Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: Erinnerungen
BeitragVerfasst: 13. Mär 2014, 21:59 
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Erinnerungen - Bruchstücke der Vergangenheit


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"Ihr wollt schon wieder zelten?" Anna Simmons verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihre Söhne missbilligend an. "Nur Flausen im Kopf. Dabei habe ich schon Fleischpastete im Ofen, habe schon das Essen für die ganzen nächsten Tage vorbereitet. Und ihr zwei wollt schon wieder zelten." Ian strahlte seine Mutter an. "Wir fischen. Oder fangen uns Hasen. Großvater hat uns das doch gezeigt, Mutter. Wir sind doch nur über das Wochenende weg. Und Alex passt doch auf uns auf. Macht er doch immer." Alex, einen ganzen Kopf größer als sein kleiner Bruder, nickte eifrig. "Maria, James, Marcus und Lucille sind auch dabei. Bitte, es ist wahrscheinlich das letzte Mal, dass wir dazu kommen. Montag sind die Herbstferien vorbei, die Schule geht wieder los. Und bald werden die Tage kälter." Die Brüder mit den schmutzigblonden Haaren sahen ihre Mutter mit großen Augen an. Mit einem Lachen gesellte sich ihr Vater dazu, umarmte seine Frau von hinten und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. "Lass sie doch, Schatz. Wir waren doch nicht anders." Anne wand sich ihm zu. "Aber Sam, das ganze Essen..." Samual Simmons grinste breit. "Dann esse ich eben doppelt so viel. Dürfte für mich doch kein Problem sein." Nun musste auch Anne schmunzeln, ehe sie sich aus den Armen ihres Mannes löste und ihre Söhne umarmte, ihnen Küsse auf die Wangen drückte. "Dann nehmt aber auch genug Sachen mit. Wie es euch euer Großvater erklärt hat. Rührt keine Fliegenpilze an, vergrabt die Essensreste und esst keine Bitterbeeren. Hab euch lieb. Ojeh, die Pastete..." Anna Simmons schoss nahezu in die Küche, wobei ihr langes, blondes Haar wie ein Schweif hinter ihr her wehte. Samual kniete sich vor deine beiden Jungs und grinste. "Umso mehr Pastete für mich, hm?" Leiser fügte er hinzu: "Morgen gibt es Eintopf. Herrjeh, ich beneide euch..." Er zog eine gespielt gequälte Miene, dann zückte er sein Jagdmesser und drückte es Alex in die Hand und sein Allzweck-Messer, welches er Ian gab. "Entfernt euch aber nicht zu sehr. Es wurden Bären und Wölfe im Norden und Westen gesehen." Alex nickte pflichtbewusst. "Ich denke, wir fahren per Boot zur Insel auf dem Blendwassersee. Das ist nur ein Steinwurf entfernt." Zufrieden erhob sich ihr Vater und wuschelte den beiden durchs Haar. "Alles klar. Bei Anzeichen eines Sturms oder so kommt ihr aber sofort zurück, ja?" Alex und Ian nickte gleichzeitig. "Ja, Vater." Dann packten die beiden Brüder auch schon ihre Rucksäcke und stürmten aus dem Haus. Die Bäume hatten bereits begonnen, sich zu verfärben und ihr Laub zu verlieren, doch trotzdem war es noch warm. Das Wetter war gut und eben das wollten die beiden ausnutzten, so gut wie möglich. Sie huschten durch die Straßen, über den Marktplatz. Es war Freitag Vormittag und zahlreiche Stände waren aufgebaut worden. Dutzende von Karren brachten Ware und zahlreiche Bürger kauften ein. Es war ein ziemlicher Andrang und die beiden Brüder drängelten sich durch die Menge. "Korn aus Andorhal, Kräuter aus Mühlenbern", begann Alex aufzuzählen. "Jede Wette, dass Mutter nach dem Mittagessen hier auch einiges an Münzen ausgibt, um die Speisekammer zu füllen." Ian brummte. "Vater hatte Recht, wir haben Glück, ihrem Eintopf entkommen zu sein." Er ließ ein Grinsen aufblitzen und Alex lachte, dann stießen beide Jungs ihre Fäuste gegeneinander. "Gehört alles zum Plan. Habe Mutter heute früh nur 'Eintopf' sagen hören, da wusste ich: Wir müssen fliehen, übers Wochenende." Ian kicherte. "Und ich dachte, du wolltest nur zelten, weil Maria auch dabei ist." Und sofort wurde Alexander rot wie eine der vielen Tomaten, die auf dem Markt angeboten wurden. "Ach, halt doch die Klappe, du Stöpsel!" Nun lachte Ian noch mehr, verstummte allerdings, als sie das Gedränge hinter sich gelassen hatten und am Stadtrand von Brill auch schon Maria und ihren älteren Bruder Marcus warten sahen. "James und Lucille sind schon beim See", erklärte Marcus, als sie Brill hinter sich ließen und den Wald ansteuerten. Marcus hatte einen Beutel mit frisch gebackenen Brötchen bei sich, aus dem er sich regelmäßig eines nahm und herzhaft hinein biss. "Auch?" fragte er seine Schwester, doch Maria winkte ab, ebenso wie die Simmons-Brüder. "Ich möchte die paar Tage noch Natur pur genießen. Brötchen kann ich den ganzen Winter noch futtern. Was selbst gefangenes, gebraten über dem Lagerfeuer... so zeltet man richtig." Alex grinste, zerrte sich den Rucksack auf der Schulter zurecht und genoss die Sonne und das schöne Wetter, während sie durch den Wald schlenderten und sich dem Blendwassersee näherten. Sie konnten bereits die Insel im Zentrum des Sees sehen, die bereits aufgebauten Zelte wie weiße Flecken, während Lucille und James zwei sich bewegende, dunkle Punkte in der Ferne waren. "Jede Wette, dass ich nachher beim Lagerfeuer die gruseligste Geschichte erzähle", prahlte Marcus und klaubte sich das nächste Brötchen aus seinem Beutel, biss hinein. Alex schmunzelte. "Da halt ich gegen, wart's nur ab."

***


Sie hatten ihre Zelten aufgebaut, hatten dann einige Fische geangelt und ein Lagefeuer vorbereitet, um welches sie nun saßen, während die Sonne unterging. Auch hatten sie ein wenig Schwertkampf gespielt, mit langen Stöcken. Wenigstens hatte Marcus' Unterlippe aufgehört zu bluten, nachdem er sich selber bei einem ungeschickten Angriff einen Stock auf den Mund geschlagen hatte. Nun teilte er sich seine restlichen Brötchen mit Lucille und James, die neben ihm am Lagerfeuer saßen, während Alex auf der anderen Seite zwischen Ian und Maria saß und am gebratenen Fisch knabberte. "Ich fand deine Geschichte aber etwas lahm, Marcus", murmelte Alex während er kaute. "Ein Geist, der des Nachts über den Feldern von Agamands Mühle zu sehen ist? Das ist doch viel zu gewöhnlich." Marcus funkelte ihn über das Lagerfeuer hinweg an, während er ein Brötchen in sich hinein stopfte. "Dann erzähl du doch etwas besseres!" Alex grinste breit. "Von Geistern, die irgendwo spuken, kann jeder erzählen. Ich erzähl euch mal eine wahre Geschichte." Ian erhob sich. "Ich geh mal pinkeln." Alex nickte ihm zu, ehe er ins Feuer starrte. "Jeder spricht nur im Flüsterton davon. War Zufall, dass ich mitbekam, wie meine Großeltern davon sprachen. Eigentlich sollte ich nicht davon sprechen. Ich meine natürlich die Geschichte der Unterstadt, tief unter der Hauptstadt." Alex machte eine Pause, sah die anderen an, die bisher aber eher unbeeindruckt aussahen. "Die Unterstadt enthält die Kanalisation von Lordaeron, zahlreiche Krypten der Adelsfamilien. Aber auch Kerker." Alex starrte wieder ins Feuer und seufzte. "Da unten schmoren Verbrecher. Jene, die nicht am Strick landen. Aber auch die wirklich verrückten, die zu gefährlich für die Stätten der Heiler sind. Und auch einige Orcs sind dort gefangen. Oder zumindest glauben das alle." Alex' Blick verdüsterte sich. "Die Unterstadt ist groß. Verzweigt. Dunkel. Geräusche scheinen aus mehreren Richtungen zu kommen und sogar die Wachen müssen aufpassen, sich nicht zu verlaufen. Neulinge, die zum Dienst in der Unterstadt eingeteilt werden... Naja, so mancher ist nie wieder aufgetaucht. Hat sich wohl verlaufen, ist verhungert. Oder Schlimmerem zum Opfer gefallen. Denn es heißt, es gäbe einen geheimen Eingang. Eine Höhle weit im Westen. Ian und ich waren dort, doch wir wagten nicht, hinein zu gehen. Denn man erzählt sich, dass... so mancher Häftling über diese Höhle entkommen konnte. Die Katakomben sind groß. Es dauert, bis man bemerkt, wenn eine Zelle leer ist." Alex schluckte. "Wisst ihr, so oft hört man, dass ein Bauer oder Fischer von wilden Tieren angegriffen wurde. Aber Fakt ist, dass es so viele Ausflüge der Häftlinge sind. Sie wollen morden. Sie fliehen, töten und kehren zurück in ihre Zelle. Niemand merkt es. Niemand sieht es. Warum dauerhaft fliehen, wenn sie dort ein Bett und etwas zu essen bekommen?" Alex sah sich um. Maria sah mit ernster Miene zu Boden. James sah durchaus ängstlich aus, während Marcus mit verbissener Miene und zusammen gepressten Lippen ins Feuer guckte. "Den Bürgern erzählen sie halt, es wären wilde Tiere gewesen. Aber ich hörte Gespräche. Es gibt Wunden, die nicht einmal wilde Tiere zufügen. Tiere töten, wenn sie hungrig sind oder sich bedroht fühlen. Aber... die Leichen, die man teilweise in der Wildnis findet... ausgeweidet wie die Fische, die wir geangelt haben. Ja, jede Nacht könnte sich so ein Irrer davon stehen, jagen..." In diesem Moment packte Ian, der sich klammheimlich an James heran geschlichen hatte, diesen von hinten an den Schultern. Der blasse Junge mit den schwarzen Haaren erschrak und brüllte so laut, dass es den anderen in den Ohren klingelte. Auch Marcus schrie und die beiden Jungen sprangen auf und rannten einige Meter davon, während sich Ian lachend neben Alex und Maria auf den Boden warf, die sich ebenfalls vor Lachen kaum noch halten konnten. "Ihr Penner", rief James, was die beiden Brüder nur noch lauter lachen ließ. Marcus schnappte noch erschrocken nach Luft. "Ich sagte doch, meine Geschichten sind gut", feixte Alex und aß wieder genüsslich seinen gebratenen Fisch. "Eines Tages werden meine Bücher und Gedichte im ganzen Land bekannt sein." James setzte sich wieder ans Feuer. "Du willst Archivar und Schriftsteller werden, oder?" Alex zuckte mit den Schultern und nickte. "Mja. Klingt zumindest angenehm. Mag mir nicht den Buckel krumm ackern." Maria überlegte. "Ich denke, ich gehe nächstes Jahr hoch ins Kloster. Ich möchte Heilerin werden." Marcus schmunzelte. "Ich werde Soldat." Alex grinste wieder. "Dann musst du aber noch an der Schwertkunst feilen, sonst verletzt du dich nur selbst." Er erntete den erhobenen Mittelfinger seines Freundes. Ian schwieg. Er war der Jüngste der Gruppe und hatte noch zwei Jahre Zeit bis er sich über so etwas Gedanken machen musste. Er hatte noch keine Idee, was er irgendwann machen wollte. Nachdenklich schnitzte er mit dem Allzweckmesser an einem Stück Holz herum. "Ich geh pennen", verkündete Marcus schließlich und ging zu seinem Zelt. "Ich habe Bauchweh." Mit diesen Worten kletterte er auch schon in sein Zelt. "Kein Wunder, wie du heute deine Brötchen in dich hinein gestopft hast", rief Maria nur.

***


Ian war zuerst wach. Da heute eine lange Wanderung auf dem Plan stand, bis zum Kloster im Norden und zur Küste, weckte er Alex sofort. Dieser krabbelte auch schon aus dem Zelt, streckte sich und steuerte den nächstbesten Baum auf der Insel an, um gegen diesen zu pinkeln. Dann trat er gegen das Zelt von Marcus und James. "Aufwachen", rief er nur. Im nächsten Moment stürzte James ins Freie und hielt sich den Bauch. "M-Mir ist so schlecht..." Vor dem Zelt ging er auf die Knie. Alex und Ian sahen ihn an, dann blicken sie sich ratlos an. "Am Fisch kann es nicht gelegen haben, uns geht es gut", bemerkte Alex und musterte James. Dieser war noch blasser als sonst, Schweiß stand ihm auf der Stirn und seine Lippen waren blau. "Aber du siehst echt nicht gut aus. Wir bringen dich nach hau..." James unterbrach ihn mit einem gedehnten, würgenden Geräusch und spuckte einen großen Schwall Blut vor sich auf die Wiese. Erschrocken wichen Alex und Ian zurück, während James sich vor Schmerzen schüttelte. Dann erbrach er sich erneut und dicke Brocken Fleisch fielen in die Lache auf der Wiese. Dann brach James zusammen und blieb mit dem Gesicht und leblosen, dunklen Augen in der Pfütze liegen. "Alex..." Ian war sichtlich verängstigt und Alex ging es nicht anders. Dann ertönte aus dem Zelt der Mädchen ein langer, spitzer Schrei und Maria stürzte ins Freie. "Lucille ist tot. Da ist überall Blut..." Dann sah sie James auf dem Boden liegen und schlug die Hände entsetzt vor den Mund. Und plötzlich stürzte auch Marcus aus dem Zelt und nun schrien Alex, Ian und Maria gleichzeitig auf. Marcus war voller Blut, hatte sich wohl ebenfalls übergeben. Mund und Kleidung waren blutverschmiert. Die Haut hatte eine blass-grüne Färbung angenommen und die Augen waren weit aufgerissen. Dann sprang er Maria an. Sofort war Alex bei ihr, zerrte ihn fort. Doch nun packte Marcus ihn und schnappte mit blutverkrusteten Zähnen nach seinem Gesicht. Alex schrie vor Angst, dann stieß er Marcus von sich, indem er ihm einen Fuß in den Magen stemmte und ihn weg drückte. Marcus stolperte nach hinten, fiel über James und landete im erloschenen Lagerfeuer, wirbelte Asche auf. Dann taumelte Lucille aus dem Zelt, sie sah genau so schlimm aus wie Marcus. "Wir müssen hier weg", rief Maria und packte Ian und Alex und gemeinsam rannten sie zum Boot, schoben es ins Wasser und sprangen hinein. Als sie weg ruderten, war Marcus wieder auf den Beinen und gemeinsam mit Lucille schlurften sie zum Ufer der Insel und gingen einfach in das Wasser. Während Alex wie wild ruderte, konnte er sehen, wie die beiden ihnen folgten, aber ohne zu schwimmen. Sie gingen einfach immer weiter, tiefer ins Wasser, bis ihre gierig aufgerissenen Münder mit Wasser voll liefen, bis das Wasser sie verschluckte. "Seht mal..." wisperte Maria panisch und deutete zu den Zelten. Dort erhob sich James ganz langsam und schlenderte ebenfalls in Richtung Ufer. "Was ist nur los?" fragte Maria, während Tränen ihre Wangen hinab liefen. Alex indes ruderte wie wild weiter. So tief war der See nämlich nicht und er wollte nicht, dass Marcus und Lucille das Boot zum Kentern brachten. Ian kniff sich in den Unterarm. "Kein Traum..." Alex fluchte wie wild beim Rudern. So langsam taten ihm die Arme weh. "Ein böser Zauber", schnaufte er. "Wir müssen die anderen warnen..." Am anderen Ufer angekommen, sprangen die drei aus dem Boot und rannten durch den Wald, so schnell wie sie nur konnten. "Was ist nur mit meinem Bruder passiert?" Maria war noch immer völlig entsetzt. Kurz hielten sie an. "Die kommen schon wieder in Ordnung, die müssen nur zum Heiler", antwortete Alex, doch war er sich nicht wirklich sicher. Maria sah ihm das auch sofort an. So rannten sie weiter, bis sie schließlich den Waldrand erreichten und Brill in Sicht kam. Doch der Anblick, der sich ihnen bot, war kein schöner. Auch hier hatten sich zahlreiche Leute in Monster verwandelt, die durch die Straßen taumelten und Menschen angriffen. Doch waren auch zahlreiche Soldaten eingetroffen, die den Kampf aufgenommen hatten. "Sicher ist bald alles wieder in Ordnung", versicherte Alex seinem kleinen Bruder und seiner besten Freundin. "Ich pass auf euch auf, immer. Das verspreche ich." Maria schniefte, atmete tief durch und versuchte, tapfer zu sein. "Was machen wir jetzt?" Alex sah ratlos zur Stadt, in der völliges Chaos herrschte. "Wir suchen unsere Eltern", schlug Alex vor. In den Straßen sah er, wie Soldaten diese Monster erschlugen. Aber konnte man denen noch helfen, wenn man sie erschlug? "Und wenn wir sie nicht finden?" fragte Maria ängstlich. Alex drückte sie sanft. "Dann treffen wir uns wieder hier. Nehmen mit, was wir brauchen können. Und dann versuchen wir, hier weg zu kommen." Auch Ian war am Weinen und Alex selbst war den Tränen nah. Was, wenn sie alle ihre Eltern nicht mehr finden würden? "Es kommt sicher alles wieder in Ordnung."


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 Betreff des Beitrags: Re: Erinnerungen
BeitragVerfasst: 17. Sep 2014, 16:28 
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Der Albtraum reißt mich aus dem Schlaf. Ich kauere mich im Sitzen auf dem schmalen Lager zusammen, nehme meinen Kopf in beide Hände und halte ihn fest. Meine Atmung ist kurz, abgehackt, ein gieriges Luftschnappen, als wäre ich ein Dieb, der sich etwas aneignet, das ihm nicht zusteht. Ich fühle mich ausgelaugt, wie verbraucht und weggeworfen. Mein Kopf pocht dumpf, meine Haare fühlen sich steif und fettig an, das Hemd klebt vor Schweiß. Ich möchte es ausziehen, den abgewetzten Stoff einfach herunter reißen, aber es macht mir Angst. Ein unangenehmes Kribbeln erfüllt das frische Mal auf meinem Rücken. Wenn ich mich ausziehe, werde ich die Haut mit abschälen, in großen Fetzen, und darunter werde ich nichts anderes mehr sein als ich selbst.
Ich reiße die Decke weg und stemme mich hoch.

Der Morgen dämmert hinter grauen Wolken herauf, doch hierher fällt kein Licht. Hierher fällt nie Licht. Den Keller habe ich nicht mehr betreten seit dem Tag, an dem Alex vor meiner Tür stand, so nervös, dass ich nur eins wollte: Den selbstsicheren Alex von vorher zurück. Der Gang ist leer und kalt, die schweren Türen mit den vergitterten Fenstern stehen offen. Zögernd setze ich einen Fuß vor den anderen, den Eimer mit Wasser in der Hand. Ich habe etwas zu erledigen.
Wahllos betrete ich eine der Zellen und sehe Blut, teils rotes, teils fast schwarzes Blut, das an eine Wand gespritzt ist und als Schleifspur einen Schritt weit über den Boden führt. Wo kommt es her? Von den Untoten? Ich weiß es nicht und zwinge mich nicht darüber zu nachzudenken. Ich brauche nichts zu wissen, auch nicht über die stinkenden Flecken in der hinteren Ecke und die Kratzspuren an der Innenseite der Tür.

Alles, was hier passiert ist, war notwendig.

Der Eimer Wasser in meiner Hand wird schwer. Ich stelle ihn dicht bei dem Blutfleck ab, kniee mich daneben und greife nach dem Lappen, der träge in dem Eimer dümpelt. Das Wasser ist eiskalt. Mit einer kurzen Bewegung aus dem Handgelenk klatsche ich den Lumpen auf die angetrocknete Blutlache. Es wirkt wie ein Traum, aber ich versuche es so deutlich wahrzunehmen wie möglich. Ich will es begreifen.

Das hier war notwendig. Wir sind die Guten.

Normalerweise taten solche Sätze gut, sie beruhigten und bestätigten. Heute scheinen die Sätze mich regelrecht zu verhöhnen. Dennoch wiederhole ich sie beharrlich, kaum hörbar in der Stille. Wir haben unsere Erfahrungen mit Gehirnwäsche gemacht, meistens von der weniger wünschenswerten Seite aus, was aber in meinem speziellen Fall genau das Richtige ist. Wenn man etwas oft genug wiederholt, wird es irgendwann die Wahrheit.

Wir sind die Guten. Alles, was hier passiert ist, war notwendig. Wir haben das Richtige getan.

Meine Knie schmerzen auf dem harten Boden, meine Finger tun jetzt schon weh, doch ich werde weitermachen. So lange, bis alles Blut verschwunden ist, oder bis meine Haut vor Kälte und Feuchtigkeit aufreißt und neues Blut das alte überdeckt. Was davon zuerst passiert, ist mir egal. Was die anderen zu alledem sagen, ist mir egal. Im Grunde ist es mir sogar vielleicht egal, was Alex oder meine Kameraden von mir denken, denn sie alle haben nichts an meinen Zweifeln geändert. Die Zweifel sind da - und ich bin fest entschlossen, sie auszumerzen.

Du hast es doch nur getan, weil du diesen Hass, das Gefühl der Rache wieder gespürt hast, von dem du dachtest, du hättest es nie vermisst – aber genau das hast du. Und nun willst du dir einreden, dass es richtig war. Die Guten sind die Guten und die Bösen die Bösen. Mal die Welt wieder schwarzweiß, Ian, das macht das Leben doch so viel einfacher.

Wir sind die Guten. Ich habe nichts falsch gemacht.

Ich höre mein Schluchzen in dem leeren Raum widerhallen und sehe Tränen auf die heftig geröteten Hände und den zerlumpten Lappen fallen. Ich nehme es hin, ohne darauf zu reagieren. Irgendwann wird es aufhören. Und bis dahin: Wenn niemand es sieht, darf man weinen, solange wir die Guten sind. Solange bis ich die Lügen am Ende so oft durchgekaut habe, dass sie die Wahrheit geworden sind.

_________________
Alle für einen, und jeder für sich selbst!


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