Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
Aktuelle Zeit: 9. Dez 2016, 22:15

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 5 Beiträge ] 
AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: Erinnerungen
BeitragVerfasst: 11. Nov 2010, 19:30 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 10.2010
Beiträge: 322
Geschlecht: männlich
Trüb waren die Wasser des Darrowmeresees an diesem Abend, brackig und verschlammt. Still und ohne ein Anzeichen von Leben lag der See und in seiner Mitte die stolze Festungsstadt Caer Darrow... oder, was davon übrig war. Gesprungenes, zerbrochenes Mauerwerk, verfaulte Holzbauten und von giftigem Efeu überwachsene Denkmäler waren alles, was von der Stadt übrig war. Selbst die Geister, die hier einst gewohnt hatten, waren fort. Sie waren erlöst worden, als der Lichkönig sein Ende fand. In diesem Bild der Stille und des Zerfalls stapfte eine einsame, kleinwüchsige Gestalt, in einen weiten, grauen Mantel gehüllt, am Ufer des Sees entlang. Tief sanken die Stiefel des Wanderers in den mulchigen, unnatürlichen Boden, sein Schritt ging schwer, langsam. Auf der dicken Knollennase trug er eine sonderbar geformte Brille, die die Augen verdeckte und auf dem Rücken eine schwere Schrotflinte. Sein Haar war ergraut und sein Gesicht schlimm vernarbt, in zwei langen Zöpfen fiel der Bart des Wanderers dem Boden entgegen. Ohne aufzusehen stapfte er am Ufer des Sees entlang, zur alten, verfallenen Brücke, die Caer Darrow mit dem Ufer verband: er kannte seinen Weg.
Schwer und langsam ging der Schritt der einsamen Gestalt. Stiefel klackten eine Weile lang auf Stein, dann hatte der Wanderer die Stadt erreicht. Einen Moment lang hielt er inne und sah sich um, doch nur er selbst schien die Stille zu stören. Weiter ging der Weg des Wanderers: er folgte dem Pfad am Rand der Insel entlang, den Blick immer wieder auf das trübe, brackige Wasser richtend. Die Häuserruinen, an denen er vorbeikam, ignorierend, schritt er immer weiter, bis er am alten Kai der Stadt angekommen war. Der Wanderer trat ans Wasser heran und streifte seinen Mantel ab, legte ihn neben sich auf den Boden. Bronze und Silber schimmerten neben Thorium und Adamantit auf der Rüstung, die er darunter trug. Ein Wappenrock mit der Lanze und den goldenen Flügeln der Sturmlanzen prangte auf seiner Brust. Sich langsam niederkniend, griff der Wanderer nach seiner Brille und nahm sie ab, enthüllte rote, durchdringende Augen. Mit der gepanzerten Hand fuhr er kurz durch das Wasser und für einen Moment glaubte er, sein Spiegelbild erkennen zu können. "Wer bist du?" fragte Ingo Renfray sein Abbild, aber das Abbild konnte ihm keine Antwort geben, und das Wasser trübte sich wieder.
Die Rüstung drückte ihn schwer und die Flinte schien so unhandlich wie nie zu sein. Es war ironisch. Beides gehörte zu Ingo wie der Schnee und die Kälte zum Winter, aber jetzt, in diesem Moment, empfand er sie nicht als Vertraute, sondern eher als Belastung. Umständlich befreite er sich von seiner Ausrüstung und legte sie neben sich ab, behielt aber die Waffe griffbereit. Der Zwerg seufzte tief und griff nach seinem Stiefelflachmann, nahm einen tiefen Schluck. So stark wie nie zuvor fühlte er in sich die Last der Jahre. "Bin ich alt geworden, oder war ich schon immer auf irgendeine Weise alt?" fragte sich Ingo in Gedanken. "Was mache ich hier nur? Wozu diese Grübelei? Es könnte so weitergehen wie immer... ich muss weiterkämpfen. Und doch... etwas hat sich verändert. Etwas ist zu Ende gegangen. Sieben Jahre... sieben Jahre lang habe ich die Erlösung für sie alle gesucht... und jetzt, wo ich dieses Ziel erreicht habe, fühle ich mich leer... ohne Führung." Grummelnd schüttelte er das ergraute Haupt und nahm noch einen Schluck aus dem Flachmann. "Habe ich mich nie gefragt, was kommen wird, wenn sie frei sind, meine Verwandten, meine Kameraden? Habe ich vielleicht gedacht, dass es nie soweit kommen würde? Ach, verdammt. Das kann es doch nicht sein. Ich kann hier nicht aufhören!... aber, bei Khaz´goroth, ich bin so müde... so verflucht müde. Sieben Jahre..." Abermals schüttelte Ingo den Kopf, diesmal jedoch schob er den Flachmann zurück in den Stiefel, erhob sich und schulterte seine Flinte.
Ziellos durch die Ruinen streifend, gab sich Ingo seinen Gedanken hin. Er wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, hier auf feindliche Untote zu treffen, gering war, aber falls etwas passierte, hatte er seine Flinte und sein Geschick. Er ging lieber auf Nummer sicher. "Krieg. Ich habe so viel Zeit damit verbracht, in Kriegen zu kämpfen. Als Rethorn mich damals am Hafen von Sturmwind fragte, ob ich noch wüsste, was Frieden ist... da wusste ich es nicht. Und... ich weiß es immer noch nicht. Warum nur? Warum hat das Schicksal gerade mich überleben lassen, von allen, die damals dabei waren? Hatte ich Glück, oder hat das alles irgendeinen Zweck? Ich glaube es nicht... ich will es nicht glauben. Nun bin ich hier... ein alter, verbitterter Veteran, der gerade erkannt hat, dass er kein Ziel mehr im Leben hat. Nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Hmmm. Was zählt wirklich für dich, Ingo Renfray? Was ist dir wichtig?" Ohne innezuhalten, stapfte Ingo zwischen den zerstörten Gebäuden herum und konzentrierte sich ganz auf seine Grübelei. "Rethorn... Miyuu... Sorania... Leland... und noch einige andere. Die, die ich wirklich für Freunde halte... und manchmal noch für mehr. Die sind mir wichtig. Ich würde alles tun, um sie zu schützen. Hmm. Ist das alles? Was bedeutest du dir selber, Ingo Renfray?" Ein lautes Kracken ließ den alten Zwerg herumwirbeln. Ein einziger, präziser Handgriff, der in flüssiger Routine ausgeführt wurde, genügte, und die Schrotflinte sprang förmlich in seine Hände. Falscher Alarm. Ein morscher Balken war zusammengebrochen. Ingo schulterte die Waffe wieder und ging weiter.
"Ich will nicht sterben. Wer will das schon? Aber ich will auch nicht so leben... ich brauche ein Ziel. Eine Richtung, in die ich gehen kann. Ohne ein Ziel bin ich wie ein ungespannter Bogen, ein stumpfes Schwert, ein Gewehr ohne Munition... Also muss ich mir ein neues Ziel suchen. Aber was?"
Ingo blieb stehen und wandte sich um, ging zurück zum Kai. Seine behandschuhte Hand fuhr durch den grauen Bart und strich ihn zur Seite. "Ich werde ein Ziel finden, bei Aman´Thul. Und nichts wird mich aufhalten." Der Schritt des alten Zwerges beschleunigte sich, seine Haltung wurde gerade und in seinen Augen glühte es. Entschlossen dahinschreitend kam Ingo bald zurück zum Kai und sammelte seine Ausrüstung zusammen, setzte seine Brille auf und hüllte sich in seinen grauen Mantel. Ohne sich umzusehen, marschierte er den Pfad entlang, bis er wieder an der Brücke angekommen war. Dort wandte er sich schließlich noch einmal um und salutierte vor der zerstörten Stadt. Dann drehte er sich um und stapfte in die Nacht hinaus, bis seine Silhouette im Nebel der Pestländer verschwand und sich wieder Stille über das trübe Wasser des Darrowmeresees legte.




Der Gleichgewichtssinn sagte ihm, dass er auf der Seite lag. Es war schön, auf der Seite zu liegen. Liegen war wunderbar. Der Zeitablauf schien sich verlangsamt zu haben. Keine brennenden Schmerzen mehr in Beinen oder Armen, kein hastiges Atemholen, alles in einen grauen Nebel getaucht, einfach daliegen, liegen… liegen… Mit der Heftigkeit einer einschlagenden Artilleriegranate wurde er schließlich aus seiner Trance gerissen. Eine gepanzerte Hand packte seine gepanzerte Schulter und zog seinen gepanzerten Körper mit aller Kraft hoch. Ein Gesicht schrie ihn an. Er verstand das Wort nicht. Erst als das Gesicht sich mehr oder weniger aus dem Nebel seines Sichtfeldes schälte, wurde es hörbar.
„INGO!“ brüllte ihn das Gesicht an. Und plötzlich schlug die Zeit ihren Rhythmus um, begann ein regelrechtes Stakkato aus Eindrücken auf ihn niederhageln zu lassen. Ein dunkler, abgestorbener Wald, die Luft war stickig und schwer zu atmen, eine verbarrikadierte Straße. Ein Chaos aus Geräuschen, die sich allesamt gegenseitig überlappten, flutete sein Bewusstsein. Grässliche Schreie, gebrüllte Befehle, derbe Flüche, unverständliche magische Formeln und wieder die Stimme des Gesichts, das ihn anschrie:“EIN HINTERHALT! KÄMPF WEITER!“

Von einem lauten Aufschrei begleitet, kehrte der Zwerg, den man Ingo Renfray nannte, in die Realität zurück. Die wollene Decke unter der er gelegen hatte war ebenso durchgeschwitzt wie sein Hemd. Leise vor sich hin fluchend rappelte er sich auf. Über ihm war ein klarer, wolkenloser Himmel, die Luft war frisch und rein und er stand mitten auf einer Lichtung in einem friedlichen, grünen Wäldchen. Das hier waren nicht die Pestländer und er war auch nicht bei seiner Truppe. Während ein Teil von ihm sich darüber freute, wünschte sich ein anderer das seltsame Traumgesicht zurück. Immer noch im Wachwerden begriffen, bemerkte der Graubärtige nicht, wie sich von hinten ein schlohweißer, riesiger Säbler an ihn heranschlich… und ihn mit der Nase stupste. Ingo wandte sich um und sah seinem Begleiter in die unergründlichen Augen. Wäre da nicht das jahrelang gepflegte Band zwischen den beiden Jägern gewesen, der Zwerg hätte nicht vermocht zu sagen, was in Eiskralle gerade vorging. So aber konnte er erkennen, dass sich der Säbler sorgte. Er stieß ihn wieder an und murrte laut. Ächzend ließ sich Ingo auf seiner Decke nieder, wobei Kralle seinem Beispiel folgte, nur mit mehr katzenhafter Eleganz und auf allen vieren. Der Zwerg zog die Nase hoch und legte den Kopf schief. „Was erwartest du? Eine Portion Kraulen?“ Eigentlich sollte es einem nicht gelingen, zu grinsen, wenn das ganze Gesicht aus zwei riesigen Augen, zwei dolchlangen Fängen und einem Maul voller messerscharfer Zähne besteht, aber dem Säbler schien dieses Kunststück zu gelingen – zumindest kam es Ingo so vor. Er wusste genau, das intelligente Tier verstand jedes Wort, das er sagte, zumindest solange er genug Mimik und Gestik dahinter legte. Grummelnd legte Ingo einige abgebrochene Äste auf das heruntergebrannte Lagerfeuer, das neben seiner Schlafstätte vor sich hin glühte. Kralle legte die Ohren an – Feuer behagte ihm nicht, ganz im Gegensatz zu seinem Begleiter. Der Blick des Zwerges wurde von den neu entfachten Flammen eingefangen. Sie machten ihn nachdenklich.

_________________
Wenn ich nicht so viel Scheisse bauen würde, käme ich mir dämlich vor.


Zuletzt geändert von Ingo am 6. Aug 2011, 16:57, insgesamt 1-mal geändert.

Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Erinnerungen
BeitragVerfasst: 13. Nov 2010, 06:35 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 10.2010
Beiträge: 322
Geschlecht: männlich
Anlegen. Zielen. Abweichung schätzen. Feuer! Repetierhebel betätigen. Anlegen. Zielen. Abweichung schätzen. Feuer! Ladehemmung lösen. Repetierhebel betätigen. Anlegen. Zielen. Abweichung schätzen. Feuer!
Es gab keine Schlacht mehr, keine Pestländer und keinen dunklen Wald, keine Truppe, keine Schreie. Es gab nur ihn und sein Ziel. Anlegen. Zielen. Abweichung schätzen. Feuer! In jeden Handgriff, der die Waffe wieder feuerbereit machte, jedes Herumschwenken des Gewehrlaufs und jedes Vorhalten floss jahrelange Routine. Den Rückstoß, der einem unerfahrenen Schützen wie der Tritt eines wilden Pferdes vorgekommen wäre, bemerkte er nur noch als dumpfen, vertrauten Schlag gegen die Schulter. Anlegen. Zielen. Abweichung schätzen. Feuer!
Erst als das Magazin vollkommen leergeschossen war, nahm er wieder seine Umgebung wahr. Die Schlacht lief nicht gut. Während er seine hungrige Waffe mit neuen Patronen aus seinem Munitionsbeutel fütterte, überblickte er von seiner Position auf einem Hügel aus das Schlachtfeld. Zwischen den schrecklich mutierten Bäumen und den verfallenen Ruinen, den unnatürlichen Hügeln und der Barrikade auf der Straße kämpfte die Einheit um ihr Leben. Dort auf der Straße war Rethorn, der zusammen mit einem Trupp der Infanterie versuchte, den Kreis der Untoten zu durchbrechen. Wo der Paladin sein Zweihandschwert, den Plankenbrecher, schwang, stoben die Ghule und Zombies irre kreischend auseinander. Dort, nahe der Baumlinie, standen Valaya und Frambar, die mit ihren Blunderbuss-Flinten Jagd auf Nekromanten machten. Und im Zentrum der Schlacht, nahe der Ruine eines Bauernhauses, kniete Elena über dem gefallenen Rendar und sprach Worte des Lichts, die im Chaos des Lärms untergingen. Sie verteidigte Garond der Hüne, der jeden Untoten, der dumm genug war, ihnen nahe zu kommen, prompt zerschmetterte. Doch der Geißel gingen die Zombies und Monster anscheinend nicht aus. Immer mehr drangen sie auf die dezimierte Truppe ein, und er wusste, dass sie sich nicht mehr lange halten würden. Er fluchte laut auf Zwergisch, betätigte den Repetierhebel. Anlegen. Zielen. Abweichung schätzen. Feuer! Es gab wieder nur ihn und sein Ziel…


Diesmal blieb der Aufschrei aus. Ingo registrierte, dass der Raum, in dem er sich befand, in pechschwarze Dunkelheit gehüllt war. Einen Moment lang überkam ihn Furcht, bis er in der Luft jenes einzigartige Aroma wahrnahm, das von großen Fässern kommt, die jahrelang mit Schnaps oder Bier gefüllt in einem alten Keller lagern. Er spürte, dass er auf einem Strohsack lag, seine Wolldecke über sich gezogen, und hörte das leise Fiepen einer in der Dunkelheit unsichtbaren Ratte. Blind mit beiden Händen herumtastend, stieß er schließlich auf ein Päckchen Feuerhölzer. Wie ein Blitz in der Nacht flammte das Licht auf. Leise grummelnd schnappte sich der Zwerg eine der kleinen billigen Kerzen, die neben seiner Schlafstatt lagen. Reese hatte sie ihm bereitgestellt, wie er sich jetzt erinnerte. Das Licht drang in alle Ecken des geräumigen Kellers. Er wusste nun, er war in Sturmwind, im Untergeschoss des Gasthauses „Zum pfeifenden Schwein“ in der Altstadt.
Wie auf Bestellung erklangen plötzlich knarrende Schritte auf der Treppe und der noble Gastgeber des Zwerges kam in den Keller heruntergestapft.
„Ah, guten Morgen, Ingo. Alles frisch?“ fragte das grinsende, breitwangig-schnurrbärtige Gesicht des Wirts.
„Mhmpf… geht so.“ Während sich der Zwerg aus seiner Decke schälte, seine Brille aufnahm und sich umzog, werkelte der Wirt in einer Ecke des Kellers.
„Hey, Reese… ich glaub, du solltest mal wieder ein paar Fallen aufstellen. Ich bin sicher, ´s hat hier Ratten… oder zumindest Mäuse.“
„Danke für den Hinweis. Aber um dich mach ich mir mehr Sorgen als um die Ratten.“
„Mhmmm? Was meinst du?“
Mit einem kleinen Fässchen, wahrscheinlich voll mit Schmalz, gesalzenen Fischen oder sauren Gurken, kam der Wirt aus der Ecke hervor. Auf dem normalerweise gut gelaunten und freundlichen Gesicht stand eindeutig Besorgnis.
„Seit du hier eingezogen bist, meint Elly ständig, sie würde Schreie aus dem Keller hören…“ begann Reese langsam, aber der Zwerg schnitt ihm das Wort ab.
„Schreie. Ja klar. Und ich bin eigentlich Dagran Thaurissan, der Imperator der Schattenschmiede. Wahrscheinlich hat sie das heulende Gesülze der Kultisten draußen auf der Straße gehört.“
Reese Langston war kein Mann, der sich leicht übers Ohr hauen ließ. Das gehörte zum Geschäft dazu, wenn man Gastwirt war. Aber er war auch kein Mann, der einem guten Freund und Stammkunden, der seit Jahren kam und stets freigiebig war, Kost und Logis verweigerte. Deswegen zuckte er nur mit den Achseln und meinte zu dem Zwerg:“Wahrscheinlich hast du Recht. Wird Zeit, dass mal jemand was gegen diese Kerle unternimmt. Ha, die sollten sich mal mit dem König unterhalten, der würde ihnen schon den Kopf zurechtrücken!“
Ingo lachte auf und Reese fiel mit ein. Nachdem er seine Schlafstatt nachlässig zurechtgemacht hatte, zog der Zwerg seine schweren Stiefel an und stapfte dem Wirt hinterher nach oben.

_________________
Wenn ich nicht so viel Scheisse bauen würde, käme ich mir dämlich vor.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Erinnerungen
BeitragVerfasst: 16. Nov 2010, 13:18 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 10.2010
Beiträge: 322
Geschlecht: männlich
Ein kalter Wind wehte zwischen den Ästen Teldrassils. Die Böe schlug sich ihren Weg im Wald über Lichtungen, Gestrüpp und durch die wenigen Ansiedlungen unter dem Blätterdach, die doch alle nur Teil eines einzigen, gigantischen Baumes waren. Sie heulte von Darnassus bis zu den Teichen von Arlithrien, von Dolanaar bis zum Laubschattental. Sie heulte, wie es nun mal Tradition bei kalten Winden ist und folgte dem Weg einer kleinen, gedrungenen Gestalt, die sich durch das Dickicht schlich. Den langen, dunklen Umhang der Gestalt beiseite wehend, enthüllte der Wind einen Wappenrock, der ein weißes Schwert und einen weißen Schild auf schwarzem Grund zeigte. Mit einem Tragegurt um die Schulter geschwungen, schleppte die Gestalt ein gewaltiges, doppelläufiges Gewehr und trug einen kleinen hölzernen Kasten unter dem Arm. Aus gegerbtem Leder bestand seine Rüstung und auf der dicken Knollennase trug der Gedrungene eine seltsam anmutende Brille. In dieser Montur stapfte Ingo Renfray durch Teldrassils Unterholz, auf dem Weg nach Aldrassil.
Er wusste, er würde erwartet werden. Der Alte würde sein Kommen spüren können. Ohne Zweifel würde er wie immer am Eingang des Talkessels stehen, schwer auf seinen Stab gestützt, lächelnd, die golden leuchtenden Augen niedergeschlagen. Umso größer war die Überraschung des Zwergs, als er dort niemanden vorfand außer den Schildwachen, die am Eingang Wache hielten. Die Überraschung überwindend nickte er den drahtigen, schwer bewaffneten Kriegerinnen zu, woraufhin sie ihn musterten, die Kiste unter seinem Arm bemerkten und ihn durchließen. Sie kannten ihn inzwischen. Mit schweren Schritten stapfte Ingo den gepflasterten Pfad entlang und bestaunte einmal wieder die Größe Aldrassils im Zentrum des Tales: selbst aus der Entfernung war er noch klar sichtbar. Schweigend setzte er seinen Weg fort.
Von einer Plattform hoch oben im Geäst Aldrassils beobachtete ein goldenes Augenpaar den Aufstieg des Zwerges: wie er die Rampen und Treppen erklomm, die an der Außenseite des Baumes hinaufführten, und schließlich selbst die Plattform erreichte. Schwer schnaufend stellte Ingo den Kasten vor sich ab und wischte sich über die Stirn, sah den Besitzer des Augenpaares prüfend an, grinste leicht.
„Und, wie siehts aus, lädst du mich auf ein Bier ein?“ Und da war es wieder, dieses seltsame Lächeln. Die goldenen Augen richteten sich nach unten. Ohne ein Wort ging der Nachtelf von der Plattform herunter ins Innere des Baumes und Ingo folgte ihm. Die Behausung des Elfen, wenn man sie denn so nennen wollte, war sehr schlicht gehalten. Ein einfaches, wenn auch kunstvoll gefertigtes Bett, ein Regal voller Bücher, ein Kleiderschrank, eine Truhe und zwei Stühle: mehr gab es in dem Raum nicht. „Schweigst du absichtlich, oder hat´s dir aus irgendeinem Grund die Sprache verschlagen? Vielleicht aus dem gleichen Grund, aus dem du nicht unten warst?“ Ingo fläzte sich ungefragt und leise ächzend auf einen der beiden Stühle, während sein Gegenüber auf dem anderen Platz nahm und Antwort gab.
„Ich habe jemanden getroffen.“ Wieder dieses Lächeln. Ingo konnte nie mit Bestimmtheit sagen, was es ausdrückte. War es Trauer? Leise Freude? Wahnsinn? Der Elf hob den Blick und sah den Zwerg an. Sein Gesicht war alterslos, glatt, eingerahmt von den schlohweißen Haaren, die ihm über die Schultern bis auf die Brust fielen, und einem ebenso schlohweißen Schnurrbart. Nur in schlichte Leinenroben gekleidet, den Stab an den Stuhl gelehnt, saß er da und wirkte so harmlos, wie es irgendein Nachtelf nur sein kann. Auch wenn Ingo gerne glaubte, durch die Fassade blicken zu können, fragte er sich nicht zum ersten Mal, wer ihm da eigentlich gegenübersaß.
„Nun erzähl schon. Ich bin nicht nur zum Tratschen hier, sondern auch auf einem Auftrag.“
„Sie hat mir… Hoffnung gegeben.“
„Hoffnung worauf?“
„Gegenfrage: Was ist Hoffnung wert?“
„Du sprichst schon wieder in Rätseln…“
„Nein, du machst dir nur keine Mühe, zu verstehen. Aber so kenne ich dich ja. Du hast es gerne, wenn die Leute denken, du wärst nicht der Hellste. Du magst es, dich hinter deinem soldatischen Humor und deiner groben Art zu verstecken.“
„Ist ja wirklich toll dass du mich so gut kennst.“ Ingo grummelte vor sich hin. Der Alte war anscheinend wieder in seiner philosophisch-irren Phase, was nur bedeuten konnte, dass aus ihm wahrscheinlich nicht viel herauszuholen war.
„Ja, nicht wahr?“ Wieder das Lächeln. „Du musst wissen, ich habe dieser Tage wenig Hoffnung. Es war sehr erfrischend, das noch einmal zu erleben. Und es war gut, mal wieder mit jemandem reden zu können, der nicht in seiner Denkweise festgefahren ist, so wie ich. Du würdest dich wundern, wie schwierig es heutzutage ist, in Darnassus ein gutes Gespräch zu führen…“
„Gut, gut, ist ja alles toll und so weiter, aber hör mal, ich hab da etwas um das ich dich bitten muss.“
„Was kann das wohl sein?“
„Ich muss etwas über einen gewissen Morgennebel herausfinden… hat was mit den Druiden in Darnassus zu tun.“
„Und du möchtest, dass ich mich umhöre?“
„Tja, wen sonst sollte ich hier fragen? Der Traumwandler ist sonstwo und ich hab keine Gelegenheit ihn zu erreichen.“
„Deine Nachfrage beleidigt mich zutiefst. Du denkst wohl, der arme Verrückte, den keiner von denen ernst nimmt, würde Dinge zu hören bekommen, die normalerweise nicht laut ausgesprochen werden?“
„… wenn du mich so fragst: ja.“
Der Langohrige lachte kurz auf.
„Ich werde mich für dich umhören… unter einer Bedingung…“
Draußen, um Aldrassil herum heulte der Wind. Er sollte sich erst langsam legen, als der Zwerg in der Morgendämmerung das Tal wieder verließ und sich auf den Rückweg nach Darnassus machte.

_________________
Wenn ich nicht so viel Scheisse bauen würde, käme ich mir dämlich vor.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Erinnerungen
BeitragVerfasst: 9. Jan 2011, 02:55 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 10.2010
Beiträge: 322
Geschlecht: männlich
Hohnlachen dröhnte ihm in den Ohren. Es war ein kaltes, unmenschliches, boshaftes Lachen. Weg, nichts wie weg. Die Schlacht – verloren. Die anderen – wahrscheinlich tot. Mit einem Protestschrei riss er sich den Helm vom Kopf und ließ ihn achtlos fallen, krachte weiter durch das faulige Unterholz und auf den Rand des Waldes zu. Tränen standen ihm in den Augen, Tränen des Zorns und der Trauer. Surren. Alleine die bis zum Zerreißen angespannten Reflexe ließen ihn rechtzeitig nach vorne hechten. Pfeile schlugen links und rechts neben ihm ein. Ein Blick nach hinten. Skelettbogenschützen. Laufen, laufen, nichts wie weg. Das Lachen wurde nicht leiser, es schien sogar noch an Intensität zuzunehmen, dröhnte in seinem Kopf wie die Stimme eines dunklen Gottes. Der Waldrand! Ein entschlossener Ruck durch das Gewirr der niedrigen, halb abgestorbenen Äste beförderte ihn hinaus auf die freie Fläche. Der Himmel war braun von niedrig hängenden, unnatürlichen Wolken, die Luft war schwer in seiner Kehle und vor ihm lag offenes, totes Brachland ohne Deckung. Surren. Plötzlich ergoss sich purer, unverfälschter Schmerz in seinen Verstand, verbrannte seine Selbstbeherrschung und zerstörte jeden Gedanken bis auf einen: WEG! Den Schmerz herausschreiend und herausfluchend lief er los. Noch einmal loderte der Schmerz auf, dann umfing ihn Schwärze.


Blinzeln. Weißes Licht. Mit den Worten:“Äh… was?“ stellte sich Ingo dem Kosmos vor. Der Kosmos wiederum fragte zurück:“Seid ihr eingeschlafen?“ Der Damm der Erinnerung bekam kleine Risse und brach schließlich. Die Kathedrale. Seine Steinbank. Und irgendso ein Lichtkübel in weißer Robe, der ihn anstieß. Grunzend richtete sich Ingo auf und musterte den Robenträger sorgfältig, richtete seine Brille. „Ich würd´s mir doch nie erlauben, an so ´nem heiligen Ort zu schlafen, Kübelchen.“
„Wie bitte?“
„Ich sagte, ich würd´s mir doch nie erlauben, an… ach, lass mich einfach in Ruhe. Ich meditiere. Und darf das auch. Frag Gaiford.“
Mit dieser Auskunft gab sich der Lichtkübel zufrieden und ging würdevollen Schrittes davon. Der Zwerg sah ihm ein Weilchen nach und lehnte sich dann wieder zurück, schüttelte grummelnd den Kopf. Priester. Paladine. Masteber und Laffen, die meisten von ihnen, Idioten, die nichtmal die Grundlagen ihrer eigenen Dogmen begreifen konnten. Die wenigen Ausnahmen, die es gab, waren dafür umso kompetenter. Eine schöne Ironie. Er musste unwillkürlich an Miyuu und den Kronenbrunner denken, an Rethorn und Menet. Wie immer gabs natürlich auch hier solche und solche… und er war sehr froh darüber. Nach einer Weile des Liegens gab er es auf, seine „Meditation“ wieder aufzunehmen, richtete sich auf und stapfte auf den Kathedralenplatz hinaus. Kaum ließ er seinen Blick etwas schweifen, als er schon auf eine Gruppe hammertragende Gerüstete fiel, die einen Schwarzkittel mit glühend blauen Augen umringt hatten und herumbrüllten. Weiter grummelnd und kopfschüttelnd stapfte der Zwerg einfach weiter. Es waren Tage wie dieser, an denen er sich gerne fragte, warum er eigentlich in dieser verrückten Stadt wohnte. Die Antwort? Er wusste es selber nicht wirklich. Vielleicht lag es daran, dass Sturmwind das Tor zur Welt war. Von hier aus kam man überall hin – sei es per Tiefenbahn, Schiff oder Greif, solange der Preis stimmte, war das kein Problem. Vielleicht lag es daran, dass die Stadt ihn an Lordaeron erinnerte, an Stratholme und Caer Darrow, an Andorhal und Corins Kreuzung. Vielleicht lag es auch daran, dass er hier Freunde gefunden hatte… er wusste es nicht. Wahrscheinlich eine Kombination aus alledem. Während er so durch die engen Gassen stapfte und eine der vielen Kanalbrücken in Richtung Altstadt überquerte, ließ er seine Gedanken einfach treiben – was der Grund war, warum er plötzlich mit einem schwerbepackten Kistenträger zusammenstieß und der prompt seine kostbare Fracht in den Kanal fallen ließ.
„Verdammt nochmal! Könnt ihr denn nicht aufpassen, Zwerg?!“
„Uhmpf! Hast du keine Augen im Kopf, Mann?“
„Ihr seid in mich reingelaufen! Und jetzt ist die Kiste im Kanal! Mein Chef wird mich umbringen!“
„Na da kann ich doch nichts dafür wenn du Idiot einen armen alten Mann nicht bemerkst, der friedlich die Straße entlanggeht!“
„Ich geb euch gleich einen Idioten…“
„Na komm doch her, Milchgesicht!“
Noch Stunden später beschwerten sich die ansässigen Bewohner über den folgenden Radau bei der Stadtwache – fünf Wachen in Vollplatte waren nötig gewesen, die beiden Streithähne zu trennen…

_________________
Wenn ich nicht so viel Scheisse bauen würde, käme ich mir dämlich vor.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Erinnerungen
BeitragVerfasst: 27. Aug 2011, 12:56 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 10.2010
Beiträge: 322
Geschlecht: männlich
Es gab kein Geräusch, aber er wusste, dass die Bestie da war. Sie umkreiste ihn. Die Spannung, die in der Luft lag, war kaum auszuhalten. Die Hitze des Tages war abgeflaut, jetzt, wo es auf die Abenddämmerung zuging. Zielen war nicht möglich, das Gebüsch zu dicht. Die Nähe des Todes verschaffte einen gewissen Trost, denn sie war vertraut. Sein Herz schlug ruhig, der Atem ging langsam. Stundenlang hatte er den Panther mühsam verfolgt, war seinen Spuren durch das dichte Unterholz, das hohe Gras und sogar die Mangroven von Sholazar gefolgt. Aber nun war alles still.
Unwillkürlich malte er sich aus, was er sich von dem Geld für Pelz und Fänge des Panthers leisten konnte. Kost und Logis im "Schwein" für einen weiteren Monat, vielleicht ein weiterer lukrativer Auftrag von einem Trophäensammler... nein, nicht daran denken. Jetzt ging es nur noch darum, wer töten würde - und wer sterben müsste. Diese natürliche Einfachheit, die der Jagd anhaftete, ganz anders als alles, was man in der Zivilisation finden konnte... das war es, was ihn faszinierte. Natürlich war da auch das Geld, das er brauchte, aber letztendlich ging es ihm um die Herausforderung. Sie erinnerte ihn an seine alten Schlachten...
Der Wind schlug um. Bewegung im Augenwinkel. Eine schnelle Drehung, der Lauf hob sich, die Bestie sprang, ein gewaltiger Sprung aus dem Dickicht heraus auf die Lichtung und auf ihn zu. Der Schuss!


Blinzeln. Er lag auf der Pritsche in der Schmiede. Die Hitze aus dem Ofen war immer noch stark, obwohl das Feuer längst niedergebrannt war. Es glühte vor sich hin, erfüllte den Raum nur spärlich mit Licht. Ingo richtete sich auf und fuhr sich durch die grauen Haare. Der Blick wanderte durch die Werkstatt. An einer Wand aufgereiht standen Platten aus verschiedenen Metallen von Mithril über Stahl bis zu Thorium. Eiserne Klauen, die ihm flackernden Licht bedrohliche Schatten warfen, lagen auf einer Werkbank, die Verbindungen zu den Servoarmen aufgeschraubt, sodass die komplizierten Zahnradmechanismen sichtbar waren. Ein ausgeschlachteter Schredder nahm eine Ecke der Schmiede völlig ein, seine mehrere Meter große Gestalt aufgebrochen und von Triebfedern, Ofen, Motor und hydraulischen Hebeln beraubt. Grummelnd richtete sich der Zwerg endgültig auf und drückte das Kreuz durch. Das Zeitgefühl war ihm wohl über der Arbeit verloren gegangen, sodass er irgendwann müde auf die Pritsche gefallen war. Wie spät war es nun? Er schlurfte zu einer der beiden großen Eichenholztüren der Schmiede herüber und öffnete sie. Ein Schwall kalter Luft begrüßte ihn, als er in die Dunkelheit starrte. Nacht. Nicht gut, zu lange geschlafen. Leise fluchend schloss er die Tür wieder, ging ins Innere zurück und legte Holzkohle im Ofen nach, betätigte den Blasebalg und fachte das Feuer wieder an. Die Flammen tanzten über die Wände, verliehen ihnen ein geradezu dämonisches Eigenleben. Klingen und Sägeblätter, Metallplatten und Ambosse funkelten im wiedererstarkten Licht des Feuers. Ingo bemerkte, dass er immer noch die feuerfeste Schmiedeschürze und Handschuhe trug, deshalb nahm er sich direkt die Eisenstreben des Chassis vor, legte sie in die Flammen und wartete, bis sie rotweiß glühten. Dann nahm er sie wieder heraus und bearbeitete sie eine nach der anderen, legte die, die zu sehr abkühlten, noch einmal hinein. Bis in den Morgen hinein hörte man das Hämmern und Schweißen, das Knistern und Klirren aus der Schmiede, aber in den Kasernen der Burg Nethergarde schliefen die Soldaten wie die Steine…

_________________
Wenn ich nicht so viel Scheisse bauen würde, käme ich mir dämlich vor.


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 5 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
© phpBB® Forum Software | phpBB3 Forum von phpBB8.de
» Kontakt & Rechtliches Support / Hilfe Forum Gooof Webdesign Kostenloses Forum Dein Forumo Forum web tracker