Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 7. Jan 2015, 20:44 
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Wo einst ein Mensch aus Fleisch und Blut
Bleibt nur noch Erde, Asche, Glut
Ein Leid dass ich musste beenden
Doch nichts kann mir je Trost da spenden
Verschließ in meinem Herz die Pein
Mein Gesicht bleibt so kalt wie Stein
Und meine Augen, die sind leer
Benommen zuckt mein Blick umher
Hab vor Augen ihr Gesicht
Doch ist sie nun daheim im Licht
In meinen Ohren noch das Flehen
Doch nichts macht die Tat ungeschehen
Ich musste sie zur Ruhe betten
Es war zu spät, sie noch zu retten
Das red' ihr mir erfolglos ein
Und will einfach kein Mörder sein
Der Schreck mir in den Gliedern steht
Ich hoff, dass es ihr besser geht
Wie sehr musste ich mit mir ringen
Um die Erlösung ihr zu bringen
Der Wind weht ihre Asche fort
Sie ist an einem bess'ren Ort
Nur ich, ich habe nicht das Glück
Und bleibe vorerst hier zurück
Mit ihrem Blut an meinen Händen
Bereit, dass nächste Leiden zu beenden

- Alexander Simmons, 'Gnadentod'

Das Ausmerzen von Schwarzhain

Das Donnern der Hufe auf der alten, gepflasterten Straße gen Osten hatte sich längst zu einem betäubenden, dröhnenden Rauschen in Alexanders Ohren entwickelt. Als er zum ersten mal diese Straße entlang geritten war, bei seinem letzten Besuch in Schwarzhain, hatte der Scharlachrote Kreuzzug fast hundertzwanzig Soldaten in die Schlacht geschickt, sechzig davon hoch zu Ross. Nur zu gut erinnerte sich Alexander an das wilde Schlachtengetümmel vor den Toren des Dorfes und an das schreckliche Gefecht auf der Brücke am Thondroril, an ihren Kampf gegen den Todesritter und an den Tod von Johanna von Nordtal. Sie hatte ihr Leben gegeben, um das kleine Dorf zu retten, um ihren Kameraden Zeit zu erkaufen. Und nun, so viele Monate später, war der Sohn der so sehr vermissten Heldin entschlossen, dieses Opfer der Bedeutungslosigkeit zu überantworten. Er war entschlossen, für den Feind zu kämpfen, der seine Mutter abgeschlachtet hatte. Diesmal, schwor sich Alexander, würde er nicht entkommen. Heute war der Tag, an dem John von Nordtal sterben würde. Kommandant Galvar Reinblut ritt an der Spitze der Eskadron aus hundertfünfzig Pferden. Allen Pferden, die Herdweiler besaß. Sie ließen Dalsons Hof rasch hinter sich und die Straße wurde zu einem schier endlosen Wechsel aus vorbeirauschenden, toten oder missgestalteten Bäumen und uralten Laternenpfählen, die die einst so schöne Straße durch das östliche Lordaeron gesäumt hatten. Abseits der moosüberwucherten Straße wurde die Welt zu Schlieren aus Brauntönen, zu einem hässlichen Ölgemälde, welches die einst so schöne Heimat pervertiert und zerstört darstellte. Dass John ihnen eine Falle stellte, war klar. Doch sie hatten keine Wahl, als direkt hinein zu tappen und alles daran zu setzen, Schwarzhain zu retten. Nicht für den Kreuzzug, der auf die Nahrungsmittellieferungen angewiesen war, nicht nur für die fünfhundert Einwohner des Dorfes, sondern auch für Johanna von Nordtal. Alexander hörte nichts als das Rauschen der galoppierenden Schwadron und das wilde Pochen seines Herzens, die vorbei rauschenden Bäume wirkten wie dürre Schreckgestalten, die mit knochigen Fingern nach ihm zu greifen schienen. Doch er hatte keine Angst. Er würde mit allem fertig werden, was ihn am Ende dieser Straße erwartete. Sein Bauch schmerzte noch immer, ebenso die verheilenden Brandblasen unter der Rüstung, doch er versuchte, mit diesem Schmerz seinen Hass anzufachen, um die kalte, berechnende Wut im Kampf effektiv entfesseln zu können. Die hügelige Landschaft stieg an, nur um dann in ein weitläufiges, bewaldetes Tal überzugehen, wo die Straße beinah abrupt wieder abfiel. Und sie hatten den Hügel kaum überwunden, als Kommandant Reinblut erschrocken eine Faust hob und sein Pferd so rasch bremste, dass es sich protestierend aufbäumte. Die Eskadron bremste und Alexander stockte der Atem, als er sah, was den Kommandanten so hastig hatte anhalten lassen. Denn die bewaldete Senke vor ihnen, von den Hügeln im Norden bis zu den weit entfernt sichtbaren Ufern des Darromersees im Süden, wimmelte nur so von Untoten. Hunderte von Ghulen, Skeletten, Zombies und einige wenige Monstrositäten schlurften und taumelten auf der Straße und versperrten ihnen den Weg in Richtung Schwarzhain. "Scheiße", hörte Alexander den Kommandanten flüstern. Dem konnte er nur zustimmen.

"Wir könnten in Richtung Süden ausweichen, am Ufer des Darromersees entlang, bis wir die hinter uns haben", schlug Hochinquisitorin Vermillion vor, die ebenfalls mitgekommen war, um zu kämpfen. Der Kommandant aber schüttelte entschieden den Kopf. "Seht genau hin, Hochinquisitorin", begann er und deutete mit dem bärtigen Kinn auf die Untoten, "Die sind nicht einmal auf dem Weg nach Schwarzhain. Die bewegen sich kaum. Sie sind einfach nur hier, um uns aufzuhalten. Und selbst wenn wir sie umgehen, bleiben sie hier und machen zukünftige Reisen auf dieser Straße unmöglich. Ein Ausweichen wäre einem Kampf natürlich vorzuziehen. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass hundertfünfzig Pferde ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden, sobald wir uns wieder in Bewegung setzen und näher heran reiten. Wenn die uns am Seeufer den Weg abschneiden, kommt es ohnehin zum Kampf. Nur, dass wir dann das verseuchte Wasser des Sees im Rücken haben. Nein, Hochinquisitorin. Wir reiten direkt weiter, folgen der Straße und versuchen, durchzubrechen. Dann werden sie uns zweifellos folgen, aber auf dem offenen Feld vor Schwarzhain werden wir sie niederreiten." Die Hochinquisitorin neigte den Kopf. "Ja, Kommandant." Galvar Reinblut sah nach vorne, mahlte mit dem Unterkiefer und überlegte einen Augenblick. "Wir werden uns aufteilen, sobald wir den Wald passiert haben", erklärte er dann, ehe er sich seinen Reitern zuwandte. "Hier im Wald sind diese Biester noch verstreut. Wenn sie uns folgen, werden sie aber eine ziemlich große Meute sein." Er deutete auf die Hochinquisitorin. "Hochinquisitorin, schnappt Euch dreißig Reiter. Das wird Eure Gruppe sein. Sobald wir den Wald hinter uns haben, reitet ihr direkt nach links. Ich werde mit meinen dreißig Reitern geradeaus weiter reiten und dann wenden." Er sah zu Alexander. "Simmons, Ihr werdet euch mit Euren dreißig Reitern ebenso links halten, zwischen unseren beiden Gruppen." Alexander nickte ergeben, ahnte schon, worauf der Kommandant hinauswollte. Sie würden die Untoten in die Mangel nehmen. Galvar Reinblut sah zu zwei anderen Soldaten, Gavriel Astarmar und Nathaniel Eris. "Ihr übernehmt die rechte Seite. Astarmar mit seinen Reitern außen. Eris zwischen unseren Gruppen." Beide Soldaten nickten und in den folgenden Minuten fanden sich die Gruppen zusammen, während der Kommandant langsam vor ihnen auf und ab ritt und vor allem darauf achtete, dass die Untoten sie nicht doch schon im Vorfeld bemerkten. Dann, als alle Gruppen bereit waren und die breite Straße voller Reiter war, erhob der Kommandant die Stimme. "Soldaten des Kreuzzugs", begann er lautstark und drehte sich mit seinem Pferd seitlich zu ihnen, um gleichzeitig auch das Tal mit den Untoten im Auge zu haben. "Wir hatten den Feind vor unseren Toren", brüllte er und seine braunen Augen wanderten über die Schar der Reiter. "Wir hatten den Feind innerhalb unserer Tore. Und wir sind immer noch hier!" Die ersten Untoten hörten sein Rufen bereits und wandten sich ihm zu, setzten sich langsam schlurfend in Bewegung. "So mancher mag sich der Verzweiflung ergeben. So manchen hält wenig mehr als der pure Trotz am Leben. Die Entbehrungen sind zahlreich, die Freuden wenig. Aber wir haben eine Pflicht zu erfüllen. Gegenüber der Heimat. Gegenüber dem Licht. Gegenüber dem wenigen, was uns lieb und teuer ist. Und ich sag euch etwas: Es ist keinen Platz für Zweifel in euren Herzen! Kein Platz für Angst in euren Augen. Und wisst ihr auch warum?" Sein Brüllen hallte durch den Wald, musste wohl noch in Andorhal oder Darrowehr zu hören sein. "Dies mag die Zeit des Untergangs sein. Vielleicht ist es so. Doch wenn es so ist, Kameraden, dann hat sich dieses Land die größten Helden bis ganz zum Schluss aufgehoben!" Er reckte den Streithammer in die Höhe und riss mit der anderen Hand am Zügel, wandte sein Pferd wieder gen Osten, ehe er mit dem Hammer auf die anrückenden Untoten wies. "Vorwärts, Kreuzzug!"

Der Kommandant trieb seinen Hengst vorwärts und die Schwadron hinter ihm folgte in raschem Tempo. Rote Umhänge wallten über ihre Rücken, als sie immer schneller wurden, der Straße folgten und dabei den Untoten entgegen ritten. Die Kreaturen näherten sich ihnen lethargisch stöhnend, stumpfsinnig und gierig nach ihrem Fleisch, doch zuerst erreichte sie der beißende, beinah greifbar intensive Gestank von Fäulnis und Verfall. Neben sich sah Alexander, wie Raja sich im Sattel ihres Pferdes aufrichtete, anspannte und den Bogen vom Rücken zog. Sie legte einen Pfeil an die Sehne, zog diese durch, während sie ihr Pferd nur mit den Schenkeln lenkte. Dann ließ sie den Pfeil fliegen, der sich in den Kopf einer massigen, zusammengenähten Monstrosität bohrte. Diese hatten als Ziel oberste Priorität und Alexander zog einen schweren, mit einer Eisenspitze bewehrten Speer aus dem Köcher am Sattel und schleuderte ihn mit aller Kraft in Richtung einer anderen Monstrosität. Der Speer bohrte sich tief in den dicken Bauch der Kreatur. Nähte rissen auf und verfaulende, eitrige Eingeweide quollen hervor und ergossen sich in einer Flut aus modrigem Fleisch und dunklem Blut auf den Waldboden. Die Untoten näherten sich ihnen und vorne, an der Spitze der Formation, geriet eine Kreatur nach der anderen unter die Hufe der galoppierenden Schwadron. Jene Reiter, die an den Außenseiten ritten, warfen weitere Speere, wenn sie glaubten, damit eine der Monstrositäten erwischen zu können. Andere, wie auch Alexander nun, zogen ihre Waffen um die sich nähernden Untoten im Vorbeireiten zu erschlagen. Schon holte Alexander mit seinem Schwert nach dem grässlichen, verfaulendem Gesicht eines Untoten aus und spaltete ihm den Schädel. Doch nun wurden diese Monster wirklich hungrig nach ihrem Fleisch. Schnappende Kiefer und scharfe Krallen griffen nach den Reitern und Alexander schmetterte seine Klinge in den Brustkorb eines Ghuls, sorgsam darauf bedacht, seine Waffe nicht zu verlieren. Die Schwadron raste mit wirbelnden Klingen und donnernden Hufen durch die Horde aus Untoten, hinterließ nichts anderes als zermalmte Kadaver in ihrem Kielwasser. Doch vor sich sah Alexander auch, wie ein Reiter aus Vermillions Gruppe von einer Monstrosität vom Pferd geschlagen wurde. Der Mann stürzte verdreht und schreiend zu Boden, nur um dann unter die Hufe der nachfolgenden Pferde zu geraten. Der durchdringende Gestank nach Verwesung, Krankheit und Tod ließ Alexander würgen. Dann schrie er entsetzt auf, als von den Bäumen ein vermummter Spuk hinter ihm aufs Pferd sprang, sich an das Tier krallte und Anstalten machte, Alexander mit seinen Klauen aufzuspießen. Dieser aber reagierte schnell, rammte den Ellbogen nach hinten, direkt in das große Auge inmitten der Kapuzenmaske. Mit der anderen Hand zog er das Jagdmesser, drehte sich im Sattel so gut er konnte und bohrte es in das Auge der Kreatur. Der Spuk stürzte von seinem Pferd und Alexander griff nach den Zügeln und vergewisserte sich, dass sein Pferd nicht zu schwer verwundet war. Einige wenige Reiter wurden vom Pferd gerissen, doch hatten sie den Großteil der Untoten bereits passiert. Vor sich sah Alexander, wie eine Monstrosität auf die Straße taumelte und seine muskulösen Arme schwang. "Ausweichen", brüllte der Kommandant und die Schwadron teilte sich wie ein Fluss um die Kreatur herum. Alexander sah aber auch, wie die Kreatur einen Soldaten vom Pferd schlug. Gegen die brutale Kraft dieser Monster bot keine Rüstung wirklichen Schutz. Sie taumelte weiter, drängte einige Reiter so weit von der Straße, dass einer sein Pferd nicht mehr rechtzeitig herum reißen konnte. Alexander sah, wie Ross und Reiter mit einem schrecklichen Klatschen im vollen Galopp gegen einen Baum donnerten.

Endlich hatten sie die Untoten hinter sich gelassen, doch ein rascher Blick nach hinten verriet Alexander, dass Kommandant Reinblut Recht gehabt hatte: Die Kreaturen folgten ihnen. Die Verluste jedoch waren minimal, nur eine Handvoll Reiter hatte es nicht geschafft, heil durch diese Meute zu reiten. Sobald sie den Wald hinter sich gelassen hatten, würden sie den Rest der Biester auf offenem Feld gnadenlos abschlachten, würden die Horde mit Speeren und Armbrüsten ausdünnen und den Rest einfach nieder reiten. Dennoch fragte sich Alexander, ob er hier etwas übersah. Hatte John geglaubt, Herdweiler würde Truppen zu Fuß schicken? In diesem Fall wären die Untoten eine unüberwindbare Mauer gewesen und der Kreuzzug hätte schweren Herzens kehrt gemacht, da sie nie eine Chance gegen dermaßen viele Untote gehabt hätten. Doch John wollte, dass sie Schwarzhain erreichten, oder etwa nicht? Also musste er damit gerechnet haben, dass sie Pferde benutzten. Doch genau das machte diese Meute aus Untoten, die nun hinter ihnen her waren, völlig obsolet. Warum vergeudete John Truppen, die er auch hätte mit nach Schwarzhain nehmen können? Die Antwort wollte Alexander einfach nicht einfallen. Doch möglicherweise war das auch nicht wirklich auf Johns Mist gewachsen. Natürlich, er hatte einige nützliche Informationen, doch sicher war er in der Hierarchie der Geißel nichts weiter als ein Bauer auf einem Schachbrett. Niemand, der Schlachtpläne schmiedete oder wichtige Entscheidungen traf. Fluchend schüttelte Alexander den Kopf. Die Hierarchie innerhalb der Untoten war egal. John war ein Verräter und ein Untotensympathisant. Es war absolut egal, was in seinem kranken Kopf vor sich ging. Wichtig war nur, dass sie seine Pläne durchkreuzten und ihm seiner gerechten Strafe zuführten. Allerdings hatte John auch einige Stunden Vorsprung und niemand konnte sagen, was genau sie eigentlich erwartete. Möglicherweise eine riesige Armee vor den Toren. Das würde eventuell auch die Untoten im Wald erklären. In diesem Fall würden sie ihr geplantes Manöver ändern müssen, um nicht selbst zwischen zwei Gruppen aus Untoten fest zu sitzen. Südlich der Straße, in einiger Entfernung, sah Alexander den verfallenen Hof von Bauer Gahrron, wo ein Seuchenkessel braunen, giftigen Rauch in den Himmel spie und diesen verdunkelte. Untote taumelten über das Feld, über tote Erde, die aufgrund der Seuche aussah wie geschmolzenes Fleisch oder wurmstichiges, faulendes Holz. Der Himmel war hier trotz des Nachmittages dunkel, hatte nicht die gesunde, blaue Farbe die man hoch im Norden noch sehen konnte, sondern die apokalyptisch rotbraune Farbe, welche die zahlreichen Seuchenkessel um Andorhal ihm verliehen. Doch dann wurde der Himmel schwarz wie die Nacht. Dass sich die Weiße Dame oder das Blaue Kind vor die Sonne schoben war selten, kam aber durchaus vor. Doch das hier war etwas anderes und schnell erfuhren die Scharlachroten Reiter auch, was es mit dieser Dunkelheit auf sich hatte. Der Geruch verkohlten Holzes ersetzte den der Untoten, der Rauch kratzte ihnen in den Kehlen. Und als sie den Wald hinter sich ließen und Schwarzhain erreichten, erkannten sie, was hier passiert war. Die Getreidefelder hinter den grasbewachsenen Hügeln brannten. Alle Felder, die das Dorf umgaben brannten. Gewaltige Rauchschwaden quollen gen Himmel. Sie waren zu spät, erkannte Alexander. Es war endlich deutlich, was Johns Plan gewesen war. Aber sie waren nicht rechtzeitig gekommen, um ihn zu vereiteln. Verbrannte Erde. Schwarzhain würde Herdweiler nie wieder Nahrungsmittel liefern.

Sogar Kommandant Reinblut war entsetzt bei dem Anblick der brennenden Felder. Sein Blick huschte hin- und her, ehe die Entschlossenheit wieder in seine Augen trat. "Formieren" brüllte er und ritt weiter, über die grasbewachsenen Hügel, die den Wald von der rauchenden Hölle trennte, die nun Schwarzhain umgab. Alle Gruppenführer gehorchten, auch Alex ritt weiter, wendete schließlich und seine dreißig Reiter gesellten sich zwischen die von Reinblut und Vermillion. In einer halbmondförmigen Formation erwarteten sie nun die ihnen folgenden Untoten. Alexander sah jedoch immer wieder zu Schwarzhain. Keine Untoten waren vor den Toren zu sehen. Auf dem Wehrgang der Palisade sah man auch keine Menschenseele. Was war hier nur geschehen? "Das Feuer muss schon sehr, sehr lange brennen", kommentierte Maria links neben ihm. Und Alexander gab ihr Recht. Weite Teile der Felder waren bereits abgebrannt. Mühsam versuchte er nicht daran zu denken, was wohl gewesen wäre, wenn sie sich keinen Schlaf gegönnt hätten, wenn sie direkt am Morgen los geritten wären. Er durfte sich nicht fragen, ob es einen Unterschied gemacht hätte, denn es war ohnehin zu spät. Nicht mehr zu ändern. "Die Tore sind zu", knurrte Ian rechts von ihm. "Irgendwer muss das Feuer gelegt haben. Irgendwo muss der Verräter sein. Aber lösen wir erst einmal ein Problem nach dem anderen." Alexander sah, wie Ian schluckte, als sich die ersten Ghule aus dem Wald schälten und auf sie zu gerannt kamen. Kommandant Reinblut hob eine Faust, wartete ab. Moderhirne, Spuke, Skelette und Monstrositäten taumelten aus dem Wald und kamen auf die Reiter zu. Dann endlich wies er mit der anderen Hand auf Vermillions Gruppe und öffnete die erhobene Faust. Und sofort flogen Speere und Armbrustbolzen gleichermaßen in die Reihen der anstürmenden Untoten. Ghule wurden durchbohrt, Monstrositäten mit Bolzen gespickt. Und kaum hatte der letzte Bolzen sein Ziel gefunden deutete Reinblut auf Alexander, öffnete erneut die Faust, zeigte dann auf Gavriel Astarmar. Alexander gehorchte und schleuderte den Untoten einen weiteren Speer entgegen, während Astarmar's Gruppe sie von der Seite mit Bolzen spickte. Dann schleuderte die Gruppe unter Nathaniel Eris ihre Speere, während Reinblut sie direkt frontal mit Armbrustbolzen beschoss. Zahlreiche Ghule und Moderhirne gingen zu Boden, brachten einige der ihnen folgenden Untoten zum Stolpern. Plötzlich aber blies Hochinquisitorin Vermillion ihn ihr Kriegshorn und deutete gen Süden. Eine große Gruppe Skelette taumelte aus dem Wald und versperrte rasch die Straße zur Brücke, die über den Thondroril führte. Alexander sah sich entsetzt um und erkannte, dass auch aus dem Wald im Norden weitere Untote taumelten. Hatte sich ganz Andorhal auf den Weg gemacht, um ihnen nach dem Leben zu trachten? Ein weiteres Horn wurde geblasen. Und alle Untoten blieben stehen, hielten inne als sei die Zeit selbst eingefroren. Der dumpfe, hohle Klang hallte aus der Ferne, bis hin zum Waldrand und Alexander sah rasch den Ursprung. Auf dem Wehrgang über den Toren Schwarzhains stand John von Nordtal und reckte sein Runenschwert in die Höhe. Und kaum hatten sich ihm die Blicke der Reiter zugewandt, öffneten sich die Stadttore. Zuerst dachte Alexander, dass auch aus dem Dorf nun haufenweise Untote strömen würden, doch dem war nicht so. Stattdessen setzten sich alle Untoten außerhalb des Dorfes wieder in Bewegung und kamen näher. Die Schlinge zog sich zu. Rechts neben sich sah Alexander, wie Ian die Zügel seines Pferdes fester umklammerte, die Augen geweitet. Dann bemerkte er, dass Maria ihn ansah. "Was nun?", wisperte sie. Alexander blickte zum Kommandanten, gerade rechtzeitig, zum zu sehen wie der Schreck in seinem Gesicht grimmiger Entschlossenheit wich. "Reitet sie nieder, Soldaten!", brüllte er dann aus voller Kehle. Und fast hundertfünfzig Pferde setzten sich donnernd in Bewegung.


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 8. Jan 2015, 20:09 
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Die Welt bestand nur noch aus Schatten und Rauch. Alexander hatte jedes Zeitgefühl verloren und die Sonne war nur eine blasse, helle Scheibe am vom Rauch verdunkelten Himmel. Von allen Seiten waren die Untoten in ihre Richtung gekommen und bald war aus dem gezielten Niederreiten ein heilloses Durcheinander geworden. Schnell waren sie gezwungen gewesen, auch auf die abgebrannten Felder zu reiten, nah an die noch brennenden Reste von Weizen und Mais heran. Und alles war in beißenden, kratzenden Rauch gehüllt, in dem beißende, kratzende Untote auf einen lauerten. Die fünf Gruppenführer hatten anfangs noch ihre Kriegshörner und Handzeichen benutzt, um ihren Reitern Befehle zu geben, doch im Rauch war dies völlig unmöglich geworden. Vor sich sah Alexander die Schatten zweier Pferde, die fast frontal im vollen Galopp gegeneinander krachten und sterbend in die langsam abkühlende Asche flogen, während ihre Reiter zu Boden gingen und von anderen, flinken Schatten zerfetzt wurden. Alexander bemühte sich darum, seinen Rappen in Bewegung zu halten. Solange sie keine Fehler machten, war es noch verhältnismäßig einfach, Untote nieder zu reiten und er schätzte, dass sie bereits hunderte unter ihren Hufen zu Brei geritten haben mussten. Doch das Getümmel schien kein Ende zu nehmen. Alexander ritt durch die Dunkelheit, mit nichts als der blassen Sonne als Orientierungshilfe. Ein Schatten huschte ihm vor das Pferd und er ritt ihn gnadenlos um, ehe er endlich wieder etwas erkennen konnte, als er ein wenig aus dem dichten Rauch heraus ritt. Die Tore von Schwarzhain standen noch immer einladend offen, während davor die Schlacht tobte. Scharlachrote Soldaten ritten kreuz und quer, begruben Untote unter ihren Hufen oder erschlugen sie mit schnellen Hieben beim Vorbeireiten. Er sah aber auch einige tote Pferde und ihre Reiter, denen die Beweglichkeit und die wilde Wucht des Ansturms nichts geholfen hatte. Monstrositäten konnte man nicht nieder reiten. Spuke konnten jeden noch so geschickten Reiter aus dem Sattel reißen und Alexander hatte bereits damals, vor all den Monaten, an genau der selben Stelle vor den Toren Schwarzhains gesehen, wie Ghule ein Pferd mitten im Galopp ausgeweidet hatten. Die Untoten waren verstreut, aber immer noch zahlreich. Maria und Ian gesellten sich zu ihm, die Angespanntheit und Erschöpfung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Ian linke Wange, die nicht verbunden war, zierte ein langer Kratzer, doch beide lächelten erleichtert, als sie es sich kurz gönnten, ihre geplagten, müden Tiere anzuhalten. "Warum hauen wir nicht einfach ab?", fragte Ian und sah sich um. "Schwarzhain ist verloren. Wir vergeuden hier nur Zeit und Leben." Maria folgte seinem Blick, sah zu den Toren. "Was, wenn da drin noch jemand lebt?" Ian schnaubte und schüttelte den Kopf. "Wohl nur der Verräter. Und der will ja, dass wir da rein reiten und uns in die nächste Falle werfen." Sie setzten sich wieder in Bewegung, Alexander blies in sein Kriegshorn und sah sich nach anderen Reitern aus seiner Gruppe um. Fast zwanzig Stück kamen auch aus dem dichten Rauch zu ihnen, während sich woanders auch die anderen Gruppen neu formierten. Kommandant Reinblut rief sie alle zu sich. Und so sammelte sich der Rest der Eskadron wieder vor den Toren Schwarzhains.

"Befehle, Kommandant?", fragte Alexander und sah zu Reinblut. Alle fünf Gruppenführer waren noch am Leben. Kommandant Reinbluts Gesicht war rußgeschwärzt, doch schien er unversehrt, ebenso wie Gavriel Astarmar, dessen Morgenstern vor klebriger Flüssigkeit nur so tropfte. Hochinquisitorin Vermillions Rüstung war zerkratzt und besudelt, doch war das Blut nicht ihr eigenes, wie Alexander mit einer Spur von Bedauern feststellen musste. Nur Nathaniel Eris hatte eine schwerere Verletzung davon getragen. Scheinbar hatte sich ein Spuk auf ihn gestürzt und ihm von hinten den Schulterpanzer brutal aufgerissen und die Klauen ins darunter liegende Fleisch gebohrt. Der Kommandant sah sich um. Ganz langsam näherten sich die Untoten wieder. Alexander sah eine Monstrosität direkt durch die Flammen eines noch brennenden Feldes stapfen. Das Feuer setzte sie in Brand, schmolz ihr bleiches, totes Fleisch wie das Wachs einer Kerze, doch die Kreatur marschierte unbeeindruckt weiter, ehe die Nähte, die sie zusammenhielten rissen und das Monstrum auseinander fiel und als brennender Haufen Fleisch auf dem Feld liegen blieb. "Schwarzhain ist verloren", erklärte Reinblut schließlich und spuckte auf den aschegrauen Boden. "Jeder weitere Moment des Kämpfens kann uns nur weitere Verluste bescheren. Aber..." Er sprach das letzte Wort deutlich lauter aus und deutete zu den offenen Toren der Stadt. "Der Verräter wird entkommen, wenn wir nun davon reiten. Er wird die Gelegenheit haben, sich weitere Teufeleien auszudenken. Doch das Schlimmste wäre, dass all die Tode, der Fall jener Stadt, für deren Rettung seine Mutter starb, ungesühnt bleiben würden. Und das werden wir nicht zulassen!" Er sah zur Hochinquisitorin. "Vermillion, schnappt euch eine weitere Gruppe und seht zu, dass ihr den Verräter zur Strecke bringt. Rettet, wen ihr noch retten könnt und erlöst, bei wem dies nicht mehr möglich ist." Die Hochinquisitorin nickte. "Wir anderen werden diese Knochenhaufen hier draußen hinhalten und dezimieren, so gut wir können." Nathaniel Eris schüttelte den Kopf. "Wir sollten geschlossen in die Stadt. Desto eher wären wir fertig. Und anschließend ein gemeinsamer Durchbruch gen Westen, nach hause. Aber hier vor den Toren... aufgeteilt... das ist Wahnsinn, was ihr da sagt!" Kommandant Reinblut fixierte den jungen Mann mit der blutenden Schulterwunde. "Wahnsinn?" Er zerrte an den Zügeln und sein Pferd setzte sich in Bewegung, preschte nach vorne. In einer flinken Bewegung drosch der Kommandant dem Gruppenführer den Streithammer gegen den Kopf und schleuderte ihn mit aufgeschlagenem Schädel vom Pferd. "Verräterische, feige Worte", spie der Kommandant verächtlich hervor und ritt achtlos über den Leichnam, während er wendete. "Gemeinsam wären wir in der Stadt eingesperrt. Umzingelt." Er sah wieder zur Hochinquisitorin. "Beeilt Euch, Vermillion. Je eher wir hier fertig sind, desto weniger lassen ihr Leben." Carmen Vermillion nickte ergeben, ehe sich ihre grünen Augen auf Alexander richteten. "Simmons, Ihr und Eure Gruppe kommt mit mir. Ihr habt den Kommandanten gehört. Verlieren wir keine Zeit." Mit diesen Worten galoppierte sie auf die weit offenen Stadttore zu. Alexander warf Ian und Maria Seitenblicke zu, ehe er ihrer Gruppe folgte. Es passte ihm nicht besonders, nun in die Stadt zu müssen. Doch der Kommandant hatte Recht: John von Nordtal durfte nicht entkommen. Und es wäre nur zu schön, selbst das Vergnügen zu haben, ihn in den Nether zu schicken.

Sie hatten die Tore kaum passiert, als ihnen der Atem stockte. Einige Teile der Stadt brannten, die Straßen waren voller Leichen. Auch hier war der Rauch wie ein dauerhafter Schatten über der Szenerie, doch wenigstens konnte man hier noch besser sehen als vor den Toren. Das Dorf war gespenstisch ruhig, sah man vom Knistern der Flammen ab und von den Schreien. Lebende und Untote gleichermaßen brüllten, vor Schmerz, Trauer, Angst und Verzweiflung oder vor schierer, wilder Gier nach Fleisch und Leben. In der Ferne sahen sie einen jungen Mann, der von einem Ghul durch die Straßen gejagt wurde. "Wie gehen wir vor", fragte Alexander und wandte sich zur Hochinquisitorin. "In den Gassen können wir kaum manövrieren", erklärte sie und stieg von ihrem Pferd, "Auch werden wir einige Häuser durchsuchen müssen. Wir haben einen ganzen Zug. Und theoretisch fast fünfhundert Untote innerhalb der Palisade. Das hieße, auf jeden von uns kämen zehn Madenhirne." Alexander sah wieder durch die Straßen. Spuke huschten durch die Gassen, in der Ferne hörten sie Hilferufe. "Nur zehn?", fragte Alexander zynisch und stieg ebenfalls ab. Die Hochinquisitorin sah sich um, ehe sie ihr Schwert ausstreckte. "Wir werden uns aufteilen. Schwarzhain ist in Ringen angeordnet. Eine Gruppe geht nach rechts, die andere nach links. Zuerst wird die äußere Ringstraße durchkämmt, dann, wenn unsere Gruppen sich begegnen, gehen wir immer weiter in Richtung Dorfzentrum." Sie nickte Maria zu. "Mallea. Ihr führt Eure Gruppe nach Rechts." Alexander ahnte schon, was nun folgen würde und bemühte sich, nicht das Gesicht zu verziehen. "Simmons", schnarrte die Hochinquisitorin und fixierte ihn. "Ihr kommt mit mir." Mühsam unterdrückte er einen gequälten Blick oder ein Seufzen. "Also retten wir so viele wie möglich?", fragte Maria noch einmal, doch nun schüttelte die Hochinquisitorin mit dem Kopf. "Nur die Nützlichen, Mallea. Alte und Verwundete kann der Kreuzzug nicht gebrauchen. Zumal wir nicht wissen, was hier geschah. Möglicherweise haftet der Makel der Geißel an jedem von ihnen. Wen wir nicht retten, den erlösen wir. Und nun los!" Schon setzte sie sich mit ihren zwei Dutzend Soldaten in Bewegung. Alexander sah zu Maria, dann zu Ian. Ein Blick genügte. Ian rannte mit Maria in die entgegen gesetzte Richtung und rasch bemühte sich Alexander, die Hochinquisitorin einzuholen. Die Flammen der brennenden Häuser schickten Funken in alle Richtungen und die Luft war heiß wie in einer Schmiede. "Ausschwärmen", brüllte die Hochinquisitorin und rasch teilen sich die zwei Dutzend Soldaten auf und durchsuchten die nahe liegenden Häuser. "Du verstehst, was ich hier mache? Und warum ich es mache?" fragte Vermillion ihn, als sie mit ihm die Tür eines Fachwerkhauses ansteuerte, die Klinge gegen das Schloss drosch und die Tür anschließend auftrat. Alexander folgte ihr in das dunkle Gebäude. "Die Inquisition ist das Herz des Kreuzzugs. Das Seelenheil von Soldat und Zivilist gleichermaßen ist ihre Aufgabe." Er zitierte das dumme Geschwätz aus der Ausbildung, denn ihm war nicht nach Plaudern zumute, auch nicht nach irgendwelchen Lektionen. "Richtig", antwortete die Inquisitorin und schritt mit erhobenem Schwert durch das Gebäude. "Wir müssen alles tun, was notwendig ist, um den Kreuzzug zu beschützen. Auch Dinge, die nicht besonders schön sind. Das machen wir, um sie anderen zu ersparen. Und wenn du eines Tages ein Anführer sein willst, wirst du es genau so machen müssen." Säuerlicher Geruch drang ihnen in die Nase und als sie ins Wohnzimmer des Hauses traten, erkannten sie auch den Ursprung.

Die Frau musste im Sessel eingeschlafen oder qualvoll verendet sein, was davon konnte Alexander nicht mit Gewissheit sagen. Ihr Kleid war besudelt mit dunklem, öligen Blut und Erbrochenem, ihr Mund war verschmiert, die Augen standen noch offen. Fliegen stoben in Wolken von ihr hoch, als Alexander sich näherte. Doch anhand ihres Aussehens, anhand der Maden, die sich auf ihr tummelten, vermutete Alexander, dass sie nicht erst vor Stunden starb, sondern bereits vor Tagen. Er sah zu Hochinquisitorin, die wohl nur auf seine Erkenntnis gewartet hatte. "Der Verräter...war zuerst hier", knurrte sie, "Noch bevor er Herdweiler infiltrierte, gestern Nacht. Eventuelle Reiter, die Hilfe holen sollten, wird er abgefangen haben. Daher vielleicht die vielen Untoten auf dem Weg hierher. Wir... hatten nie eine Chance, dieses Dorf zu retten." Er sah Zorn in ihrem blassen Gesicht, aber zu seiner Verwunderung auch echte Betroffenheit. Sie schüttelte den Kopf, schüttelte dabei wohl auch alles Menschliche ab und schlug der Leiche den Kopf ab, so dass dieser durch das Wohnzimmer kullerte. "Aber wie..." wollte Alexander fragen, doch sie deutete mit der Klinge auf das dreckige Kleid der Leiche. "Etwas, was sie aß oder trank. Der Verräter wird die Brunnen vergiftet haben." Alexander bleckte die Zähne zu einem lautlosen, wütenden Knurren und umklammerte den Griff seines Schwerts, als sei dieser die Kehle des Verräters. Der Kreuzzug hatte die Seuche seit Ewigkeiten studiert, so gut es ging. Eine Heilung gab es nicht. Die Rettung bot nur der Tod. Die Seuche war keine gewöhnliche Krankheit, war etwas magisches, unheiliges. Es hieß, dass einige Untote die Krankheit nur mit ihrem Willen verbreiten konnten. Durch zahlreiche Augenzeugenberichte wusste der Kreuzzug, dass jene, die sich ansteckten spätestens nach drei Tagen starben, nur um kurze Zeit später als Untote aufzuerstehen. Der Anblick der toten Frau weckte Erinnerungen. An eine Untote mit blonden Haaren, die nach seinem Gesicht geschnappt hatte. Alexander merkte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen und blinzelte heftig. Vermutungen besagten, dass die Seuche über eine Art Pilz übertragen wurde, zumindest hieß es, dass es in den östlichen Pestländern gigantische Wälder aus riesigen Pilzen gab, wo die Seuche besonders aufblühte. "Vielleicht gibt es hier jemanden, der nicht befallen ist", hörte Alexander sich sagen, doch seine Stimme klang belegt, monoton. "Jemanden, der die Quarantäne überstehen würde." Er sah, wie die Hochinquisitorin eine Augenbraue hob, ehe sie sich abwandte und die aufgetretene Tür ansteuerte. "Durchsuch den Rest des Hauses." Und Alexander blieb zurück, mit schlimmen Erinnerungen und einem kalten Schauer im Nacken. Rasch durchsuchte er die Zimmer, die an das Wohnzimmer angrenzten, ehe er der Treppe nach oben folgte. Dort gab es nur zwei Türen. Eine führte in das Schlafzimmer der Eltern. Die andere aber... "Herr Paladin, bitte helfen sie uns." Kaum hatte er die Tür aufgetreten, wurde er von drei Kindern umringt. Sechs große, braue Kulleraugen ruhten auf ihn, starrten ihn aus blassen, ängstlichen Gesichtern an. Zwei Mädchen und ein Junge, keiner von ihnen älter als acht. Doch jeder mit ölig verschmiertem Mund. "Wir haben Hunger!" sagte der kleine Junge, wohl fünf Jahre alt. "Und wir haben Bauchweh", fügte das jüngere Mädchen hinzu. Die älteste, mit langen braunen Locken, trat an Alexander heran und griff an seinen Wappenrock, sah zu ihm hoch. "Mutter ist eingeschlafen. Und wir trauen uns nicht nach draußen. Bitte, Herr Paladin, Sir. Helfen sie uns!" Und Alexander merkte, wie ihm Tränen aus den Augen schossen, in wahren Sturmfluten seine dreckigen Wangen hinab liefen. Seine Augen huschten zu den Kindern und sein Mund war trocken geworden. Mit aller Kraft, die er hatte, umklammerte er sein Schwert. "Ich helfe euch", krächzte er leise und hörte, wie sein Herz wieder einmal in Stücke brach.


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 9. Jan 2015, 04:08 
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Als Alexander wieder nach draußen trat, war Wut, Kummer, Erschöpfung und Rachedurst nur einer eisigen Kälte gewichen, die sich seiner bemächtigt hatte. Er sah, wie Soldaten des Kreuzzugs in Häuser stürmten, hörte Schreie und das Geräusch von Stahl, dass in Fleisch drang. Die Hochinquisitorin winkte ihn zu sich, doch er hatte keine Lust auf ihre Belehrungen. Entschlossen schritt er direkt an ihr vorbei, steuerte ein anderes Haus an und trat die Tür auf. Und wie aus einem Wespennest schossen Ghule aus der Dunkelheit der offenen Tür. Alexander wurde angesprungen und zu Boden gerissen, Krallen klammerten sich an seine Rüstung, während die scharfen Zähne der Kreatur nach ihm schnappten. Alexander hatte sein Schwert verloren, als der Ghul ihn zu Boden gerungen hatte, zog aber nun das Jagdmesser seines Vaters und rammte es dem Ghul durch die Augenhöhle ins Hirn, während er ihn von sich runter drückte, damit das verseuchte Blut ihm nicht ins Gesicht tropfte. Er konnte noch sehen, wie Vermillion einem der Biester den Kopf abschlug, doch zwei andere der Soldaten hatten weniger Glück, waren nicht schnell genug gewesen und angesprungen und gebissen worden. Mit halb weggefressenem Gesicht und blutender Kehle blieb nur der Gnadentod durch rasche Schwertstiche. Alexander war sich sicher, dass man Schwarzhain noch einmal ausgiebig durchsuchen und plündern würde, zu viel Nützliches gab es hier noch. Doch heute würde nicht dieser Tag sein. Heute ging es nur um Vergeltung, Bestrafung und ums nackte Überleben. Sie zogen weiter, durchsuchten Haus um Haus und erschlugen jeden Untoten, der sich ihnen in den Weg stellte. Und jeden Überlebenden, an dem bereits die Spuren der Seuche zu sehen waren. Bald war Alexander dazu übergegangen, das bewusste Denken einfach auszusperren, wenn er in ein Haus marschierte. Seine Klinge bewegte sich wie von alleine, durchschnitt untotes Fleisch oder lebendes. Bohrte sich in krankheitsgeschüttelte Körper, die dahinsiechend in Betten lagen. Von John allerdings war nichts zu sehen. Doch es war sicher, dass er irgendwo im Dorf sein musste, immerhin konnte er sich schlecht draußen an den Reitern vorbei schleichen. Der Gedanke allein war es, der Alexander vorwärts trieb. Erneut verlor er jedes Zeitgefühl, doch die Sonne war nicht einmal mehr als blasser Fleck zu sehen. Bald würde die Nacht herein brechen und dann würde diese Stadt wahrlich zu einer Todesfalle werden. "Beeilung!", brüllte die Hochinquisitorin und stürmte voran. Sie erreichten schließlich eine brennende, alte Mühle, wo die Palisade endete und das Ufer des Thondroril begann, an das sich zahlreiche Wassermühlen schmiegten. Da ihnen das Feuer den Weg versperrte, waren sie gezwungen, durch eine Gasse auf einen inneren Ring auszuweichen. Doch stürmten sie genau in eine Horde Zombies, die geistlos durch die Straßen taumelte, sich jedoch sofort gierig auf die Soldaten stürzte. "Zurück, zurück!", rief Vermillion, die die Gasse zwischen den Häusern als Engpass nutzen wollte. Doch einige Soldaten waren zu langsam, wurden zu Boden gerissen und Alexander wurde Zeuge, wie sich Zähne in Gesichter bohrten und Schreie immer schriller wurden, als die armen Männer mit Zähnen und Krallen zerrissen wurden.

In der Gasse stellten sie sich Seite an Seite und stachen und schlugen nach den Köpfen der geistlosen Moderhirne, wichen zurück, wann immer der Ansturm zu viel wurde oder sich die Leichen vor ihnen zu stapeln begannen. Wenn sich eine Klinge im Schädel verhakte, übernahm es die zweite Reihe, die Soldaten vor ihnen zu decken, bis diese ihre Waffen wieder frei hatten. Doch der Ansturm ließ nicht nach, obwohl sie bereits Dutzende Untote erschlagen hatten. Immer weiter wichen sie zurück, bis sie die Gasse hinter sich ließen. Im Flammenschein der brennenden Mühle wirkten die Untoten wie Kreaturen direkt aus der Höhle, mit rot leuchtenden Augen. Doch Alexander war längst über jede Angst erhaben. Sie wichen weiter zurück, gnadenlos verfolgt von den Untoten. Dann gab mit einem lauten Krachen die Wand der Mühle unter den Flammen nach und brennendes Holz und Geröll polterte auf die Straße, begrub so manchen Untoten und versperrte die Gasse. Zahlreiche andere Untote aber gingen ungehindert weiter, selbst jene, die direkt durch das Feuer taumelten und in Flammen aufgingen. Vermillion führte sie zurück, durch eine andere Gasse bogen sie auf einen der inneren Häuserringe, schlossen dann zu der Stelle auf, wo sie in die große Gruppe aus Moderhirnen gerannt waren. "Ausschwärmen", befahl die Hochinquisitorin erneut und vorsichtig wurden die umliegenden Häuser durchsucht. Am Schlimmsten war es, wenn man auf Kinder traf, die verwirrt und verängstigt waren und nicht verstanden, was vor sich ging. Die nicht verstanden, dass sie die Seuche im Leib trugen und sterben mussten, ohnehin sterben würden. Doch Alexander würde ihre Blicke nicht vergessen, würde ihre Schreie nicht vergessen. Schließlich trafen sie auf die Gruppe von Maria und Alexander war erleichtert, sie und Ian wohlauf zu sehen. Auch sie waren dreckig und mitgenommen, hatten einige Soldaten durch einen Haufen Spuke verloren, der ihnen in den engen Gassen aufgelauert hatte. "Wir haben einen älteren Mann verhört", berichtete Maria und schulterte den besudelten Streitkolben. "Ein Mann, auf den Johns Beschreibung zutrifft, kam vor vier Tagen hierher, in einer unserer Rüstungen. Die wird er einem Toten abgenommen haben, möglicherweise einem, der bei uns schon seit Ewigkeiten als verschollen oder gefallen galt. Er behauptete, Teil einer Patrouille zu sein, die aufgerieben wurde. Verletzt war er ja tatsächlich." Sie sah kurz zu Ian, der John am Bach wenigstens ein wenig erwischt hatte, wenn auch leider nicht tödlich. Die Hochinquisitorin nickte anerkennend. "Wir sollten unsere Vorgehensweise ändern", verkündete sie dann. "Das Erlösen der Verdammten soll nicht länger unsere Priorität sein. Ihr werdet die Häuser nahe den Stadttore durchsuchen, Mallea. Schafft so viele nützliche Gegenstände wie nur möglich zu den Pferden. Ihr wisst, wonach ihr zu suchen habt. Rüstungen, Waffen. Wir anderen..." Sie sah zu den Soldaten ihrer Gruppe und ihre grünen Augen schienen zu lodern wie das Fegefeuer selbst. "Wir werden dafür sorgen, dass sich die Feuer ausbreiten. Schwarzhain soll brennen und der Verräter wird seinen eigenen, gigantischen Scheiterhaufen bekommen."

Sie wussten, wie sie vorzugehen hatten. In Tirisfal hatten sie schon als junge Rekruten das Dorf Vandermar im Westen von Brill den Flammen überantwortet. Was man nicht mehr retten konnte, was keinen strategischen Wert hatte, dass musste eben zerstört werden. Vandermar lag in einem Tal, umgeben von den westlichen Bergen. Nur ein schmaler Pass ermöglichte Zugang, doch als damals deutlich wurde, dass die Seuche hier bereits wütete, legte der Kreuzzug Feuer, auf dass das Tal nie eine Hochburg der Geißel werden würde. Wie sich später heraus stellte, half das Feuer wenig und in den Ruinen wimmelte es nun vor Moderhirnen und Ghulen. Ein kleiner Außenposten des Kreuzzugs war später im Tal errichtet worden, doch war dieser nie dauerhaft besetzt, da das Tal nur zu schnell zu einer Todesfalle werden konnte. Nun jedoch versuchten sie, ebenfalls Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Den Untod mit Flammen einzuschränken. Sie durchsuchten Tavernen nach brennbaren Flüssigkeiten, dann wurden ausgewählte Gebäude in Brand gesteckt, beginnend mit denen am Ufer des Thondroril. Inzwischen war es dunkel geworden und nur die Flammen boten Licht. Natürlich stießen sie auch vereinzelt wieder auf Untote, doch nutzten sie stets die zahlreichen Engpässe wie Gassen oder Türen, um auch eine Überzahl von Ghulen und Moderhirnen effektiv auszuschalten. Doch von John war immer noch nichts zu sehen. War er möglicherweise bereits tot? Hatte ein einstürzendes Gebäude ihn unter sich begraben? Alexander ertappte sich dabei, wie er wünschte, doch noch auf den Verräter zu treffen. Ein unbestätigter Tod war kein wirklicher Tod. Doch wie er diesen verschlagenen Bastard einschätzte, war er vielleicht sogar schon über alle Berge. Es würde zu ihm passen. Vermillions Gruppe war gerade dabei, die brennenden Mühlen am Flussufer hinter sich zu lassen und auf ihrem Weg zum Marktplatz in der Dorfmitte weitere Gebäude in Brand zu stecken, als ein Kriegshorn aus dem Süden, aus Richtung der Stadttore zu ihnen drang. "Vielleicht haben die Reiter draußen Probleme", vermutete Alexander, als er neben Vermillion durch die Straßen eilte und auf den Marktplatz bog. Ein Blick gen Süden, zu den Toren, offenbarte scheuende, fliehende Pferde und Marias Gruppe, die gegen zahlreiche Untote direkt bei den Toren kämpfte. Der Großteil dieser Untoten bestand aus Monstrositäten und Alexander sah entsetzt, wie Marias Gruppe zurück gedrängt wurde. "Beeilung!", brüllte Hochinquisitorin Vermillion und rannte auch schon los, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Dann aber bemerkten sie, dass die Untoten es nicht auf die Soldaten abgesehen hatten. Entsetzt sah Alexander zu, wie die Monstrositäten sich abwandten, als seien die Soldaten egal. Sie wandten sich den offenen Toren der Stadt zu und drückten die großen, schweren Holztore langsam aber sicher zu. "Metzelt sie nieder!", kreischte Vermillion und deutlicher Schrecken war heraus zu hören. Und plötzlich drang ein weiteres Geräusch durch den Kampfeslärm. Ein Rauschen, ein lautes Tosen, welches aus allen Richtungen zu kommen schien. Im nächsten Augenblick flatterten zahlreiche Gargylen aus dem rauchverhangenen Nachthimmel hernieder. In ihren Krallen hielten sie Fackeln und große, tönerne Amphoren. Und direkt über dem Dorf ließen sie beides fallen. Direkt auf der Straße zwischen ihnen krachten die Amphoren auf den gepflasterten Boden. Dunkle Flüssigkeit ergoss sich in die Fugen und als die Fackeln in der Flüssigkeit landeten, entzündete diese sich schlagartig und hoch lodernd. Ein wahres Flammenmeer breitete sich auf der Straße aus, schnitt der Gruppe um Hochinquisitorin Vermillion den Weg zu den Toren ab. Und Marias Gruppe die Fluchtmöglichkeit in ihre Richtung.

"Nein!", brüllte Alexander fassungslos und schockiert, als Ian, Maria und die anderen Soldaten hinter einer Flammenwand verschwanden. Die Gargylen warfen weitere Amphoren ab und die Tore und der Wehrgang, der über sie verlief, gingen lichterloh in Flammen auf. Aus dem Feuer schossen brennende Pferde auf sie zu und Hochinquisitorin Vermillion packte Alexander und zerrte ihn rasch in eine Seitengasse. Alexander sah, wie die anderen Soldaten sich beiseite warfen, doch zwei Männer gerieten unter die Hufe der panischen, brennenden Tiere. "Wir müssen hier raus", brüllte ihn die Hochinquisitorin an, dann wandte sie sich an die anderen Soldaten auf der Straße. "Wir müssen über die Palisade klettern. Mit Seilen hinab klettern. Sonst werden wir alle elendig verbrennen!" Sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, als eine Amphore zwischen die Soldaten klatschte und ihren tödlichen Inhalt in alle Richtungen spritzte und exakt eine Schreckenssekunde später landete die Fackel zwischen ihnen und verwandelte ein Dutzend Soldaten in schreiende, lebende Kerzen. Vermillion wich panisch zurück, zog Alexander mit sich. Nur drei andere Soldaten waren den Flammen entkommen. Sie eilten durch die Gasse, während sie viel zu nahe das Zerbersten der Amphoren hörten. Vermillion war panisch, hielt schließlich an einer Häuserecke inne und atmete tief durch. Was allerdings wenig half, denn die Luft stank bestialisch und kratzte im Hals. "Im Osten, am Flussufer brennt alles", überlegte die Hochinquisitorin laut. "Das Tor im Süden ebenso und wir wissen nicht, ob wir noch über den Marktplatz kommen. Wir versuchen, irgendwo im Südosten über die Palisade zu klettern. Los!" Sie eilten weiter durch apokalyptisch roten Rauch, bogen nach Süden, als sich ihnen die Möglichkeit bot. Alexanders Gedanken aber waren bei Ian und Maria. Lebten sie noch? Wenn ja, in welche Richtung waren sie dem Feuer entkommen? Ein Teil von ihm wollte umdrehen und sie suchen, doch er wusste, dass die Hauptstraße zum Marktplatz fast völlig in Flammen stand. Es gab kein Durchkommen in den Westen der Stadt. Und wenn, war es noch eine ganz andere Sache, ob er sie dort fand. Er betete im Stillen zum Licht, dass sie entkommen konnten. Das Bombardement der Gargylen ebbte endlich ab und die Kreaturen flatterten nur noch vereinzelt durch Flammen und Rauch. Vermillion, Alexander und die anderen drei Soldaten rannten die Straße entlang, die geradewegs zur Palisade führte. Dort angekommen stellten sie fest, dass auch dort einige Stellen brannten. "Sucht ein Seil", befahl die Inquisitorin und hastig schwärmten sie aus. Alexander durchsuchte zwei nahe Häuser, fand jedoch nichts außer Untote, die sich auf ihn warfen und seine Klinge schlucken mussten. Dann erschien einer der anderen Soldaten, Jonnar, in der Tür. "Hab eines", sagte er erleichtert und rannte weiter und Alexander folgte ihm. Gemeinsam erklommen sie den Wehrgang, wo der junge Soldat Vermillion stolz das Seil reichte. "Sehr gut", lobte sie ihn. "Verschwinden wir von hier." Sie wollte gerade das Seil auf der Außenseite der Palisade hinab lassen, als ein Kriegshorn durch die Nacht dröhnte, nicht allzu weit entfernt. Alexander sah gen Osten und erblickte eine kleine Gruppe Soldaten in der Nähe der brennenden Mühlen, die sich auf dem Wehrgang ein wildes Gefecht mit Gargylen lieferten. Doch Alexanders Herz machte einen Freudensprung, als er Ian und Maria zwischen ihnen sahen. Maria hatte das Kriegshorn geblasen und hatte den Streitkolben erhoben. "Nichts wie zu ihnen", rief Alexander und setzte sich auch schon in Bewegung, ignorierte vollkommen das empörte: "Simmons!" der Hochinquisitorin.

Sie eilten den Wehrgang entlang, erreichten dann aber eine Passage, die über einem brennenden Schuppen verlief. Sogar der Wehrgang brannte bereits stellenweise, wo die brennbare Flüssigkeit der Amphore an den Balken klebte. Unter den Bodenbrettern sahen sie bereits die Flammen leuchten. "Rasch drüber!", brüllte die Hochinquisitorin noch im Laufen und Alex gehorchte. Doch kaum hatte er die instabile Stelle passiert, knackten unterhalb von ihm die brennenden Balken weg und der Wehrgang hinter ihm brach auseinander. Er sah, wie die Hochinquisitorin kurz Anlauf nahm, losrannte und sprang. In der selben Sekunde rutschte hinter ihr der Wehrgang seitlich nach unten, in die Flammen und nahm die drei Soldaten mit sich. Eine Hand der Inquisitorin hatte Halt gefunden, doch sie baumelte über den Flammen, in der anderen Hand das Seil. "Hilfe", rief Vermillion atemlos und sah nach unten, in die Flammen, die bereits um ihre Füße züngelten. Alexander kniete sich an den Rand des Wehrgangs und streckte eine Hand aus. "Das Seil", brüllte er gegen die prasselnden Flammen an und Vermillion warf ihre Hand hoch und Alexander nahm ihr das Seil ab. Nun packte die Hochinquisitorin auch mit der anderen Hand die Kante des Wehrgangs. Doch das Gewicht ihrer Rüstung machte es ihr unmöglich, sich aus eigener Kraft hoch zu ziehen. Lange würde sie sich nicht mehr halten können. "Hilf mir", flehte sie und sah mit ihren grünen Augen hoch zu ihm. Und es schien, als würde Alexanders Herz aussetzen. Ein maliziöses Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. "Sag bitte!", spie er ihr entgegen und grinste, als ihre Augen sich vor Schreck weiteten. "Bitte!", kam es sofort und sie versuchte vergeblich, sich hoch zu ziehen. Sie war eine starke Frau, doch hier hatte sie keine Chance. Alexander atmete tief durch, ehe er die Hand ausstreckte. Und hastig nach dem Schwertgriff auf Vermillions Rücken griff und die Klinge aus der Scheide heraus zog. Der Anderthalbhänder war ein Meisterwerk der Schmiedekunst, Klinge, Griff und Parierstange mit schwarzen, Dornenrankenartigen Verzierungen geschmückt. Langsam erhob sich Alexander, während die Hochinquisitorin panisch schrie. "Das kannst du nicht machen, Alexander! Bitte!" Sie hatte ihn gefoltert. Sie hatte ihn mit dem Schüreisen bearbeitet, ihn auf diesen merkwürdigen Folterstuhl gesetzt und mit heißem Dampf gequält. Langsam schüttelte Alexander den Kopf. "Du hast mich fast gekocht", knurrte er und holte mit dem Schwert aus. "Und dafür lasse ich dich schmoren!" Mit diesen Worten schwang er die Klinge und schlug der Inquisitorin oberhalb der Panzerhandschuhe durch beide Unterarme. Mit einem gedehnten Schrei fiel Hochinquisitorin Carmen Vermillion ins Feuer und Alexander sah zu, wie ihre roten Haare verbrannten, wie ihre blasse Haut schwarz wurde und aufplatzte. Erst als sich die Hochinquisitorin nicht mehr bewegte und ihre Schreie verstummten wurde Alexander wie aus einem Schlaf gerissen, als er sich der Umgebung wieder bewusst wurde. Hastig wandte er sich um und rannte weiter über den Wehrgang, zu seinen Freunden in der Ferne.

Die Gargylen umflatterten sie, schnappten nach ihnen mit Krallen und Zähnen und Alexander sah, wie ein Soldat empor gehoben wurde. Mit flatternden Schwingen gewann der Gargoyle an Höhe, ehe er den Soldaten los ließ. Er fiel und prallte außerhalb des Dorfes auf den harten Boden, wo er tot und mit verdrehten Gliedern liegen blieb. Maria schwang ihren Streitkolben und Alexander erkannte, wie erschöpft sie sein musste. Dennoch hielt sie die Biester auf Distanz. Ian schwang den rot lackierten Zweihänder und trennte einem der Monster einen Flügel ab. Nur ein halbes Dutzend Soldaten waren übrig geblieben. Als Alexander sie endlich erreicht hatte, warf er das Seil auf den Boden des Wehrgangs. "Hab was mitgebracht", keuchte er, ehe er noch in derselben Bewegung das Schwert mit beiden Händen packte und einen Gargoyle entzwei schlug. Die harte, fast kristalline Haut der Kreaturen retteten sie nicht. "Wo sind die anderen?" fragte Maria ihn und sah an ihm vorbei, als würde sie schauen, ob da noch jemand angelaufen kam. Alexander schüttelte nur den Kopf, ehe er einem weiteren Gargoyle die Klinge in den Rachen rammte, so dass sie aus dem Hinterkopf wieder austrat. Endlich flatterten die Gargylen davon und Alexander schnappte nach Luft. "Ich dachte schon, es wäre aus mit euch", wisperte er und merkte, wie ihm wieder Tränen in die Augen traten. Ian kam zu ihm und umarmte ihn kurz, wobei die Rüstungen aneinander schepperten. Auch sein nicht verbundenes Auge war glasig. Maria schnappte sich das Seil und lies es außerhalb der Palisade herab. "Ihr wollt doch nicht schon gehen", höhnte plötzlich eine Stimme und alle blickten auf. John von Nordtal erklomm die Treppe hoch zum Wehrgang und näherte sich ihnen, zog sein Runenschwert. "Ich habe diese kleine Feier doch nur für euch veranstaltet." Sofort hoben sie alle ihre Waffen, auch die anderen Soldaten. "Sieh zu, dass du das Seil runter lässt und ordentlich fest bindest", knurrte Ian einen der Soldaten an, der auch sofort gehorchte. Weite Teile von Schwarzhain standen lichterloh in Flammen. "Ich hätte ja nicht gedacht, das du noch hier bist", spie Alexander ihm wütend entgegen und drängte sich an Maria vorbei, um John entgegen zu schlendern. Dieser zückte süffisant grinsend mit den Schultern. "Teile und Herrsche. Es war ein wahres Vergnügen, dem Schauspiel hier zuzusehen. Ich bin froh, dass es euch noch nicht erwischt hat. Denn so kann ich es wenigstens zu ende bringen." Alexander löste eine Hand vom Schwertgriff und deutete mit dem Daumen hinter sich. "Denkst du ernsthaft, dass du eine Chance gegen uns alle hast?" Und John nickte, war nun nah genug, dass Alexander das irre Funkeln in seinen bernsteinfarbenen Augen sehen konnte. "In der tat, dass denke ich."

John schnellte nach vorne und schlug locker aus dem Handgelenk nach Alexanders Taille, riss die bläulich leuchtende Runenklinge jedoch nach oben, als Alexander versuchte zu parieren und zu langsam war, um die Finte zu erkennen. Die Klinge schoss nach vorne, bohrte sich durch den linken Schulterpanzer und drang nur Millimeter ins Fleisch, wo die Klinge jedoch ein eisiges Gefühl verursachte, dass beinah seinen Arm gänzlich taub werden ließ. Alexander sprang kurz nach hinten, nur um sofort seinerseits anzugreifen. Er hob die Klinge mit beiden Händen und drosch sie mit aller Kraft nach seinem Kontrahenten, der zwar parierte, jedoch vor Schmerzen das Gesicht verzog. Funkensprühend prallten die Klingen gegeneinander, glitten aneinander, ehe beide wieder auseinander sprangen. Alexander knurrte, ehe ihm etwas einfiel. Erneut griff er an, senkte die Hände auf Hüfthöhe, die Klinge vor sich, mit der Absicht, Johns Schwert beiseite zu drücken. Der Verräter drückte sich gegen die Klinge und versuchte, sie an Alexanders Schwert vorbei gleiten zu lassen, um seinen Bauch zu durchbohren, doch Alexander hatte damit gerechnet. Er schritt zur Seite, löste eine Hand von seinem Schwert und zog eine seiner Pistolen, richtete sie auf Johns Kopf und drückte ab. Doch dieser war schnell. Statt seinem Gehirn flog nur sein linkes Ohrläppchen davon. Er schrie auf vor Schmerzen, warf sich dann aber gegen Alexander, der mit dem Rücken gegen die Palisade krachte und fast über sie gestürzt wäre. Dann aber war Ian an seiner Seite, streckte den Zweihänder aus und trieb John nach hinten. "Ihr verdammtes, feiges Pack", spuckte John Ian entgegen, ehe er sich seitlich drehte, die Klinge mit einer Hand in seine Richtung streckte und die andere hinter seinen Rücken legte. "Du verdammter, wilder Dummkopf", spottete John. "Komm her. Lass mich dich endlich aufspießen!" Ian knurrte nur, ließ seine Klinge beinah hypnotisierend hin und her tänzeln. Er hatte die größere Reichweite. Doch John war schlichtweg schneller und geschickter, dessen war er sich bewusst. Ian wagte schließlich einen Vorstoß, versuchte, seine Klingenspitze in Johns Magen zu rammen. Dieser aber wich aus, schritt auf Ian zu und schlug mit der Klinge nach Ians Unterarmen. Ian warf sich zur Seite, gegen die Palisade und dann direkt gegen John. Seine Schulter krachte hart gegen den Verräter und Ian hielt das Runenschwert mit der eigenen Klinge auf Distanz, rammte John die Stirn ins Gesicht. Der Verräter taumelte nach hinten, fing sich jedoch sofort wieder und trat auf Ian zu, stach nach ihm. Ian riss die Klinge hoch, parierte mühelos, doch John drehte sich, täuschte einen Schlag auf Ians Schulter an, ehe er die Klinge über dem Kopf herum wirbelte und von oben auf Ian hinab sausen ließ.

Ian war schneller, hob die Klinge erneut und parierte. Dann aber schritt John hastig auf ihn zu und trat ihm in den Magen. Zwar schützte die Rüstung gut, dennoch taumelte Ian nach hinten und John folgte, wie ein Raubtier der Beute. Beide schlugen immer wieder aufeinander ein und Alexander sah, dass Ian erschöpft war. Als Ian nach John stach, drehte dieser sich blitzschnell zur Seite, ließ sein Runenschwert an Ians ausgestreckter Klinge entlang gleiten und dabei ließ er den Griff kurz los, fasste ihn verkehrt herum, ehe er eine halbmondförmige Bewegung mit dem Arm beschrieb, bei der die Klinge gen Ians Kopf zuckte. Ian warf sich nach hinten, doch die Klingenspitze schlitzte dennoch den Kopfverband auf. Ian fiel hart auf den Rücken und Maria war sofort bei ihm, während Alexander wieder nach vorne sprang. "Geht es ihm gut?", fragte Alexander, ohne aber den Blick von John zu nehmen. "Ja", hörte er Ian müde knurren. "Es war nur der Verband", fügte Maria hinzu. Alexander atmete erleichtert durch, ehe der Vermillions Bastardschwert mit beiden Händen anhob, gen John stürmte und die Klinge von oben auf ihn drosch. John hob die Runenklinge bereits, um zu parieren, doch dann riss Alexander die Klinge noch in der Bewegung zurück, stach unter der schräg erhobenen Waffe des Verräters hindurch. John sprang nach hinten, hätte die Klinge fast in den Bauch bekommen. Alexander aber setzte nach, ließ die Klinge über dem Kopf kreisen, ehe er auf ein Knie hinab sackte und nach den Beinen des Verräters schlug. Doch John sprang über die Klinge hinweg, ehe er nach Alexander stach. Dieser warf sich erneut zur Seite, gegen die Palisade und riss die Klinge zurück. Sie zuckte über Johns linkes Schienbein. Doch auch John riss die Klinge zur Seite und nur der Mangel an Schwung rettete Alexander das Leben. Seine linke Oberarmschiene wurde gespalten und Alexander spürte die Kälte der unheiligen Waffe in seinem Fleisch. Beide kamen wieder auf die Beine und droschen mit ihren Klingen aufeinander ein, dass die Funken flogen. John versuchte einen Ausfallschritt und einen Hieb nach unten, um Alexanders Hände zu erwischen, doch dieser sprang zurück und wieder nach vorne, schlug seitlich zu, ehe er die Klinge nach vorne zucken ließ, auf Johns Brust zu. Der Verräter warf sich zur Seite, wäre fast vom Wehrgang gestürzt, konterte aber mit einem Hieb gen Alexanders Hals, der sich jedoch rasch duckte und erneut versuchte, eines von Johns Beinen zu erwischen, allerdings vergebens. Sie beide waren verwundet und angeschlagen, Alexander hatte sogar noch den Nachteil einer Rüstung, die ihn bremste. "Ihr werdet mich niemals besiegen", höhnte John, schnappte aber nach Luft. "Schaut euch doch mal um! Wo ist euer geliebtes Licht?" Er lachte boshaft auf und hielt Alexander mit ausgestreckter Klinge auf Distanz. "Die Dunkelheit ist es, die immer gewinnt. Und sie ist weitaus großzügiger als euer verdammtes Licht. Ihr erstes Geschenk ist der alles verbergende Schatten." Er machte eine umfassende Bewegung mit der Hand. "Schatten, der alles verbirgt. Der Hinterhalte und wahre Absichten verschleiert, der Schatten, der einen selbst umschließt wie eine Rüstung. Doch sie verbirgt einen nicht nur vor Anderen. Nein, sie verbirgt die falschen Worte von Narren wie euch auch vor mir. Verbirgt das, was ich nicht sein will!" Alexander unterdrückte ein Grinsen. John redete viel zu gerne. Aber sollte er ruhig. Sollte er ruhig den entscheidenden Fehler machen.

"Das zweite Geschenk der Dunkelheit ist die so tröstende, schöne Illusion. Wie ein sanfter Traum in der Nacht, die Schönheit der Finsternis, die im grellen Licht unmöglich bliebe. Doch der größte Trost ist die Illusion, dass die Dunkelheit nur vorübergehend ist, da doch jede Nacht einen neuen Tag bringt. Doch es ist der Tag, der nur vorübergehend ist! Der Tag... das Licht... ist die Illusion!" Seine Klinge zuckte nach vorne doch Alexander schlug sie zur Seite. "Das dritte Geschenk der Dunkelheit ist das Licht selbst. Denn werden Tage nicht durch die Nächte definiert, die sie trennen? So wie die Sterne am Himmel von der endlosen, allmächtigen Schwärze getrennt werden, durch die sie wandern? Die Dunkelheit umfängt das Licht, umgibt das Licht. Und deshalb kann die Dunkelheit nie besiegt werden. Das Licht... verblasst in der Finsternis wie eine Kerze im Wind." Mit diesen Worten griff er wieder an und Alexander sah das wahnsinnige Funkeln in seinen Augen, wehrte mühsam ab, lenkte Johns Runenschwert zur Seite und rammte ihm das Knie in den Magen. John taumelte nach hinten, zog dabei aber sein Runenschwert über Alexanders rechten Oberschenkel. Die Rüstung wurde aufgeschnitten als sei sie nur aus Blech und Alexander ging zu Boden. John trat ihm gegen den Arm und das Schwert schlitterte in Richtung von Ian und Maria. "Ich werde deinen Schädel spalten und anschließend den deines Bruders. Und dann werde ich deine geliebte Maria schänden, bis sie das Licht verflucht und die Schatten um Gnade anbettelt!" John lachte und hob das Schwert, bereit, Alexander nieder zu strecken. Doch kaum hatte John die Runenklinge hoch über den Kopf erhoben, zog Alexander die verbliebene Pistole und schoss. Die Kugel krachte in Johns Bauch, der sofort nach hinten fiel und vor Erstaunen den Mund öffnete und Alexander fassungslos ansah. "Nein... ich... ich darf nicht sterben!", wisperte er und drückte eine Hand auf die Wunde. Alexander grinste boshaft und zog sich mühsam an der Palisade hoch. "Du hast schlimmeres verdient, du Verräter!" Er humpelte auf ihn zu und trat gegen Johns blutendes Schienbein. John kroch mühsam nach hinten, in einer Hand noch immer die Runenklinge. "Nein, Alexander. So wird es nicht enden! Ich werde dich vernichten, ich habe es dir versprochen." Diesmal hörte Alexander das Flattern des Gargoyles und wusste, was passieren würde. Er wandte sich ab, riss das Schwert hoch und versuchte, der Kreatur einen Flügel abzuschlagen, doch sie flatterte kreischend außer Reichweite. John aber nutzte die Ablenkung, streckte die Runenklinge aus und Alexander konnte gerade noch nach hinten springen. Nun aber packte der Gargoyle John und flatterte davon, wie schon in der Nacht zuvor. Frustriert schrie Alexander auf, während die Kreatur gen Osten flog, mit dem verwundeten Verräter im Schlepptau. Dann aber zuckten Armbrustbolzen in den dunklen Himmel und Alexander sah, wie John und Gargoyle gleichermaßen getroffen wurden. Kreischend ließ die Kreatur John fallen und das letzte, was sie von ihm sahen war, wie er in die tosenden, schwarzen Fluten des Thondroril fiel und in ihnen verschwand. Draußen, vor der Palisade, sammelte sich Kommandant Galvar Reinblut mit den restlichen Reitern. Ein Seitenblick verriet ihm, dass die anderen Soldaten, die noch bei ihnen waren, nun vorsichtig am Seil hinab kletterten. Gavriel Astarmar setzte sein Pferd in Bewegung, ritt näher an das Flussufer heran. "Sollen wir dem Fluss folgen, bis wir eine Leiche finden?", fragte er an den Kommandanten gewandt. Dieser nickte. "Nehmt Euch einige Reiter und sucht den Verräter, bis die Soldaten hier unten bei uns sind. Wenn er nicht verblutet, werden die giftigen Wasser des Darromersees ihm den Rest geben. Es ist vorbei." Das hoffte Alexander inständig. Doch ohne eine Leiche konnte er sich da nie wirklich sicher sein. Ein unbestätigter Tod war kein wirklicher Tod. Müde sah er zu Maria und Ian. Sie würden einfach aufpassen müssen. Teile und Herrsche, hatte John gesagt. Dann würde er eben auf Granit beißen, wenn er sich ihnen je wieder entgegenstellen würde.


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 12. Jan 2015, 01:36 
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- Alexander Veidt, 'Altruist'

Gegenwart

Es hatte endlich wieder geschneit, die halbe Nacht lang. Auch jetzt, am Morgen, fielen noch immer feine Flocken vom grauen Himmel. Ganz langsam stapfte die Gestalt im schwarzen Wollumhang durch das Handelsviertel von Sturmwind, hinaus aus der Stadt und ins Tal der Helden. Der frischgefallene Schnee knarzte unter seinen Stiefeln, als er an den Statuen vorbei schlenderte. Kurz hielt er inne, der Blick wandte sich zur Statue von Turalyon. Er ging näher heran und langsam strichen die Finger im Wollhandschuh den Schnee von der Plakette, um die Inschrift lesen zu können. Ein leises, verächtliches Schnauben drang zwischen seinen Lippen hervor, als er den Namen Uther Lichtbringer las, dem Mann, der die anerkennenden, hohlen Worte auf dem Stück Metall verfasst hatte. Die Worte sprachen von Heldentum, Gerechtigkeit und ewiger Verehrung in den Hallen der Silberhand. Doch wo waren diese Hallen jetzt? Ob der Argentumkreuzzug noch irgendwen außer Tirion Fordring verehrte? Wie viele der Kinder, die am Tag hier vorbei tollten kannten noch den Namen des Mannes? Wussten noch um seine Taten? Es war belanglos. Taten gerieten in Vergessenheit. Namen gerieten in Vergessenheit. Irgendwann geriet alles in Vergessenheit. Er stapfte weiter, eine Hand auf dem Griff seines Schwerts, während das Eis unter ihm bei jedem Schritt leise knirschte und knackte. Er sah zur Statue von Alleria Windläufer und lachte freudlos auf. Die Inschrift auf der Gedenktafel war von ihrer Schwester Sylvanas verfasst worden. Jener Bestie, die Lordaeron seit so vielen Jahren in ihren Klauen hielt. Dass ihr Name hier zu finden war, war nur Beweis der Ignoranz und Falschheit der Menschen. Sie schworen einander Eide, schworen Treue. Und so selten hielten sie ihre Versprechen. Die Statuen von Khadgar, Trollbann und Wildhammer interessierten ihn nicht. Schließlich ließ er auch die äußeren Tore Sturmwinds hinter sich und hielt sich neben der Straße, um den fahrenden Händlern und vorbei trabenden Reitern nicht im Weg zu sein. Er sah, wie Kinder Schlitten fuhren, Schneemänner bauten und sich Schneeballschlachten lieferten und er beneidete und verfluchte sie ob ihrer sorglosen Kindheit. Er selbst hatte nicht so ein Glück gehabt. Ganz langsam schlenderte er weiter, ignorierte den Schnee, der sich auf seinen Schulten sammelte. Der Wind war eisig, doch die dicke, schwarze Wollkleidung hielt die Kälte ausreichend fern. Er genoss den Geruch von Winter, den Hauch von Feuerholz an der frischen, kühlen Luft, während er durch die verschneite Landschaft spazierte und Goldhain ansteuerte. Er hatte es nicht eilig. Er hatte alle Zeit der Welt.

Am Tag war Goldhain ruhig. Sicher wischten sie in ihren Kneipen den Dreck der Nacht weg und all die Säufer und der Abschaum schlief noch seinen Rausch aus, während sich die ersten Huren bereits wieder schön machten, um möglichst oft die Beine spreizen und kassieren zu können. Er bog auf die Straße gen Osten, als er die Stadt hinter sich ließ. Der Kristallsee nördlich der Straße war zugefroren und Erwachsene und Kinder gleichermaßen spielten auf dem Eis. Amüsiert schnaubte er bei der Vorstellung, das Eis könnte brechen, Leute würden ertrinken und nur noch als steif gefrorene, blaue Leichen geborgen werden. Es würde ihnen nur recht geschehen, diesem hochmütigen, ignoranten Pack. In seinen Gedanken versunken stiefelte er weiter, bis die Schreie der Freude und Erheiterung leiser wurden und schließlich nicht mehr zu hören waren. Sein Blick konzentrierte sich auf die fast unberührte Schneedecke, die über Wald und Wiesen lag, während er gemächlich immer wieder einen Fuß vor den anderen setzte. Es war bereits Mittag, als er den Turm von Azora passierte. Mittlerweile schneite es so stark, dass die Spuren auf der Straße rasch wieder verschwanden und nur noch die Zäune eine Orientierungshilfe waren, das einzige Anzeichen von Zivilisation in einer weißen, kalten Welt. Wobei der Begriff Zivilisation wohl etwas hoch gegriffen war. Im Süden lag Brackbrunns Bauernhof ebenfalls unter einer dicken Schneedecke und Erinnerungen schlichen sich in sein Bewusstsein, an einen anderen Bauernhof im Schnee. Erinnerungen an Blut und Kälte und Tod. Er bleckte die Zähne, ob dieser schmerzhaften Erinnerung, dann aber grinste er, schüttelte nur den Kopf und stapfte weiter durch den Schnee. Seine Stiefel sackten immer wieder tief ein und es wurde mühsamer, vorwärts zu kommen. Schließlich erreichte er eine kleine Holzbrücke, die über einen schmalen Fluss führte. Soldaten standen hier Wache, froren sich den Arsch ab und er grüßte sie freundlich lächelnd. "Ehre dem König", sagte er diesen so lächerlichen Satz. Natürlich konnte König Wrynn ein wenig mehr Ehre durchaus vertragen, wenn man an all dem Unsinn dachte, den er so verzapfte. Auf dem Rückweg würde er einen anderen Weg suchen müssen. Langsam stapfte er weiter und bereute ein wenig, sich nicht doch besser zu Pferd aufgemacht zu haben. Die Schneelandschaft war beinah malerisch, doch er konnte nicht verhindern, sich vorzustellen, dass der Schnee heiße Asche war, die vom Himmel rieselte und alles Leben unter sich begrub. Im Norden kam das Holzfällerlager des Osttals in Sichtweite, wo sich aus zahlreichen Schornsteinen dicke Rauchsäulen in den grauen Himmel schraubten. Er hatte in seinem Leben genug Rauch gesehen, doch seine Gedanken wanderten dennoch zurück, zu brennenden Häusern.

Kurz lehnte er sich an einen Zaun, atmete einige Male tief durch und schlug sich mit dem Handballen gegen die Schläfe, als könnte er so die ungewollten Gedanken aus seinem Kopf treiben. Er musste sich konzentrieren, sich zusammen reißen. Alles war genau durchdacht, die Dinge standen so gut wie nie. Es gab keinen besseren Zeitpunkt, zuzuschlagen. Er ging weiter, kämpfte sich durch den Schnee. Schließlich passierte er den alten Wachturm, der sich Kammwacht nannte, der in den Tagen erbaut worden war, wo Orcs aus dem Rotkammgebirge noch eine ständige Gefahr gewesen waren. Endlich hörte es auf zu schneien und die Berge, die den Elwynnwald vom Rotkammgebirge trennten, kamen in Sichtweite. Sein Magen begann zu knurren und immer wieder ballte er die Hände, die trotz Handschuhe kalt waren, zu Fäusten. Die Turmwacht war nun zu sehen, von der aus die Straßen zum Elwynnwald und Dämmerwald gleichermaßen im Auge behalten werden konnten. Auch im Rotkammgebirge lag Schnee, aber nicht einmal hoch genug, um das Glas komplett zu bedecken. Kurz hielt er inne, wischte sich den Schnee von den Schultern, schüttelte seinen nassen Umhang und ging weiter, vorbei am Wachturm und den dort stehenden, frierenden Soldaten. Auch hier würde er auf dem Rückweg einen anderen Weg finden müssen, würde ungesehen bleiben müssen. Doch würde es bald auch schon wieder dunkel werden. Scharfkantige, ungewöhnliche Felsen erhoben sich aus den Hügeln nördlich der Straße und er fragte sich, ob sie natürlichen Ursprung waren. Die Natur hatte schon immer einen merkwürdigen Sinn für Humor gehabt. Er folgte der Straße, die sich schließlich gen Norden bog und anstieg. Als er den Hügel erklommen hatte, lagen Seenhain, der Immerruhsee und die Brücke über eben diesen vor ihm. Der See war nicht gefroren, Kinder spielten am Seeufer und bauten Schneemänner, ihre Bemühungen hinterließen grüne Spuren im Schnee. Er stapfte weiter, überquerte die Brücke und schlenderte am Seeufer entlang, steuerte dann die Taverne an. Noch hatte er die Gelegenheit, zu essen und diese wollte er nutzen. Er bestellte sich ein Schnitzel mit Kartoffeln und Erbsen, trank jedoch nur Tee. Und während er aß, lauschte er dem belanglosen Getratsche der anderen Gäste, langweiliges Gerede für ihr Tagewerk oder über den Angriff der Eisernen Horde. Fast hätte er losgelacht, wie sie sich Sorgen machten. Nein, in diesem Fall hatten sie wohl keinen Grund. Diese eine Sache konnte Wrynn wirklich gut: Alles tun, um das Reich Sturmwind zu beschützen, egal, wer dabei auf der Strecke blieb.

Er hatte sich einen Tisch in der Nähe des prasselnden Kaminfeuers gesucht und die Wärme tat gut. Langsam wich die Kälte aus seinen Knochen. Auf dem Rückweg würde er wieder frieren müssen. Aber das war die Sache wert. Langsam trocknete seine Kleidung auch wieder. Und so sah er zu, wie sein Schnitzel immer kleiner wurde, lauschte den lächerlichen Sorgen, Wünschen und Interessen der Menschen und nippte ab und an am Tee. Er amüsierte sich, als die Schankmaid ihn immer wieder anlächelte, und er spielte mit, versuchte sein bestes. Doch schon nach Minuten, nach wenigen Blicken, langweilte ihn das Weib, wie ihn auch alle anderen Menschen langweilten. Er hatte die Freude an solchen Spielchen vor Ewigkeiten verloren und vermisste es auch nicht. Es war endlich dunkel, als er seine Mahlzeit beendet hatte. Und so bezahlte er und verließ das Gasthaus, spazierte seelenruhig durch die Stadt. Seenhain war nur halb so groß wie Herdweiler, aber dreimal so groß wie Schwarzhain es gewesen war, ehe es vollständig niederbrannte. Zu seinem Glück musste er nicht erst lang suchen, sondern wusste genau, wo er hin musste. Kurz blieb er stehen, betrachtete das Haus vor sich und rieb sich mit den Fingern fast massierend das Gesicht, als müsse er seine Muskeln entspannen, damit sie das kommende Schauspiel mitmachten. Zu selten lächelte er und es würde eine Herausforderung sein, die Absicht in seinem Blick zu unterdrücken. Er durfte einfach nur an die Früchte seiner Pläne denken, an die Freude, die es ihm bereiten würde, endlich zuzuschlagen. Langsam schob er eine hölzerne, quietschende Gartentür beiseite, schlenderte über den Weg zur Haustür. Im Garten war ebenfalls ein Schneemann errichtet worden, mit einer Karotte als Nase, einem Schal um den Kopf und zwei Kohlestücken als Augen. Einen Moment hielt er inne. Sollte er das hier wirklich machen? War es wirklich nötig? Ging es nicht auch anders? Nein, stellte er nach einigen Sekunden fest. Auch ihm war alles genommen worden, was ihm lieb und teuer war und er würde sich nicht zurück halten. Er hatte so lange auf seine Rache hingearbeitet und durfte sich jetzt nicht davon abbringen lassen. Nur kurz sah er auf den Briefkasten neben der Tür, ehe er dreimal kräftig klopfte. Es war das richtige Haus. Auf dem Briefkasten stand der so vertraute, so verhasste Name. Simmons.

Es dauerte einige Sekunden, ehe sich die Tür öffnete und John eine recht hübsche Frau mit langen, braunen Haaren und braunen Augen vor sich hatte. "Ja?", fragte sie und John lächelte sie strahlend an, verneigte sich höflich. "Guten Abend. Julia, richtig? Ich würde gerne zu Alex. Ich bin ein alter Freund von ihm." Das aufgeschlossene, freundliche Gesicht von Julia Simmons wurde schlagartig ernst, dann abweisend. "Wir sind seit vielen Jahren getrennt. Ich befürchte, Ihr seid hier verkehrt." Er seufzte, strich sich mit der rechten Hand durch die langen, schwarzen Haare. "Herrje. Ein gemeinsamer Freund gab mir die Adresse. Hätte ich das nur gewusst. Der ganze Weg umsonst", sagte er resigniert und schüttelte ein wenig den Kopf. "Wisst Ihr, wo ich ihn finden kann? Habt ihr noch Kontakt?" Die Frau schüttelte mit dem Kopf. "Es ist fast fünf Jahre her. Ich habe keine Ahnung und es interessiert mich auch nicht. Was wollen Sie denn von ihm?" John lächelte. "Ich habe ihn so viele Jahre nicht gesehen. Er war mir immer ein guter Freund. Und es ist traurig, wie man sich manchmal so aus den Augen verliert." Nun lächelte sie wieder, eine Spur nachdenklich. Plötzlich hallte hinter ihr ein spitzer, empörter Schrei und ein kleiner, blonder Junge kam plärrend angerannt und klammerte sich an das Bein seiner Mutter. "Mama, die Isi ärgert mich!" John fixierte den Jungen und hob eine Augenbraue, ballte hinterm Rücken die Fäuste, als er diese verdammten, verhassten grauen Augen sah. "Es geht gleich ab ins Bett, Ian", sagte Julia und wuschelte ihrem Jungen durch das Haar, "Sag das deiner Schwester!" Der kleine, blonde Junge nickte eifrig, sah nur kurz zu John, ehe er wieder davon flitzte. John lachte kurz auf, rieb sich den Nacken, während seine Bernsteinaugen dem Jungen folgten, ehe sie wieder zur Mutter huschten. "Ihr habt eure Kinder Isabelle und Ian genannt, richtig?" Julia Simmons lächelte und nickte. "Ja. Wo waren wir stehen geblieben? Ich weiß wirklich nicht, wo Alex heute ist. Möglicherweise ist er noch bei der Stadtwache. Aber ich glaube es nicht. Es gab damals viel Ärger." John nickte langsam. "Ja, ich weiß. Ich habe immerhin all die bösen Geschichten über ihn verbreitet, damals. Ich habe den Mann bezahlt, der sich als ehemaligen Kameraden ausgab und Alexanders Vergangenheit offen legte." Er grinste breit, als sich ihre Augen vor Erstaunen, dann vor Entsetzen weiteten. Hastig schob er einen Stiefel über die Türschwelle.

"Ich hatte gehofft, dass dies zu Spannungen zwischen euch beiden führt, aber ich hätte nie gedacht, dass du gleich die Bälger schnappst und gehst." Er lachte freudlos auf. "Was für eine treulose Tomate du doch bist." Julia versuchte, die Tür zu schließen, doch er streckte einen Arm aus und hielt die Tür fest. "Verschwinden Sie!" rief Julia und kurz sah John sich um. Niemand in der Nähe. Niemand, der mitbekommen würde, was er hier machte. "Alles zu seiner Zeit", sagte er und drückte die Haustür mit Gewalt auf, trat ins Haus und schloss die Tür rasch hinter sich. Julia wich zurück und schrie erschrocken auf, als John sein Schwert zog. Sofort erhellten die blauen Runen den Korridor, tauchten den Flur in ein gespenstisches, blaues Licht kaum das er die Klinge aus der Scheide zog. "Sie sagten, Sie wären ein Freund", stammelte Julia Simmons und John nickte. "Bin ich auch. Ich bin sogar sein bester Freund. Niemand auf dieser Welt kennt ihn besser als ich. Und gerade weil er wie ein Bruder für mich ist, muss ich doch für ihn da sein, oder nicht?" Er schritt durch den Korridor auf sie zu wie ein Wolf auf ein verletztes Reh. Immer wenn sie einen Schritt zurück wich, folgte er ihr, während das Leuchten der Runenklinge grausame Schatten auf sein Gesicht warf. "Was wollen Sie?", fragte Julia flehend und begann zu weinen. "Bitte tun sie uns nichts!" John seufzte gespielt theatralisch. "Du hast Alexander verlassen. Einfach so. Heißt es nicht beim Ehegelübde, dass man in guten wie in schweren Tagen zusammen steht?" Er grinste maliziös, streckte den Schwertarm aus und richtete die Runenklinge auf sie wie ein Ankläger den Zeigefinger auf den Schuldigen. "Bis dass der Tod euch scheidet?" Sein Tonfall war hart und kalt geworden. Panisch wandte sich Julia ab und rannte. Doch John hatte sie schnell eingeholt, griff mit der freien Hand in ihre Haare und zerrte sie nach hinten, auf den Boden. Sie schrie erneut, bettelte um Gnade, um das Leben ihrer Kinder und John kniete sich hin und drückte die Hand auf ihren Mund, um ihr Plärren nicht mehr hören zu müssen. "Wie ich Gejammer hasse", sagte er leise, monoton. "Ja, ich gebe es ja zu: Ich habe gelogen. Ich bin kein Freund von Alexander. Und leider muss ich gestehen, dass das ein kleines Problem verursacht, zwischen mir, dir und deinen so entzückenden Kindern." Tränen quollen wie Bäche aus ihren Augen, der Blick war ängstlich, flehend. John ließ ihren Mund nur kurz los, um ihr ins Gesicht zu schlagen.

Sie schluchzte lautstark doch er hielt ihren Mund wieder zu. "Du musst wissen, ich habe Alexander einst etwas versprochen. Bisher konnte ich es leider nicht einhalten, obwohl ich es über all die Jahre immer wieder versucht habe." Sie legte ihre Hände an seinen Unterarm, doch nicht in einer Geste der Gegenwehr, sondern des Flehens. "Ja, ich habe damals, als ich seine Vergangenheit beim Kreuzzug verbreitete, natürlich maßlos übertrieben. Aber ganz gelogen habe ich nicht: Alexander Simmons ist ein Mörder und ein Monster." Er ließ ihren Mund los, doch sie schrie nicht, wimmerte nur, während ihr Gesicht ganz nass vor Tränen wurde. Zärtlich strich John über ihre feuchten Wangen. "Hat er dir nie gesagt, warum er seine Tochter Isabelle nannte?" Sie schüttelte mit dem Kopf und er lachte hysterisch los. "Natürlich nicht, dieser silberzüngige Teufel. Dieser lichtverfluchte Bastard!" Er schlug der Frau unter sich erneut ins Gesicht, kniete noch immer neben ihr und atmete tief durch. "Isabelle war auch der Name meiner Schwester. Für deren Tod er und seine Lügen verantwortlich waren! Und Ian ist auch der Name seines geliebten kleinen Bruders, den er damals, als er nach Sturmwind kam, noch für tot hielt. Rührend, nicht?" Er presste die Hand wieder auf ihren Mund, aber diesmal war der Griff eisern, als die Wut ihn zu übermannen drohte. "Mama?" John wandte den Blick ab und sah auf. Am Ende des Korridors standen zwei kleine Kinder, nicht älter als fünf Jahre in einer Tür und sahen ängstlich zu ihnen. Ian und Isabelle. John seufzte gedehnt und schüttelte wieder mit dem Kopf. "Im Grunde hat Alexander euer Todesurteil unterschrieben, an dem Tag, als du in sein Leben getreten bist." Nun wehrte sie sich nach Leibeskräften, zappelte und schlug nach ihm. John hielt ihr das Runenschwert an die Kehle und ließ die kalte, leuchtende Klinge über und in ihr Fleisch gleiten, bis das Blut ihm entgegen quoll und auf der eiskalten Klinge dampfte. Er ließ sie sofort los, während sie elendig krepierte, erhob sich und schritt über sie, stapfte auf die Kinder zu. Beide zogen sich in ihr Kinderzimmer zurück, schlossen die Tür, als würde es diese Albtraumgestalt in schwarz, den dunklen Ritter mit der leuchtenden Klinge aufhalten. John trat die Tür auf und die Kinder begannen zu plärren. Doch er empfand kein Bedauern, kein Mitgefühl und keine Gnade. "Nicht weinen", wisperte John beruhigend, grinste jedoch boshaft, als er sich langsam der Ecke näherte, in die sich beide Kinder kauerten und einander umklammerten. "Ihr seid bald wieder bei eurer Mutter. Und euren Vater werdet ihr auch bald wieder sehen." Er lachte höhnisch, als er sein Schwert hob und zuschlug. Ein einziger Hieb genügte.

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Der Tag war schön gewesen und auch wieder nicht. Aber waren das nicht die meisten Tage? Konnte man nicht allem etwas Gutes und etwas Schlechtes abgewinnen, wenn man sich nur genug Mühe gab? Es kam wohl immer auf die Perspektive an und auf die Laune, die man gerade hatte. Bezüglich seiner Laune war Alexander Veidt unentschlossen. War er schlecht gelaunt? Gut gelaunt? Nein, eigentlich ging es ihm gut, wenn auch nicht perfekt. Auch die aktuelle Laune hing vom persönlichen Blickwinkel ab. Wenn er an Alterac und seine baldige Abreise dachte, tat dies seiner Laune nicht gerade gut. Aber er wollte sich da auch nicht hinein steigern. Er war entschlossen, die Nacht durchzumachen, denn nach Schlaf war ihm nicht zumute. Langsam schlenderte er am Ufer des Sturmwindsees entlang, genoss die frische Luft. Heute war es nicht ganz so kalt, der meiste Schnee war im Laufe des gestrigen Tages geschmolzen, zumindest innerhalb der Stadtmauern. Er hatte damit kein Problem. Auf diese Weise musste er vor der Haustür keinen Schnee schaufeln und Schnee würde er bald wieder zur genüge sehen. Bei dem Pavillon hinter der Kathedrale setzte er sich auf die niedrige Mauer, nahm seinen Helm ab und stellte ihn neben sich ab, ehe er eine Zigarette aus seinem Tabakbeutel kramte, sie sich in den Mund schob und mit einem Zündholz ansteckte. Kurz sah er über die Schulter, zu den steinernen Bänken und dem Holzpavillon, an dem sich Weinranken hoch schlängelten. Einst hatte er auf den hölzernen Treppen dieses Pavillons gestanden. Die Erinnerung hatte ihm einst Kummer bereitet, nun aber lächelte er. Hatte er sich nicht geschworen, nie wieder zu bedauern? Der Vergangenheit nie wieder Macht über sich zu geben? Bedauern half wenig. Änderte im Nachhinein nichts mehr. Und eigentlich war alles, was auch nur Minuten zurück lag, vergangen. Eigentlich gab es also nichts zu bedauern. Nie. Was natürlich nicht bedeutete, dass man nicht manchmal sehr darauf achten sollte, wie man sich benahm und was man sagte. Wenn man etwas erst getan oder gesagt hatte, war es meistens zu spät. Kurz lachte er auf und schüttelte den Kopf, während er den Rauch der Zigarette gemeinsam mit seinem kondensierten Atem als helle, zerfasernde Wolke gen See pustete. Die Grabrede auf Grauwinds Beerdigung bedauerte er natürlich nicht. Tatsächlich hatte er sich sogar noch zusammengerissen und sich gerade noch zurück gehalten, als er die Blicke von Sergei und Everard gesehen hatte. Aber es war schon erheiternd gewesen, wie sie da standen und so taten, als würden sie tatsächlich um diesen dummen Hund trauern.

Er selbst war felsenfest davon überzeugt, dass eine Kette tatsächlich nur so stark war wie ihr schwächstes Glied. Er hatte es damals oft genug gesehen und beim Dämmersturm ebenso. Immerhin hatte er dank der Unfähigkeit anderer Leute eine Narbe auf der Stirn, eine ständige Erinnerung daran, was passierte, wenn man nicht aufpasste und nicht jeder sein Bestes gab. Er hoffe, eines Tages die Möglichkeit zu haben, derlei Schwäche aus den Reihen des Bunds zu entfernen. Aber leider, leider war er aktuell zu Patrouillen und Botengänge verurteilt. Im Laufe des Tages würde es für ihn wieder hoch, nach Alterac, gehen. Eben deshalb wollte er nicht schlafen, wollte Sturmwind genießen, so lange es ging. Und auch der Gedanke war zutiefst belustigend. Dass er Sturmwind je mögen oder vermissen würde, hätte er sich nie träumen lassen. Die Stadt war ein Rattennest voller arroganter, ignoranter Menschen. Ein Musterbeispiel an Scheinheiligkeit und Korruption. Und doch war sie am Ende zur Endstation geworden. Wohin sollte er auch sonst? Wohin wollte er auch sonst, nun, da er Menschen in seinem Leben hatte, die ihm etwas bedeuteten? Wahrscheinlich war es auch nur diese Tatsache, die Sturmwind für ihn erträglich machte. Abgesehen davon, dass er sich in Eisenschmiede unter all den laufenden Metern einfach nicht wohl fühlte. Als die Zigarette nur noch ein Stummel war, schnippte Alexander sie in den See, nahm seinen Helm und erhob sich, schlenderte wieder am Ufer entlang und sah zu den Sternen, zur Weißen Dame und dem Blauen Kind am Firmament. Den Helm hielt er in der linken Hand und als er den Friedhof erreicht hatte, sah er sich nach Wachen um, ehe er über die niedrige Mauer stieg und durch die Grabreihen schlenderte, die dem Dämmersturm reserviert waren. Grauwinds Grab war mittlerweile mit Erde gefüllt. Alexander leckte sich über die Zahnreihen, sammelte Speichel im Mund und spuckte auf das Grab. "Soviel zu deinem Schwur, dass du mir eines Tages alle Finger abschneidest, du Mistkerl." Die bei der Beerdigung gesagten Worte waren noch viel zu freundlich gewesen. Gleichzeitig aber sollte er den Tod dieses Vollpfostens wohl auch als Mahnung sehen, selber nie leichtsinnig und dumm zu handeln. Das Leben konnte so schnell vorbei sein. Eine falsche Entscheidung, ein Zögern konnte schon das Ende bedeuten. Und er hatte die Absicht, lange zu leben. So lange, wie nur irgend möglich. Nun, da er Dinge hatte, die er nicht verlieren wollte.

Eben deshalb musste auch er sich vorsehen. Die Sache mit der Lawine hatte ihm gereicht. Noch einmal durfte so etwas nicht passieren. Noch immer träume er manchmal davon, wie er in der Dunkelheit lag und nur noch die Kälte fühlte und auf Rettung oder Tod warten musste. Das damals war einer der dümmsten Dinge gewesen, die er je getan hatte. Wo er wieder beim Thema Bedauern war. Rückblickend konnte er nur aus den Fehlern dieses Abends lernen. Fehler passierten. Aber im Vorfeld sollte man manchmal einfach mehr den Kopf benutzen und denken, anstatt einfach zu handeln und sich in ausweglose Situationen zu bringen. Wäre schade gewesen, wenn die Lawine ihn erledigt hätte. Oder die Bande vergewaltigender Banditen. Wer lange leben wollte, musste vorsichtig oder schlau sein. Ein Zitat eines Bekannten fiel ihm ein: Es gibt einige mutige Söldner und einige alte Söldner. Aber wenige alte und mutige Söldner. Der Spruch war zwar ziemlich verallgemeinernd, doch es stimmte: Wer übermütig und unvorsichtig war, der würde nur selten ein hohes Alter erreichen. Einer Eingebung folgend ging Alexander einige Meter über den Friedhof und schritt durch einen Torbogen, der ihn ins Hafenviertel brachte. Sein Blick wanderte zu den Resten der Kaserne, über die zahlreiche Schiffe, die vor Anker lagen und über die vielen Kanonen, die auf die Küste wiesen. Gigantische Löwenstatuen hockten über den ganzen Hafen verteilt und Alexander schüttelte nur den Kopf, lehnte sich gegen die steinerne Brüstung, auf der sein Bruder und er schon so manche Flasche Whiskey geleert hatten, während sie im Suff Weisheiten ausgetauscht hatten. Und nun lag Ian im Koma. War an dem Abend so schrecklich zugerichtet worden, während er mit Letticia bei Reese ausgiebig gesoffen hatte. Diese Sache bedauerte er. Nicht bei ihm gewesen zu sein. In unterschiedlichen Rotten zu dienen. Doch er hatte Rotglut damals einfach nicht ertragen. Hatte auch seinen Austritt aus dem Bund nie bedauert. Rotglut war respektlos und dämlich gewesen, Grauwind nicht unähnlich. Er hatte Glück gehabt, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Doch hätte Alexander geahnt, wie sich die Dinge entwickeln würden, hätte er sich nicht versetzen lassen. Und nun war der Preis eben, in Alterac zu versauern. Das hatte dieser Mistkerl von Kommandant sich schon gut überlegt. Oder war die Strafe für seine Beteiligung an dieser hässlichen Verrat-Geschichte doch eine andere? Etwas schlimmeres als Alterac konnte er sich allerdings momentan kaum vorstellen. Doch er war sich sicher, dass der Kommandant in dieser Hinsicht genug Vorstellungskraft hatte. Alexander atmete tief durch. Schon wieder waren seine Gedanken in Alterac. Wo der Mensch, der ihn noch am ehesten verstand, ein wilder Barbar war. Mit dem man aber leider keine kultivierte Unterhaltung führen konnte.

Er wandte sich ab, ließ den Hafen hinter sich und schlenderte zurück durch den Torbogen, zurück auf den Friedhof. Dort kletterte er wieder über die niedrige Mauer und schlenderte weiter am Seeufer entlang, ehe ihm aufging, dass er an dieser Stelle irgendwann nicht mehr weiter konnte. Amüsant, wie gut er die Stadt mittlerweile kannte, sogar besser noch als in den Zeiten, wo er noch Stadtwache gewesen war. Seltsam, wie aus etwas verhasstem etwas vertrautes werden konnte. Er legte den Helm nur kurz auf den Boden, um sich die nächste Zigarette anzuzünden, ehe er ihn wieder aufhob und langsam zurück schlenderte. Es war sieben Uhr morgens, verriet ihm das Läuten der Glocken und bald würde es schon wieder hell werden. Alexander betrachtete die Grabreihen, die zur Gruft von Wrynn's toter Frau führten und musste sich fragen, ob in Herdweiler noch immer die alten Namen an der Stadtmauer standen, oder ob Fordring überall Spiegel hatte hinhängen lassen, um in ihnen sein Antlitz bewundern zu können. Alexander schnaubte bei der Vorstellung. Eines Tages wollte er die Stadt wiedersehen, beschloss er. Zwar war das Haus am Sturmwindsee nun sein Zuhause, doch manchmal vermisste er Herdweiler. Nicht den Kreuzzug, aber die alte Heimat. Schon auf der Reise nach Alterac damals, als sie den Darromersee passierten, waren ihm die Tränen gekommen. Er hoffte, eines Tages seiner Tochter Herdweiler zeigen zu können. Es war wichtig, zu wissen, wo man herkam. Aber auch, wo man hin gehörte. Alexander hatte aufgehört, um Lordaeron zu trauern. Das hieß allerdings nicht, dass er sein Land nicht noch immer liebte und vermisste. Doch waren die schmerzlichen Erinnerungen den Schönen gewichen. Es war immer besser, an schönen Erinnerungen fest zuhalten, anstatt an den Schlimmen. Daher auch die zahlreichen Gemälde in seinem Haus. In seinem Herzen sollte Lordaeron immer so schön sein, wie es einst war. Alexander lächelte, während er erneut an der Rückseite der Kathedrale entlang schlenderte. War das Zuhause nicht dort, wo auch das Herz war? In diesem Fall war wohl jedes Beisammensein mit der Handvoll Leute, die er mochte, sein persönliches Stück Heimat. Er würde irgendwann lernen, sich Alterac erträglich zu machen. Halb im Scherz hatte er immer gesagt, er wolle Urlaub in Beutebucht machen, sobald es möglich wäre. Aber im Grunde gab es im Süden auch Dinge, über die man meckern konnte. In Zukunft würde er in Alterac einfach an die unerträgliche Hitze denken, an die Mücken, an den Gestank. Das würde ihm die Kälte vielleicht erträglicher machen.

Als er über den Steg am Sturmwindsee stapfte, hielt er inne und überlegte. Schlafen wollte er noch immer nicht. Er könnte bei Reese frühstücken oder sich Brötchen besorgen, denn sicher machten die ersten Backstuben bald auf. Später am Tag wollte er etwas mit Meritia unternehmen, zumindest hatte sie Silvester gefragt, ob sie vorbei kommen dürfe und natürlich hatte er ja gesagt. Als ob er seiner Tochter irgend etwas abschlagen konnte. Alexander lächelte, als er an Silvester zurück dachte. Er hatte gemeinsam mit Maria, Meri und Vanessa gefeiert. Wobei feiern ein eigenartiger Begriff war. Das Verhältnis zu Maria war noch immer angespannt, doch wenigstens vertrugen sie sich. Wenn das Gesprächsthema eine unschöne Wende nahm, wurden statt bösen Worten nur ernste Blicke gewechselt, allein Meritia zuliebe. Doch die Kleine war nicht dumm, hatte einen wachen Verstand und merkte sich solche Kleinigkeiten. Er musste lächeln, als er daran dachte, wie die Kleine ihn geneckt hatte, weil sie schneller Kartoffeln schälen konnte als er. Möglicherweise sollte er sich einige Kochbücher besorgen, ehe es zurück nach Alterac ging. Dann konnte er an seiner nicht vorhandenen Kochkunst feilen. Das Feuerwerk um Mitternacht war schön gewesen. Zu diesem Zweck waren sie zum Sturmwindsee geschlendert, denn das Feuerwerk wurde von Spezialisten gezündet, damit das Brandrisiko möglichst gering war. Es reichte ja schon, dass während des Winterhauchfestes zu oft die Tannenbäume in Flammen aufgingen. Alexander schmunzelte, als er an Meri dachte, die nur verzückt zum Himmel geblickt hatte. Doch später hatte sie ihn auch gefragt, ob er ihre Mutter hasste. Alexander war sich nicht sicher, ob sie seine Antwort geglaubt hatte, obwohl er natürlich ehrlich zu ihr war. Er lehnte sich an die Mauer und sah auf den See hinaus, genoss die Ruhe, die über der Stadt lag. Dann beschloss er, sich Brötchen zu kaufen. Aber vorher würde er die verdammte Rüstung ablegen. Seine Flinten hatte er daheim gelassen, waren sie schließlich nicht notwendig gewesen, bei der Beerdigung. Und danach war er nicht wieder daheim gewesen. Nun aber war er froh, aus der Rüstung raus zu kommen. Er überquerte den Hof vor seinem Haus, dann aber weiteten sich seine Augen, als er bemerkte, dass seine Haustür offen war, nur angelehnt war.

Mit dem leisen Zischeln von Metall auf Metall zog er sein Schwert aus der Scheide und ging langsam näher heran, besah sich die Haustür. Spuren von Gewalteinwirkung sah er keine. Das hatte natürlich wenig zu sagen. Einen Moment lang lauschte er, ob der oder die Einbrecher vielleicht sogar noch zugange waren, doch er konnte nichts hören. Er legte beide Hände fest um den Schwertgriff, ehe er mit der Stiefelspitze langsam die Tür nach hinten aufdrückte und sein Haus betrat. Im Inneren war es dunkel, doch konnte er sehen, dass schwaches Licht die Treppe hinab schien. In der oberen Etage brannte wohl eine Kerze. Doch noch immer hörte er keinen Mucks. War Vanessa zu Besuch und hatte vergessen, die Tür richtig zu zumachen? Unwahrscheinlich. Langsam trat er in die Mitte seines Wohnzimmers. Soweit er es durch das schwache Licht der Laterne draußen zu sagen vermochte, war alles genau so, wie er es heute Nachmittag zurück gelassen hatte. Auf dem Tisch unter der Treppe lag noch immer sein angefangenes Kinderbuch, "Backen statt hacken". Die Seiten waren unberührt. Auch die wertvolle Gemälde hingen noch an der Wand. Aber selbstverständlich war es auch ziemlich auffällig, des Nachts mit riesigen Bilderrahmen durch die Stadt zu schleichen. Langsam schlich er in Richtung Arbeitstisch und Bücherregal, am Fuße der Treppe, die nach oben führte. Auch hier fehlte nichts, war alles unberührt. Alexander sah nach oben, konnte aber niemanden erkennen. Noch immer war es ruhig. Kurz sah er zur Treppe. Wenn er in voller Rüstung da hinauf schlich, würden die hölzernen Stufen ihn verraten. Selbst wenn er versuchte, am Rand hinauf zu schleichen. Gleichzeitig fiel ihm ein, dass seine Gewehre oben lagen. Ungern wollte er Ladungen aus den eigenen Schrotflinten kassieren, wenn er nun da rauf stiefelte. Er rang mit sich, zu fragen, ob jemand anwesend war. Schließlich löste er eine Hand vom Schwertgriff und nahm seinen Helm ab, stellte ihn auf seinen Schreibtisch. Dann atmete er leise durch. Was erwartete ihn da oben? Bei ihm gab es wenig zu holen und wenn seine Bücher noch da waren, dann gab es eigentlich nur die Gewehre, die er ausgerechnet heute nicht mitgenommen hatte. Schließlich setzte er sich in Bewegung, stellte den ersten Fuß auf die unterste Treppenstufe und schob sich ganz langsam nach oben, Schritt für Schritt, Stufe um Stufe.

Den Rücken drückte er an die Wand, während seine Augen hin- und her huschten, immerhin wollte er keine Schrotladung ins Gesicht bekommen. Bei jeder Treppenstufe, jedem Knarzen des Holzes, klopfte sein Herz umso wilder. Schließlich konnte er anhand des schwachen Flammenscheins ausmachen, dass die Kerze auf dem Fußboden stand. Doch es gab da oben viele Schatten. In der Ecke, in der sein Bett stand, in Vanessas Zimmer, in der Ecke beim kleinen Arbeitstisch. Schließlich hatte er die Treppe erklommen, huschte sofort nach links durch die Tür in das kleine Zimmer von Vanessa. Doch es war leer, ebenso unberührt wie der Rest des Hauses, sah man von der offenen Tür und der brennenden Kerze ab. Alexander drückte sich gegen die Wand, linste dann vorsichtig um die Ecke. Die Kerze stand genau vor seiner Schlafecke auf dem Fußboden, tauchte den Bereich um sein Bett und die Ecke mit dem zweiten, kleinen Tisch in Schatten. Doch er sah auch etwas funkeln, in diesem Schatten. Gleichzeitig ging ihm auf, dass ein Schuss aus der Schrotflinte ausgeblieben war, als er die Treppe hinauf gekommen war. Selbst auf halben Weg wäre er auf der Treppe ein gutes Ziel gewesen, hätte kaum ausweichen können, ohne sich in voller Rüstung die Treppe runter zu werfen. Und selbst dann wäre er angreifbar für einen zweiten Schuss gewesen. Er beschloss, seine vier Schrotflinten in Zukunft weg zu schließen, sorgsam zu verstecken. Schon allein, wenn Meri ihn besuchte. "Wenn hier jemand ist, dann soll er raus kommen", knurrte er in die Dunkelheit. "Ich stehe nicht auf Spielchen." Langsam ging er weiter, bog um den oberen Geländerpfosten der Treppe und schaute hinab auf die kleine Kerze, die eine Lache aus trockenem Wachs auf den Holzdielen hinterlassen hatte. Sie musste bereits seit vielen Stunden brennen, stellte Alexander fast. Und dann fiel sein Blick auf das Funkeln in der Ecke. Und sein Herz blieb stehen, als er auf dem kleinen Tisch drei kalkweiße Köpfe sah, sechs leblose Augen, in denen das Kerzenlicht glänzte. Und ihm stockte der Atem, als er die Personen erkannte. "Dabei fängt das Spielchen doch gerade erst an", drang es plötzlich aus der dunklen Ecke links neben ihm, in der sein Bett stand. Dann schoben sich ihm die Läufe zweier seiner Flinten aus der Dunkelheit entgegen. "Endlich habe ich dich da, wo ich dich haben will." Alexander fuhr entsetzt zurück, gegen das Geländer und wäre fast hinüber und die Treppe hinab gefallen, vor Schreck. Ganz langsam schälte sich John von Nordtal aus dem Schatten hinter einem Bücherregal und in seinen bernsteinfarbenen Augen funkelte Wahnsinn und Kerzenlicht.

"Hallo, Alexander."

Ende
Teil 1


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