Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 21. Sep 2016, 05:40 
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Jammertal


Die spätsommerliche Brise fährt durch das Laub der Mischwälder des Nordwestgefälles. Die trockenwerdenden Blätter schütteln sich knisternd. Das Gestrüpp wirft rostrote, undurchsichtige Schatten. Es vermengt sich auf weite Sicht zu unheimlicher Düsternis, die nur an wenigen Stellen vom aschfahl vernebelten Sonnenlicht unterbrochen wird. Säulenartig und kraftlos: Das Geschimmer. Über den Kronen lautet der krächzende Klang alteracscher Sittiche, die ihrem Ruf nachgekommen sind, Unglück zu verheißen. Dem überwucherten, halb zerfallenen Straßenlauf folgen mehrere Karren. Das Waldaroma - dieser krautartige Schleier - nimmt Gemüse in sich auf. Ladeflächen tragen Kartoffeln. Bauern mit Hüten - wohlgekleidet - treiben Vieh vor sich her, das die Karren zieht; wenn sich nicht schon ein Pferd geleistet wurde. Knister, knister: Die Blätter sprechen über den Einfall der Kartoffelernte hinweg. Jeder, der die vorhergehenden Wochen und Monate in diesem Land erlebt hat, begegnet der klangvollen Geräuschkulisse nunmehr mit stillschweigender Ehrfurcht. Die Schlacht am Kaderwulstpass - überhaupt der ganze Zweite Frühlingskrieg - haben eine Wunde hinterlassen, die nun in Mythen und Sagen vernarbt; in Mären von Waldgeistern und jenen Schauergeschichten, die man frechen Kindern zu erzählen weiß.


Kind!
Geh' nicht aus dem Dorf!
Nicht zwischen Eibenwurz und Torf!
Wo Äste, Wurzeln, Stämme streben
erwacht der ganze Wald zum Leben:
Hungert, frisst - ist nimmersatt,
die alte Weide Wucherblatt.


Ins Windgeflüster mischt sich das klappernde Raunen einer Plattenrüstung. Etwa in einhundertfünfundachtzig Zentimetern Höhe verklingt das Geräusch von kantig bestrichener Haut und fallendem Haar. Derebron Darkwood sitzt in voller Montur auf einem Hocker; unweit der Straße - die er sehen kann - neben einem erloschenen Lagerfeuer und zwei güldenen Mitläufern der Sektion Alpha. Er rasiert sich. Militärisch akkurat, weil es sich so gehört. Neben ihm steht eine gefüllte Schwertscheide, rechts von ihm ein eigenhändig polierter Schild. Es ist - das darf man bemerken - sehr laut hier, obwohl keiner etwas sagt.

Karren um Karren rattert vorbei. Die Bauern durchqueren den Wald, um ihre Ernte in Markstadt zu verkaufen. Sie sind in den letzten Jahren schlagartig zu Reichtum gekommen. Sie müssen nicht mehr hungern, weil der Dämmersturm sie aus den schartigen Krallen eines Banditenfürsten befreit hat, dessen Name der Vergessenheit überantwortet wurde; nicht mehr hungern, weil sie ihre Felder bestellen können... Doch allem voran müssen sie nicht hungern, weil es dem Nordwestgefälle dieser Tage schlecht ergeht. Markstadt ist ein desolater Ort, dessen Grundversorgung gerade so gewährleistet werden kann. Zwei Kriege: Der Erste und der Zweite Frühlingskrieg wurden auf seinem Rücken ausgefochten. Das Land der Kobra - dem Herren Bauergard von Markstadt - ist platt und verwildert; ist verarmt, unbestellt und trostlos. Hier jedoch, in den Ländereien des Dämmersturms, wo die Grenzen standhielten, wo die Bäume kein Dorf niederschlugen; wo die Westbergzwerge scheiterten und der Wolf nie einen Fuß hinsetzen konnte, hier... geht es den Menschen gut. So gut, dass sie ihre Überschüsse gewinnbringend an ihre hungernden Nachbarn verkaufen können.

Das Wort des Dämmersturms wurde eingehalten. Das Versprechen von Frieden und Wohlstand. Von Fortschritt! Und die fortschreitenden Karren halten den Grenzen der söldnergeschützten Ländereien entgegen. Die Helden von Lordamm, Dörflingen, Pökelheim, von Alterszapfen und dem kaderwulstschen Pass gedeihen zur Folklore. Kapellen tragen schwarze Banner und wo sich der sagenhafte Mantel über die letzten Jahre spannt, wirft Altvater Legende seine Schatten in die goldgelockte Vergangenheit.

Einer der Sektionssoldaten bietet dem Hüter der Ländereien, dem Nachfolger des großen Julius von Wellenheims, ein gewürztes Stück Fleisch an. Die dankbaren Bauern haben zu Ehren des Dämmersturms einen schwarzen Stier geschlachtet. Derebron lehnt ab. Schweres Essen zu solch früher Stunde raubt dem ganzen Tag die Lebensfreude. Er betupft sein frischrasiertes Gesicht mit einem Handtuch und steht vom Hocker auf. Kurze Schritte tragen ihn näher an die Straße, wo er die vorbeiziehenden Bauern beobachtet. Sie sind guter Dinge. Er dreht sich wieder um. Die beiden Männer der Sektion tragen polierte Bronzerüstungen. Sie glänzen in einer einfallenden Lichtsäule mit dem gleichfarbigen Rostrot des Laubes um die Wette. Das sind gute Männer, denkt Derebron. Er erinnert sich an die Wandgemälde eines gilneerischen Herrenhauses, wenn er sie so ansieht; bloß strecken sich keine weißen Federschwingen, aus ihren oberkörperumspannenden Platten, der Sonne entgegen. Außerdem könnten sie sich mal wieder waschen und etwas gerader stehen; ihre Wappenröcke säubern und das Haar richten. Die Unterschiede zum Wandgemälde, die er sich da erinnernderweise zurechtgedacht hat, sind größer als erwartet: Aber das macht nichts. Wenn Derebron sieht, wie die Bauern zu ihnen herüberstarren; wie sie Patrouillen beklatschen und Brotkörbe ungefragt zu ihren Füßen legen, dann bedarf es keiner Schwingen mehr; dann ist getan, was getan werden musste. Und vielleicht noch etwas mehr.

"Ahner, wir befinden uns in einer vortrefflichen Situation, sehe ich das richtig? Der Krieg ist beendet, den Menschen unter unserem Schutz geht es gut, der Wolf trachtet ausnahmsweise einmal nicht nach unserem Leben und seit mehr als vier Wochen gab es keine Übergriffe auf unsere Lieferungen mehr."

"Ja, mein Herr! Die Lage könnte nich' besser sein, Herr."

"Warum zum Teufel bin ich dann so unzufrieden?"

"Is' vielleicht so'n Soldatending, Herr."

"Was soll das sein?"

"Naja, eben so'n Soldatending, Herr. Wenn Frieden is', dann gibt's nichts zu tun."

"Glaubt mal, Ahner. Ich habe genug zu tun. Bin auf meinen alten Knochen nochmal ordentlich die Treppe hochgestolpert. Nicht zu empfehlen."

"Jaa, aber's gibt kein Gezänk, Herr. Nichts für die Arme und für die Beine. Vielleicht braucht'er mal'n bisschen Entspannung. Ich kenn' da die Anneliese, die-"

"Haltet den Mund, Ahner. Wie viele waren das jetzt?"

"Einundzwanzig, Herr. Fünfzehn kommen noch - wobei' der alte Ulf sich gestern 'n Knöchel verstaucht hat; also sind's wohl doch nur vierziehn."

"Ein Jammer."

"Ja, Herr. Wirklich'n Jammer."

_________________
Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 2. Jan 2017, 04:22 
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Die Gebrüder Schwarz


Wäre man vor wenigen Jahren mit der Aufgabe betraut worden, das Leben der Gebrüder Schwarz zu beschreiben, hätte man es getrost als unauffällig abtun und in wenigen Sätzen abwickeln können. Geboren in einem Zeitabstand von zweieinhalb Jahren; beide dunkelbraunhaarig mit dichten, breit wachsenden, alteracschen Augenbrauen und einer unverkennbaren Hakennase, die sich schon seit ihrem Urururgroßvater durch die Ahnenreihe der Familie zieht, erlebten sie die raue Kindheit nordwestgefällischer Bauernjungen. Die Sommer- und Herbstmonate verbrachten sie ohne sonderlich viel Freizeit unter dem grauschwarzbewölkten Himmel der Verräternation; rübenstechend und hafersäend. Ihr Vater, ein Mann, der zur damaligen Zeit siebenundvierzig Winter zählte, starb während des dritten Krieges, als er von einer Leiter fiel. Ihre Mutter, jetzt zweiundsiebzigjährig, bewohnt heute noch immer das kleine Gehöft der Familie im aufblühenden Alterszapfen, unweit der dämmersturmschen Handelsroute nach Markstadt. Die Gebrüder nun, die ihr ganzes Leben lang bloß Bauernjungen gewesen waren und sich zwar zur Tüchtigkeit, nicht aber zu nennenswerter Weisheit entwickelten, nunmehr mittzwanzigjährig, besuchten nie mehr als eine priesterliche Dorfschule, in der sie beinahe daran scheiterten das Lesen zu verstehen; im Rechnen aber wenigstens das erreichten, was man von ihnen verlangte. Eine nicht zu verachtende, natürliche Konstitution ließ sie sämtliche Krankheiten des Landes bis zum heutigen Tage überstehen. Selbst unter der Herrschaft des Wiesels, welches nur ein weiterer von vielen Banditenfürsten war, die nach dem Fall Alteracs das Nordwestgefälle beherrschten, erwiesen sich beide als zäh und unnachgiebig. Ohne zu fragen, wurde auch diese Zeit überstanden und kommentarlos abgewickelt. Sie hatten den Duft von Freiheit, von Individualität und kreativer Schaffenskraft nie gekostet; waren immer geistlos-fleißig und schätzten die Arbeit als etwas, das nun mal getan werden müsste; nicht anders als essen und schlafengehen.

Als der Dämmersturm kam und das Land von der Herrschaft des Wiesels befreite, veränderte sich ihr Leben langsam aber beständig. Dieselben Männer, die zuvor im Namen des Herzogs de Pusché - also des Wiesels - vergewaltigend und drangsalierend durch das Land gezogen waren, trugen nun die Wappenröcke des Dämmersturms; dieselben Gesichter: Dieselben abscheulichen Kreaturen. Doch sie hielten still, denn nun wurden sie bezahlt.

Plötzlich hatten die Gebrüder Schwarz mehr von ihrer Ernte, als sie bis zur nächsten verzehren konnten; mehr als sonst jemand im Dorf gebraucht hätte. Allen anderen Bauern Alterszapfens erging es nämlich ähnlich: Ernte um Ernte floss plötzlich in die eigenen Silos. Magenknurren gehörte der Vergangenheit an und die Bauern erfuhren etwas, das sie vorher nicht kannten: Wie es ist, Geld zu besitzen. In den Folgejahren - den Jahren der Frühlingskriege - hungerte die größte Stadt des Gefälles, Markstadt, was dann zur Folge hatte, dass die Bauern des Umlandes in Scharen zur Küste des Lordamersees pilgerten, wo besagtes Markstadt nämlich liegt. Nach anfänglich rührseliger Naivität, entwickelten sie schnell einen Geschäftssinn, der sie alle zu wohlhabenden Unternehmern machte. So auch die Gebrüder Schwarz! Diese, die ja stets nur gewartet hatten, wurden also für ihre Mühen entlohnt und schickten nunmehr regelmäßig Kartoffelsäcke nach Markstadt.

Der ungewohnt rasche Wandel der Lebensumstände, hier im Osten des Gefälles, hinterließ ein allgemeines Fressen. Das will heißen: Die aufgeblähten Bäuche der Bauern, die so viele Jahre hungerten, stürzten sich mit ihrem neuen Reichtum in einen kulinarischen Rausch, der zwar in seiner Vielfältigkeit zu wünschen übrig ließ, jedoch überall im Lande Dämmersturm so fabriziert wurde. Man aß und fraß, eines Ebers würdig, und die Leiber gewannen im Allgemeinen soviel Gewicht, dass es für fremdes Volk nicht immer schön anzusehen war. Als dann die Flüchtlinge kamen; die vielen Menschen Markstadt, die es nicht länger ertrugen, all diese Vorzüge vor der Haustür zu haben, selbst aber hungernd sterben zu müssen, mehrte sich das Bild der Stallburschen, der Lieferanten, Hübschlerinnen, ja sogar der Mägde und Gesellen - hier im besagten Alterszapfen. Die reichgewordenen Bauern, die kaum Anteile an den Söldnerbund zu zahlen hatten, stellten viele von ihnen zu mehr als verträglichen Löhnen ein; sodass sie alsbald nicht mehr selbst auf den Feldern zu sehen waren, geschweige denn die beschwerliche Reise nach Markstadt auf sich nehmen mussten. Man muss dazu aber sagen, dass es zum Zeichen von Anstand gedieh, seine Ernte selbst per Handschlag zu verkaufen, weswegen es sich die beiden Schwarzbrüder nicht nehmen ließen, selbiges auf den hungerumzäunten Märkten Markstadts zu tun. Diese nicht abreißende Tüchtigkeit war auch der Grund dafür, dass sie nicht im selben Maße an Gewicht zulegten, wie zum Beispiel ihre Mutter - trotzdem aber ordentliche Wangen aufbauten, die unter eskalierender Schrittfolge freudig und rosig durch die Gegend hüpften.

Nun verhält es sich so, dass diese beiden Brüder mit - mit Knechten im Gefolge und zwei Pferdefuhrwerken - von Alterszapfen nach Markstadt fahren, um wieder einmal unverschämte Gewinne zu erzielen. Dass diese Gewinne unverschämt sind, ahnen sie selbst nicht, denn sie hatten ja nie ein Land außerhalb des Nordwestgefälles kennengelernt; überhaupt eigentlich keine Ahnung von den 'Dingen', bloß - und das mit verrucht unterschwelliger Leidenschaft - eine Vorliebe für Silber entwickelt. Sie sahen nämlich, dass Silber gut war und dass es gereichte, ihnen zu allerlei praktischem Kram zu verhelfen. Man sehe die Knechte und die Karren. Da wäre es nachlässig, fast faul gewesen, es anders zu halten und auf diesen fulminanten, gesellschaftlichen Aufstieg zu verzichten, den sie - dem Dämmersturm sei Dank - erfahren durften. Selbstredend wissen sie ihm regelmäßig dafür zu danken, indem sie in der Dorfkapelle eine Kerze anzünden. Sie hatten nämlich erfahren, dass dieser sich einer großen Gefahr stellen müsste und deshalb jedes möglichen Beistandes bedarf.

Das markstädtische Land auf ihrer Route ist allem voran als trist zu bezeichnen, sodass der Name Tristan eine häufige Wahl für Neugeborene dieser Region ist. Hierbei handelt es sich nämlich um die Herkunft dieses Namens; Tristan kommt von 'trist' und es wäre euphemistisch gesprochen, wenn Mütter und Väter, die sich bei derlei Überlegungen etymologisch haben inspirieren lassen, nicht allzu große Begeisterung über die Geburt ihres Sohnes empfanden. Ich sage hier "Sohn", weil sich der galante Name "Tristess" dieserorts nie wirklich durchzusetzen vermochte. Seis drum. Die Gebrüder Schwarz sehen sich von ihren Karren aus um und was sie sehen, ist karges, felsiges, Land, das sich einer fulminanten Mischung unterschiedlicher Grautöne erfreuen darf, die jedoch alle vergleichsweise flach daherkommen; also keine verschlungenen Pässe, Klippen oder Kämme bilden. Das Umland gleicht sozusagen einer umgestürzten Schiefertafel oder - in Rohform - einer rücklings liegenden, leicht unkrautigen Steinwand. Im Westen lassen sich Baumgruppen erspähen; weit im Süden grünes, arathorisch anmutendes Weideland. Im Norden erstrecken sich die pechschwarzen, binnenmeerartigen Weiten des Lordamersees und im Osten tiefster Mischwald. Sie kommen von Osten her, aus dem Wald, und fahren nach Westen, Markstadt hinter den Baumgruppen entgegenstrebend. Freies Getier ist auf eine Schar von Wildgänsen reduziert und die Vegetation, hier im Land der Tristane, bildet zäher Löwenzahn und ein mageres Aufgebot grüner, wasserbeständiger Gräser, denn hier regnet es viel und oft, sozusagen aus Kübeln, und die letzte große Überschwemmung liegt noch nicht lange zurück.

Wir möchten unseren aufmerksamen Blick von hier aus dann genauer auf die daherziehende Karawane lenken, die klappernd - und spritzenderweise - die alte Reichsstraße heimsucht. Sie ist, während das geschieht, einer Vielzahl von Schlamm- und Schlaglöchern ausgesetzt, denen auszuweichen es versierter Fuhrwerkfahrtechnik bedarf. Die Gebrüder Schwarz dürfen sich dieser Fähigkeit rühmen, während sie von vier fußweise laufenden Knechten mit Mistgabeln flankiert werden. Die Namen dieser Knechte sind Tristan, Thorsten, Thorben und Peter. Das soll nicht weiter wichtig sein, sondern dem geneigten Leser nocheinmal empirischerweise vorhalten, wie es sich mit den Namen dieserorts verhält. Sie alle - und damit auch die Gebrüder Schwarz - tragen einfache Bauernkluft und man wäre als unwissender Beobachter nicht dazu in der Lage, eine Hierarchie zu identifizieren; von der die Brüder und ihre Dienerschaft - zugegebenermaßen - auch nie sprechen würden. Auf den Ladeflächen befinden sich aufgestapelte Kartoffelsäcke. Die letzte Ernte ist erfolgreich verlaufen! Und auch an dieser Stelle sei dem Dämmersturm bäuerlicher Dank gewiss, wenngleich der nun freilich nicht für die alteracschen Wetterverhältnisse verantwortlich war. Möglicherweise beruht diese Annahme auf dem verheißungsvollen Namen des Söldnerbundes. Doch ehe jemand Gefahr läuft, sich in dieser Überlegung zu verlieren, zelebrieren wir nun - wie ein plötzliches Donnergrollen - das Unterbrechen der gedanklichen Exkursion, denn unsere Reisegesellschaft sieht sich schwarzen Wolken, einem drohenden Unwetter und überaus eigenartigen Luftverhältnissen ausgesetzt.

Und was sehen wir da also mit unseren schulterblickartig begleiteten Figuren am Himmel streben! Es ist ein Rollen und Grollen! Ein Gespinst - schleierhaft von Düsterwolken umschlossen! Und wie unter tiefdrückenden Luftverhältnissen, die nun tatsächlich ohne jedwede Illusion vorherrschen, neigen sich die missmutigen Gräser stürmisch zur Seite. Unklar ist, ob's ein Westwind, einer von Norden, Osten oder Süden ist. Vielmehr scheint es - so bemerkt einer der Helfer in dialektaler Blödelei: "As blout miä'n Oga ob'n Luttich!". Und wir dürfen hinzufügen, dass er damit nicht Unrecht - ja eigentlich sogar den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Der Wind kommt von oben und bläst geradewegs auf Straße und Umland hernieder, wo er dann vom Boden abprallt und zu allen Seiten in die Lande fährt. Als wäre das, was sich da oben in den Wolken verbirgt (die nun übrigens brechen und klatschenderweise den Regen einsetzen lassen) von solcher Gewalt, die ganze Luft beiseite zu drücken, die vorher noch zwischen Bodenreich und Himmelszelt lag. "Doa' is' miä aber'n Sturmbout durchgegang', doh." Doch er irrt sich - geneigter Leser! Er irrt sich fürchterlich! Denn kaum ist das gesprochen, entfaltet sich da oben kein dämmersturmscher Fanfarrenklang, sondern ein unwirkliches, giftiges Grün, das sich herzschlagartig durch das Dunkel der Gewitterwolken schlängelt. Über eine volle Meile ist der Himmel sozusagen ins Toxin gehüllt. Voller Schrecken starren die Bauern hoch - und auch die Gebrüder Schwarz wissen ihr Starren nicht abzuwenden. Unser lieber Tristan - ach was hatten wir über seinen Namen gekürt - stürzt schmatzend in den Schlamm, krümmt sich hart und atmet falsch. Als man ihm aufzuhelfen sucht, ist er bereits fernab jeder Lebendigkeit; ja gewissermaßen tot! Unruhe macht sich also breit - in doppelter Weise. Über das nicht mehr schlagende Herz des gefallenen Knechtes und das unheilvolle Ding am Himmel!

Ein scheußliches Reißen rauscht durch die Wolkendecke. Es lautet, wie zerfledderndes Papier, bloß in einer kolossal-entarteten Lautstärke, dass's einem mit jedem Knick und Faserzerren im Kopfe schmerzt. Und da also teilt sich der Himmel und die Auswüchse einer schwarzen, zackenumwitterten Kathedrale neigen sich - ganz falsch, denn fliegend und nicht am Boden stehend - aus dem Gewitter heraus. Ihre Glocken schlagen grün und ihre messingfarbenen Fenster speien aufwühlende, unmögliche Lieder, die besonders in den simpel geformten Bauernseelen - die derartig vernichtende Komplexität nie zuvor erfahren hatten - für Verstörung sorgt. Sie sehen sich nicht länger an, starren nur hoch und sind von lähmender Furcht ergriffen. Und nun spinnen auch die Tiere, wie sieh's eigentlich verfrüht tun, wenn derartiges Weltgeschehen sich ankündigt. Sie reißen die Karren fort und stürzen wirr entlang der Straße - manche ja sogar von ihr herab, wo sie sich von den nachstürzenden Fuhrwerken erschlagen lassen. Die Gebrüder starren und warten; geben keine Ordnung vor und hören auch kaum von der Seite, wie die übrigen Knechte ersuchen, die Tiere zu beruhigen, während sie selbst voller Panik mit sich und dem Pflichtbewusstsein ringen. Dann wird es periodisch leiser - das Gewitter - und mit dem nächsten Lidschlag pulsiert der Himmel in saurem, ätzenden Regen, der sturmflutartig alle Wolken beiseite fegt und einen abendlichen Himmel hinterlässt. Was da war - wie ein Kathedralenschatten - ist nun verschwunden. Bloß der Glockenklang - wie zu eintausend Beerdigungen - hallt noch halbminütig in den Köpfen der armen, kleinen Seelen nach, die beschließen, nicht zu reden und ihre Reise fortzusetzen.

In Markstadt verläuft das Geschäft, wie es zu verlaufen hat, unter den strengen Augen verschiedener Wachgruppierungen, von denen manche gar nicht dem hiesigen Herrscher, sondern anderen Mächten zu unterstehen scheinen, die aufgrund jüngst aufkeimender Sicherheitsprobleme, helfend herbeigeeilt sind. Markstadt selbst darf die höchsten Bauten des Nordwestgefälles sein eigen nennen, wobei allem voran die große Kirche im Zentrum zu erwähnen ist; vielmehr soll hier aber die Rede von den charakteristischen Fachwerkbauten sein, die tiefe Häuserschluchten bilden und in ihrer Gassigkeit nicht selten den Schatten für zwielichtige Unternehmungen spenden. Markstadt ist groß. Markstadt lebt. Doch Markstadt ist auch deutlich erkrankt; an schlurfender Armut und vielen, hungernden Gestalten, denen es in den letzten Monaten auch schon schlechter ging - da ein Eskalieren der Hungersnot gerade so abgewendet werden konnte - die aber immer noch jedes Recht haben, über ihren fürchterlichen Zustand zu klagen. Viele sind aus den anderen Ländereien des Herzogs von Bauergard vor dem Krieg geflohen. Unter diesen Umständen - des allgemeinen Hungers - sind die Kartoffeln schnell an den Mann gebracht. Der tote Tristan kann daraufhin in einem freigewordenen Sack verstaut und für die Rückreise vorbereitet werden, die dann auch schnell angetreten ist.

Es wird nicht über die eigenartige Erscheinung auf ihrer Reise gen Markstadt gesprochen, als sie wieder in Alterszapfen eintreffen. So heißt es nun, der Schlag habe den armen Tristan in seinen besten Jahren gefällt; ja das Licht habe es so gewollt und man wünsche ihm alles Gute auf seinen Pfaden ins wohligwarme Totenreich, dem er unter nackter Erde, mit nunmehr endlich geschlossenen, weißen, leeren Augen, zugeführt wird. Ein Holzpfahl zu seinem Gedenken. Die Gebrüder Schwarz tragen die rechtmäßig eingefahrenen Silbermünzen heimwärts in ihr offenkundig bodenständiges, doch keineswegs ärmliches, zweigeschossiges Haus, das sich in den Hütten Alterszapfens sehen lassen kann. Alterszapfen reift von der Dorfartigkeit mehr und mehr zu einem kleinen Städtchen heran, dessen Kapelle die Banner des Dämmersturms trägt. Für Einwanderer aus den Resten des Verräterkönigreiches oder aus Markstadt - von denen es sehr viele gibt - wurden Flüchtlingsheime errichtet, wo man sie bestens mit Kartoffelsuppe, Kartoffelschnaps und Haferbrei versorgt, ehe man ihnen einen Burschen oder ein tüchtiges Mädel für den Dienst im dämmersturmschen Heer abrekrutiert. Die Gebrüder treten über die Feldwege - denn eine echte Straße hat Alterszapfen noch nicht - hinein in die gute Stube. Hier ist es düster, doch das soll unsere beiden Herren nicht beunruhigen. Rötliches Kerzenlicht erhellt die Finsternis der Räume und ein süffisanter, gaumenschmeichelnder Duft liegt an den Wänden, am Boden - und auf jedem feuchten Lidschlag.

Mutter Schwarz - in ihrer pompösen Fettigkeit - mit großgeschwollenen, hängenden Brüsten und dem öligwabbelnden Becken einer Übersiebzigjährigen, die es mit dem Leben und dem aus ihm hervorgehenden Speisen auf letzter Etappe zu gut gemeint hat, liegt mit gespreizten Schenkeln auf dem Boden, von denen ausgehend sich das Flammenspiel der Kerzen eigenartig reflektiert. Sie gibt zum Vollen die Blöße ihres Leibes, an dessen Ausmaßen sich ein ganzer markstädtischer Straßenzug sattzufressen hätte - ja der in seiner schwülstigen aufgedunsenen Art und Weise daherkommt, wie ein unförmiges Ogerweibchen. Ihre namenlosen Söhne treten auf sie zu. Das Silber stürzt und verendet in den Schatten. Die alten Worte neigen sich aus dicken Lippen geflüstert durch das Duftgewitter - vibrieren wie von gespaltener Zunge ausgesabbert - und kleben schließlich fest in den Ohren der Gebrüder Schwarz, die sich nunmehr selbst ihrer Kleider entledigen, ihre Hände in die Brüste krallen und sich unter ihrem raunenden Zutun stoßend-und-stoßend im mütterlichen Leib versenken.

Und mit dem nächsten Sonnenaufgang ist der Blick der Mutter von Gift erfüllt - und das Leben ihrer Söhne zunichte gemacht.

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