Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: (K)einen Platz auf dieser Welt
BeitragVerfasst: 21. Aug 2014, 02:14 
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(K)einen Platz auf dieser Welt

Teil 1: Von einer Hölle in die Nächste


Oh süße, süße Dunkelheit.
Ich lass mich von dir umfangen.
Du süße, süße Dunkelheit.
Immer bei mir, muss nie bangen.

Meine Schöne, meine Freundin.
Meine Seele , mein Schmerz.
Mein Trostspender, meine Zuflucht.
Meine geliebte Finsternis, mein Herz.

Oh schöne, schöne Dunkelheit.
Muss dich nie vermissen.
Du schöne, schöne Dunkelheit.
Wünscht, ich könnt dich küssen.

Mein Leben, mein Sterben.
Mein Anker in der Not.
Mein Teufel auf der Schulter.
Mein Untergang und Tod.


Wo sollte ich denn sonst hin? Der Lichkönig war besiegt. Nachdem Tirion Fordring und sein scheinheiliger Argentumkreuzzug aus Eiskrone zurück kehrten und sich Herdweiler sicherten, nachdem ich meinen Bruder verloren hatte, gab es wenige sinnvolle Alternativen. Wahrscheinlich wäre es das Beste gewesen, im Krieg gegen die Geißel ebenfalls getötet worden zu sein. Nein, es wäre sogar tatsächlich das Beste gewesen. Daran gab es keinen Zweifel. Ian und ich hatten immer gesagt, dass wir zusammen leben, überleben und irgendwann auch Seite an Seite sterben würden. Doch es war nicht so gekommen. Das Leben war nie besonders rosig gewesen. Doch ohne Ian, ohne den Kreuzzug, war alles was ich gekannt hatte fort. Ich hatte meine Eltern verloren, so viele Freunde und Kameraden. Doch nun, ohne meinen Bruder und ohne einen Sinn im Leben, war ich erstmals wirklich allein. Nein, in Herdweiler zu bleiben und beim Argentumkreuzzug zu kämpfen kam nicht in Frage. Da wäre ich lieber Richtung Unterstadt gewandert und hätte den Tod im Kampf gegen die Verlassenen gewählt. Habe auch sehr lange daran gedacht, hätte es auch beinah durchgezogen, doch wo mich der Tod nicht schreckte, schreckte mich ein mögliches Dasein als Untoter. Dann doch lieber leben, egal ob dieses Leben nicht mehr lebenswert war. Weil es in Lordaeron keinen Platz mehr für mich gab, zog ich nach Süden. Nach Sturmwind. Vielleicht war es genau das, was ich verdiente: Diese schillernde, florierende Stadt zu sehen, während meine Heimat oben im Norden in Trümmern lag. Vielleicht war das hier meine eigene, persönliche Hölle. Meine Strafe für all die Dinge, die ich anderen angetan hatte. Schon die Reise war nichts anderes als eine einzige, lange Bestrafung. Die Reise war wie ein Fiebertraum gewesen, ein Nebel aus Vergessen, wo nur das Vorwärtskommen zählte. Als ich in Sturmwind ankam, war ich halb verhungert. Es fühlte sich an, als würde mein Magen versuchen, sich selber zu verdauen. Ich war so schwach und müde, dass ich kaum einen Fuß vor den Anderen setzen konnte. Sturmwind, mit seinen weißen Mauern, strahlenden Zinnen. Ich war verzweifelt. Doch wohin sollte ich sonst? In seiner makellosen, schillernden Pracht schien Sturmwind ein Wunder der Zivilisation zu sein. Doch schnell merkte ich, dass der äußere Schein trügen konnte. Nur wenige Tage nach meiner Ankunft in der Stadt wurde ich des Nachts in einer Gasse überfallen, ausgeraubt und zusammen geschlagen. Eine Woche Lazarett. Sobald es mir wieder besser ging, bewarb ich mich bei der Stadtwache. Ich wusste nun, dass die weißen Mauern der Stadt im starken Kontrast zu den schwarzen Herzen so mancher Bürger standen. Als Wache hätte ich etwas zu tun, eine Einnahmequelle. Anständige Arbeit. Ich stellte mich als Alexander Simmons vor, wählte meinen richtigen Namen. Sagte allerdings, dass ich aus Süderstade komme. Mit meinen Akzent würde jeder merken, dass ich aus Lordaeron kam. Doch meine ganze Vergangenheit musste niemand wissen. Es war Zeit, damit abzuschließen und ein neues Leben zu beginnen. Vielleicht endlich einen brauchbaren Ort auf dieser Welt finden, der keine Hölle war.

Und so schloss ich mich der Stadtwache an. Hauptmann Krone, ein strenger, alternder Kriegsveteran, teilte mich einem Mann namens Krauser zu, mit dem ich nun auf Streife gehen sollte und der mich bewerten würde. Krauser war ein Riese von einem Mann, groß und kräftig, aber übertrieben freundlich und beinah immer gut gelaunt. Ich konnte ihn auf Anhieb nicht leiden. "Willkommen bei der Truppe, Alex", hatte er gesagt. "Sturmwind ist nicht so schlimm wie es aussieht. Besonders nicht, wenn man Wache ist. Wachen können es zu etwas bringen." Und dann begannen die Spaziergänge durch die Stadt. Ja, die Stadt machte einen ruhigen Eindruck. Die Viertel, getrennt von Kanälen, machten einen ordentlichen Eindruck. Erweckten den Eindruck, alles sei in bester Ordnung. Doch ich hatte die dreckige Seite dahinter gesehen. Es gab Flecke, die nicht ansehnlich, nicht ordentlich, nicht in Ordnung waren. "Du wirst dich bei uns wohl fühlen, Alex", sagte Krauser, während wir durch die Straßen schlenderten. "Bist du gut zu uns, sind wir gut zu dir. Der Hauptmann kann dich gut leiden." Und dabei bleckte er seine perlweißen Zähne in diesem widerlich breiten Grinsen. Ich versuchte mir einzureden, dass ich etwas bewirken konnte. Etwas Gutes tun. Dass es einfach keine brauchbaren Alternativen gab. Fürs Tellerwaschen war ich mir zu schade. Der Armee von Sturmwind beitreten? Als Patriot aus Lordaeron kam das auch nicht in Frage. Ich würde die Zähne zusammen beissen und da durch müssen. Mich anpassen. In der Altstadt sahen wir einige Jugendliche in einem Hinterhof herumlungern. Sofort bog Krauser in die Gasse, schlenderte auf die Bengel zu. "Was machst du?" fragte ich ihn. "Nichts, was ich nicht alleine regeln könnte", war seine Antwort. Dann schlug er dem nächstbesten Knaben direkt ins Gesicht, packte ihn und warf ihn gegen die nächstbeste Mauer. Ich redete mir ein, dass ich die Fakten nicht kannte und nicht wusste, worum es überhaupt ging. Dass ich sicher nichts unternehmen würde, nicht gegen einen Kollegen. Nicht in der Öffentlichkeit. Krauser war ganz klar auch bei der Armee gewesen. Er wusste genau, wie er seine Größe einzusetzen hatte. Während er die Jugendlichen verprügelte beobachtete ich ihn ganz genau. Und als die Bengel fix und fertig am Boden lagen, kam Krauser zurück zu mir, zeigte sein Perlweißgrinsen. "War das nötig?" hatte ich ihn gefragt und er warf mir ein Päckchen zu. Es war voller Kräuter. "Trollkraut. Diese kleinen Wichser" brummte er und schlenderte weiter, um die Patrouille fortzusetzen. "Das sind stinknormaler Kaukräuter" entgegnete ich. Schließlich duftete das Päckchen durchdringend nach Pfefferminz. "Was soll ich sagen?" brummte Krauser und zuckte mit den massigen Schultern. "Bin auch nur ein Mensch." Ja, so war Krauser. Nie um eine Ausrede verlegen. Und immer wieder bekam er Geschenke von fremden Leuten. Wann immer wir eine Runde durch das Handelsviertel oder die Altstadt drehten. Da ein neuer Mantel, da ein wenig Waffenöl. Doch ich war nicht dumm, wusste sofort, was wirklich Sache war. "Kleine Gesten der Wertschätzung", hatte Krauser erklärt, "Weil wir so gut aufpassen." Doch es war nichts anderes als Bestechung. Und natürlich ging ich damit auch zum Hauptmann. Und stieß auf taube Ohren, wurde ganz schnell abgewimmelt und abgefertigt.

Doch auch nach meiner dritten Woche bei der Stadtwache versuchte ich, optimistisch zu bleiben. In Lordaeron war es gefährlicher, schlimmer. Einfach das Beste aus meiner Lage machen. Doch die Bestechungen, die Krauser so bereitwillig angenommen hatte und die der Hauptmann nicht wahr haben wollte, machten mir noch immer zu schaffen. Ich würde Beweise vorlegen müssen, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zu ging. Vor meiner Schicht suchte ich also den Schneiderladen auf, wo Krauser den schicken, teuren Mantel bekommen hatte. Ich wollte Beweise finden. Beweise, dass ich mich irrte. Doch was ich fand war weit schlimmer, als alles was ich erwartet hatte. Im Hinterhof der Schneiderei gab es eine Kellertreppe, die in einen großen, unterirdischen Raum voller Käfige führte. Die armen Hunde da drinnen waren ausgehungert, wurden mit spitzen Stöcken regelmäßig gepiekst, um sie aggressiv zu machen. Die Schneiderei war eine Fassade für Hundekämpfe. Die Tiere wurden brutal misshandelt und dann aufeinander loszulassen. Ich beschloss, die ganze Bande dahinter fest zu nehmen. Sie würden im Kerker vergammeln, das schwor ich mir. Doch als ich den Nachbarraum stürmte, stockte mir der Atem. Da waren Krauser, Greiff, Benning und zahlreiche andere Wachleute, gemeinsam mit stadtbekannten Taschendieben, Hehlern, Verbrechern. Sie sahen den sich zerfleischenden Hunden zu und lachten ausgelassen, scherzten und feierten, je nachdem, wie gut die Wetten standen. "Willkommen, Alex", begann Krauser mit seinem Perlweißgrinsen. "Setz dich doch. Hast noch Zeit, deine Wette zu platzieren." Und ich geriet regelrecht in Rage. "Beende diesen Scheiß, sonst hole ich Hauptmann Krone", drohte ich. Doch da lachten Krauser und all die anderen. "Holen?", höhte Krauser, "Warte einfach eine Stunde, dann kommt er vorbei um seinen Anteil zu kassieren." Und mir fiel die Kinnlade nach unten. "Dann sollte ich vielleicht zur Tageszeitung gehen", antwortete ich, wütend und verzweifelt. Da trat Krauser zu mir, legte mir einen Arm um die Schulter. "Verdammt noch mal, Alex", begann er. Diesmal lächelte er nicht. "Wie stehen wir eigentlich zueinander? Ich dachte, wir halten zusammen. Reg dich nicht so auf, wir wollen bloß Spaß haben. Den Alltag etwas bunter gestalten." Ich deutete auf die armen, gequälten Hunde. "Das hier ist nicht richtig!" Doch Krauser schüttelte den Kopf. "Du musst lernen, dich zu entspannen. Wir haben hier nun einmal unsere eigene Art, die Dinge anzugehen." Und dann bekam ich seine Faust in den Magen. Die gute alte Taktik: Reden um das Opfer abzulenken. Die anderen hatten Knüppel geholt. Natürlich war ich schon mit Schlimmerem fertig geworden. Allerdings konnte ich diese Kerle ja schlecht allesamt umbringen. Das sie in der Überzahl waren, machte es mir auch nicht leichter.

Ich teilte so gut aus, wie ich konnte. Allerdings nicht mit dem Schwert. Einem der Taschendiebe brach ich die Nase mit dem Panzerhandschuh, einem anderen der Gauner trat ich seitlich gegen das Knie. Doch dann fielen sie mit ihren Knüppeln über mich her, wie Raubtiere. Während die Knüppel auf mich einprasselten, wurde mir jedoch auch klar, dass es nur eine Warnung war. Sie brachen mir nichts, waren einfach nur darauf aus, mir weh zu tun, gerade so weit, dass ich noch nicht ins Lazarett musste. Und meine Rüstung schützte mich ja zum Glück auch. "Hättest nicht schnüffeln sollen, Alex", höhnte Krauser und spuckte mir ins Gesicht, als ich am Boden lag. "Und damit du deine Lektion auch wirklich nicht vergisst, ändern wir die Wette für den heutigen Abend..." Und da war es wieder, dieses Grinsen. Inmitten von Flinten, die auf mich zeigten. In der nächsten Minute fand ich mich im Ring wieder, während diese wilden Hunde frei gelassen und auf mich gehetzt wurden. Und während die Hunde bellten, knurrten und angriffen schrie ich, dass das nicht richtig sei. Sie hörten mir nicht zu. Die Wetten standen gegen mich, soviel bekam ich am Rande noch mit während ich nach den Hunden trat und schlug. Mein Schwert hatten sie mir abgenommen. Und während ich versuchte, mit den Kötern fertig zu werden, jubelten sie und lachten. "Los, du schaffst das, Junge", "Na los, geh ran!". Und ich weiß noch, dass es mir wegen der Schmerzen und meiner eigenen Schreie erst später dämmerte, dass diese ganze verdammte Bande natürlich die Hunde anfeuerte und nicht mich. Doch wenigstens trug ich eine Rüstung. Am Ende hatte ich die Hunde erschlagen, lag völlig erschöpft am Boden, während Krauser das Wettgeld einkassierte und die anderen tadelte, gegen ein Mitglied der Wache gewettet zu haben, gegen einen seiner "Lehrlinge", wie er es nannte. Oh, ich würde ihm noch zeigen, wieviel ich von ihm gelernt hatte, schwor ich mir. "Das treibt dir die Flausen hoffentlich aus", hatte Krauser noch gesagt. Und ich hatte mich abgewandt und ging. "Wohin willst du?" rief er mir nach. Hatte wohl Angst, dass ich doch zum Tageblatt ging und plauderte. Doch ich sagte ihm nur, dass ich eine verdammte Schicht vor mir hatte und meine Patrouille auch hinter mich bringen würde. Und das tat ich auch, trotz einiger Prellungen und anderer, kleinerer Verletzungen. Mein ganzer Körper tat mir weh und als ich die Schicht hinter mir hatte, hatten sich einige dicke Beulen und blaue Flecke gebildet und ich fühlte mich, als seien meine Stiefel mit Erde gefüllt, als seien einige meiner Knochen verschmolzen, so dass ich mich kaum noch bewegen konnte. Doch mein Kopf war klar, mein Verstand rauschte. Ich ging nicht nach hause, würde noch nicht schlafen. Ich hatte eine offene Rechnung zu bezahlen. Und ich bezahle immer meine Rechnungen.

Krauser, Greiff und Benning hatten jeden Freitag ihre Pokerrunde in Goldhain. Und genau dorthin begab ich mich, lauerte in der Dunkelheit vor dem Gasthaus und wartete. Benning war der erste, der die Taverne verließ. Er wollte nicht, dass seine Frau so lange wach blieb und auf ihn wartete. Und schließlich musste er vorher noch seiner Geliebten einen Besuch abstatten. Ich ignorierte ihn. Zwanzig Minuten später trat auch Greiff ins Freie, wild fluchend, als habe er alle Ersparnisse verloren. Auch ihn ließ ich gehen. Es ging mir nicht um die beiden. Als Krauser nach einer ganzen Weile die Taverne verließ und die Straße in Richtung Sturmwind entlang schlenderte, folgte ich ihm, durch die Büsche. Dann schnitt ich ihm den Weg ab und zog mein Schwert. Er erkennte mich, sagte meinen Namen und zog die eigene Klinge. Er war groß, stark und hatte eine gute Ausbildung genossen. Und ich war angeschlagen und müde. Dennoch... der arme Kerl verdiente ein Handicap, um die Sache auszugleichen. Ich ließ mein Schwert fallen und winkte ihn heran. Dann griff er auch schon an und schwang sein Schwert nach mir. Ja, er hatte eine gute Ausbildung genossen, war sicher ein guter, effektiver Soldat gewesen. Aber es war kein Vergleich. Ich hatte so viele Jahre durchgehend im Krieg verbracht. War immer besser geworden. Und er? Er war betrunken, überheblich und wütend. Es bereitete mir keine großen Schwierigkeiten, den Schwingern seiner Klinge auszuweichen. Sollte er sich ruhig selber ermüden. Er verfluchte mich, stach nach mir. Doch ich wich aus. Wo er unbeherrscht und stürmisch war, war ich berechnend und flink. Als er seine Klinge nach einem weiteren Hieb knapp an mir vorbei schwang, schnellte ich nach vorne und verpasste ihm einen Kinnhaken. Sehr schnell hatte ich ihn entwaffnet und drosch auf ihn ein, mit absoluter Präzision. Ich schlug ihm nicht den Schädel ein, zerschmetterte nicht seinen Kehlkopf oder brach Rippen oder andere Knochen. Auch ich verdrosch ihn nur soweit, dass er nicht ins Lazarett musste. "Und damit du deine Lektion auch wirklich nicht vergisst...", zitiere ich ihn, als er blutend und völlig fertig am Boden liegt. Doch ich beendete den Satz mit einem weiteren Schlag ins Gesicht, der ihn ins Land der Träume schickte. Dann zerrte ihn in ins Gebüsch, zog ihm die Kleidung aus. Am nächsten Morgen fand man ihn nackt an einen Zaun kurz vor Goldhain, angebunden und geknebelt. Er verriet mich nicht. Er erfand eine Geschichte, bei der er von mindestens zehn Leuten angegriffen wurde. Er würde mich in Ruhe lassen. Denn er hatte einen Vorgeschmack bekommen. Würde er mir noch einmal in die Quere kommen, würde er nicht nur ohne Kleidung erwachen, sondern ohne Haut. Oder ohne Finger. Ich hatte ihm gezeigt, wie einfallsreich ich sein konnte und er wusste, dass er nicht den Hauch einer Chance gegen mich hatte. . Nun, in einer Hinsicht musste ich mich bei Krauser bedanken: Er hatte mir gezeigt, was man als Wachmann wirklich drauf haben musste, um in Sturmwind zu bestehen. Ich würde mich nicht klein kriegen lassen.

Teil 2: Am Tiefpunkt des Seins


Zerbrochen
meine Seele, erfroren ist mein Herz.
Durch die Kälte, die in mich gekrochen.
Ich fühle nur noch Schmerz.
Sag, wo ist die Sonne hin? Ich sehe sie nicht mehr.
Ich sehe nur noch Dunkelheit, das Atmen fällt so schwer.
Verloren
ist die Hoffnung, kann sie nicht mehr finden.
Das Schicksal, gegen mich verschworen,
Ich kann ihm nicht entwinden.
Sag, wo ist das Gute hin? Es hat mich längst verlassen
Ich spür‘ wie meine Träume immer mehr verblassen
Gestorben
die Gefühle, will sie nicht empfinden.
Besser ist, sie bleiben verborgen.
Brauchte lange, dass raus zu finden.
Sag, wo ist das Glück nur hin? Muss es immer schwinden?
Sag mir wo, wenn nicht auf Erden, kann ich es denn finden?


Zwei Jahre bei der Stadtwache. Zwei Jahre in Sturmwind. Zwei Jahre in diesem Morast aus Korruption und Scheinheiligkeit. Doch die Zeit in Sturmwind, bei der Stadtwache, war nun vorbei. Meine Vergangenheit war ans Licht gekommen, nachdem ein ehemaliger Kamerad vom Scharlachroten Kreuzzug nach Sturmwind kam, mich erkannt und bei der Wache geplaudert hatte, um meinen Posten zu bekommen. Die Wache - und ganz besonders jene dort, denen ich ein Dorn im Auge war - hatten die Geschichte ziemlich aufgebauscht. Ganz plötzlich war ich eine Art Verbrecher, ein Mörder. Das war stellenweise auch korrekt, doch wurden mir nun derartig viele Missetaten zur Last gelegt, dass es nicht mehr feierlich war. Und all die guten Taten - auch wenn es vom persönlichen Standpunkt abhängig war - wurden ignoriert. Auch die gute Arbeit in den zwei Jahren bei der Wache waren wie weg geblasen. Dass ich nicht gefeuert wurde, war ein Wunder. Ich war nun einmal ein ehemaliger Roter und daher ein potentielles Feindbild, auf welches sich meine Feinde auch zu gerne stürzten. Ich war kaum mehr als Dreck wert. Das ganze Gerede sorgte für Stress. Bei der Wache und daheim. Ich hatte Julia etwa ein halbes Jahr nach meiner Ankunft in Sturmwind kennen gelernt. Und ganz plötzlich hatte das Leben noch mehr Sinn, hätte kaum besser werden können. Alles lief bestens, bis sie schwanger wurde, mit Zwillingen. Ganz plötzlich gab es Reibereien, denn immerhin war meine Arbeit nicht ungefährlich, und obwohl ich immer gutes Geld nach hause brachte, gab es Streit. Die Sache mit meiner Vergangenheit machte es nicht besser. Schließlich nahm Julia eines Tages, während ich Wachdienst hatte, Ian und Isabelle und zog ins Rotkammgebirge zu ihrer Mutter. Und ich fühlte mich wieder so verloren wie vor zwei Jahren, als ich nach Sturmwind kam. Das Ehen mal schief gehen, konnte passieren. Aber meine Kinder gleich mit zu verlieren, dass war schwierig. Ich wollte mich ganz der Arbeit widmen, doch Hauptmann Krone hielt mich an der kurzen Leine. Ich stand auf dünnem Eis. Der Fall der entführten Kaufmannstochter, Viktoria Veidt, war es schließlich, der mit dem Bruch mit der Wache und meinem Weggehen aus Sturmwind gipfelte. Die Korruption innerhalb Sturmwinds war so verbreitet, dass sie fest mit der Stadtwache verwurzelt schien. Ich konnte da nichts mehr bewirken. Daher tat es mir auch nicht leid, dass ich den geldgierigen Hauptmann Krone umgebracht hatte. Das einzige, was mir leid tat war, nicht schon eher einen Schlussstrich gezogen zu haben. Es war schon schlimm genug, wie diese korrupten Schweine sich bereicherten. Aber wenn sie Unschuldige sterben ließen, dann musste jemand etwas unternehmen. Am Ende dieses schicksalhaften Abends ließ ich zwei Leichen und meine Rüstung zurück, nahm jedoch das Lösegeld für das entführte, tote Mädchen. Und nahm ihren Nachnamen an, als Erinnerung.

Gesetz war eine Illusion. Gerechtigkeit ein Traum. Frieden eine Lüge. Nur die Starken und die Reichen überlebten. Hatte nicht funktioniert, zu den Guten zu gehören. Die wirklich guten Leute waren selten geworden. Ich würde mich ins Gesindel mischen, nichts würde mich bremsen. Würde nun nach Beutebucht aufbrechen. Kopfgeldjäger werden. In einer Welt, wo Gold regierte, würde ich mich dafür bezahlen lassen, Abschaum zu jagen und zu erschlagen. Das war im Grunde genommen ehrlichere Arbeit als der Wachdienst. Nach langem Überlegen kehrte ich doch noch einmal nach Sturmwind zurück, denn der Fußmarsch durch den Dämmerwald und durchs Schlingendorntal würden mir zu viel abverlangen. Ich musste vorbereitet sein. Und so kehrte ich nach Sturmwind zurück, wobei ich den Wachen aus dem Weg ging. Ich holte meine wenigen Habseligkeiten aus meiner Wohnung, meine Waffen und meine alte Rüstung, die ich auch anlegte, ehe ich ein Pferd und einige Vorräte kaufte. Dann machte ich mich auf den Weg nach Beutebucht. Ließ die weißen Mauern und schwarzen Seelen von Sturmwind hinter mir. Doch was würde mich da unten erwarten, in der südlichsten Stadt von Azeroth? In Sturmwind hatte ich so einige Geschichten gehört. Piraten, Goblinkartelle und Gesindel jeder Art tummelten sich dort. Wollte ich wirklich dort hin? Doch wohin sonst? Die Städte der Allianz kamen für mich nicht in Frage. Schon alleine der Anblick von Löwe auf blauem Wappenrock brachte mich zum Würgen, von den schrecklichen Leuten, die sich wie Läuse auf den Straßen tummelten ganz zu schweigen. In Beutebucht würde es mir hoffentlich besser ergehen. Dort hatte wahrscheinlich jeder Dreck am Stecken. Dort war meine Vergangenheit hoffentlich egal. Zumal ich diese ja nicht jedem auf die Nase band und obendrein einen neuen Nachnamen hatte. Die Reise nach Beutebucht war in der Tat beschwerlich. Noch im Dämmerwald wäre ich fast von wilden Worgen vom Pferd gerissen worden. Es schien, je weiter weg man von Lordaeron und Sturmwind war, desto besser.

Als ich damals Sturmwind erreichte, war ich halb verhungert und krank gewesen. Mit Beutebucht verhielt es sich ganz genau so. Ziemlich schnell waren meine Vorräte voller Maden und ich voller Mückenstiche. Und doch war Beutebucht auf den ersten Anblick fabelhaft. Ein atemberaubendes Beispiel, was alles bewerkstelligt werden konnte, wenn man nur genug Geduld, Einfallsreichtum und Ressourcen hatte. Angefangen bei der gigantischen Goblinstatue auf einer Insel vor der Bucht bis hin zu den zahlreichen Schiffen in der Bucht. Zahlreiche Gebäude aus Holz schmiegten sich an die Felswände. Es war fantastisch. Aber diesmal täuschte mich der äußere Schein nicht. Ja, Beutebucht war prächtig, auf eine ganz eigene Art und Weise. Allerdings lagen auch die Makel hier offen wie schwärende Wunden. Viele Bewohner waren arm, Kriminalität war hier absolut normal. Die Goblinkartelle scherten sich nur um den Profit, die Wachen kümmerten sich nur um Ärger, wenn es zu sehr eskalierte. Und ich? Die ersten Wochen ging es mir nicht besonders gut. Beutebucht war ein Schmelztiegel, ein Hochofen. Die Hitze am Kap machte mir anfangs sehr zu schaffen, bis ich mir irgendwann angewöhnt hatte, tagsüber besoffen zu pennen und des Nachts aktiv zu sein, wo es wenigstens ein wenig kühler wurde. Und dann begann ich, mich richtig einzuleben. Stellenweise suchte ich mir kleine Kopfgeldjäger-Aufträge, um mein Zimmer im Gasthaus, den Alkohol und das Essen bezahlen zu können. Etwas übrig blieb da allerdings nie. Und fast jeden Abend geriet ich mit irgendjemandem aneinander. Natürlich hatte ich oben im Kloster den Waffenlosen Nahkampf gelernt. Aber das hier war noch einmal etwas ganz anderes, schwer zu vergleichen. Ich lernte in so kurzer Zeit so viele dreckige Tricks, dass es schon nicht mehr feierlich war. Sehr oft zog ich den Kürzeren, aber Spaß machte es trotzdem, neue Erfahrungen zu sammeln. So geriet ich auch an einen Ring von Untergrundkämpfen, wo man ebenfalls gutes Geld verdienen konnte, wenn man denn gewann. Ich war hin und her gerissen: Beutebucht war interessant, amüsant. Aber wirklich wohl fühlte ich mich hier auch nicht. Und sicher würde das Gefühl des Entdeckens und Erlebens auch irgendwann schwinden. Am Ende wurde doch so gut wie alles irgendwann uninteressant, irgendwann hatte man einfach genug. Doch das dauerte - zu diesem Zeitpunkt - wenigstens eine Weile.

Denn wo mich in Sturmwind die Scheinheiligkeit und Arroganz der Leute gestört hatte, störte mich hier die Verschlagenheit bei so gut wie jedem. Zwar konnte man auch hier vernünftige Leute finden, doch waren diese selten. So selten, dass ich schlicht und einfach irgendwann nicht mehr suchte und einfach nur funktionierte, arbeitete, soff, vögelte und pennte. Und dann alles noch einmal von vorne. Kopfgeld um Kopfgeld strich ich ein, lernte Beutebucht und Umgebung wie meine Westentasche kennen. Aber so oft geriet ich in eine dunkle Gasse, in einen Hinterhalt. So oft musste ich Kehlen aufschlitzen und rasch die Flucht ergreifen. So war Beutebucht nun einmal: Eine Hure, die einem vorne an die Eier packte, und mit der anderen Hand hinten am Geldbeutel herum fummelte. Man musste immer wachsam sein, immer vorsichtig. Beutebucht schärfte die Reflexe und die Sinne, stählte Körper und Nerven. Im Grunde konnte ich auch hier wieder gute Vergleiche zu Lordaeron oder Sturmwind ziehen. Gefahr war allgegenwärtig. Man wusste nie, wer einem als nächstes Ärger machen wollte. Beutebucht war genau wie Sturmwind ein Rattennest voll Abschaum. Dass man hier auch durchaus Orcs, Trolle und ähnliches traf, machte es nicht viel besser. Beutebucht war ein Pulverfass. Und nach wenigen Monaten ahnte ich schon, dass es nicht dauerhaft gut gehen würde. Die Seefahrt lag mir einfach nicht. Hafenarbeit war in Ordnung, doch fand sich in der Stadt so viel Abschaum, dass die Konkurrenz bei der Arbeitssuche enorm war. Wie oft geriet ich mit anderen Söldnern und Kopfgeldjägern aneinander. So oft wie ich anderen die Beute streitig machte, machten andere mir das Kopfgeld streitig. Zwar gab es einen inoffiziellen Ehrenkodex unter Kopfgeldjägern, doch allzu oft wurden dessen Regeln einfach nicht befolgt. Kein Kopfgeld war es wert, dafür zu sterben: Richtig, natürlich. Aber der Magen füllte sich ja nicht von alleine. Kein Kopfgeldjäger darf einen anderen Kopfgeldjäger töten: Leichter gesagt, als getan. Viele Kopfgeldjäger folgten dem Kodex, andere nicht. Konnte man denen ja nicht an der Stirn ablesen. Zahlreiche Begegnungen endeten mit Schusswechseln oder Schwertkämpfen. Ab und zu war das Chaos so enorm, dass die Beute entkam und jeder leer ausging.

Kein Kopfgeldjäger darf einem anderen die Hilfe verweigern: Die Regel war fast schon überflüssig. Natürlich schlossen sich auch Teams zusammen. Aber es gab nur wenige Gründe, einen fremden Kopfgeldjäger um Hilfe bei der Jagd zu bitten. Ich selber habe immer alleine gearbeitet, bis zu einem denkwürdigen Zwischenfall, der etwas mit der letzten Regel des inoffiziellen Kopfgeldjägerkodex zu tun hatte: Kein Kopfgeldjäger darf sich in eine laufende Jagd einmischen. Tja, von wegen. Wo kein Zeuge, da kein Kläger. Besonders in der Wildnis außerhalb von Beutebucht gab es erbitterte Jagden und heftige Kämpfe um die Beute. Oft schlossen sich größere Gruppen zusammen, bei besonders wertvollen Zielen. Ab und zu wurde aus solchen Einmischungen auch spaßige Wettbewerbe, wo es am Ende fast nicht mehr um die Beute ging, sondern um das bessere Können, den besseren Verstand. Das konnte schon Spaß machen. Allerdings wurde es irgendwann schlimm. Zu viel Konkurrenz. Absoluter Mangel an Arbeit. Wie oft musste ich mir mit Hafenarbeit, als Rausschmeißer in einer Taverne oder im Kampfring meine Brötchen verdienen. Beutebucht begann, mich anzukotzen. Definitiv kein brauchbarer Ort, der keine Hölle war. Doch wohin sollte ich denn gehen? Lordaeron fiel weg. Sturmwind fiel weg. Würde es in Kalimdor besser laufen? In Ratschet? Ich war erneut verzweifelt und mir war elend. Gab es denn keinen Platz auf dieser Welt, wo man dauerhaft leben konnte? Natürlich, schon in Sturmwind war mir auch mal der Gedanke gekommen, Bauer zu werden. Ein ruhiges Leben zu führen. Aber Ruhe war so eine Sache. Ich war immer Soldat gewesen. Zu viel Ruhe würde mir nicht bekommen. Es war an einem besonders üblem Abend, wo sich alles wenigstens etwas zum Guten wendete. Nachdem ich mich mies gelaunt und mit knurrendem Magen auf eine besonders schwierige Kopfgeldjagd eingelassen hatte. Das Ziel war Karduin Malloc, der Schlächter von Drisburg. Drisburg war eine Kleinstadt an der Nordküste von Kul Tiras, hauptsächlich bewohnt von Zwergen und Gnomen, die auf die Insel immigrierten. Ein Angriff der Geißel auf die Insel brachte damals im dritten Krieg das Ende für die kleine Stadt. Obwohl nur eine kleine Armee der Untoten die Insel erreichte, kam von Seeseite aus keine Hilfe. Karduin Malloc, damals Befehlshaber einer kleinen Armee aus der Hauptstadt, ließ damals die Stadt beschießen, tötete wohl mehr Zivilisten als Untote. Am Ende lag die Stadt in Schutt und Asche, nur wenige Zivilisten konnten entkommen. General Marcos Pyrrhus aus der Hauptstadt Boralus soll zu diesem Vorfall gesagt haben: "Noch so ein Sieg und Kul Tiras ist verloren". So wurde auch der Begriff Pyrrhussieg bekannt, obwohl Marcos Pyrrhus selber nicht an der Schlacht beteiligt gewesen war. Er und einige andere Würdenträger aus Kul Tiras jedoch hatten auf Karduin Malloc, der nach der Schlacht um Drisburg desertierte und untertauchte, ein Kopfgeld in Höhe von hundert Goldstücken ausgesetzt.

Und als der Name Karduin Malloc plötzlich in einer schäbigen Spelunke fiel, gemeinsam mit dem Gerücht, er würde irgendwo in den Tiefen des Dschungels hausen, da ging das Chaos richtig los. Zu viele machten sich auf, den Mann zu suchen. Bei den meisten war es die pure Goldgier. Bei mir war es einfach nur der Hunger, der mich auf die Idee brachte, ebenfalls nach dem Schlächter von Drisburg zu suchen. Ich hatte Beutebucht kaum verlassen, da geriet ich schon in die ersten Scharmützel konkurrierender Kopfgeldjäger. Pistolen, Flinten, Armbrüste, Bögen. Jeder beschoss sich und die Straße nach Beutebucht war rot vom Blut der vielen Toten. Ich hielt mich fern, tauchte ins Dickicht ab. Warum Kraft vergeuden? Sollten sich diese geldgeilen Narren doch gegenseitig umbringen. Ich beschloss, mich ganz auf die Suche nach Karduin Malloc zu konzentrieren. Natürlich kannte ich den Dschungel, ein klein wenig. Aber der Urwald war gigantisch. Mir war aber klar, dass Karduin Malloc sein Versteck sehr klug wählen würde. Garantiert war es abgelegen, gut zu verteidigen und sicher gab es in der Nähe einen Fluss, immerhin musste man im Urwald eine Menge trinken. Sehr schnell hatte ich zumindest eine Idee, wo sich die Suche lohnen könnte, denn ich glaubte nicht, dass eine Hütte mitten im Wald das präferierte Versteck des Schlächters wäre. Garantiert hatte er sich irgendwo in den Bergen an den Küsten nieder gelassen. Ich musste nur schauen, wo dort Bäche oder Flüsse entsprangen. In den westlichen Bergen suchte ich nicht. Ich vermutete, dass der Schlächter einen Notfallplan hatte. Das waren vielleicht die Blutsegelpiraten, von denen theoretisch wenig Gefahr drohte, immerhin waren die in Kul Tiras verhasst. Wenn sich Malloc also an der Ostküste nieder gelassen hatte, konnte er so eventuell zu den Piraten fliehen. Darauf hoffte ich. Und deshalb suchte ich die östlichen Berge ab. Es ging mir irgendwann ziemlich beschissen. Ich war so hungrig, dass ich das Gefühl hatte, mein Magenknurren würde meilenweit zu hören sein. Ich war nass und voller Schlamm und von Mücken so zerstochen, dass ich mir den Umhang wie einen Turban um den Kopf gewickelt hatte. Und so stapfte ich am Seeufer entlang und hielt Ausschau nach einer Hütte oder einer Höhle. Allerdings fand ich zuerst nur Konkurrenten. Die Spreu war vom Weizen getrennt worden. All die jungen Narren waren tot oder hatten aufgegeben. Wer jetzt noch nach dem Schlächter suchte war fähig, clever, gefährlich und zäh. Schüsse fielen keine mehr, denn die konnten ja die Beute aufschrecken.

Statt dessen flogen Giftpfeile, mit Kot beschmiert, durch das Unterholz. Am Seeufer lieferte ich mir so manches Duell und hätte oft knapp selber mit dem Leben bezahlt. Nur knapp konnte ich so manchen Kopfgeldjäger erledigen und der Fluss hatte den Vorteil, dass ich einige Verwundete nur ins Wasser schubsen musste, wo sich die Piranhas um den Rest kümmerten. Und dann endlich kam das Versteck des Schlächters in Sicht. Eine gut befestigte Höhle, mit einer kleinen, getarnten Palisade, einer Tür. Sah den Behausungen von Zwergen nicht unähnlich. Die Höhle lag am Fuß der östlichen Gebirgskette, doch musste man einige Meter über offenen Gelände, eine Steigung nach oben stürmen. Auf dem Weg zum Versteck war man also angreifbar. Ich beschloss, mich seitlich zu nähern. Machte einen großen Bogen, als sich mir plötzlich ein weiterer Konkurrent in den Weg stellte. Der Kerl war kräftig, genau wie ich voller Schlamm. Er trug eine Kapuze und ein Tuch über dem Mund, hatte einen dreckverkrusteten Zweihänder über der Schulter. Sofort zog ich meine beiden Klingen. "Geh einfach weg", knurrte der Koloss aus Dreck, Muskeln und Blut. "Ich bin sicher nicht so weit gekommen, um jetzt wieder umzudrehen", spie ich eine Erwiderung hervor. Das Zusammenprallen von Klingen würde man im Versteck des Schlächters eventuell hören. Eigentlich konnte ich dann doch genau so gut meine Pistolen ziehen und schießen. Der Fluss, der in den Bergen entsprang, war leider weit genug weg, um solche Geräusche nicht mehr zu dämpfen. Karduin Malloc hatte sein Versteck in der Tat ziemlich gut ausgesucht. Ich steckte die Schwerter weg, während mein Gegenüber nur lachte, den Zweihänder aber immer noch mit beiden Händen vor sich hielt. Dann zog ich die Pistolen und feuerte, während sich der Dreckskerl in Bewegung setzte. Der ersten Kugel entging er mit einem Ausfallschritt, die andere streifte seinen linken Oberarm. Ich warf die leeren Pistolen nach ihm, doch er ignorierte sie, schwang den Zweihänder, während ich wieder die Schwerter zog und kreuzförmig erhob, mit den Klingen nach unten. Der Kerl war stark. Die Klingen schepperten und mir vibrierten schmerzhaft die Arme und ich musste zurück springen, denn mühelos hätte er meine Klingen beiseite gedroschen und mich entzwei geschlagen. Ich ging jedoch sofort zum Gegenangriff über, schlug mit der linken Klinge aus dem Handgelenk nach seiner Hüfte, während die rechte Klinge auf die Schatten seiner Kapuze zu zuckte. Doch er parierte, zuckte mit dem Kopf nach hinten, wich aus und trat mir brutal gegen das Standbein, brachte mich ins Straucheln.

So eine Wildheit und Kraft hatte ich lange nicht mehr gesehen. Mein Kontrahent riss das Schwert hoch und ließ es auf mich nieder sausen. Ein Kreuzen meiner Klingen würde nicht immer helfen. Ich warf mich zur Seite, erhob mich mühsam, als der Kerl direkt weiter auf mich zu stampfte und die Klinge schwang. Ich duckte mich, ging auf ein Knie runter und der Zweihänder schoss über meinen Kopf hinweg. Dann ließ ich die Klingen nach vorne zucken, doch geistesgegenwärtig trat er mir gegen das gebeugte Knie. Ich fiel nach hinten, auf den Rücken, während er jedoch nach hinten taumelte und seinen dreckigen Poncho beiseite schob. Eine meiner Klingen hatte ihn am Bauch erwischt, war jedoch nicht tief eingedrungen, da er mich weg getreten hatte. Schnaufend senkte er den Zweihänder, während ich mich wieder erhob. Dieser Kerl war eine Kampfmaschine, unglaublich stark in der Offensive. Ich war gezwungen, selber anzugreifen, denn wenn ich diesen Mistkerl Zeit zum Reagieren ließ, war ich verloren. Mit der linken Klinge schlug ich gegen den Zweihänder, versuchte, ihn zu umtänzeln. Mit der anderen Klinge, der flachen Seite, drosch ich gegen den Streifschuss auf seinem Arm und er knurrte vor Schmerzen auf, stach nach mir. Fast hätte er mich aufgespießt, doch ich wich aus, stach erneut nach ihm. Doch er fing die Klinge zwischen Torso und Oberarm, löste dabei eine Hand vom Zweihänder, mit der er dann meinen Nacken packte, mich an sich zog und mir seine Stirn gegen meine schmetterte, wobei ich nur knapp den Kopf senken konnte. Benommen taumelten wir beide voneinander fort, doch er griff mich sofort wieder an, schwang die Klinge nach meinen Beinen. Mühsam sprang ich über die Klinge, doch er riss sie sofort zurück und ich musste mit beiden Klingen gegen halten, damit sich der Zweihänder nicht durch meinen rechten Arm und in meine Brust grub. Doch er war stark. Er versuchte, mich zu umkreisen, um mit etwas mehr Druck der Klinge doch noch meinen Arm zu treffen, und obwohl ich zurück wich, half es nicht. Denn mit meiner Bewegung nahm ich Druck von meinen Klingen und sein Schwert zog sich knapp über meinem rechten Ellenbogen über den Arm. Nun knurrte ich vor Schmerzen und er nutzte dies, drosch mehrere Male gegen meine rechte Klinge, bis diese mir aus der Hand flog. Und sofort stellte er sich zwischen das Schwert und mich. So nahm ich das verbliebene Schwert von der linken Hand in die rechte und zog mit der linken Hand mit Jagdmesser. Obwohl mein rechter Arm verwundet war, war das Schwert darin dennoch besser aufgehoben als in der linken Hand.

Der dreckverkrustete Krieger mit dem Poncho und der Kapuze knurrte mich an. Der Mundschutz war ihm nach unten gerutscht, doch ich sah nur einen dreckverkrusteten Bart. Der Kampf war enorm kräfteraubend. Dieser Kerl war eine ganz andere Liga als die Deppen zuvor. Dreckig, schnaufend und schwitzend umkreisten wir uns. Er hatte es wesentlich einfacher, einen tödlichen Treffer anzubringen. Ich musste mit Schwert und Messer irgendwie nah genug an ihn heran kommen. Wie sollte ich diesen Zweihänder parieren, der mit so viel Kraft geführt wurde? Ich musste ihn irgendwie austricksen. Doch er griff nun an, schwang die Klinge beidhändig nach mir. Ich sprang zur Seite oder nach hinten, doch er war schnell und stark. Er trug Rüstung, ebenso wie ich. Irgendwann würde einer von uns müde werden und Fehler machen. Als er die Klinge vorbei schwang, trat ich an ihn heran, rammte ihm das Jagdmesser in die rechte Schulter und ließ es stecken. Doch er schrie nicht. Nie. Er knurrte, brüllte wie ein Bär. doch nie hörte man Schmerz. Nur Zorn. Kaum hatte sich mein Messer in seine Schulter gebohrt, ließ er seinen Zweihänder los, packte mit der linken Hand mein rechtes Handgelenk und drehte mir das verbliebene Schwert aus der Hand, ehe er mit der rechten das Messer aus der Schulter zog und es nach meinem Hals schwang. Ich versuchte auszuweichen. Mein Zappeln befreite mich zwar nicht aus seinem Griff, rettete mir aber dennoch das Leben: Die Messerklinge fegte an meinem Unterkiefer entlang, hinterließ einen tiefen Schnitt am linken Kinn und riss einen langen Streifen aus meinem Umhang, der aber dennoch weiter um mein Gesicht gewickelt blieb. Ehe er mit einem Rückhandhieb doch noch meine Kehle aufschlitzen konnte, sprang ich ihn an, donnerte meine Stirn nun gegen seine und wir fielen in den Dreck, rangen miteinander. Das war für zwei müde Kerle in Rüstungen keine Kleinigkeit. Er hatte noch immer mein Jagdmesser in der Hand, versuchte, seine Kraft und sein Gewicht zu nutzen, um es mir ins Gesicht zu drücken. Ich wusste, dass ich von der reinen Körperkraft her keine Chance hatte. Gerade, als er über mir saß und Schwung holte, um das Messer mit beiden Händen umklammert in mein Gesicht zu rammen, streckte ich eine Hand zu seiner Bauchwunde aus und drückte den Finger hinein. Der Schmerz war es, der ihn davon abhielt, mir das Messer ins Gesicht zu drücken, doch während er vor Schmerzen zuckte, rammte er das Messer dennoch nach unten, in meine rechte Schulter, verpasste mir die gleiche Wunde wie ich ihm zuvor. Ich allerdings schrie. Er schlug mir hart ins Gesicht, dann noch einmal. Den Turban, den ich aus meinem Umhang gebastelt hatte, riss er mir vom Kopf. Und dann plötzlich sprang er wie vom Blitz getroffen von mir runter, wich zurück.

Mühsam versuchte ich, mich aufzusetzen, aufzustehen. Doch mein rechter Arm blutete, ebenso die Schulter, obwohl das Messer noch drin steckte und die Blutung vorerst verhinderte. Mein Kopf schmerzte, mein Kinn blutete stark, nun, wo der Turban mitsamt Gesichtsschleier fort war. Ich würde diesen Kerl nicht besiegen, wurde mir klar. Ich konnte mich kaum noch rühren. Ich war hungrig, müde und absolut am Ende meiner Kräfte. Er musste nur den Fuß auf meine Brust setzen und mich aufspießen. Oder musste mir eigentlich nur ins Gesicht treten, so oft, bis es vorbei war. "Bring es hinter dich", wisperte ich müde. "Du hast gewonnen." Noch er immer stand er über mir. Die Kapuze bewegte sich kaum merklich, hin und her. Würde er mich etwa elendig im Dschungel verrecken lassen? Doch dann fiel er auf die Knie, direkt vor mir. Und zog sich dann mit zitternden Händen die Kapuze vom Kopf. Der Anblick schmetterte mich, der ich immer noch versuchte, aufzustehen oder mich hin zu setzen, wieder auf den Boden zurück, ich kroch selber einige Meter weg, fassungslos. Es war, als blicke man in einen schmutzigen Spiegel. Dreckige, strohblonde Haare, Dreckverkrusteter Bart. Graue Augen inmitten von blonden, klebrigen Strähnen. Und dann war er plötzlich bei mir, zerrte mich hoch, auf die Knie, nahm mein Gesicht in die Hände und sah mich an, die grimmige Miene brach auf, zu einem krächzenden, kehligen, unbeholfenen Lachen, ehe er seine Stirn gegen meine drückte. Und ich zog mir das Messer aus der Schulter, schlang die Arme um ihn und stimmte in sein Lachen ein, als wir mitten im Urwald, am Arsch der Welt, uns endlich nach so langer Zeit wieder fanden. Wir weinten, vor Erleichterung und Glück. Bei Ian wohl das erste Mal seit Ewigkeiten. Ich hatte ihn für tot gehalten. Er mich für lange Zeit ebenso, ehe er erfahren hatte, dass ich Herdweiler verlassen hatte. Er hatte die richtigen Spuren gefunden, war ihnen gefolgt. Und hier, in der grünen Hölle, hatten wir beide endlich wieder etwas Glück, hatten vielleicht nicht den perfekten Ort gefunden, den wir uns so lange gewünscht hatten, doch wir hatten uns wieder. Ian war nicht gefallen, war doch nicht aus meinem Leben verschwunden, war endlich wieder bei mir. Und Verzweiflung und Frust fielen von mir ab, ebenso der Hunger und die Müdigkeit und die Schmerzen - das alles kam aber leider nur allzu bald zurück. Wir waren wieder vereint. Wer konnte uns schon aufhalten, wenn wir Seite an Seite kämpften, an einem Strang zogen? Karduin Malloc, der Schlächter von Drisburg, war uns allerdings entwischt. Er hatte während unseres Kampfes genug Zeit gehabt, auf der Ostseite der Gebirge zu entkommen. Doch das war uns egal. Obwohl das Arbeitsangebot nicht besser wurde, war ich nicht mehr alleine. Wir würden alles überstehen, wie immer. Wer sich mit uns anlegte, hatte schon verloren.

Teil 3: Auf Messers Schneide


Ich möchte endlich irgendwo zuhause sein,
Keine Kälte spüren, auch wenn ich bin allein.
Ich möchte mir nicht ewig ein Fremder bleiben,
Nicht in einem Meer aus Dunkelheit treiben.
Ich möchte mich in guter Gesellschaft finden,
Und mich nicht immer an fremde Maßstäbe binden.
Ich möchte niemals mehr meine Wünsche von mir trennen,
Und nie wieder versuchen, vor mir davon zu rennen.
Erst dann bin ich fähig, mich zu akzeptieren,
In mir Ruhe zu finden und mich nicht an mich zu verlieren.


"Irgendwo gibt es einen brauchbaren Ort für uns, Alex. Ich werde nicht aufhören, ihn zu suchen. Ich werde ihn für uns finden oder dabei drauf gehen." Ian's Stimme war leise wie ein Windhauch gewesen, hallte aber sogar jetzt noch in meinem Kopf, als würde Ian direkt neben mir stehen und die Worte erneut aussprechen. Ich lehnte mich gegen den morschen, eingefallenen Zaun und starrte zur Scheune, zum Lagerfeuer, zum Galgen, zu den Bauernhöfen von Alterszapfen. Gab es ihn überhaupt? Diesen einen, schönen Ort, an dem es lohnte, zu bleiben? Wo das Leben keine Hölle war, man seine Ruhe hatte, wo man all den Schmerz und all den Mist vergessen und hinter sich lassen konnte? Natürlich habe ich meine Zweifel daran. In Lordaeron gab es diesen Ort wohl nicht, es sei denn, ich würde den Argentumkreuzzug ignorieren können. Was unvorstellbar für mich war, solange Fordring das Sagen hatte. Umsonst habe ich damals, vor Jahren, nicht das Land gen Süden verlassen. Lordaeron war nur eine dauerhafte Option, wenn die Verlassenen irgendwann spontan zu Staub zerfielen oder König Wrynn endlich überraschend Eier in seiner Hose vorfand und angriff. Beides war sehr unwahrscheinlich. Beutebucht war als Urlaubsort recht entspannend und amüsierend, aber nicht dauerhaft. Zu viel Konkurrenz. Außerdem war es da unten zu warm. Nordend? Auf Dauer wohl zu kalt. Ian und ich gingen damals zum Dämmersturm, weil es die beste Option schien. Sicherheit durch Überzahl, operierend in mehreren Gebieten. Es klang so gut und doch wurden wir damals so bitterlich enttäuscht, bezahlten für die Unfähigkeit anderer beinah mit dem Leben. Unser erster Besuch beim Dämmersturm war nur ein relativ kurzer, voller Reibereien und Streit und gipfelnd in dieser einen, verfluchten Mission im Dämmerwald. Wir waren unglaublich wütend und zogen wieder nach Süden, nach Beutebucht, wo ich meine Verletzungen auskurierte. Es ging eigentlich nicht einmal um die Dummheit von Isirion, sondern darum, dass wir ihn genau gewarnt hatten, richtig abzusichern. Er hatte es verbockt. Und so fanden Ian und ich uns erneut im verdammten Beutebucht wieder, bei ekelhafter Hitze und zumindest ich so angeschlagen, dass ich sehr lange nicht einmal arbeiten oder saufen und vögeln konnte - okay, vögeln ging schon, aber nicht in gewohnter Qualität. Selbst als es mir irgendwann langsam wieder besser ging, besserte sich unsere Lage nicht wirklich mit. Zu viel Konkurrenz. Zu wenig Gewinn. Und so kehrten wir doch wieder zurück, nach Eisenschmiede. Zum Söldnerbund Dämmersturm.

Der Empfang war natürlich nicht besonders rosig gewesen. Verständlicherweise. Ich hatte mich in der Kündigung nicht besonders nett ausgedrückt, all die Nervensägen stürzten sich zeternd und klagend auf uns wie Waschweiber. Doch meine Worte an den Kommandanten waren eindeutig gewesen: "Wir sind verdammt gut in dem, was wir so machen. Auch wenn das, was wir machen, meistens nicht sehr nett ist. Dennoch können wir nützlich sein." Und das wurden wir. Verdammt nützlich. Allerdings ließen wir uns recht schnell nach Nordend versetzen, zum Außenposten namens Sturmfaust's Wacht. Wir wollten den Jammerlappen Zeit geben, sich mit dem Gedanken an unsere Rückkehr abzufinden. Und zum Glück war Nordend eine ziemliche Spielwiese für uns. Untote, Orcs, Vrykul, Banditen. Obwohl die Kälte irgendwann in die Knochen ging, war es in Ordnung so. Wir hatten immer etwas zu tun. In Nordend tauschte ich meine beiden Schwerter gegen einen Anderthalbhänder, nachdem sich die Klingen bei einigen Untoten harmlos zwischen den Knochen verheddert hatten und nur Ian mich davor bewahrt hatte, getötet zu werden. In Lordaeron hatte ich damals nie solche Probleme gehabt, seltsamerweise. Aber damals hatte ich es auch meistens mit Ghulen oder Zombies zu tun. Nur verhältnismäßig wenige Untote waren damals komplett skelettiert gewesen. Mit einem größeren Schwert erhoffte ich mir mehr Wucht hinter den Hieben, auch wenn ich dabei komplett umdenken musste, im Vergleich zu früher. Nordend bot mir die Zeit, mich zu verbessern. Meine Pistolen ersetzte ich durch abgesägte Schrotflinten. Und was hielten wir für blutige Ernte unter unseren Feinden. Erwähnenswert war die lange Polarnacht, in denen die Horde besonders aggressiv versuchte, die Oberhand in den Grizzlyhügeln zu erlangen. Wochenlange Finsternis und erbitterte Schlachten gegen Orcs und Verlassene. Der Dämmersturm half, eine ewiglange Belagerung der Orcs bei der Ammertannhütte zu beenden, lieferte sich einen harten, dreckigen Kampf an den schneebedeckten Hängen des Gjalerhorns, wo sich Verlassene verschanzt hatten und mit alten Artefakten der Geißel versuchten, den Konflikt für sich zu entscheiden. Der Dämmersturm eroberte die Holzfällerlager Blauhimmel und Schwarzwasser zurück und trieb die Horde schließlich über den Schwarzwasserfluss zurück, nach Burg Siegeswall. Es war egal, wie nervig die arroganten Soldaten der Allianz waren, mit denen wir Seite an Seite kämpfen. Es war unwichtig, wie dämlich manche Tagelöhner und Mitläufer bei Sturmfausts' Wacht waren. Ian und ich hatten Gegner vor uns. Wir hatten zu tun, hatten unseren Spaß, waren immer weit vorne, wenn es zum Kampf kam. Darauf kam es an. Doch dann wurde Höllschrei besiegt und der Waffenstillstand wurde ausgerufen. Vrykul und Banditen konnten zwar auch amüsant sein, doch auf einmal wurde es viel zu ruhig beim Außenposten Sturmfaust's Wacht. Daher entschlossen wir uns, uns wieder nach Eisenschmiede versetzen zu lassen. Was folgte?

Mein Zorn auf Isirion hatte sich irgendwann verflüchtigt. Fehler konnten passieren. Schlimm wurde es nur, wenn man diese Fehler wiederholte. Im Grunde genommen hätten Ian und ich uns damals einfach nicht auf ihn verlassen sollen. Doch gab es auch durchaus fähige Leute beim Sturm. Wenige, aber dennoch minimal brauchbar. Einige hatten mir das Leben gerettet, als ich während einer Mission nieder geschlagen wurde und fast getötet worden wäre. Es war sehr leicht, Fehler und Makel bei anderen zu bemerken. Schwieriger war es, sich auch mal einzugestehen, dass man leider doch nicht alles alleine überstehen konnte, selbst wenn dies natürlich der Idealfall war. Ian war eine ständige Erinnerung daran. Was würde ich nur ohne ihn machen? Er hatte mir so oft den Arsch gerettet, zuletzt erst im Dämmerwald, als wir beide im Alleingang eine alte Kirche voller Grabräuber gestürmt hatten und sie alle nach draußen gescheucht oder erschlagen hatten. Ohne Ian hätte ich Lordaeron nicht überlebt und Beutebucht oder Nordend wohl früher oder später auch nicht. Ab und an war es gut, sich auf jemanden verlassen zu können. Vertrauen zu können. Damals in Lordaeron hatte ich durchaus einer Handvoll Leuten vertraut. Allerdings waren am Ende nur Ian und Maria übrig geblieben. Und als Maria mir nicht mehr vertrauen konnte oder wollte, als sie mich verließ, blieb jahrelang nur Ian übrig. Und jetzt? Mein Blick schweift wieder über das Dorf und ich blecke grimmig die Zähne, knurre, als ein kalter Windhauch mich zum schaudern bringt und die Nähte der Pfeilwunden beim Anspannen zwicken. Man musste sich ab und an auch die Stärken anderer eingestehen und diese zu würdigen lernen. Ab und an. Wann war der Wendepunkt für mich gekommen? Als man mich nach zu vielen Schlägereien und Saufgelagen darauf angesprochen hatte, dass ich auf eine Klippe zusteuerte? Als Ian mir geschworen hatte, dass er nicht zuließ, dass ich mich selber so kaputt machte? An diesem Abend hatte ich zumindest damit begonnen, mich endlich zu zügeln. Und irgendwann hatte ich bemerkt, dass es doch auch vernünftige Leute geben konnte, in einem Rattennest wie Sturmwind. In einem Söldnerhaufen wie dem Dämmersturm.

"Sie sind dir nicht egal" hatte Ian bereits festgestellt. Wie kam es dazu? Ich hatte bei unserer Rückkehr zum Dämmersturm für mich beschlossen, schlicht und einfach auf Disziplin und gute Arbeit zu setzen. Und gute Arbeit leistete ich auch. Ich kümmerte mich, hörte zu. Half, gab Ratschläge, war fleißig und vorbildlich, zumindest im Dienst. Ging ich damit zu weit? Wo das enden sollte, wusste ich: Nach dem Ärger mit verschiedenen, respektlosen und faulen Tagelöhnern hatte ich beschlossen, eines Tages Drillmeister zu werden. Schwächen musste man ausmerzen. Irgendjemand musste mit gutem Beispiel voran gehen. Der Dämmersturm war nicht perfekt. Aber man konnte versuchen, die Fehler zu beheben. Die Makel und Beulen langsam aus dem alten Eisen zu dreschen. Ich war kurz davor gewesen, zu kündigen oder zu desertieren. Einfach in der Nacht verschwinden, fort von diesem wilden, dummen Haufen. Und ich schäme mich dafür, fast aufgegeben zu haben, ehe ich doch wieder einen kühlen Kopf bekam und mich zusammen riss. Nein, ich würde nicht weichen, würde nicht wanken. Ich würde mich durchsetzen und wer mir dabei in den Weg kam, würde aus dem Weg geräumt werden. So einfach war das. Zumindest theoretisch. Doch wenigstens fiel auch anderen dummes, respektloses Verhalten auf. Abgesehen von kleineren Dummheiten hatte ich eigentlich lange keinen Zwischenfall mal gesehen. Das konnte sich natürlich schlagartig ändern. Aber Ian hatte recht. Einige wenige waren mir nicht egal. War das ein Fehler? Doch im Grunde hatte Ian mich all die Jahre stark gemacht. Für Ian hatte ich durchgehalten, war stark geworden, hatte nicht aufgegeben. Für Maria hatte ich mich durch Dutzende von Untoten gekämpft, für Ian hatte ich Maria aufgegeben. Hätte ich gewusst, dass Ian das Massaker bei der Scharlachroten Enklave überlebt hatte, hätte ich gewusst, dass er in Nordend war, ich hätte wohl versucht, mich durch das ganze Land zu hacken, um wieder an die Seite meines Bruders zu kommen. Und Ian selbst hatte mich unermüdlich gesucht. Alles hatte Vor- und Nachteile. Menschen konnten einen bremsen und auch weiter bringen, einen anspornen oder entmutigen. Einen retten oder aber ablenken. Ich musste an Vanessa denken, die wohl irgendwo in Sturmwind Blumen verkaufte. Ich betrachte ihr Armband oft, mit den hölzernen Kugeln, auf denen die Buchstaben meines Namens gemalt sind. Das Mädchen war eine Nervensäge, war anhänglich und dumm und frech und unberechenbar. Und doch war da irgendwo in meinem Hinterkopf diese kleine Stimme, die flüsterte: "Du vermisst sie, nicht wahr?" Solche Stimmen und Gedanken tötete ich für gewöhnlich mit Alkohol ab. Aber ich hatte seit Wochen nichts mehr getrunken, hatte beschlossen, das im Dienst komplett sein zu lassen. Und selbst wenn man grad keinen Wachdienst hatte, war die Ruhe hier ja keine wirkliche Freizeit. Ja, ich vermisste das Mädchen. Und fragte mich, ob sie mich vermisste oder längst vergessen hatte. Seltsam. Der Gedanke, dass sich jemand um mich scherte. Der... der Wunsch, dass sich jemand um mich scherte.

So konnten sich Dinge ändern, konnten Meinungen und Lebensweisen sich ändern. Ein Teil von mir verabscheute die ganzen Nieten und Deppen im Bund, ein anderer jedoch schätzte die wenigen, die fähig waren. Ein Teil von mir wollte saufen, prügeln, herum huren. Ein anderer Teil schreiben, dichten, gute Gesellschaft. Ein Teil von mir wollte gewissen Kameraden den Schädel einschlagen und Gliedmaßen entfernen, ein anderer wollte Disziplin, Effizienz, die Genugtuung guter Arbeit. So viele neue Wünsche und Ziele, auf die man sich konzentrieren konnte. Ein Teil von mir begann zu erkennen, dass man nicht nur nach einem schönen Ort auf der Welt suchen sollte, sondern sich auch selber einen schaffen konnte. Im Falle von Ian reichte nur eine Person, um die Hölle ein klein wenig erträglicher zu machen. Und andere Personen, so dämmerte mir langsam, hatten den selben Effekt auf mich. Es war ein Tanz auf Messer's Schneide, ein Balanceakt zwischen Licht und Dunkelheit, Hoffnung und Verzweiflung und Ruhe und Zorn. Das ganze Leben war dieses instabile Gleichgewicht. Ungewissheit. Aber dann gab es Dinge, die ich ganz genau wusste: Ich würde Ian nicht noch einmal verlieren. Nicht noch einmal im Stich lassen. Ich würde Vanessa wieder sehen, weil ein Kindesersatz doch irgendwie amüsant war. Irgendwie wärmend. Ich würde hundert, tausend Banditen in Stücke hacken, wenn es notwendig wäre, wieder nach Sturmwind zurück zu kommen. Ich würde weiterhin mein Bestes geben, denn alles andere konnte durchaus den Tod bedeuten. Ja, irgendwann würde ich wieder Alkohol genießen, schöne Prügeleien. Aber ich würde auch kreativ sein. Mir meine Träume erfüllen. Ich würde gute Gesellschaft genießen, schlechte Gesellschaft verdreschen, wenn nötig. Ich würde Ruhe hassen, Ruhe genießen, am Ende einfach alles überstehen, weil aufgeben nicht in Frage kam, niemals. Ich würde ein Soldat sein, ein Mensch sein, ein Arsch sein, ein Kamerad sein. Ich würde genießen, würde geben, nehmen, leben. Ich musste lachen, was meine Pfeilwunden wieder zwicken ließ. Hier, am Arsch der Welt, angeschlagen und genervt... ging es mir trotzdem irgendwie gut. Nicht in jedem Moment, natürlich. Viel zu oft ging es mir eigentlich beschissen, viel zu oft war die Laune im Keller und der Hass auf die Leute fast genug, um um mich zu schlagen. Aber auf die Momente, wo es eben nicht so war, auf die kam es an. Ich fasse mir mit der rechten Hand an den Hinterkopf, streich mir nachdenklich durch die langen Haare. Perfekt war ich nicht. Wollte ich nicht, würde ich auch nicht sein. Ich würde mich weiterhin aufregen, meckern, klagen, kochen vor Wut. Aber aufgeben würde ich nie. Und ich beschloss, so viel Spaß zu haben, dass es den ganzen Scheiß wieder ausglich.
Warum? Weil sich Alexander Veidt nicht klein kriegen ließ. Weil jeder, der sich mit mir anlegte, schon verloren hatte. Weil es genau daran niemals Zweifel gab.


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