Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: Lektionen
BeitragVerfasst: 15. Mai 2018, 22:18 
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Lektionen

Es war ein verregneter Nachmittag in Sturmwind. Alexander Veidt hatte sich vorzeitig in der Gaststätte Zum Klabautermann an der oberen Hafenpromenade eingefunden. Er gönnte sich einen Teller Rührei mit Speck, einen großen Becher Kaffee mit Milch und richtete den Blick auf den Hafen, auf den Wald aus Masten und vielfarbigen Segeln. Die Gaststätte war klein, aber hell und sauber. Schmal, mit einer langen Theke und einer Küche im hinteren Teil des Gebäudes. Vor der Theke befanden sich zahlreiche Tische und Essnischen direkt bei den Fenstern, sowie Hocker, wenn man sich denn an den Tresen setzen wollte. Der Eingang war an der Stelle der Mittelnische. Eingerahmte Bilder mit Motiven aus Kul Tiras zierten die Wände, große Fenster erhellten das Innere der Gaststätte und es war verhältnismäßig leise. An einem Tisch unterhielten sich zwei Matrosen, woanders klirrte Besteck auf einem Teller. Kundschaft kam und ging, nicht anders als die Schiffe im Hafen, die anlegten oder davon segelten. Draußen hatte es endlich aufgehört zu regnen, aber die großen Fenster waren noch übersät mit glänzenden Tropfen. Pünktlich zur vereinbarten Stunde, gerade als die Bedienung Alexanders leeren Teller mit in die Küche nahm, betrat der Mann im dunkelgrünen Mantel aus Filz und Wollstoff die Gaststätte und sah sich um. Heterochrome Augen richteten sich auf den Söldner. Das rechte Auge des Mannes war grün, das linke Auge dunkelbraun. Der ältere Mann mit dem sorgsam zurechtgestutzten Vollbart und den kurzen, dunkelgrauen Haaren neigte in einem knappen Gruß das Haupt, ehe er sich zwischen den Tischen hindurch zu Alexander gesellte, in die hinterste Ecke, mit bestem Blick auf den Hafen. Eine lederne Tasche, die der Mann unter dem Arm trug, wurde auf dem Tisch abgelegt, ehe er ungefragt platz nahm, Alexander gegenüber. Ohne weitere Worte öffnete er die Ledertasche und zog ein tragbares Schachspiel heraus, ein einklappbares Spielbrett, das in seiner Kästchenform die Figuren beinhaltete. "Schön, dass du Zeit gefunden hast" richtete Alexander nun erste Worte an seinen Gegenüber, während dieser das Schachbrett ausklappte und die Figuren auf den Tisch purzeln ließ. "Du wirst mich zweifelsohne nicht nur wegen einer schnellen Schachpartie kontaktiert haben", entgegnete der alternde Veteran aus Kul Tiras, nicht vorwurfsvoll, sondern feststellend. Die Augen taxierend auf den Jüngeren gerichtet, während die Hände blind die Figuren aufrichteten. Alexander gönnte sich ein Lächeln. "Na vielleicht doch. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich endlich einmal gegen dich gewinne." Ein amüsiertes Schnauben war die Antwort des älteren Mannes, der kurz auf das Spielbrett schaute, ehe er die Figuren auf eben dieses stellte. "Phantasien und Höhenflüge, mein lieber Alexander." Er drehte das Spielbrett, schob die weiße Seite Alexander zu. Er würde also anfangen - wie immer. "Alle Menschen leben ihr Leben, voller Hoffnungen und Ambitionen. Dazu gehört der Wunsch, dass ein direkter Weg zu ihren Zielen führt. Doch das ist selten der Fall. Vielleicht auch nie." Ein letzter Blick auf die Spielfiguren, ehe er Alexander mit einem Blick bedeutete, anzufangen.

Alexander griff sich den weißen Bauern auf Feld e2 und schob ihn zwei Felder nach vorne, auf e4. Sein Gegenüber hob belustigt eine Augenbraue und reagierte exakt spiegelverkehrt, schob den schwarzen Bauern von Feld e7 nach vorne, auf e5. Ein klassisches Königsgambit, eine beliebte Eröffnung im Schach. "Manchmal sind die Kurven und Windungen des Lebens selbst verschuldet, weil sich Ansichten und Ziele im Laufe der Zeit wandeln", erklärte der alternde Soldat leise, mit Blick aufs Spielfeld. "In der Regel sind sie aber das Produkt äußerer Einwirkungen." Alexander schob einen zweiten Bauern nach vorne, von f2 auf f4. Und sofort rächte sich diese Entscheidung, als sein Gegenüber seinen Bauern von e5 schräg nach vorne bewegte, um den soeben bewegten weißen Bauern vom Spielfeld zu nehmen. "Wichtige Entscheidungen oder Ereignisse können den Pfad eines Lebens ändern. Sind es nicht solche Geschehnisse, die uns dahin geführt haben, wo wir heute stehen?" Die Stimme des alten Soldaten war tief, ruhig und emotionslos. "Aber manchmal kann auch die kleinste Begebenheit unseren Pfad in eine andere Richtung lenken. Manchmal genügt sogar ein einziges Wort." Die Mundwinkel des Mannes hoben sich kaum merklich, doch Alexander ignorierte die Anspielung und bewegte einen seiner Läufer, von f1 hoch nach c4. Er hatte das Königsgambit für eine raschen Figurenentwicklung genutzt. Mit einem amüsierten Schmunzeln bewegte der Mann aus Kul Tiras seine Dame von d8 auf h4 und gefährdete damit direkt Alexanders König. Das Königsläufergambit erlaubte dieses Damenschach, das den weißen König zu einem Zug zwang, womit ihm das Recht auf die Rochade verloren ging. Alexander betrachtete seinen Gegenüber einen Moment lang, ehe er den König zur Seite bewegte, von e1 nach f1. Und damit vorerst in Sicherheit. Sein Gegner betrachtete das Spielfeld einen Moment lang, ehe er einen schwarzen Bauern von b7 auf b5 schob, um Alexanders vorgerückten Läufer zu gefährden. Oder den Bauern zu opfern. Alexander genoss die Schachpartien gegen den alten Veteranen. Schach war, wie auch der Krieg selbst, ein Geschicklichkeitsspiel. Ein Wettstreit, Intellekt gegen Intellekt. Taktik gegen Taktik. Aber es gab auch ein Zufallselement, wie man es eher bei Karten- oder Würfelspielen fand. Ein weiser Stratege, so hatte ihm sein Kontrahent bereits beigebracht, studierte diese Spiele ebenfalls und lernte von ihnen. Alexander war ein schneller Lerner, vor allem wegen seiner langjährigen Erfahrung, damals in Beutebucht. Die erste Lektion eines jeden Kartenspiels war, dass man die Karten nicht willkürlich benutzen durfte. Nur wenn man sie in der richtigen Reihenfolge ausspielte, konnte man den Sieg erringen. Alexander schob den Läufer von c4 auf b5, nahm den Bauern aus dem Spiel. Der Mann aus Kul Tiras reagierte, indem er einen Springer von g8 auf f6 stellte. Und Alexander wiederum bewegte einen seiner Springer von g1 auf f3, bedrohte nun unmittelbar die schwarze Dame. "Die Richtung des gewählten Pfades", so der ältere Mann, "diktiert bis zu einem gewissen Grad auch die Pfade, die man kreuzt. So wird sich der Weg eines Kriegers mit dem anderer Krieger überschneiden. Mit Verbündeten und mit Widersachern. Der Weg eines Arbeiters hingegen kreuzt den Weg anderer Arbeiter."

Der Mann aus Kul Tiras brachte seine Dame in Sicherheit, schob sie von h4 nach h6. "Doch wie bei Karten- und Würfelspielen gibt es auch hier ein Element des Unerwarteten", schaltete sich Alexander in die Erklärungen seines Gegenübers ein. Ein anerkennendes Nicken war die Reaktion des Älteren. "Richtig. Ich sehe, du lernst. Manche Überschneidungen sind rein zufälliger Natur, andere sind unausweichlich und wieder andere entstehen, wenn sich persönliche Ziele ändern." Alexander schwieg, schob einen Bauern von d2 hoch auf d3, um dem anderen Läufer die Möglichkeit zu geben, den schwarzen Bauern auf f4 zu bedrohen. "Manche Überschneidungen entstehen aus Niedertracht, mein Junge", setzte der Mann aus Kul Tiras fort und bewegte den Springer von f6 auf h5, um den nun bedrohten Bauern direkt rächen zu können. "Solche Manipulationen können kurzfristig effektiv sein, aber die langfristigen Konsequenzen sind gefährlich, weil nur schwer voraus zu ahnen." Alexander runzelte nachdenklich die vernarbte Stirn und bewegte seinen Springer von f3 nach h4, dem schwarzen Springer gegenüber. "Nicht jeder Widersacher ist zwangsläufig auch ein Feind", setzte der Ältere fort und bewegte seine Dame von h6 nach g5, wo sie den weißen Springer von Alexander bedrohte, aber auch den weißen Bauern auf g2, in dessen Nähe sich Alexanders König befand. "Aber Feinde und Widersacher teilen sich natürlich bestimmte Eigenschaften. Beide betrachten ihr Gegenüber als Hindernis, als Gelegenheit oder als Bedrohung. In ihrer mildesten Form sind die Angriffe eines Widersachers verbaler Natur. Der Krieger muss dann entscheiden, auf welche dieser Herausforderungen er reagiert und welche er ignoriert." Alexander musste schmunzeln, als er erkannte, dass der Alte einige ihrer vergangenen Gespräche wieder aufgriff. Er bewegte seinen Läufer von h4 nach f5, wo er zwar nicht vor der schwarzen Dame sicher war, aber wenigstens diese gefährdet werden würde, sollte sie den Springer schlagen. "Oft wird dem Krieger diese Entscheidung abgenommen", setzte der Veteran seine Erklärungen fort. "In solchen Fällen hält der Mangel an Disziplin den Opponenten bisweilen davon ab, weitere Angriffe zu starten. Meistens aber fühlt er sich ermutigt und verstärkt seine Attacken noch weiter. Und wenn diese Angriffe die Form von Taten annehmen, muss der Krieger seine gefährlichsten Entscheidungen treffen." Mit diesen Worten bewegte der Alte einen weiteren Bauern nach vorne, von c7 auf c6, wo er Alexanders Läufer gefährdete, aber durch einen weiteren Bauern beschützt wurde. Alexander aber ließ sich nicht verlocken sondern bewegte einen seiner Bauern nach vorne, von g2 nach g4, wo er den schwarzen Springer bedrohte, der auch sofort vom Mann aus Kul Tiras weg bewegt wurde, von h5 nach f6. Alexander reagierte, indem er den Turm von h1 nach g1 schob, um ihn eventuell ins Spiel zu bringen. Nun nutzte sein Kontrahent die Gelegenheit, die er zuvor geschaffen hatte: Der schwarze Bauer zog von c6 zu b5 und nahm einen von Alexanders Läufern aus dem Spiel.

"Ein Anführer trägt die Verantwortung für alle, die unter seinem Kommando stehen. Das ist die erste Regel jeder Befehlskette. Er ist verantwortlich für ihre Sicherheit, für ihre Versorgung, ihren Informationsstand und letztlich auch für ihr Leben." Mit einem schmalen Lächeln begutachtete der Alte die Figuren neben dem Spielfeld. "Seine Untergebenen tragen ihrerseits die Verantwortung für ihr Verhalten und ihre Disziplin. Wer das Vertrauen des Anführers enttäuscht, muss zum Wohl der Anderen bestraft werden. Aber solche Disziplinarmaßnahmen durchzuführen ist nicht immer einfach. Und nicht immer möglich. Da gibt es viele Faktoren und nicht alle unterliegen der Kontrolle des Anführers. Manchmal geht es um persönliche Beziehungen, oder es sind die Umstände des Verstoßes, die die Situation kompliziert machen. Bisweilen spielen auch politische Erwägungen und Einflussnahme von Außen eine Rolle. Aber einen Verstoß nicht zu ahnden zieht stets Konsequenzen nach sich. Doch hin und wieder kann man diese Konsequenzen auch zu seinem Vorteil nutzen." Der Mann aus Kul Tiras lehnte sich zurück, fasste das Spielfeld und Alexander in den Blick der zweifarbigen Augen, während er die Hand hob, um sich einen Tee zu bestellen. Alexander betrachtete das Spielfeld einen langen Moment, ehe er den Bauern auf h2 hoch schon, nach h4. Damit öffnete er zwar den Bereich um seinen König und seinen Turm, gefährdete aber die schwarze Dame, die der Veteran sofort weg bewegte, von g5 auf g6. Alexander reagierte, schob seinen Bauern abermals nach vorne, von h4 auf h5. Der Alte schob die Dame wieder nach vorne, auf g5, wobei sich seine Stirn - die genau so eine schräge Narbe trug wie die von Alexander - nachdenklich runzelte. Nun setzte Alexander seine Dame in Bewegung, schob sie schräg nach vorne, von d1 nach f3, wo sie die schwarze Dame weiter in ihren Aktionen einschränkte. Auch war der schwarze Springer im Falle eines entsprechendes Zuges gefährdet, weshalb der alte Soldat diesen auch in Sicherheit brachte, von f6 nach g8. "Der Sieg über einen Feind ist immer befriedigend", erklärte der Mann mit den grauen Haaren, während er seinen Tee entgegen nahm. "Aber man muss darauf achten, dass man nicht selbstgefällig wird. Es gibt stets neue Feinde zu entdecken, zu stellen und zu überwältigen. All das birgt Herausforderungen und bedarf Intelligenz, Erfahrung und Planung. Ein Fehlschlag kann den Verlust von Zeit und unersetzlichem Leben mit sich bringen." Er nippte an seinem Tee, während Alexander knapp nickte, bevor er seinen verbliebenen Läufer von c1 hoch bewegte, um den schwarzen Bauern bei f4 aus dem Spiel zu nehmen. Sofort brachte der Mann aus Kul Tiras seine Dame in Sicherheit, von g5 nach f6. Alexander brachte nun auch seinen zweiten Springer ins Spiel, bewegte ihn von b1 auf c3. "Doch ein Krieger kann schnell vergessen, wie schwierig es sein kann, den Feind überhaupt zu entdecken. Und wer dabei versagt, riskiert eine Katastrophe." Die zweifarbigen Augen fixieren Alexander, ernst und unnachgiebig, der abermals nickt. Nun bringt der Alte einen seiner Läufer ins Spiel, von f8 nach c5, wo er eine Bedrohung für den weißen Turm darstellt. Alexander aber hielt nicht in seiner Offensive inne, sondern bewegte seinen Springer weiter nach vorne, von c3 auf d5. Der Mann aus Kul Tiras reagierte, indem er seine Dame diagonal nach vorne bewegte, von f6 nach b2, um einen weißen Bauern aus dem Spiel zu nehmen und den Turm in der Ecke zu bedrohen.

"Führung und Gehorsam sind die Standbeine, auf denen das Leben eines Anführers ausbalanciert ist. Ohne diese beiden Dinge kann er keinen Sieg erringen. Wer führen will, braucht Wissen und Verständnis. Manchmal beschließt ein Kommandant, die Details seines Plans mit seinen Untergebenen zu teilen. Und manchmal entscheidet er sich dagegen. In jedem Fall braucht er sofortigen und absoluten Gehorsam. Dieser Gehorsam ist eine automatische Reaktion und beruht auf tiefem Vertrauen zwischen dem Anführer und seinen Untergebenen. Und ein solches Vertrauen kann nur durch Führung aufgebaut werden." Alexander lauschte den Worten seines Gegenübers, ehe er seinen Läufer von f4 nach d6 bewegte. Der Mann aus Kul Tiras indes griff nach seinem Läufer und bewegte ihn von c5 nach g1, wo er den anderen weißen Turm aus dem Spiel nahm und sich direkt neben Alexanders König setzte. "Ein durchschnittlicher Taktiker braucht einen Beweis dafür, dass ein Plan funktioniert, bevor er ihn unterstützt", setzt der ältere Soldat fort. "Ein guter Taktiker erkennt die Qualitäten eines Plans, der ihm vorgelegt wird. Und ein großartiger Taktiker kreiert seine eigenen Pläne, Alexander." Und während der jüngere Mann mit den weißeren Haaren beiläufig den weißen Bauern von e4 nach e5 hoch schob, sprach der Veteran aus Kul Tiras weiter: "Wer keinerlei taktisches Geschick hat, wird den Plan vermutlich nie verstehen oder zu würdigen wissen. Gleichsam werden solche Personen auch den Taktiker selbst nicht verstehen oder würdigen können. Jemand, der dieses Talent besitzt, wird für sie immer ein Rätsel bleiben. Und wenn jemandem dieses Verständnis fehlt, dann füllt er diese Lücke nicht selten mit Feindseligkeit." Mit diesen Worten griff der Ältere nach seiner schwarzen Dame, um sie von b2 auf a1 zu schieben, Alexanders zweiten Turm auch noch zu schlagen und den weißen König zu bedrohen. Alexander nickte langsam, lächelte schwach und strich sich durch die kurzen, schneeweißen Haare, die vom Regen auf dem Hinweg noch immer feucht waren. Sofort bewegte er den König aus der Gefahrenzone, schob ihn von f1 nach e2. "Beschreibt der eigene Pfad eine überraschende Wendung, ist man anfangs oft desorientiert. Doch wenn sich der Pfad stetig weiter in diese Richtung entwickelt, schleicht sich im Lauf der Zeit das Gefühl ein, dass es immer so bleiben wird, dass es keine weiteren Kurven geben wird." Der alternde Soldat lächelte, nippte an seinem Tee, während er das Spielfeld begutachtete. "Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein. Ein Pfad, der sich einmal gekrümmt hat, ist viel anfälliger für neue Veränderungen. Das gilt besonders, wenn der ursprüngliche Kurswechsel durch Manipulation von Außen herbei geführt wurde." Mit einem Lächeln setzte der Mann im dunkelgrünen Mantel seinen anderen Springer in Bewegung, von b8 nach a6. Alexander reagierte, indem er einen seiner beiden Springer, die er in guter Angriffsposition begeben hatte, angreifen ließ. Von f5 nach g7 schlug er einen Bauern und brauchte sich damit in Reichweite des schwarzen Königs.

"Nicht schlecht, mein Junge. Nicht schlecht", kommentierte der ältere Mann, lehnte sich zurück und widmete sich seinem Tee. "Militärische Führung ist kein Ziel, dass man erreicht. Sondern eine Reise. Ständig trifft man neue Herausforderungen und muss neue Hindernisse überwinden. Manchmal handelt es sich bei diesen Hindernissen um äußere Einflüsse. Manchmal sind es die Zweifel derer, die man führt und manchmal sind es die eigenen Fehler und Versäumnisse, die einem Steine in den Weg legen. Du weißt das am Besten, Rottenmeister." Die zweifarbigen Augen des älteren Mannes richteten sich auf das Gesicht des Jüngeren, dann auf das Spielfeld. Augenbrauen ruckten missmutig zusammen. "Niemand kann sagen, wohin der eigene Pfad führt, nicht einmal für die Dauer eines einzigen Tages. Noch schwieriger ist es jedoch, zu erkennen, wann sich der eigene Weg mit dem eines anderen Kriegers überschneidet. Ein Krieger muss stets auf eine Konfrontation vorbereitet sein. Manchmal entstehen solche Zusammentreffen durch Zufall. Manchmal verlaufen sie harmonisch. Andere werden bewusst arrangiert und sie dürfen nie unterschätzt werden. Glücklicherweise gibt es immer Warnzeichen." Er stellte die Teetasse ab, lehnte sich nach vorne, um das Spielfeld eindringlicher zu betrachten. "Bevor eine Falle zuschnappt, muss sie gestellt und gespannt werden. Falls man die Vorzeichen richtig liest, wird einem das Muster des Angriffs frühzeitig klar. Doch man darf nie vergessen, dass es leichter ist, eine Falle auszulösen, als sie zu umgehen." Er griff nach seinem König um ihn beiseite zu schieben, außer Reichweite des Springers, von e8 nach d8. Alexander gönnte sich ein Schmunzeln, bewegte seine Dame nach vorne, von f3 nach f6, wieder in Reichweite des schwarzen Königs, doch der Mann aus Kul Tiras reagierte direkt und bewegte den schwarzen Springer von g8 nach f6, um die weiße Dame aus dem Spiel zu nehmen. "Kein Schlachtplan kann je alle Eventualitäten abdecken", war es nun Alexander, der das Wort ergriff, "Es gibt immer unerwartete Faktoren, einschließlich jener, die auf die Initiative des Widersachers zurück gehen. Somit wird jedes Gefecht zu einem Balanceakt zwischen Planung und Improvisation, zwischen Intellekt und Reflexen, zwischen Irrtum und Korrektur." Der ältere Soldat lächelte und neigte den Kopf. "Absolut richtig, mein Junge. Aber vergiss nicht, dass es ein Balanceakt ist, den auch der Feind beschreiten muss. Und ungeachtet aller Erfahrung und Cleverness gehört der Sieg oft dem, der einfach nur am Schnellsten reagiert." Alexander nickte verstehend und griff nach seinem verbliebenen Läufer, um ihn ein Feld nach vorne zu schieben, von d6 nach e7. "Schachmatt." Und tatsächlich gab es keinen Ausweg mehr für den schwarzen König, der sich in einer Zwickmühle zwischen dem Läufer und Alexanders Springern befand. Ihrer beider Mundwinkel erhoben sich zu einem Lächeln, das eine selbstzufrieden, das andere anerkennend. "Dir ist doch wohl klar, dass ich nur verloren habe, weil ich so viel geredet habe", meinte der ältere Soldat mit einem leisen Lachen. Alexander nickte, übertrieben eifrig. "Natürlich." Nun lehnte sich der Ältere nach vorne, wobei er mit einem Unterarm die verbliebenen Figuren vom Spielfeld wischte, um dieses umzudrehen. "Vergiss nicht, was ich über Selbstgefälligkeit sagte, Alexander. Und vergiss auch nicht, was du mir über Wachsamkeit und dem Mangel davon erzählt hast." Sofort verschwand Alexanders Lächeln von seiner stoppeligen Miene.

"Mir ist aufgefallen, dass der Aschenbecher leer ist und du keine Zigarette geraucht hast. Das ist erfreulich." Alexander zuckte mit den Schultern. "Ich rauche noch, aber selten." Nun neigte der Ältere den Kopf. "Lobenswert. Denn viele, die sich im Bereich der Kriegsführung auf das Anführen konzentrieren, halten körperliche Ertüchtigung und Disziplin für unnötig. Und viele denken, dass fliegende Schiffe, größere Kanonen und bessere Gewehre von entscheidender Bedeutung sind, aber sie irren sich: Jede Waffe ist nur so effektiv, wie die Hand - und der Verstand - der sie führt. Geist und Körper sind miteinander verflochten und körperliches Training stärkt diese Verflechtung, stimuliert den Verstand. Kampfübungen helfen dabei, kleine Fehler zu erkennen und beseitigen. Gleichzeitig gibt der Fokus auf körperliche Aktivität dem Unterbewusstsein die Möglichkeit, sich mit ungelösten Problemen zu befassen. Training wirkt reinigend und nicht selten enden Kampfübungen mit einem klaren Kopf und der Erkenntnis, dass das ein- oder andere Problem enträtselt ist." Der ältere Mann leerte seine Teetasse und schob sie zum Rand des Tisches. "Aber nun sag mir, warum ich eigentlich hier bin, Alexander." Dieser half dem älteren Soldaten dabei, die Figuren zu verstauen. Das zusammen geklappte Schachbrett wanderte wieder in die Ledertasche. "Ich habe einige schwierige Missionen vor mir. Eine im Schlingendorntal. Die Rotband-Piraten. Das könnte knackig werden, wie du weißt. Und demnächst muss ich eine schier uneinnehmbare Stadt einnehmen." Mundwinkel hoben sich und die zweifarbigen Augen richteten sich interessiert auf den Rottenmeister. "Du hast Angst zu scheitern. Aber niemand ist gegen Versagen gefeit. Jeder hat schon einmal den bitteren Geschmack von Niederlagen und Enttäuschung gekostet. Ein Krieger darf einem Fehler nicht nachtrauern. Statt dessen muss er Lehren daraus ziehen und weiterkämpfen. Fehler passieren. Und werden nur dann zu einem Problem, wenn man sich weigert, aus ihnen zu lernen. Umgekehrt betrachtet, Alexander, lernen nicht alle aus ihren Fehlern. Und wenn man das weiß, kann man seinen Nutzen daraus ziehen. Wenn man weiß, dass ein Widersacher vorher an einem Problem gescheitert ist, kann man versuchen, ihn mit einem ähnlichen Problem zu konfrontieren, in der Hoffnung, dass er auch diesmal versagt. Was der Manipulator aber bisweilen vergisst - und was ein Krieger immer im Gedächtnis behalten muss - ist, dass trotz möglicher Ähnlichkeiten jede Situation einmalig ist. Eine Herausforderung gleicht nie exakt der anderen. Beispielsweise kann das vermeintliche Opfer aus vergangenen Fehlern lernen." Der ältere Soldat tätschelte die lederne Tasche, nahm sie dann aber vom Tisch, um sie neben sich auf den Stuhl zu legen. "Angst trübt dein Urteilsvermögen. Wenn du vorher so sehr ans Scheitern denkst, dann bist du schon gescheitert. Du hast einen wachen Verstand, Alexander. Nutze ihn! Planung und Improvisation. Du wirst dazu lernen und mit jeder Erfahrung stärker werden, egal ob es Siege oder Niederlagen sind." Der heterochrome Blick löste sich von Alexander, wanderte zum Fenster und folgte den Tropfen, die hin- und wieder hinab rannen.

"Es gibt drei Möglichkeiten, einen wilden Schlingendorntiger zu erledigen. Der durchschnittliche Jäger nimmt eine großkalibrige Waffe und erschießt das Tier. Sofern sie funktioniert, ist diese Methode schnell und effizient. Aber falls der erste Schuss daneben geht oder kein lebenswichtiges Organ trifft, wird der Tiger sich vermutlich auf seinen Angreifer stürzen, bevor dieser nachladen, zielen und erneut feuern kann. Der kluge Jäger nimmt eine Waffe von kleinem Kaliber. Sagen wir doch sogar, er nimmt einen Bogen. Kein umständliches Nachladen. Wird der erste Pfeil nicht die gewünschte Wirkung erzielen, dann sicher der zweite, dritte oder vierte. Aber was, wenn die Sehne reißt? Wenn Deckung oder schlechte Sichtverhältnisse auch eine Rolle spielen? Dringen die Pfeile nicht tief genug ein, könnte der Tiger auch hier triumphieren. Der geschickte Jäger nimmt keinerlei Waffen mit. Stattdessen legt er zahlreiche vergiftete Köder aus, macht es sich auf einem Baum bequem und wartet ab. Diese Methode ist langsam aber der Tiger stirbt, letztendlich. Und er stirbt, ohne zu wissen, woher der Angriff kam." Der Mann aus Kul Tiras richtete den Blick wieder auf Alexander. "Wie ich schon sagte, manchmal führt der direkte Weg nicht zum Ziel. Manchmal musst du um drei Ecken herum denken." Alexander nickte langsam. "Wie steht es zwischen der Horde und der Allianz? Weißt du etwas Neues?" Der Ältere schüttelt mit dem Kopf. "Nein. Aber vermutlich wird es auf Krieg hinaus laufen. Denn die Verlassenen... Nun, du kennst die Untoten zur Genüge. Du hast Dämonen und Kultisten bekämpft. Du weißt, dass es Dinge im Universum gibt, die man schlicht und einfach nur als böse bezeichnen kann. Ein Krieger versucht nicht, diese Dinge zu verstehen oder sich mit ihnen zu arrangieren. Alles was er machen sollte ist, sie zu zerstören." Alexander schüttelte mit dem Kopf. "Ich glaube nicht, dass die Horde..." Doch sein Gegenüber unterbrach ihn. "Ich sprach nicht von der Horde, Alexander. Sondern von den Untoten. Du kannst dem hungrigen Raptor keinen Handel vorschlagen. Du kannst dem wilden Löwen nicht mit vernünftigen Argumenten kommen. Man muss wachsam bleiben und vorbereitet." Alexander nickte erneut, seufzte leise. "Eben deshalb ist es wichtig, dass ich Erfolg habe. Jemand ist aus einem Bündnis ausgebrochen und ich soll die Sache zurecht biegen. So oder so." Der Ältere bestellte sich eine weitere Tasse Tee und Alexander bestellte sich noch einen Kaffee. "Bündnisse sind in gewissen Situationen nützlich, Alexander. In anderen Situationen sind sie absolut überlebenswichtig. Aber man muss stets mit Bedacht an sie heran gehen, denn diese Art von Zusammenschluss basiert auf beidseitigem Nutzen. Solange diese Anforderungen bestehen, wird auch das Bündnis bestehen. Doch Anforderungen wandeln sich, Vorteile verblassen und es mag der Tag kommen, an dem ein Verbündeter den größeren Vorteil darin sieht, seinen Partner zu hintergehen. Darum muss ein Krieger immer auf derartige Veränderungen achten, um einen Verrat voraus zu ahnen und zu überleben. Glücklicherweise gibt es in der Regel Anzeichen, die früh genug sichtbar werden, um eine Verteidigung zu planen und vorzubereiten. Andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass Veränderungen ein Bündnis umso enger zusammen schweißen. So etwas kommt zwar nur selten vor, aber es kann geschehen."

Alexander nahm seinen Kaffee entgegen und bezahlte direkt, auch für seinen Gegenüber, dem er aufmerksam zugehört hatte. Der etwa zehn Jahre ältere Mann aus Kul Tiras nippte an seinem Tee, befeuchtete sich die Lippen mit der Zungenspitze, ehe er weiter sprach: "In der Kriegsführung lässt sich ein Sieg nur selten ohne Verbündete erringen. Manchmal bieten sie direkte Unterstützung, so dass beide Kräfte Seite an Seite kämpfen. Andere Verbündete liefern logistische Unterstützung, sei es in Form von Ausrüstung oder indem sie Nahrung und andere Grundversorgungen bereit stellen. Manchmal ist ein Verbündeter am effektivsten, wenn man ihn als Drohmittel einsetzt, wenn seine bloße Gegenwart eine ablenkende Wirkung hat und den Feind zwingt, wichtige Ressourcen vom eigentlichen Kampfschauplatz abzuziehen. Aber einem Verbündeten die Treu zu halten heißt nicht zwangsläufig, dass man mit ihm einer Meinung ist. Oder dass man seine Ziele und Methoden unterstützt." Alexander schnaubte freudlos. "Jetzt komm' mir nicht mit Politik." Der andere Soldat lachte leise auf. "Doch, denn du musst begreifen, Alexander. Du musst deinen Verstand für jede Art von Information offen halten, denn du weißt nie, woraus zu Nutzen ziehen könntest. Jede Kultur ist anders. Jedes Volk von Azeroth ist einzigartig. Für den Krieger kann es eine Herausforderung sein, denn oft hat er nur eine Handvoll Hinweise, anhand derer er die Strategie, die Ziele und die Taktiken eines Widersachers abschätzen kann. Zwerge kämpfen nicht so wie Elfen. Orcs kämpfen nicht so wie Gnome. Das kann zu hässlichen Überraschungen führen. Denke nur an deine Geschichte von den Druiden, am Kaderwulstpass. Setzt dich mit diesem Thema auseinander, Alexander. Aber ich schweife ab, denn natürlich hast du Recht: Am größten ist die Gefahr, einen Widersacher falsch einzuschätzen, in der Politik. Hier gibt es nur selten so eindeutige Hinweise wie sichtbare Waffenstellungen oder Truppenbewegungen, die vor drohender Gefahr warnen können. Meist werden die Anzeichen für einen Konflikt erst dann offensichtlich, wenn der Kampf bereits begonnen hat." Alexander seufzte bei den Worten des Veteranen und dieser lächelte flüchtig, nippte am Tee und richtete den Blick aus dem Fenster, auf die fernen Schiffe im Hafen von Sturmwind. "Aber wo wir bei Verbündeten waren: Bedenke, dass jeder seinem persönlichen Standpunkt unterworfen ist. Und damit meine ich nicht nur ihre Meinungen und Ansichten, sondern auch ihre tatsächliche Position auf dem Schlachtfeld. Der Soldat an der Front oder der Matrose auf dem Kriegsschiff sehen einen Krieg immer nur aus einem eingeschränkten Blickwinkel. Ihr Ziel ist es, die Mission oder die ihnen zugewiesene Aufgabe zu erfüllen und sie vertrauen darauf, dass ihre Vorgesetzten sich der größeren Gesamtsituation und des komplexen Geflechts aus Fakten, Positionen, Optionen und Gefahren bewusst sind. Militärische Führung ist eine Rolle und eine Aufgabe, die man niemals unbedacht übernehmen sollte. Ebenso wenig sollte man erwarten, dass andere einem leichtfertig die Treue halten. Selbst falls die Untergebenen durch den Eid und die Pflicht des Soldaten gebunden sind, wird ein echter Anführer stets versuchen, sich ihr tiefergehendes Vertrauen zu verdienen." Alexander dachte über die Worte des Älteren nach und schnaubte vor zynischer Belustigung, nickte dann aber. "Führung und Loyalität sind jedoch ein zweischneidiges Schwert", gab der Veteran aus Kul Tiras zu bedenken. "Sie können missbraucht werden und die Konsequenzen sind niemals angenehm."

Der Veteran aus Kul Tiras nahm sich die Zeit, seine Worte wirken zu lassen und betrachtete Alexander forschend, von der nachdenklich gerunzelten Stirn bis hin zu den graublauen Iriden. "Überleben und Erfolg, darum geht es dir doch, nicht?", fragte er leise, worauf Alexander nickte. "Eben deshalb musst du weiter an dir arbeiten, Alexander." Er nickte dem jüngeren Mann wohlwollend zu. "Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass das Leben beim Militär voller Abenteuer und Aufregung steckt. Tatsächlich besteht dieses Leben in der Regel aus langen Perioden der Routine, sogar der Langeweile, nur kurzfristig unterbrochen durch Herausforderungen und Gefahr. Feinde suchen selten den offenen Kampf. Der Krieger muss daher zum Jäger werden, der seinem Widersacher mit Geschick und Geduld nachspürt. Ein Erfolg ist oft das Produkt vieler kleinerer Faktoren: Unscheinbare Fakten, belauschte Gespräche, logistische Vektoren. Fall der Jäger beharrlich ist, zeigt sich früher oder später ein Muster, das ihn zu seinem Feind führt. Erst dann wird die Routine durch Kampfhandlungen unterbrochen. Jene, die es nach Aufregung dürstet, sind bisweilen von der langen und mühseligen Arbeit und Vorbereitung frustriert. Für sie ist es eine Erleichterung, wenn der Feind von sich aus die Konfrontation sucht und entschlossen eine Herausforderung ausspricht. Doch der weise Krieger ist in solchen Momenten besonders vorsichtig. Er weiß, dass nur wenig gefährlicher ist als ein geschickter Feind, der selbst das Schlachtfeld bestimmt." Der Nachmittag war inzwischen weit fortgeschritten und dem frühen Abend gewichen. Draußen wurden bereits die Laternen angezündet. Die ersten Hafenarbeiter kamen bereits von ihrer Schicht und es wurde voll in der Gaststätte. Eben deshalb beugte sich der Mann aus Kul Tiras nach vorne, um trotz der zahlreichen Gespräche nicht die Stimme erheben zu müssen, aber trotzdem noch von Alexander gehört zu werden. "Du meintest, du hast gute Leute an deiner Seite. Und das ist wichtig. Denn es gibt Momente im Leben jedes Befehlshabers, in denen er einen Teil seiner Autorität an einen Untergebenen abtreten muss. Manchmal ist es eine Frage der Sachkenntnis, etwa wenn der Untergebene Fähigkeiten besitzt, an denen es dem Kommandanten mangelt. Manchmal ist eine solche Entscheidung positionsbedingt: Der Untergebene ist zur rechten Zeit am rechten Ort, der Kommandant aber nicht. Und manchmal ist der Verlust einer Kommunikationsmöglichkeit der Grund für Eigeninitiative. Was bedeutet, dass der Untergebene zwar Anweisungen erhielt, sie aber nach eigenem Gutdünken umsetzen muss, je nachdem, wie sich die Situation um ihn herum entwickelt. Jeder Befehlshaber hasst solche Momente und viele Untergebene fürchten sie. Wer das nicht tut, zeigt dadurch eine Vermessenheit, die so gut wie immer in die Katastrophe führt. Doch egal wie, man muss sich solchen Momenten stellen. Und jeder lernt etwas daraus - die Frage ist nur, ob die Lektion angenehm ist, oder schmerzhaft. Und hier wird sich zeigen, wie gut deine Leute tatsächlich sind."

"Ich begann diese Lektion mit Worten über Hoffnungen und Ambitionen" Er wandte sich von Alexander ab und richtete den Blick auf die anderen Tische innerhalb der Gaststätte, auf die zahlreichen Kunden, die an den Tischen oder am Tresen saßen. "Jede Person hat Ziele, Alexander. Einige davon sind offen, für alle sichtbar, die genau hinsehen. Andere sind eher privater Natur und werden nur mit den engsten Freunden und Verbündeten geteilt. Wieder andere Ziele sind dunkle Geheimnisse, die nie bekannt werden sollten. Doch manchmal muss man - will man diese tiefsten, geheimsten Ziele erreichen - sie früher oder später jemanden enthüllen. Jemandem, der einen bei der Erfüllung helfen kann. Wann immer man mit einem solchen Geheimnis an eine Person heran tritt, muss man auf Zustimmung oder Ablehnung gefasst sein. Und man muss bereit sein, die Konsequenzen zu tragen, wie auch immer sie aussehen mögen. So fragil und irregeleitet kann Vertrauen sein, Alexander. Bündnisse sind immer einem Risiko unterworfen. So ist es leider wahr, dass wirkliche Wachsamkeit niemals nachlassen darf, wenn du nicht enttäuschst oder verraten werden möchtest. Das muss nicht geschehen, natürlich. Aber ein echter Krieger muss versuchen, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Doch bedenke: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Nicht in Form einer uneinnehmbaren Festung, nicht in Form von Legionen und Leibwachen und nicht in Form eines scheinbar narrensicheren Plans. Denn hier sind wir wieder bei den unerwarteten Faktoren. Strebe nicht nach absoluter Sicherheit, sonst wirst du nur enttäuscht werden. Denn wer sich absolut sicher fühlt, der wird nur umso verheerender überrascht werden. Du wirst das richtige, gesunde Maß finden müssen. Auch, um dem, was dich erwartet, mit einer gewissen Ruhe zu begegnen." Der Mann aus Kul Tiras richtete den Blick forschend auf Alexander, während er die letzten Schlückchen aus der Tasse trinkt und diese dann an den Rand des Tisches schob. "Das Leben und die Kriegsführung können verdammt kompliziert werden. Aber um zu überleben und Erfolg zu haben musst du vorbereitet sein. Und du musst schlau sein." Er blickte abermals hinter sich, als sich zwei Matrosen am Tresen in die Haare kriegten, sich um etwas stritten. "Ein Feind ist in den meisten Fällen wirklich nur das - ein Feind. Und alles, was man mit einem Feind tun kann, ist, ihn zu besiegen. Ein Widersacher aber kann bisweilen zu einem Verbündeten werden. Bedenke das, bei dem was vor dir liegt. Natürlich hat das einen Preis, wie alles im Leben einen Preis hat. Im Umgang mit einem Widersacher bezahlt man diesen Preis oft mit Macht und Einfluss oder aber mit Stolz und Prestige. Gelegentlich ist der Preis noch höher. Solche Situationen folgen aber stets der einfachen Mathematik: Man muss nur berechnen, ob der potentielle Nutzen größer ist, als der potentielle Verlust. Außerdem darf ein Krieger nie vergessen, dass er und sein Widersacher nicht die einzigen Elemente in dieser Gleichung sind. Es kommt ganz auf den jeweiligen Maßstab an. Oft hängt so viel mehr in der Schwebe."

Während Alexander noch an seinem Kaffee nippte betrachtete sein Gegenüber, wie sich die Rangelei am Tresen intensivierte. Rüden Worten folgten Handgreiflichkeiten. Schließlich richteten sich die zweifarbigen Augen wieder auf den Rottenmeister aus Lordaeron. "Jeder strebt nach dem Sieg. Aber nicht jeder versteht, was das wirklich bedeutet. Für den Soldaten oder Matrosen ist es ein Sieg, die jeweilige Schlacht zu überleben. Die aktuelle Mission erfolgreich abzuschließen. Für den Politiker ist es ein Vorteil, den er am Verhandlungstisch einsetzen kann. Und der Krieger fühlt sich dann siegreich, wenn der Feind vom Schlachtfeld vertrieben oder zur Aufgabe gezwungen ist. Manchmal ist ein Sieg größer, als ein Krieger es je hoffen könnte. Und manchmal hat er einen Preis, den kein Krieger ertragen kann." Am Tresen wurden Fausthiebe ausgetauscht und der Gastwirt schrie beide Matrosen wütend an, während Alexander seinen Kaffee leerte und nach draußen blickte, wo es zunehmend dunkler wurde. "Ich kenne Verluste und Niederlagen", meinte Alexander und schob die leere Tasse weg von sich. "Haben wir nicht alle Dinge erlebt, die wir bedauern?" Der Mann aus Kul Tiras schmunzelte und nickte zustimmend. "Du hast mir einmal gesagt, dass deine Vergangenheit dich nicht mehr kontrolliert. Aber ich möchte auf etwas anderes hinaus: Wie angenehm wäre es doch, zwischen Ereignissen unterscheiden zu können, die durch die eigene Unachtsamkeit oder Inkompetenz ausgelöst wurden, und solchen Ereignissen, deren Hergang jenseits der eigenen Kontrolle lag? Aber in der Praxis gibt es keinen Unterschied, Alexander. Alle Formen von Bedauern brennen sich gleichermaßen in Geist und Seele ein, und sie alle hinterlassen die gleichen Narben der Verbitterung. Unter dieser Narbe lauert stets der Gedanke und die Furcht, dass man etwas hätte unternehmen können. Dass irgendeine Aktion - oder das Ausbleiben einer Aktion - die Dinge zum Besseren gewendet hätte. Manchmal lassen sich Lektionen aus solchen Gedanken ziehen, aber oft verhärten sie nur das Narbengewebe. Ein Krieger muss lernen, sein Bedauern zu verdrängen, so gut es nur geht. Aber ebenso muss er sich bewusst sein, dass es immer nur einen Schritt entfernt lauert." Alexander seufzet und nickte, während sein Gegenüber mit seinem Stuhl zurück rutschte und sich erhob. "Vielen Dank für deine Zeit", sagte Alexander sofort und machte Anstalten sich zu erheben, wurde jedoch vom älteren Mann mühelos in den Stuhl zurück gedrückt. "Es heißt, man solle seine Verbündeten stets in Sichtweite haben und seine Feinde stets in Griffweite", entgegnete der ältere Soldat und tastete seinen Mantel ab, den er während seines Aufenthalts in der Gaststätte zwar geöffnet, aber nicht abgelegt hatte. "Eine stichhaltige Aussage, findest du nicht auch, Alexander? Man muss die Stärken eines Verbündeten erkennen können, um ihn bestmöglich einzusetzen. Gleichsam muss man in der Lage sein, die Schwächen eines Feindes zu erkennen, um abzuschätzen, wie man ihn besiegen kann." Er zückte einen kleinen, ledernen Beutel aus einer Innentasche seines Mantels und legte ihn auf den Tisch.

"Doch was ist mit Freunden? Es gibt keine allgemeingültige Antwort, vermutlich, weil echte Freundschaft immer seltener wird. Aber ich habe eine eigene Theorie aufgestellt." Der ältere Soldat aus Kul Tiras blickte durch das regennasse Fenster nach draußen, zu den Schiffen und zum grau verhangenen Horizont dahinter. "Einen Freund muss man nicht in Sichtweite halten, auch nicht in Griffweite. Stattdessen muss man einem Freund die Freiheit einräumen, seinen eigenen Pfad zu finden und zu beschreiten, seinen eigenen Hoffnungen und Ambitionen zu folgen. Falls man Glück hat, verbinden sich diese Pfade eine Zeitlang." Die tiefe, ruhige Stimme des Mannes aus Kul Tiras glitt in den Hintergrund, als seine Worte Bildern und Erinnerungen wichen, die Alexander vor dem geistigen Auge herum tanzten. Bilder des bunten, lachenden Harad ad-Kadif, der im Rausch auf seinen eigenen Schatten zielte. Bilder von seinem Bruder Ian, von dessen strahlendem Lachen, in seiner Kindheit. Von seinen seltenen, ehrlichen Lächeln, zum Beispiel wenn er von Letticia sprach. Szenen von unzähligen gemeinsamen Schlachten, Erfolgen und Niederlagen. Bilder von Sergei, seiner aufbrausenden Ader und die Erinnerung an seine merkwürdige Ausdrucksweise. Alexander sah Iris, mit ihrem warmen, wissenden Lächeln, sah die zahlreichen gemeinsamen, schönen Momente und er sah Ingo, mit seinem verwegenen Grinsen und seinen traurigen, roten Augen. Er sah Bruces und sein breites Grinsen, ehe er Alexander nieder schlug, damals, als er knapp eine Lawine überlebt hatte. Er sah Julius und dessen Enttäuschung und Wut, aber auch dessen kameradschaftliche Seite in etlichen gemeinsamen Schlachten. Er sah Kjell, den wilden Stammeskrieger aus dem Hochland, der mit seiner direkten, ehrlichen Art Alexanders Freundschaft gewonnen hatte. Er sah den jungen Rymar und dessen unschuldiges Lächeln, sah all das gemeinsame Training vor sich. Er sah Letticia, ihre perlmuttfarbenen Augen und ihr betrunkenes Grinsen, sah Vaeln und seine gesamten Dummheiten und blöden Witze und er sah Trixine, wie sie am Steuer der Flugmaschine saß und die Finger kichernd vom Steuer nahm. Er sah Hanne, mit schwarzen und später mit weißen Haaren und erinnerte sich an so viele bewegende Gespräche. Er sah Finnje, ihr strahlendes Grinsen und die vielen gemeinsamen Momente und überstandenen Kämpfe. Er sah Marla und schließlich - natürlich - auch Viktorie, seine Kinder und all das, was Alexander Veidt abseits vom Dämmersturm ausmachte. All das, was den Menschen beschäftigte und nicht den Soldaten. Schließlich drang die Stimme des alten Veteranen wieder zu ihm durch. "Aber selbst wenn sich diese Pfade wieder trennen ist es tröstlich zu wissen, dass diese Freunde die Welt noch immer mit ihren Fähigkeiten, ihren Ansichten, ihren Ambitionen und ihren Persönlichkeiten bereichern. Oder unser Leben bereichert haben. Denn solange sich ein Freund an einen erinnert, ist man nie ganz allein. Und ist nie vergessen." Mit einem schmalen Lächeln aber ohne weitere Worte wandte sich der alte Soldat ab und trat nach draußen. Alexander sah ihm einen Moment lang nach, ehe er nach dem Beutel griff und den Inhalt auf den Tisch schüttelte. Und plötzlich war die Welt - seit Ewigkeiten - wieder in Ordnung. Ja, er vermisste all jene, die tot waren oder fort waren. Aber er würde sich immer ihrer erinnern. Er würde sie und all die schönen Momente nicht vergessen. Und er würde sich nicht vom Bedauern auffressen lassen. Er würde nach vorne schauen und er würde lernen, würde vorbereitet sein, was immer auf ihn zu kam. Und er würde seinen Pfad so lange beschreiten, wie es möglich war. Und dann, wenn sein Pfad schließlich in eine Sackgasse führte, dann würde es in Ordnung sein. Denn irgendwer würde sich an ihn erinnern. Mit einem zufriedenen Lächeln öffnete Alexander seine Gürteltasche und schob die zahlreichen, zerknitterten Zigaretten hinein, ehe auch er sich erhob und die Gaststätte verließ.


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