Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: Heimkehr
BeitragVerfasst: 15. Dez 2014, 19:18 
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Heimkehr


Tote Freunde liegen still um ihn herum
Er fragt sie wie die Nachwelt ist, doch sie bleiben stumm
Manche nenn' ihn Sünder, wessen Weste ist denn weiß?
Manche nenn' ihn Bastard, doch sie zahlen stets den Preis.
Und er weinte, als sein Land fiel
Glaubt nicht mehr ans Glück
Er irrt herum ganz ohne Ziel
Und findet nicht zurück
Und er weinte, als sein Herz starb
Schnitt es sich heraus
Er irrt herum und sucht das Grab
Und findet nicht nach haus
Fiebrig merkt er: Kein Gebet ihm jemals nützt
Er fragt sich wo das Licht nur bleibt, ob es ihn beschützt
Grausam ist das Leben und wer anders denkt ist dumm
Grausam sind die Götter auf sein Flehen sind sie stumm.
Und ich weinte, als er fort zog
In die nächste Schlacht
Ich frag mich ob er mich belog
Jetzt grad über mich lacht
Und ich weinte, als er heim kam
Im Inneren geteilt
Teils voll Freude, Teils voll Gram
Doch irgendwie verheilt.

- Vanessa Veidt, 'Alexander'


Der Steg, der am Sturmwind-See entlang führte, war glitschig vor matschigem Schnee. Ich ging langsam, wie auf rohen Eiern, denn ich wollte nicht ausrutschen und ins eiskalte Wasser fallen. Zwar trug ich keine Rüstung, sondern dicke Wolle und Leder, aber zu dieser Jahreszeit baden gehen wollte ich dennoch nicht. In Beutebucht vielleicht, sobald ich meinen Urlaub nachholen durfte. Als ich vor der Tür stand, vor der mich vor so vielen Monaten ein junges Mädchen erwartet und sich in mein Leben gedrängt hatte, hielt ich inne. Bevor ich nach Alterac aufgebrochen war, hatte ich einiges an Gold beim Vermieter gelassen. Miete, im Voraus. Doch ich war mir damals nicht sicher gewesen, wie lange ich fort sein würde und heute, mitten in der Nacht, war ich mir nicht sicher, ob das Geld gereicht hatte. Ich hatte einige Verstecke, Unterkünfte. Irgendwo würde ich mit mehr oder weniger Mühe schon schlafen können. Schon in Beutebucht hatte ich mir angewöhnt, immer mehrere Optionen parat zu haben, wechselte damals schon regelmäßig meine Schlafstätte. Warum konnte ich nie genau sagen. Ich fühlte mich so einfach wohler, sicherer. Nun aber konnte ich nicht anders, als dieses schäbige, kleine Haus am See, beim Kathedralenviertel, als mein Zuhause zu betrachten. Ich trat näher, ging die glatten Treppen hinauf. Der Vermieter war eine fette, gierige Schabe, der ich mühelos zutraute, noch am Tag meiner Abreise das Schloss ausgewechselt und die Hütte neu vermietet zu haben. Ich zog meinen Schlüssel hervor, schob ihn ins Schloss und drehte ihn. Zu meinem Erstaunen öffnete sich die Tür. Doch ich blieb leise, denn vielleicht hatte der fette Bastard sich auch nicht einmal die Mühe gemacht, das Schloss zu wechseln. Zuzutrauen wäre es ihm. Ich sah mich um, schloss die Tür hinter mir. Es war dunkel, kühl. Der Kamin war aus, glomm nicht einmal. Das war ein gutes Zeichen. Ich war zu faul, noch ein Feuer zu machen, würde mich einfach nur dick einpacken und die Nacht schon irgendwie überstehen. Schließlich hatte ich einiges vor, sobald die Sonne aufging. Ich ging die knarrende Treppe hoch und fast wäre ich rückwärts wieder runter geflogen, als mich etwas ansprang, freudig kläffend. Ich erkannte die Töle sofort, die da an mir hoch sprang und mit dem Schwanz wackelte. Bolvar. Dann wurde eine Lampe angezündet und Vanessa sah mich aus dem Bett heraus an. Sie hatte sich dick zugedeckt, mehrere dicke Decken. Sie sah mich einen langen Moment an, ehe sie die Decken beiseite schlug und aufstand. Sie trug dicke Wollkleidung, sogar im Bett. "Alexander", sagte sie und ich konnte sehen, wie ihre Augen im Lampenschein glasig wurden. Sie stellte die Lampe auf den Nachttisch, ehe sie eiligen Schrittes zu mir kam und mir die Handfläche auf die Wange schmetterte. Es klatschte, doch wahrscheinlich tat ihr der Schlag mehr weh als mir. Dann warf sie mir die Arme um den Hals, umarmte mich und vergrub ihr Gesicht an meiner Schulter. Ich spannte mich an, wie immer. Sie schniefte, ließ mich nicht los und langsam entspannte ich mich, legte unbeholfen die Arme um sie. "Ich... Ich bin wieder da, irgendwie", sagte ich heiser, während Bolvar fröhlich um uns herum schlawenzelte. Vanessa indes schluchzte, klammerte sich an mich und ich begann, mich schlecht zu fühlen, trotz der Freude, sie wieder zu sehen. Wäre wohl einfacher für sie, wenn ich mich von Anfang an von ihr fern gehalten hätte. Dann wäre sie nun nicht am weinen, wäre nicht hier in dieser Bruchbude. Aber dann hätte ich sie auch nicht in meinem Leben. Machte mich das zu einem Egoisten? Weil ich eine Handvoll Leute um mich haben wollte? Weil ich eine Handvoll Leute wirklich mochte? Obwohl ich ihnen eigentlich nichts Gutes brachte?

Es war unangenehm, sie weinen zu sehen. Ich hasste es, Tränen zu sehen. Hasste es, der Grund dafür zu sein. Das war scheinheilig von mir, denn immerhin hatte ich viele Jahre lang Herzen gebrochen, um mein eigenes verstummen zu lassen. Aber das hier würde nicht die einzige unangenehme Begegnung, das einzige unangenehme Wiedersehen dieses Tages werden. "Es tut mir leid", wisperte ich und strich ihr durchs Haar. Ihr Haar duftete nach Herbst, nach Laub. Bei den Frauen, die mir etwas bedeuteten, merkte ich mir, wie ihr Haar roch. Das von Maria hatte nach Regen gerochen, nach einer feuchten Wiese. Als ich mich entschuldigte, schluchzte Vanessa nur eine Nuance höher und ich ließ sie schließlich los, breitete in einer hilflosen Geste die Arme aus. Ich war nicht gut in so etwas. Eigentlich konnte ich gut mit Worten umgehen, doch nun fehlten mir die Worte. Sie drückte ihr feuchtes Gesicht an meinen Hals. "Briefe waren so eine Sache. Ich war am Arsch der Welt. Und es gibt Dinge, die kann man nicht zu Papier bringen." Sie ließ mich los, ging einen Schritt zurück und sah mich mit verheulten, dunklen Augen an. Achtzehneinhalb war sie jetzt. Benahm sich noch immer wie ein Kind. "Ich... Ich hab so oft gedacht, du kommst nicht wieder. Wärst in Beutebucht oder so. Hättest mich angelogen." Sie schniefte wieder und ich begriff. Sie hatte wohl Dinge über mich gehört. Ich seufzte, setzte mich an den Esstisch. "Du hast dich also ein wenig nach mir umgehört, hm? Warum ist es hier eigentlich so finster und kalt?" Vanessa hockte sich hin und kraulte Bolvar. "Weil ich gerade mal so die Miete bezahlen kann, Alex. Der Vermieter meinte bereits im Oktober, dass die Miete rückfällig wäre. Ich musste ziemlich malochen, damit..." Sie beendete den Satz nicht, machte nur eine umfassende Bewegung mit der Hand. Nun wurden meine Augen glasig und ich schluckte schwer. Sie hatte all die Wochen verhindert, dass das Haus neu vermietet wurde. Für mich. Ich schüttelte traurig den Kopf. "Es tut mir leid", sagte ich noch einmal und fühlte mich unendlich schlecht. Ich stellte den Flachmann, den Bruces mir geschenkt hatte, auf den Tisch und erhob mich, ging nach unten und legte das wenige, vorhandene Feuerholz in den Kamin, schüttete den Hochprozentigen aus meinem eigenen Flachmann drüber und zündete es mit einem Streichholz an. Vanessa kam nach unten, Bolvar direkt hinter sich. "Warum wohnst du nicht mehr bei... der Familie, wo du auch arbeitest? Du hättest das hier nicht machen müssen." Doch sie zuckte mit den Schultern und lächelte. "Ich wollte nicht, dass du vor verschlossener Tür stehst, falls du doch heim kommst." Nun musste ich aufpassen, denn ihre Worte rührten mich, brachen mir gleichzeitig fast das Herz. Ich atmete tief durch und konzentrierte mich auf etwas, was immer half, wenn es mir schlecht ging. Hass. Hass war immer stärker als Angst, Trauer oder Zweifel gewesen. Wenn man sich nur genug Mühe gab, konnte man seine Gedanken und seine Emotionen schnell in eine bestimmte Richtung lenken. Ich dachte an Alterac, an den verdammten Schnee, an den verdammten Fäller, an die verdammten Untoten. Als ich meine Tränendrüsen wieder im Griff hatte, sah ich Vanessa an. "Ich werde das Haus kaufen", sagte ich. "Hab einiges verdient. Wir..." Ich stockte. Es war seltsam, dieses Wort auszusprechen, unter diesen Umständen. "Wir machen es uns hier schön." Und sie nickte und lächelte zögerlich. "Aber mir ist etwas klar geworden, Alexander. Ich weiß so wenig von dir. All diese Gerüchte. Rumhurerei..." Sie schnaubte, halb amüsiert, halb verächtlich. Aber endlich wirkte sie mal erwachsener. "Mir ist klar geworden, dass ich so wenig über dich weiß. Wenn du von einem 'wir' sprichst, dann musst du mir vertrauen. Erzähl mir von dir. Erzähl mir, was du in Alterac so gemacht hast." Ich setzte mich hin. "Ich bin kein Heiliger, Vanessa. Ich habe schlimme Dinge getan. Dinge, über die ich nicht reden möchte. Dinge, die ich vergessen will. Bisher habe ich nur mit meinem Bruder über alles reden können. Und selbst er weiß... dann doch nicht alles." Vanessa sah mich an, nicht anklagend, aber durchdringend. "Deine Entscheidung, Alex. Ich dränge dich nur ungern, aber... Ich will nicht nur, dass du mir vertraust. Ich will auch dir vertrauen können. Ich mein... Was bin ich für dich? Sag es mir. Das dumme Gör, dass wochenlang schuftete, um das Haus nicht zu verlieren? Das dumme Kind, das nächtelang geweint hat, vor Sorge um dich? Rede mit mir, Alexander." Und ich schluckte, doch der kalte Kloß, der sich bei ihren Worten in meinem Hals gebildet hatte, blieb. "Familie", krächzte ich und die Härte wich aus ihrem Blick. "Also schön, du verdammte Nervensäge...", sagte ich resigniert. Sie grinste nur, doch es lag auch eine gewisse Freude in ihrem Blick. "Dann hör zu. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt."

Ich erzählte ihr alles. Absolut alles. Ein paar grobe Tatsachen kannte sie, doch ich ging ins Detail. Zumindest genug, um ihre Neugier zu befriedigen. Ich erzählte ihr von meiner Kindheit in Lordaeron, vom Beginn des Geißelkrieges und wie Ian, Maria und ich beim Kreuzzug landeten. Ich erzählte ihr von guten Freunden und wie sie starben, berichtete ihr von schlimmen Dingen, die ich tun musste und guten Taten, die dann doch mal selten vorkamen. Ich erzählte ihr von meinem ersten Mal mit Maria und wie sie aus meinem Leben verschwand. Ich erzählte ihr von dem Geheimnis, dass sie mit sich nahm und welches ich durch Ian erst vor wenigen Wochen erfahren habe. Ich erzählte ihr von meiner Verletzung, die mich daran hinderte, meinem Bruder nach Tyr's Hand zu folgen und davon, wie ich ihn für tot hielt. Ich schilderte ihr, wie ich Lordaeron verließ und wie ich mich fühlte, als ich in Sturmwind ankam. Ich erklärte ihr, wie ich vergeblich als Stadtwache versucht hatte, etwas Gutes zu tun, wie ich vergeblich gegen die Korruption in den Reihen der Wache anging. Ich erzählte ihr davon, wie ich Julia kennen lernte und wie glücklich ich war, als sie mir die Zwillinge schenkte. Und wie zerstört ich war, als die Streiterei begann, nachdem meine Vergangenheit ans Licht kam. Das Erzählen war nicht leicht, nicht bei den wirklich schlimmeren Erinnerungen. Manchmal verblassten Erinnerungen doch nicht. Manchmal änderte sich auch die eigene Sichtweise nicht. Manchmal blieb Grauen einfach nur Grauen, Kummer immer noch Kummer. Ich erzählte Vanessa, wie ich eines Tages in eine verlassene Wohnung kam, als Abschiedsbrief nur die Bitte, Julia nicht zu folgen. Und wie es bei der Stadtwache auch immer schwieriger wurde, ehe ich eines Tages ging, als es mir zu viel wurde. Ich erklärte ihr, warum ich den Nachnamen Veidt angenommen hatte. Dann erzählte ich ihr von dem Beginn meiner Söldnerlaufbahn in Beutebucht, von kurzen Liebschaften, gemeinen Gaunern und wenigen brauchbaren Leuten da unten. Ich erzählte ihr auch, wie ich dort meinen Todgeglaubten Bruder wieder sah und wie wir zum Söldnerbund Dämmersturm kamen. Ich erzählte ihr von den Geschehnissen, die uns wieder fort geführt hatten, davon, wie eine Hexe mir meine Narbe auf der Stirn verpasst und mir fast den Kopf aufgesprengt hatte. Aber ich erzählte ihr auch, wie und warum wir zurück zum Dämmersturm gingen, warum wir uns nach Nordend versetzen ließen und was wir dort erlebten. Ich erzählte ihr von gute Kameraden und nichtsnutzigen Kameraden. Und von jenen, die mir wirklich wichtig waren. Ich erzählte ihr von Alterac, von all den Schlachten. Von einer Lawine, die mich beinah getötet hätte und von Grimaldus Fäller und den Geschehnissen rund um die Verschwörung, die er begonnen hatte. Ich erzählte ihr von Kaderwulst und von meiner jetzigen Aufgabe und meiner scheinbar sehr Ausgebremsten Karriere. Doch irgendwann war sie eingeschlafen. Es wurde bereits langsam hell draußen. Vorsichtig hob ich sie hoch und legte sie aufs Bett, deckte sie zu und betrachtete sie eine Weile. Julia hatte mir meine Kinder genommen. Maria hatte mir mein Kind vorenthalten. Mit Vanessa würde es vielleicht keinen Kummer geben. Doch eigentlich glaubte ich das nicht. Es würde immer Kummer geben. Sie war ein guter Tochter-Ersatz, keine Frage. Aber ich war kein guter Vater-Ersatz. Und irgendwann würde sie das auch merken. Manchmal bekam man nicht, was man wollte. Das Ende, das man verdiente. Leise schlich ich mich nach unten, trat nach draußen in die Kälte und schloss hinter mir ab. Dann machte ich mich auf den Weg, mir noch mehr Kummer zu suchen.

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Maria wohnte nicht weit entfernt, auch im Kathedralenviertel, aber auf der anderen Seite, bei den Kanälen. Ich wusste das, weil ich sie manchmal beobachtet hatte. Weil ich schon so oft vor ihrer Tür saß, mitten in der Nacht und mit mir rang. Doch nie hatte ich den Mut gehabt und geklopft. Es war ein trauriger Zufall, dass ich sie und das Kind nie zusammen gesehen hatte. Und noch mehr Kummer bereitete mir der Gedanke, was wäre, wenn Ian gestorben wäre ohne mir die Wahrheit gesagt zu haben. Und generell war es nur ein Zufall gewesen, dass Ian Maria und das Kind einmal gesehen hatte. In den Wochen, seit Ian es mir gestanden hatte, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Nun saß ich vor Marias Haustür, nippte ab und an am Flachmann mit dem Kräuterlikör und starrte Löcher in die dicke Holztür, dachte nach, was ich sagen sollte. Oder ob es doch bessere wäre, einfach wieder zu gehen. Sprach nicht alles eine deutliche Sprache? Doch auch hier war es wieder der Hass, der mir half, einen einigermaßen klaren Kopf zu bewahren. Ich war unglaublich wütend, sogar auf Ian noch, weil er es mir nicht sofort gesagt hatte. Aber mehr noch auf Maria. Ich rauchte die gefühlte hundertste Zigarette zu Ende, steckte den Flachmann weg und erhob mich von der Brüstung am Kanal und stiefelte zur Haustür, klopfte heftig. Die Glocken der Kathedrale läuteten und es war Punkt Acht Uhr. Es war mir egal, ob ich jemanden weckte. War mir auch egal, ob sie nicht vielleicht doch einen anderen Mann hatte. Ich war unendlich wütend und diese Wut würde ich raus lassen. Die Tür öffnete sich rasch und im Türspalt erschien ein junges, zierliches Mädchen mit langen, blonden Haaren und Augen so graublau wie meine, welche sofort wieder glasig wurden. Meine Faust, noch zum Klopfen erhoben, fiel nach unten und der Zorn verrauchte bei ihrem Anblick. Mein Mund wurde trocken. Ihre Augen weiteten sich, sie musterte mich von den Stiefelspitzen bis zum Scheitel und ihr Blick verriet Erkenntnis. Sie war zwölf. Alt genug, um Eins und Eins zusammen zu zählen. "Guten Morgen, Vater", sagte sie mit Überraschung und Fassungslosigkeit in der Stimme und kaum hatte sie das letzte Wort ausgesprochen, musste ich mir die Hand vor die Augen legen. Ich wollte mich wieder auf den Hass konzentrieren, doch es gelang mir nicht. Ich nahm die Hand vom Gesicht und mein Herz schlug wie wild. "Guten Morgen, kleine Prinzessin", krächzte ich und nun rannen mir doch Tränen die Wangen hinab. Und mit einem Mal kam ich mir schäbig vor, weil mein Atem nach Likör roch, weil ich unrasiert war. Weil ich der war, der ich war. Mir fehlten die Worte, wie ich da frühmorgens vor der Tür stand und weinte. Das Mädchen sah mich an, nahm eine meiner Hände in ihre. "Warum weinst du denn?" Ich atmete tief ein, riss mich mit aller Kraft zusammen, doch eigentlich hatte ich keine Kraft mehr. "Das ist nicht so wichtig", begann ich mit zitternder Stimme. "Darf ich deinen Namen erfahren? Ich bin Alexander, falls... falls dir das deine Mutter nie erzählt hat." Und meine Tochter schüttelte mir die Hand, förmlich, dass ich teilweise stolz war, wie entzückend gut erzogen sie war, teils aber auch traurig, weil die Geste entsetzlich distanziert wirkte. Aber ich war ja auch ein Fremder für sie. "Freut mich, dich endlich kennen zu lernen, Vater. Ich heiße Meritia. Meritia Illana Mallea." Illana war der Name von Marias Mutter gewesen, dass wusste ich noch. Gerade als ich ihr sagen wollte, was für einen wunderschönen Namen sie doch hatte, zog das Scheppern eines Tabletts meine Aufmerksamkeit auf sich. Meritias Mutter war aus der Küche gekommen, mit einem Blechtablett voller Brötchen. Vor Schreck hatte sie das Tablett fallen gelassen und die dampfenden Brötchen lagen nun auf dem Teppich. Ich konnte Maria den Schreck nicht verübeln. Ich sah sie an, doch empfand wenig Freude sie nach so vielen Jahren so nah vor mir zu haben, nur Trauer, Wut und das Gefühl, verraten worden zu sein. "Guten Morgen, Maria", begann ich, sprach dabei langsam, denn ich musste mich zusammen reißen, meiner Tochter wegen. "Ich glaube, du schuldest mir einige Erklärungen. Warum habe ich erst vor Wochen erfahren, dass ich eine Tochter habe?" Da ich noch immer vor der Tür stand, schob ich einen Stiefel über die Schwelle. "Oder bin ich dir so zuwider, dass du mich fort schickst? Soll ich gehen?" Mühsam verkniff ich mir, laut zu werden. Doch Maria kannte mich. Sie würde genau wissen, wie sie meine Körpersprache zu deuten hatte. Meritia sah von mir zu ihrer Mutter. "Kann Vater mit uns frühstücken, Mama?"

Maria war überrumpelt, überrascht. Das war ihr deutlich anzusehen. Sie hockte sich hin und hob mit zitternden Händen die Brötchen auf. "Geht es Ian gut?" fragte sie und ich wurde direkt wieder wütend. Ein Teil von mir wollte ihr wehtun, wollte ihr sagen, dass Ian erst auf dem Sterbebett mit der Wahrheit heraus gerückt war. Das sanfte aber bestimmte Ziehen meiner Tochter an meiner Hand aber riss mich wieder aus meiner Wut und ich atmete tief durch. "Ian geht es gut. Aber unsere Tochter hat dich etwas gefragt." Jedes Wort, jede Silbe war schneidend wie die Kälte vor der Tür. Maria erhob sich wieder, mit dem Tablett, sah von Meritia zu mir, ehe sie nickte. "Bring deinen Vater in die Küche, ja?" Meritia strahlte ihre Mutter an, dann mich. Die Kinder, die ich mit Julia hatte, Ian und Isabelle, waren noch klein gewesen, als Julia mich abserviert hatte. Zu klein, um zu reden. Auch ihr zahnloses Baby-Lächeln war zauberhaft gewesen, doch nichts auf dieser Welt war so schön wie meine Tochter hier vor mir. Ich trat ein, schloss die Haustür und folgte Meritia, war aber auch verlegen. Was sollte ich sagen? Was wusste sie von mir? Ich fühlte mich wieder so unbeholfen. "Ian ist dein Bruder, oder? Mein Onkel?" Ich war erstaunt. Irgendetwas musste die Kleine also doch erfahren haben. Oder aber sie hatte sich an Ian erinnert und schloss aus unserer Ähnlichkeit den Zusammenhang. "Genau", krächzte ich und setzte mich in der Küche an den Esstisch. Maria kam hinterher und stellte das Tablett auf den Tisch, holte aus einem Schrank Teller, aus einer Schublade Besteck. Dann sah sie mich an, mit ihren eisblauen Augen. Ich hatte mich jahrelang nach ihr gesehnt, jahrelang getrauert um das, was nicht war, was aber gut hätte sein können. Ihr Blick war traurig, bedauernd. Doch nur ihr Mund würde mir die Antworten liefern, die ich haben wollte. Aus der Speisekammer holte sie Käse, Butter und Wurst und einige Flaschen Milch. Ich sah sie an, mich immer noch mühsam zusammen reißend. Dann bemerkte ich aus den Augenwinkeln, wie meine Tochter mich ansah. Kein verurteilender Blick, sondern reine, neutrale Neugier, aber auch eine gewisse Freude. Kaum hatte Maria sich an den Tisch gesetzt, griff Meritia nach meiner Hand, dann nach der ihrer Mutter. "Sprichst du das Tischgebet, Papa?" Ich wollte widersprechen. Sagen, dass ich so etwas nicht konnte, aber ihr Blick erstickte Widerworte bereits im Keim. Ihr Lächeln war bezaubernd und ich wusste, dass ich meiner Tochter nichts abschlagen würde. Nie. "Also gut", begann ich und räusperte mich. "Wir danken dem Licht für..." Doch Meritia drückte meine Hand feste. "Stopp! Du musst Mamas Hand halten!" Maria und ich sahen uns verlegen an und der kleine, blonde Teufel zwischen uns grinste. Da kam eindeutig das Simmons-Blut durch und ich grinste unfreiwillig, griff Marias Hand, möglicherweise ein wenig fester als nötig. "Wir danken dem Licht für die Speisen auf dem Tisch, für Gesundheit und..." Ich stockte. Ich war wirklich nicht gut in so etwas, doch Meritia murmelte ein helfendes: "Freude", welches ich sofort aufgriff: "...Freude, an oft so grauen Tagen. Gesegnet seien...." Wieder wusste ich nicht weiter und Meritia kicherte. "Mensch, Papa! Gesegnet seien unsere Lieben, Familie wie Freunde gleichermaßen." Ich lächelte, doch konnte ich die Traurigkeit nicht ganz aus meinem Herzen verbannen. "Entschuldige. Du wirst deinem alten Herren wohl einiges beibringen müssen." Ich wurde blass bei den Worten, als mir einfiel, dass Maria mir vielleicht verbot, meine Tochter zu sehen. Wir ließen unsere Hände los, schnitten die Brötchen auf und begannen zu frühstücken. Ich war dankbar für die Milch, denn sie band den Geruch des Likörs. Wir schwiegen. Ich, weil ich vor Meritia nicht ausrasten wollte, Maria, weil ihr garantiert ziemlich unwohl zumute war und Meritia, weil sie unglaublich gut erzogen war. Doch als die Brötchen aufgegessen waren, sah Maria unsere Tochter an. "Geh auf dein Zimmer und lies ein wenig. Dein Vater und ich müssen reden." Meritia zog eine Schnute. "Warum denn?" Doch Marias eisblaue Augen duldeten keine Widerworte. Kaum war die Kleine die Treppe hinauf geflitzt, sah mich Maria an. "Es tut mir leid", begann sie, doch ich schüttelte wütend den Kopf. "Das reicht mir nicht. Ich möchte schon etwas mehr hören", sagte ich, zwang mich, leise zu sein.

"Ich.. merkte es erst, als ich schon aus Herdweiler weg war, damals. Ich weiß, dich trifft keine Schuld, an den Geschehnissen damals. Aber ich... ich war verletzt, Alex. Mein Vertrauen in dich war wie weg geblasen. Ich habe geglaubt, du würdest immer für mich da sein, dass ich mich immer auf dich verlassen konnte. Nach diesem einen Tag aber nicht mehr." Mit beiden Händen umfasste sie ihr Glas mit der Milch. Maria war noch immer hübsch anzusehen, doch war auch sie älter geworden. Sie trug ihre langen, weißblonden Haare nun zu einem Zopf zurück gebunden, die blauen Augen voller Kummer. Ich schwieg, hörte einfach nur zu, wollte ihr Gelegenheit geben, sich zu erklären. "Sie wurde in Tyr's Hand geboren. Und schon als ich sie zum ersten Mal in den Armen hielt, wusste ich, dass ich ein anderes Leben für sie wollte. Nicht das, was wir hatten. Sie sollte leben und nicht überleben. Sie sollte nicht in einer Welt voller Untoter aufwachsen." Das verstand ich. Ich nickte, nippte an meinem eigenen Glas. "Wir haben damals schon oft darüber gesprochen, weißt du noch?", fragte sie mich. "Wir haben doch genau gewusst, dass wir auf verlorenem Posten standen. Es gab Gerüchte, dass man die Schlacht zum Lichkönig bringen wollte. Ich entschied mich, Tyr's Hand zu verlassen. Ich ging mit der Kleinen nach Süderstade. Aber ganz von Lordaeron lösen konnte ich mich nicht. Damals nicht." Ich nickte. Hatte damals, als Stadtwache einige Gerüchte gehört. "Du hattest eine kleine Truppe, oder?" Maria nickte, traurig. "Wir kämpften weiter, vergebens. Süderstade war anders als Herdweiler oder Tyr's Hand. Aber es war dennoch Heimat. Doch... als die Untoten immer aggressiver vorgingen, gab ich mein Kommando ab und ging mit Meri nach Süden. Alle anderen starben, soweit ich weiß. Und ich habe nie wieder einen Fuß auf Heimatboden gesetzt, Alex. Ich war fertig mit Lordaeron. Ich war fertig mit dem Kämpfen. Es tut mir leid, dass ich dir nichts gesagt habe, dir nicht geschrieben habe. Aber ich wollte nicht, dass du dich verpflichtet fühlst. Mir war klar, dass du nie in Herdweiler geblieben wärst, unter Fordrings Herrschaft. Ich wusste nicht, wo du warst. Oder ob du überhaupt noch lebtest." Ich unterbrach sie, schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser wackelten. Ich war wieder zornig, nur mühsam sprach ich leise, beherrscht. Doch jedes Wort troff vor Zorn und Verbitterung: "Ich habe so viele Jahre an dich gedacht! So viele Jahre des Kummers, des Vermissens. Bis Ian mir die Wahrheit sagte." Ich schüttelte mit dem Kopf. "Jetzt gibt es da nur noch Zorn, Maria." Sie zuckte zusammen, das Gesicht verzerrt vor Kummer, aber das war mir egal. "Ist dir eigentlich klar, was für ein Leben ich führte? Was für ein Leben ich lebe? Ich verstehe, dass du mir nicht verzeihen konntest, dass du mir nicht vertrauen konntest. Aber hast du eine Ahnung, um was du mich gebracht hast? Was du aus mir gemacht hast, mit deinem Schweigen?" Ich wies mit einer Hand zur Treppe, die nach oben führte. "Ich weiß genau, dass ich jetzt ein völlig anderer Mensch wäre, wenn ich von ihr gewusst hätte. Du hast mich um ihr erstes Wort gebracht, um ihre ersten Schritte. Du hast mich um meine Tochter gebracht!" Ich wurde nun doch lauter und stand auf. Ich ertrug es einfach nicht mehr. "Hast du ihr je von mir erzählt? Was hast du ihr gesagt?" Maria sah mich traurig an, ihre Augen tränenerfüllt. "Ich hab ihr von dir erzählt. Das wir... gegen Monster kämpften und uns aus den Augen verloren. Das ich keine Ahnung hatte, wo du warst. Dass du ein Soldat und Krieger bist." Sie weinte, dass hörte ich an dem leichten Zittern ihrer Stimme. Ich starrte allerdings zu Boden. Wollte sie nicht so sehen. Wollte nicht, dass mein Zorn verrauchte. "Du hättest Ian nicht bitten dürfen, dass er es verschweigt, Maria. Verpflichtung hin- oder her, habe ich nicht verdient, so etwas zu erfahren?" Ich war des Gesprächs überdrüssig. Ich war wütend und ich wusste, dass weitere Worte zu nichts Gutem führen würden. "Ich will nicht so naiv sein und sagen, dass wir ein echt schönes Leben hätten haben können", brauste ich auf, "Friede, Freude, Eierkuchen gibt es nicht. Aber es hätte einen Unterschied gemacht. Selbst wenn du mich nicht mehr geliebt hättest, wenn du mir nicht mehr vertraut hättest. So viele vergeudete Jahre." Nun sah ich sie an, wie sie weinte. "Ich hab aufgehört, dir zu vertrauen, ja. Aber ich habe nicht aufgehört, dich zu lieben", sagte sie. Doch wo die Worte noch vor Wochen die schönsten auf dieser Welt gewesen wären, bewirkten sie jetzt, in diesem Moment, absolut nichts mehr bei mir. "Und ich habe aufgehört, dir zu vertrauen und dich zu lieben, als ich erfuhr, dass du mich um mein Kind gebracht hast, Maria", war meine Antwort. Ich steuerte die Haustür an, als ich Schritte auf der Treppe hörte, hinter mir.

"Du willst schon gehen, Papa?" Papa. Noch herzerweichender als Vater. Persönlicher. Ich traute mich nicht, mich zu meiner Tochter umzudrehen. Ich hätte nicht hierher kommen sollen. Hätte besser draußen darauf warten sollen, sie einfach einmal aus der Ferne zu sehen. Und nun war ich einfach so wieder in ihrer beider Leben getreten, hatte Groll und Kummer in dieses Haus gebracht. "Ich geh besser wieder", sagte ich heiser, "Es tut mir leid, dass ich nie da war. Aber es ist sicher besser so. Ein schönes Haus ist das hier. Und ich habe nichts, was ich dir geben kann, kleine Prinzessin. Außerdem... hat deine Mutter sicher etwas dagegen, wenn du in so schlechter Gesellschaft wie meiner bist." Ich ging zur Haustür, öffnete sie und trat hinaus, drehte mich aber auf der Schwelle doch noch einmal um, um einen letzten Blick auf diesen blonden, kleinen Schatz zu werfen. Das beste, was ich in meinem Leben je hingekriegt hatte. Das größte Kunstwerk von allen. Ihre graublauen Augen waren geweitet, sie versuchte, meine Worte zu verstehen. Ich prägte mir ihren Anblick ein, die sanften Wellen in ihrem Haar, ihre Stupsnase. Dann trat ich über die Schwelle und zog die Tür hinter mir zu. Mir war elend. Ich hätte fern bleiben sollen. Zehn Uhr morgens. Viel zu früh für den ersten Schnaps, doch das war mir egal. Es war lange her, dass ich betrunken war und nun sehnte ich mich nach der völligen Betäubung von Geist und Körper. Ich schlenderte fort, floh nahezu, während ich mit zitternden Händen eine Zigarette zum Mund führte. Das erste Streichholz ließ ich fallen, so sehr zitterten meine Hände. Alkohol würde nicht helfen. Mancher Schmerz verschwand nie. Ich versuchte, an das zu denken, was ich im Leben hatte. Es würde genügen müssen. Wie immer. Ich lehnte mich an die Brüstung bei den Kanälen, rauchte genüsslich, während ich mich langsam wieder beruhigte. Ich brachte anderen nur Kummer. Besonders, seit ich angefangen hatte, andere in mein Leben zu lassen. Vielleicht hätte ich in Alterac doch einfach so gehen sollen. Ohne Abschiede, ohne Hinweise. Einfach verschwinden. "Rauchen ist ungesund, Papa!" hörte ich ihre Stimme und sah zur Seite. Sie hatte einen dicken Mantel an, dicke Stiefel, Handschuhe und einen Schal. Mir fiel vor Schreck die Zigarette aus dem Mund, in den Kanal. Mir fehlten wieder die Worte. Meritia strahlte mich an. "So ist es besser", sagte sie und nahm meine Hand. "Mama sagte mir, dass ich selber entscheiden soll, ob du schlechte Gesellschaft bist oder nicht. Du warst nicht da, das stimmt schon. Aber jetzt bist du da." Sie grinste mich an. "So viele Geburtstags- und Winterhauchgeschenke, die du nachzuholen hast. Am besten, du kaufst mir ein Pony!" Sie scherzte, dass sah ich an ihrem Grinsen, an ihrem Blick. Sie hatte viel von ihrer Mutter, viel von mir. Zum ersten Mal seit gefühlter Ewigkeit lachte ich. "Also, was machen wir jetzt Schönes?", fragte sie mich. Ich hatte keine Ahnung. Sie lachte auf, weil ich wohl ein ziemlich dummes Gesicht zog. "Wir gehen kurz zu mir nach hause", schlug ich vor. "Es ist kein schönes Haus, aber... das kann sich ja noch ändern. Wir holen jemanden ab." Nun sah sie mich erstaunt an, während wir langsam am Kanal entlang schlenderten. "Hast du neu geheiratet?", wollte sie wissen und ich wäre fast gestolpert und ausgerutscht. "Nein", sagte ich sofort. "Mama auch nicht", entgegnete Meritia, "Aber du bist böse auf sie, oder?" Ich blieb stehen, nahm ihre Hände in meine. Sie war zwölf. Kein kleines Kind mehr. Dennoch musste ich überlegen, wie ich anständig mit ihr zu reden hatte. "Wir haben beide Fehler gemacht, kleine Prinzessin. Das passiert. Aber manchmal ist so etwas in Ordnung. Ich bin böse, ja. Aber immerhin hab ich dich, dank ihr. Sie hat dich, dank mir. Wir werden uns also nicht die Köpfe einschlagen. Aber versuch ja nicht, uns zu verkuppeln, ja?" Sie grinste frech, als wir weiter gingen. "Gibt es da wen anders?" Und ich lachte auf. "Bist du wohl ruhig! Na ja, wir holen jemanden ab. Das ist schwierig zu erklären." Ich war mir nicht sicher, ob ich Vanessa und Meri schon aufeinander treffen lassen sollte. Aber ich wollte Vanessa auch nicht alleine lassen, während ich mit Meritia... was eigentlich? Vater und Tochter spielte? "Sagen wir, sie ist Familie. Die ich mir ausgesucht habe. Ich hoffe, ihr vertragt euch, sie ist ein paar Jahre älter als du. Und meinen Hund holen wir auch ab, der braucht Auslauf." Spätestens bei dem Wort Hund schien die Entscheidung, ob ich gute oder schlechte Gesellschaft war, erst einmal gefallen.

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Es war bereits dunkel, als ich Vanessa und Bolvar bei mir zuhause ablieferte, ehe ich Meri zu ihrer Mutter brachte. War ein ziemlicher Akt gewesen, die Kleine vom Hund zu trennen. Der Tag war schön gewesen. Anstrengend, aber schön. Ein paar schöne Dinge konnte man dem Winter doch abgewinnen. Die kleine Prinzessin umarmte mich, als wir vor der Haustür standen. Auch ihr Haar roch nach Regen. Diesmal spannte ich mich nicht an. Ich drückte sie sanft an mich, während Maria im Rahmen der offenen Tür gelehnt stand und mich schmunzelnd ansah. "Wann können wir wieder mal irgendwas machen?", fragte mich Meri mit großen Augen und ich nahm ihre Hände in meine. "Ich bin doch Soldat, kleine Prinzessin. Ich muss bald wieder fort, Monster jagen, Leute beschützen, vor wilden Tieren oder Banditen. Aber ich komme so oft zu dir, wie ich kann. Das schwöre ich." Sie war zwölf. Nicht dumm. "Pass auf dich auf, Papa." Sie gab mir einen Kuss auf die stoppelige Wange und lachte, weil es piekste, rieb ihre Wange dann kurz an meiner, ehe sie den Flur hinab flitzte und die Treppe hoch. Maria trat nach draußen, zog die Tür hinter sich zu. Einige Sekunden sahen wir uns einfach nur an. "Du hast glücklich ausgesehen", sagte sie schließlich, lehnte sich an die Tür und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich zuckte mit den Schultern. "Wie könnte ich auch anders? Aber du bist sicher nicht hier draußen in der Kälte, um mein gutes Aussehen zu kommentieren, oder?" Sie schnaubte amüsiert auf. "Du hast ziemliche Falten im Gesicht, besonders wenn du wütend bist", sagte sie und ihre Mundwinkel zuckten. Ich schmunzelte. War das eine Art Flirt? Ich atmete tief durch. "Hör zu...", begann ich, doch sie unterbrach mich: "Nein, du hörst zu, Alex! Ja, sie ist alt genug, um selber entscheiden zu dürfen, ob sie dich sehen will oder nicht. Aber ich hab Dinge über dich gehört. Wenn du unsere Tochter irgendwie... verdirbst oder ihr weh tust, dann schwöre ich dir, wird es hässlich zwischen uns." Ihre eisblauen Augen waren ernst, mahnend. Ich hatte mir gedacht, dass sie genau das sagen würde. Aus dem Tabakbeutel an meinem Gürtel friemelte ich mir eine Zigarette, steckte sie mir in den Mund und zündete sie an. "Ich werde mein Bestes geben, aufzuholen, was du uns versagt hast", begann ich. Wieder trat Schmerz in ihre Augen, doch das war ja auch meine Absicht gewesen. Ich hasste sie nicht, wie sie vielleicht glaubte. Immerhin hatte ich sie so viele Jahre geliebt, so viele Jahre vermisst. Aber sie hatte mir auch den größten Schmerz meines Lebens bereitet und mir das größte Glück des Lebens vorenthalten. "Sollte ich Mist bauen, kannst du mich gerne zur Rechenschaft ziehen. Wir werden ja sehen, wie es ausgeht." Meine Zigarette wanderte von einem Mundwinkel in den anderen und Maria griff nach vorne, klaute mir die Zigarette, wie sie es früher so oft getan hatte. Ich griff nach ihrem Handgelenk, geriet auf der Treppe leicht ins Schlittern und fiel halb gegen sie. Sie grinste, in ihren Augen waren Kummer und noch etwas anderes. Mein Grinsen aber erreichte nicht meine Augen. Ich gab mir nicht einmal Mühe. Auch mir würde sie den Kummer ansehen. Ich nahm ihr die Zigarette ab, steckte sie mir wieder in den Mund. "Ist echt schön, dich wieder zu sehen", sagte ich und meinte es auch so. "Ich hab so oft vor dieser Tür gehockt und überlegt, ob ich klopfe oder nicht. Ich war immer zu feige, bis ich erfuhr, was noch hinter dieser Tür auf mich gewartet hat." Sie seufzte, schüttelte den Kopf. "Es tut mir wirklich leid, Alex." Ich lachte verbittert auf. "Es ist jetzt egal, denke ich. Es ist nicht mehr zu ändern und damit müssen wir leben." Ich zuckte mit den Schultern. "Schlaf schön. Wir sehen uns." Ich wandte mich ab. "Du bist der mutigste Mensch den ich kenne", sagte sie hinter meinem Rücken. "Und du hattest Angst, an diese Tür zu klopfen? Du hast dir da auch selbst etwas vorenthalten, Alexander Simmons." Ich drehte halb den Kopf, nickte. "So mutig bin ich nicht, Maria. Ich bin einfach nur ein zäher Hund, der alles überlebt hat, was das Schicksal ihm entgegen warf. Bisher." Mit diesen Worten stiefelte ich davon, konnte mir aber nicht helfen, mürrisch drein zu blicken. Wahrscheinlich würde alles irgendwann böse enden. Es war doch eigentlich immer so gewesen. Manchmal bekam man nicht, was man wollte. Manchmal bekam man nicht das Ende, das man verdiente oder sich wünschte.

Ich schlenderte an den Kanälen entlang, während dicke Schneeflocken vom abendlichen Himmel rieselten, ließ die letzten Vierundzwanzig Stunden Revue passieren. Musste an Gespräche, Blicke und Gesten denken. Auf der Mauer vor meinem Haus fegte ich den Schnee beiseite, legte den Umhang so, dass ich auf ihm saß, als ich mich auf die Mauer setzte. Ich nippte am Flachmann, genoss den Kräuterlikör auf der Zunge. War ich schwach, weil ich Menschen in mein Leben ließ? Die Frage stellte ich mir sehr oft. Es war seltsam, Vertrauen, Zuneigung und Loyalität in den Gesichtern anderer zu sehen. Besonders, wenn man der Meinung war, das nicht zu verdienen. Wen man sich nur auf sich verließ, konnte einen auch niemand verletzen oder verraten. Aber eigentlich war diese Tiefenbahn schon längst abgefahren. Es war auch mal gut, sich auf andere zu verlassen, ihnen zu vertrauen und mit ihnen zu reden. Dennoch war ich mir sicher, dass ich mehr von diesen paar Menschen hatte als diese von mir. Ich war bisher immer zu gut darin gewesen, mit falschen Worten, falschen Taten und anderen Fehlern alles wieder kaputt zu machen. Was blieb am Ende? Nur Hass, um allen Kummer zu verdrängen? Nur Bitterkeit und Alkohol? "Gestern ist Geschicht', das Morgen ist noch nicht", wisperte ich leise einen Vers aus irgendeinem Gedicht, dass ich mal gelesen hatte. "Sei nicht gefangen, im Vergangen, sollst nichts ums Nahende bangen. Gedanken, besser aufgespart, der Fokus auf die Gegenwart." Ich schmunzelte, leerte den Flachmann und starrte auf den See hinaus. Das waren schöne vierundzwanzig Stunden gewesen. Warum war ich dann nicht überglücklich? 'Wenn ein Lordaerone aufhört, vorsichtig zu sein, wird er seines Lebens überdrüssig' fiel mir das alte Sprichwort beim Scharlachroten Kreuzzug wieder ein. Würde der alte Drill auf ewig in Fleisch und Blut fest sitzen? Nie aus meinem Kopf verschwinden? Würde ich ewig zurück blicken, gezogen und manipuliert von Fäden, die längst gekappt sein sollten? Zumindest der Kummer wegen Maria war fort. Mir schmerzte nicht mehr das Herz wegen ihr. Dieses Kapitel meines Lebens war endlich vorbei, nachdem es zwölf Jahre meines Lebens fast jeden meiner Gedanken und jede Laster beeinflusst, wenn nicht sogar verursacht hatte. Eigentlich eine gute Gelegenheit, nicht mehr zurück zu blicken. Sondern jeden verdammten Tag, den man hatte zu genießen. Hatte ich nicht gute Gründe, die Dinge so zu betrachten? Gründe, es einfach in Zukunft besser zu machen. Weiter an mir zu arbeiten, weiter nach etwas Gutem im Leben zu streben. Und mir fielen da durchaus einige Dinge ein, die ich noch nicht hatte, die ich aber erreichen wollte. Ich hatte mehr als genug Motivation. Gute Dinge im Leben machten einen nicht schwächer. Denn momentan fühlte ich mich beinah unbesiegbar. Nichts würde mich je klein kriegen. Ich würde weiterhin alles überstehen, was das Schicksal mir entgegen warf. Denn mir wurde noch etwas klar: Vielleicht bekam man manchmal nicht die Dinge, die man wollte oder das Ende, dass man sich wünschte. Aber so etwas fiel einem auch einer selten in den Schoß. Die Welt war immer noch ein kalter, grausamer Ort. Was immer man wollte musste man sich erkämpfen, sich verdienen. Manchmal musste man so etwas nicht einmal alleine machen. Gut gelaunt erhob ich mich von der Mauer, stiefelte durch den frisch gefallenen Schnee zu meiner Haustür und schloss auf. Das Feuer knisterte und knackte im Kamin. Bolvar war sofort bei mir, während Vanessa am Tisch saß und ein Buch las. Manchmal warteten doch gute Dinge auf einen. Mehr als ein dunkles, leeres Haus, mehr als ein kalter Kamin. Ich wusste, dass Dinge auch wieder schief gehen konnten. Aber damit würde ich fertig werden. Zum allerersten Mal in meinem Leben sah ich nach vorne, nicht mehr zurück und war sicher, dass ich mit allem fertig werden würde. "Alles in Ordnung, Alex?", wollte Vanessa wissen, als sie meinen nachdenklichen Blick bemerkte. "Fast", sagte ich und grinste. "Am Rest werde ich halt noch arbeiten."


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