Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 21. Sep 2016, 04:40 
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Jammertal


Die spätsommerliche Brise fährt durch das Laub der Mischwälder des Nordwestgefälles. Die trockenwerdenden Blätter schütteln sich knisternd. Das Gestrüpp wirft rostrote, undurchsichtige Schatten. Es vermengt sich auf weite Sicht zu unheimlicher Düsternis, die nur an wenigen Stellen vom aschfahl vernebelten Sonnenlicht unterbrochen wird. Säulenartig und kraftlos: Das Geschimmer. Über den Kronen lautet der krächzende Klang alteracscher Sittiche, die ihrem Ruf nachgekommen sind, Unglück zu verheißen. Dem überwucherten, halb zerfallenen Straßenlauf folgen mehrere Karren. Das Waldaroma - dieser krautartige Schleier - nimmt Gemüse in sich auf. Ladeflächen tragen Kartoffeln. Bauern mit Hüten - wohlgekleidet - treiben Vieh vor sich her, das die Karren zieht; wenn sich nicht schon ein Pferd geleistet wurde. Knister, knister: Die Blätter sprechen über den Einfall der Kartoffelernte hinweg. Jeder, der die vorhergehenden Wochen und Monate in diesem Land erlebt hat, begegnet der klangvollen Geräuschkulisse nunmehr mit stillschweigender Ehrfurcht. Die Schlacht am Kaderwulstpass - überhaupt der ganze Zweite Frühlingskrieg - haben eine Wunde hinterlassen, die nun in Mythen und Sagen vernarbt; in Mären von Waldgeistern und jenen Schauergeschichten, die man frechen Kindern zu erzählen weiß.


Kind!
Geh' nicht aus dem Dorf!
Nicht zwischen Eibenwurz und Torf!
Wo Äste, Wurzeln, Stämme streben
erwacht der ganze Wald zum Leben:
Hungert, frisst - ist nimmersatt,
die alte Weide Wucherblatt.


Ins Windgeflüster mischt sich das klappernde Raunen einer Plattenrüstung. Etwa in einhundertfünfundachtzig Zentimetern Höhe verklingt das Geräusch von kantig bestrichener Haut und fallendem Haar. Derebron Darkwood sitzt in voller Montur auf einem Hocker; unweit der Straße - die er sehen kann - neben einem erloschenen Lagerfeuer und zwei güldenen Mitläufern der Sektion Alpha. Er rasiert sich. Militärisch akkurat, weil es sich so gehört. Neben ihm steht eine gefüllte Schwertscheide, rechts von ihm ein eigenhändig polierter Schild. Es ist - das darf man bemerken - sehr laut hier, obwohl keiner etwas sagt.

Karren um Karren rattert vorbei. Die Bauern durchqueren den Wald, um ihre Ernte in Markstadt zu verkaufen. Sie sind in den letzten Jahren schlagartig zu Reichtum gekommen. Sie müssen nicht mehr hungern, weil der Dämmersturm sie aus den schartigen Krallen eines Banditenfürsten befreit hat, dessen Name der Vergessenheit überantwortet wurde; nicht mehr hungern, weil sie ihre Felder bestellen können... Doch allem voran müssen sie nicht hungern, weil es dem Nordwestgefälle dieser Tage schlecht ergeht. Markstadt ist ein desolater Ort, dessen Grundversorgung gerade so gewährleistet werden kann. Zwei Kriege: Der Erste und der Zweite Frühlingskrieg wurden auf seinem Rücken ausgefochten. Das Land der Kobra - dem Herren Bauergard von Markstadt - ist platt und verwildert; ist verarmt, unbestellt und trostlos. Hier jedoch, in den Ländereien des Dämmersturms, wo die Grenzen standhielten, wo die Bäume kein Dorf niederschlugen; wo die Westbergzwerge scheiterten und der Wolf nie einen Fuß hinsetzen konnte, hier... geht es den Menschen gut. So gut, dass sie ihre Überschüsse gewinnbringend an ihre hungernden Nachbarn verkaufen können.

Das Wort des Dämmersturms wurde eingehalten. Das Versprechen von Frieden und Wohlstand. Von Fortschritt! Und die fortschreitenden Karren halten den Grenzen der söldnergeschützten Ländereien entgegen. Die Helden von Lordamm, Dörflingen, Pökelheim, von Alterszapfen und dem kaderwulstschen Pass gedeihen zur Folklore. Kapellen tragen schwarze Banner und wo sich der sagenhafte Mantel über die letzten Jahre spannt, wirft Altvater Legende seine Schatten in die goldgelockte Vergangenheit.

Einer der Sektionssoldaten bietet dem Hüter der Ländereien, dem Nachfolger des großen Julius von Wellenheims, ein gewürztes Stück Fleisch an. Die dankbaren Bauern haben zu Ehren des Dämmersturms einen schwarzen Stier geschlachtet. Derebron lehnt ab. Schweres Essen zu solch früher Stunde raubt dem ganzen Tag die Lebensfreude. Er betupft sein frischrasiertes Gesicht mit einem Handtuch und steht vom Hocker auf. Kurze Schritte tragen ihn näher an die Straße, wo er die vorbeiziehenden Bauern beobachtet. Sie sind guter Dinge. Er dreht sich wieder um. Die beiden Männer der Sektion tragen polierte Bronzerüstungen. Sie glänzen in einer einfallenden Lichtsäule mit dem gleichfarbigen Rostrot des Laubes um die Wette. Das sind gute Männer, denkt Derebron. Er erinnert sich an die Wandgemälde eines gilneerischen Herrenhauses, wenn er sie so ansieht; bloß strecken sich keine weißen Federschwingen, aus ihren oberkörperumspannenden Platten, der Sonne entgegen. Außerdem könnten sie sich mal wieder waschen und etwas gerader stehen; ihre Wappenröcke säubern und das Haar richten. Die Unterschiede zum Wandgemälde, die er sich da erinnernderweise zurechtgedacht hat, sind größer als erwartet: Aber das macht nichts. Wenn Derebron sieht, wie die Bauern zu ihnen herüberstarren; wie sie Patrouillen beklatschen und Brotkörbe ungefragt zu ihren Füßen legen, dann bedarf es keiner Schwingen mehr; dann ist getan, was getan werden musste. Und vielleicht noch etwas mehr.

"Ahner, wir befinden uns in einer vortrefflichen Situation, sehe ich das richtig? Der Krieg ist beendet, den Menschen unter unserem Schutz geht es gut, der Wolf trachtet ausnahmsweise einmal nicht nach unserem Leben und seit mehr als vier Wochen gab es keine Übergriffe auf unsere Lieferungen mehr."

"Ja, mein Herr! Die Lage könnte nich' besser sein, Herr."

"Warum zum Teufel bin ich dann so unzufrieden?"

"Is' vielleicht so'n Soldatending, Herr."

"Was soll das sein?"

"Naja, eben so'n Soldatending, Herr. Wenn Frieden is', dann gibt's nichts zu tun."

"Glaubt mal, Ahner. Ich habe genug zu tun. Bin auf meinen alten Knochen nochmal ordentlich die Treppe hochgestolpert. Nicht zu empfehlen."

"Jaa, aber's gibt kein Gezänk, Herr. Nichts für die Arme und für die Beine. Vielleicht braucht'er mal'n bisschen Entspannung. Ich kenn' da die Anneliese, die-"

"Haltet den Mund, Ahner. Wie viele waren das jetzt?"

"Einundzwanzig, Herr. Fünfzehn kommen noch - wobei' der alte Ulf sich gestern 'n Knöchel verstaucht hat; also sind's wohl doch nur vierziehn."

"Ein Jammer."

"Ja, Herr. Wirklich'n Jammer."

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Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 2. Jan 2017, 03:22 
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Die Gebrüder Schwarz


Wäre man vor wenigen Jahren mit der Aufgabe betraut worden, das Leben der Gebrüder Schwarz zu beschreiben, hätte man es getrost als unauffällig abtun und in wenigen Sätzen abwickeln können. Geboren in einem Zeitabstand von zweieinhalb Jahren; beide dunkelbraunhaarig mit dichten, breit wachsenden, alteracschen Augenbrauen und einer unverkennbaren Hakennase, die sich schon seit ihrem Urururgroßvater durch die Ahnenreihe der Familie zieht, erlebten sie die raue Kindheit nordwestgefällischer Bauernjungen. Die Sommer- und Herbstmonate verbrachten sie ohne sonderlich viel Freizeit unter dem grauschwarzbewölkten Himmel der Verräternation; rübenstechend und hafersäend. Ihr Vater, ein Mann, der zur damaligen Zeit siebenundvierzig Winter zählte, starb während des dritten Krieges, als er von einer Leiter fiel. Ihre Mutter, jetzt zweiundsiebzigjährig, bewohnt heute noch immer das kleine Gehöft der Familie im aufblühenden Alterszapfen, unweit der dämmersturmschen Handelsroute nach Markstadt. Die Gebrüder nun, die ihr ganzes Leben lang bloß Bauernjungen gewesen waren und sich zwar zur Tüchtigkeit, nicht aber zu nennenswerter Weisheit entwickelten, nunmehr mittzwanzigjährig, besuchten nie mehr als eine priesterliche Dorfschule, in der sie beinahe daran scheiterten das Lesen zu verstehen; im Rechnen aber wenigstens das erreichten, was man von ihnen verlangte. Eine nicht zu verachtende, natürliche Konstitution ließ sie sämtliche Krankheiten des Landes bis zum heutigen Tage überstehen. Selbst unter der Herrschaft des Wiesels, welches nur ein weiterer von vielen Banditenfürsten war, die nach dem Fall Alteracs das Nordwestgefälle beherrschten, erwiesen sich beide als zäh und unnachgiebig. Ohne zu fragen, wurde auch diese Zeit überstanden und kommentarlos abgewickelt. Sie hatten den Duft von Freiheit, von Individualität und kreativer Schaffenskraft nie gekostet; waren immer geistlos-fleißig und schätzten die Arbeit als etwas, das nun mal getan werden müsste; nicht anders als essen und schlafengehen.

Als der Dämmersturm kam und das Land von der Herrschaft des Wiesels befreite, veränderte sich ihr Leben langsam aber beständig. Dieselben Männer, die zuvor im Namen des Herzogs de Pusché - also des Wiesels - vergewaltigend und drangsalierend durch das Land gezogen waren, trugen nun die Wappenröcke des Dämmersturms; dieselben Gesichter: Dieselben abscheulichen Kreaturen. Doch sie hielten still, denn nun wurden sie bezahlt.

Plötzlich hatten die Gebrüder Schwarz mehr von ihrer Ernte, als sie bis zur nächsten verzehren konnten; mehr als sonst jemand im Dorf gebraucht hätte. Allen anderen Bauern Alterszapfens erging es nämlich ähnlich: Ernte um Ernte floss plötzlich in die eigenen Silos. Magenknurren gehörte der Vergangenheit an und die Bauern erfuhren etwas, das sie vorher nicht kannten: Wie es ist, Geld zu besitzen. In den Folgejahren - den Jahren der Frühlingskriege - hungerte die größte Stadt des Gefälles, Markstadt, was dann zur Folge hatte, dass die Bauern des Umlandes in Scharen zur Küste des Lordamersees pilgerten, wo besagtes Markstadt nämlich liegt. Nach anfänglich rührseliger Naivität, entwickelten sie schnell einen Geschäftssinn, der sie alle zu wohlhabenden Unternehmern machte. So auch die Gebrüder Schwarz! Diese, die ja stets nur gewartet hatten, wurden also für ihre Mühen entlohnt und schickten nunmehr regelmäßig Kartoffelsäcke nach Markstadt.

Der ungewohnt rasche Wandel der Lebensumstände, hier im Osten des Gefälles, hinterließ ein allgemeines Fressen. Das will heißen: Die aufgeblähten Bäuche der Bauern, die so viele Jahre hungerten, stürzten sich mit ihrem neuen Reichtum in einen kulinarischen Rausch, der zwar in seiner Vielfältigkeit zu wünschen übrig ließ, jedoch überall im Lande Dämmersturm so fabriziert wurde. Man aß und fraß, eines Ebers würdig, und die Leiber gewannen im Allgemeinen soviel Gewicht, dass es für fremdes Volk nicht immer schön anzusehen war. Als dann die Flüchtlinge kamen; die vielen Menschen Markstadt, die es nicht länger ertrugen, all diese Vorzüge vor der Haustür zu haben, selbst aber hungernd sterben zu müssen, mehrte sich das Bild der Stallburschen, der Lieferanten, Hübschlerinnen, ja sogar der Mägde und Gesellen - hier im besagten Alterszapfen. Die reichgewordenen Bauern, die kaum Anteile an den Söldnerbund zu zahlen hatten, stellten viele von ihnen zu mehr als verträglichen Löhnen ein; sodass sie alsbald nicht mehr selbst auf den Feldern zu sehen waren, geschweige denn die beschwerliche Reise nach Markstadt auf sich nehmen mussten. Man muss dazu aber sagen, dass es zum Zeichen von Anstand gedieh, seine Ernte selbst per Handschlag zu verkaufen, weswegen es sich die beiden Schwarzbrüder nicht nehmen ließen, selbiges auf den hungerumzäunten Märkten Markstadts zu tun. Diese nicht abreißende Tüchtigkeit war auch der Grund dafür, dass sie nicht im selben Maße an Gewicht zulegten, wie zum Beispiel ihre Mutter - trotzdem aber ordentliche Wangen aufbauten, die unter eskalierender Schrittfolge freudig und rosig durch die Gegend hüpften.

Nun verhält es sich so, dass diese beiden Brüder mit - mit Knechten im Gefolge und zwei Pferdefuhrwerken - von Alterszapfen nach Markstadt fahren, um wieder einmal unverschämte Gewinne zu erzielen. Dass diese Gewinne unverschämt sind, ahnen sie selbst nicht, denn sie hatten ja nie ein Land außerhalb des Nordwestgefälles kennengelernt; überhaupt eigentlich keine Ahnung von den 'Dingen', bloß - und das mit verrucht unterschwelliger Leidenschaft - eine Vorliebe für Silber entwickelt. Sie sahen nämlich, dass Silber gut war und dass es gereichte, ihnen zu allerlei praktischem Kram zu verhelfen. Man sehe die Knechte und die Karren. Da wäre es nachlässig, fast faul gewesen, es anders zu halten und auf diesen fulminanten, gesellschaftlichen Aufstieg zu verzichten, den sie - dem Dämmersturm sei Dank - erfahren durften. Selbstredend wissen sie ihm regelmäßig dafür zu danken, indem sie in der Dorfkapelle eine Kerze anzünden. Sie hatten nämlich erfahren, dass dieser sich einer großen Gefahr stellen müsste und deshalb jedes möglichen Beistandes bedarf.

Das markstädtische Land auf ihrer Route ist allem voran als trist zu bezeichnen, sodass der Name Tristan eine häufige Wahl für Neugeborene dieser Region ist. Hierbei handelt es sich nämlich um die Herkunft dieses Namens; Tristan kommt von 'trist' und es wäre euphemistisch gesprochen, wenn Mütter und Väter, die sich bei derlei Überlegungen etymologisch haben inspirieren lassen, nicht allzu große Begeisterung über die Geburt ihres Sohnes empfanden. Ich sage hier "Sohn", weil sich der galante Name "Tristess" dieserorts nie wirklich durchzusetzen vermochte. Seis drum. Die Gebrüder Schwarz sehen sich von ihren Karren aus um und was sie sehen, ist karges, felsiges, Land, das sich einer fulminanten Mischung unterschiedlicher Grautöne erfreuen darf, die jedoch alle vergleichsweise flach daherkommen; also keine verschlungenen Pässe, Klippen oder Kämme bilden. Das Umland gleicht sozusagen einer umgestürzten Schiefertafel oder - in Rohform - einer rücklings liegenden, leicht unkrautigen Steinwand. Im Westen lassen sich Baumgruppen erspähen; weit im Süden grünes, arathorisch anmutendes Weideland. Im Norden erstrecken sich die pechschwarzen, binnenmeerartigen Weiten des Lordamersees und im Osten tiefster Mischwald. Sie kommen von Osten her, aus dem Wald, und fahren nach Westen, Markstadt hinter den Baumgruppen entgegenstrebend. Freies Getier ist auf eine Schar von Wildgänsen reduziert und die Vegetation, hier im Land der Tristane, bildet zäher Löwenzahn und ein mageres Aufgebot grüner, wasserbeständiger Gräser, denn hier regnet es viel und oft, sozusagen aus Kübeln, und die letzte große Überschwemmung liegt noch nicht lange zurück.

Wir möchten unseren aufmerksamen Blick von hier aus dann genauer auf die daherziehende Karawane lenken, die klappernd - und spritzenderweise - die alte Reichsstraße heimsucht. Sie ist, während das geschieht, einer Vielzahl von Schlamm- und Schlaglöchern ausgesetzt, denen auszuweichen es versierter Fuhrwerkfahrtechnik bedarf. Die Gebrüder Schwarz dürfen sich dieser Fähigkeit rühmen, während sie von vier fußweise laufenden Knechten mit Mistgabeln flankiert werden. Die Namen dieser Knechte sind Tristan, Thorsten, Thorben und Peter. Das soll nicht weiter wichtig sein, sondern dem geneigten Leser nocheinmal empirischerweise vorhalten, wie es sich mit den Namen dieserorts verhält. Sie alle - und damit auch die Gebrüder Schwarz - tragen einfache Bauernkluft und man wäre als unwissender Beobachter nicht dazu in der Lage, eine Hierarchie zu identifizieren; von der die Brüder und ihre Dienerschaft - zugegebenermaßen - auch nie sprechen würden. Auf den Ladeflächen befinden sich aufgestapelte Kartoffelsäcke. Die letzte Ernte ist erfolgreich verlaufen! Und auch an dieser Stelle sei dem Dämmersturm bäuerlicher Dank gewiss, wenngleich der nun freilich nicht für die alteracschen Wetterverhältnisse verantwortlich war. Möglicherweise beruht diese Annahme auf dem verheißungsvollen Namen des Söldnerbundes. Doch ehe jemand Gefahr läuft, sich in dieser Überlegung zu verlieren, zelebrieren wir nun - wie ein plötzliches Donnergrollen - das Unterbrechen der gedanklichen Exkursion, denn unsere Reisegesellschaft sieht sich schwarzen Wolken, einem drohenden Unwetter und überaus eigenartigen Luftverhältnissen ausgesetzt.

Und was sehen wir da also mit unseren schulterblickartig begleiteten Figuren am Himmel streben! Es ist ein Rollen und Grollen! Ein Gespinst - schleierhaft von Düsterwolken umschlossen! Und wie unter tiefdrückenden Luftverhältnissen, die nun tatsächlich ohne jedwede Illusion vorherrschen, neigen sich die missmutigen Gräser stürmisch zur Seite. Unklar ist, ob's ein Westwind, einer von Norden, Osten oder Süden ist. Vielmehr scheint es - so bemerkt einer der Helfer in dialektaler Blödelei: "As blout miä'n Oga ob'n Luttich!". Und wir dürfen hinzufügen, dass er damit nicht Unrecht - ja eigentlich sogar den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Der Wind kommt von oben und bläst geradewegs auf Straße und Umland hernieder, wo er dann vom Boden abprallt und zu allen Seiten in die Lande fährt. Als wäre das, was sich da oben in den Wolken verbirgt (die nun übrigens brechen und klatschenderweise den Regen einsetzen lassen) von solcher Gewalt, die ganze Luft beiseite zu drücken, die vorher noch zwischen Bodenreich und Himmelszelt lag. "Doa' is' miä aber'n Sturmbout durchgegang', doh." Doch er irrt sich - geneigter Leser! Er irrt sich fürchterlich! Denn kaum ist das gesprochen, entfaltet sich da oben kein dämmersturmscher Fanfarrenklang, sondern ein unwirkliches, giftiges Grün, das sich herzschlagartig durch das Dunkel der Gewitterwolken schlängelt. Über eine volle Meile ist der Himmel sozusagen ins Toxin gehüllt. Voller Schrecken starren die Bauern hoch - und auch die Gebrüder Schwarz wissen ihr Starren nicht abzuwenden. Unser lieber Tristan - ach was hatten wir über seinen Namen gekürt - stürzt schmatzend in den Schlamm, krümmt sich hart und atmet falsch. Als man ihm aufzuhelfen sucht, ist er bereits fernab jeder Lebendigkeit; ja gewissermaßen tot! Unruhe macht sich also breit - in doppelter Weise. Über das nicht mehr schlagende Herz des gefallenen Knechtes und das unheilvolle Ding am Himmel!

Ein scheußliches Reißen rauscht durch die Wolkendecke. Es lautet, wie zerfledderndes Papier, bloß in einer kolossal-entarteten Lautstärke, dass's einem mit jedem Knick und Faserzerren im Kopfe schmerzt. Und da also teilt sich der Himmel und die Auswüchse einer schwarzen, zackenumwitterten Kathedrale neigen sich - ganz falsch, denn fliegend und nicht am Boden stehend - aus dem Gewitter heraus. Ihre Glocken schlagen grün und ihre messingfarbenen Fenster speien aufwühlende, unmögliche Lieder, die besonders in den simpel geformten Bauernseelen - die derartig vernichtende Komplexität nie zuvor erfahren hatten - für Verstörung sorgt. Sie sehen sich nicht länger an, starren nur hoch und sind von lähmender Furcht ergriffen. Und nun spinnen auch die Tiere, wie sieh's eigentlich verfrüht tun, wenn derartiges Weltgeschehen sich ankündigt. Sie reißen die Karren fort und stürzen wirr entlang der Straße - manche ja sogar von ihr herab, wo sie sich von den nachstürzenden Fuhrwerken erschlagen lassen. Die Gebrüder starren und warten; geben keine Ordnung vor und hören auch kaum von der Seite, wie die übrigen Knechte ersuchen, die Tiere zu beruhigen, während sie selbst voller Panik mit sich und dem Pflichtbewusstsein ringen. Dann wird es periodisch leiser - das Gewitter - und mit dem nächsten Lidschlag pulsiert der Himmel in saurem, ätzenden Regen, der sturmflutartig alle Wolken beiseite fegt und einen abendlichen Himmel hinterlässt. Was da war - wie ein Kathedralenschatten - ist nun verschwunden. Bloß der Glockenklang - wie zu eintausend Beerdigungen - hallt noch halbminütig in den Köpfen der armen, kleinen Seelen nach, die beschließen, nicht zu reden und ihre Reise fortzusetzen.

In Markstadt verläuft das Geschäft, wie es zu verlaufen hat, unter den strengen Augen verschiedener Wachgruppierungen, von denen manche gar nicht dem hiesigen Herrscher, sondern anderen Mächten zu unterstehen scheinen, die aufgrund jüngst aufkeimender Sicherheitsprobleme, helfend herbeigeeilt sind. Markstadt selbst darf die höchsten Bauten des Nordwestgefälles sein eigen nennen, wobei allem voran die große Kirche im Zentrum zu erwähnen ist; vielmehr soll hier aber die Rede von den charakteristischen Fachwerkbauten sein, die tiefe Häuserschluchten bilden und in ihrer Gassigkeit nicht selten den Schatten für zwielichtige Unternehmungen spenden. Markstadt ist groß. Markstadt lebt. Doch Markstadt ist auch deutlich erkrankt; an schlurfender Armut und vielen, hungernden Gestalten, denen es in den letzten Monaten auch schon schlechter ging - da ein Eskalieren der Hungersnot gerade so abgewendet werden konnte - die aber immer noch jedes Recht haben, über ihren fürchterlichen Zustand zu klagen. Viele sind aus den anderen Ländereien des Herzogs von Bauergard vor dem Krieg geflohen. Unter diesen Umständen - des allgemeinen Hungers - sind die Kartoffeln schnell an den Mann gebracht. Der tote Tristan kann daraufhin in einem freigewordenen Sack verstaut und für die Rückreise vorbereitet werden, die dann auch schnell angetreten ist.

Es wird nicht über die eigenartige Erscheinung auf ihrer Reise gen Markstadt gesprochen, als sie wieder in Alterszapfen eintreffen. So heißt es nun, der Schlag habe den armen Tristan in seinen besten Jahren gefällt; ja das Licht habe es so gewollt und man wünsche ihm alles Gute auf seinen Pfaden ins wohligwarme Totenreich, dem er unter nackter Erde, mit nunmehr endlich geschlossenen, weißen, leeren Augen, zugeführt wird. Ein Holzpfahl zu seinem Gedenken. Die Gebrüder Schwarz tragen die rechtmäßig eingefahrenen Silbermünzen heimwärts in ihr offenkundig bodenständiges, doch keineswegs ärmliches, zweigeschossiges Haus, das sich in den Hütten Alterszapfens sehen lassen kann. Alterszapfen reift von der Dorfartigkeit mehr und mehr zu einem kleinen Städtchen heran, dessen Kapelle die Banner des Dämmersturms trägt. Für Einwanderer aus den Resten des Verräterkönigreiches oder aus Markstadt - von denen es sehr viele gibt - wurden Flüchtlingsheime errichtet, wo man sie bestens mit Kartoffelsuppe, Kartoffelschnaps und Haferbrei versorgt, ehe man ihnen einen Burschen oder ein tüchtiges Mädel für den Dienst im dämmersturmschen Heer abrekrutiert. Die Gebrüder treten über die Feldwege - denn eine echte Straße hat Alterszapfen noch nicht - hinein in die gute Stube. Hier ist es düster, doch das soll unsere beiden Herren nicht beunruhigen. Rötliches Kerzenlicht erhellt die Finsternis der Räume und ein süffisanter, gaumenschmeichelnder Duft liegt an den Wänden, am Boden - und auf jedem feuchten Lidschlag.

Mutter Schwarz - in ihrer pompösen Fettigkeit - mit großgeschwollenen, hängenden Brüsten und dem öligwabbelnden Becken einer Übersiebzigjährigen, die es mit dem Leben und dem aus ihm hervorgehenden Speisen auf letzter Etappe zu gut gemeint hat, liegt mit gespreizten Schenkeln auf dem Boden, von denen ausgehend sich das Flammenspiel der Kerzen eigenartig reflektiert. Sie gibt zum Vollen die Blöße ihres Leibes, an dessen Ausmaßen sich ein ganzer markstädtischer Straßenzug sattzufressen hätte - ja der in seiner schwülstigen aufgedunsenen Art und Weise daherkommt, wie ein unförmiges Ogerweibchen. Ihre namenlosen Söhne treten auf sie zu. Das Silber stürzt und verendet in den Schatten. Die alten Worte neigen sich aus dicken Lippen geflüstert durch das Duftgewitter - vibrieren wie von gespaltener Zunge ausgesabbert - und kleben schließlich fest in den Ohren der Gebrüder Schwarz, die sich nunmehr selbst ihrer Kleider entledigen, ihre Hände in die Brüste krallen und sich unter ihrem raunenden Zutun stoßend-und-stoßend im mütterlichen Leib versenken.

Und mit dem nächsten Sonnenaufgang ist der Blick der Mutter von Gift erfüllt - und das Leben ihrer Söhne zunichte gemacht.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 13. Nov 2017, 18:22 
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Samuel


Nennt mich Samuel. Ich bin ein Kind Alteracs. Meinen Geburtsort muss ich nicht nennen, denn er ist vollkommen unerheblich. Überhaupt werde ich euch nicht viel über mich erzählen, denn ich täte all den anderen damit großes Unrecht. Ich würde mich und meine Geschichte über die ihre profilieren; dabei ist meine Geschichte - womit ich meine ganz persönliche meine - erschreckend uninteressant. Unsere gemeinsame Geschichte dagegen, für die ich mit diesen Worten einstehe, ist es möglicherweise wert, erzählt zu werden.

Ich kam als Flüchtling in das Nordwestgefälle. Man erzählte mir, es sei hier friedlicher, als in den anderen Regionen meiner Heimat; wo Oger wüten, das Syndikat die Überlebenden drangsaliert oder verbrecherische Emporkömmlinge sich aufspielen wie altehrwürdiger Provinzadel, um die Bauern zu unterjochen. Ich erreichte das Gebiet von Osten heran und kam in einer aufblühenden Ortschaft namens Alterszapfen unter. Sie stand unter dem Schutz des Dämmersturms, von dem ich bis dahin nur Gutes gehört hatte. Er habe das Land von der Banditenherrschaft befreit und sorge nun für Sicherheit und Wohlstand.

Wie sich Alterszapfen vor mir ausbreitete, bestätigten sich diese Geschichten: Überall standen die schwarzweißen Banner und wappenrocktragenden Soldaten. Die meisten waren selbst Alteracer, was mir sehr imponierte, da ich schon lang' nicht mehr jene meines Volkes in Reih und Glied hatte stehen sehen. Die Felder trugen Kartoffeln und all jene, die mit mir eingetroffen waren oder schon vor mir kamen, verdienten sich bei den aufstrebenden Bauern. Ich hatte genug zu essen und da ich ohne Familie eintraf, auch keine Sorgen. Nach zwei Monaten erreichte eine Delegation von Burg Wellenheim - so hieß der Sitz des Dämmersturms im Gefälle - das beschauliche Dorf und es wurde mit stärkenden Speisen und reichlich Bier ein Fest zu ihren Ehren abgehalten.

Ihre Rüstungen waren - wie das Blätterdach zu dieser Jahreszeit - bronzefarben. Sie schimmerten so herrlich und standen mit solcher Anmut, dass es den Respekt in mir temperte, wie kein Anblick zuvor. Ach, was mussten das für selige Recken sein! Normalerweise hatten wir die Schergen des Adels zu fürchten - doch sie vermochten es, dieser Tage, mich ernsthaft zu inspirieren. Ich diente ihnen gerne; brachte Essen und lauschte den grenzläuferischen Geschichten. Zur sechsten Abendstund‘ sprach mich ihr Befehlshaber an und ich erfuhr, dass diese besondere Einheit, dieser Trupp des Dämmersturms, den Namen 'Sektion Alpha' trug; und er, der sein Wort an mich richtete, Hendrick Heineken. Heineken war ein guter Mann mit leichtem Hang zum Zynismus aber einem großen Respekt vor uns einfachen Leuten. Er sprach auch nicht so geschwollen daher, wie man es von einem hochrangigen Offizier erwartet hätte. Seine Haltung wirkte diszipliniert, wirkte imponierend, ohne steif daher zu kommen. Hendrick Heineken, als er da saß, war eben jemand, dem man keinen Stock in den Hintern schieben musste, um eine respektable Offiziersfigur zu erhalten. Stattdessen schien es mir vielmehr so, als habe er die charakterlichen Qualitäten, die es braucht, ein Ordnungshüter und Soldat zu sein, schon von Grundauf erfahren - oder später besonders eindrücklich gelernt.

Nun sprach er mich also an und wollte wissen, wie ich heiße. Und ich sagte "Samuel" und den Namen meines Vaters; doch sprach er mich fortwährend bloß mit Ersterem an. "So euer Vater nicht hier ist, Samuel, sollt ihr einen Namen tragen, den ihr euch aussucht - denn hier im Lande Dämmersturm seid ihr eurer Vergangenheit nicht länger verpflichtet." Und weil ich um sein hohes Amt wusste, sprach ich dazu mit den Worten: "Es war der Dämmersturm, der mir diese Zukunft hier ermöglicht hat. Ich wäre geehrt, wenn er auch meinen Namen bestimmt - denn mindestens das bin ich ihm schuldig!"

Hendrick Heineken wusste darüber zu lachen, doch sah er den Respekt darin und schätzte ihn. „Sprichst mir wohlerzogen, Kerl – mag ich, mach ich – sach‘ mir an: Schon mal am Beil, am Speer oder mit der Lanz gedient? Der Dämmersturm sucht stets Waffenvolk! Tagelöhner wärst erstmal, aber nicht lang – der Rang danach heißt Mitläufer und beim Dritten… aber eins nach dem anderen!“ Er bat mich also, mit ihm zu kommen, um den Truppen zu dienen und ein Söldner des Dämmersturms zu werden. Jemanden wie mich - groß und kräftig - könne man gut gebrauchen; und meine Demut sei die Saat einer großen Karriere. Mensch, wie war ich doch in diesem Augenblick verführt! Einmal selbst in solch‘ prächtiger Brünne zu marschieren – ja, das wär’s! Doch er verschwieg mir - und darin lag eine gewisse Ehre - dass ich keine Wahl hatte, denn später erfuhr ich, dass jede Familie vor den Gesetzen des Dämmersturms wenigstens einen wehrfähigen Mann oder ein wehrfähiges Weib zu stellen hatte, wenn sie weiterhin seinen Schutz genießen wollte. Doch dies Gesetz hätte es nicht gebraucht, mich mitziehen zu lassen - denn der Sold war gut, sich täglich Brot zu leisten. Ganz zu schweigen davon, dass ich längst ein Inspirierter war - vom Rüstzeug und der Freude, die diesen Recken entgegenkam. Ich unterschrieb mit "Samuel Zukunft".

Viele Brüder und Väter wurden an diesem Tag rekrutiert. Im langen Marsch durch die Wälder trug es uns bis nach Gorheim; immer vorneweg: Heineken und seine bronzene Sektion Alpha. Gorheim war, wie Alterszapfen schon, von der Seele des Aufschwungs erfüllt - noch größer und beinahe prächtig in seinem Wachstum und seiner dekadenzlosen Einfachheit. Fachwerkbauten waren zu bewundern; bestellte Felder und freigelegtes, weites Land - von schützenden, dunklen Felsen umrahmt. An allen Ecken entstanden neue Bauten und Kapellen trugen schwarze Banner. Schon Alterszapfen regte in mir neuerlich: den totgeglaubten, alteracschen Nationalstolz. Doch als ich die Soldaten Gorheims sah - von denen es viele gab - in ihren Kettenhemden und der Heraldik des Söldnerbundes - da vergaß ich die schwelenden Ruinen meiner Heimat und glaubte, es werde alles gut.

Und da war ein Mann, der dieses aufkeimende Gefühl am Schopf ergriff und in mein Herz zu nageln wusste, wie kein Zweiter...

Meine erste Begegnung mit Derebron Darkwood - dem Hüter der Ländereien und Oberbefehlshaber des Dämmersturms in Alterac - war auf dem Truppenübungsplatz von Gorheim. Er erschien vor uns Rekruten in seiner grauen, mehrfach ausgebeulten Plattenrüstung. Sie war poliert; zeigte aber noch die Spuren vergangener Kämpfe. Das graue Haar und die Narben auf seiner Haut verhießen gleichermaßen Eindruck, wie es der Rest seiner Ausrüstung tat. Die bärenstarke Sturheit, die er ausstrahlte, ließ mich selbst Haltung annehmen, ohne jemals zuvor exerziert zu haben. Wie er da ankam - vor Erfahrung strotzend - schien selbige ohne ein Wort auf uns abzufärben.

Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut seiner Rede, bloß dass man uns nun zu Kriegern formen würde, deren große Ehre es sei, ihre neue Heimat zu beschützen. Dass man uns respektieren würde und dass wir fortan das Aushängeschild einer unbezwungenen Macht seien; des Dämmersturms, der dieses Land befreit hat. Und möglicherweise sei uns einmal die Ehre vorbehalten, vor den großen Kommandanten zu treten, um den heiligen Eid abzulegen.

Ich erfuhr außerdem, dass die Hauptstreitmacht des Dämmersturms außer Landes sei und dass sich die Zweige des Söldnerbundes bis in den gelobten Süden, nach Eisenschmiede und Sturmwind, erstreckten und es selbst auf dem Dach der Welt einen Ort gäbe, der sein Banner trägt. Es hieß, eine große Schuld laste auf unseren Reihen und dass wir, die wir nun hier für Ordnung sorgen, den Rücken jener Helden freihalten, die versuchen, diese Schuld zu begleichen. Das waren beschwingende Worte, denn sie ließen uns ahnen, wie groß der Söldnerbund tatsächlich war – doch schufen sie auch eine ehrfürchtige Distanz zu den fernen Heroen, die dieser Tage jenseits des großen Meeres über fremde Kontinente marschierten.

Langweilig wäre es nun, die Einzelheiten der Ausbildung breit zu schlagen. Und ich sagte ja schon, dass ich nicht viel davon halte, mich hier mit persönlichen Geschichten zu profilieren. Alles, was ich bis hierhin sagte, geschah so oder so ähnlich auch schon – oder nach mir – anderen, die ich spätestens auf dem Übungsplatz kennenlernte. Ich darf aber soviel sagen: Das Essen war in Ordnung und sie gaben mir eine festgesurrte, schicke Lederrüstung – einen überzogenen Gambeson; mehrfach beschichtet, sodass er auch in kalten Nächten schön warm hielt und mich fast schwitzen ließ. Aber als ein Alteracer weiß man doch das Schwitzen schätzen – ja in jeder Hinsicht dem schnöden Gefriere, das uns schon seit unserer Geburt anhaftet, vorzuziehen. Unser Land kennt nämlich selten milde Winter – und es war mir ein merkwürdiges Ding, das ausgerechnet der Nachfolgende ein solcher sein sollte. Kaum ein Flöckchen senkte sich über die dunkelgrünen Wälder der dämmersturmschen Ländereien. Kaufleute hört‘ ich gar sagen, dass auch im Westen – wo ein unliebsamer Verbündeter hauste und die großen Grenzgebirge lagen, nur in äußerster Höhenlage von Frost zu sprechen wäre. Drum darf ich erzählen, dass meine Ausbildung, eben wie gesagt, besonders feucht und verschwitzt vonstatten ging und ich das als willkommene Abwechslung empfand. Tüchtig! So nannt‘ der Darkwood mich höchstselbst – mit sturem Nicken und einem kurzen Blick, wie er mich nicht hätte großartiger mit Stolz erfüllen können!

Ein Gambeson mit Lederkleid, einen bronzenen Speer und den Wappenrock des Dämmersturms; all das erhielten wir. Und als Lanzenträger führte man uns in den Listen. Wir erlernten die Phalanx – lernten in Reih- und Glied zu stehen und die Waffe lang‘ und ausdauernd zu halten, um jedwedem Feind das Eindringen zu versperren; ob groß oder klein – und besonders Reiter hatten uns zu fürchten. Ganz vertieft lehrte man uns dies – nämlich wie ein Rittersmann vom Pferd zu ziehen ist: Mit dem Haken überm Speerschaft, auf dass er herniederstürzt und vom ersten Glied zerstochen wird. Wir lernten Dinge über Kameradschaft; lernten wie eine Einheit zu sein – ein verteidigender Körper unserer Heimat – und lernten auch praktisches Zeug. Tiere häuten, Feuer ohne Zunder schaffen und – was mir gänzlich neu war – den Speer zu schmieden und zu schärfen. Bronze ist in derlei Hinsicht ein beeindruckendes Material. Es ist bei weitem nicht so hart wie Eisen; doch hat man es einmal verbogen oder wurde es im Kampf beschädigt, ist es mit gutgemeinter Hitze schnell wieder gerade gemacht und kann fürs nächste Scharmützel bereitet werden.

Nachdem man uns also ausgebildet hatte, in fünf kurzen Monaten – zum Ende hin war’s wohl knapp November, erhielten wir das, was gemeinhin den Abschluss unserer Ausbildung symbolisierte: Ein Kettenhemd. Und was musst‘ ich mich erstmal gewöhnen! Schwer sind die Dinger für jeden, der sie noch nicht kennt. Doch damit war es ja noch gar nicht getan! Stulpen und Sabatons – und nicht zuletzt ein rüstiger Helm, sodass wir im Fluss schon Kriegsgewappnete erkannten! Da sagte ich mir: „Mensch Samuel, hast’s weit gebracht!“, womit ich für sehr viele sprach. „Dem Sturm entgegen!“

Am vierten Tag des elften Mondes erhielten wir – die wir ein gutes Dutzend waren – unseren ersten Auftrag. All die Ländereien des verbündeten Markstadts, sagte man, könnten nicht ausreichend vor Diebesbanden und Marodeuren geschützt werden, weswegen es die Kriegsgebeutelten vermieden, auf ihre Höfe zurückzukehren. Legdenstein, Erwins Ruh – das waren Siedlungen unter markstädtischer Herrschaft, die wegen der jüngsten Kriege allesamt brach lagen und denen aus Furcht das Volk fernblieb. Drum seien längst schon Männer von Osten und Westen her ausgezogen, um den Verbündeten zu unterstützen und einen Wohlstand zu schaffen, wie ihm schon Alterszapfen und Gorheim frönten. Doch weil die Zahl der Soldaten, die nun über dämmersturmsche Grenzen hinaus dienen mussten, endlich war, gab es kein Waffenvolk mehr, das die eigenen Hecken hütete. Drum wies man uns an, nach Alterszapfen zu ziehen und die ausrückenden Truppen abzulösen. Für mich ging es also zurück an den Ort meiner ersten Begegnung mit dem Dämmersturm.

Zwei Granaten und zwei Heiltränke, nebst Speer, Wappenrock und reichlich Verpflegung trugen wir in Rucksäcken über dem Kettenhemd und schwitzten ein Rinnsal auf die waldlandschaftliche Route! Doch den Speer hielten wir wie einen Wanderstecken, dass man uns von Weitem für Pilger hätte halten können. Doch welchen Pilger treibt’s schon her nach Alterac. Das will ich sagen: Den, der sich dem Dämmersturm verpflichten will! Das Lied eines alten Rottenmeisters auf den Lippen, zogen wir von dannen über Stock und Stein, bis uns die Augen schmerzten – vor soviel Grün und Finsternis; dass wir erstmal rasten mussten – so zehn Meilen vor dem Zielgebiet. Aber was muss, das muss – und unser Wortführer war selbst bloß Mitläufer; gar nicht mit dem Reiz, uns sonderlich zu quälen. „Eilt ja nicht – es is‘ kein Krieg.“, hatte er gesagt.

Wir machten uns notdürftig eine Unterkunft zurecht, indem wir Äste übereinanderschlugen und das Laub daran verteilten. Zelte führten wir nicht mit uns; wohl aber gefütterte Schlafmatten, die uns des Nachts ordentlich zu wärmen wussten. Mit schmerzenden Gliedern sanken wir ein: Ins Land der Träume; und schliefen schon tief und fest, als uns die dritte Wache weckte. Nun ist das mit dem Schlaf so eine Sache. Wer einmal richtig tief versunken ist, der wird besser gar nicht geweckt; sonst hätte er das Schlafen auch gleich sein lassen können. Man muss eben von selbst aufwachen, damit alles seine Richtigkeit hat. Jemand, der aber bereits über die Schwelle des Dösens hinausgesegelt ist und dann schiffbrüchig wird, der hat erstmal große Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Dem Soldaten ist daher diktiert, sich in latenter Döserei zu üben; also entgegen der reißenden Ebbe in Ufernähe zu bleiben. Doch das ist freilich eine Kunst für sich. Wir waren alle nicht sonderlich geübt darin und schlummerten, als wäre es das heimatliche Bett.

Jedenfalls wurden wir nun unter Schreien geweckt. Der Mann, der so sehr brüllte – Patrick war sein Name, glaube ich – hatte ein heftiges Organ. „Flüchtlinge aus Alterszapfen! Der Ort wurde angegriffen! Auf-auf! Schnell-schnell!“ Noch ganz träumerisch mussten wir raus; wussten kaum, wie uns geschieht und hatten noch den kalten Schweiß des fremden Bettes in den Achseln kleben. „Scheusale haben Alterszapfen überfallen – viele sind tot! Aufstehen, na los! Na los! Wir müssen retten, was geht!“ Und wie ich realisierte, was Schreckliches geschehen sein mochte, mit meinen Kameraden zusammen, traf es mich wie ein Schlag. Alterszapfen in Not – ja das kann doch nicht die Wahrheit sein! Doch freilich war sie’s und ich nahm schnell an mich: Speer und Rüstzeug und stand als Dritter in der Phalanx, was mich noch in diesem Augenblick regelrecht störte; denn ich war eifrig und wollte Erster sein!

Rumms-rumms, Kling, Schepper, Rasselsang. In Reih und Glied also durchs Waldstück, bloß mal getrennt vom sperrigen Baum – und beim Licht, es war ja auch noch Nacht! Dessen wurd‘ ich mir so langsam gewahr, denn zu allem Erschrecken, war es nicht so düster, wie man es sonst von einer Nacht erwartet hätte. Vielmehr schien beständig etwas durch die unlichten Rindenträger: Ein Schauer in ganz und gar fremdem Farbenspiel. Ich hätte ihm was von Frühling beigemessen; grün wie’s frische Laub – aber er war hell und abstoßend, sodass es in den Augen brannte. Giftig! Doch wie könnte eine Farbe giftig sein?

Da schrie eine Frau und nicht wenige zuckten zusammen, als sie in dreckigen Lumpen aus dem Dickicht stürzte, vor unsere Speere sank und Fuß um Fuß mit ihren Lippen absuchte. „Gutes Weib, steh auf und sprich – was ist geschehen in Alterszapfen?“ Doch so recht war ihr im ersten Augenblick nichts abzugewinnen. Erst als ich sie hochriss – denn ich sah mich dazu verpflichtet, einer Frau in Not zu helfen - sah sie mich leeren Blickes an und flüsterte schrecklich: „Teufel! Schwefel! Hexerei!“ Und wie sie das aus ihrem Munde spie – in dem es viele schiefe Zähne gab – erschrak ich so, dass ich sie ohrfeigte. „Sprich nicht wirr!“, rief ich. „Sag uns, was geschehen ist!“ Doch ich vergaß, wie schwer mein Arm gepanzert war. Sie stürzte blutig und stand nicht wieder auf. Mir wurde flau im Magen. Das Farbengift war greller denn je – und mit ihm kam ein übler Gestank, als faule ein ganzer Hühnerstall vor meiner Nase!

Kaum fünfhundert Meter weit entfernt leckten verkehrte Flammen durch die nächtliche Finsternis. Der Wortführer schrie zum raschen Marsch und wir trampelten los; so schnell es eben ging, ohne die Schlachtordnung zu gefährden. Nun also sollte sich die erste Gelegenheit bieten, dem armen Volk zur Seite zu stehen; Recht und Ordnung zu erhalten und dämmersturmsche Kund‘ ins Land zu schallen. Motiviert atmeten wir zum Gestank und würgten gehässig, als unsere Mägen schrien. Manch einer übergab sich; doch ihm ward rasch wieder aufgeholfen. Vorwärts und weiter; der Siedlung entgegenstrebend, während jammernde Schatten an uns vorbei ihr Heil in der Flucht suchten. Was muss das sein, das einen ganzen Ort vertreibt? Und dieses Dutzend hier mit Speeren – in was hatte es sich manövriert? An Umkehr war nicht zu denken; nicht angesichts der flüchtenden Gestalten Alterszapfens, zu deren Heil wir überhaupt erst Wappen trugen.

Unter Räucherdunst fiel wie Rinde von den Bäumen; plötzlich war ein Gekreisch erklungen, wie wir’s lebtags noch nicht gehört! Hässlich war’s Rauschen in unserem Kopfe – ich wollt‘ mir helfen und den Speer entlassen – zum Ohr führen: die Hand, damit ich es nicht länger hören müsst. Doch angestoßen musst ich Haltung wahren. Mein Kamerad – der Peter – klopfte auf mein Schulterzeug; ich solle doch die Waffe nicht senken! Der Feind ist nah!

Das Kreischen wich einem Gegacker; schien ferner als es wirklich war. Wir waren taub; mit toxiniertem Blick – und die Luft flackerte im Feuerschein. Gelbes Glimmen schoss da aus der Dunkelheit; immerzu gepaart. Zwei und vier und acht; zwölf und vierzehn, zwanzig – ungezählt das Weitere. Augenartig taten sich die Schlitze auf, die da gelauert hatten; pfeilartig die Pupillen, groß und breit und weit: Die Mäuler. Doch ihre Leiber waren klein – waren koboldartig und ganz schief geformt; hatten hier und dort scheußlich anzusehende Auswüchse; im Ganzen kleiner als jeder Bengel. Sie sprangen schwarz und dunkelgrün; manch‘ Ding auch rosenfarben und violett! Grässliche Kreaturen aus der Finsternis! Wie mein Ohr noch schwieg und vor Schreck nicht mehr zum Kopfe sprach, da lauschte ich der Erinnerung; von bösen Geistern aus dem Wald, die böses Balg sonst zu sich holten. Doch dies hier war kein Ammenmärchen. Das Ammenmärchen ward Wirklichkeit und die Gefahr so lauernd wie die Rachsucht einer Mutter vor ihrem frechen Kinde, das um seine Schuld gewusst!

Ich sah die Münder meiner Waffenbrüder rufen und pflanzte meinen Speer nach vorn; in das was, da kommen sollte. So taten es mir alle gleich und vor soviel Schrecken und Ärgernis, erschien es dem tiefsten Triebe nach sinnvoll, sich nicht noch weiter zu wagen, sondern den Grund zu halten. Um Alterszapfen zu erreichen, müsste sich der Pfad sowieso durch diese Unholde ziehen, die da hüpften und japsten und gackerten. Speere blank – und dann kam das Höllenfeuer!

Ein Geschleier und Gedröhn von vielen leckenden Flammenzungen, ganz grün durchwirkt und schwefelstinkend, prallte unserer Schlachtordnung entgegen; ausgespuckt und aus teuflischen Klauen heraufbeschworen. Wir sahen übelstes Hexenwerk vonstatten gehen; doch zwei drei – gleich und schnell – sahen es nur kurz, denn ihre Wappenröcke verglühten sternenhell; das Kettenhemd darunter schmolz und Brustfleisch brach platzend unter Blut- und Knochenregen. Grässlich war’s, das sag‘ ich dazu. Einfach umgekommen, ohne den Kampf wirklich erfahren zu haben; ohne ihrer hehren Ambition gerecht geworden zu sein – mit bester Absicht, doch ohne Geschichtsträchtigkeit und fortwährende Anerkennung, denn zum Trauern und Gedenken blieb uns keine Zeit. Panisch strebte alles auseinander; die Reihe ward mit dem ersten Einschlag giftigen Feuers gebrochen und hinter Bäumen und Büschen suchte das Mannsvolk Schutz. Oh wie hörten wir sie gackern, die Teufel!

Schulter an Schulter mit Patrick: Unsere Wappenröcke labten sich am Rindenholz und die Kettenhemden schnitten tief ins Stoffkleid. Oh, wie spürten wir die Angst mit jedem Wabern der vergorenen Morgenluft in die das Feuer so unwirklich zu tänzeln wusste! Wie die fangenden Arme eines Vaters am türmenden Kinde, hielt uns die Furcht an Ort und Stelle gefesselt. Wir redeten uns ein: Der Feind müsse schon kommen! Von der Seite würden wir ihn anfallen und niedermachen; doch wie Atemzug um Atemzug verstrich ward das Land der Zernichtung ein Stück näher gekommen und unsere Schicksalsweihung abgeschlossen.

Manchmal ist die Furcht auch bloß dazu geschaffen, das Vorherbestimmte einzuleiten. Dann wirkt sie so, dass sie den Menschen an Ort und Stelle erfriert und den Geschehnissen der Welt überantwortet, die nun einmal so bereitet sind – von den höheren Gewalten, die sich über ihm thronend einen Spaß erlauben. Ihr Wirken ist der eitlen Vernunft in so vielen Dingen überlegen! Nicht, dass sie auch wirkt, wenn doch eigentlich keine Gefahr besteht; nein vielmehr weiß sie sogar Antworten auf Fragen zu geben, die gar keine Antwort erlauben. So auch in diesem Augenblick, wo’s Ausfallen unseren sicheren Tod bedeutet hätte, das Ausharren aber ein ähnliches Schicksal verhieß.

Da kam plötzlich ein Scheusal vorbeigesprungen, das mich noch nicht erkannt hatte. Es hätte auch ein Blatt, ein Reh oder ein Waschweib sein können; doch so erpicht darauf, sofort zu erstechen, was vorbeizustreben sucht, stieß ich den Speer nach vorn und traf das Ding im Genick! Es krächzte hasserfüllt, verlor giftfarbenes Blut und zerstieß in schwarze Wolken. Das Monster ward geschlachtet! Und ich rief aus tiefster Kehle den Kameraden meinen Sieg entgegen, auf dass sie mit neuem Mut aus ihren Verstecken eilten. Denn das ward‘ nun zum Kredo erkoren: Besser im Kampfe untergehen als auf den Tod zu warten. Und wenigstens, so glaubten wir, musste das Zerplatzen an ihrem Höllenfeuer ja ein schnelles Dahinscheiden sein. Ohne Leid und ehrloses Gejammer.

„Dem Sturm entgegen! Dem Sturm entgegen! Dem Sturm entgegen! Hurra! Hurra!“, so stieß die Hymne aus acht Kehlen, die bald sieben waren; bald sechs und mit dem Erreichen der Palisaden von Alterszapfen bloß noch fünf. Wir waren scheppernd gerannt, doch immer wieder hatte umherwirbelnde Hexerei gewütet und einen der unseren geraubt. Die Scheusale derweil taten ihr Bestes, uns stets aufs Neue zu entkommen; hielten Abstand in den Schatten und lachten uns für unser Vorankommen aus. Sie wussten um die Hoffnungslosigkeit des Ausfalls: Doch irgendwer musste in Erfahrung bringen, was hier geschehen war. Das war nun unsere Pflicht an diesem Ort.

Die Tore des Ortes waren weit geöffnet, doch wie’s Leuchten schon verkündete: Häuser standen lichterloh im Flammenschein, der nach Schwefel stank. Rußverfärbte und Verbrannte lagen auf den Feldstraßen und Asche wehte mit dem Giftgestank. Weibs- und Kindervolk, Alte und auch Männer; die Mörder hatten sich keine Schranke gesetzt und viele kleine Teufel wüteten über den Trümmern und schändeten die Leichen, dass wir schon auf den ersten Blick ahnten: Je länger wir verweilten, desto geringer sei die Wahrscheinlichkeit, dass es einer von uns lebend bis nach Gorheim schaffen würde.

Wir stießen in die Gassen vor und hielten uns am Mauerwerk eines Lehmgehöfts. Es deckte unseren Rücken, damit sich’s mutig aus den Schatten spähen ließ – rüber zum Platz und zur Kapelle, wo die Schrecken wuselten und einander mit scheußlichem Schabernack übertrumpften. Mit Schädeln sahen wir sie kegeln, wobei geisterhaft schwebendes Gerippe das Ende ihrer Bahn markierte; das es umzustoßen galt und von dem ich glaube, dass es kaum ausgewachsen war, bevor sie es vom Fleisch getrennt hatten. Da packte mich die Wut erneut und ich riss mir aus dem Feldgepäck: Eine Granate. Die ward rasch geschärft und losgeschmissen – in die Teufel, die dann platzten und von Splittern zerbombt auseinanderstießen. Wahrlich: Wenn so ein Ding vergeht, ist der Blutschwall größer, denn Vernunft es uns zu glauben erlaubt! Wie viel grüne Sülze da zu allen Seiten spritzte und dampfend in das Umland stieß – ich weiß es nicht zu sagen; doch war’s mir wesentlich mehr, als es hätte sein können bei solch kindlicher Abscheulichkeit.

Das hatte nun endgültig den Kampf besiegelt, denn gewiss: Ich traf nicht alle. Und das Gackern ließ verlauten, dass sie nun von allen Seiten kämen und wir uns schleunigst aufzumachen hätten. Über den Platz strebte unser Schepperschritt! Rasch! Rasch! Da traf es Bernd – oder Björn, man will es mir verzeihen, denn ich kannte ihn nicht gut – und er fiel mit Höllenfeuer in der Brust hernieder, ehe sein Leib zu allen Seiten hin in grässlichem Geschmatz zerfetzte. Oh wie die falschen Lichter uns im Auge brannten und selbst die Tränen schmerzten wie ein Peitschenhieb!

Die dämmersturmsche Kapelle – mit ihren feuerzerfressenen Bannern – wurde uns für den Augenblick zur Zuflucht. Wir verschlossen die Pforte und rückten knarrend die Bänke vors Portal – doch keinen Lidschlag später sahen wir’s Fenster bersten und sie strebten zu Dutzenden in wilden Sprüngen durch das Buntglas, landeten blutend in den Splittern und fielen über uns her. Doch dies eine Mal, da war uns der Vorteil hold! Es war eine glückliche Fügung – und auch ein galantes Zeugnis unserer Ausbildung. Der Feind nun, der uns mit Garstigkeiten beschoss, doch stets vor unseren Lanzen floh, war zum nahen Kampf gezwungen, sodass wir viele seinesgleichen aufspießen konnten, noch ehe das Giftgrün aus ihren Klauen blitzte.

Da knallten und zerplatzten viele Kreaturen, bis die Bronze sich am Schaft verbog! Unsere Kettenhemden sprudelten vor Gift, wurden löchrig – und das Blut der Wichtel ätzte durch den Gambeson, bis hernieder auf die nackte Haut, wo heut kein Haar mehr wächst und das Fleisch sich faltig krümmte! Wir litten über jeden Sieg – doch nie fehlte uns der Atem zum nächsten Streich! „Stirb doch! Stirb! Brenn! Ich zerhack‘ dich, du Scheusal! Brenn, stirb! Ja – gib‘ Blut du Aas! Gib Blut, ich will dich enden sehen!“

Und so schlugen wir zwanzigminütig - oder einen ganzen Tag - die Unheilvollen aus der Anderwelt; bis der Kapellenboden unter Kriegsnektar verschwand und ihr Schwall an uns verebbte. Doch uns war, als wär die Schlacht noch nicht gewonnen; ungläubig standen wir mit acht Armen und acht Beinen, unseren verbogenen Waffen und dem zerschlissenen Kriegsgeschirr – mit Luft für mehr und keiner Müdigkeit in Schenkel und Bizeps. Ein seltsamer Zunder fing Feuer im linken Auge des Sebastian; unseres mittleren Streiters. Unsichtbar, doch infernal, schlug es über seinen Kopf und ließ ihn schreien, auf die Knie sich werfen – herab ins dampfende Dämonenblut! – und den Lanzenschaft zur Seite rammen.

„AAAAAAAAAAAAAAAAAAAARH!“

So fiel er uns plötzlich an, ganz toll geworden, wie ein krankes Raubtier in der Grube! Er schwang seine Waffe wie gegen eines der Biester, das uns angefallen hatte. Durchs Wollkleid bohrte sich das zitternde Metall der Lanzenspitze; hernieder ins Herz von Hermannsson, der gar nicht wusste, wie ihm geschah: Vom eigenen Waffenbruder niedergestreckt! Karmesinrot loderte Sebastians Augenlicht in der Berserkerwut!

Als der arme Hermansson nun zusammenbrach, stand ich wie vom Donner gerührt! Mord! Verrat! Die Folge schrie nach Unverzüglichkeit, doch als mich noch der Schock gefangen hielt, war Hugo – so hieß der letzte im Bunde – längst ausgerückt, um den wahnsinnigen Sebastian seiner gerechten Strafe zuzuführen. Er stach ihn ab – von oben ins Genick, sodass sein Klagen rasch verstummte. Da setzte auf einmal fürchterliches Gelächter ein! Hugo und ich, wir waren schwer atmend die Verbliebenen. Hinterblieben, gewissermaßen – das letzte Aufgebot von Alterszapfen und die umdrehende Hand an der Sanduhr für all das Volk, das noch nicht weit genug geflohen war. Was gab es da zu lachen?

Ein Erdbeben! Ein Schlag wie von Tribok und Katapult; hier in der dämmersturmschen Kapelle. Da zitterte alles und Kerzenständer warf es um, gleichwohl wie unsere Barrikaden. Glas, das noch gehalten hatte, zersprang vor unseren Augen, das wir schützend die Hände heben mussten. Das Dach brach auseinander. Ziegel flogen in den Dreck. Dem Schwefelgestank schloss sich nun auch Schweiß an – und schmatzend klang da das Fleisch einer Abscheulichkeit. Oh, fürchterlich! Augenblicklich zwang sie mir ab, meinen Mageninhalt auf den blutgesäumten Boden zu speien. Urghs!

In übergewaltigen, abscheulichen Ausmaßen überspannten Fleischlagen einander wie fettgetränkte Lappen. Riesige, mütterliche Brüste mit ranzigversifften Knospen hingen zwei Meter in die Tiefe und die über und über bewachsene Stirn - faltig und schwefelstinkend - bis halb über die gleißendgrünen Augen der Höllengeburt. Winzige Füße an Schenkeln – dick wie drei Schweine – ragten unter ihr hervor, während zwei winzige, ledrig bespannte Flügel den hässlichen Wanst unmöglicherweise in der Luft hielten. Ihre grässlich-kratzende Stimme hallte durchs eingebrochene Dach der Kapelle, spie schmerzende Worte in fremder Zunge und grölte vor giftsabberndem Gelächter.

Es brach mir den Kampfesmut. Meine Stiefel, vom Erbrochenen umflossenen, setzten einen Schritt vor den anderen und Hugo, der wohl das gleiche dachte, sprang mir gleich hinterher. Doch der arme Teufel rutschte aus, als ich durch die Kapellenpforte eilte, unter fettriefenden Schenkeln der Abscheulichkeit hindurch und raus aufs Dorf, hinüber zu den Hütten. Dass er tatsächlich fehlte, fiel mir erst auf, als ich seine Schreie vernahm, denn das unsägliche Ding, das ich nicht betrachten konnte, ohne unter roten Augen zu weinen wie ein Kind, hatte ihn sich geschnappt und riss nun mehr und mehr von seinem Leibe ab, um‘s blutplatzend zu verschlingen und den ganzen armen Hugo schließlich herunterzuschlucken.

Es trieb mich durch die Gassen. Ich sah noch gackernde Unholde. Sie machten sich über mich lustig, doch da flog kein neuerliches Feuer, um mich niederzustrecken. Wie ich die Sache überlebte, glaube ich jetzt, dass sie mich nur entkommen ließen, um Meldung zu machen und diese unsägliche Geschichte zu erzählen. Es ätzt mein Herz mit Scham, ihren Willen so zielgenau zu erfüllen, doch schweigen kann ich nicht!

Ich brachte Alterszapfen mit seinen verbrannten Häusern, Leibern und Knochen hinter mich und schlug mich blindlings durch den Wald, bis ich endlich die Straße fand und rastlos südwärts irrte; flankiert von Tannen und Gestrüpp, die mir den Blick auf das, was ich überstanden hatte – die Übel des Waldes generell – verschleierte. Tobiasstadt war der Ort, der mir am nächsten lag – das Heim der Cherusker Fahne; einer stolzen Waffenschar, die dem Dämmersturm verbündet war. Man wollte mir kaum glauben, hielt mich für toll – doch so wahr ich dort stand und alles mit Eiden und verzweifelten Schwüren bekräftigte, gaben sie mir Wasser, Brot und Schinken, von dem ich kaum etwas herunterbekam und sandten schließlich nach Gorheim. Derebron Darkwood müsse die Sache überprüfen.

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Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


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