstmals, dass die Verlassenen ihren Krieg nicht alleine führte. Goblins steuerten mächtige Schredder mit rotierenden Klingen in den Kampf, Orcs suchten verbissen den ehrenhaften Zweikampf, während Panzer und Katapulte unweit der Stadtmauern Geschosse regnen ließen. Meritia konnte sehen, wie Druiden der Klaue sich in den Kampf mit Taurenschamanen warfen und wie rotgerüstete Paladine aus Silbermond den Allianztruppen entgegen stürmten. Sie sah den Schmerz in den Augen ihres Lehrmeisters. Ragnari hatte immer von Frieden geträumt. Von Einigkeit. Er war glücklich und stolz gewesen, als sich die Silberhand neu zusammen schloss und Horde und Allianz gemeinsam gegen die brennende Legion in den Krieg zog. Nun aber brachen frisch geschmiedete Bündnisse und sogar Mitglieder neutraler Gruppierungen gingen einstigen Kameraden an die Kehle. Paladine gegen Paladine, Druiden gegen Druiden und Schamanen gegen Schamanen. Ragnari war in den vergangenen Stunden schweigsam und ruhig geblieben, nun aber sah sie so deutlich den Kummer im Gesicht des Zwergen, dass es auch Meritia sehr traurig machte. Der Zwerg stürmte nach vorne, inmitten eine Gruppe Untoter und mit einer Handbewegung weihte er den Boden unter sich, ehe sein Kriegshammer aufleuchtete und von rechtschaffenem Zorn erfüllt Rüstungsteile eindellte und untote Knochen bersten ließ. Merita hob Vermillion, das neu geschmiedete Schwert ihres Vaters, und folgte dem Zwergen ins Getümmel. Dabei musste sie aufpassen, denn sie war sich bewusst, dass sie Untoten und Orcs im Nahkampf eigentlich unterlegen war. Durch pure Stärke und Kampferfahrung hatten sie in einem Zweikampf deutliche Vorteile gegenüber der jungen Frau. Deshalb hielt sich Meritia dicht bei ihrem Lehrmeister und hielt ihm den Rücken frei. Sie zückte eine ihrer abgesägten Schrotflinten und feuerte auf einen anstürmenden Orc, dessen grünes Gesicht mit Kugeln gespickt wurde. Irgendwo in der Nähe warfen zwei Druiden in ihrer Bärengestalt einen wuchtigen Goblinschredder um. Woanders aber krachte ein Katapultgeschoss in eine Gruppe Draenei und schlug eine Furche in den verheerten Boden und in die anrückenden Allianztruppen. Längst war der Kampf vor den Toren zu einem unübersichtlichen Getümmel geworden. Dieses erreichte seinen Zenit, als eine gigantische Explosion das Zentrum der Schlacht erschütterte. Grelle Farben und eine Druckwelle, die selbst Meritia fast von den Füßen warf, unterschieden sich deutlich von den Explosionen, die sie zuvor gesehen hatte. Ein gigantischer Panzer der Horde rollte nun in die Schlacht und seine Geschosse brachten Tod und Zerstörung über die Allianz. Belagerungstürme wurden in winzige Splitter gesprengt und die Soldaten des Allianz wichen zunächst zurück, ehe König Wrynn ihnen neuen Mut verlieh: "Was gebaut wurde, kann man auch vernichten! Folgt mir!" Und so stürmte der junge König selber in die Schlacht. Meritia konzentrierte sich wieder auf das Geschehen vor ihrer Nase und zückte ihre andere Schrotflinte, um eine Gruppe anrückender Goblins von sich fern zu halten. Plötzlich kullerte ihr eine Seuchengranate vor die Füße und entsetzt weiteten sich ihre blaugrauen Augen, ehe sie die Hand hob und beinah instinktiv reagierte: Sie flüsterte einen uralten Singsang, dessen Bedeutung längst vergessen war, doch eine Barriere aus Licht bildete sich einige Meter von ihr entfernt - und schloss die Seuchengranate mit ein. Viktorie hatte ihr das beigebracht und tatsächlich rettete ihr die Lichtbarriere nun das Leben. Als die Seuchengranate explodierte, waren Ragnari und Meritia außerhalb der Barriere sicher, während die Seuche nun einige Orcs, Goblins und Blutelfen einhüllte und ihnen das Fleisch von den Knochen tropfen lies. Entsetzt wandte Meritia den Blick ab, doch Ragnari packte ihren Kopf, drehte ihn und ergriff erstmals seit Stunden wieder das Wort: "Nein! Sieh hin, Kind! Sieh, was die Untoten anrichten. Und was dieser Krieg anrichtet." Meritia sah sich um und erblickte, wie der gigantische Panzer der Horde unter den Bemühungen von Anduin Wrynn und seinen Soldaten explodierte.

Dann aber marschierten Untote aus den Toren von Lordaeronstadt und deckten die Allianztruppen - und die eigenen Soldaten - mit grün leuchtenden Seuchenschwaden ein. Einen Moment lang wurde es still auf dem Schlachtfeld, als die Allianztruppen in vereintem Entsetzen sahen, wie sich Seuchenschleier ausbreiteten. "Sie töten ihre eigenen Truppen", drang es durch die Menge und dann war der Bann, die Überraschung auch schon vorbei. Panische Schreie wurden laut, als Allianzsoldaten und Hordetruppen gleichermaßen von Seuchennebel eingehüllt wurden und elendig zugrunde gingen. Doch das allein genügte der dunklen Fürstin - die Meritia nun erstmals auf der Mauer von Lordaeronstadt sehen konnte - nicht. Sie erweckte die von der Seuche getöteten Soldaten einfach als Untote wieder. Skelette von Orcs und Tauren stürmten nun den Allianzsoldaten entgegen, Seite an Seite mit Untoten Menschen, die noch immer die Rüstungen und Schilde der Allianz trugen. Nun endlich begriff Meritia auch die Erzählungen ihres Vaters, als dieser davon sprach, gegen einstige Kameraden gekämpft zu haben. Nun begriff sie den wahren Schrecken der Verlassenen und ihr zitterten die Beine vor Angst, als die Skelette in die Reihe der Lebenden pflügte. Die Reihe der Allianzsoldaten wankte und Ragnari zog Meritia mit sich, suchte Abstand zu den Untoten und den Seuchenschwaden, die sich ausbreiteten. Schützen nahmen die angreifenden Untoten während ihres Rückzugs unter Beschuss und König Wrynn schwang sich auf sein Pferd und suchte die Distanz zu den Seuchenschwaden, dicht gefolgt von Genn Graumähne. "Die Seuche hat unsere Reihen zerschlagen!", knurrte der König der Gilneer. Ratlose Gesichter blickten zum König, denn tatsächlich bildete die Seuche eine dicke, grüne Mauer, durch die es keinen Weg zu geben schien. Dann aber schob sich ein gigantisches Schiff durch die nördlichen Wolken und einen Moment lang dachte Meritia an die fliegenden Festungen der Allianz. Doch dieses Schiff wurde von Magie getragen. "Jaina Prachtmeer" raunte es aus den Reihen der Allianzsoldaten. Die mächtige Magierin war der Allianz zur Hilfe gekommen. Mit einer mächtigen, magischen Frostböe fegte sie die Seuche hinfort, neutralisierte die giftgrünen Schwaden und ermöglichte der Allianz, ihren Angriff fortzusetzen. Gleichzeitig drehte sich das gigantische, schwebende Schiff und eine Breitseite aus magischen Kanonen schmetterte ein Loch in die westliche Mauer von Lordaeronstadt. Nun drängte die Allianz wieder nach vorne und da der Bereich vor der belagerten Stadt und gänzlich frei war, gab es keinen Widerstand mehr, der die Allianz daran hindern konnte, durch das Loch in der Festungsmauer in die Stadt zu dringen. Meritia atmete tief durch und sah zu, wie Draenei und Worgen nach vorne stürmten, Seite an Seite mit Nachtelfen und Zwergen. Und auch sie setzte sich in Bewegung, um an der Seite ihres Lehrmeisters zu bleiben, während sich die zerstörten Belagerungstürme wie mahnende Finger aus dem Rauch der Schlacht erhoben. Zum ersten Mal kam ihr in den Sinn, dass der Sieg durchaus im Rahmen des Möglichen lag. Sie wusste, dass auch Sturmwind einst von der Horde vernichtet worden war. Man hatte die Stadt neu aufgebaut. Konnte vielleicht auch Lordaeron eines fernen Tages wieder erblühen? Konnte sie vielleicht doch stolz darauf sein, heute hier dabei gewesen zu sein? Würde ihr Vater auf sie Stolz sein? Er wusste nicht einmal, wo sie heute war. Und sie wusste nicht einmal, wo ihr Vater heute war. Wie ironisch es doch war, dass ihrer beider Wege so ähnlich waren, und doch so verschieden. Und doch war sich Meritia nicht sicher, ob sie ihr ganzes Leben dem Kampf widmen wollte. Nun verstand sie ihre Mutter, die das Schwert über viele Jahre hinweg abgelegt hatte, um sich einem Leben als Priesterin zu widmen. Und möglicherweise würde sie heute noch leben, wenn Meritia nie Paladin hätte werden wollen. Wenn sie nie bei der Kapelle des Hoffnungsvollen Lichts gewesen wären, als die Untoten angriffen.

***


James

Die Allianz hatte den Untoten alles entgegen geworfen, was sie zur Verfügung hatte. Die Gnome hatten mit ihren mechanischen, spinnenartigen Panzern angegriffen und die Leerenelfen um Alleria Windläufer hatten sich ebenfalls ins Getümmel gestürzt. Meter um Meter hatten sie sich durch die Straßen von Lordaeronstadt gekämpft und jeder Zentimeter war teuer erkauft gewesen. Die Horde gab nicht leichtfertig nach und James hatte seinen Hauptmann sterben sehen, gefällt von den Pfeilen der Blutelfen, die unter ihrem Anführer, Lorthemar Theron, erbitterten Widerstand leisteten. Immer noch nutzten die Untoten die Seuche und Giftgas, mit schrecklichem Erfolg. James hatte unzählige Kameraden sterben sehen, bekannte Gesichter, mit denen er schon damals in Gilneas gekämpft hatte und die er nach seiner Rückkehr zum Widerstand wieder getroffen hatte. So viele tote Kameraden. So teuer erkauft jeder Meter. Am Ende hatte sich James inmitten einiger Nachtelfen wiedergefunden und es schlichtweg aufgegeben, sich noch an eine Rangordnung zu halten oder an Truppenverbänden zu orientieren. Zu chaotisch war die Schlacht gewesen. Am Ende ging es nur noch darum, den nächstbesten Feind in Fetzen zu reißen und James hatte sich in eine regelrechte Wut hinein gesteigert, wie sie die Fluchgestalt so oft mit sich brachte. Er hatte entsetzliche Dinge gesehen, aber auch erlebt, wie sich die Allianztruppen gegenseitig halfen und mehr als einmal rettete er jemandem das Leben - oder wurde selber gerettet. Sie hatten gegen Armeen aus Monstrositäten gekämpft und schließlich hatte die Horde Seuchenkanister innerhalb der Stadt gesprengt, um weite Teile der Stadt in Seuchenschwaden zu hüllen. König Wrynn setzte immer noch der Bansheekönigin nach, wählte seine Truppen allerdings sorgsam aus und schickte den Rest zurück nach Brill. So auch James, obwohl dieser gerne tiefer in die Stadt vorgedrungen wäre. Die Gnome nutzten ihre Flugmaschinen, um die Truppen aus der Stadt zu fliegen und James erklomm mit zahlreichen anderen Soldaten die nahen Hügel, um einen guten Blick auf Lordaeronstadt zu haben. Einige Soldaten brachten einen gefangenen Orc ins Lager. Es war niemand geringerer als Kriegsfürst Saurfang, der seine Gefangenschaft mit grimmiger Ruhe hin nahm. Ungewissheit und Anspannung erfüllte die Reihen der wartenden Truppen. Wie intensiv wurde wohl noch gekämpft? Wie weit würde die Schlacht noch gehen? Die Antwort gab es in Form einer weiteren Explosion, die ganz Lordaeronstadt in grüne Seuchenschwaden hüllte. Abermals breiteten sich die giftgrünen Schleier aus und hüllten das ganze Areal ein. Tatsächlich reichten die Seuchenwolken sogar bis kurz vor Brill. Irgendwie war König Anduin entkommen, abermals dank Jaina Prachtmeer und ihrer Magie. Aber Lordaeron war nicht zurück erobert worden. Das Land war verseucht, die Horde war davon gekommen und die Allianz zog sich wieder zurück. Die Reise zurück nach Sturmwind war für James eine Zeit des Nachdenkens gewesen. Der Krieg war nun in vollem Gange. Doch auch davor hatte er sich dem Widerstand angeschlossen, um abermals für Gilneas zu kämpfen. Warum eigentlich? Es widersprach dem, was er sich immer vorgestellt hatte. Warum suchte er dann trotzdem den Kampf? Warum suchte er kein ruhiges Leben, wie er es sich immer ausgemalt hatte? Ja, das war die große Frage, die ihn stundenlang beschäftigte. Lag es daran, dass seine Heimat noch nicht befreit war? Lag es am bedrohlichen Schatten der Untoten? Oder hatte er in Silithus vielleicht mehr verloren als ein Fleckchen Hautfarbe und die rationale Angst, die einem im Angesicht des Todes die Muskeln lähmt? Der Krieg war für ihn noch nicht vorbei. Möglicherweise bekam er noch Antworten auf all seine Fragen.

***


Meritia

Sogar vom Bord des Schiffes aus konnte man die Seuchenschleier sehen. Das grüne, kränkliche Leuchten über Tirisfal schien stärker zu sein als noch in der vergangenen Nacht. Meritia stand zitternd an die Reling gelehnt und wagte nicht, den Blick abzuwenden oder zu blinzeln. Ihre Gedanken rasten und während ihr jeder Muskel im Leib schmerzte, konnte sie einfach nicht aufhören, nachzudenken und die vergangene Schlacht im Geiste Revue passieren zu lassen. Alles war umsonst gewesen. Sie hatten weder die Dunkle Fürstin besiegt, noch Lordaeron effektiv befreit. Könnte man die Seuchenschwaden mit Magie entfernen, so wie es Jaina Prachtmeer schon zuvor getan hatte? Doch selbst dann war das Land eine verwüstete Einöde. Möglicherweise gab es Narben, die nie wirklich verheilen würden. Meritia hatte die Verwerfungen gesehen, die das Weltenbeben über Westfall gebracht hatte. Möglicherweise war es hier ähnlich und Lordaeron war unrettbar verloren. Egal, ob das Land auch für die Untoten verloren war. In einem geschickten Schachzug hatte die Horde ihre Niederlage in einen Sieg verwandelt. Sie hatten Unterstadt verloren, doch der Krieg hatte erst begonnen. Meritia aber fühlte sich hundeelend und ihr Magen rumorte heftig. Ihr letzter Würgereiz war fünf Minuten her und obwohl ihr Magen nur noch Magensäure her gab, musste sie wieder und wieder kämpfen, sich nicht zu übergeben, während ihr Tränen die dreckigen Wangen hinab rannen. Nein, so hatte sie sich die Dinge nicht vorgestellt. Es sollte doch ein glorreicher Sieg werden! Sie wollte stolz zu ihrem Vater zurück kehren und ihm erzählen, dass sie ein Teil davon war. Das sie ihren Beitrag geleistet hatte, Lordaeron zu befreien. Aber sie war nicht stolz, sondern sie schämte sich! So viele Soldaten waren gestorben. So viele waren verstümmelt worden. Wer das Schwert in die Hand nimmt, muss auch damit rechnen, geschnitten zu werden. Dies hatten ihr ihre Eltern wieder und wieder erklärt. Sie kannte die Angst um ihren Vater, seit dieser zurück in ihr Leben getreten war. Und nun hatte sie selber diesen Weg gewählt - und fühlte sich entsetzlich. Was, wenn sie verwundet worden wäre? Verstümmelt? Wie hätte ihr Vater reagiert, wenn er sie wieder gesehen hätte, als ein Häufchen Elend? Es würde ihm das Herz brechen - oder was noch davon übrig war - soviel war sicher. Oder was, wenn sie gestorben wäre? Sie, die immer Angst um ihren Vater hatte, konnte sich durchaus ausmalen, was für ein Schlag ein weiterer Verlust dieser Größenordnung sein musste. Eine warme, kräftige Hand legte sich auf ihre Schulter und sie sah Ragnari neben sich stehen. Der Zwerg war nicht minder dreckig und seine dunkle Rüstung war zerschrammt und besudelt. Aber er lächelte schwach, milde und nickt langsam. "So geht es allen von uns, Kind" wisperte er leise und Meritia merkte, wie die Kälte sich aus ihrem Magen zurück zog. "Und es wäre schlimm, wenn man dem Krieg anders begegnen würde, denke ich. Es sind deine Gefühle, die dich über den Untoten erheben. Es sind dein Kummer und dein Entsetzen, die dich zu dem machen, was du bist. Und du solltest sehr sorgsam überlegen, was du sein möchtest. Was du werden möchtest." Seine eisblauen Augen richteten sich auf die Seuchenschwaden am Horizont, hinter denen man die Türme von Lordaeronstadt in der anbrechenden Nacht nur erahnen konnte. "Ich werde deine Ausbildung abschließen, Meri. Und was du danach machst, ist deine Sache. Ich werde mich dem Schutz meiner Familie widmen. Denn das Hinterland ist ein nahe liegendes Ziel der Verlassenen. Ruh dich aus, Kind. Und wasch dich." Der Zwerg wandte sich ab und verschwand unter Deck. Meritia seufzte und sah dann doch wieder gen Süden. Es war nicht ihre Heimat. Warum fühlte sie sich dann nur so schlecht? Was würde ihr Vater nur sagen? Oder sollte sie einfach darüber schweigen? Und wie würde es für sie weiter gehen, nach der Weihe zum Paladin? Möglicherweise, so kam es ihr in den Sinn, war ein Leben als Priesterin doch nicht so verkehrt. Sich dem Leben widmen, und weniger dem Krieg. Das würde ihrer Mutter gefallen, so schloss Meritia. Und bei Viktorie würde sie alles lernen, was es zu lernen gab.


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 Betreff des Beitrags: Re: Alltag
BeitragVerfasst: 28. Sep 2018, 21:02 
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"Ich bin genervt, ich bin frustriert - weil hier einfach nichts passiert!
Lass' mich nach Nordend wohl versetzen, um dort Vrykul zu zerfetzen.
Mir ist langweilig, so stinklangweilig, sterbenslangweilig..."

Tief, schief und grollend war der Gesang des Zwergen. Die wievielte Strophe Hjalmar schon von seiner selbst gedichteten Ode der Langeweile schmetterte, hatte Jonnar McQuade bereits irgendwie ausgeblendet, obwohl eine Ader an seiner linken Schläfe bereits gefährlich intensiv pochte. Wenigstens brüllte der Zwerg seinen verbalen Durchfall nicht lautstark ins Mystikerviertel hinaus, doch leise genug, um ihn zu ignorieren war er auch nicht. Seit Beginn des gemeinsamen Wachdienstes vor dem Hauptquartier hörte der Berserkerzwerg nicht auf, sich über Langeweile zu beklagen und den - wie der Zwerg es nannte - schrecklichen Mangel nach Gefahren, Abenteuern und ordentlichen Kämpfen. Allerdings musste Jonnar auch zugeben, dass er überrascht war. Der Einfallsreichtum, mit dem der Zwerg sein Lied dichtete, erstaunte ihn. Obwohl er natürlich eine schweigsame, ruhige Wache bevorzugt hatte.

"Kannst du nicht einfach mal ruhig sein, Mann?" fragte Jonnar schließlich und sah entnervt zur Seite. Der Zwerg in der wuchtigen, stacheligen Plattenrüstung lehnte rechts neben dem Eingang des Hauptquartiers an der steinernen Wand, die Kriegsaxt neben sich. Der Zwerg ignorierte die Frage und die darin versteckte Aufforderung und steigerte sogar noch die Intensität seines Gesangs:

"Hab' heut' nen Tagner massakriert - weil hier einfach nichts passiert!
Hab' ihn ungern umgebracht, doch es war halt angebracht.
Mir ist langweilig, übelst langweilig, scheiße-langweilig...."

"Kannst du bitte ruhig sein, Hjalmar?", versuchte es der Hüne aus Alterac erneut und bemühte sich um einen ruhigeren Tonfall, während er ein Seufzen unterdrückte. Eine volle Stunde schon hielten die beiden Wachen. Fast eine volle Stunde sang der Zwerg schon darüber, wie langweilig ihm doch war und wie sehnlichst er sich die wildesten Schlachten und einen ehrenvollen Tod wünschte. Ein wenig konnte Jonnar den Zwerg ja verstehen: Hjalmar war in keiner Rotte. Er war selten im Geschehen des Dämmersturms involviert. Er war Ansprechpartner für Neulinge, aber selbst nur auf Aushangsmissionen angewiesen. Und die gab es nicht immer. Oder nicht immer in einer Größenordnung, die sich der Zwerg wünschte. Und obwohl sich Jonnar als einen ruhigen, geduldigen Zeitgenossen betrachtete, nervte ihn der Gesang mittlerweile über alle Maßen. Abermals ignorierte der Zwerg ihn.

"Überleg' nach Kalimdor zu segeln, um den Krieg allein zu regeln!
Sylvie und Saurfang zu schlachten und nach dem Heldentod zu trachten.
Mir ist langweilig, richtig langweilig, nervend langweilig..."

"Alter..." warf Jonnar nunmehr ziemlich bissig dazwischen. Es kam dummerweise auch kein Kamerad vorbei, um ihn und den Zwergen irgendwie abzulenken. Und er musste noch eine volle Stunde Wache halten - und den Zwergen aushalten. Sein Geduldsfaden aber war bereits zum Zerreißen gespannt. "Du singst nicht, Kumpel. Du jammerst rum! Aber total!"

Sofort fand das Lied ein jähes Ende und der Berserkerzwerg riss die azeritfarbenen Augen und den bartumrandeten Mund empört auf.

"Das nimmst du zurück, Menschling! Dieser Zwerg hier jammert nicht! Niemals und nimmer!"

"Oh doch, Kumpel", entgegnete Jonnar, der sich ein zufriedenes Grinsen verkneifen musste. "Soll ich dir ein paar Weintrauben von drinnen holen? Oder gedünstete Weinbergschnecken?"

"Ich glaub' jawohl es hackt!", donnerte Hjalmar und stampfte mit dem Stiefel auf, wie ein bockiges Kind. "Gleich klatscht es, aber keinen Beifall!"

"Bis einer weint?" war Jonnars Antwort, wie aus der Pistole geschossen. Nun konnte er ein Grinsen nicht mehr zurück halten.

"Ich pack' dich gleich an deiner Mähne und schleuder dich rum wie den Waschlappen, der du bist!"

"Tupf dir vorher die Tränen ab" meinte Jonnar, dem der biestige, gehässige Tonfall schnell abhanden kam. Nein, er grinste nunmehr, weil ihn der Wortwechsel amüsierte und er den Zwergen endlich auf andere Gedanken gebracht hatte. Natürlich musste er dabei auch vorsichtig sein, nicht zu weit zu gehen. Denn nun war der Zwerg, der eine pochende, dicke Ader an der Schläfe hatte. Sein Gesicht lief rot an und Jonnar wusste, dass er das Spiel nicht zu weit treiben durfte.

"Ich zieh dir gleich mit der Axt einen Scheitel du Langhaardackel!"

"Hol dir vorher eine Kiste, du Kniebeißer!"

"Ich schlag dir gleich die Beine an den Knien ab, dann sind wir auf Augenhöhe, du Hackfresse!"

"Dann würde ich trotzdem nicht so heulen wie du, du Stumpen!"

"BEI DIR PIEPT ES WOHL, PRINZESSIN!" Nun griff der Zwerg nach seiner Axt und Jonnar wusste, dass er die Sache irgendwie zu einem versöhnlichen Ende führen sollte, bevor es hässlich wurde.

"Gehen dir die Sprüche aus, oder warum greifst du schon zur Axt, du dreckige, behaarte Kartoffel?"

"WER IST HIER DRECKIG, DU HUNDSFOTZIGER HAARDÄMON?"

"DU kampfgeiles Kieselhirn!" konterte Jonnar

"Du freches, kleines Frettchen!"

"Du versoffener Vollpfosten!"

"Du langer Lulatsch!"

"Sachmal...." meinte Jonnar dann und zog das Großschwert vom Rücken. "Lust auf ein Kämpfchen?"

"Dachte schon, du fragst nicht mehr!" Hjalmar entließ schnaufend seinen Atem und die knallrote Birne nahm wieder eine gesündere Farbe an. Er schulterte seine wuchtige Streitaxt und löste sich von der Wand, wandte sich dem Hünen aus Alterac zu, der sich nun einige Meter vom Hauptquartier entfernte.

"Dir ist schon klar, dass wir uns ernsthaft verletzen könnten und wir beide einsatzbereit bleiben müssen", gab Jonnar zu bedenken, fragte sich jedoch, ob der Berserkerzwerg überhaupt für Vernunft zugänglich war. "Aber wir könnten ja wetten, um es doch irgendwie interessant zu machen?"

Hjalmar runzelte die Stirn und seine buschigen, schiefergrauen Brauen schoben sich aneinander. "Wer zuerst am Boden liegt, löhnt ein Fass Bier. Ein großes!"

Jonnar brummte nachdenklich und wiegte den Kopf hin und her. "Besser noch: Wer den ersten Treffer kassiert, spendiert ein Fass Bier. Und wer zuerst am Boden liegt..." Ein Haifischgrinsen breitete sich auf den vernarbten, bärtigen Zügen aus. "...der macht die Wäsche des anderen. Eine Woche lang." Hjalmars Stirn warf noch tiefere Furchen. "Wäsche? Kerl, du bist langweilig! Du zahlst mir die Zeche, eine Woche lang!"

"Und du mir das Essen!" konterte Jonnar sofort.

"Abgemacht!" strahlte der Berserkerzwerg und beide gaben sich die Hand im Kriegergruß. "Dann mal los!"

Beide hoben ihre Waffen. Der breite, wuchtige Zwerg packte die Axt dabei so mühelos, als würde sie nichts wiegen. Jonnar indes packte den Griff seines Großschwertes mit beiden Händen, nahm eine Verteidigungshaltung ein und beobachtete den Zwerg ganz genau, bedacht, sich keine Blöße zu geben.
Dann machte der Hüne einen blitzschnellen Schritt nach vorne, dem man ihm aufgrund der Plattenrüstung wohl nicht zugetraut hätte. Die Klinge schnellte nach vorne, an der Axt vorbei und berührte den Zwergen lautstark an der Schulter. "Ha!" rief Jonnar triumphierend aus, während Hjalmar nur verblüfft die Augen aufriss. "Das gildet nicht! Ich war noch nicht soweit!"

"Aber du hast 'dann mal los' gesagt! Du schuldest mir ein Fass Bier, Wadenbeißer!"

"Ich beiß dich gleich wirklich, du trollgesichtiges Trampeltier!"

"Laber nicht, wein nicht und kämpf endlich!" murrte Jonnar, der wieder seine Verteidigungshaltung einnahm. Der Zwerg grollte, sprang nach vorne und schwang die Axt, stolperte allerdings und kassierte einen weiteren Stups vom Großschwert. Abermals wütend lief sein Gesicht rot an. "Kerl, ich bin fast zweihundert Jahre alt! Ich habe schon Kriege gefochten, da war dein Opa noch nicht auf der Welt! Verarsch mich also nicht, Menschling!"

"Würd ich niemals nicht machen", meinte Jonnar und versuchte, den Zwergen am Bein zu erwischen, doch dieser schwang die Axt zur Seite, parierte und beide Waffen schlugen klirrend aneinander. Als der Zwerg versuchte, die flache Seite der Axt nach Jonnar's Schulter zu dreschen, sprang dieser jedoch nach hinten, senkte die Klinge und schwang sie unterhalb der Axt nach dem Oberschenkel des Zwergen. Abermals klirrte Rüstung harmlos auf, als Jonnar seinen dritten Treffer anbrachte. "Hast du gesoffen, Mann? Und deshalb so gejammert? Bierselig und Weinselig liegen oft nah beieinander!"

Der Zwerg drosch nach dem Großschwert, wollte es beiseite drücken, wobei er eine Hand vom Griff löste, um Jonnar einen Faustschlag zu verpassen. Doch abermals war der Hüne zu schnell außer Reichweite. Und niemals gab er seine Verteidigungshaltung auf, wobei sein Schwert effektiv eine Barrikade vor ihm bildete. Abermals schwirrten die Waffen, doch Jonnar verfehlte zweimal, während auch Hjalmar keinen Treffer zustande bekam. Lange Minuten umkreisten sie einander und suchten nach einer Möglichkeit. Waffen zuckten nach vorne, beide versuchten es mit Finten oder schnellen Ausfällen. Beide aber konnten die Deckung des anderen nicht überwinden. Und hier zeigte sich die enorme Kampferfahrung des Zwergen, der tatsächlich schon unzählige Schlachten gefochten haben musste. Jonnar hatte dies nicht. Er hatte wenig Kampferfahrung - zumindest in militärischer Hinsicht. Aber sein Großvater und sein Vater hatten ihn bestens trainiert. Seine auf Defensive beruhende Technik schütze ihn vor den hämmernden Schlägen des Zwergen.

Schließlich aber machte Jonnar einen Fehler und stach nach dem Zwergen, der einfach beiseite trat und dem Alteracer den Griff seiner Axt in die gepanzerte Magengrube rammte. Hustend stolperte Jonnar zurück, nunmehr schwitzend, nach unzähligen Angriffen, die ins Leere gingen. Er schwang sein Großschwert nach dem Zwergen, aber vergeblich. Einen kurzen Moment wirbelten Waffen aneinander vorbei, ehe Jonnars Schwert abermals die Schulterpanzerung des Berserkers berührte. Schnaufend taxierten sie einander, erschöpft aber grinsend. Beide schenkten sich nichts. Als Hjalmar abermals nach vorne stürmte, wich Jonnar aus und erwischte den Zwergen am Rücken. Abermals flogen die Waffen rasch aneinander vorbei, ohne wirklich zu treffen, ehe Jonnar die größere Reichweite seines Schwertes nutzte, um Hjalmar wieder an der Schulter zu treffen.

Die Axt schwang in wilden Schleifen und das Großschwert bildete einen undurchdringlichen Wall. So ging es Minuten lang, ehe Jonnar die Axt beiseite drosch und den Zwergen mit einem Kinnhaken zu Boden schickte. Schnaufend starrten sie einander an, ehe sie zu grinsen begannen. "Alter, ich werd' mich so voll futtern, du wirst Arm, Kleiner." Jonnar steckte sein Schwert weg und half dem Zwergen wieder hoch. "Ich fordere eine Revanche, irgendwann" meinte der Zwerg direkt und sah dann etwas verwirrt aus, als Shelly Aphra und einer der Goblins, Titt Wumpe, aus dem Hauptquartier traten. Wachwechsel. Beide hatten beinahe eine volle Stunde miteinander gekämpft. Zufrieden betraten sie das Hauptquartier und steuerten den Schlafsaal an.


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 Betreff des Beitrags: Re: Alltag
BeitragVerfasst: 9. Okt 2018, 16:32 
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"Wie lang' wird's dauern?", hallt die Stimme von Jon mit Bass durch die Räumlichkeiten des Lederverarbeiters. "Mhh, nunja - in Anbetracht der Tatsache-" und grade will der Mann - ein kleiner Kerl mit Brille, grauen Haaren und langem Bart, aber amtlich Kraft in den Armen - sich in Unwichtigkeit verlieren, da unterbricht Jon ihn: "Wie lange." - "Mhh. Einige Tage. Ich werde meine gesamte, Aufmerksamkeit, daaarauf richten!" - der Söldner nickt kräftig - "Gut." - verlässt strammen Schrittes die Werkstatt des Lederverarbeiters und verschwindet in den Straßen des Handelsviertels.

Er hat dem Lederverarbeiter seinen heißgeliebten, dicken Ledermantel gebracht. Rustikal, wärmespendend. Eine gute Arbeit, war das. Er hat dem Mann Pläne gegeben, die Änderungen an seiner zweiten Haut beschreiben, auf den Centimeter genau. Er brauchte etwas neues. Etwas mehr Rüstung, doch das Tragen des Leders sollte dabei nicht eingeschränkt werden. Er wollte, dass der Ledermantel zu einem Kampfmantel wird, einem regelrechten Kampfanzug, in der hineinschlüpft, ihn befestigt und in den Kampf zieht - alles überflüssig macht bis auf das Anlegen der Beinschützer und des Brustharnischs. Der gesamte Oberkörper sollte durch den Mantel verstärkt werden.

An den Schultern wollte er Lederplatten anbringen lassen, die in eine leichtere Armpolsterung übergehen, bis hin zum Ellenbogen und schließlich zur Hand. Schulterplatten hatte er noch - sie waren ohnehin Teil seiner Rüstung - allerdings hat er sie selten benutzt. So selten, dass sie eine ganze Menge Staub gefangen haben. Das wollte er ändern. Er brauchte einfach mehr Schutz - ein Grund mehr also, die Beinschienen, die Beinschützer und das Bruststück um eine weitere, dicke Lederschicht zu verstärken und zwischen beide Schichten ein wenig Fell pressen zu lassen - das hatte weniger etwas mit Nützlichkeit, denn mit einer modischen Frage zu tun. Den Handschuh mit dem rechten Mantelärmel zu verbinden war nicht das Problem. Das Problem war, dass er auf der linken Seite nur noch einen Hebelarm hat und eine Prothese mit der gesamten Konstruktion verbunden werden soll, die jeden glauben lassen soll, er würde nur einen Haken haben. Nicht etwa, das unter dem Mantel ein stählerner Arm ruht. Aber auch dafür fand er eine Lösung. Zu guter Letzt sollte beim Kampfmantel, am Ende des Torsos und am Anfang des Beckens eine Linie gezogen werden, damit der Mantel mit der neuen Rüstkonstruktion nicht herunterbaumelt wie ein nasser Sack. Also hat er den Plänen hinzugefügt, dass er an dieser Linie enger gemacht werden soll, nur um weiter unten wieder die volle breite zu entfalten; das würde ihn auch im Kampf nicht aufhalten - anders, als es ohne das Engerschnallen sicher der Fall gewesen wäre.


(http://de.swtor.wikia.com/wiki/Datei:JH ... vanced.jpg --- Das war die Inspiration dafür und in etwa so kann man sich den neuen Kampfmantel vorstellen. Allerdings weniger stoffig - dunkelbraunes Leder in noch ein bisschen dunkleres Leder.. und ohne das Lichtschwert. :D)

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"Möge das Schlachtfeld
meine Leinwand,
und das Blut meiner
Feinde die Farbe sein."


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