Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 9. Nov 2014, 19:16 
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Diese Geschichte enthält Wörter, die für die Augen von Jugendlichen eventuell ungeeignet sind und beinhaltet außerdem explizite Gewaltdarstellung und erotische Inhalte. Sie sollte von niemandem, der zartbesaitet oder prüde ist oder auch nur einen Hauch von gutem Geschmack hat gelesen werden. Allen anderen wünsche ich viel Spaß!


Scharlachrote Rache

Teil 1

Ob finstrer Tag, ob schwarze Nacht
Der Zorn gibt meinem Schwertarm Macht
Verzage nicht, nur weil ich weiß
Der Sieg ist nah und Hass brennt heiß

Aus Hass und Wut so scharlachrot
Gewinn ich Kraft, wenn Unheil droht
Ich kämpf mit flammend Herzen nur
Verzehr den Feind, das ist mein Schwur

Wenn Hoffnung stirbt, die Reihe weicht
Die Wut ein kochend Hoch erreicht
Und wer nun stirbt, der wusste nicht
Der Zorn obsiegt, und nicht das Licht

Ob finstre Nacht, ob schwarzer Tag
Stets macht der brennend Hass mich stark
So schreiten wir zu grimmig Tat
Erzittre, Tod, der Kreuzzug naht

- Alexander Veidt, 'Scharlachroter Zorn'

Die Brücke von Schwarzhain

Das kollektive Stöhnen der Untoten hallte bis in weite Ferne, glich beinah dem Summen eines gigantischen Bienenschwarms, das die Luft selbst in Spannung zu versetzen schien. Kratzend und Schlagend drängten die Untoten gegen die Palisaden des Dorfes Schwarzhain. Eine brodelnde Masse aus entstellten, verwesenden Ungeheuern umwogte die an einem Fluss gelegene Siedlung. Gemeinsam mit dem hohlen, lauten Stöhnen der Untoten und vereinzelten Schreien wogte auch der Geruch der toten, verrottenden Körper heran und in den scharlachroten Soldaten stieg eine schreckliche Vorahnung drohenden Unheils auf.
"Lange halten sie nicht mehr aus", meinte Ian, der eine Meile vor der belagerten Stadt neben Alexander bäuchlings im langen Gras des sanft ansteigenden Hügels lag. "Die Tore werden sehr bald nachgeben." Alexander nickte. "Ich weiß. Aber wir müssen auf Johanna warten." Ein Reiter aus Schwarzhain war am frühen Morgen mit einem Hilfegesuch durch die Tore Herdweilers geritten. Es hatte nicht lange gedauert um abzuwägen, ob sich der Aufwand lohnte, ob es das Risiko wert war, Soldatenleben für einige Zivilisten zu opfern. Denn Schwarzhain mit seinen umliegenden Feldern war ein wichtiger Nahrungsmittellieferant. Eine der letzten, wenigen Bastionen der Lebenden innerhalb eines verseuchten Landes. Das Dorf musste gerettet werden. Johanna von Nordtal, Inquisitorin und Anführerin der Eingreiftruppe, hatte Alexander das Kommando über den Zug gegeben und nach einer kurzen Absprache des Vorgehens mit den restlichen Soldaten aufgebrochen, um eine andere Position einzunehmen.
"Wenn wir noch lange ausharren, wird kein Dorf mehr da sein, das wir retten können", wandte Maria ein, die hinter Alexander im hohen Gras kniete und die Szenerie beim Dorf beobachtete.
"Aber wenn wir angreifen, bevor Johanna mit ihren Soldaten Stellung bezogen hat, sind wir verloren", hielt Alex den beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben entgegen. "Die Gerippe sind zu zahlreich, um sie frontal anzugreifen."

"So etwas wie 'zu viele' Gerippe gibt es gar nicht" knurrte Ian mit einem grimmigen Grinsen und ballte zornig die Fäuste. "Wir haben ewig keine Übergriffe mehr gehabt. Und jetzt haben wir welche direkt vor uns. Also ich sage, wir sollten die Kriegshörner blasen und angreifen. Schwarzhain darf nicht fallen." In seinen grauen Augen funkelte die Kampfeslust und er ließ einen Grashalm im Mund von einen Mundwinkel in den anderen wandern. "Nein", gab Alexander zurück, "Gegen eine solche Schar in offener Feldschlacht anzutreten wäre Selbstmord. Ich hege nicht den Wunsch, vergebens zu sterben und aus Idiotie dann selber irgendwann als Untoter vor Herdweiler zu stehen. Umsonst ist Johanna nicht losgezogen. Hier müssen wir einfach mit Finesse vorgehen." Doch trotz der barschen Worte sehnte sich Alexander danach, mit wehendem Banner, gezückten Klingen und unter dem Klang von Kriegshörnern loszurennen. Aber er wusste, dass es zu gefährlich war, stupide in die Masse aus Untoten zu stürmen. Sein Drang, Untote niederzumachen musste noch ein wenig warten. Hoffentlich war es dann nicht zu spät.
Die sechzig Soldaten aus Herdweiler, die sich hinter dem Kamm der Hügel im Westen verbargen, hatten das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, da die Aufmerksamkeit der Untoten ausschließlich der befestigten Siedlung galt, die vor ihnen lag. Aber das alleine würde nicht ausreichen, um diese Untoten zu besiegen. Selbst mit ihren Pferden hatten sie keine Chance. Denn es waren nicht wenige Untote, die da die Stadt umzingelten. Schwarzhain lang auf einer Reihe niedriger, felsiger Hügel am westlichen Ufer des Thondroril, der hoch im Norden Lordaerons entsprang und durch das Land gen Süden floss, erst in den Darromersee und dann durchs Hügelland ins Meer. So weit im Osten waren sie nie zuvor gewesen, obgleich natürlich die Möglichkeit bestand, eines Tages nach Tyrs Hand versetzt zu werden.

Die Palisaden des Dorfes bestanden aus dicken Baumstämmen, deren Enden angespitzt waren. Vor dem Fall Lordaerons war dies noch nicht so gewesen, hatte Johanna ihnen erklärt, die bereits jeden Winkel Lordaerons bereist hatte, ehe das Land an die Untoten fiel. Aufgrund der Untoten hatte sich das Dorf befestigt. Alle Ecken waren mit Verteidigungstürmen besetzt. Ein Schutzdach aus Brettern schirmte einen Rundgang ab, der um die Befestigungen verlief. Von dort aus schrien die Männer und Frauen von Schwarzhain wilde Flüche und Herausforderungen und feuerten Pfeile und Armbrustbolzen in die Reihen der Untoten, warfen Speere und Steine. Von Stolz erfüllt bemerkte Alexander, wie viele Untote bereits zerstört um das Dorf herum lagen, aber er sah auch, dass der Ansturm der Untoten nichts von seiner Wucht verlor. Die Untoten waren ein geistloser Haufen und kämpften offensichtlich ohne Zusammenhalt und Plan, aber ein einziger Blick überzeugte Alexander davon, dass sie durch ihre bloße Wildheit und zahlenmäßige Überlegenheit problemlos den Sieg davon tragen würden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Tore oder die Palisaden nachgaben und die Untoten wie eine Flut ins Innere des Dorfes schwappen würden. Da waren bucklige Ghule mit spitzen Zähnen und Krallen, Skelettkrieger und Matschhirne - Zombies, Untote, bei denen man manchmal noch zu gut sah, was sie im vergangenen Leben einst gewesen waren. Alexander sah Bauern, Scharlachrote Ritter, in besudelter Rüstung oder gar Edelfrauen mit verwitterten Kleidern. Die Untoten waren im Vorteil. Der Mangel an Verstand nur ein kleiner Nachteil gegenüber der Überzahl und dem Vorteil von Untoten, niemals müde zu werden, niemals hungrig. Sie fühlten keine Angst, keine Schmerzen, keine Zweifel. Im Zentrum der Untoten führte ein großer, untoter Krieger eine große, runenverzierte Klinge. Selbst auf diese Entfernung war deutlich, dass diese Kreatur der Anführer dieser Horde war. Ein Untoter Offizier des Lichkönigs, gerade mit genug Verstand ausgestattet, um Befehle zu befolgen. "Komm schon, Alex", wisperte Ian neben ihm. "Lass uns angreifen!"

"Willst du unbedingt sterben?", warf Maria ein. "Wir müssen warten. Johanna wird uns nicht im Stich lassen. Sie wird alles geben, um dieses Dorf zu retten. Da bin ich mir sehr sicher." Alexander hoffte sehr, dass Maria sich nicht irrte. Er beobachtete die Straße, die vom Stadttor von Schwarzhain zum Fluss führte, dem Ufer folgte und eine Meile weiter südlich über eine stabile Steinbrücke verlief. Dort führte die Straße gen Osten, in Richtung der Östlichen Pestländer. Um Schwarzhain herum gab es zahlreiche Felder, bis zum Waldrand im Westen. Und dort lauerten sie nun, warteten auf den entscheidenden Moment. Alexander schirmte seine Augen mit der Hand gegen die Sonne ab, ignorierte Ians ungeduldiges Schnauben und sah immer wieder zur Brücke, in der Hoffnung, irgendetwas zu entdecken. Aber da kam nichts aus Richtung Osten. Was, wenn Johanna in Schwierigkeiten geraten war? Wenn die Furt im Fluss, über die sie und ihre Männer weit im Norden einen Bogen um Schwarzhain machen wollte, nicht mehr aufzufinden war? Dann würden sie gleich einem Dorf beim Sterben zu sehen. "Der Wille des Lichts geschehe", murmelte Maria und kaute auf ihrer Unterlippe, während die scharlachroten Ritter die Kämpfe weiter beobachteten. Wenn sie nicht bald etwas taten war Schwarzhain verloren. Alexander wandte sein Augenmerk dem Dorf zu. Der untote Krieger mit dem Runenschwert schleuderte die Klinge immer wieder gegen das Stadttor und das Stöhnen der Untoten wurde umso lauter. "Da", rief Ian aus und deutete nach Osten. "Endlich!" Alexanders Herz machte einen Sprung, als er dem Blick seines Bruders folgte und auf der Brücke eine Gestalt sah und ein scharlachrotes Banner, welches im Wind flatterte. Johanna von Nordtal war endlich in Position. Endlich konnte der Angriff beginnen.

"Ich habe es euch doch gesagt", lachte Maria und sprang auf, rannte zu ihrem Pferd, welches gemeinsam mit den anderen Pferden zwischen den Bäumen angebunden war. Auch Alexander erhob sich mit einem wilden Grinsen und setzte Maria nach, Ian war ihm knapp auf dem Fersen. Die Pferde wieherten ungeduldig und die Gesichter der scharlachroten Ritter strahlten über die Aussicht auf eine Schlacht. "Was denkst du, wie viele Wurmstichige das sind?", wollte Ian wissen, der mit dem stoppeligen Kinn gen Dorf nickte. Alexander sah zum Dorf. "Mindestens dreihundert. Vielleicht sogar noch mehr." Ian brummte, zuckte mit den Schultern. "Ich will versuchen, dir auch ein paar übrig zu lassen, kann aber nichts versprechen." Speerspitzen funkelten im Sonnenlicht, Bronzeverzierungen an scharlachroten Rüstungen funkelten wie flüssiges Gold. Weiße Banner mit roter Flamme flatterten im Wind. Im Licht der Nachmittagssonne erinnerte ihn das Flammensymbol auf weißem Hintergrund an Blutflecken, wirkten die Banner wie Leichentücher, die an Speeren flatterten. Mit einem Kloß im Hals schwang er sich in den Sattel und versuchte, die Angst zu unterdrücken und die Wut in sich anzufachen. "Kann's kaum erwarten, bei der Siegesfeier zu sitzen und Ruhe vor diesem verdammten Gaul zu haben." Ian kletterte mürrisch auf sein Pferd. Er hasste das Reiten und genoss es viel mehr, seinen Zweihänder aus nächster Nähe durch untote Körper zu schmettern. Auch Maria schwang sich auf den Rücken ihres Pferdes und Alexander tat es ihr gleich, fasste in die Mähne seines Rappen und schwang sich auf den Rücken des Tieres. Sein Herz schlug heftig und er atmete immer wieder tief durch. Groß war die Freude, dass das Warten nun vorbei war. Die Qual, die es ihm bereitet hatte, die Dorfbewohner leiden und sterben zu sehen, war vorüber. Die Untoten würden dafür büßen. Alexander zog sein Schwert aus der Scheide und reckte es in die Höhe. "Machen wir sie fertig! Für Lordaeron!" Und seine Kameraden fielen in den Schlachtruf ein.
Alexander grub seinem Pferd die Hacken in die Flanken, und das Tier, das ebenso auf den Kampf zu brennen schien wie er, stürmte voran. Maria blies auf dem Kriegshorn ein helles, auf- und abschwellendes Signal. Sein Rappe erklomm die Hügel, dann beugte Alex sich nach vorn, über den Hals des Tieres, als er abwärts donnerte, den Feldweg entlang, durch die Reihen der Felder. In Richtung Dorf und damit auch in Richtung Schlacht.

Er warf einen Blick über die Schulter und sah, dass die anderen ihm in zwei weit auseinander gezogenen, versetzten Linien folgten. Ihre Rüstungen glänzten und ihre roten Umhänge flatterten hinter ihnen her wie die Schwingen mächtiger Drachen aus uralten Erzählungen. Die Hufe ihrer Pferde trommelten auf dem Boden, dass dieser nur so bebte, fast im gleichen Rhythmus wie das wilde Pochen seines Herzens. Immer wieder blies Maria das Kriegshorn, dessen Klang weithin zu hören war. Alexander trieb sein Pferd zu größerer Geschwindigkeit an, die Schlacht kam immer näher. Untote wie Verteidiger gleichermaßen wandten sich um, um zu sehen, was da auf sie zu geprescht kam. Von den Verteidigern stieg Jubel auf, als man die scharlachroten Reiter erkannte, die zu ihrer Rettung herbei galoppiert kamen. Alexander hob drohend das Schwert und die anderen Reiter taten es ihm gleich. Das Keifen der Untoten wurde mit jedem Herzschlag lauter, die Masse aus verfaulten Körpern rückte immer näher und der Gestank brannte in Augen und Nase. Geifernde Mäuler richteten sich auf sie, Rachen voller Fangzähne und hungrige, bösartige Augen. Die Verteidiger von Schwarzhain jedoch schöpften neue Hoffnung und ließen Pfeile und Wurfspeere herabregnen, als die Reiter sich näherten und der untote Ritter vor dem Tor wandte sich den Reitern zu, hob brüllend die Runenklinge. Der Gestank von Tod und Verwesung war so durchdringend, dass die Pferde zu scheuen drohten. Die Augen der Untoten glühten unheimlich, emotionslos. Aus verwesten Gesichtern ragten abgebrochene, faulige Zähne. Gerade als es schien, als müsse die herandonnernde Linie jeden Moment in diese Wand aus Untoten Körpern krachen, zog Alexander mit der freien, linken Hand einen Wurfspeer aus einem Köcher am Sattel und warf diesen mit aller Kraft nach vorne. Der Speer traf, durchschlug einen Untoten und bohrte sich sogar noch in die Brust des Ghuls, der hinter ihm stand. Beide Kreaturen gingen zu Boden. Etliche weitere Speere sausten durch die Luft und zahlreiche Untote fielen. Alexander packte in die Mähne seines Rappen, riss das Pferd hart zur Seite und presste die Knie an die Flanken des Tieres. Schnaubend protestierte der Hengst gegen die unsanfte Behandlung, doch er wandte sich sofort nach links und galoppierte an der Linie der Untoten entlang, weniger als eine Speerlänge von Klauen und Zähnen entfernt. Alex schwang mit der rechten die Klinge und trennte Hände und Köpfe ab. Hinter ihm vernahm er einen lauten Schrei und erblickte Ian, der seinen Zweihänder kurzzeitig nur mit der rechten hielt und sie durch dutzende untote Körper riss. Eine wilde Freude lag auf dem Gesicht seines Bruders. Maria war direkt hinter ihm und ihr Streitkolben drosch immer wieder gegen untote Köpfe und ließ sie wie Melonen aufplatzen. Ein lauter Kampfschrei entkam aus ihrer Kehle und Alex dankte dem Licht dafür, diese beiden an seiner Seite zu wissen.

Noch war die Frontlinie der Untoten wie eine feste Masse aus Klauen und Mäulern, doch Alexander sah, dass sie an den Stellen, wo die Untoten versuchten, die Reiter zu attackieren, bereits zu wanken begann. Neues Hufgedonner kündigte das Eintreffen der zweiten Linie der Reiter an und Alexander sah, wie jeder Reiter eine kleine Armbrust mit gespannter Sehne und schussbereitem Bolzen hob. Ihre wild voran stürmenden Pferde lenkten sie nur mit dem Druck ihrer Schenkel. Dann flogen auch schon dreißig Bolzen auf die Linie der Untoten zu und trafen. Alle drangen in verrottendes Fleisch und obwohl nicht alle Bolzen töteten, war jeder ausgeschaltete Untote ein Fortschritt. Als Alexander einen weiteren, kurzen Speer aus dem Sattelköcher zog, sah er, wie viele der Untoten nicht einmal die Verletzungen zu bemerken schienen und die Bolzen, die ihre Leiber spickten, völlig ignorierten. Auch die zweite Linie der Reiter wandte sich ab und diesmal konnten sich die Untoten nicht mehr zurück halten. Die Masse aus Untoten zerfaserte, als sie ihre Position an der Palisade aufgaben, um gierig die Reiter zu verfolgen. Kiefer schnappten nach ihnen, Krallen griffen hungrig in die Luft, in der freudigen Erwartung, etwas zu fassen zu kriegen. Alexander schrie zornig auf, als einige Reiter nicht schnell genug entkamen, von ihren Pferden gerissen und zerfetzt und verschlungen wurden. Ian hielt sein Pferd neben Alexander an. Sein Bruder hob den Zweihänder und betrachtete den stinkenden Schleim, der von der Klinge tropf. Ians Gesicht war fast ein Spiegelbild seines eigenen, schweißüberstömt, voller nasser, blonder Strähnen und wilde Kampfeslust in den nur minimal unterschiedlichen Augen, die Zähne in wildem Zorn gebleckt. Mit ihrem Streitkolben tauchte Maria neben ihnen auf. "Zeit, diesen Biestern zu zeigen, was wir drauf haben." Alexander sah zur Brücke und rief sich den Plan wieder ins Gedächtnis. Er gab seinem Pferd die Sporen. "Denkt daran, beim Klang zweier Hornstöße reiten wir zur Brücke." Maria lachte. "Meinetwegen brauchst du dir da keine Gedanken zu machen." Ian trieb sein Pferd bereits wieder voran und schwang die Klinge, die dazu geschmiedet worden war, untote Körper zu vernichten.

Alexander und Maria donnerten ihm nach. Die Menge der Untoten, die sie verfolgten, kam näher. Die Reiter des Scharlachroten Kreuzzugs, die sich wieder formiert hatten, ritten ihnen entgegen und griffen mit dem Hass und der Entschlossenheit, für die sie bekannt waren, an. Der Kriegsruf wurde von jedem Reiter aufgenommen, als sie ihre restlichen Speere schleuderten und anschließend Schwerter, Streitkolben und Kriegshämmer zogen. Weitere Untote fielen, wurden durchbohrt und am Boden fest geheftet. "Lordaeron!" rief Maria und alle stimmten ein, wiederholten dieses magische Wort, diese wunderbaren drei Silben, die ihnen Mut und Entschlossenheit verliehen. "Lordaeron! Lordaeron!" Alexanders Herz pochte so stark, als würde es seinen Brustkorb sprengen wollen. "Lordaeron! LOR-DAE-RON! LOR-DAE-RON!" Es war ohrenbetäubend, berauschend. Alexander holte tief Luft und brüllte mit, aus voller Kehle. "LOR-DAE..." Dann trafen die Massen scheppernd aufeinander, wie ein Sturm aus Hass und Rache. Trotz allem Patriotismus war es genau das, wofür sie lebten, wofür sie ausgebildet waren. Das Vernichten der Untoten. Die Reiter krachten in die Reihen der Untoten wie die gewaltige Kraft, die einst die Kontinente auseinander driften ließ. Knochen splitterten, Schädel barsten und Klingen bohrten sich in untotes Fleisch, als die Angriffswelle des Kreuzzugs mit voller Wucht auf die sie verfolgenden Untoten traf. Alexander schwang die Klinge und durchtrennte Hälse und Arme. Nach links und rechts holte er aus und erschlug Untote. Seine Rüstung wurde mit moderndem Blut bespritzt und seine Klinge war dunkel vor fauligen Körperflüssigkeiten. Krallen glitten an seinen Oberschenkeln hinab, doch sein Rappe, den er spöttisch "Uther" genannt hatte, wieherte panisch. "Für die Heimat, für die Lebenden, für den Kreuzzug" brüllte Alexander und trieb sein Pferd weiter in die ungeordnete Masse der Untoten hinein und führte dabei wilde Hiebe mit seiner Klinge. Im Zentrum der Untoten erkannte Alex den untoten Krieger mit der Runenklinge. Sein Körper war in eine schwarze Rüstung gehüllt, die mit leuchtenden Runen versehen war. Auf dem Kopf trug er einen Helm in der Form eines Totenschädels und in den Augenhöhlen funkelte blaues, unheimliches Licht. Anscheinend hatte die Kreatur ihn ebenfalls wahrgenommen, denn sie streckte die freie Hand aus und schwarze, schattenhafte Fäden schossen auf Alexander zu, wickelten sich um seinen Hals und schnürten ihm die Luft ab. Als Alexander versuchte, mit der freien Hand die unwirklichen Schnüre zu lösen, griff er jedoch nur ins Leere. Gegen die bösartige, unheilige Macht dieser Kreatur war er nicht gefeit.

Er konnte nicht nach Hilfe rufen, sein Blickfeld begann, schwarz zu werden und er musste bunte Funken fort blinzeln. Sein Kopf begann zu schmerzen. Dann schob sich ein anderes Pferd vor seines, zwischen ihn und den Untoten Krieger und ein helles Licht scheuchte die Schatten fort. Und sofort bekam er wieder Luft, schnappte gierig nach ihr und atmete keuchend ein und aus. Als sich sein Blickfeld endlich wieder klärte sah er Maria vor sich. Dass sie das Licht benutzen konnte, war eigentlich ein Geheimnis. Sie hatte sich immer als Soldatin gesehen und benutzte das Licht nur, wenn es nicht anders ging. "Danke", krächzte Alex und rieb sich den schmerzenden Hals. Maria warf ihm nur eine Kusshand zu, ehe sie wieder den Streitkolben auf einen Schädel hinab sausen ließ und diesen knackte wie eine Nuss. "Nicht einmal der Tod kann euch vor mir retten", brüllte der Untote in der pechschwarzen Rüstung. Der Druck der Untoten auf die Ritter wurde stärker und gnadenloser. Weitere Ritter wurden von ihren Pferden gezogen und abgeschlachtet, anderswo drückten einige Ghule gar ein Pferd zu Boden und rissen den weichen Bauch des Tieres auf, während das Tier noch panisch wieherte. Alexander wusste, dass ihre Zeit ablief und er riskierte es, einen Teil seiner Aufmerksamkeit von der direkten Bedrohung abzuziehen und nach seinen Kameraden zu sehen. Zu seiner rechten hieb Ian mit dem Zweihänder um sich und zerstückelte mit jedem Schlag gleich mehrere Untote. Links von ihm flatterte Marias weißblondes Haar, während ihr Streitkolben mit ohrenbetäubendem Krachen Köpfe und Knochen zerschmetterte. Alexander wendete sein Pferd, holte kräftig aus und die Schädeldecke eines Ghuls flog davon, doch als die untote Kreatur dennoch weiter nach ihm schnappte, trennte ein hastiger Rückhandschlag dessen restlichen Kopf auch noch ab. Um ihn herum schlugen die scharlachroten Reiter einen blutigen Pfad durch die Masse der Untoten. Doch trotz des Gemetzels, das sie anrichteten, waren die Untoten so zahlreich, dass sie die Verluste nicht einmal zu bemerken schienen.

Immer weiter drängten die Untoten heran und als die Wucht ihres Angriffs abzuebben begann erkannte Alexander, dass die Untoten sich zu einem verheerenden Gegenangriff sammelten. Sie hatten die Palisaden von Schwarzhain im Rücken, was die Manövrierfähigkeit der Reiter einschränkte. Und noch immer waren sie in der Überzahl und begannen, die Reiter einzukreisen. Einer nach dem anderen wurden Reiter von ihren Pferden gerissen oder die Pferde stürzten zu Boden, als ihnen Ghule die Bäuche aufrissen. Es war Zeit, die Flucht anzutreten und die nächste Phase ihres Angriffsplans einzuleiten. "Maria", brüllte Alexander, "Jetzt!"
Aber die Kriegerin mit dem Streitkolben war von einem Knäuel von zischenden Ghulen umzingelt, die mit Zähnen und Klauen nach ihr schnappten. Ihre Rüstung war beschädigt und ihr Pferd war verwundet. Das Geflecht ihres Kettenhemdes hing in langen Fetzen herunter und die Hiebe ihres Streitkolbens wurden zunehmend müder. Tapfer wehrte sie sich, doch mit jedem Untoten, den sie erschlug, stürzten sofort zwei andere heran. "Ian!", schrie Alex und hob die tropfende Klinge. "Ich bin an deiner Seite, Bruder", dröhnte Ian zurück und trieb sein Pferd näher heran, während seine Klinge blutige Ernte unter den Untoten hielt. Gemeinsam drangen Alex und Ian auf die Kreaturen ein, die ihre Mitstreiterin angriffen und bahnten sich mit ihren Klingen einen blutigen Pfad durch die Masse der Untoten. Ian war es, der mit seinem Pferd direkt in die Meute ritt. Er ließ sein Pferd sich aufbäumen und die Hufe traten mehrere Untote zu Boden und zermalmten sie am Boden zu ekelhaftem Brei. Alexander brachte sein Pferd direkt neben das von Maria. "Spring auf", rief er und Maria gehorchte. Zu verwundet war ihr Pferd, um noch aus der Meute zu entkommen. Sie setzte sich hinter Alexander, schlag einen Arm um ihn. "Blas das Horn, Maria", rief Alex gegen den Schlachtenlärm an. "Jetzt und hier, vor all den Leuten?" scherzte Maria und zwinkerte, hängte den Streitkolben aber an ihren Gürtel und hob das gebogene Widderhorn an die Lippen und stieß zweimal durchdringend hinein. "Warum so eilig?" brüllte Ian nur und durchbohrte mit seiner Klinge die Brust eines Untoten. "Ich fing gerade an, mich zu amüsieren."

"Kommt", brüllte Alexander. "Über die Brücke. Bringen wir die Sache zu Ende." Kaum war das Kriegshorn verklungen, hatten die Scharlachroten Reiter bereits ihre Pferde gewendet, drängten mit wilden Schwerthieben aus der Masse der Untoten und ritten gen Süden. "Reitet was ihr könnt", brüllte Alexander. Seine Kameraden hätten der Ermutigung nicht bedurft. Sie beugten sich tief über die Hälse ihrer Pferde, während die Untoten nur wild zischten und kreischten. Kurz hielt Alexander inne, zählte die Anzahl ihrer Gefallenen. Einen Moment fiel sein Blick auf den untoten Ritter, der nur höhnisch das Runenschwert in den Himmel streckte. Der Boden vor den Toren Schwarzhains war voller Leichen, jämmerlich wiehernder Pferde und zersplitterten Waffen. Verwundete Pferde und Reiter gleichermaßen schrien, während sie von Zähnen und Klauen gleichermaßen in Fetzen gerissen wurden. "Wir zahlen es ihnen heim", wisperte Maria in sein Ohr. Die Untoten sammelten sich bereits, um die Verfolgung aufzunehmen. Gruppen aus Ghulen sprangen ihnen bereits hinterher, während die wandelnden Leichen allerdings wesentlich langsamer waren. "So viele Gefallene", wisperte Alexander betrübt. "Wenn wir nicht weiter reiten, sind es noch zwei mehr", rief Maria um das Kreischen der nahenden Ghule zu übertönen. Alexander nickte und ritt weiterm während er aber auch die Verzweifelten Rufe der Bewohner von Schwarzhain hörte, die jede Hoffnung auf Rettung nun davon reiten sahen. "Verzaget nicht, Lebende von Lordaeron", murmelte Alexander. "Solange noch ein Funken Leben in mir ist, kämpfe ich für euch." Mit wildem Hufgetrappel holte er die anderen Reiter ein und preschte weiter auf die Brücke zu.


Zuletzt geändert von Veidt am 11. Jan 2015, 14:17, insgesamt 3-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 9. Nov 2014, 22:05 
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Tief im Schatten der Bäume verborgen, die am Ufer rechts und links auf der Ostseite der Brücke wuchsen, beobachtete Johanna von Nordtal in einer Mischung aus Aufregung und Trauer die abziehenden Reiter. Zu viele Pferde galoppierten ohne ihre Reiter auf ihre Position zu und sie spürte einen scharfen Schmerz im Herzen. Sie erkannte viele der Tiere, wusste wer ihre Reiter gewesen waren und hatte mit so manchem Jahrelang Seite an Seite gekämpft. "Haltet euch bereit", brüllte sie, "Und möge das Licht eure Waffen führen!" Neben ihr standen fünfundzwanzig Krieger in schweren, schwarzen Rüstungen mit roten Verzierungen. Kettengewebe und Panzerplatten, jedoch nicht glänzend, sondern matt. Sie trugen Speere mit dicken Schäften, langen Spitzen und jeder von ihnen hatte außerdem zwei Bastardschwerter in einem Kreuzgehänge auf dem Rücken. Dies waren einige der mutigsten, besten Männer des scharlachroten Kreuzzugs. Krieger, denen die bloße Idee von Feigheit oder Rückzug ebenso unbegreiflich war wie für einen Untoten die Vorstellung von Mitleid oder Reue. Weitere fünfundzwanzig von ihnen verbargen sich in den Bäumen auf der anderen Seite der Straße. Insgesamt fünfzig Elitekämpfer, die von ihrer Anführerin ganz besondere Befehle erhalten hatten. Johanna schmunzelte, als sie an das Streitgespräch mit Alexander Simmons dachte, nachdem sie ihm ihren Plan bezüglich des Angriffs auf die Untoten erläutert hatte. "Ich verlasse mich auf dich, Alexander", hatte Johanna ihm erklärt, "Halte dich an den Plan. Nur so halten wir die Verluste möglichst gering. Nur so hat Schwarzhain eine Chance." Sie hatte Alex beiseite genommen, bevor sie und ihre Soldaten sich auf den Weg zum Ostufer gemacht hatten. "Meine Soldaten und ich halten die Untoten auf der Brücke auf, bis ihr euch neu formieren könnt." Alexander hatte genickt, doch in seinen blaugrauen Augen stand der Trotz. "Ich verstehe den Plan. Ich kapiere, was du von uns anderen erwartest. Aber warum kann ich nicht die Brücke verteidigen? Du bist ranghöher, älter und wichtiger..." Doch Johanna hatte ihn nur mit einem Kopfschütteln unterbrochen. "Alter macht einen nicht zwangsläufig wichtiger, mein Junge. Es geht nicht um mich. Mir ist der Tod völlig egal. Im Tod bin ich mit dem Licht vereint. Im Tod ist dieser Albtraum endlich vorbei. Es geht schlicht und einfach darum, dass ihr jungen Soldaten wichtiger seid. Ihr seid die Zukunft. Ihr seid das Erbe Lordaerons. Ich bin fünfzig Jahre alt. Ich merke bereits die Last des Alters. Wenn ich mich also für euch Jungspunde opfern kann, dann wäre das eine Freude für mich. Wenn ich dabei noch ein Dorf rette und einige Untote erschlage, umso besser. Und jetzt mache ich mich auf den Weg. Halte dich an den Plan, mach keine Dummheiten. Es steht zu viel auf dem Spiel."

Alexander hatte ihre entschlossene Miene gesehen und keine weiteren Widerworte von sich gegeben. "Dann möge das Licht mit dir sein, Johanna", hatte er leise geflüstert und die alternde Kriegerin mit den bernsteinfarbenen Augen und den silbernen Haaren hatte gelächelt. "Das ist es. Immer", war ihre Antwort gewesen. "Wir machen uns nun auf den Weg. Warte, bis du uns bei der Brücke siehst. Reite mit Zorn, mit Rechtschaffenheit und Licht in deinem Herzen und erschlage so viele, wie du kannst." Alexander hatte, als sie sich auf den Weg gemacht hatten, sein Schwert zum Abschiedsgruß erhoben und sich anschließend in den Hügeln westlich des Dorfes auf die Lauer gelegt. Johanna schaute den Männern, die unter ihrem Kommando standen, ins Gesicht und sah dort Anspannung, Zorn und Vorfreude angesichts des Kampfes, der ihnen bevorstand. Einige küssten Schwertklingen und Hammerköpfe, andere beteten leise. Es gab keine Scherze, keine Wortgefechte oder lächerliche Prahlereien, wie man sie von Kriegern, die in eine Schlacht zogen, vielleicht erwartet hätte. Johanna lächelte stolz, da jeder Einzelne um die Bedeutung der Aufgabe wusste, die sie übernahmen. In Gruppen von dreien oder vieren ritten die scharlachroten Reiter auf ihrem Rückzug gen Süden auf die Brücke zu. Nach der erbitterten Schlacht vor den Toren von Schwarzhain waren sie versprengt und erschöpft. Ihre Speere hatten sie verbraucht, ihre Klingen waren besudelt und schartig. Ihre Kettenrüstungen waren zerrissen und einige bluteten aus mehreren Wunden, aber sie waren ungebrochen und in ihren brannte die Seele des Landes. Johanna spürte diese Verbindung wie ein leises Summen, das nichts mit den donnernden Hufen der näher kommenden Reiter zu tun hatte. Es war eine Verbindung, die sogar noch tiefer ging als ihre Verbindung mit dem Licht. Die Liebe zur Heimat, die nur vom Muttergefühl übertroffen wurde. Sie atmete tief durch, konzentrierte sich in diesen letzten Augenblicken, die ihr vor dem Kampf noch blieben, auf das Band zwischen diesem Land und den Menschen, die für seine Rettung kämpften. Sie alle hatten so viel verloren, doch die Liebe zu ihrer Heimat hielt sie ebenso zusammen wie der Hass auf die Untoten, die es verwüsteten. Sie hatten nicht mehr viel zu verlieren, doch die Kreaturen, die ihnen auch den letzten Rest Heimat rauben wollten, würden die volle Wucht ihres Zorn zu spüren bekommen, in seiner ganzen, flammenden Intensität.

Das Hufgetrappel wurde lauter, und Johanna riss sich aus ihren Gedanken, blickte auf und sah, dass die ersten Reiter über die Steinbrücke, die sich über den Thondroril spannte, donnerten. Das Bauwerk war uralt und noch von den Gründervätern des Reiches errichtet worden. Einige der Steine waren locker oder gar bereits in den Fluss gefallen, dennoch ruhte die Brücke mächtig und unnachgiebig auf ihren steinernen Pfeilern, deren schmückende Ornamente der Lauf der Jahrhunderte glatt geschliffen hatte. Reiter überquerten die Brücke und hatten es eilig, die frischen Waffen zu erreichen, die Johanna und ihre Soldaten auf einer Lichtung weiter östlich bereitgelegt hatten. Etliche waren es, die auf ihren Pferden, deren Flanken vor Blut und Schweiß trieften, an ihnen vorbei ritten.
"Wer hätte gedacht, dass Ian das Schlachtfeld verlassen würde, ohne fort gezerrt werden zu müssen", rief Johanna, als sie Alexander, Maria und Ian erblickte, die die Nachhut der galoppierenden Reiter bildeten. "Wäre ich da geblieben, stünde ich nun auf einem Berg Moderhirne und die Schlacht wäre vorbei", scherzte Ian und ritt weiter. Alexander ritt einen Moment langsamer und sie erkannte, dass ihm Worte auf der Zunge lagen. Sein Blick war traurig. Johanna quittierte den Blick des jungen Kriegers mit einem Grinsen, ehe sie den Kriegshammer hob und den Griff mit beiden Händen packte. Dann stellte sie sich hinter Alexanders Rappen auf die Straße zu sah zu den Untoten, welche die Reiter unerbittlich und zielstrebig verfolgten. In den von den Berittenen aufgewirbelten Staubwolken wirkten die dürren, ausgemergelten Leiber der Untoten wie wandelnde Vogelscheuchen. Nur die glühenden Augen der Untoten, das Zeichen der unheiligen Magie, die ihnen Bewegung verlieh, waren deutlich zu erkennen. Trotz der Verwesung und der Schäden, die ihre Leiber davon getragen hatten, legten besonders die Ghule ein beeindruckendes Tempo vor und Johanna wusste, dass nun die Zeit gekommen war, ihre Pflicht gegenüber der Heimat, dem Kreuzzug und dem Licht zu erfüllen. Sie hob den Kriegshammer, dessen Hammerkopf ein stilisierter Adlerkopf war, wobei der Schnabel als Schlagdorn diente. Kurz küsste sie die Waffe, reckte sie dann gen Himmel. "Wir marschieren, Soldaten", brüllte sie und führte ihre fünfzig Soldaten zur Brücke.


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 10. Nov 2014, 01:25 
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Tragen abends den Kampf an der Brücke aus
Voller Angst zittern sie
Wollen nur, möglichst bald, aus dem Albtraum raus
Brüllen nun, voller Leid, ihren Schmerz hinaus
Stundenlang, fechten sie, voll vergossnem’ Blut
Qualen stark wie noch nie
Jener Trupp, stürmt voran, durch die flammend Glut
Körper taub, durch den Schmerz und die pure Wut

Für wen die Stund' schlägt
Die Zeit verrinnt rasch
Für wen die Stund' schlägt

Noch nicht tot, schauen sie, hoch zum Abendrot
Sicher zum letzten Mal
Durch den Wald, ein Schrei hallt, laut aus höchster Not
Es ist klar, ihnen allen, dass der Tod nun droht.
Stahl auf Stahl, Schwert in Fleisch, Blut den Boden tränkt
Unerträglich, die Qual
Jener Trupp, seinem Feind, keinen Meter schenkt
Ob nun Sieg, oder Tod, ihrer wird gedenkt.

Für wen die Stund' schlägt
Die Zeit verrinnt rasch
Für wen die Stund' schlägt

- Alexander Veidt, Wem die Stunde schlägt

Licht gegen Schatten

Alexander schnappte nach Luft, als er sein Pferd mit einem festen Zerren an den Zügeln zum Halten brachte und das Waffenlager aus Speeren und Schwertern umkreiste, welches Johanna auf der Straße östlich der Brücke zurückgelassen hatte. Die Waffen waren so auf dem Boden angeordnet worden, dass die Reiter sich, wenn sie sie aufnahmen, ganz von selbst zu einem auf die Brücke gerichteten Keil formieren mussten. Alexander wusste sofort, dass sich hinter diesem klugen Schachzug Johannas jahrelange Erfahrung verbarg. Sie war Mitglied der Silberhand gewesen, hatte sich jedoch immer geweigert, sich wie so viele Kleriker des Kreuzzugs in dunklen Kerkern zu verkriechen. Immer war sie an der Front gewesen. Immer in der ersten Reihe. Diese Frau hasste die Ruhe und die Freizeit. Die langweiligen Patrouillieren der letzten Wochen waren ihr genau so zuwider gewesen wie Ian. Das konnten kluge Beobachter sehen. Doch immer hielt sie ihr Glaube und ihre Geduld davon ab, sich zu beklagen. Johanna von Nordtal war eine unglaublich starke Frau und sie war ein Gegenpol zu den harten Ausbildern gewesen. Das machte es umso schlimmer, dass sie nun genau dort stand, wo Leute wie er stehen sollten. Johanna's Verlust würde schwer zu verkraften sein, auch wenn sie selber es anders sah. Aber er würde sie nicht einfach so sterben lassen. Es galt, alles aus sich heraus zu holen und sein Bestes zu geben, egal wie müde er auch war und wie erschöpft die Kraftreserven. "Macht schnell", schrie er und nachdem Maria vom Pferd sprang, um sich eines der reiterlosen Tiere zu schnappen, glitt auch er vom Rücken seines Rappens. Ian, dessen Arme blutüberströmt waren, war bei ihm und reichte ihm einen Wasserschlauch. Alex trank in tiefen Zügen und kippte sich den Rest über den Kopf. Da hörte er hinter sich schon das Kreischen von angreifenden Ghulen und das Geräusch von Waffen, die in Fleisch drangen. Alex wischte sich über das tropfnasse Gesicht und nahm sich eine saubere, neue Klinge und stieg wieder auf das Pferd, um den wütenden Kampf, der auf der Brücke tobte, besser verfolgen zu können.

Speerspitzen blitzten in der Sonne und vage sah Alexander die silbernen Haare von Johanna ganz vorne im Schlachtgetümmel. Das wilde Kreischen der Ghule vermischte sich mit gebrüllten Flüchen, wüsten Beleidigungen und heiligen Psalmen, in denen das Licht gepriesen wurde. Die Speerträger schlugen sich mit eiserner Entschlossenheit und die meisten Untoten waren stupide genug, sich im Ansturm direkt selbst aufzuspießen, doch Alexander konnte auch erkennen, dass die Reihen der Elitekämpfer unter der entsetzlichen Wucht der Untoten bereits zu wanken begann. "Holt euch frische Speere und Schwerter und sitzt wieder auf", trieb Alexander seine Kameraden heftig an. "Johanna erkauft uns Zeit und die sollten wir nicht vergeuden." Seine Worte waren unnötig, denn die anderen Reiter warfen eilig ihre schartigen, alten Klingen fort und bewaffneten sich mit neuen Schwertern, füllten die Köcher am Sattel wieder mit neuen Wurfspeeren. Alle wussten, dass ihre Kameraden auf der Brücke ihnen jede Sekunde mit ihrem Leben erkauften und vergeudeten keinen Herzschlag mit müßigem Geplauder. Man brüllte immer wieder Begriffe wie "Kreuzzug", "Lordaeron" und "Licht". Für sie alle war jeder erschlagene Untote ein Beweis der Treue und Entschlossenheit. Alexander beneidete Kämpfer wie Johanna oder Maria um ihre Fähigkeit, dass Licht herbei zu rufen und zu benutzen. Er selber vermochte dies nicht, allerdings sah er sich auch als ein Mann der Vernunft, des Rationalen. Er hatte das Licht gesehen, wusste also, dass es existierte. Aber wie konnte er wirklich an etwas glauben, was derartiges Unheil auf der Welt geschehen ließ? Hohle Phrasen wie "Alles ist das Wille des Lichts" waren ihm zutiefst zuwider. "Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, dass alles am Ende gut wird und einen Sinn hat". Ja klar. Alexander wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Ian sein Pferd rechts neben ihm zum Stehen brachte und ihm auf die Schulter schlug. Links von sich tauchte Maria auf ihrem neuen Pferd auf und Alexander nickte beiden zu, schaute dann wieder zur Brücke. "Wie steht es um Johanna?", erkundigte er sich.
"Sie hält weiter stand", gab Maria zurück und wischte den Kopf ihres Streitkolbens mit einem feuchten Lederlappen ab. "Wie lange noch?" fragte Ian.

Alexander mahlte mit dem Kiefer und schaute grimmig nach vorne. "Nicht mehr lange. Sie müssen bald zum Rückzug blasen."
Ian schnaubte auf. "Rückzug?", fragte er mit zweifelndem Tonfall, "Johanna und ihre Soldaten werden sich nicht zurückziehen. Sie tragen das Schwarz und Rot. Sie werden kämpfen bis sie sterben."
"Sie müssen einfach", entgegnete Alexander, obwohl er die Wahrheit bereits kannte, "Sonst sind sie alle verloren." Die Untoten drangen unerbittlich auf sie ein, und obwohl der Engpass der Brücke den Soldaten einen Vorteil verschaffte, drängten sich die Untoten bereits auf die Brücke, welche die Angriffe auf die Soldaten konzentrierte wie eine Art Trichter. Irgendwann würde die Blockade unter all dem Druck nachgeben. Maria streckte eine Hand aus und fasste Alex an den Oberarm. "Sie werden sich nicht zurückziehen", wiederholte sie Ians Worte, "Das haben sie vorher gewusst, ebenso gut wie du. Entehre ihre Taten nicht, indem du jetzt anders redest."
Ian knurrte, zerrte an seinen Zügeln und sein Pferd tänzelte ungeduldig auf der Stelle, als teile es den Willen seines Reiters, so rasch wie möglich wieder gen Schlacht zu stürmen. Alexander sah zu Maria und erkannte in ihren blauen Augen das Wissen darum, was Johanna und er besprochen hatten, und zwar in vollem Bewusstsein dessen, was die Folge sein könnte, oder gar garantiert sein würde. Maria hatte immer schon in ihm lesen können wie in einem Buch. "Wir sollten uns langsam mal auf den Weg machen und Johanna den Arsch retten", schlug Ian vor und zog einen neuen Zweihänder vom Rücken. "Allerdings", stimmte Alexander zu und hob sein Schwert in die Höhe. "Machen wir diese verdammten Untoten nieder!"
"Nein", erklärte Maria und deutete mit dem Streitkolben gen Brücke, wo eine wilde Schlacht um jeden Meter Boden tobte. "Ich fürchte, wir kommen zu spät."

Bild

Blut lief ihr Bein hinab und sammelte sich im linken Stiefel. Aus einem tiefen Kratzer im Oberschenkel sickerte es in pulsierenden Strömen, so dass die Wollunterkleidung unter der Panzerung bereits durchnässt war und an der Haut festklebte. Ein Skelettkrieger hatte es geschafft, sie mit einer rostigen Klinge zu erwischen, während ihr Kriegshammer anderweitig beschäftigt gewesen war. Johannas Arme fühlten sich an wie mit Eisengewichten beschwert, und von der Anstrengung des Kampfes pochten ihre Muskeln schmerzlich. Schreie und hasserfülltes Gebrüll hallte fast betäubend in ihren Ohren wider und der Schweiß lief ihr in Strömen übers Gesicht. Die Krieger, die an ihrer Seite waren, kämpften mit verzweifeltem Heldenmut. Kräftig stießen sie mit ihren Speeren zu, gruben sie in untote Körper. Und wo das Gewicht der verfaulenden Leiber ihnen die Waffe aus den Händen riss oder den Schaft brechen ließ, da kämpften sie mit ihren Schwertern weiter. Der helle Steinboden unter ihren Füßen hatte sich durch das Blut von Untoten und Lebenden gleichermaßen rot gefärbt, die Steine waren schlüpfrig geworden und kupfriger Blutgeruch lag in der Luft, nur überboten durch das Miasma der Untoten Körper und ihrer verrottenden Körperflüssigkeiten. Fleisch und Knochen wurden zerschmettert, doch besonders die Skelettkrieger mit ihren Waffen waren eine Gefahr. Klingen trafen klirrend aufeinander. In diesem Kampf wurde weder um Gnade gefleht noch zurück gewichen. Der Soldat neben Johanna fiel, die Klinge eines Skelettkriegers hatte seine Schulter durchschlagen und war bis tief in seine Brust gedrungen. Der Untote versuchte stupide, seine Waffe frei zu bekommen, doch die schartige Waffe saß wie fest geschmiedet zwischen den Rippen des toten Soldaten. Obwohl ihr Bein vor Schmerz glühte, trat Johanna heran und führte mit dem Hammer einen wütenden, beidhändigen Hieb, der den Schlagdorn tief in den Schädel des Skeletts trieb und diesen zerplatzen ließ. "Für Lordaeron!", brüllte Johanna und stürzte sich direkt auf den nächsten Gegner, legte all ihren Hass auf die Untoten in ihre Hiebe. Doch das zweite Skelett wankte zur Seite und Johanna schrie auf, als ihr verletztes Bein unter ihr wegzusacken drohte. Lichtheilung zu wirken wagte sie nicht, mitten im Getümmel. Es würde zu viel Konzentration kosten und sie ablenken. Eine Hand stützte sie und sie rief ein Dankeswort, ohne zu sehen, wer ihr da half. Der Kampfeslärm wurde lauter und die Schreie der Sterbenden und das Stöhnen von Untoten, das Zischen der Ghule hallte misstönend in ihren Ohren wider.

Johanna stolperte und ging auf ein Knie hinunter. Ihr Blickfeld umwölkte sich und der Schlachtenlärm klang plötzlich leiser und drang wie aus großer Entfernung zu ihr. Auf ihren Hammer gestützt versuchte sie, aufzustehen. Überall um sie herum starben die Soldaten des Scharlachroten Kreuzzugs. Ihr Blut spritzte aus aufgerissenen Bäuchen oder aufgeschlitzten Kehlen. Sie sah, wie ein Untoter in schwarzer Rüstung einen Soldaten mit einer Hand packte und trotz dessen schwerer Rüstung anhob und auf das steinerne Brückengeländer schmetterte, dass die schwarzrote Rüstung nur so schepperte. Dann schob er den Soldaten, der einige gebrochene Knochen haben musste, mit verächtlicher Gelassenheit von der Brücke, in den Fluss. Johanna spürte die Wärme des blutbesudelten, nassen Bodens unter ihren Füßen, die Abendsonne im Gesicht und den kühlen Schweiß, der unter ihrer Rüstung ihren Körper überzog. Überall um sie herum herrschte der Tod, doch sah sie auch Heldenmut und Trotz. Sie beobachtete, wie ein Soldat, in dessen Körper die schartigen Klingen von drei Skelettkriegern steckten, die Arme ausbreitete und seine Kontrahenten ansprang und sich mit ihnen von der Brücke warf. Soldaten kämpften Seite an Seite, Rücken an Rücken. Doch die Zahl der scharlachroten Elitekriegern sank immer weiter, während die Untoten noch immer unaufhaltsam und unermüdlich versuchten, die Brücke zu überqueren. Ein Klingenhieb flog auf sie zu und Johanna reagierte instinktiv. Zugleich klärte sich ihr Blick und erneut drang der Kampfeslärm misstönend auf sie ein. Ihre Arme hoben sich und der Hammer schlug die Klinge beiseite und mit einem Schrei voller Zorn und Schmerz rappelte sie sich auf die Füße. Taumelnd entzog sie sich ihrem Gegner, dem Untoten mit der schwarzen Rüstung. "Es gibt kein Entkommen, Paladin", spie der Untote die Worte verächtlich aus den Tiefen seines Totenkopfhelms. "Im Tod wirst du mir dienen und ich werde lachen, wenn du meine Marionette bist und die Eingeweide deiner Freunde wie eine Halskette trägst." Er schlug erneut nach ihr, die Runenklinge glühte vor unheiliger Macht und Johanna fröstelte es, als sie knapp außer Reichweite taumelte und sich den Schmerz in ihrem verletzten Bein verbiss.

Sie stützte sich auf ihren Hammer, nahm eine Hand vom Griff und presste sie auf die Wunde am Bein, konzentrierte sich, jedoch ohne den untoten Krieger aus den Augen zu lassen. Doch sie brauchte nur wenige Sekunden. Zwar beeinträchtigte die störende Rüstung die Wirkung des Handauflegens, doch ihr Plattenhandschuh glühte vor heiligem Licht und obwohl direkter Hautkontakt besser gewesen wäre, genügte es, die Blutung zu stoppen und eine dicke Schicht aus Schorf zu bilden. "Mein flammendes Schwert und mein richtender Hammer sollen euch nieder strecken", begann Johanna ein altbekanntes Gebet des Kreuzzugs und erhob sich wieder, packte den Hammer mit beiden Händen und fixierte ihren Untoten Kontrahenten. "Wir werden Rache nehmen an unseren Peinigern und Strafe bringen den Verrätern an unserer Heimat." Der adlerförmige Hammerkopf leuchtete vor heiliger Macht und der untote Krieger hielt in seinem Vormarsch inne. "Oh Licht, leite mich. Stärke mich und erhebe mich aus den Reihen deiner Diener, zu einer Auserwählten." Mit diesen Worten sprang sie nach vorne und schlug den Hammer gegen die Runenklinge ihres Gegners. Die blauen Runen knisterten und zischten, doch sie drückte die Klinge nur kurz nach unten, ehe sie versuchte, der unheiligen Kreatur den Schlagdorn des Adlerschnabels gegen den Helm zu schmettern. Doch der Untote duckte sich rechtzeitig und riss die Klinge herum, drosch horizontal auf Bodennähe nach ihr, in dem Versuch, ihr die Beine vom Rumpf zu trennen. Johanna jedoch sprang über den Hieb hinweg, riss den Hammer kurzartig zurück, ehe sie den Hammerkopf gegen den Helm des Untoten schmetterte. Das schädelartige Visier zersplitterte und fiel zu Boden und das beinah mumifizierte, tote Gesicht dahinter kam zum Vorschein. "Auge um Auge also, was?" fragte der Untote mit boshaft zischender Stimme, dann nahm er eine Hand vom Griff seines Runenschwerts und schattenhafte Fäden schossen in alle Richtungen. In der nächsten Sekunde wurde Johanna von den Füßen gerissen und flog auf den Untoten zu, jedoch mit Freund und Feind gleichermaßen. Einige nahe Soldaten und zahlreiche Ghule und Moderhirne flogen an den Untoten Krieger heran, der seine Klinge um sich herum wirbelte. Johanna jedoch drosch mit ihrem Hammer gen Boden und der Schlagdorn verhakte sich wie ein Widerhaken in den Fugen der Steine. Der Untote schnitt Ghule wie Soldaten gleichermaßen entzwei, doch Johanna erwischte er nicht.

Doch als das Zerren der schattenhaften Fäden nachließ, landete sie scheppernd auf dem Boden und sah sich sofort umringt von Ghulen und wandelnden Leichen, die nach ihr Griffen. Sie war schnell und geschickt, doch es waren einfach zu viele. Sie legte eine Hand auf den Boden, konzentrierte sich und ein Lichtblitz hüllte sie ein, breitete sich aus. Die nahen Untoten flohen panisch vor der Macht des Lichts, die ihre unheiligen Leiber verbrannte und ihnen Schmerzen bereitete. Die Kreatur in der schwarzen Rüstung jedoch lachte. Die blauen Runen auf der Rüstung knisterten, er selber jedoch schien immun gegen den beängstigenden Effekt des Lichtimpulses. "Du amüsierst mich, atmende, kleine Schlampe." Er ging auf ein Knie nieder und legte die freie Hand ebenfalls auf den Boden. Sofort wurde all das Blut, welches den Boden besprenkelte schwarz und ranzig. Die wenigen Soldaten in ihrer Nähe schrien auf vor Schmerzen und Johanna erhob sich rasch, griff den Untoten mit wilden, stürmischen Hieben ihres gesegneten Hammers an. Doch die Kreatur parierte mit dem Runenschwert, wich nun jedoch zurück. Die blauen Runen auf der Klinge knisterten und ächzten, während Johanna immer wieder auf den Untoten einschlug. Dann endlich schlug sie erfolgreich die Klinge beiseite und trieb den Schlagdorn tief in die Schulter des Untoten. Einige Runen auf der Rüstung erloschen und der Untote schrie dröhnend auf vor Schmerz, den der heilige Adlerschnabel in seinem Fleisch verursachte. Dann schwang der Untote seine Klinge. Da sie jedoch zu nah beieinander standen, um einander effektiv erschlagen zu können, riss Johanna den Hammer los und drosch den Hammerkopf gegen den Unterkiefer der Kreatur. Zähne zersplitterten und der Unterkiefer hing an Fäden aus totem Gewebe nach unten. Dann aber packte der Untote ihren Kopf und klirrende Kälte brach über sie hinein. Sie verlor die Sicht auf ihrem linken Auge, als der Augapfel binnen eines Atemzugs komplett zu Eis wurde. Als sie sich losriss, blieben Fetzen gefrorener, schwarzer Haut am Panzerhandschuh des Untoten hängen und Johanna schrie vor Schmerzen, als ihr halbes Gesicht fortgerissen wurde. Sie taumelte zurück, stolperte herum. Dann explodierte ein entsetzlicher Schmerz in ihrem Rücken und als Johanna nach unten sah, erblickte sie die Spitze des Runenschwertes, das aus ihrer Brust ragte. Die Spitze war breiter als ein Unterarm. Blut quoll rund um das unheilige Metall hervor. Ihr Blut. Die scharlachrote Flamme auf ihrem weißen, dreckigen Wappenrock färbte sich dunkler. Sie öffnete den Mund, doch dann riss der Untote die Klinge aus ihrem Körper und sie hatte keinen Atem zum Schreien mehr.

Johanna von Nordtal ließ ihren Streithammer fallen. Ihre Kraft und ihr Leben rannen in einer roten Flut aus ihr heraus. Sie ließ den Blick über das Gemetzel schweifen, in dem ihre Soldaten nicht länger standhalten konnten. Sie starben und wurden von Untoten in Stücke gerissen. Vor ihren Augen wurde es dunkel und sie sackte nach vorn, fiel mit dem Gesicht auf den blutbesudelten Boden. Neben ihr lag ihr Hammer und sie streckte mit letzter Kraft ihre Hand aus und schloss die Finger um den Griff. Zufrieden lächelte sie, wobei sich blutiger Schaum auf ihren Lippen bildete. Jetzt spürte sie keinen Schmerz mehr. Während sie den Kopf auf den steinernen Boden ihrer Heimat nieder legte, für dessen Schutz sie immer schon gekämpft und für das sie nun ihr Leben geopfert hatte, dachte sie an ihre Kinder. Erben von Lordaeron, wie sie es schon zu Alexander gesagt hatte. In ihnen lebte die Heimat weiter. Die Jüngeren waren immer schon wichtiger als alte Vetteln wie sie gewesen. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem die Alten der Jugend nichts mehr beizubringen hatten. Es war gut, dass sie nun starb und nicht Krieger mit so viel Potenzial wie jene, die sie ausgebildet hatte, die sie fast wie ihre eigenen Kinder zu lieben gelernt hatte. Würden ihre Kinder das verstehen? Ihr Opfer zu würdigen lernen? Isabelle war fast ihr genaues Ebenbild, sowohl vom Aussehen als auch von der Persönlichkeit, doch hatte sie den Pfad einer Heilerin gewählt. Zuerst war Johanna aufgrund dieser Entscheidung etwas enttäuscht gewesen. Doch nun war ihr klar, dass Isabelle Leben retten konnte und somit genau so wichtig war wie all die Soldaten, die für die Heimat kämpften. John jedoch hatte einen härteren Weg vor sich. Er war stürmisch, aufbrausend und ungeduldig. Johanna betete, dass er es lernen würde, dass er in die Rolle, die er in den Reihen des Kreuzzugs zu spielen hatte hinein wuchs, anstatt gnadenlos zurecht geschliffen zu werden. Sie bedauerte, dass sie ihre Kinder nicht aufwachsen sehen würde, doch bereute sie dennoch nicht ihre Tat. Die alten Legenden der Silberhand erzählten vom mächtigen Tyr, der seine Hand geopfert hatte. Opferbereitschaft war wohl niemandem aus Lordaeron fremd. Und Johanna wusste, dass es die Sache wert gewesen war. Denn nun vernahm sie ein fernes Grollen, das sich durch den Boden fortpflanzte, ein anschwellendes Dröhnen wie von Trommeln und mit ihrem letzten Atemzug grinste sie breit und schloss das verbliebene Auge, als sie die Quelle des Geräusches erkannte. Die scharlachroten Reiter griffen an.


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 10. Nov 2014, 05:05 
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Alexander sah, wie die Runenklinge des untoten Kriegers Johanna durchbohrte und stieß einen gequälten Schrei voller Wut und Trauer aus. Die Untoten hatten die Brücke überquert und breiteten sich am östlichen Flussufer aus. Nach der wilden Schlacht auf der Brücke hatten sie an Zusammenhalt verloren. Zahlreiche Untote labten sich noch an den Leibern der gefallenen Soldaten, andere aber sahen sich bereits gierig nach neuen Opfern um. Tote Körper häuften sich auf der Brücke. Johanna und ihre Elitesoldaten waren tot, aber hatten sie eine beeindruckende Zahl von Untoten gefällt. Die Untoten waren von unheiligem, finsteren Hunger getrieben und Alexander sah, wie der Krieger in der schwarzen Rüstung sich sichtlich bemühte, sie wieder seinem Willen zu unterwerfen, bevor die Reiter sie erreichten. Doch es war bereits zu spät für die Untoten.
Mit leidenschaftlichem Hass in Herzen ritt Alexander an der Spitze einer keilförmigen Streitmacht von vierzig berittenen Kriegern auf die Brücke zu. Der Boden bebte unter den donnernden Hufen und Alexander roch schon den Duft des Sieges. Maria ritt zu seiner Linken und ließ ein scharlachrotes Banner im Wind flattern und zu seiner Rechten hielt Ian bereits den Zweihänder bereit, in der Aussicht, noch mehr Untote zu zerfetzen. Alexander packte in die Mähne seines Rappens. Das Tier war müde, gehorchte aber dennoch dem Befehl, seinen Reiter wieder in die Schlacht zu tragen. Bolzen schnellten von Armbrustsehnen und Speere rasten durch die Luft, als die scharlachroten Reiter vor dem Zusammenprall mit dem Feind noch eine letzte Geschossgarbe losließen. Sie fand ihr Ziel und weitere Untote fielen. Dann pflügte die keilförmige Formation der berittenen Kreuzzügler durch die Untoten. Waffen blitzten und fauliges Blut spritzte, als sie Rache für ihre gefallenen Kameraden nahmen. Laut schrie Alexander Johannas Namen heraus, während sein Schwert hin und her schwang und Schädel, Brustkörbe und Hälse aufklappen ließ. Wilder Hass strömte nur so durch seine Glieder, gab ihm Kraft und alles, was er mit seiner Waffe traf, fand ein endgültiges Ende. Fühlte sich so die Kraft des Lichtes an? Johanna hatte es zumindest so ähnlich beschrieben und Alexander befand seinen Hass für einen passenden Ersatz. Heiß brannte die Wut in ihm, verdrängte die Müdigkeit und die Schmerzen.

Dunkles, modriges Blut sprühte durch die Luft, als die Reiter zahlreiche Untote nieder ritten, die nun leichte Beute waren, denn sie hatten hohe Verluste erlitten und waren weit versprengt. Die Reiter hatten genug Raum zum Manövrieren und waren damit in ihrem Element, und so griffen sie hier und dort an, fällten Untote mit jeden Speerstoß oder Schwerthieb. Moderhirne wurden unter Hufen zermalmt und in den Boden getreten, als die Reiter sie einkreisten und immer wieder attackierten. Alexander, Ian und Maria erschlugen die Untoten zu Dutzenden. Die Schwerter der Brüder trennten zahlreiche Köpfe ab, während Maria mit ihrem Streitkolben Schädel um Schädel zerschmetterte. An den Flanken ihrer Pferde klebte klumpiger, dunkler Seim und Alexander hatte sich selten so schmutzig gefühlt. Im Zentrum der Untoten erblickte Alexander den Krieger in der schwarzen Rüstung. Er war von scharlachroten Soldaten umgeben, von denen jeder den Ruhm einheimsen wollte, einen Todesritter des Lichkönigs erschlagen zu haben. Aber er war stärker und widerstandsfähiger als alle anderen Untoten, und trotz der Schäden an seiner Rüstung, die Johanna ihm beigebracht hatte, war jeder, der sich in seine Nähe gewagt hatte, gefallen. Alexander trieb seinen Rappen auf das heftige Kampfgetümmel zu, welches den Todesritter umgab. Das Pferd sprang über Berge erschlagener Untoter und Alexander fegte die Untote, die sich ihm in den Weg stellten, mit weit ausholenden Schwerthieben beiseite oder ritt sie gnadenlos nieder. Die Schlacht, die um ihn herum tobte, schien zurück zu weichen, bis sie nur noch den Hintergrund für die sich anbahnende Konfrontation darstellte. Während er auf den Todesritter zustürmte, richtete Alex alle Sinne nach innen und hörte nur noch seinen raschen Atem und das frenetische Pochen seines Herzens. Der Todesritter sah ihn kommen und hob herausfordernd die Runenklinge, die vor dem Blut toter Soldaten nur so troff. Dann stürmte er Alexander entgegen und fegte die Runenklinge in einem raschen Hieb durch die Vorderbeine des Rappens, ehe er sich mit einem Ausfallschritt in Sicherheit brachte. Sein Pferd Uther ging kläglich wiehernd zu Boden und Alexander hatte noch die Geistesgegenwart, vom Rücken des Tieres zu springen. Alexander rollte sich ab, streckte dabei das Schwert von sich, um sich nicht selbst zu verletzen. EIn Haufen toter Ghule bremste seinen Sturz und rasch kam er wieder auf die Beine und schritt zum sterbenden Pferd und rammte dem verstümmelten Tier in einem Akt der Erlösung die Klinge in die Seite, bis er das Herz durchbohrte.

Dann riss er die Klinge zurück, zog auch sein zweites Schwert und fixierte den Todesritter, der sich vor ihm aufgebaut hatte. "Du wirst für deine Schandtaten büßen, du Madenhaufen!" In seiner Stimme schwang all der Hass mit, den er in all den Jahren aufgebaut hatte. Er wusste wenig von Licht oder Magie, aber es gab das Sprichwort "Wenn Blicke töten könnten..." und genau dies traf zu. Ebenso wie "Wenn Worte des Hasses einen untoten Mistkerl in Flammen aufgehen lassen könnten." Doch der Todesritter ging nicht in Flammen auf. Er breitete nur verächtlich, spöttisch die Arme aus. Sprechen konnte er mit seinem zerschmetterten Unterkiefer nicht mehr. Alexander stieß einen wütenden Schrei aus und stürmte auf den Todesritter zu, entfesselte einen wilden Schwertsturm aus abwechselnden, schnellen Hieben. Doch der untote Krieger hielt seine Runenklinge schützend vor sich, wehrte die Hiebe mühelos ab und streckte Alexander blitzschnell eine Hand entgegen und ein eisiger Wind schlug ihm entgegen, der den Schweiß in seinem Gesicht gefrieren ließ und ihn aus dem Konzept brachte. Er war so überrascht ob der schmerzhaften Kälte, dass er den Schwerthieb fast nicht kommen sah. In letzter Sekunde kreuzte er die Klingen und parierte das Runenschwert, doch die Wucht des Aufpralls ließ seine Unterarme schmerzen und er selber flog nach hinten, landete hart auf dem Rücken. Der Todesritter konnte nicht mehr lächeln, doch seine unheiligen, blauen Augen flackerten triumphierend auf. Er trat hastig heran, wirbelte sein Schwert herum und richtete die Klinge nach unten, bereit, sie Alexander in die Brust zu rammen. Dann aber warf das Licht der untergehenden Sonne einen Schatten auf ihn. Ian preschte auf dem Rücken seines Pferdes heran und als der Hengst über den letzten Leichenhaufen hinweg setzte, ließ Ian die Mähne los und stieß sich ab, flog mit einem auf- und abschwellenden Schrei auf den Todesritter zu und der Zweihänder bohrte sich durch den Bauch der Kreatur und trat am Rücken wieder aus. Ian prallte gegen den Todesritter und beide krachten zu Boden, wobei der Todesritter einige Meter weit flog und hart aufprallte, wobei allerdings Ians Zweihänder zerbrach. "Wer sich mit den Simmons-Brüdern anlegt, hat schon verloren", erklärte Ian grimmig knurrend, schleppte sich zu Alex und half ihm rasch auf die Beine. Der Todesritter erhob sich ebenfalls und zog die Reste des Zweihänders aus seinem Bauch und warf sie fort, schien aber leider absolut unbeeinträchtigt trotz der Wunde, die für Lebende tödlich gewesen wäre.

"Du musst einem aber auch immer den Spaß verderben", kommentierte Alexander und seufzte theatralisch. "Ich wollte dem Stinker einen kleinen Vorteil lassen. Du weißt doch, ich mag Herausforderungen." Ian lachte auf und streckte eine Faust aus. "Maulheld, Alter. Willst Maria beeindrucken, eh?" Alexander warf eines seiner Schwerter in Ians freie Hand und drosch mit seiner Faust feste gegen die seines Bruders. Der Todesritter indes stürmte auf die beiden zu, schwang seine Klinge zuerst in einem horizontalen Hieb nach Alex, dann in einem vertikalen Schwung von oben nach Ian. Beide Brüder sprangen auseinander, zur Seite weg und machten sich daran, den Todesritter einzukreisen. Dieser führte seine Runenklinge nun komplett einhändig, doch schien die unheilige Macht, die ihm Leben einhauchte, ihm genug Kraft zu verleihen, die wuchtige Klinge mühelos zu führen. Er richtete die freie Hand auf Ian und eine Sphäre blauer Energie bildete sich, welche die Wärme aus der Umgebung zu absorbieren schien. Der blutbesudelte Boden wurde von Raureif bedeckt und gefror, dann aber schleuderte der Todesritter die Sphäre nach Ian, der die Klinge schützend hob. Es war gut, dass die Waffen der Kreuzzügler im Vorfeld gesegnet wurden, denn als die blau leuchtende Kugel die heilige Klinge traf, wurde sie durch ihre eigene Wucht entzwei geschnitten. Ian rutschte lediglich einen Meter auf dem gefrorenen Boden zurück. Beide Stücke der unheimlichen Sphäre schlugen hinter ihm in die Straße und sprengten den Boden auf, pulverisierten einige leblose Körper, die dort lagen. Alexander nutzte den Fokus des Todesritters auf seinem Bruder und versuchte, ihm von hinten den Kopf von den Schultern zu schlagen, doch der Untote duckte sich blitzschnell und trat nach hinten, direkt in Alexanders Magen und auch er rutschte nach hinten, strauchelte, hielt sich jedoch aufrecht. Alexander keuchte, sah sich kurz um. Einige Meter die Straße hinunter wurden einige Ghule gnadenlos nieder geritten, woanders wurden Matschhirne brutal mit Speeren durchbohrt und in den weichen Waldboden jenseits der Straße geheftet. Maria zerschmetterte die Schädel einiger Skelette, ehe sie inne hielt, als fühlte sie sich beobachtet. Sie sah zu ihm und ihre Blicke trafen sich. Alexander grinste, griff an seinen Gürtel und öffnete eine der Taschen, führte zuerst eine Zigarette zum Mund, dann ein Streichholz, um sie anzuzünden. Maria schmunzelte und schüttelte mit dem Kopf, ehe ihr Streitkolben einen weiteren Kopf platzen ließ.

"Nun gibst du aber an, Bruderherz", rief Ian, der sich wieder frontal dem Todesritter näherte. "Konzentrier dich lieber. Oder bist du müde? Soll ich Freund Hackfresse alleine fertig machen?" Alexander konzentrierte sich wieder auf die Auseinandersetzung mit dem untoten Krieger. "Das ist schon mal die Sieges-Zigarette. Wenn du deine Tabakration nicht immer so rasch verpaffen würdest, könnten wir nun zusammen eine quarzen." Er sprang auf den Todesritter zu, der jedoch seitlich auswich und sich nun beiden Brüdern zuwandte. Er streckte die freie Hand aus, mit den Fingerspitzen nach unten, ehe er die Hand herum drehte und anhob. Schattenhafte Fäden schossen von seinen Fingerspitzen und schossen in erschlagene Ghule und scharlachrote Soldaten gleichermaßen. Die bereits unschädlich gemachten, leblosen Körper bewegten sich und zuckten, erhoben sich wie die Marionetten, die sie nun waren. "Beim verdammten, verfickten Licht", fluchte Ian, als er sich von Ghulen umzingelt sah. Doch er schenkte ihnen gar nicht erst die Gelegenheit für einen Angriff sondern machte sich bereits daran, sie mit wilden Hieben in Stücke zu hacken. Alexander rammte einem Ghul die Klinge ins Maul, dann aber hatte er es mit einem toten Soldaten zu tun. Einem Mann, den er vom Namen her kannte, und der nun leichenblass und mit unheiligem Glühen in den toten Augen nach ihm griff. Alexander trennte ihm beide Hände ab, ließ ihn ins Leere taumeln und schwang die Klinge elegant nach dem Hals seines ehemaligen Kameraden. Schon flog der Kopf davon und der Körper ging erneut zu Boden. Dann aber traf etwas Alexanders Rücken, schleuderte ihn zu Boden. Seine Rüstung war eingedellt und schnürte ihm die Luft ab. Das Atmen bereitete ihm Schmerzen und mit dem Anflug von Panik drehte er sich um und sah in Johannas bernsteinfarbene Augen, die ohne jedes Leben waren. Die untote Kriegerin hob bereits wieder ihren Hammer und machte sich bereit, den adlerförmigen Schlagdorn in Alexanders Schädel zu rammen, doch dieser rollte sich zur Seite und trat kräftig gegen das Knie der Untoten Kriegerin. Diese knickte nun ein und Alexander versuchte, auf die Beine zu kommen, obwohl ihm das Atmen schwer fiel. Die Ablenkung genügte fast, denn die Runenklinge des Todesritters streifte seinen Schulterpanzer und schnitt mühelos durch Metall und Fleisch. Er wollte Ian um Hilfe bitten, doch dieser war von Ghulen zu Boden gerissen worden, rammte einem den Stiefel ins Maul, einen anderen schlug er mit dem Knauf seines Schwerts den Schädel ein.

Alexanders Blick huschte hin und her, zwischen Todesritter und Johanna. Beide Kreaturen holten mit ihren Waffen aus, doch plötzlich war Maria an seiner Seite und parierte den Hammer ihrer einstigen Ausbilderin, trat der untoten Johanna gegen den Bauch und drängte sie so zurück. "Danke", keuchte Alexander und parierte den Hieb des Todesritters, sprang etwas zurück und griff sich mit der freien Hand an die Schnallen seines Brustpanzers, um diese zu lösen und wieder richtig atmen zu können. Maria bleib an seiner Seite, gab ihm Deckung. "Ich weiß doch, dass du ab und an jemanden brauchst, der auf dich aufpasst", entgegnete Maria leicht spöttisch, ehe sie Alexander die Zigarette aus dem Mund klaubte und in ihren Mundwinkel steckte, sich abwandte und mit ihrem Streitkolben auf Johanna eindrosch. Ian war inzwischen wieder auf den Beinen, hatte sämtliche Untote um sich herum erschlagen, ehe er zwischen Alexander und den Todesritter sprang und diesem kräftig gegen die Runenklinge drosch, sie beiseite drückte, um dem Untoten mit einem Fausthieb der freien Hand auch noch die Nase zu brechen. Der Untote brüllte vor Zorn, streckte die Hand nach Ians Gesicht aus, doch ehe er zugreifen konnte, hatte Alexander die Riemen seiner Rüstung gelöst, atmete gierig ein und sprang nach vorne, riss die Klinge von oben nach unten und trennte dem Todesritter die ausgestreckten Finger der linken Hand ab. Ian sprang hastig zurück und Alexander blieb an seiner Seite. Maria und Johanna tauschten wüste Hiebe aus und Maria wurde an der Schulter getroffen, dann bohrte sich der Schlagdorn gar einige Zentimeter in ihren Oberschenkel. Doch Maria hatte viel von ihrer einstigen Ausbilderin gelernt. Sie löste eine Hand vom Griff ihres Streitkolbens und wirkte einen Lichtblitz, der die untote Kreatur blendete und kurzzeitig verschreckte. Zeit, die Maria nutzte, um ihr den Streitkolben gegen das Standbein zu schmettern. Johanna fiel zu Boden und mit grimmigem, entschlossenem Blick donnerte Maria den Streitkolben auf den Hinterkopf und bereite der unheiligen Wiederbelebung ein Ende. Der Todesritter indes griff Ian und Alex mit ungezügelter Wut an, schwang die Runenklinge hin und her und oft entgingen die Brüder nur knapp einem grausigen Schicksal. Die Luft um den untoten Krieger herum war eisig kalt, die Feuchtigkeit in der Luft kondensierte auf der schwarzen Rüstung, gefror und bildete eine dünne, schützende Eisschicht. Maria trat an das Geschehen heran und der Todesritter drehte sich immer wieder, hatte Schwierigkeiten, drei Kontrahenten gleichzeitig im Auge zu behalten.

Ian wagte einen Vorstoß, täuschte einen Hieb zur Schulter des Todesritters hin an, ehe er das Schwert herum wirbelte und gegen die Magengrube schmetterte. Doch sie durchdrang nicht die Rüstung, lediglich Scherben aus Eis lösten sich und fielen zu Boden. Der Untote aber vergalt den Angriff, indem er mit der fingerlosen Hand ausholte und den gepanzerten Unterarm brutal gegen Ians Kopf schmetterte und ihn damit zum Taumeln brachte. Als Maria ihn hinterrücks angreifen wollte, trat er ihr feste gegen die Wunde am Oberschenkel und schickte sie zu Boden, ehe er Alexanders Schwert mit der Runenklinge hinab drückte und ihm die Schädelplatte des Helms gegen den Kopf schmetterte. Mit einer blutenden Wunde über dem rechten Auge geriet auch Alex ins stolpern. Ian hatte sich gefangen, griff erneut an, doch der Todesritter fegte dessen Schwert mit Leichtigkeit beiseite. Alexander wechselte einen Blick mit seinem Bruder, dann mit Maria. Der Todesritter gab ein spöttisches Keifen von sich, ehe er auf Alexander losging. Seine Runenklinge beschrieb einen weiten Bogen, doch Alexander ging auf die Knie und wich dem Hieb aus, gleichzeitig sprang Maria von hinten heran und drosch ihren Hammer gegen die Ferse des Todesritters, der nun einknickte. Alexander hob die Klinge und trieb sie in den Spalt der Rüstung, den zuvor Johannas Schlagdorn in die Schulter der Kreatur getrieben hatte. Der Untote schrie auf vor Schmerzen, ging nun vollends auf die Knie und Ian war zur Stelle und rammte ihm die Spitze seines Schwerts durch das linke Auge, in den Schädel, ehe er die Klinge nach oben drückte und dann mit etwas Druck das Schwert bis zum Heft in den Leib des Todesritters bohrte. Das blaue Leuchten in den Augenhöhlen erlosch und die Kreatur kippte leblos zur Seite. Die drei sackten erschöpft zu Boden, sahen sich um. "Sie geben auf", schrie ein Soldat und hielt mit seinem Pferd neben ihnen an. "Sie sind völlig geistlos ohne die Kontrolle dieses Kriegers. Sie taumeln in alle Richtungen davon." Blinzelnd ließ Alexander sein Schwer sinken und sah sich um. Dutzende von Leichen übersäten den Boden, zermalmt und zerstückelt und zerfetzt. "Jagt sie", rief Alexander den Reitern zu. "Lasst keinen einzigen entkommen. Und die Heiler sollten sich um die Verwundeten kümmern, sofort."

Nun, da die Schlacht geschlagen und der Sieg errungen war, schwand das Adrenalin, schwand die Wut, und der lodernde Hass wurde durch brennende Schmerzen ersetzt. Kampfesmüdigkeit und das Grauen der vergangenen Stunden drücken sich wie eine große Last auf die Schultern von Alexander. Er hielt inne und seine Schultern sackten nach unten, als wäre er binnen einer Sekunde um Jahre gealtert. Er atmete rasselnd durch, steckte sein Schwert in die Scheide, ehe er sich nach hinten auf den Rücken fallen ließ und erst dann wieder bemerkte, dass er in einem Matsch aus Blut und zerquetschten, verwesenden Körpern lag. Hastig sprang er hoch, taumelte und wäre fast erneut gestürzt, doch wollte er Kontakt mit dem besudelten Boden vermeiden. Zu oft hatte er wegen Quarantäne im Kerker schmoren müssen. Doch Ian war an seiner Seite, legte einen seiner Arme um seine Schulter und die beiden Brüder stützen sich gegenseitig ab. "Tja, deine Sieges-Zigarette hat Maria in Beschlag genommen." Doch die Worte seines Bruders erreichten ihn nur wie aus weiter Ferne. Der wilde Rausch der Schlacht, der Nebel aus Schwerthieben und verzweifelten Ausweichmanövern wurde durch etwas nicht weniger Schreckliches ersetzt. Alexanders Glieder wurden taub vor Müdigkeit und Schmerz. Er sah sich erschöpft um, hatte jedoch Schwierigkeiten, Blick und Verstand gleichermaßen zu fixieren. Dann aber zog etwas seine volle Aufmerksamkeit auf sich. Diejenigen, die das Licht herbei rufen konnten oder ausreichend in Sachen Heilkünste geschult waren, schritten durch die Reihen der verbliebenen Soldaten. Die Triage war niemals eine einfache Sache. Das Priotisieren medizinischer Hilfeleistung war besonders bei einer hohen Anzahl an Verwundeten und einer unzureichenden Anzahl an Heilern oftmals schmerzvoll anzusehen. Alexander sah einen Soldaten, dem der rechte Fuß von einem Ghul zerfleischt worden war. Der Heiler segnete ihn, ehe er ihm das Messer in die Augenhöhle rammte und ihm mit einem Pinsel ein schwarzes Kreuz auf die Stirn malte. Andere wurden mit roten, grünen oder gelben Kreuzen bemalt. Rot bedeutete eine sofortige Behandlung durch Heilkräfte, gelb und grün eine spätere Behandlung, bei nicht-letalen Verletzungen. Alexander beobachtete, wie jene, die keine Überlebenschance hatten nach und nach abgestochen wurden. Doch dies war nicht die einzige Voraussetzung für das schwarze Kreuz auf der Stirn. Wer überleben würde, aber aufgrund seiner Verletzung nicht mehr von Nutzen für den Kreuzzug sein würde, wurde ebenfalls hingerichtet, um Ressourcen zu sparen. "Ian", begann Alexander müde und hatte Probleme, seine Zunge in Bewegung zu setzen um die gewünschten Worte zu formen. "Wenn ich je als Krüppel ende und keinen Nutzen mehr habe, bring du es bitte zu Ende. Schwör es mir."


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 13. Dez 2014, 02:52 
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Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
wie Schwertgeklirr und Schlachtenhall:
Zum Schwert, Zum Schild, bildet die Reih'n,
Wer will des Landes Hüter sein?

Durch Hunderttausend zuckt es schnell,
und aller Augen blitzen hell
der Lordaerone fromm und stark,
beschützt die heil'ge Landesmark.

Er blickt hinauf in Himmelshöh'n,
wo tote Freunde niederseh'n,
und schwört mit stolzer Kampfeslust:
Ich kämpfe solang's Herz schlägt in der Brust!

Solang ein Tropfen Blut noch glüht,
noch eine Faust das Schwerte zieht,
und noch ein Arm die Armbrust spannt,
betritt kein Feind hier unser Land!

Und ob mein Herz im Tode bricht,
wirst du doch drum verzagen nicht.
Reich, wie an Wasser eine Flut,
ist Lordaeron an Heldenblut!

Der Ruf erschallt, die Schlacht beginnt
die Fahnen flattern hoch im Wind:
Für Lordaeron gegen die untote Brut
Tränken das Land mit Feindesblut!

- Alexander Veidt, 'Heldenblut'

Heimkehr

Sie hatten bereits früh am Morgen den Wachturm östlich von Herdweiler aufgesucht und erklommen. Von diesem Ausguck aus schien der Blick nach Süden fast trügerisch schön. Hier im Norden der westlichen Pestländer waren die Bäume noch grün und der Boden fruchtbar. Doch natürlich wusste sie um die Gefahr, die außerhalb der Stadt lauerte. Isabelle versuchte dennoch, dem Anblick etwas Schönes abzugewinnen, doch natürlich konnte sie nicht vergessen, dass fast Hundertzwanzig Soldaten aus Herdweiler gen Süden aufgebrochen waren, um irgendwo im Osten Krieg gegen die Untoten zu suchen und den Tod zu riskieren. Unter ihr lag Herdweiler, mit den scharlachroten Ziegeln, den grimmigen Soldaten und der weißen Mauer, welche die Stadt umgab. Mit seiner militärischen Ausrichtung wirkte der Ort nicht gerade anziehend, aber sie kannte die Hauptstadt des Landes, wo sie auch geboren wurde, nur noch aus vagen Erinnerungen und den Erzählungen ihrer Mutter. Deshalb war Herdweiler ihr Zuhause. Die kühle Morgenluft ließ sie frösteln und als sie an die vielen Soldaten dachte, die gen Süden geritten waren, wisperte sie ein Gebet an das Licht und betete, dass möglichst viele den Weg zurück finden würden.
Sie beschattete die Augen, schirmte sie vor der Morgensonne ab und hielt Ausschau nach den zurückkehrenden Soldaten Herdweilers. "Ich kann sie nicht sehen, John", sagte sie an ihren jüngeren Bruder gerichtet. Er ging neben ihr auf der Turmspitze auf und ab. "Das erstaunt mich nicht", meinte John und schob die Stoffschlinge, die seinen gebrochenen Unterarm hielt, in eine bequemere Stellung. "Der Wald ist hier im Norden so dicht, dass du sie wohl erst erkennen würdest, wenn sie schon unten vor dem Turm auftauchen."
"Inzwischen müssten sie doch zurück sein", gab sie besorgt zurück und nahm ihren Haarreif ab und strich sich durch die langen, schwarzen Haare, ordnete sie neu. John hielt neben ihr inne. "Ich weiß. Oder hast du schon vergessen, dass ich eigentlich mit ihnen hätte reiten sollen?" Isabelle hörte den bitteren, traurigen Unterton in der Stimme ihres Bruders. "Natürlich habe ich das nicht vergessen. Aber ich bin froh, dass du hier bist und ich mir wenigstens wegen dir keine Sorgen machen muss." Sie hielt seinem Blick stand, war aber erstaunt über den immensen Zorn, den sie in seinem blassen Gesicht sah.

"Das verstehst du nicht, Isabelle. Sie machen sich doch ohnehin schon über mich lustig. Und nun bin ich nicht dabei gewesen, habe nicht meinen Beitrag leisten können. Ich hätte Seite an Seite mit Mutter kämpfen sollen. Stattdessen muss ich hier herum hocken, warten, bis mein Arm verheilt ist und mir nachher die Prahlereien der anderen anhören." Er ballte die gesunde Hand zur Faust und spuckte wütend auf den Boden. "Du warst verletzt", wandte Isabelle ein, "Du hättest auf keinen Fall kämpfen können." John aber ließ sich nur schwer beruhigen. "Selbst mit nur einer Hand bin ich besser als die meisten anderen mit zwei", entgegnete er zerknirscht, atmete tief durch. "Ja, ich weiß. Verletzt ist verletzt. Aber darauf kommt es nicht an. Du verstehst so etwas einfach nicht."
"Mutter wird nicht zulassen, dass sie über dich spotten", sagte Isabelle.
"Jetzt muss meine Mutter also auf mich aufpassen, was?", tobte er und Isabelle zuckte zusammen. "Nein, das meinte ich nicht", gab sie zurück. Sie war seiner schlechten Laune überdrüssig und setzt sich wieder in Bewegung, schritt auf der Spitze des Turms hin und her und blickte gen Süden. Sie liebte ihren kleinen Bruder, aber John konnte so starrsinnig und aufbrausend sein. Sein Haar war rabenschwarz wie ihres. Er trug es allerdings sehr lang, entgegen der Bräuche der Soldaten. John war ein hübscher Junge und ihre Mutter nannte ihn ständig den zukünftigen Schrecken aller Mütter mit hübschen Töchtern. Doch erst letzte Woche hatte Ian ihn aufgezogen, weil er so großen Wert auf sein Erscheinungsbild legte und gesagt, er sähe aus wie ein Hochelfenschwuchtel. Daraufhin war John wütend auf ihn losgegangen. Doch in Sachen Kraft war er Ian einfach nicht gewachsen. Bald hatte er flach auf dem Rücken gelegen und seinen linken Unterarm umklammert. Isabelle hatte John daran gehindert, in seiner Unbesonnenheit weitere Dummheiten zu machen. Während Ian nur ob Johns Angriff den Kopf schüttelte und eine abwinkende Geste mit der Hand machte, hatte Isabelle ihn zu den Heilern gebracht, die sich um seinen gebrochenen Unterarm gekümmert hatten und eine Schlinge dafür angefertigt hatten.

Und dann war gestern früh der Hilferuf aus Schwarzhain gekommen. Und sobald man entschieden hatte, dem Dorf mit allen Mitteln zu helfen, hatten sich Reiter und Soldaten gleichermaßen gesammelt und John hatte versucht, mit ihnen in die Schlacht zu ziehen. Doch ihre Mutter hatte unmissverständlich klargemacht, dass John sie mit einer derartigen Verletzung nicht begleiten würde. "Was nützt uns ein Krieger, der sich nicht auf seinem Pferd halten kann?", hatte Alexander beschwichtigend gefragt. Ian war weit weniger feinfühlig gewesen: "Ein leichter Stoß gegen den Unterarm und du liegst wieder flennend am Boden, wie ein Weib. Bleib hier und erhol dich. Es werden andere Schlachten kommen." Ihre Mutter Johanna jedoch legte ihrem Sohn beide Hände auf die Schultern. "Dein Arm wird verheilen. Aber dafür braucht er Ruhe. Du willst doch keine bleibenden Schäden davon tragen?" Dann endlich hatte John resigniert nachgegeben. Isabelle war froh gewesen, denn der Gedanke, sich um ihre Mutter und ihren Bruder sorgen zu müssen, hatte ihr größeres Unbehagen bereitet, als sie sich selbst eingestand. Da das Blätterdach des Waldes tatsächlich zu dicht war, stiegen beide den Turm wieder hinab. Unten angekommen sahen sie die Straße gen Süden hinab und Isabelle suchte nach einem verräterischen Aufblitzen von Metall, aber wieder sah sie nichts. Die Morgensonne warf lange Schatten und ein leichter Wind fegte durch die Baumkronen. Trotz ihrer Sorgen, trotz des oft so grausamen Alltags, kam ihr der Gedanke, wie schön doch das Land sein konnte und rief ihr in Erinnerung, wie wichtig die Arbeit des Scharlachroten Kreuzzugs war. Seit dem Morgengrauen hatten John und sie gewartet und trotz der schlechten Laune ihres Bruders war Isabelle froh über seine Anwesenheit. "Es tut mir leid, Isabelle", murmelte John schließlich, "Ich wollte dich nicht so anfahren, aber ich möchte nun einmal die Heimat beschützen. Das ich es diesmal nicht konnte, schmerzt mehr als der gebrochene Arm. Vielleicht hätte ich einen Unterschied gemacht." Er sah betrübt zu Boden und Isabelle lächelte sanft. "Ich bin dir nicht böse. Ich mache mir nur Sorgen." John hob den Kopf, sah seine Schwester an und lächelte. "Mutter wird es schon gut gehen", sagte er und in seiner Stimme klang Stolz und Liebe. "Sie war ein Paladin der Silbernen Hand, sie verteidigte Lordaeron dreißig Jahre lang. Überleg mal, wie viel wir beide von ihr gelernt haben. Sie kann sehr gut auf sich aufpassen."

"Ich sorge mich um sie alle", sagte Isabelle. "Mutter, Maria, Alexander..."
"Und Ian?" erkundigte sich John mit einem listigen Grinsen. "Ja, auch um Ian", gestand Isabelle und wich seinem spöttischen Blick aus, denn sie fürchtete, sonst zu erröten, weil sie Ians Namen ausgesprochen hatte. "Ehrlich, Schwesterherz, ich begreife nicht, was du in ihm siehst. Sicher, er ist stark und kann ordentlich mit dem Zweihänder umgehen, aber deswegen ist er noch lange nichts Besonderes. Er ist nichts weiter als ein Rüpel, und wenn er nicht ab und zu gebratenes Fleisch zu sich nehmen würde, wäre er nichts weiter als ein Wilder, wie einer von den Stammeskriegern, die es weit im Süden geben soll." Isabelle brummte mürrisch. "Rede nicht so", forderte sie beleidigt und als John lachte, verfluchte sie sich, weil sie auf seine Bemerkung angesprungen war. "Was denn?" feixte John, "Hast du Angst, dass Ian kommt und mir auch noch den anderen Arm bricht? Da schlitze ich ihm eher zuerst den Bauch auf."
"John", stieß Isabelle entsetzt hervor, denn sie hatte echte Bosheit in seiner Stimme vernommen. Sie beschloss, den Spieß herum zu drehen. "Und was ist mit dir? Du freust dich doch bestimmt auch, wenn Maria wieder da ist, oder? Ich habe doch genau gesehen, wie du sie immer anschaust." Nun wurde John rot im Gesicht, doch bevor Isabelle noch etwas sagen konnte, sah sie, wie sich der Blick ihres Bruders auf etwas richtete, das sich hinter ihr befand. Sie folgte seinem Blick und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Eine Kolonne von Reitern kam die Straße gen Herdweiler hinauf. Sie alle wirkten erschöpft, doch als der Wachturm in Sichtweite kam, hoben sie Schwerter und Banner zum Gruß und riefen immer wieder den Namen ihrer Heimat. Die Soldaten auf der Turmspitze taten es ihnen gleich. Isabelle spürte, wie erleichtertes Lachen in ihr aufstieg, doch es erstarb in ihrer Brust, als sie erkannte, wie wenig Reiter er nur waren. Sechzig Reiter und Fünfzig Soldaten waren aufgebrochen. Nun aber sah sie nur dreißig Soldaten hoch zu Ross. An den Zügeln hatten sie die herrenlosen Pferde verstorbener Kameraden fest gebunden. Auch waren einige Kinder dabei, die jüngsten nicht älter als sieben, andere nicht älter als zwölf. Sie wusste sofort, dass die Ritter vom Recht gebrauch gemacht hatten, Kinder aus Schwarzhain zwecks Ausbildung mitzunehmen. Angesichts der hohen Verluste war das durchaus nicht ungewöhnlich.
"Oh nein", schrie John neben ihr und sackte auf die Knie, "Nein, beim heiligen Licht, bitte nicht..." Isabelle wurde das Herz schwer, als sie den Grund des Entsetzens bei ihrem Bruder erkannte. Ihre Mutter war nicht unter den Überlebenden. Johanna von Nordtal war gefallen.

Bild


Der Wachturm östlich von Herdweiler ragte hoch vor ihnen auf und hob sich weiß und drohend vor der Morgensonne ab. Alexander dachte mit ebenso viel Freude wie Furcht an seine Heimkehr. Er erinnerte sich an den Jubel, mit denen die Bewohner von Schwarzhain sie begrüßt hatten, als sie nach den Begräbnisritualen des Kreuzzugs die Tore des Dorfes angesteuert hatten, hundemüde und mit besudelten Rüstungen und schartigen Schwertern. Geschlafen hatten sie wenn überhaupt nur wenig. Sie hatten ihren Pferden lediglich etwas Ruhe gönnen wollen, hatten von den dankbaren Dorfbewohnern Speis und Trank bekommen, ehe sie sich wieder auf den Weg gemacht hatten. Sie hatten die toten Körper ihrer gefallenen Kameraden verbrannt und in den Thondroril gestreut, wie es Brauch war. Ohne Leichnam und mit verstreuter Asche war eine Wiederbelebung durch die Untoten sehr unwahrscheinlich. Dieses Ritual war der letzte, größte Akt des Respekts, den man den Gefallenen entgegenbringen konnte. Jetzt kehrten sie zurück, siegreich zwar, doch hinterließen die Verluste einen bitteren Nachgeschmack. Der Angriff der Untoten auf Schwarzhain war abgewehrt worden und der Todesritter, der die hirnlosen Untoten mit seiner unheiligen Präsenz koordiniert hatte, war erschlagen. Alles in Allem hatten sie auf riesigen Scheiterhaufen am Flussufer fast vierhundert Untote verbrannt und damit eigentlich einen ordentlichen, ruhmreichen Sieg errungen. Doch warum fühlte sich der Sieg dann nicht gut an? Der Bürgermeister von Schwarzhain hatte sie nach der Schlacht willkommen geheißen, Wunden waren versorgt worden und die Krieger mit dem besten Fleisch und dem feinsten Bier gesättigt. Sie hatten jedoch nur wenig gefeiert. Es wäre eine Beleidigung für die gefallenen Kameraden gewesen, in Melancholie zu versinken. Doch in seinem Herzen hatte Alexander getrauert und immer wieder an Johanna gedacht. Er litt ihretwegen und spürte schmerzhafte Gewissensbisse, ihren Tod nicht irgendwie verhindert zu haben und sich nicht beharrlicher darum bemüht zu haben, an ihrer Stelle die Brücke gehalten zu haben. Sie war fast schon eine Ersatzmutter gewesen, wenn es so etwas beim Kreuzzug überhaupt geben konnte. Sie würde fehlen, dessen war er sich sicher und er war sich nicht sicher, wie er Isabelle und John unter die Augen treten sollte, oder wie er all die Toten erklären sollte. Er war doch nur einfacher Soldat. Er hätte niemals in diese Lage kommen sollen, hatte nie in diese Lage kommen wollen.

Vor ihm hob sich die Straße, bildete einen stetig ansteigenden Pfad Richtung Wachturm, bog dann nach Westen, gen Herdweiler. Alexander und die anderen Reiter folgten der staubigen Straße, die Pferde schwer beladen mit den Rüstungen und Waffen der Gefallenen. Da Ressourcen derart knapp waren, mussten manche Ausrüstungsgegenstände leider geborgen und wieder verwertet werden. Am Fuße des Wachturms sah er Isabelle und John und das Herz wurde ihm schwer, mühsam zwang er sich, sie nicht anzusehen und weiter gen Herdweiler zu reiten, denn sicher verlangte man nach einem umfassenden Bericht der Ereignisse. Und Personen wie Großinquisitor Isillien, Taelan Fordring oder Galvar Reinblut ließ man schlichtweg nicht warten, wenn man wusste, was gut für einen war. Er zerrte kurz an den Lederriemen seines Rucksacks, um das Gewicht der Rüstungsteile darin neu zu verteilen. Das Gewicht drückte schmerzhaft auf seine Schultern, doch er hieß den Schmerz sogar willkommen, denn er wusste, dass er die Bürde von Johannas Tod noch lange tragen würde, nachdem er den Rucksack abgestellt und die Rüstung ausgezogen hatte. Alexander sah, wie die schweren Tore von Herdweiler zur Gänze geöffnet wurden, als die Reiter sich der Stadt näherten. Die steinerne Stadtmauer Herdweilers war wesentlich höher und dicker als die Palisaden von Schwarzhain, der Wehrgang breit genug, dass zwei Pferde bequem darauf hätten entlang traben können. Herdweiler beherbergte über dreitausend Menschen, die Stadt im Norden der westlichen Pestländer war eines der wenigen Widerstandsnester der Lebenden in einem ganzen Land voller wandelnden Toten. Sie ritten durch die Straßen, gen Burg Mardenholde, wo sie bereits erwarten wurden. Hochinquisitorin Carmen Vermillion stand vor den Toren der Burg, flankiert von einem jungen Lehrling namens Glandallus und dem Waffenmeister der Burg, Rondric Hellfeuer. Alexander brachte sein Pferd noch auf der Straße zum Stehen und stieg ab, als zahlreiche Stallburschen und junge Rekruten herbei eilten, um sich ihrer anzunehmen. Als er seinen Rucksack einem der Burschen in die Arme gedrückt hatte, ging er auch schon in Richtung von Burg Mardenholde, dicht gefolgt von Maria und Ian. Ein wenig hob sich Alexanders Stimmung, als er Mütter sah, die ihre Söhne in die Arme schlossen, als er jubelnde Soldaten sah, die ihre heim kehrenden Kameraden begrüßten. Liebe zu seiner Heimat wallte in ihm auf. Gemeinsam überwanden sie so viele Hindernisse und Schicksalsschläge, die ihnen diese Welt auf ihrem Weg ins Licht in den Weg legte. Die Untoten, die Seuche, Hunger und Entbehrungen hatten sie bisher nicht auslöschen können und das machte Alexander stolz.

Ja, da waren auch Schmerz und Verzweiflung und sogar Verdorbenheit und Wahnsinn. Er hatte es im Kloster in Tirisfal gesehen und hier ebenso. Doch der menschliche Geist hegte von Natur aus bereits Hoffnungen und Träume, strebte so oft nach mehr. Alex versuchte sich einzureden, dass es Siege nur selten ohne Opfer gab, dass die Welt nun einmal finster und hart war, das Dasein mühselig und traurig. Er glaubte nicht ans Licht. Zumindest nicht an dessen Omnipotenz. Aber wenn er es sich auch eingestand, zweifelte er sehr an einem endgültigen Sieg über die Untoten. Der Kreuzzug hatte einiges bewirkt, hielt tapfer durch, trotz so vieler Gefahren. Doch was konnten die wenigen Bastionen der Lebenden denn gegen ein ganzes Land voller Untoter ausrichten? Sie erkauften sich lediglich Zeit, so viel wie möglich. Doch der gestrige Tag hatte wieder einmal bewiesen, wie hoch der Preis sein konnte. Alexander sah sich um. Tiefempfundene Wiedersehensfreude und Schmerzensschreie vermengten sich, je nachdem, ob die Mütter, Väter und Geschwister ihre Lieben hoch zu Ross sahen oder ihr Fehlen schmerzlich erkennen mussten. Alexander schritt weiter, blieb erst vor der Hochinquisitorin stehen, wo er salutierte. Carmen Vermillion hatte lange, kupferrote Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. Grüne Augen richteten sich auf ihn, ein Blick brennend wie Netherfeuer. "Wo ist Inquisitorin von Nordtal?", verlangte sie ohne Umschweife zu erfahren. Alexander zwang sich, ihrem Blick zu begegnen. "Sie ist ins Licht eingetreten, Hochinquisitorin. Schwarzhain ist vorerst sicher. Doch der Preis war hoch." Die Hochinquisitorin sah an Alexander vorbei, warf einen Blick auf die verbliebenen Reiter, ehe sie zum Waffenmeister sah. "Die Pferde sollen gründlich nach Verletzungen abgesucht und anständig behandelt werden. Waffen und Rüstungen sollen so schnell wie möglich repariert werden. Leitet auch in die Wege, dass die neuen Rekruten rasch ihre Ausbildung beginnen können." Waffenmeister Hellfeuer nickte und machte sich daran, Befehle zu befolgen. Vermillion sah zu Ian und Maria. "Wegtreten!", schnarrte sie, ehe ihre grünen Raubtieraugen wieder auf Alex richtete. "Und Ihr kommt mit, Simmons. Ich verlange Details. Bei so hohen Verlusten ist es Euer Glück, dass Reinblut, Fordring und Isillien nicht da sind. Sie brachen gestern Abend gen Kloster auf. Aber sie werden wissen wollen, was passiert ist. Berichtet es mir." Sie sah zu ihrem jungen Lehrling. "Und du wirst Protokoll führen."

Vermillion führte ihn ins nur allzu bekannte Gewölbe von Mardenholde. Kerzenleuchter und Fackeln flackerten in kalten, düsteren Gängen und ihr Licht ließ Schatten unheilvoll an den Wänden tanzen. Das "Arbeitszimmer" der Hochinquisitorin war eine große Kammer mit zahlreichen Folterinstrumenten und einem Schreibtisch, wo sich nun Glandallus hin setzte, um genau festzuhalten, was Alexander berichten würde. Der Lehrling war ein blasser, schmächtiger Bengel, doch fanatisch loyal zum Kreuzzug. Er küsste den Boden unter den Füßen Vermillions und Alexander konnte ihn nicht besonders gut leiden. Die Hochinquisitorin fixierte ihn wieder mit ihrem Raubtierblick, während sie durch ihre Kammer schlenderte. "Erzähl, was bei Schwarzhain passiert ist, Simmons. Lass keine Details aus." Alexander verkniff sich ein genervtes Seufzen. Ihm wäre es lieber gewesen, alles schriftlich festzuhalten und einfach abzugeben. Aber er begriff natürlich, warum die verdammte Schlampe vor ihm unmittelbar nach seiner Rückkehr alles hören wollte. Der unverfälschten, frischen Wahrheit wegen. Fanatisches, irres Weibsbild. "Als wir Schwarzhain erreichten, stand es bereits schlecht um die Stadt. Über Vierhundert Untote drängten sich an die Palisade des Dorfes. Es war ein Wunder, dass die schiere Masse nicht die Tore nieder drückte. Johanna von Nordtal befand einen sofortigen Frontalangriff als zu riskant." Vermillion unterbrach ihn mit einem hässlichen, scharfen Schnalzen ihrer Zunge. "Inquisitorin von Nordtal", verbesserte sie ihn, als spräche sie mit einem Kind. "Weiter." Sie drehte ein Folterschüreisen in ihren Händen und Alexander musste einen Moment lang die Vorstellung, ihr besagtes Werkzeug in die Augenhöhle zu stecken, verdrängen. "Mit der Palisade im Rücken hätten wir es beim Manövrieren schwer gehabt. Die Untoten hätten die Reiter eingekesselt und nieder gemäht, den nachfolgenden Soldaten zu Fuß wären sie immer noch in einer enormen Überzahl begegnet. Inquisitorin von Nordtal schlug eine List vor. Sie würde mit den fünfzig Soldaten zu Fuß über die Fuhrt im Norden ziehen, den Thondroril überqueren und bei der Brücke südlich von Schwarzhain warten. Es war die Aufgabe der Reiter, mit einem kurzen Vorstoß in die Reihen der Untoten diese gen Brücke zu locken. Die Inquisitorin beharrte darauf, die Brücke zu halten, während sich die Reiter am Ostufer neu formieren würden." Nun hob die Hochinquisitorin eine Augenbraue, doch Alexander sprach einfach weiter. "Während sie die Brücke hielt, wurde die Inquisitorin von einem Todesritter erschlagen. Anschließend wendete sich das Blatt zu unseren Gunsten. Wir löschten sie allesamt aus."

"Details, Simmons", schnarrte die Hochinquisitorin. "Von Anfang an. Warum beharrte die Inquisitorin darauf, die Brücke zu halten?" Alexander unterdrückte mühsam ein Seufzen. "Sie behauptete, ihr Leben allzu gerne zu opfern, um Schwarzhain zu retten. Sie war der Meinung, langsam alt zu werden und deshalb dachte sie nicht an ihre eigene Sicherheit. All meine Versuche, sie davon abzubringen und an ihrer Stelle die Brücke zu halten scheiterten. Sie gab mir Befehle und diese musste ich befolgen." Er merkte, wie sich ein kalter Kloß in seinem Magen bildete. Vermillion bedeutete ihm mit einer kreisenden Bewegung der Hand weiter zu sprechen. "Wir warteten am Waldrand, westlich von Schwarzhain. Sobald wir das scharlachrote Banner auf der Brücke sahen, griffen wir an, in zwei aufeinander folgenden Reihen. Speere und Armbrüste kamen zum Einsatz, dann ritten wir mitten hinein. Als es zu gefährlich wurde, brachen wir aus und ritten gen Brücke. Wir hatten erfolgreich das Interesse der Untoten geweckt. Der Todesritter wollte es sich nicht entgehen lassen, uns zur Strecke zu bringen. Sie folgten uns. Kaum waren wir über die Brücke, zog Inquisitorin von Nordtal mit ihren fünfzig Soldaten auch schon los, die Untoten aufzuhalten. Sie hatten uns auf der Straße nach Osten neue Waffen bereit gelegt. Und obwohl wir keine Zeit vergeudeten, konnten wir die Inquisitorin und ihre Soldaten nicht rechtzeitig erreichen. Die Untoten waren erstaunlich schnell bei der Brücke. Die Schlacht tobte erbittert und obwohl die Brücke einen Engpass bildete, drängten die Untoten mit solcher Wucht nach vorne, dass die Inquisitorin und ihre Soldaten überrannt wurden. Es war eine Frage von Sekunden, doch..." Er musste schlucken, atmete tief durch, "Es reichte nicht. Die Inquisitorin schlug sich tapfer gegen den Todesritter, zerschmetterte ihm den Kiefer und verpasste ihm mit dem Schlagdorn ihres Hammers eine entscheidende Schwäche in der Rüstung, die wir später nutzten, als wir ihn erschlugen." Er breitete die Arme aus. "Ich bin Soldat, kein taktisches Genie. Aber ich weiß auch nicht, wie wir besser hätten vorgehen sollen. Die Inquisitorin bestand darauf, die Brücke zu halten. Sie ließ nicht mit sich reden. Sie gab mir Befehle und Verweigerung wäre Verrat." Er endete, starrte die Hochinquisitorin an, begegnete ihrem stechenden Blick und blinzelte nicht einmal. Nur das Kratzen der Feder über Pergament brach durch die Stille. Als der Lehrling fertig war, schickte die Hochinquisitorin ihn fort.
"Ein Sieg ist so oft ein Tag der Freude und Trauer zugleich" schnitt Vermillions eisige Stimme schließlich durch das Schweigen der Folterkammer. "Koste das erste und lerne, mit dem zweiten umzugehen, sonst wirst du niemals ein Anführer werden. Sondern ewig ein einfacher Soldat sein." Ihre smaragdgrünen Augen ruhten auf ihm und Alexander fröstelte es. "Wollt Ihr sonst noch etwas wissen, Hochinquisitorin?", fragte Alexander und bemühte sich, nicht genervt zu klingen. Plötzlich trat die Hochinquisitorin an ihn heran, dem Wolf gleich, der sich dem Reh nähert. "Eines möchte ich in der Tat noch wissen, Simmons", begann sie und packte sein Kinn, brachte ihren Mund nah an seinen. Die Berührung war eisig und fast fühlte sich Alexander, als stünde er erneut dem Todesritter und seinen widernatürlichen Künsten entgegen. "Fickst du genau so hart wie du kämpfst?"

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"Was ist denn mit dir passiert?", wollte Ian wissen, als Alex in die Taverne kam und sich neben ihm am Tresen nieder ließ und sich ein Bier bestellte. Alexander schüttelte nur den Kopf. "Sieht man es so deutlich?", fragte er seinen Bruder und trank gierig, kaum das der Krug vor ihm abgestellt wurde. Ian lachte kurz auf, musterte Alex ein wenig genauer. "Du siehst aus wie ein geprügelter Hund. Hat dich das Miststück gefoltert, um Informationen aus dir heraus zu bekommen? Hat sie Angst gehabt, du verschweigst etwas?" Alexander tat alles weh. Das verdammte Weib hatte darauf geachtet, ihn nicht sichtbar zu verletzen. Dennoch fühlte er sich wie durch den Fleischwolf gedreht. "Gefoltert, ja", knurrte Alexander und trank einen weiteren, kräftigen Schluck. "Aber anders, als du denkst." Ian hob erstaunt die Augenbrauen und verschluckte sich fast. "Laber nicht..." Er grinste, in Erwartung, sein Bruder würde nur einen Scherz machen. Doch als er sah, dass Alex nicht einmal ansatzweise lächelte, in seinen Augen nur absolute Müdigkeit stand, wurde er wieder ernst. "Wenn du dich wieder ins Kloster versetzen lassen willst, oder zur Abwechslung mal nach Tyr's Hand, sag Bescheid." Er klopfte seinem Bruder auf die Schulter, was Alexander zusammen zucken ließ. Er verzog das Gesicht. "Verrückte gibt es überall", antwortete er leise. "Ich erhol mich schon wieder. Bisher sind wir doch mit allem fertig geworden, oder?" Alexander nahm den Bierkrug in die linke Hand, ballte die rechte zur Faust und hielt sie seinem Bruder hin, der sofort die eigene Faust dagegen drosch. Dann aber sah er plötzlich einen warnenden Blick in den Augen seines Bruders und als er sich umwandte, sah er das Mädchen mit den nachtschwarzen Haaren steif durch die Reihen der anderen Soldaten schreiten. Kaum hatte er Isabelle erblickt, wurde sein Mund trocken und seine Laune verschlechterte sich noch mehr, obwohl er dies kaum für möglich gehalten hatte, nach der letzten Stunde im Kerker. Trauer lag auf ihrem Gesicht und gerade weil sie ihrer Mutter so ähnlich sah, tat es Alexander in der Seele weh. Ihr jüngerer Bruder folgte ihr. Tränen des Kummers rannen über sein blasses Gesicht. Alexander stellte den Bierkrug ab und drehte sich zu ihnen um, Ian tat es ihm gleich. "Schön, dass ihr beide einigermaßen heil zurück gekommen seid", begann Isabelle. Es lag kein Vorwurf in der Stimme und Alex wusste sofort, dass ihre Erleichterung ehrlich war. Ihm fehlten die Worte, seine Trauer und sein Mitgefühl auszudrücken und so nickte er nur langsam. John allerdings sah Alexander durchdringend an. "Du hast meine Mutter umgebracht, Alexander", stieß er schluchzend hervor.

Sofort erhob sich Ian vom Stuhl, doch Alexander war es, der beide Hände beschwichtigend hob. "John, bitte sag nicht so etwas", begann er, "Ich weiß, der Verlust schmerzt sehr. Ich vermisse sie doch auch. Aber ich schwöre, ich habe alles versucht. Aber es hat nicht gereicht. Eure Mutter war eine wunderbare, starke Frau und eine bemerkenswerte Kämpferin. Sie war ein Vorbild. Aber ich denke, Worte werden ihr einfach nicht gerecht, werden auch dem Kummer, den ich mit euch teile nicht gerecht." Ian nickte zustimmend. "Mein herzliches Beileid", sagte er, vor allem an Isabelle gewandt. "Sie wird niemals vergessen werden. Jeder muss irgendwann sterben, doch wenigstens ist sie nicht umsonst gestorben. Sie rettete Schwarzhain." John aber schüttelte nur mit dem Kopf. "Haltet doch eure verdammten Mäuler", spie er wütend hervor, die bernsteinfarbenen Augen funkelten glasig. Isabelle zuckte erschrocken zusammen. "John, rede nicht so!", begann sie vorwurfsvoll, doch ihr Bruder fuhr auch sie lautstark an. "Ich kann nicht anders", rief John und schluchzte erneut. Auf seiner Oberlippe und seinem Kinn vermischten sich Rotz und Tränen und seine Augen waren vom Weinen gerötet. "Aber unsere Mutter ist tot. Und es ist ihre Schuld!" Er deutete mit dem Kinn auf die beiden blonden Brüder. Sofort wurde auch Ian wütend, machte Anstalten, sich auf John zu stürzen, doch Alexander trat dazwischen. "Sie war auch meine Mutter", sagte Isabelle beschwichtigend. "Sie hat ihr Leben der Heimat gewidmet, war schon immer eine Kämpferin. Sie kannte die Gefahren." Sie streckte ihre Hand nach ihrem Bruder aus, doch dieser entzog sich ihr. "Ich habe mich umgehört", knurrte John. Fast alle Männer in der Taverne sahen zu ihnen. "Alexander hätte an Mutters Stelle die Brücke halten sollen. Hätte er es getan, wäre Mutter jetzt bei uns!" Alexander musste Ian bereits mit seinem Körpergewicht gegen den Tresen drücken, doch Johns Worte versetzten auch ihn in Rage. Er machte sich bereits genug Vorwürfe, doch so wie John es schilderte klang es beinah, als hätte er Johanna verraten und ans Messer geliefert. "Du hast keine Ahnung, wovon du redest, Mann", brüllte Alex, der selber zornig wurde, "Du warst nicht dabei!" Nun warf sich John auf ihn, schlug Alexander mit der Rechten gegen das Kinn. Ian war es nun, der Alex festhalten musste, denn Vernunft und Kummer wichen einer Wut, die abgebaut werden wollte. "Deine Mutter hat sich entschieden, die Brücke selbst zu halten", schrie Alexander und ballte die Fäuste, "Ich habe versucht, sie zu überreden, vergebens."

"Maria hat mir erzählt, was passiert ist", fügte Isabelle hinzu, stellte sich zwischen die beiden blonden Brüder und ihrem eigenen. "Ein Todesritter hat Mutter getötet und Maria, Alex und Ian haben ihn gemeinsam erledigt." John aber sah seine Schwester wütend an. "Wie kannst du sie noch verteidigen?", fragte er entsetzt und mit schriller Stimme, während ihm die Tränen über das Gesicht rannen. "Du und dein ach so toller Ian. Kannst es wohl kaum erwarten, dich von ihm vögeln zu lassen, was?" Isabelle ohrfeigte ihn so heftig, dass ihre Hand einen hochroten Abdruck auf seiner Wange hinterließ. In der Taverne war es absolut still geworden. "Dann habe ich also Recht", sagte John und Isabelle holte erneut aus, um noch einmal zuzuschlagen. Doch er streckte den gesunden Arm aus und fing ihre Hand ab. Ian und Alexander brodelten vor Wut, doch Isabelle, die immer noch zwischen ihnen stand, verhinderte, dass sich einer von ihnen oder direkt beide auf den jungen Soldaten stürzen konnten. Isabelle riss ihre Hand los. John starrte die Brüder wütend an, die Adern an seinem Hals hoben sich vor der blassen Haut ab. "John, du musst dich beruhigen", flehte sie leise. "Da spricht die Trauer aus dir. Und das ist normal. Aber die beiden können doch nichts dafür. Mutter hat entschieden, die Brücke selbst zu halten." Doch ihr Bruder schüttelte nur mit dem Kopf und spuckte den Brüdern vor die Füße. Ian und Alexander beruhigten sich indessen. Ian schüttelte traurig mit dem Kopf. "Wir haben so viel von ihr gelernt. Wir haben wirklich unser Bestes gegeben. Doch es war nicht gut genug. Es tut mir leid." Er sah von Isabelle zu John, deutete auf dessen Arm. "Alles." Alexander nickte zustimmend, sah aber an den Augen seines Gegenübers, dass die Worte wie schon zuvor nicht wirklich zu ihm durchdrangen. Er hatte die Schnauze voll. Die letzten vierundzwanzig Stunden waren schrecklich genug gewesen, da musste er sich nicht noch von einem dummen Jungen fertig machen lassen. Er verstand dessen Trauer. Doch andere hatten auch jemanden verloren. Ian und er hatten die eigenen Eltern als Untote gesehen und zur Strecke gebracht. John war wenigstens das erspart geblieben. "Wenn du dabei gewesen wärst, würdest du es vielleicht verstehen", sagte Alex monoton und leerte sein Bier, "Aber sei einfach froh, dass du nicht dabei warst. Sei froh, dass du es nicht gesehen hast." Er machte Anstalten, an den beiden vorbei zu gehen, um die Taverne zu verlassen. Doch John hielt ihn mit der gesunden Hand zurück. Er sah zu seiner Schwester. "Es tut mir leid, wie ich mit dir geredet habe, Schwester", begann er und sah dann wieder Alex an, "Aber nichts wird meine Meinung ändern. Du hast unsere Mutter getötet, genau so, als hättest du ihr das Schwert selbst durch den Körper gestoßen."

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Ein kalter Wind wehte durch die Straßen Herdweilers und Isabelle zog ihren Umhang fester um sich, während sich immer mehr Menschen der Prozession anschlossen, welche nun die Stadtmauer ansteuerte. Jeder Soldat vor Ort trug seine Rüstung und inmitten der Zivilisten stachen die roten Rüstungen besonders hervor. In ihre schwarz-goldene Rüstung mit den roten Verzierungen gekleidet führte Hochinquisitorin Carmen Vermillion die Kolonne an, hinter ihr schritten die rangniederen Inquisitoren und hinter jenen die überlebenden Soldaten der Schlacht um Schwarzhain. John stand steif und angespannt zu ihrer Linken, als der Zug sich näherte. Sie warf ihm einen Blick zu und sah, dass seine sonst so schönen Züge hart waren, als wären sie aus Stein gehauen. Er war in seine beste Tunika aus scharlachrotem Wollstoff gekleidet und hatte die Schlinge, in der er sonst den Arm trug, abgelegt. Seine Rüstung trug er nicht, eben weil er sich noch nicht in einer Schlacht verdient hatte. Sein Schwert hing an seiner Hüfte und er hatte die gesunde Hand auf den Knauf gelegt. Sie nahm seine Hand von der Waffe weg und hielt sie fest. Er runzelte die Stirn, doch als er den Kummer in ihren Augen sah, entspannte er sich. "Keine Sorge, Schwester", wisperte er, "Ich werde schon nichts Dummes anstellen."
"Das hatte ich auch nicht gedacht", erwiderte sie, nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Er drückte ihre Hand und wandte den Blick wieder den sich nähernden Menschen zu. Bei der Stadtmauer angekommen bildeten sie einen Halbkreis um die Hochinquisitorin. Die Innenseite der Stadtmauer von Herdweiler war seit Beginn des Krieges gegen die Untoten mit den Namen der Gefallenen verziert worden. Steinmetze hatten den ganzen Tag daran gearbeitet, die Namen der in Schwarzhain gefallenen Soldaten in die weißen Steine zu meißeln, gemeinsam mit dem Datum und dem Ort der Schlacht. Seit so vielen Jahren waren immer mehr Namen in die Mauer gemeißelt worden und Isabelle fragte sich, was passieren würde, wenn den Steinmetzen der Platz an der Mauer ausging. Die Hochinquisitorin wurde von den anderen Inquisitoren flankiert, zog eine Schriftrolle hervor und wandte sich an die zahlreichen Anwesenden.

"Wir haben uns hier versammelt, um zu trauern", begann sie mit beinah feierlichem Unterton, der aber die sonst so präsente Kälte in ihrer Stimme nicht ganz vertreiben konnte. "Denn wir haben Verluste erlitten, im Kampf gegen die Untoten, im Dienste des Lichts." Sie ließ den Blick wandern, von links nach rechts, durch die Schar der Anwesenden. "Doch sage ich, dass unsere Kameraden, unsere Kinder, Geschwister und Lieben es nun einfacher haben. Sie sind beim Licht. Besser tot als verdammt. All ihr Schmerz ist vorbei. Nun wachen sie über uns." Sie deutete hinter sich, auf die zahlreichen Reihen von Namen, die in die Mauer graviert wurden. "Und wir werden sie nicht vergessen, werden sie stets im Herzen tragen und weiter kämpfen, bis auch der letzte Untote fällt und jeder Makel aus Lordaeron getilgt ist. Das schwöre ich beim Licht." Und zahlreiche andere stimmten unisono ein: "Das schwöre ich beim Licht." Die Hochinquisitorin begann, die Namen der Gefallenen vorzulesen. Die Liste war lang. "Von ihnen blieb nur Asche. Zerstreut auf dem Land, das zu schützen sie schworen und für dessen Schutz sie starben. Sie retteten ein ganzes Dorf vor den Verdammten. Und allein dieser Zweck heiligt die Mittel." Isabelle spürte, wie der Griff ihres Bruders sich verkrampfte. "Ihr Leben gehörte der Heimat, dem Kreuzzug. Nun ist ihr Dienst vorbei. So oft ist der Weg ins Licht mit dem Blut von Märtyrern getränkt, doch müssen wir weiter achtsam sein, weiter Stärke zeigen und unseren Glauben bewahren, denn der Lohn von Nachlässigkeit ist die völlige Zerstörung, das absolute Ende allen Lebens. Doch der Glaube ist unser Schild, das Licht unsere Waffe. Mögen brennende Monster unseren Weg durch die Dunkelheit erleuchten, denn nur durch die Vernichtung unserer Feinde erlangen wir den Frieden." Isabelle merkte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, als einer der Inquisitoren vortrat und den Streithammer ihrer Mutter mit beiden Händen ausstreckte. "Das Erbe der Toten ist der Erfolg der Lebenden", rief die Hochinquisitorin, ehe sie ihren stechenden Blick wandern ließ. Auf ihr Geheiß trat Alexander vor, nahm dem Inquisitor den Hammer ab und kam auf sie und John zu. Sein Gesicht war vor Schmerz verzerrt. Sie spürte, wie John neben ihr erstarrte, als Alexander den Hammer hob und ihn ihrem Bruder darbrachte.

"Inquisitorin Johanna von Nordtal war die tapferste Frau, die ich kannte", begann Alexander mit leicht heiserer Stimme. "Das ist ihre Waffe. Und sie geht an dich weiter, John von Nordtal. Mögest du diesen Hammer mit Stolz tragen und dir mit ihm Ehre verdienen, wie es deine Mutter getan hat." John sah zum Hammer, dann blickte er Alexander trotzig an. "Ehre?", zischte er, "Weil sie starb, weil du es vermasselt hast, eine Vorgesetzte und Kameradin zu beschützen? Du hättest an ihrer Stelle stehen müssen. Hättest sie wenigstens rechtzeitig retten müssen. Du hast doppelt versagt, Alexander Simmons." Er spie die Worte förmlich hervor und die umstehenden Leute raunten leise.
Alexander zeigte kein äußeres Zeichen von Zorn, aber Isabelle nahm die schwelende, aus seinem Kummer entspringende Wut in seinen Augen wahr. Der scharlachrote Ritter hielt John noch immer den Hammer hin und Isabelle ließ die Hand ihres Bruders los, damit er ihn entgegen nehmen konnte.
"Sie war ein Vorbild, fast schon Familie, John", sagte Alexander mit zusammen gebissenen Zähnen. "Ich trauere ebenso um sie wie du. Ja, ich habe versagt. Vielleicht hätte ich sie irgendwie retten können. Aber so ist der Krieg nun einmal. Es gibt immer Verluste. Gute Menschen sterben und wir ehren ihr Opfer, indem wir weiterleben, kämpfen und ihr Andenken pflegen."
Isabelle wünschte, John würde den Streithammer ergreifen, doch ihr Bruder schien entschlossen, die Konfrontation in die Länge zu ziehen. Er weigerte sich vehement, den Hammer von Alexander entgegen zu nehmen. Die beiden starrten sich durchdringend an und am Liebsten hätte sie frustriert aufgeschrien. Doch stattdessen streckte sie die Hände aus und nahm Alexander den Streithammer ab, verneigte sich vor ihm und hielt den Hammer an den Leib gedrückt. Alexander sah sie verblüfft an. "Danke für deine Worte", sagte Isabelle und ihre Stimme klang trotz ihres Kummers kräftig und stolz. "Ich weiß, dass dir unsere Mutter viel bedeutet hat und ich weiß, dass sie diese Zuneigung erwidert hat. Deshalb tat sie wohl, was sie tat." Alexander nickte langsam. "Sie wird nicht vergessen werden", erklärte er mit belegter Stimme.

John stand reglos da, starrte gen Boden, als plötzlich die Hochinquisitorin neben Alexander stand. Die grünen Augen wanderten von Alex zu Isabelle, dann zu John. Natürlich hatten zu viele die Konfrontation mitbekommen. "Der Sieg braucht keine Erklärung und die Niederlage erlaubt keine", sagte sie streng an John gerichtet. John schnaubte verächtlich. "Sieg?" Er deutete auf die neuen Namen an der Mauer. "Noch so ein Sieg und wir sind verloren! Aber nur zu..." Mit der gesunden Hand zeigte er auf Alexander. "Gebt ihm ein paar Auszeichnungen. Oder ein eigenes Kommando, auf dass er für den Tod weiterer Soldaten verantwortlich ist." Er hatte den Satz kaum beendet, als Hochinquisitorin Vermillion auch schon auf ihn zu trat, seinen gebrochenen Unterarm packte und grausam herum drehte. John schrie auf, sackte auf ein Knie hinab. Vermillion ließ ihn los, nur um ihn mit der Rückseite des Panzerhandschuhs ins Gesicht zu schlagen. Der schwarzhaarige Junge fiel seitlich um und blieb als wimmerndes Häufchen Elend am Boden liegen. "Simmons hat sich als standhafter Soldat erwiesen", schnarrte die Hochinquisitorin. "Ein guter Soldat gehorcht, ohne zu fragen. Ein guter Offizier befiehlt, ohne zu zweifeln. Die Verluste sind tragisch, doch niemand hat etwas falsch gemacht. Und du solltest lernen, deine Zunge zu hüten, Junge." Die Hochinquisitorin wandte sich ab und nahm wieder ihre Position zwischen den Inquisitoren ein, in der Mitte des Halbkreises an der Mauer. Alexander hielt John die Hand hin, um ihm hoch zu helfen, doch er schlug die Hand fluchend beiseite. Isabelle half ihm vorsichtig hoch. "Zeit heilt nicht alle Wunden", wisperte Alexander. "Ich weiß das. Aber mit der Zeit wird es wenigstens etwas besser." Er wandte sich ab, gesellte sich wieder zu seinem Bruder. Isabelle stützte ihren schluchzenden Bruder. Während die Hochinquisitorin weitere flammende Worte von sich gab, sah sie zu John, dann zu den beiden blonden Brüdern. Ein eisiger Wind wehte durch die Straßen und die Sonne hatte den Horizont erreicht. Lange Schatten fielen auf die versammelten Menschen und auf die Namen an der Stadtmauer. Auf den Zinnen des Wehrgangs prangten die scharlachroten Banner, flatterten knatternd im Wind. Sie hoffte, dass die Dinge mit der Zeit tatsächlich wieder besser werden würden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 21. Dez 2014, 18:47 
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Alles tot. Die Klingen schweigen
Totenstill ist Wald und Flur
Am Himmel sich die Sterne zeigen
Trüb hinterm Seuchenschleier nur

Alles tot. Vergeblich lauschet
Man der hungrig Raben Schrei
Ein Klagelied der Wind nur rauschet
Die letzte Schlacht ist lang vorbei

Alles tot. Verfallene Hütten
Sind wie Gräber anzusehen
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehen.

Alles tot. Nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht
Heiße Tränen nieder tropfen
Auf die kalte Winterpracht

Alles tot. Nichts bleibt zurück
Muss alles schließlich einmal enden
Nur selten hat man jenes Glück
Das grausig Schicksal abzuwenden

Alles tot. Nur Schnee und Eis
Erblicken sie, die fröstelnd Wachen
Doch bald ist es Zeit, wie jeder weiß
Den alten Hass neu anzufachen

Alles tot. Der Schneesturm tobt
Als ob die ganze Welt gefriert
Und tausendmal sei hier gelobt
Dass es auch wieder wärmer wird

- Alexander Simmons, 'Winter'

Winter

Der Winter hielt Herdweiler in seinem eisigen Würgegriff. Jeder Tag war kürzer als der vergangene und es wurde immer kälter, bis der erste Schnee die Welt mit einer weißen Decke überzog. Der Scharlachrote Kreuzzug schickte sich an, die kalte Jahreszeit auszusitzen. Schwarzhain lieferte ihnen alle Vorräte, die sie entbehren konnten und Herdweiler bekam sogar Lieferungen von den Höfen im Nordwesten Tirisfals oder aus Tyr's Hand. Aaswurmfleisch war lange haltbar, wie der Kreuzzug rasch festgestellt hatte. Zwar schmeckte es nach nichts, doch es sättigte und darauf kam es an. Die Nahrungsmittel wurden sorgsam eingeteilt, niemand bekam mehr als nötig. Es waren Monate, in denen fast jeder immer einen knurrenden Magen hatte. Die neuen Rekruten wurden ausgebildet, während die Übergriffe der Untoten seltener wurden, je höher der Schnee lag. Hochinquisitorin Vermillion führte einige Soldaten nach Schwarzhain. Sie würden in dem Dorf überwintern, es beschützen und im Frühjahr zurückkehren. Für Alexander verging der Winter furchtbar langsam, das schlechte Wetter und die Kälte schlugen auf seine Laune. Der Wachdienst auf der Mauer oder die Patrouillen zwischen Herdweiler und dem nahen Wachturm waren keine Freude, bei eisigen Temperaturen und hohem Schnee. Die Freizeit verbrachte Alexander meistens in der Taverne, wo er sich bei guter Gesellschaft und etwas Alkohol die Knochen aufwärmen konnte. Er hatte stundenlang auf der Mauer gestanden und war heilfroh, nun einen Kamin in der Nähe und heißen Honigwein im Bauch zu haben. Gerade, als sich seine Laune endlich besserte, öffnete sich die Tür der Taverne und Maria trat ein, dicht gefolgt von John. Das Verhältnis zwischen John, Ian und ihm war nicht besser geworden, in den letzten Wochen. Zwar hatte John aufgehört, sie in der Öffentlichkeit zu beschimpfen, doch sein Blick war stets voller Kummer und Feindseligkeit. Die Tatsache, dass sein Arm wieder genesen war, half da auch wenig, denn die von ihm so sehr herbei gesehnte Feuerprobe im Angesicht der Untoten ließ auf sich warten. Selbst der Wachdienst auf der Mauer schien seinen Hitzkopf nicht wirklich abkühlen zu können. Nun lief er hinter Maria her, die hastig den Tresen ansteuerte. In seiner Hand hielt er etwas, doch Maria schien sehr darauf bedacht, es zu ignorieren. Es war eine Halskette.

Alexander zog unwillkürlich die Augenbrauen zusammen. Er musste überlegen, was überwog: Der kleine Stich der Eifersucht, die natürlich unbegründet war, oder der Ärger über die Tatsache, dass John hier offenbar ein Winterhauchgeschenk machen wollte, obwohl das Winterhauchfest eine Tradition war, die seit dem Fall Lordaerons nicht mehr gefeiert wurde. In einer Welt, wo lebende Tote herum liefen, war es schlicht und einfach nicht angebracht, Kindern Märchen über Altvater Winter zu erzählen und darüber, dass Wünsche wirklich wahr wurden. "John, bitte", hörte Alexander Maria murmeln, als sie sich durch den Schankraum schlängelte, "Ich kann das nicht annehmen." John aber schien sich davon nicht abbringen zu lassen. "Es war eine Kette meiner Mutter. Sie würde dir sehr gut stehen, Maria." Er versuchte, charmant zu klingen, klang aber eher flehend. Maria setzte sich neben Alexander auf einen Hocker am Tresen, drehte sich aber direkt um, zum jungen Mann mit den Bernsteinaugen. "Deine Schwester sollte diese Kette tragen, John. Ich weiß, dass du nur nett sein möchtest, aber ich werde dieses Geschenk trotzdem nicht annehmen. Du bist wie ein kleiner Bruder für mich. Mehr nicht." Alexander war bemüht, geradeaus auf den Tresen zu starren, doch das folgende Schweigen sprach für sich. Wären die anderen Gespräche im Schankraum nicht, hätte man wohl John's Herz brechen hören können. "Es tut mir wirklich leid, John", endete Maria nur und drehte sich zum Tresen um. Alexander nippte an seinem Becher Honigwein, schwieg weiterhin. "Du blöde, billige Schlampe", stieß John plötzlich wütend hervor und stieß mit einer Hand gegen Marias Rücken. "Aber den Halbaffen neben dir, den magst du?" Alexander zwang sich, weiter geradeaus zu schauen, obwohl ihm nicht gefiel, wie dieser Bengel mit Maria sprach. Die Beleidigungen an ihn hatte er längst zu ignorieren gelernt. Maria neben ihm spannte sich an. "John, du solltest dein Temperament zu zügeln lernen, sonst landest du im Kerker. Du hast ohnehin ziemliches Glück gehabt, bisher. Reiß dich mal am Riemen. Es ist ehrlich gesagt langsam nicht mehr auszuhalten, wie du dich benimmst. Und ewig hilft dir die Trauer nicht als Ausrede." Sie drehte sich nicht einmal um zu ihm, doch Alexander konnte an ihrem Tonfall, an das durch ihre Lippen gepresste Knurren erkennen, dass sie ziemlich sauer war.

Alexander atmete tief ein. Ihm lagen Worte auf der Zunge, aber er wusste, dass das die Situation nicht besser machen würde. Hinter sich hörte er John wütendes Schnaufen. Der Bengel war zwei Jahre jünger als Ian, benahm sich aber wie ein kleiner Junge. "Ihr beide also?", flüsterte John schließlich, nach einigen langen Sekunden des Schweigens. Als Maria und Alex es vorzogen, ihren Honigwein zu trinken, anstatt eine Antwort zu geben, schien dies für John Antwort genug zu sein. "Wenn du für diesen Barbaren die Beine breit machst, hast du diese Halskette wirklich nicht verdient. Ich hätte nicht gedacht, dass du so einfach zu haben bist, Maria." Maria stellte den Krug ab, ballte wütend die Fäuste und wollte sich umdrehen, Alexander aber war schneller. Am schnellsten war allerdings John, der noch während die beiden sich umdrehten und Alexander eine Faust nach oben schnellen ließ, kräftig gegen den Hocker trat, auf dem Alex saß. Die Wucht des Trittes zerschmetterte eines der Standbeine. Alexander fiel zu Boden, seine Faust sauste ins Leere. Marias Faust aber krachte gegen das Kinn des jungen Mannes und ließ ihn nach hinten taumeln. "Du spinnst doch total, Mann", fluchte Alex und stand auf. "Ich hab langsam die Schnauze voll", polterte der Wirt und hämmerte mit der Faust kräftig auf den Tresen. "Das ist das letzte Mal", brüllte er und deutete auf John. "Raus mit dir. Hier drin will ich dich nicht mehr sehen. Nächstes Mal sage ich dem Waffenmeister bescheid, er soll dich in den Kerker werfen." John rieb sich das Kinn, funkelte Maria und Alex wütend an. "Das wird nicht nötig sein", ertönte plötzlich eine Stimme hinter John. Waffenmeister Rondric Hellfeuer hatte die Taverne betreten. "Wer noch nicht voll genug ist und kämpfen kann, soll sich abmarschbereit machen. Auf dem Hof vom alten Dalson gibt es Ärger." Er deutete auf John. "Du Rotzbengel wirst mitgehen. Sammeln. Vor der Burg in zehn Minuten." Er warf John einen verächtlichen Blick zu, ehe er wieder nach draußen stiefelte. Alexander sah Maria an, die sich auch schon in Bewegung setzte, dem Waffenmeister nach draußen zu folgen und die Kaserne anzusteuern. "Untote?", fragte sie an Alex gewandt, als dieser sie draußen einholte. "Was denn sonst?", antwortete er und beeilte sich, in die Kaserne zu kommen. Dalsons Hof lag genau zwischen Andorhal und Herdweiler.

Sie hatten Ian geweckt, der Nachtwache geschoben hatte. Nicht einmal zehn Minuten nachdem der Waffenmeister in die Taverne gekommen war, stand ein einsatzbereiter Zug Soldaten vor Burg Mardenholde und wartete auf Informationen und Befehle. "Eine Patrouille unter Markos Merizius, insgesamt zwölf Mann, sollten die Straße gen Andorhal entlang patrouillieren", erklärte ihnen Galvar Reinblut und schritt vor ihnen auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sein Blick war eisern, die Stimme laut und schneidend wie die Kälte. "Sie hätten längst zurück sein sollen. Sind sie aber nicht. Ihr werdet herausfinden, was der Grund für ihre Verspätung ist, wo sie abgeblieben sind. Simmons übernimmt das Kommando." Er nickte Alexander zu, der sofort ein kaltes Gefühl in der Magengegend bekam und sich direkt wieder zurück in die Taverne wünschte, wo heißer Honigwein dagegen Abhilfe schaffen konnte. Das Kommando zu haben erinnerte ihn an Schwarzhain. Doch der Blick des Kommandanten duldete keine Widerrede. Alexander salutierte. "Abmarsch", rief er, noch ehe der Kommandant dies tun musste. Er setzte sich in Bewegung und die vierzig Soldaten bildeten eine Kolonne und folgten. Während sie durch die Straßen in Richtung der Stadttore schritten, versuchte Alexander das ungute Gefühl nieder zu ringen. Er musste an Vermillions Worte denken: "Ein Sieg ist so oft ein Tag der Freude und Trauer zugleich. Koste das erste und lerne, mit dem zweiten umzugehen, sonst wirst du niemals ein Anführer werden. Sondern ewig ein einfacher Soldat sein." Er musste an Johanna denken. Ihr Tod schmerzte noch immer, obwohl so viele Wochen vergangen waren. Aber Alexander musste sich auch die Frage stellen, ob er überhaupt mehr sein wollte, als ein einfacher Soldat. Aktuell war er Leutnant, aber nun das zweite Mal unsanft in eine wichtige Position gerückt worden. Sie ließen die Tore hinter sich, stiefelten mit knarzenden Schritten die Straße entlang, gen Wachturm. Ihm fielen Worte seines alten Mentors, Hochinquisitor Tremayne ein: "Ein Soldat hat die Verantwortung mit seiner ganzen Kraft und seinem Leben für die Sicherheit der Menschheit zu sorgen. Ein Offizier hat sogar eine noch größere Verantwortung. Für die Sicherheit der Menschheit zu sorgen, für die seiner Soldaten. Und dabei muss er genau wissen, wann eben dies nicht möglich ist." Wollte Alexander diese Verantwortung? Würde er damit klar kommen? Hatte er überhaupt eine Wahl? Mit einem Mal fühlte er wieder diese Last auf den Schultern, fühlte sich, als ob seine Stiefel mit Blei gefüllt wären. Die Straße gen Süden wirkte wie ein klaffender Schlund in den Rachen einer Bestie. "Vorwärts, Marsch!", brüllte er lautstark und steigerte sein Marschtempo, so gut es der Boden zuließ. "Möglicherweise können wir Untote zerlegen, noch bevor die Sonne untergeht!"


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 31. Dez 2014, 03:46 
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Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden, als die scharlachroten Soldaten ihr Ziel erreicht hatten. Alexander nickte Ian und Maria zu, als sich die Gestalten von John und Raja aus den Büschen schälten und sich durch das dichte Unterholz näherten. Beide bewegten sich völlig lautlos. Ihre Fähigkeit, sich flink und ungesehen zu bewegen machte beide zu ausgezeichneten Spähern. Wenigstens hier gehorchte John ohne zu schimpfen oder zu zögern. Raja war eine Jägerstochter aus Andorhal, trug nur dunkles Leder, einen Bogen und ein Kurzschwert. In den wilden Schlachten hielt sie sich eher zurück, doch hatte sie mit ihrer Aufklärung schon so manche Schlacht entschieden. John hatte seine schwarzen Haare unter einer roten Kapuze, trug nur gepanzerte Schultern und ein Kettenhemd, ansonsten nur dickes Leder. Zwar war er nicht so fähig wie Raja, aber fähig genug. Beide hatten sich Dalson's Hof aus nordöstlich -und nordwestlicher Richtung genähert. Die beiden Kundschafter gesellten sich wieder zum Rest des Zugs, der im Schutz der Bäume auf der Lauer lag. Das Gelände südlich vom Holzfällerlager war hügelig und zum Bauernhof hin absteigend. Oft hatte es Scharmützel in dieser Gegend gegeben. Einst, als Ian, Maria und er nach Herdweiler verlegt wurden, kam es hier zu einem erbitterten Überlebenskampf, bei dem auch Alex' alter Mentor, Hochinquisitor Tremayne sein Leben ließ. Danach hatte Alex nie wieder als Folterknecht oder Scherge eines Inquisitors gearbeitet, sondern war zu einem reinen Soldaten geworden, obwohl er noch immer das schwarze "I" auf dem linken Oberarm tätowiert hatte. Gelächter wurde vom Wind heran getragen. Untote aber lachten nicht so. Was ging dort vor sich? Alexander betete, dass es noch eine Chance für die Soldaten unter Markos Merizius gab. "Was habt ihr gesehen?", fragte er, als beide Kundschafter nah genug waren, sein Flüstern zu verstehen. John bedeutete Raja mit einem Nicken, zuerst zu sprechen und die Frau mit den kurzen, roten Haaren neigte den Kopf, ehe sie sprach: "Fünfzig, Sechzig Leute. Banditen. Einige tragen noch alte Rüstungen der Stadtwache. Ein bunter Haufen. Ein verkommener Haufen. Habe lange nicht mehr so eine große Gruppe gesehen." Alexander runzelte die Stirn. In den Anfangstagen, nach Lordaeron's Fall, waren solche Räubergruppen oft anzutreffen gewesen. Aber heute, Jahre später, waren Überlebende außerhalb des Kreuzzugs eine Seltenheit. "Wie sind diese Kerle bewaffnet? Wie geht es Merizius und seinen Leuten?"

Raja bedeutete John mit einem Blick, das Wort zu ergreifen. "Die haben Schwerter, Äxte, Hämmer, Bögen. Merizius und seine Leute sehen schlimm aus, wurden vorhin in die Scheune gebracht. Noch leben sie. Wir müssen uns beeilen, damit es auch so bleibt." Alexander ignorierte den bissigen Unterton und den ungeduldigen, anklagenden Blick seines Gegenübers und sah in die Runde. "Und wir werden uns beeilen. Aber ich will da auch nicht einfach rein stürmen. Wir werden uns aufteilen. Maria", er sah zu der Soldatin mit den langen, weißblonden Haaren, "Du wirst mit einer Hälfte des Zuges aus nordöstlicher Richtung angreifen. Versuch, die Scheune so lange es geht als Deckung zu nutzen. Aber greif erst an, wenn du uns kämpfen hörst. Oder mein Signalhorn. Schnapp dir zwei Gruppen und mach dich auf den Weg, halte dich bereit. Mit etwas Glück fallt ihr denen schön in den Rücken und wir nehmen die ordentlich in die Zange. Wir anderen näher uns aus westlicher Richtung, von den Wassertürmen und den Silos her. Dann drehen die meisten euch hoffentlich den Rücken zu." Maria nickte und machte sich auch schon auf den Weg zum Rest des Zugs, wo sie die Gruppen von Liam Smith und Alan Malloy mit sich nahm. Gute Kämpfer, die Alexander, Maria und Ian noch aus ihrer Zeit im Kloster kannten. Alexander nickte Ian und John zu, ehe er Edward Drake und Leopold Beck mitsamt ihren Gruppen heran winkte. Dann trennten sich die Gruppen, setzten sich in Bewegung. Die Nacht brach herein und im Schutz des Zwielichts schlichen sie näher an den alten Bauernhof heran, hielten sich lange genug im Schutz des Unterholzes, bis sie sich genau westlich vom Hof befanden. "Wir marschieren da nun raus und ich versuche, mit denen zu reden. Sollen die sich gen Silberwald oder Alterac verpissen. Noch ist keinem etwas passiert. Wäre schon, wenn es so bleibt. Allerdings glaube ich nicht daran. Wenn es also los geht, macht reichlich Krach, damit die auch ja schön auf uns achten." Ian, John und Leopold nickten bei seinen Worten. Er konnte den dreien und den anderen Soldaten ablesen, dass jeder Einzelne darauf brannte, die Gefangenen zu befreien. Sie wussten, was sie zu tun hatten. "Dann mal los. Für den Kreuzzug und für Lordaeron" Alexander verließ den Wald, schlich sich raschen, geduckten Schrittes zum alten Zaun, ehe das Getreidesilo einen guten Sichtschutz darstellte. Als er zur Scheune und dem Haus sah, sah er jedoch, wie sich dort ein Großteil der Marodeure versammelt hatte. Und wie die Gefangenen wieder aus der Scheune gezerrt wurden und sich aneinander gereiht hinknien mussten. "Das sieht nicht gut aus", wisperte Ian neben Alexander. Dieser nickte nur, beschleunigte seine Schritte und stiefelte, von den anderen gefolgt, durch die Reihen gammeligen Getreides in Richtung der Menschenansammlung. "Haltet ein!", rief Alexander laut. "Niemand muss heute zu Schaden kommen."

Waffen wurden gezückt. Markos Merizius und seine Leute knieten mit Blick in ihre Richtungen und hoben nun allesamt die Köpfe. "Ganz ruhig, Leute", rief einer der Marodeure und schulterte seinen Streitkolben, hob eine Hand und grinste breit. "Da kommen ja noch mehr. Hätte gedacht, der Scharlachrote Kreuzzug bunkert sich im Winter immer feige ein. War nicht beabsichtigt, auf unserem kleinen Spaziergang jemanden zu treffen." Der Mann hatte sehr kurze Haare, die er wohl regelmäßig rasierte. Er war gut einen Kopf größer als Alexander, schätzte dieser und muskulös genug, mit seinem Streitkolben hässliche Dinge anzustellen. Zweifellos war er der Anführer, denn alle anderen seiner Bande hielten den Mund, senkten ihre Waffen, ohne sie jedoch weg zu stecken. "Die paar hier waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, genau wie ihr jetzt auch." Das breite Grinsen bekam eine besonders abschätzende, spottende Note. "Du bist der Anführer, Blondie?", fragte er an Alexander gerichtet. Dieser nickte. "Tja, dann wette ich, wird es hier bald verdächtig nach Urin riechen", sprach der Anführer der Marodeure lachend weiter. "Ihr werdet so unglaublich bereuen, uns auch noch über den Weg gelaufen zu sein, oh verdammt, und wie ihr das werdet." Einige seiner Leute entfernten sich von der Gruppe, versuchten, Alexander und seine Leute einzukreisen. Folglich würde es wohl eher nicht friedlich enden. Was Alexander in diesem Fall aber nur Recht war. "Ich bin Max", erklärte der Anführer mit seinem Dauergrinsen nur. "Und ich würde vorschlagen, Blondie... du und deine Jungs lasst schön die Waffen fallen und ergebt euch. Sonst wird es nämlich nicht nur nach Urin stinken, gleich." Max lachte auf, schritt hinter der knienden Reihe der Gefangenen auf und ab. "Ihr seid uns nun einmal über den Weg gelaufen und das nutzen wir dann eben aus. Wir nehmen eure Rüstungen, wir nehmen Eure Waffen. Die Damen nehmen wir auch mit denn..." Er zuckte lachend die Schulter. "Ab und an muss man eben mal einen weg stecken. Und ich bin sicher, einige von euch geben auch guten Proviant ab." Alexander lief es eiskalt den Rücken runter. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Dieser Mistkerl sprach von Vergewaltigung und Kannibalismus, als wären es die normalsten Dinge der Welt. Im Plauderton setzte Max seine Rede fort, während sich seine Leute langsam um Alex und seine Leute verteilten.

"Ich weiß, dass ist schwer zu verkraften. Aber ihr seid echt gefickt. Und ihr werdet noch härter gefickt, wenn ihr nicht kooperiert und uns gebt, was wir wollen." Max grinste breit und trat einem der knienden Soldaten gegen den Rücken, nur um ihm dann in die Haare zu greifen und wieder zurück auf die Knie zu zerren. "Ihr seid nun einmal hier. Und damit gehört ihr uns. Aber leider, leider haben diese paar sich schon sehr gewehrt, als sie uns über den Weg liefen. Ich hoffe, ihr seid so klug und macht dies nicht. So oder so... eine kleine Bestrafung ist fällig." Mit diesen Worten nahm er seinen Streitkolben von der Schulter und sah wieder zu Alexander. "Versteht mich nicht falsch: Ich stehe nicht auf das, was nun hier abgeht. Aber wir leben in einem Land voller Untoter! Und wenn man Hunger hat, muss man eben essen. Tröstet euch: Wir werden nicht mehr von euch schlachten, als wir essen und als Proviant mitnehmen können. Es werden also einige von euch mit voll geschissenen Hosen zurück zu Mami laufen können." Er schlug sich mit dem Streitkolben in die freie Hand. "Ich werde nun die Scheiße aus einem dieser Leute heraus prügeln. Und wenn du und deine Leute nicht bald die Waffen fallen lasst, wird es nicht bei einem bleiben." Er sah auf die zwölf Soldaten vor sich. "Welchen nehme ich nur?" Max sah einen Augenblick nachdenklich drein, ehe er laut loslachte, mit dem Finger auf den Mann zeigte, der ganz links kniete. Dann zählte er ab, wobei sein Finger mit jeder Silbe zur nächsten Person huschte und am Ende der Zwölfer-Reihe wieder zurück. "Ene mene mopel. Wer frisst Popel? Süß und saftig. Für ein Silberstück und achtzig. Für ein Silberstück und zehn. Und du musst gehn!" Der Finger kam zu Ruhe. Direkt auf Markos Merizius gerichtet. "Gehen wir doch einfach getrennte Wege und gut ist", rief Alexander, doch Max lachte nur. "Ihr habt sechzig verfickte Leute, die euch umzingeln. Halt du mal schön die Fresse, Blondie, sonst lege ich euch aus purem Trotz um." Alexander hatte die Nase voll. Diese Mistkerle wollten es so. Sie hatten es nicht anders verdient. "Angriff!", brüllte er aus voller Kehler. "Macht sie nieder!" Dann setzte er sich auch schon in Bewegung, in Richtung Max. Er rannte durch das Feld aus gammeligem Weizen und Unkraut, doch einige der Marodeure stellten sich ihm in den Weg. Dem ersten schlug er die schartige Klinge beiseite, nur um mit der Rückhand dessen Hals aufzuschlitzen.

Doch Max wartete nicht, bis Alexander ihn erreichte. Sein Streitkolben sauste nach unten, direkt auf die Schädeldecke des Paladins. Der Schädel knackte, wurde eingedellt und durch die pure Wucht des Aufpralls quoll eines seiner Augen fast vollständig aus der Höhle und Zähne brachen. Max lachte schallend auf. "Boah, guckt mal, Leute. Er hat den Schlag wie ein echter Held weg gesteckt. Aber sein Schädel ist voll zerschmettert. Und guckt euch mal das Auge an. Voll eklig." Er brüllte vor Lachen, schlug sich mit der freien Hand auf den Oberschenkel. Die Marodeure, die nicht von den scharlachroten Soldaten attackiert wurden, stimmten in das Lachen ein, während sie ihre Waffen hoben. Alexander parierte einen wuchtigen Schwerthieb, während Ian an seiner Seite sofort den Zweihänder nach vorne stieß und Alex' Angreifer in die Magengrube rammte. Alexander sah, wie der Streitkolben des Anführers der Marodeure erneut auf den Schädel des Paladins krachte und sein Zorn, der bereits heiß wie ein Schmiedefeuer glühte, drohte, ihn zu überwältigen. Er spürte, wie ein roter Nebel sich über ihn zu senken schien. Doch Alexander war kein Narr, er verwandelte die Wut in kalten, beherrschten Zorn. Ein wortloser, wilder Schrei des Hasses brach von seinen Lippen und er drehte einem weiteren Marodeur die Klinge aus der Hand, während er einfach weiter rannte und dem Mann die gepanzerte Faust gegen den Kehlkopf rammte. Erstickend ging der Mann zu Boden und Alexander eilte auf Max zu. Gleichzeitig sah er aber auch, wie Maria und ihre beiden Gruppen angelaufen kamen, hinter der Scheune hervor und zwischen Haus und Scheune. Rechts von Alexander drosch Ian immer wieder brutal gegen den Morgenstern eines Marodeurs, bis dessen Waffenarm schließlich müde nach unten sackte und Ian ermöglichte, ihm die Klinge tief in die Schulter zu graben. John war nicht weit von Alexander entfernt, seine flinke Klinge beschrieb Finten und versenkte sich immer wieder in Fleisch, wenn sich ein Marodeur in seinen Weg stellte. Vor Alexander fiel Markos Merizius mit aufgeschlagenen Schädel in den roten Schnee. Max sprang Alexander lachend entgegen und parierte dessen ersten Schwerthieb mühelos mit dem Streitkolben, ehe er nach Alex' Knie trat. Doch dieser wich rasch aus, versuchte, die Klinge tief in Max' Seite zu schlagen. Doch auch dieser sprang beiseite und eine Weile umkreisten sie sich. Dann hatten Maria und ihre zwei Gruppen das Getümmel erreicht. Hastig wurden die Fesseln der verbliebenen elf Gefangenen gelöst und hastig schnappten sie sich Waffen der Gefallenen. Bald wurde das Feld vor Dalsons Hof zu einer blutigen Arena aus rotem Schnee.

Max machte einen Ausfallschritt, täuschte einen Schwung gen Hüfte an, ehe er den Streitkolben aufwärts nach oben riss, noch einen Schritt auf Alex zu machte und versuchte, seinen Kopf zu erwischen. Es war John, der sich seitlich gegen Alex warf und ihn so rasch außer Reichweite des Streitkolbens brachte. Er schaute John verwundert an, der nur kurz ein Schulterzucken andeutete, ehe er sich wieder ins Getümmel warf und einen der Marodeure die Klinge durch das Auge ins Hirn trieb. "Lordaeron!" brüllte Alexander und dutzende von Kehlen nahmen seinen Kampfschrei auf. Er sah, wie Alan Malloy seinen Morgenstern hin und her schwang und zwei Marodeure auf Distanz hielt, ehe sich Leopold Beck hinzu gesellte und einem der Kerle die Schwertlanze tief in den Oberschenkel stieß und sie herum drehte, bis der Mann schreiend zu Boden ging und sein Bein umklammerte. Dem anderen schlug Alan kräftig gegen den Kopf, wobei sich einer der Stachel seines Morgensterns durch das Ohr in den Kopf grub. "Macht sie fertig", brüllte Max, doch seine zuvor süffisante Stimme war panisch geworden. Alexander folgte ihm wie der Wolf dem verwundeten Reh und fällte jeden Marodeur, der sich ihm in den Weg stellte, froh, endlich ungehemmt kämpfen zu können. Das Scheppern von Rüstungen und die Schreie von Verwundeten oder Sterbenden hallte über den ganzen Hof. Die ersten Marodeure suchten ihr Heil bereits in der Flucht. Alexander hatte Max endlich erreicht und schlug erneut nach ihm, ein wilder, horizontaler Hieb, den der Mann rasch mit dem Streitkolben blockte, doch diesmal reagierte Alex und warf sich nach vorne, wobei sich die Klinge tief in die linke Schulter des Mannes bohrte. Max brüllte vor Schmerzen, drosch den Streitkolben jedoch nach Alexanders Kopf. Durch dessen Nähe konnte er nur wenig Schwung holen, andernfalls hätte es dem scharlachroten Soldaten wohl das Leben gekostet. So trug er nur eine Platzwunde an der Stirn davon, taumelte nach hinten. Max aber setzte nach, drosch Alexanders Schwert beiseite, ehe er den Streitkolben von oben auf seine rechte Schulter schmetterte. Der Schulterpanzer bewahrte Alexander wohl vor einem Leben als Krüppel. Dennoch wurde das Metall eingedellt und brach und ein Metallsplitter der Rüstung bohrte sich tief in die Schulter. Alexander schrie auf, fiel nach hinten in den Schnee. "Ich hab doch gesagt, ihr werdet es bereuen, uns über den Weg gelaufen zu sein, du verfluchter Hurensohn!" Lachend holte Max mit dem Streitkolben aus, bereit, Alexander den Schädel einzuschlagen. Dann schlug der Blitz ein.

Wie ein Speer, der von Tyr persönlich geworfen wurde, knallte ein knisterndes, grünweißes Energiebündel mitten im Kampfgetümmel in den Boden. Der Strahl explodierte und Scharlachrote wie Marodeure wurden durch die Luft geschleudert, als seine unheiligen Energien sie durchfuhren. Der Gestank von verbranntem Fleisch hing in der Luft und Alexander blinzelte die grellen Nachbilder weg. Max war von der Druckwelle über ihn hinweg geschleudert worden. Entsetzt betrachtete er das Vernichtungswerk. Ein weiterer Lichtblitz fuhr krachend in die Erde. zog eine gezackte Spur der Verwüstung und tauchte die Szenerie in taghelles Licht. Schmerzensschreie hallten und Menschen wälzten sich panisch im Schnee, nachdem die Hitze der Blitze ihre Kleidung oder Wappenröcke in Brand gesetzt hatte. Denen, die zu nah an den Einschlagspunkten gestanden hatten, hatte die unheilige Macht die Beine zu Stümpfen weg gebrannt. Alexander sah Leopold Beck brüllend am Boden, unterhalb der Knie war nichts mehr von seinen Beinen übrig. Sogar seine Lanze hatte sich vor der Hitze verformt, war an seinen Panzerhandschuhen fest geschmolzen. Rasch sah Alexander sich um und erkannte auch die Quelle dieser unheiligen Macht. Aus dem Süden, aus Richtung Andorhal, drangen Dutzende von Skelettkriegern und Magiern auf den Hof. "Geißel!", brüllte er so laut er konnte gegen die Schmerzensschreie und das Kampfgetümmel an. Lautlos und unheimlich synchron stapften die Skelette durch den Schnee. Alexander mühte sich ab, wieder auf die Beine zu kommen, als Max ihm gegen die Brust trat. "Vorher mach ich dich noch kalt, Blondie." Er holte seitlich mit dem Streitkolben aus, doch ehe er zuschlagen konnte, war Maria hinter ihm und schmetterte ihm die eigene Waffe auf den Kopf, dass seine Augen aus den Höhlen sprangen und Alexander Blut und Zähne entgegen flogen. Beim Anblick der Untoten nahmen die restlichen Marodeure nun vollends die Beine in die Hand und suchten ihr Heil in der Flucht. Alexander schätzte, dass über die Hälfte erschlagen worden war, nur knapp zwei Dutzend schlugen sich nun nach Westen, in den Wald. Ein rascher Blick verriet ihm auch, dass zwar auch einige Scharlachrote Soldaten gefallen waren, sie aber noch immer einen fast kompletten Zug von über vierzig Soldaten hatten. Doch die Untoten, die da langsam, wie gespenstische Marionetten durch den Schnee stapften, waren fast genau so zahlreich. "Wer ein Schwert hat, soll die Leichen ausreichend in Stücke schlagen", rief Alexander und löste die Riemen seines zerschmetterten Schulterpanzers. Blut lief seinen rechten Arm hinab, die Wärme fühlte sich angesichts der kalten Umgebung besonders unangenehm an. "Ich will nicht noch mehr unangenehme Überraschungen erleben. Verteilt euch, damit den Magiern möglichst wenig Angriffsfläche geboten wird. Diese sollten auch möglichst rasch erschlagen werden!"

Die Soldaten gehorchten. Alexander sah, wie Ian grimmig seinen Zweihänder nieder sausen ließ. John, Edward und Liam machten es genau so. Zwar sah er keinen Todesritter, doch wollte er bei den Skelettmagiern unbedingt auf Nummer Sicher gehen. Langsam, fast gemütlich stapften die Skelette durch den Schnee, bahnten sich einen Weg durch die kümmerlichen Reste des alten Zauns und kamen näher, durch die verschneiten Reihen alter, vergammelter Maispflanzen. Alexander atmete tief durch, kämpfte gegen die Schmerzen an, sog scharf die Luft ein, ehe er brüllte: "Ich hab euch doch gesagt, dass wir heute noch Untote zerlegen, oder?" Einige Soldaten lachten grimmig und Alexander bleckte in freudiger Erwartung, in grimmigem Zorn die Zähne, streckte sein Schwert nach vorne. "Dann los! Oder seid ihr müde? LOR-DAE..." Und ein ganzer Zug aus über vierzig Soldaten drosch sich synchron eine Faust gegen die Brust und brüllte: "RON!" Dann stürmten sie auch schon los. Die Untoten hatten den hohen Mais fast völlig hinter sich gelassen und das alte Getreidesilo wurden umgangen. In einer gut verteilten Reihe stürmten die scharlachroten Soldaten ihnen entgegen. Alexander zählte die Skelettmagier. Es waren acht Stück. Diese schleuderten nun grüne Kugeln aus unheiliger Energie nach vorne. Alexander sah, wie John sich auf den Boden warf, eine der Kugeln über ihn hinweg sauste und in eine Baumkrone hinter ihnen einschlug, haufenweise Schnee zu Boden prasseln ließ und den Baum spaltete wie ein Blitzeinschlag. Maria richtete eine Hand nach vorne und Licht erhellte die Szenerie, als die grüne Kugel, die sie hätte treffen müssen in harmlose, grüne Funken zerfaserte. Doch nicht jeder konnte den unheiligen Zaubern ausweichen. Ein Soldat wurde am Arm getroffen und das magische, grüne Feuer schmolz Rüstung, Fleisch und Knochen wie Kerzenwachs, hinterließ nur einen rauchenden, schwarzen Stumpf. Gellende Schreie hallten über das Feld. Ein anderer Soldat wurde mitten im Gesicht getroffen und der Helm floss wie flüssiges Silber über das Gesicht, hinterließ eine schaurige Schädelmaske. Dann prallten beide Truppen auf einem Feldweg zwischen den Feldern aufeinander. Alexander riss sein Schwert von oben durch morsche Knochen und links und rechts von ihm tat man es ihm gleich. Alan Malloy's Morgenstern brach Knochen wie dürre Zweige, Edward Drake warf sich mit seinem Schild gar in eine ganze Gruppe aus Skeletten und sein Hammer brach Rippen und Kiefer, wo immer er einschlug. Liam Smith Axt schlug durch Knochen fast so mühelos wie durch Luft.

Eigentlich hätte der Kampf sofort vorbei sein können, doch die Untoten Magier waren mächtig. Knisternde Schilde schützten sie vor Schaden, mit Bewegungen ihrer knöchrigen Finger beschworen sie einen eisigen Wind herauf. Rechts von sich sah Alexander einen Soldaten direkt durch eine Berührung des Magiers gefrieren, wie zu einer Statue erstarren. Mit einem dämonischen, blauen Leuchten in den Augen kippte der Skelettmagier den Mann um, der durch den Aufprall in mehrere Stücke zerbrach. Links von sich sah er, wie einer der Magier John angriff und seine Kehle packte. Er musste an Johanna's Kampf gegen den Todesritter denken und rasch warf er sich dazwischen und seine Klinge prallte zischend gegen den magischen Schild. Wieder und wieder schlug Alexander auf den Magier ein, bis der Schild endlich in blaue Funken zersprang und das Schwert die Knochenhand abschlug. John taumelte mit vor Schock geweiteten Augen zurück und fiel in den Schnee, heftig nach Luft schnappend. Doch Alexander sah keine sichtbare Verletzung. Rasch riss er die Klinge zurück und zerschmetterte den Schädel des Skelettmagiers, der in einer kleinen Druckwelle aus unheiliger Energie und blauem Feuer zersprang. Der eisige Wind machte ihnen zu schaffen, verlangsamte sie. Die Magier beschworen einen regelrechten Blizzard herauf. Alexander sah, wie Ian sich gegen den eisigen Wind stemmte und den verzauberten Zweihänder in das Manaschild eines der Magier drückte. Der Schild knisterte, ebenso die glühende Klinge. Kurz schien es, als würde das Glühen abebben. Eiskristalle bildeten sich auf Ians Rüstung. Er brüllte laut gegen den Wind an, doch ob vor Schmerz oder Zorn vermochte Alex nicht zu sagen. Dann aber setzte sein Bruder sich durch, der Schild zerfaserte in Funken und Ian schlug dem Magier die Beine entzwei und stampfte mit dem Plattenstiefel auf dessen Schädel. Alexander wurde Zeuge, wie Skelett um Skelett zerschlagen wurde, während sich die Magier jedoch als unglaublich zäh heraus stellten. Sie schleuderten Speere aus Eis auf die angreifenden Soldaten und so einige wurden durchbohrt und starben einen qualvollen Tod. Alexander merkte, wie er müde wurde. Der Tag war lang gewesen, ebenso der Kampf. Und die Wunde in der Schulter und der Blutverlust machte es nicht besser. Doch die Zeit, die Wunde zu verbinden, hatte gefehlt. Er sah sich nach Maria um, die einen konzentrierten Lichtblitz benutzte, um eines der Schilde eines Skelettmagiers unschädlich zu machen, ehe ihr Streitkolben die unheilige Kreatur in einen Haufen Knochenmehl verwandelte.

Fünf Skelettmagier waren noch übrig. Rasch wurden sie von den verbliebenen Soldaten eingekreist und mit wilden Schlägen solange bearbeitet, bis die Manaschilde nachgaben und die Kreaturen ihr unheiliges Leben aushauchten und zu Splitter und Staub geschlagen wurden. Alexander sackte in den Schnee und schnappte nach Luft, völlig entkräftet. Der Schneesturm, den die Magier herauf beschworen hatten, ebbte ab, doch die Kälte hatte einigen Soldaten bleibende Erfrierungen beschert. Er sah sich um und zählte. Fünfunddreißig Soldaten waren übrig. Und sofort tat es ihm weh, wieder so viele Verlust sehen zu müssen. Hatten sie gegen die Marodeure nur einige wenige verloren, hatten die Untoten jedoch ziemlich in ihren Reihen gewütet. Alleine die Blitze hatten ihren Tribut gefordert, die nachfolgenden Zauber ebenso. Ein Teil von ihm sagte sich, dass das eben die Bürde eines Anführers war. Ein anderer Teil aber flüsterte, dass es nur zwölf Tote gewesen wären, wenn man niemanden nach Markos Merizius und seiner Patrouille geschickt hätte. Ian setzte sich neben ihn in den Schnee, seine Rüstung knackte bei jeder Bewegung. "Ich bin fast versucht zu sagen, dass ihr mich nicht hättet wecken sollen", knurrte er und grinste müde. "Aber irgendwer muss ja auf euch aufpassen." Er sah zu Maria und Alexander folgte Ians Blick. Sie heilte einige Soldaten mit ihren Händen, mit dem Licht. Andere, wie dem armen Kerl, dem es den Arm gekostet hatte, rammte sie den Streitkolben auf den Kopf und Alexander musste an den Schwur denken, den er Ian hatte schwören lassen. Ian musste seine Gedanken erraten haben. "Wir werden es überleben." Er schlug seinem älteren Bruder auf die gesunde Schulter und erhob sich. "Schafft die Leichen auf einen Haufen", brüllte er dann, "Suchen wir in der Scheune und dem Haus etwas Brennbares. Es wird Zeit, unsere gefallenen Brüder und Schwestern dem Wind zu übergeben." Mit diesen Worten stiefelte Ian auch schon los und Alexander sah seinem Bruder nach und lächelte stolz. Ian war kein Freund vieler Worte, doch er sah, wie müde Alex war und deshalb nahm er ihm die Last ab, sich um die Bestattungsriten des Kreuzzugs zu kümmern. Maria kniete sich neben Alexander und legte ihm die bloßen Hände auf dien Schulter, flüsterte leise ein Gebet. Ihre Hände waren warm und wurden noch wärmer und langsam wich die Kälte aus seinen Gliedern, wich der Schmerz aus der Schulter und auch die Müdigkeit wich ein Stück. "Danke", wollte Alexander sagen, doch es kam nur ein Krächzen aus seiner Kehle. Maria lächelte sanft, ehe sie den anderen dabei half, die Leichen auf einen Haufen zu schleppen. Diesmal hatten sie keine Pferde. Daher bargen sie von der Ausrüstung nur das Wichtigste: die Waffen.

"Alexander", hörte dieser eine Stimme und drehte sich um. John von Nordtal sackte neben ihn in den blutroten, schmelzenden Schnee. Alexander atmete tief durch und spannte sich an. Er war müde und ausgelaugt und hatte nicht den Nerv für Anklagen und Beleidigungen. Doch Johns Stimme war leise, ruhig. Die bernsteinfarbenen Augen sahen ihn an, ebenso matt und erschöpft wie die eigenen. "Es tut mir leid. Alles." Der junge Kämpfer schüttelte den Kopf. "Ich habe viele schlimme Dinge gesagt und das kann ich nicht ungeschehen machen. Aber ich habe heute selbst gesehen, wie..." Er machte eine umfassende Bewegung mit den Händen. "Wie schrecklich schief die Dinge gehen können. Und das sehr schnell, ohne Vorwarnung und ohne die nötige Zeit, die man gerne zum Reagieren hätte. Ich schäme mich für meine Unterstellungen. Mutter ist nicht durch deine Schuld gefallen. Sie hat immer in höchsten Tönen von dir gesprochen und dich..." John lächelte schwach. Die Worte fielen ihm schwer und er schluckte hart, was aber noch an der Berührung des Magiers liegen mochte. "Sie hat dich wie einen Sohn geliebt. Das macht dich quasi fast zu meinem Bruder." Er schüttelte den Kopf und lachte leise. "Zu einem manchmal wirklich nervigen, stumpfsinnigen Bruder. Aber mir ist klar, dass du heute alles richtig gemacht hast. Und das man leider nicht jeden retten kann, so schön es auch wäre. Jedenfalls... werde ich mir Mühe geben, eines Tages deine Vergebung zu bekommen und ein Kämpfer zu werden, auf den meine Mutter stolz gewesen wäre." Alexander lächelte, neigte den Kopf. "Du bist ein Lordaerone, John. Ein Kreuzzügler. Ein Kamerad. Du brauchst meine Vergebung nicht. Aber du hast sie trotzdem." Er reichte John die Hand und dieser ergriff sie, lächelte erleichtert. "Deine Mutter mag tot sein. Und wird uns fehlen. Aber sie ist auch immer bei dir." Alexander beugte sich ihm entgegen, legte ihm die Hand auf die Brust. Das klebrige, gerinnende Blut aus der Schulterwunde bildete einen dunkelroten Abdruck auf dem Wappenrock. John sah nach unten und nickte langsam, ehe er sich erhob. Beim Hof begann bereits das Feuer zu lodern und die Gefallenen zu verzehren. "Sehen wir einfach zu, dass wir nach hause kommen." Alexander stand mühsam auf und folgte ihm zu den anderen. "Endlich sagst du mal vernünftige Sachen", antwortete Alexander und wandte den Blick zum brennenden Berg aus toten Kameraden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 1. Jan 2015, 04:10 
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Grausam sacht, doch mit Gewalt
Drang dein Schwert in mich
Nicht mehr Du - eine Gestalt
So kalt wie blanker Stahl

Nacht erfüllt nun deinen Geist
Das Licht - es blendet dich
Und du weißt, was Kummer heißt
So schmerzhaft deine Qual

Es lebt Nichts mehr an diesem Ort
Den bei dir man Seele nannte
Die Gnade, das Gute - alles fort
Es kommt nie mehr zurück

So unendlich fremd ist mir
Der Mensch den ich einst kannte
Doch im Gegensatz zu dir
Hab ich noch etwas Glück

Fort, Vernunft und dein Verstand
Du spuckst, auf was du bist
Hast scheinbar dich selbst verbannt
In tiefste Dunkelheit

So werde ich dich in Stücke schneiden
Bis nichts mehr übrig ist
Und vorbei ist dann dein Leiden
Sehr bald ist es soweit

- Alexander Simmons, 'Verrat'

Wen die Götter zerstören

Der Winter war lang und entsetzlich kalt, ging jedoch auch irgendwann vorüber. Kaum war der Schnee geschmolzen kehrte Hochinquisitorin Vermillion mit ihren Soldaten aus Schwarzhain zurück. Die Tage wurden endlich wieder länger und obwohl das auch verstärkte Aktivität der Geißel bedeutete, hieß Alexander jeden einzelnen Sonnenstrahl willkommen. Doch noch schöner als die wärmeren Tage war die Tatsache, dass der Streit mit John vorbei war. Ian, Maria und auch er selbst waren zuerst misstrauisch gewesen, ob seines Sinneswandels, doch in den Frühjahrsmonaten hatte John sich bewiesen, hatte sich in einem Dutzend harter Kämpfe den Respekt und die Zuneigung seiner Kameraden verdient. In der Schlacht beim Sägewerk des Nordkamms hatte John Alexander das Leben gerettet und die Monstrosität, die ihn zu fassen bekommen hatte und zerquetschen wollte, mit einem sauberen Hieb geköpft. In einem Scharmützel mit Kultisten aus Scholomance hatte John einen Hexer erschlagen, der sich angeschickt hatte, Ian mit einem Blitz aus unheiliger Energie nieder zu strecken. Immer wieder war John an ihrer Seite gewesen und Alexander war dankbar für die Charakterstärke gewesen, die den jungen Mann dazu bewogen hatte, seine Fehler einzusehen. Auch Isabelle war überglücklich gewesen. Doch nicht alles hatte sich zum Besseren gewandt. Vermillion's Schüler, Glandallus, hatte sich nach Tirisfal, ins Kloster, versetzen lassen. Und zu Alexanders Unglück hatte die Hochinquisitorin ihn als Ersatz gefordert. Er war damals so froh gewesen, aus den Kerkern und Folterkammern raus zu kommen, nachdem sein alter Mentor tot war. Trotz der Last, ab und an über das Leben seiner Kameraden entscheiden zu müssen, hatte er sich als Soldat einfach besser gefühlt. Er gehörte auf das Schlachtfeld, nicht in düstere Katakomben. Das hatte er auch der Hochinquisitorin zu erklären versucht. Mit Großinquisitor Isillien, Taelan Fordring oder Galvar Reinblut diskutierte man nicht. Bei Vermillion hatte er die Hoffnung, sie möge es verstehen, besonders, da sie selbst ihm einiges über das Dasein als Anführer beigebracht hatte. Doch die Hoffnung auf Verständnis war vergebens. "Du wirst so lange mein Schüler sein, bis ich dich aus meinen Diensten entlassen", schnarrte die Hochinquisitorin als Alexander in ihrer Folterkammer stand und versucht hatte, ihr ihre Idee, er sei ein guter Lehrling, auszureden. "Deinen Körper, deine Muskeln... die trainierst du auf dem Schlachtfeld. Und relativ erfolgreich, möchte ich meinen." Sie verzog die Lippen zu einem kühlen, anzüglichen Lächeln. "Deine Schwertkunst entwickelst du im Kampf weiter. Aber ein Anführer ist mehr als Schwert und Muskeln, Alexander Simmons."

"Ich bin kein Anführer, sondern ein Soldat", beharrte Alexander, doch die Hochinquisitorin lachte freudlos. "Ich wollte nie die Verantwortung bei Schwarzhain! Ich bin nicht besser oder wichtiger als andere. Ich will einfach nur leben, überleben. Und zusehen, dass meine Kameraden und Freunde ebenso durch kommen." Die Hochinquisitorin legte eine kühle Hand auf Alexanders Wange und schüttelte ungewohnt sanft lächelnd den Kopf. "Du widersprichst dir selber. Wenn deine Kameraden dir so wichtig sind, dass du für sie in die Bresche springst, dann ist das fast die gleiche Verantwortung wie jene eines Offiziers. Nur, dass der Offizier die Macht haben kann, mit seinen Befehlen einen größeren Unterschied zu machen als der gewöhnliche Soldat." Sie fuhr mit dem Fingernagel ihres Zeigefingers kratzend über seine Wange, bis zum Kinn und Alexander zuckte zurück. "Du musst deinen Verstand genau so schärfen wie deine Klinge. Lerne!" Sie machte eine umfassende Bewegung, deutete auf die Bücherregale bei ihrem Schreibtisch. "Du wirst noch in dieser Woche Sonnenschilds Tagebuch lesen. Nächste Woche Ferren Marcus' Leitfaden zum Kampf gegen Untote." Alexander atmete tief durch. "Habe ich schon..." Ferren Marcus war damals Hochabt des Klosters. Er starb als Alex noch sehr jung war und seine Werke wurden zur Pflichtlektüre. Carmen Vermillion schlug Alexander ins Gesicht. "Dann lies es noch einmal. Danach ist Klarblick's Abhandlung zur asymmetrischen Kriegsführung dran. Und danach wiederum Zwillingsschneids' Berichte. Hast du mich verstanden?" Ihre grünen Augen schienen wie Hexenfeuer zu brennen und Alexander nickte. Dann lächelte sie wieder und nahm sein Gesicht in ihre kalten Hände. "Dann wäre das Nebensächliche ja geklärt." Mit diesen Worten biss sie Alexander in die Unterlippe, nicht sanft oder neckend sondern kräftig, ehe sie sich an ihn drückte und ihn küsste. Alexander riss überrascht die Augen auf und widerstand dem Drang, sie fort zu stoßen, ihr das Knie in den Magen zu rammen oder die Faust gegen den Kopf zu schmettern. Die Hochinquisitorin hatte es nicht zum ersten Mal auf ihn abgesehen und beim letzten Mal hatte er sich wie nach einer langen Schlacht gefühlt, ausgelaugt und mit schmerzendem Körper. Sich ihr zu verweigern hätte schlimm enden können. Alexander wusste, dass man ihrem Wort viel eher glauben würde als seinem. Damals hatte er einfach gehorcht. Heute aber beschloss er, nicht zerschunden und zerkratzt aus diesem Kerker zu gehen. Wenn die Hochinquisitorin spielen wollte, dann sollte sie ihr Spiel bekommen. Aber er würde nach den eigenen Regeln spielen. Sie legte eine Hand in seinen Nacken, die andere in seinen Schritt, während sie ihn hungrig, verschlingend küsste und mit der Zunge über seine Lippe leckte. Sie würde sich schon noch wundern.

Alexander packte ihren kupferroten Zopf und zog ihren Kopf mit sanfter Gewalt nach hinten, ihren Mund fort von seinem. Mit ihrer Hand rieb sie über die Beule in seiner Hose, die andere machte sich an seinem Hemd zu schaffen. Ihre grünen Iriden waren geweitet, waren dunkel vor Verlangen. Alexander packte ihr Kinn, drängte sich gegen sie und drückte sie gegen die Wand, küsste sie stürmisch. Sie sog keuchend die Luft ein, während ihre Zungen einander umkreisten und er drückte seine Lenden gegen ihre, während seine Hände sich an ihrer Robe zu schaffen machten. Sie riss ihm das Hemd regelrecht auf, ehe ihre Hände über seinen Oberkörper wanderten und sie ihren Mund nur umso hungriger auf seinen presste. Er erwiderte den Kuss, umspielte ihre Zunge mit seiner, ehe er sich ihrem Hals widmete, sachte mit den Zähnen ihre Haut neckte und seinen heißen Atem auf jene hauchte. Ihre Fingernägel glitten kratzend über seinen Rücken und er keuchte auf, jedoch eher vor Schmerz als vor Lust. Das Weib war völlig verrückt. "Wie keusch ihr doch seid, Hochinquisitorin" raunte Alexander und grinste wölfisch, ehe er seine Zungenspitze über ihren Hals gleiten ließ, während seine Hände ihre Robe öffneten und über die Schultern hinweg abstreiften. Er hauchte Küsse auf ihre Schultern, gleichzeitig wanderten ihre Hände über seinen Rücken, kratzend die Wirbelsäule hinab und nach vorne, um seine Hose zu öffnen. Alexander streifte ihr Mieder nach unten und kurz huschten seine graublauen Augen an ihr hinab. Eine Schönheit war sie durchaus. Das war aber auch alles, was die Sache erträglich machte. Schon beim ersten Mal hatte er versucht, einfach an Maria zu denken oder es einfach als eine andere Art des Exerzierens zu betrachten, den Verstand einfach abzuschalten. Ihre Hände öffneten zitternd seine Hose und er drängte sich wieder an sie, seinen nackten Oberkörper gegen ihren. Sie schob seine Hose samt Unterhose nach unten und seine Erregung rieb an ihrem Bauch, ihre Augen funkelten ihn flehend an. Doch Alexander würde ihr nicht einfach geben, was sie wollte. Diesmal nicht. Er packte sie grob, schob sie zur Folterbank und hob sie auf eben diese, ehe er seine Lanze langsam, mit sanftem Druck an ihrer Scham rieb. Nun hallte Stöhnen ganz anderer Art durch die Folterkammer. Sie spreizte die Beine, wollte sie um ihn legen, ihn an sich drücken, doch Alexanders Hände hielten ihre Oberschenkel eisern fest. Dann biss er ihr in die Unterlippe, ehe er begann, ihre Brüste zu liebkosen, Küsse auf ihre Haut zu hauchen und ihre Brustwarzen mit der Zunge zu umtanzen. "Nimm mich endlich", wisperte sie, ihre Hände griffen nach seiner Männlichkeit doch Alexander widerstand, grinste sie nur an. "So scharf darauf, mein Schüreisen zu spüren, Hochinquisitorin?" Sie errötete, was ihm nur ein Lachen entlockte.

Sie wand sich vor Entzücken unter seinen Liebkosungen, streichelte seine Männlichkeit und auch er konnte ein Stöhnen nicht bei sich behalten. Was sie wollte, war klar. Ihr Blick bettelte förmlich danach, ihre feuchte Scham ebenso. Aber zuerst würde Alexander bekommen, was er wollte. Er drückte sich immer wieder provozierend gegen ihr Lustfleisch und als sie endlich ihre Hände von seinem Schaft löste, um ihn in sich zu lassen, packte er ihre Handgelenke und schob sie in die Fesseln der Folterbank und verschloss diese. Überrascht und empört riss sie den Mund auf. "Du verdammter Mistkerl", stieß sie hervor und Alexander grinste, ehe er sich nieder kniete und mit der Zungenspitze über die Innenseite eines ihrer Oberschenkel wanderte, immer höher bis zum Ziel. Sie stöhnte auf, warf den Kopf in den Nacken, als er sie weiter verwöhnte, während seine Hände über ihre Oberschenkel strichen, ihren Bauch hinauf und ihre Brüste umgriffen. Sie bewegte sich ihm entgegen, atmete schwer und Alexander richtete sich schließlich auf. "War recht spaßig, Hochinquisitorin. Aber ich gehe jetzt besser. Ich soll doch noch Sonnenschilds Tagebuch lesen, nicht wahr?" Ihr Blick war Gold wert. Alexander lachte auf, schlenderte zum Bücherregal und nahm sich das Tagebuch der verstorbenen Veteranin. "Das kannst du nicht machen, Simmons! Ich lasse dich auspeitschen! Ich ziehe dir die Haut ab!" Alexander wusste, dass sie nicht log. Er legte das Tagebuch auf den Schreibtisch, ging wieder zu ihr und legte ihr eine Hand zwischen die Beine, während er seinen Mund nahe an ihren brachte. "Und was kann ich machen? Was soll ich machen, Hochinquisitorin?" Er streichelte sie und sie keuchte auf, doch zusätzlich zur Lust stand auch Wut in ihrem Blick. Alexander grinste, nahm seine Hand nur weg, um sein Glied wieder gegen sie zu drücken, mit sanftem Druck. "Schieb... schieb ihn rein", keuchte sie flehend und lehnte sich nach hinten. Alexander legte die Hände auf ihre Oberschenkel. "Sag schön brav Bitte", befahl er flüsternd und er konnte an ihrem Blick sehen, dass es ihr missfiel, sich nun in der devoten Position wieder zu finden. Dennoch gehorchte sie. "Bitte", wisperte sie und Alexander wog gespielt nachdenklich den Kopf hin und her. "Ich möchte außerdem regelmäßig Wachdienst schieben und auf Patrouillen mitgehen. Dass das weniger Freizeit für mich bedeutet, ist mir klar. Aber ich werde eben immer auch ein Krieger bleiben. Geht das in Ordnung?" Sie war rot, wohl vor Wollust und Zorn gleichermaßen. "Ja, verdammt", fluchte sie schließlich und nun war Alexander zufrieden, drängte sich gegen sie und versank mit einem kräftigen Stoß in ihr. Sofort schlang sie ihre Beine um ihn, bewegte sich ihm entgegen und Alexander schaltete seinen Verstand gänzlich ab, während er immer und immer wieder in sie stieß.

Eine Stunde später verließ Alexander Burg Mardenholde. Noch in der Folterkammer hatte er sich gewaschen, dann erst angezogen, sich Sonnenschilds Tagebuch geschnappt und ganz zum Schluss zumindest eine der Fesseln aufgeschlossen, ehe er die unterirdischen Korridore hinter sich ließ. Das Buch hatte er auf sein Bett gelegt, ehe er die Burg verließ, denn das Tagebuch würde er nicht draußen lesen, dafür war es zu wertvoll. In der Nähe der Burg sah er Waffenmeister Rondric Hellfeuer mit einigen Rekruten trainieren, auch jenen, die im vergangenen Herbst aus Schwarzhain mitgekommen waren. Schon vor Jahren war man dazu übergegangen, regelmäßig in der Nähe der Stadtmauer zu trainieren, mit Blick auf die Namen der Gefallenen, damit die Rekruten und Soldaten stets daran erinnert wurden, was auf dem Spiel stand und was der Preis des Scheiterns war. Alexander sah lange zu den eingravierten Namen, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder den Übungskämpfen zuwandte, die im Gange waren. Er war stolz, wie rasch die Jungen lernten und er genoss das Klirren der Klingen, die funkensprühend aufeinander trafen. Mit dem geübten Blick eines Soldaten sah Alexander zu und merkte sich die Jungen, die am schnellsten, am geschicktesten und am entschlossensten kämpften. Ian hatte für ihn diese Art von Kämpfer geprägt. Nicht in den ersten Monaten, doch später. Heute hielt Alexander seinen Bruder für den besten Kämpfer, den er je gesehen hatte. Obwohl dieser es natürlich anders sah. "Die werden mal richtig gut", kommentierte John, der sich zu Alexander gesellt hatte. "Man erkennt es an ihren Augen. Mutter nannte es die perfekte Mischung aus Ehre und Mut." John lächelte und Alexander hatte zustimmend genickt. "Der Kreuzzug duldet nichts anderes", sagte er. "Die Untoten dulden nichts anderes. Und wir haben gute Soldaten bitter nötig." Einer der jungen Burschen stieß einen Schmerzensschrei aus und ließ sein Schwert fallen. Aus einem tiefen Schnitt, der über seinen Bizeps verließ, rann Blut über seinen Arm und er sank auf die Knie. Alexander und John rannten sofort zu ihm, als die Trainierenden inne hielten. "Holt einen Heiler", brüllte Waffenmeister Hellfeuer barsch. Alexander kniete neben dem verletzten Knaben und untersuchte die Schnittwunde am Arm. Der Schnitt war tief und hatte den Muskel durchtrennt. In kräftigen Stößen lief das Blut aus der Wunde und der Junge war leichenblass im Gesicht geworden. "Schau mich an", sagte Alexander. Der Junge wandte den Blick von seinem blutenden Arm ab. Tränen standen in seinen Augenwinkeln, aber Alexander sah, dass er fest entschlossen war, tapfer zu sein.

"Wie heißt du?", fragte Alexander und presste die Hände auf die Wunde. "Rymar", keuchte der Junge, dessen Atem immer flacher ging. "Sieh nicht hin", befahl Alex und sah dem jungen Rymar in die Augen. "Du bist ein Lordaerone. In deinen Adern fließt Heldenblut und Helden fürchten sich nicht vor ein wenig Blut." Der Junge nickte, zitterte. "Es tut weh", klagte Rymar. "Ich weiß", gab Alexander zurück. "Aber du bist ein Krieger und Schmerz ist der ständige Gefährte eines Kriegers. Das ist deine erste Wunde, also erinnere dich an diesen Schmerz und alle anderen Wunden werden verglichen mit dieser unbedeutend sein. Meine Mutter hat mir damals gesagt, dass es in Ordnung ist, sich zu fürchten, wütend zu sein, Schmerzen zu haben. Aber niemals darf das alles stärker sein als du!" Der Junge nickte und biss die Zähne zusammen, um den Schmerz zu unterdrücken. "Du bist unbeugsam wie Eisen", erklärte Alexander um ihm Mut zu machen. "Du wirst ein mächtiger Krieger werden." Meriadoc, der Heiler, kam mit seiner Arzneitasche angerannt. "Du wirst eine Narbe zurückbehalten", sagte Alexander und grinste. "Trage sie mit Stolz." Er erhob sich, um dem Heiler Platz zu machen, streckte eine Hand nach John aus und schob ihn beiseite. Meriadoc beugte sich über den Jungen und sah zum Waffenmeister. "Beim Licht, warum trainieren die Bengel denn mit scharfen Waffen?" Der Waffenmeister schnaubte. "Wer damit einen Fehler macht und verwundet wird, der wird denselben Irrtum nicht noch einmal begehen. Die Übungen müssen hart und realistisch sein, damit die Burschen wissen, was sie erwartet, wenn es in die Schlacht geht." Der Heiler brummte nur, während er sich um Rymar kümmerte. Alexander wandte sich ab um John anzusehen. Dieser war genau so blass wie der junge Rekrut. "John, was ist los?" John starrte ihn an, sah an sich hinunter und Alexander sah, dass seine blutige Hand auf Johns Hemd einen blutigen Abdruck hinterlassen hatte, als er ihn beiseite geschoben hatte. "Was hast du? Es ist doch nur ein wenig Blut?" John zuckte zurück, schüttelte mit dem Kopf. Dann wandte er sich hastig ab und rannte so schnell er konnte davon, als sei Arthas Menethil persönlich hinter ihm her. Alexander sah ihm verwundert nach. John hatte in seinem Leben genau so viel Blut gesehen wie er selbst. Warum regte es ihn so auf? Er vermutete, dass es an seinem Hemd lag, immerhin war er noch immer sehr auf sein Aussehen fixiert. Schmunzelnd wandte sich Alexander zur Straße und beschloss, dem Tag noch etwas Gutes abzugewinnen.

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John von Nordtal kannte Herdweiler wie seine Westentasche. Wenn er wollte, konnte er überall hin gehen, ohne gesehen zu werden. Er kannte jede Gasse, jeden abgelegenen Ort und wusste daher genau, wohin er gehen konnte, wenn er einfach nur allein sein wollte, seine Ruhe haben wollte. Die Stadtmauer umschloss Herdweiler nicht vollständig und wie so oft hatte John sich mit ein wenig Mühe hinter die südliche Mauer begeben. Da Herdweiler in den nördlichen Bergen lag, hatte es nie Bedarf für eine geschlossene Mauer gegeben. Zwar erforderte es einiges an Geschick, hinter die Mauer zu klettern, doch John war nach Jahren der Übung ein sehr guter Kletterer geworden. Sein Herz klopfte wild, er musste einfach alleine sein und nachdenken. Seine Gedanken überschlugen sich, als er den Vorfall auf dem Trainingsplatz noch einmal an sich vorüberziehen ließ. Die Ausbildung war hart, sodass Unfälle nicht selten vorkamen, aber das Blut, dass heute Mittag geflossen war, hatte ihn an einen fast vergessenen Tag erinnert. Er sah an sich hinab, zum verschmierten, roten Handabdruck auf seiner Brust und seine Erinnerung wurde klar, er hörte die Worte in seinem Kopf widerhallen, als hätte er sie erst gestern vernommen. Doch es war Monate her, bei ihrem Kampf gegen die Marodeure und dem anschließenden Gefecht gegen die Skelette aus Andorhal. Damals, als einer der Skelettmagier seine Kehle gepackt hatte und er eine unheimliche Stimme vernommen hatte, direkt in seinem Kopf: Du wirst bereit sein, zu uns zu gehören, wenn die Hand des Todes dich berührt hat, auf dem Feld der Schwerter. Dann ist die Zeit für deine Rache gekommen.
Benommen kauerte sich John auf den Boden, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Außenseite der Stadtmauer. Die Mittagssonne brannte auf ihn hinab, doch er fror und zitterte wie Espenlaub. Damals, nach der Schlacht, hatte er seinen Frieden mit Alexander geschlossen, sich jedoch sofort an die Worte des Skelettmagiers erinnert, als Alexander ihm die Hand auf die Brust gelegt hatte und er damals schon einen Abdruck bekam, da Alexanders Hand feucht von Blut aus seiner Schulterwunde gewesen war. Damals hatte er die Worte in seinem Kopf als Trug abgestempelt. Die Geißel war der Feind, verwirrte einen, wenn man es zuließ. Die Hand des Todes auf dem Feld der Schwerter. Damals waren sie tatsächlich auf einem Feld gewesen, doch heute, so viele Monate später, bekamen die Worte erneut einen Sinn. Denn der Übungsplatz war auch eine Art Feld der Schwerter. Sein Mund wurde ganz trocken. Was für ein Trick war das? War die Geißel so mächtig, in die Zukunft zu blicken? Oder Dinge zu beeinflussen, bevor sie geschahen? Damit sie geschahen?

John schüttelte den Kopf, schnappte immer wieder nach Luft, denn er fühlte sich, als läge die Knochenhand des Skelettmagiers wieder an seiner Kehle und schnüre ihm die Luft ab. Er hatte sie so sehr gehasst, die Simmons-Brüder, doch beim Kampf gegen die Marodeure hatte er erstmals eine Schlacht mit eigenen Augen gesehen, erkannt, wie schnell Dinge geschahen und wie schwer es war, entsprechend zu reagieren. Er hatte sich töricht gefühlt, Alexander die Schuld am Tod seiner Mutter gegeben zu haben, hatte seine Entschuldigung ernst gemeint. Doch schon als Alexander ihm damals die blutbefleckte Hand auf die Brust gelegt hatte, hatte ihm der Atem gestockt. Er hatte es für einen Zufall gehalten, doch heute, so viele Monate später, noch einmal einen Handabdruck auf seiner Brust zu sehen, erschütterte ihn bis ins Mark. In den vergangenen Monaten hatte er Seite an Seite mit Alexander und Ian gekämpft, sie hatten einander unzählige Male das Leben gerettet. Sie hatten gemeinsam so einige lustige Stunden verbracht und eines Tages hatte John festgestellt, dass er die Brüder wirklich mochte, selbst Ian, den er immer so verabscheut hatte. John hatte sich eingestanden, dass beide viele lobenswerte Eigenschaften hatten, wenn man sie aus einem gewissen Standpunkt betrachtete. Er hatte sich von der Kameradschaft der Soldaten, die Seite an Seite kämpften und einander immer wieder das Leben retteten, anstecken lassen. Seine Wut war verraucht und das Leben war gut gewesen. Er hatte optimistisch in die Zukunft geblickt. Doch nun dieser Vorfall, heute...
Er versuchte, sich einzureden, dass es nur wieder ein Zufall war, ein Trick der Geißel. Der Versuch, ihn zu manipulieren. Doch er hatte Geschichten über die Magier aus Dalaran gehört, über ihre unglaublichen Fähigkeiten. War es so abwegig, dass die Geißel nicht doch derartig mächtig war? Immerhin hatte sie die Macht, Tote wieder zum Leben zu erwecken. Warum nicht auch, das Schicksal dermaßen zu beeinflussen? John starrte auf den Handabdruck auf seinem Oberkörper und die Erinnerungen an den Tod seiner Mutter schwappte zurück in seine Gedanken wie ein angeschwollener Fluss bei einem Unwetter. Er empfand den Hass, Zorn und Verlust über den Tod seiner Mutter so stark wie an dem Tag, an dem Alexander und seine Reiter aus Schwarzhain heimgekehrt waren und seine geliebte Mutter nicht bei ihnen gewesen war. Die Hand des Todes...

Ja, so konnte man Alexander Simmons sogar selbst nennen. Er hatte seiner Mutter den Tod gebracht, so vielen Soldaten, die bei Schwarzhain fielen und auf dem Feld vor Dalsons Hof, im Kampf gegen die Marodeure und die Untoten, die später dazu gekommen waren. Beim Kampf um das Sägewerk hatte Galvar Reinblut das Kommando gehabt, hier konnte er ihm keine Schuld an den Verlusten geben, doch als sie die Höhle mit den Kultisten aus Scholomance angriffen, waren wieder einige Soldaten gefallen. Simmons hätte die Höhle sprengen sollen oder diese Bastarde ausräuchern sollen, um sie dann mit Armbrustbolzen zu spicken. So viele falsche Entscheidungen, so viele Leben, die er auf dem Gewissen hatte. Wahrscheinlich hatte Simmons bei seiner Arbeit in den Folterkammern jeden Respekt für das Leben verloren, opferte deshalb so bereitwillig die Leben anderer. Dunkle Gedanken an Blut und an die Freude, die es ihm bereiten würde, den Tod seiner Mutter zu rächen, rangen mit den Banden freundschaftlicher Gefühle, mit den guten Erinnerungen der letzten Monate. Was sollte er nur machen?
Alexander Simmons war selten alleine anzutreffen, ihn zu töten war eine Herausforderung. Würde man ihn erwischen, wäre er erledigt. Der ganze Kreuzzug würde sich gegen ihn stellen, sogar seine eigene Schwester. Oder würden sie es verstehen? Nein, sagte John sich im Stillen und schüttelte den Kopf, schlug sich immer wieder mit dem Handballen gegen den Kopf, als versuche er, die dunklen Gedanken hinaus zu schlagen, oder eine rettende Idee an den richtigen Platz zu rücken. Tränen rannen ihm über die Wangen und er begann, zu schluchzen, als er an den Abschied seiner Mutter dachte, ehe sie nach Schwarzhain ritt. Sie würden ihm nicht glauben, sie würden es nicht verstehen, so wie sie es damals schon nicht verstanden. Alexander Simmons war der wandelnde Tod, nicht die Geißel. Alexander Simmons war es, der mit seinen Worten ihre Köpfe benebelte, auch die von Maria und von Isabelle. Die Konsequenzen für ihn waren egal. Der Kreuzzug war besser dran, ohne Alexander Simmons. Die Welt war besser dran ohne Alexander Simmons. John bleckte die Zähne zu einem grimmigen Grinsen, zog sich an der Mauer hoch und schleppte sich mühsam vorwärts. Er würde den Tod seiner Mutter rächen, koste es, was es wolle. Wer sich ihm in den Weg stellte, den würde er eben aus dem Weg räumen.

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Alexander ließ sich ins Gras zurück sinken. Eine leichte Schweißschicht hatte sich auf seinem Körper gebildet und er atmete immer wieder tief ein. Maria schmiegte sich an ihn, legte den Kopf auf seine Schulter, schlang einen Arm über seine Brust und ein Bein über seinen Schenkel. Sie lächelte ihn an und Alexander wünschte, die Zeit anhalten zu können. In der Nähe schlängelte sich ein Bach aus den Bergen, gen Süden. Eine ganze Weile lauschten sie dem leisen Plätschern des Wassers, dem Singen der Vögel. Beide wussten, es war leichtsinnig, was sie da taten. So weit draußen, nackt und abgelenkt. Aber wenn Alexander Maria so ansah, mit ihrem langen, blonden Haar, das wie Seide über ihre Haut fiel, ihre schlanken aber muskelharten Glieder, da regten sich nun einmal ganz andere Gefühle als Vorsicht in ihm. Nun lächelte er wohlig, strich sanft über ihren nackten Rücken und genoss den kühlen Wind auf seiner Haut. Jeder Gedanke an alles andere war vergessen. Maria malte mit einem Zeigefinger Kreise auf seinem Oberkörper. "Woran denkst du?", flüsterte Maria, als sie seinen Blick gen Himmel bemerkte. Einige Sekunden lang schwieg er. "Ich wünschte, es würde ein gutes Ende für uns alle geben", antwortete er schließlich und zuckte zusammen, als sie ihm sanft in den Bauch kniff. "Wenn eine Frau dich fragt, was du denkst, dann will sie hören, dass sie schön ist und dass du an sie denkst." Maria grinste frech und kniff Alexander noch einmal, was ihm jedoch ein Lachen entlockte. "Und warum sagst du das nicht gleich?", fragte er und küsste ihre Stirn. "Es ist nicht dasselbe, wenn man danach fragen muss", erklärte Maria lächelnd. "Aber du bist schön", meinte Alexander. "Es gibt keine schönere Frau zwischen... Silbermond und Süderstade, zwischen Nordend und Schlingendorn. Und das ich dich liebe, weißt du." Maria lächelte ihn strahlend an. "Sag es mir." Alexander strich sanft über ihre Wange. "Ich liebe dich", flüsterte er, "Von ganzem Herzen." Ihre eisblauen Augen strahlten ihn an und sie beugte sich ihm entgegen, küsste ihn sanft. "Das klingt doch viel besser als düstere Gedanken, über ein Morgen, dass noch nicht gekommen ist." Alexander nickte zustimmend. "Natürlich. Ich wünschte dennoch, es gäbe einen Ausweg aus all dem. Ich habe mir immer mehr für uns alle gewünscht. Für dich und mich, für Ian. Mehr als nur den Kampf. Leben, nicht nur Überleben."

Maria strich ihm sanft die blonden Strähnen aus dem Gesicht. "Diese Gedanken bringen dir nur Trübsal. Wir müssen einfach genießen, was wir haben. So gut es geht." Dann aber lächelte sie sanft. "Aber Träume sind ja doch etwas Schönes, oder? Erzähl mir, wie für dich das perfekte Leben aussieht, Alex. Was wäre, wenn es die Untoten nicht mehr gäbe? Der Kreuzzug nicht mehr notwendig wäre?" Sie setzte sich auf, sah ihn aber interessiert an, griff nach ihrer Unterwäsche. Alexander tat es ihr gleich, zog sich seine Hose an. "Damals wollte ich Archivar werden", begann Alexander und schüttelte lachend den Kopf. "Oder Dichter. Schriftsteller. Aber mir fallen einfach keine schönen Gedichte mehr ein." Maria stieß ihm den Ellenbogen in die Seite und guckte ihn gespielt böse an, wobei er sofort beschwichtigend die Hände hob. "Was denn?" Sie lachte nur und zog sich ebenso die Hose an, während Alexander schon dabei war, sich die Stiefel zuzuschnüren. "Ich glaube, ich wäre auch ein anständiger Jäger. Oder ein Bauer. Oder eine Stadtwache. Wir hätten ein großes Haus und einen Garten. Und wir wären glücklich. Wir alle. Du wärst meine Frau und auf der ganzen Welt würde niemand so geliebt werden wie du. Das ist übrigens das einzige, was ich dir davon verwirklichen kann." Er lächelte, doch sie bemerkte die Melancholie in seinem Blick und hauchte ihn wieder einen Kuss auf die Lippen. "Hören wir besser davon auf, hm?" Alexander schmunzelte. "Gleich. Und wir hätten Kinder. Eine Tochter, mit engelsgleichem Haar, so wie deines." Nun musste Maria ebenso grinsen. "Ich hätte ja lieber einen Jungen. Eine kleine Ausgabe von dir." Für einen Moment lächelten sie sich an, ehe ihre Blicke wieder ernst wurden. Der schöne Moment schien vergangen, vom Wind verweht oder vom kleinen Bach fort getragen. Schweigend zogen sie sich wieder an. Alexander sah immer wieder zu Maria, ehe er zu ihr ging und ihre Hände in seine nahm. Unsicher huschte sein Blick hin und her, wich ihrem aus, während er immer wieder blinzelte, ehe er sich räusperte und zu sprechen begann. Und mit jedem Satz strahlte Maria umso mehr.

Seit du ein Teil bist von meinem Leben,
Weiß ich, dass es auch Glück kann geben.
Seit ich sah dein Lächeln, welch ein Geschenk,
Ich Tag und Nacht nur an dich denk

Seit ich die Liebe sah, in deinem Gesicht,
Erreicht mich als das Grauen nicht.
Seit ich dich hab an meiner Seite,
ich wie ein Adler auf Wolken reite.

Seit du mich hältst, ich nimmer verzag,
Ich werd' dir versüßen jeden einzelnen Tag.
Seit du mich verzauberst, ich steh in deinem Bann,
Werd' ich dich lieben, so gut behandeln wie ich kann.

Seit dein Blick mich traf, brauch ich keine Sterne,
den Glanz deiner Augen seh' ich tausendmal so gerne.
Seit ich deine Umarmung spürte, brauche ich keinen Sonnenschein.
Deine Nähe wärmt mich genug. Ich bin auf ewig dein.

Maria strahlte ihn an, fiel ihm in die Arme und küsste ihn. Alexander drückte sie eng an sich und genoss ihre Nähe, ihren Geruch, den Geschmack ihrer Lippen. "Du hast es schon immer verstanden, deine Worte wie Gift in die Ohren anderer Leute zu träufeln", hörte Alexander eine Stimme hinter sich. Er wandte sich um und spannte sich an, als er John am Rand der Lichtung stehen sah. Sofort bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Johns Kleidung war an einigen Stellen zerrissen, seine Knie waren aufgeschürft und blutig. Auf seinem Hemd war der blutige Handabdruck zu sehen, getrocknet und braun. Das sonst so hübsche Gesicht des jungen Mannes war bleich, dunkle Schatten lagen unter seinen bernsteinfarbenen Augen und seine sonst so sorgsam gekämmten Haare hingen offen und wirr in seinem Gesicht. "John? Was beim Licht ist los?" Sein Unbehagen wuchs, als John sich raschen Schrittes zwischen ihn und seinem Schwert bewegte. "Sie alle täuscht du mit deinem Gesäusel, mit deinen Lügen", zischte er und Alexander erschrak ob des feindseligen Tonfalls. "Aber mich täuschst du nicht mehr, Simmons! Du verdammter Mörder! Du hast sie getötet!" Alexander sah aus den Augenwinkeln, wie Maria langsam zurück wich, um ihren Streitkolben zu erreichen. "Wen soll ich getötet haben? Was ist nur los mit dir?", fragte Alexander und spannte sich an. "Du weißt genau, von wem ich rede", spie John unter Tränen hervor. "Johanna von Nordtal. Du hast meine Mutter getötet und nun werde ich dich töten!" Mit diesen Worten zog er sein Schwert und Alexander wusste, dass er eigentlich fliehen sollte. John war ein unglaublich flinker, geschickter Schwertkämpfer und er war sich nicht sicher, ob er eine Chance hätte, selbst er nun sein Schwert in der Hand hätte. Und dem war leider nicht der Fall. Aber scheute ein echter Lordaerone denn je einen Kampf? Selbst einen, den er nicht gewinnen konnte? John war ein meisterhafter Schwertkämpfer und Alexander war ohne Rüstung, ohne Waffe. Gegen so einen Gegner hatte er unter diesen Bedingungen keine Chance. "John", begann Maria vorsichtig. "Was tust du da? Beruhige dich! Wir sind doch Freunde!" Doch John lachte nur schallend los, nicht aber, ohne seine Klinge zu senken. "Freunde? Ihr macht euch doch seit Monaten über mich lustig! Aber das ist jetzt vorbei." Alexander streckte eine Hand nach Maria aus, bedeutete ihr, auf Abstand zu bleiben. Er trat auf John zu, schlug einen leichten Bogen nach rechts, in Richtung Bach. John aber war zu clever, auf irgendwelche Tricks herein zu fallen und stellte sich nun genau auf Alexanders Schwert.

"Du hast sie in den Tod gehen lassen. Du hast sie dem Todesritter überlassen und dir keinen Gedanken darüber gemacht, wie sehr sie dich liebte, dass sie sich für dich opferte. Dass sie dir vertraute, sie zu retten, möglicherweise. Du hast nur an den Ruhm gedacht und an die Siegesfeier", versetzte John anklagend. "Das ist nicht wahr", gab Alexander zurück und ließ seine Stimme leise und beruhigend klingen, während er sich langsam näher schob. "Natürlich ist es das", herrschte John ihn wütend an. "Du hast den Verstand verloren", brüllte Alexander nun und hoffe, John zu einem Fehler zu verleiten. "Wenn du so nach Rache dürstest, hättest du damals zu mir kommen sollen. Stattdessen schleichst du dich feige heran! Ich habe dich für ebenso mutig gehalten wie deine Mutter, aber du bist nicht einmal hab soviel wert wie sie. Wenn sie dich nun sehen würde, würde sie den Tag deiner Geburt verfluchen!"
"Wage es nicht so zu reden", kreischte John und Alexander sah in seinen Augen, dass er zuschlagen wollte und sprang beiseite, als der Schwertkämpfer nach ihm ausholte. Die Spitze von Johns Klinge zischte an ihm vorbei und Alexander wirbelte herum und setzte zu einem rechten Haken an. John taumelte unter dem Schlag und Alexander versuchte, einen weiteren Treffer anzubringen, doch John war schneller. Schon spürte Alexander, wie sich eine glühende Linie über seine Seite zog, wo Johns Schwert seine Hüfte traf. Dann bohrte John ihm die Klinge in den Bauch und nur Maria und ihr Streitkolben bewahrten ihn davor, durchbohrt zu werden. Maria trieb John mit einem Schwung ihrer Waffe nach hinten und Alexander sah, wie Blut aus seiner Wunde spitzte. Er versuchte, die Sterne fort zu blinzeln, die schmerzhaft vor seinen Augen tanzten, stolperte zurück und presste die Hand auf die Wunde, ehe er den Boden unter den Füßen verlor und im Bach landete, dessen Wasser sofort rote Schlieren gen Süden spülte. "Alex", hörte er Maria brüllen, doch die Welt schien sich zu drehen, ihre Stimme schien wie aus weiter Ferne zu kommen. Das Wasser des Bachs war eiskalt, vertrieb einen winzigen Moment lang die Schmerzen. Alexander lehnte sich mit dem Rücken gegen das Ufer, damit er nicht ertrank, war aber unfähig, sich ganz aus dem Wasser zu stemmen. Seine Füße rutschten unter Wasser im Kies immer wieder weg. Langsam wurde sein Blickfeld grau und das letzte, was er sah, war Johns Grinsen, ehe er und Maria mit klirrenden Waffen aufeinander trafen.

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Sie schlenderten langsam durch den Wald, hatten die Straße und den Wachturm hinter sich gelassen und sich in die nördlichen Wälder geschlagen. Die Sonne neigte sich bereits langsam dem Horizont entgegen und in der Stille, die sich über die Welt breitete, hörte man nur das Zwitschern der Vögel und das metallische Klirren seiner Rüstung. Isabelle hatte nichts gesagt, seit sie Herdweiler verlassen hatten und beide waren in freundschaftlichem Schweigen in den Wald geschlendert. Jeder von Ians Schritten wirkte neben ihren anmutigen Bewegungen laut und unbeholfen und fast fühlte er sich unwohl in seiner Rüstung. "Mutter ist immer gerne im Wald spazieren gewesen", sagte Isabelle leise. "Ich weiß", gab Ian zurück. "Sie war die Einzige, die den Dauerlauf von Morgens bis Abends durchhielt, ohne langsamer zu werden. Alle anderen kamen schlendernd und schnaufend in Herdweiler an." Er grinste, lachte dann rau auf. "Auch du?" fragte Isabelle verwundert und Ian nickte. "Auch ich." Isabelle blieb stehen und starrte in den Wald. "Sie fehlt mir." Erneut nickte Ian. "Wir vermissen sie alle", sagte er leise. "Ich bin kein Freund vieler Worte. Ich wünschte, ich könnte etwas sagen, dass dir deinen Schmerz über ihren Tod erleichtert." Isabelle schüttelte bei seinen Worten den Kopf. "Es gibt keine Worte, die das könnten. Aber das würde ich auch nicht wollen, Ian." Der blonde Kämpfer hob eine Augenbraue. "Warum sollte man sich an seinen Schmerz festklammern?" Isabelle schlenderte langsam weiter und Ian hielt mit ihr Schritt. "Weil ich sie auch nicht vergessen möchte. Ohne den Schmerz würde ich vielleicht vergessen, wie tapfer sie war und dass sie durch diesen schrecklichen Krieg ums Leben kam." Ian sah sie an, schwieg eine lange Sekunden. "Gibst du Alex und mir die Schuld an ihrem Tod?", wollte Ian wissen und sie wandte sich von ihm ab. Die Sonnenstrahlen ließen ihr schwarzes Haar schimmern wie flüssigen Schatten. "Ein Untoter hat meine Mutter mit seiner Klinge durchbohrt, nicht du oder Alex. Aber ich hasse es, dass wir Soldaten brauchen, um uns vor der ganzen Welt zu schützen. Ich hasse es, wie wir uns hinter unserer Stadtmauer verstecken und Waffen schmieden, um gegen unseren Feind zu kämpfen und ich hasse es, wie bei jeder Schlacht so viele Soldaten nicht zurück kehren." Ian seufzte gedehnt und legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Die Welt ist ein dunkler Ort, Isabelle. Ohne Soldaten und Waffen wären wir alle tot."

"Ich weiß", gab sie zurück, "So naiv bin ich auch nicht. Ich begreife, warum Soldaten notwendig sind, aber es braucht mir nicht zu gefallen. Nicht, wenn mir dadurch meine Mutter genommen wird und nicht, wenn ich... Leute die mir wichtig sind vielleicht auf dieselbe Weise verliere." Ian atmete tief durch. Er war nicht gut mit Worten. Er wollte sie gerne trösten, aber er würde sie auch nicht anlügen. Beschönigende Worte gab es einfach keine. Schließlich lachte er auf. "Da braucht es schon einiges, um uns zu erledigen", sagte er grinsend, doch sein Grinsen gefror, als Isabelle sich umdrehte und er sah, wie ihr Tränen aus den Augen rannen. "Du bist Soldat", stieß sie hervor, "Der Kampf ist dein Leben. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass du als alter Mann im Bett stirbst. Ich weiß auch, dass wir keine Chance haben. Das die Untoten nicht einfach so umfallen werden." Ian streckte eine Hand nach ihr aus. "Es tut mir leid", krächzte er und sie warf sich in seine Arme und weinte. Und so standen sie zusammen, mitten im Wald, während die Sonne sich langsam hinter die östlichen Berge schob. Isabelle weinte lange und Ian wusste, wenn er sprechen würde, würde er sie nur in ihrem Kummer stören. Er selbst erinnerte sich nur zu gut an seine eigenen Tränen, vor unendlich langer Zeit. Er hatte oft geweint, als Lordaeron fiel. Als sie nicht wussten, wohin. Als die Ausbildung begann. Die Welt duldete keine Schwäche mehr. Seine Tränen waren vor Ewigkeiten versiegt. Sämtliche Anzeichen von Schwäche einer Fassade aus Härte und Selbstsicherheit gewichen. Schließlich ebbte Isabelles Schluchzen ab und sie sah zu ihm auf. Ihre Augen waren vom Weinen geschwollen. "Danke", sagte sie und trocknete ihre Augen mit dem Ärmel. "Ich habe doch nichts gemacht", sagte Ian leise und folgte ihr, als sie sich wieder in Bewegung setzte. "Doch." Ian hatte keine Ahnung, was sie meinte, daher sagte er auch nichts. Sie erreichten einen kleinen Bach, hielten dort inne. Isabelle sah wieder zu Ian und lächelte sanft. "Versprichst du mir etwas, Ian?" Er seufzte, hob aber die Mundwinkel. "Ich verspreche nichts, was ich nicht halten kann." Isabelle lachte kurz auf. "Das ist sehr lobenswert von dir." Sie streckte die Hand aus und streichelte seine Wange. "Versprich mir, dass du das Schwert ablegst, sollte es irgendwann nicht mehr gebraucht werden, ja?" Ian schmunzelte. Er öffnete den Mund, um eine Antwort zu geben, wurde aber unterbrochen. "Alex", hörte er Maria rufen, irgendwo im Norden. Sofort schnellte seine Hand zum Schwertgriff und er löste sich von Isabelle. Sie beide sahen sich an. In der Ferne hörten sie das Klirren von Waffen. Dann fiel ihr Blick auf den Bach. Rote Schlieren trieben aus dem Norden flussabwärts. Fluchend riss Ian den Zweihänder vom Rücken und eilte gen Norden, dicht gefolgt von Isabelle.

Er rannte so schnell er konnte durch das Unterholz, immer dem kleinen, blutroten Bach nach, ehe er auf eine Lichtung stürmte. Seine Augen huschten hin und her, fielen auf Maria, die sich einen wilden Schlagabtausch mit John lieferte, dann auf seinen Bruder, der im Bach lag, bewusstlos. Hastig eilte Ian zu ihm, packte seinen Kragen und zog ihn aus dem Wasser. Rasch fühlte er den Puls. Alex lebte, doch er war sehr schwach. "John, was hast du getan?" brüllte Isabelle und John sah zu ihr. "Sprich mich nicht an", zischte er und hielt Maria und Isabelle mit seiner Klinge auf Distanz. "Die beiden haben unsere Mutter getötet und du gibst dich mit ihnen ab, als wäre nichts gewesen! Ich sollte dich erschlagen, denn du entehrst den Namen unserer Mutter!" Isabelle's Gesicht verzerrte sich vor Zorn und Kummer. "Bist du verrückt geworden?" Für Ian gab es daran keinen Zweifel. "Maria", rief er und gesellte sich mit erhobenem Zweihänder zu ihnen. "Kümmere dich um Alex! Ich übernehme das hier." John lachte schrill auf. "Tust du das, ja? Wie lange habe ich mich auf diesen Moment gefreut." Ian drehte sich und duckte sich, als John nach vorne sprang und sein Schwert erst auf sein Bein zu zuckte, dann aber einen horizontalen Hieb beschrieb, der Ian um Haaresbreite den Bauch aufgeschlitzt hätte. Ian rang nach Atem, den der Lauf durch den Wald in seiner Rüstung war anstrengend gewesen. Isabelle schrie den Namen ihres Bruders, der leichtfüßig begann, um Ian herum zu tänzeln. Er hatte den Schwertarm ausgestreckt und hielt den anderen hinter dem Rücken. "Du großer, dummer Barbar", spie John spöttisch hervor. Isabelle rannte auf ihn los, doch er stieß sie mit der freien Hand wie beiläufig ins Gras. Diese Ablenkung nutzte Ian und griff an. Sein Schwert zuckte nach vorne und John war einen Wimpernschlag zu langsam. Die Klingenspitze riss sein Hemd auf, wo sie ihn entlang der Hüfte erwischte. Doch John reagierte sofort und rammte Ian die eigene Klinge in die Schulter. Beide taumelten voneinander fort, doch John sprang ihm sofort nach. Ian packte sein Schwert und hob es ihm entgegen, um ihn auf Distanz zu halten. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie Maria ihre leuchtenden Hände auf Alex' Bauch drückte. Doch er hätte die Augen besser nicht von John genommen, denn dieser glitt mit seiner Klinge am Zweihänder entlang, dass es nur so Funken schlug, dann zuckte seine Klingenspitze in Ians Gesicht und sein rechtes Gesichtsfeld wurde rot. "John! Nein", hörte Ian Isabelle brüllen, während er zu Boden fiel und eine Hand vom Schwertgriff löste, um sein Gesicht zu befühlen. Der Handschuh wurde dunkel vor Blut.

"Hör endlich auf!" brüllte Isabelle und stürzte sich auf ihren Bruder. Dessen Instinkte setzten jedoch ein und er wich dem Angriff mühelos aus. Mit seinem linken Auge konnte Ian sehen, wie John die Klinge herum riss. "Nein!", brüllte er, als das Schwert sich in ihren Leib bohrte und aus ihrem Rücken wieder austrat. Isabelle stürzte und entriss ihrem Bruder im Fallen das Schwert. Ian kämpfte sich mühsam hoch. Schmerz und Zorn verdrängten alles außer dem Drang, Rache an John zu nehmen. Wie ein roter Nebel senkte sich eine berserkerhafte Raserei über Ian und er gab sich ihr nur zu gerne hin. Der Schmerz in einer Schulter und in seinem Gesicht verschwand, als er sich auf Isabelle's Mörder stürzte. Sein Schwert schoss nach vorne, doch John wich aus, drosch ihm die Faust in die blutende, blinde Gesichtshälfte. Ian ließ das Schwert fallen und seine Hände schlossen sich um Johns Kehle, er drückte mit aller Kraft, die er noch hatte, zu. Er riss ihn zu Boden, entschlossen, diesen wertlosen Verräter zu erwürgen. Er sah in Johns Augen, suchte nach einem Zeichen von Reue, doch da war nichts als Irrsinn und Hass. Während seine Hände das Leben aus John heraus quetschten, wurde der wahnsinnige Glanz in den bernsteinfarbenen Augen nur umso stärker und ein heimtückisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er schlug Ian erneut ins Gesicht, löste seine Hände von seinem Hals und stieß Ian von sich, der vor Schmerzen kaum noch stehen konnte. John lachte und zerrte sein Schwert aus der am Boden liegenden Leiche seiner Schwester. Ian wich vor ihm zurück. Ihm war schwindelig und sein Schwert lag genau hinter John. Dann aber gesellte sich Maria mit erhobenem Streitkolben an seine linke Seite, Alex tauchte mit einem Messer in der Hand zu seiner rechten auf. "Und ich dachte, ihr gönnt mir mal etwas Spaß", knurrte Ian, doch in Wahrheit konnte er kaum noch stehen. Aber sein Bruder war wohlauf, die Blutung gestoppt. Darauf kam es an. John schüttelte den Kopf und wich zurück, durch den Bach. "Ihr verfluchten Feiglinge!", spie er wütend hervor. "Ich werde euch schon noch fertig machen, das schwöre ich, bei allem was heilig und unheilig ist." Er richtete die Klinge auf Alexander. "Ich werde dir alles nehmen was dir lieb und teuer ist, Alexander Simmons. Und wenn ich mit dir fertig bin, wirst du ein gebrochener Mann sein und mich anflehen, dich von deinem Elend zu erlösen!" Mit diesen Worten wandte er sich ab und huschte ins Unterholz.


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 3. Jan 2015, 02:01 
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Sind von Geburt an Todgeweiht
Dem Dasein voller Schmerz und Leid
Vom Anbeginn des Seins versprochen
Ein Schicksal das nicht wird gebrochen

Umringt von wandelnd Feind und Tod
Entbehrungen und Hungersnot
Man fragt, wie kann's so etwas geben
Ein langer Albtraum genannt Leben

Und keiner wagt's, davon zu sprechen
Gibt keine Chance, da aus zu brechen
Es hilft kein Beten und kein Weinen
Wir sind verloren, möcht' ich meinen

Und doch gibt es den Unterschied
Seite an Seit, in Reih und Glied
Kämpfen wir gegen's Schicksal an
Solang' ein jeder von uns kann

Vergebens, zweifellos, die Mühe
Zu schwach des Trotzes Funke glühe
Ein Feuer gleich auf nassem Holz
Sind wir auf uns're Torheit stolz

Im Grund' kommt es nur darauf an
Das jeder kämpft so lang er kann
Am Ende stirbt man aufrecht stehend
Doch nie gebrochen, wimmernd, flehend

Einst wird auch unsere Zeit ablaufen
So teuer wie's nur geht verkaufen
Wir bis dahin Land und Leben
Und das ist unser einzig Streben

So nehmen wir das Dasein hin.
Wir wissen, es hat wenig Sinn.
Gewinnen so zwar nie den Krieg
Doch jeder Tag ist schon ein Sieg

- Alexander Simmons, 'Trotz'

In den Rachen der Bestie

Tränen strömten über Johns Gesicht, als er so schnell ihn die Beine trugen durch den nächtlichen Wald rannte. Sicher würde man Reiter schicken, gen Kloster und Tyr's Hand, auf dass alle von seinem Verrat erfahren würden. Kaum war er ins Unterholz gehuscht, als die volle Tragweite seiner Taten auf ihn eindrang wie eine schwarze Flut. Er hatte den Kreuzzug verraten, seine Freunde verraten und seine eigene Schwester ermordet. Es gab keine Vergebung für ihn, keinen Platz auf dieser Welt. Er schlug einen großen Bogen gen Osten, um außer Sichtweite der Straße zu bleiben. Die östlichen Berge zu seiner linken, folgte er wieder dem Bach und hielt inne, als sein Brustkorb innerlich zu verbrennen schien. Atemlos sackte er gegen einen Baum. Die Wunde an seiner Seite brannte, doch er hieß den Schmerz willkommen, versuchte, sich an ihn zu klammern um die Erinnerungen an das Geschehene zu verdrängen. John war zahlreiche Male gestolpert und seine Kleidung war schmutzig, doch es war ihm egal. Alles war nun absolut egal. Gierig rang er nach Luft, ehe er weiter stolperte, wie in Trance einen Fuß vor den anderen setzte. Er taumelte durch den Bach und eiskaltes Waser rann von oben in seine Stiefel, durchnässte seine Füße. Tiefhängender Nebel kam auf, als in der kühlen Nacht die am Tag gespeicherte Wärme aus dem Boden stieg. Beide Monde standen am Himmel und Strahlenbüschel aus blassem Mondlicht fielen durch die Baumkronen und tauchten den Wald in ein gespenstisches Dämmerlicht. John schaute nach oben, zur Weißen Dame und dem Blauen Kind. Die Seuchenschwaden aus dem Süden verdunkelten die meisten Sterne, die Nacht hatte hier einen kränklich grünlichen Teint und die Monde wirkten wie die Augen einer gigantischen Bestie, die nur darauf wartete, ihn zu verschlingen. John keuchte atemlos, breitete dann lachend die Arme aus, forderte dieses imaginäre Monster auf, ihn zu holen. Unversöhnlich und kalt starren die Monde auf ihn hinab. Als er in das Mondlicht schaute, war ihm, als blicke etwas in ihn, als schleiche sich etwas in seinen Verstand, wie es schon auf dem Feld bei Dalsons Hof geschehen war, als der Skelettmagier seine Kehle packte und ihm sein dunkles Schicksal prophezeite. Doch die Stimme hatte sich geirrt. Er hatte seine Rache nicht bekommen. Müde setzte sich John hin, lehnte sich gegen einen Baum und fixierte wieder die Monde am Himmel. Wie konnte es nur so weit kommen? "Was soll ich jetzt nur machen?" fragte er verzweifelt und seine Tränen schufen helle Linien auf seinem schmutzigen Gesicht. Die Monde aber gaben ihm keine Antwort.

Er bettete sein Gesicht in den Händen, schüttelte den Kopf und schluchzte. Was hatte er nur getan? Warum hatte er so sehr die Kontrolle verloren? John sah auf den braunen, getrockneten Handabdruck auf seinem Hemd und bleckte zornig die Zähne. Was redete er sich denn da ein? Es war nicht seine Schuld gewesen! Wütend zerrte er sein Hemd auf, riss den Handabdruck entzwei und musterte die Schnittwunde an seiner Hüfte. Noch immer blutete sie leicht. Knurrend riss sich John einen seiner Ärmel ab und sah auf die Tätowierung auf seinem Oberarm, das stilisierte rote "L" von Lordaeron, eines der Symbole des scharlachroten Kreuzzugs. Diese blinden, armen Narren die hinter ihren Mauern hockten, die sich die ganze Welt schön redeten und noch immer daran glaubten, eines Tages die Untoten besiegen zu können. Er hatte die Untoten und ihre Macht erblickt, er hatte es am eigenen Leib gespürt. Der Scharlachrote Kreuzzug würde fallen. Früher oder später. Es war unvermeidlich. Die Geißel war einfach unbesiegbar. John zog sein Schwert aus der Scheide. Betrachtete kurz das dunkle, getrocknete Blut seiner Schwester auf der Klinge. Verächtlich schnaubend hielt er sich die Klinge an den Oberarm und zog die Schneide vorsichtig aber bestimmt über die Tätowierung. Einst hatten sie sich das Symbol gemeinsam stechen lassen. Doch er hatte sich geirrt. Sie waren niemals wirklich seine Brüder, Schwestern und Kameraden gewesen. Er hatte sich einlullen lassen von all den Worten über Kameradschaft, Patriotismus und dem Licht. Es waren allesamt Lügen. John verband seinen blutenden Oberarm mit dem abgerissenen Ärmel seines Hemds. Es gab kein Gut oder Böse. Es gab nur Macht. Dies war die einzige Wahrheit dieser Welt. Und der Kreuzzug war schwach, verdorben, verloren. Er hatte gesehen, wieviele Soldaten in all den Kämpfen fielen. In einem Krieg gegen einen Feind, der nicht hungerte, nicht schlief, nicht fürchtete, war eigentlich klar, wer letzten Endes der Gewinner sein würde. Es war ein totaler Krieg, den der Kreuzzug nur mit der absoluten Auslöschung aller Untoten gewinnen würden. Doch so weit würde es nie kommen. Mit jeder Schlacht, jedem kleinen Scharmützel wurde der Kreuzzug kleiner. Irgendwann würde die Flut aus Untoten die Mauern Herdweilers einreißen und alles Lebendige überschwemmen und verschlingen. Es war gut, dass er nun fort war. Gut, dass er die Wahrheit erkannt hatte. Doch noch immer schmerzte es, seine Rache nicht bekommen zu haben. Er war so nah dran gewesen. Im fairen Zweikampf hätte er jeden einzelnen von ihnen besiegt. Doch feige, wie sie waren hatten sie sich ihm gemeinsam entgegen gestellt. Und er verfluchte sich ob seiner Dummheit, nicht schneller oder geschickter oder aggressiver gewesen zu sein.

Er hatte Alexander und Maria oft in den Wald gehen sehen, in den letzten Wochen. Auch im letzten Sommer. Ihr lüsternes Vorhaben stand ihnen jedes Mal ins Gesicht geschrieben und er lachte ob der Vorstellung, wie schön es gewesen wäre, beide mitten im Akt einfach aufgespießt zu haben. Ihn, diesen Mörder und Lügner mit seiner silbernen Zunge und sie, diese leichtgläubige, dumme Schlampe. Und seine Schwester war nicht anders gewesen. Zu bereitwillig hatte sie den Brüdern all ihre Worte abgekauft und das Andenken an ihre Mutter verraten und mit Füßen getreten. Er wollte ihren Tod nicht bedauern. Isabelle hatte nichts anderes verdient. Dennoch wäre ihm lieber gewesen, den tödlichen Stoß gegen Alexander oder Ian gerichtet zu haben. John erhob sich mühsam und schleppte sich weiter, denn er war bei seiner Flucht nicht besonders vorsichtig gewesen und wollte nicht, dass man ihn einholte. Fähige Späher wie Raja würden seine Spur mühelos finden und ihr folgen können. So weit südlich im Wald war es gefährlich, besonders nachts. Bären, Wölfe und Rotkiefergnolle waren hier keine Seltenheit und John war zu schwach, einen Kampf zu gewinnen, soviel war ihm zumindest klar. Er begann, sich langsamer und umsichtiger fort zu bewegen, huschte von Baum zu Baum, von Schatten zu Schatten. John wusste, dass er sich in der Rotkiefersenke befand, wo es von Gnollen nur so wimmelte. In der Ferne, weit im Osten, sah er ihre Zelte aus Tierhäuten, ihre Lagerfeuer und er hörte sie gackern und knurren. Sie waren wilde, dumme Bestien und es war leicht, sie zu umgehen. Doch wohin sollte er nun gehen? Außer Reichweite des Kreuzzugs war klar. Aber um den Untoten zu entkommen musste er Tage und Wochen gen Süden reisen, was verwundet und allein keine einfache Aufgabe war. Die Straße kam in Sichtweite. Dahinter lag der verwüstete Hof des alten Dalson. Langsam schlich er sich zu den Bäumen am Straßenrand und sah gen Norden. Als niemand zu sehen war, huschte John über die Straße. Er würde nicht aufgeben, er würde nicht einfach sterben. Er hatte Alexander Simmons etwas geschworen und er würde diesen Schwur erfüllen, und wenn er dafür ganz Herdweiler in Brand setzen musste. John schlenderte zu der verfallenen alten Scheune, umrundete diese und sah auf das Feld hinaus. Er sah die zerschlagenen Skelette auf dem Feldweg und den Kreis aus Asche, wo sie im Winter die Leichen der Gefallenen verbrannt hatten. Die gespenstische Stimme des Skelettmagiers kam ihm wieder in den Sinn: Du wirst bereit sein, zu uns zu gehören, wenn die Hand des Todes dich berührt hat, auf dem Feld der Schwerter. Dann ist die Zeit für deine Rache gekommen.

Langsam schlenderte John zum Aschekreis. Der Regen hatte einiges fortgewaschen, braunes Unkraut wuchs bereits wieder neu, doch noch immer war der Kreis gut zu erkennen. Ein Fleck mitten auf dem Feld. Ein Makel auf einem makelbehafteten Land. John spuckte in die Asche und lehnte sich an einen alten, wurmstichige Zaunpfahl. Er würde seine Rache nicht bekommen, indem er den Schwanz einzog und floh. Er würde es zuende bringen. Langsam bildete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht. Er würde mit allem fertig werden, was sie ihm entgegen setzen würden. Er würde alle schmerzhaften Erinnerungen verdrängen, sie aus sich heraus brennen wie Inquisitoren Geständnisse aus ihren Opfern brannten. John würde seinen Schwur erfüllen, koste es, was es wolle. Kurz musste er auflachen. Seine Schwester hatte sich immer so sehr gewünscht, dass sie eines Tages dieses grausame Dasein hinter sich lassen könnten. Er zumindest hatte es geschafft. Langsam ging er durch die Reihen aus wildem Weizen, über den Feldweg, wo sie gegen die Skelette gekämpft hatten. Endlich verstand John, was er zu tun hatte. Es gab tatsächlich eine Möglichkeit, dem grausamen Leben zu entkommen. Endlich sah er wieder zuversichtlich nach vorne, während er das alte Getreidesilo passierte und durch gammelige Maispflanzen taumelte. Er würde nicht mehr leiden, er würde nie wieder Angst haben. John schwor sich, nie wieder eine Träne zu vergießen. Er hatte schließlich keinen Grund mehr, traurig zu sein. Was er hinter sich gelassen hatte, war den Kummer nicht wert. Sogar seine Mutter nicht, denn sie war genau so schwach wie alle anderen gewesen. Er würde sich durch Erinnerungen nie wieder zu Fehlern verleiten lassen. Er würde berechnend sein, eiskalt. Gefühllos. Seine Wunde pochte schmerzhaft und John stolperte durch verwelktes Gras, fiel auf die alte Pflasterstraße, die durch das Land führte. Er kroch einige Meter vorwärts, hielt sich die schmerzende Seite und bleib schließlich keuchend liegen, drehte sich auf den Rücken und sah zu den beiden Monden. Die Müdigkeit brach über ihn herein und er schüttelte den Kopf, versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Seine Schläfen begannen, ebenso zu pochen und der Schmerz war so stark, dass ihm der Schädel dröhnte. Mühsam drehte er sich um, krallte sich in die Fugen der dreckigen, moosbewachsenen Pflastersteine und zog sich vorwärts. Konzentrierte sich, Meter um Meter zurück zu legen, ehe ein Schatten auf ihn fiel. Verwundert sah John nach oben, zum steinernen Wegweiser, dessen Schild wie eine ausgestreckte Knochenhand gen Süden zeigte. Er begann zu glucksen, ehe das Lachen laut und schallend aus ihm heraus brach. "So sei es denn", brüllte er, während seine Rippen vor Lachen schmerzten und seine Wunde unangenehm pochte, bei jedem Anspannen, bei jedem Atemzug. "Wenn dies mein Schicksal ist... dann nehme ich es an." Langsam setzte er sich wieder in Bewegung, zog sich über die Straße nach Süden. Auf dem uralten Schild stand in großen Buchstaben nur ein Wort. Andorhal.

Die scharfen Kanten der Pflastersteine schnitten in seine Finger, während er sich vorwärts zog, rechts und links der Straße sah er Unkraut und missgestaltete, kranke Bäume. Uralte, zerstörte Belagerungswaffen erhoben sich wie die Knochen seltsamer Kreaturen aus dem hohen Gras. Die stummen Zeugen zahlreicher erbitterter Schlachten. Doch langsam ebbten die Schmerzen ab. Nur das Dröhnen in seinem Hinterkopf blieb, wie ein allgegenwärtiges, leises Summen. Schließlich zog John sich an einem alten, verrosteten Laternenpfahl wieder auf die Beine und taumelte weiter. Nun bemerkte er auch den süßlichen Geruch von Verwesung in der Luft, den dicken, schwärenden Gestank von Krankheit und Verfall. Die Straße war gesäumt mit Knochen und Trümmern und noch immer starrten ihn die Monde am grünlich-trüben Himmel wie zwei hungrige Augen an. Vor ihm erhoben sich zwei alte, verfallene Wachtürme wie die Fänge eines Monsters in den Himmel, mehr als passend, wo die Monde doch so schaurig schöne Augen bildeten. John lachte freudlos und stiefelte weiter, mitten in den Rachen dieser Bestie, die nur er sah. Und schon kamen ihm die ersten Untoten entgegen, Skelette, Ghule und verfaulende Moderhirne. Tote, blinde Augen und leere Schädel richteten sich auf ihn, doch John hatte keine Angst mehr. Nichts, was jetzt noch passieren konnte, war schlimmer als das, was er sein ganzes Leben lang ertragen hatte. "Ist hier jemand, der sich meine Wunde ansehen kann?", brüllte John zynisch gegen die Grabesstille an. Langsam kamen die Untoten näher, doch als er weiter durch die verwüsteten Straßen taumelte, wichen sie ihm aus, standen beinah Spalier wie die morbide Parodie eines Empfangskomitees. John wunderte sich, warum seine Wunde wieder schmerzte und ertappte sich dabei, aus voller Kehle zu lachen. "Ich weiß, ihr habt es nicht so mit den Lebenden", rief er, während das Pochen in seinem Kopf immer schlimmer wurde. "Aber bei mir lohnt es sich." Er schlenderte weiter und war einen Moment lang sprachlos, als er sah, wie sich im Mondlicht tausende und abertausende Untote durch die Ruinen von Andorhal bewegten. So zahlreich wie Grashalme auf einer Wiese und wie Sterne am Himmel. Aus den Geschichtsbüchern wusste er, dass Andorhal vor dem Fall Lordaerons über dreißigtausend Einwohner hatte. Selbst wenn hier nur die Hälfe im Untod herum liefen, bildeten sie eine Streitmacht, die ihresgleichen suchte. Er hatte Recht gehabt: Der Kreuzzug hatte keine Chance und die Geißel war unbesiegbar. Und er war nun im Begriff, sich auf die Seite des Siegers zu stellen. Und er würde sich seine Rache holen. "Ich biete euch meine Dienste an", schrie er so laut er konnte. "Ich biete euch Herdweiler! Und alles, was dafür notwendig ist, ist dass ich diesen verdammten Kratzer überlebe." Er sah sich um, doch er sah nur tote Augen, die sich auf ihn gerichtet hatten. Dann, im blassen Mondlicht, wob sich eine Kreatur aus dem Nichts, formte sich aus Mondlicht und Schatten gleichermaßen und wirbelnde Ketten zuckten klirrend durch die Stille. Blau leuchtende Augen in einem Totenschädel richteten sich auf ihn und das Dröhnen in seinem Hinterkopf wurde zu einem Blitz aus purer Qual, der drohte, ihn von Innen heraus in Stücke zu schmettern. Es fühlte sich an, als würde seine Seele aus seinem Leib gerissen, in den entsetzlichen Abgrund dieser unheiligen, leblosen Augen. Er fühlte sich, als ob die Kreatur ihre Knochenklauen tief ihn in grub und sein Herz umklammerte, es für sich beanspruchte. Ein entsetzliches Lachen hallte durch die Straßen der Ruinenstadt, doch John hörte nur einen Satz in seinem Kopf, während er sich in diesem schrecklichen Abgrund verlor, den die Augen des Lichs darstellten. "Du gehörst jetzt mir."

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Hochinquisitorin Vermillion presste das glühende Schüreisen kräftig auf die Bauchwunde und Alexanders Schmerzensschrei hallte laut und heiser durch die unterirdischen Flure von Burg Mardenholde. Carmen Vermillion trug ihre kupferroten Haare offen und sie fielen ihr in langen, gewellten Strähnen in das blasse Gesicht, aus dem grüne Augen wie Teufelsfeuer auf ihn herab loderten. Er war auf der Folterbank festgebunden, auf der vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden noch die Hochinquisitorin Laute der Verzückung von sich gegeben hatte. Zweifellos trug die kleine Erniedrigung des vergangenen Tages einiges zum Ausmaß der jetzigen Befragung bei. Das, und die Tatsache, dass Großinquisitor Isillien, Taelan Fordring und Galvar Reinblut ebenfalls im Raum standen und zusahen. Alexander atmete tief durch, schnappte nach Luft, als die Hochinquisitorin das Schüreisen wieder anhob. Maria hatte mit dem Licht die Wunde zumindest ein wenig geschlossen. Nun aber war sie komplett kauterisiert. "Er sagt das gleiche wie sein Bruder und Soldatin Mallea", sagte Taelan Fordring und sah auf ihn hinab. "Entweder haben sie ihre Lügen gut abgesprochen... oder sie sagen die Wahrheit." Er wandte den Blick seiner blassblauen Augen ab, als die Hochinquisitorin das Foltereisen erneut auf die Wunde presste. Alexander schrie erneut auf und zuckte vergebens gegen die Fesseln. Doch ein Zerren und ein Wehren war zwecklos. Widerstand hatte keinen Sinn. "John von Nordtal fiel bereits zuvor negativ auf. Oft. Dafür gibt es zahlreiche Zeugen. Aber das er seine eigene Schwester ermordete und den Kreuzzug verriet. Schwer zu glauben." Galvar Reinblut strich sich kopfschüttelnd durch die kurzen, blonden Haare und hob eine Hand. Hochinquisitorin Vermillion hielt inne und legte das Schüreisen wieder in die Feuerstelle. "Der Makel seines Wahnsinns könnte auch an ihnen haften", knurrte der Großinquisitor und strich sich nachdenklich durch den rotblonden Bart. "Einen Monat Quarantäne für die drei." Galvar Reinblut nickte ergeben, doch Taelan Fordring neigte den Kopf hin- und her. "Sie sind fähige Soldaten. Sie könnten bei der Suche nach dem Verräter helfen. John von Nordtal weiß eine Menge, um uns gefährlich zu werden." Galvar Reinblut schüttelte den Kopf. "Ich habe bereits dafür gesorgt, dass die Kennwörter der Wachen und Patrouillen geändert werden. Ich habe Reiter nach Tirisfal und nach Tyr's Hand geschickt. Was er weiß, wird ihm wenig nützen. Und wahrscheinlich werden wir ihn bald haben. Tote können nicht mehr reden." Er schwieg eine Sekunde. "Nicht, wenn sie nur noch Asche im Wand sind." Großinquisitor Isillien wandte sich zur Tür. "Die junge von Nordtal soll dem Wind übergeben und ihr Name der Mauer hinzugefügt werden", sagte er und öffnete die Tür. "Die drei jedoch werden die Quarantäne überstehen müssen. Wir dürfen kein Risiko eingehen. Verstärkt die Wachen auf den Straßen. Möglicherweise war John von Nordtal Teil einer ganzen Zelle von Häretikern."

Der Großinquisitor schritt aus der Kammer und Fordring und Reinblut folgten ihm. Kaum fiel die Tür der Folterkammer ins Schloss, krallte die Hochinquisitorin ihre Fingernägel an sein Kinn und nahm es feste in die Hand. "Deine Strafe ist noch nicht vorbei, Simmons." Sie pfiff und die Tür öffnete sich und zwei Soldaten betraten die Kammer. "Schnallt ihn los und schafft ihn in die Kammer am Ende des Korridors. Schnallt ihn dort auf den Stuhl." Die Soldaten gehorchten. Sie schlossen die Fesseln auf und zerrten Alexander hoch. Dieser war zu erschöpft, sich zu wehren. Zumal er nicht wollte, dass Widerstand als Wahnsinn ausgelegt wurde. Er wollte diesen Mist überleben. Er würde die Quarantäne überstehen und wenn John von Nordtal bis dahin nicht längst tot war, dann würde er ihm persönlich den Kopf von den Schultern schlagen. Alexander bemerkte nur vage, wie sie ihn fort schleppten, den Korridor entlang. Dann wurde er wieder gefesselt, an Händen und Füßen, auf einem Stuhl sitzend. Fast wäre er vor Erschöpfung eingeschlafen. Dann aber trat die Hochinquisitorin in die düstere, nur von wenigen Kerzen erleuchtete Kammer. Sie umkreiste ihn, verschwand dann im Schatten hinter ihm. Er hörte Wasser plätschern, dann das Knistern einer Fackel. Schließlich umrundete sie den Stuhl wieder und blieb vor ihm stehen. "Ich lasse mich nicht veraschen, Simmons", wisperte sie und ihre Lippen bewegten sich kaum, als sie sprach. Ihre Gesichtszüge waren so feingeschliffen und kalt wie eine Statue. "Du wirst für deine Frechheit bezahlen und nie wieder auf die Idee kommen, dich meinem Willen zu widersetzen. Und du wirst... du wirst bitte sagen, Alexander. Oft." Sie griff an seinem Gesicht vorbei, hinter ihn und zerrte an etwas, zog dann ein albtraumhaftes Gestell nach vorne, um den Stuhl herum, bis es Alexander einschloss. Er war nun umgeben von dünnen Metallrohren, die ihn umgaben, sogar am Rücken, denn der Stuhl hatte nur ein dünnes Brett als Lehne. Die Rohre waren so hoch wie ein erwachsener Mensch im Sitzen und Alexander sah zahlreiche Löcher in den Rohren. "Ich weiß echt nicht, warum Ihr Euch so aufregt, Hochinquisitorin", knurrte Alexander benommen. "Ich hab es Euch doch anständig besorgt, oder?" Sie lachte freudlos auf, zog ein langes, dünnes Schüreisen aus einem Korb in der Ecke und schob es durch den Abstand zwischen den Rohren, drückte es auf Alexanders Brandwunde. Doch er biss die Zähne zusammen, wollte ihr nicht die Genugtuung weiterer Schreie geben. Er hörte ein Feuer knistern, irgendwo hinter sich. Dann, nach etlichen langen Minuten der Stille, hörte er etwas Gluckern. "Ich denke, ich nenne es die Orgel", erklärte die Hochinquisitorin mit einem Lächeln. "Ich bin gespannt, was sie dir für Töne entlockt." Mit diesen Worten trat sie wieder hinter ihn und Alexander drehte sich, so gut es die Fesseln ermöglichten. Hinter seinem Stuhl sah er lange zahlreiche Hebel. Und an einem von ihnen zog die Hochinquisitorin nun.

Aus einem der Löcher in den Rohren zuckte heißer Dampf pfeifend über Alexanders rechten Unterarm. Er schrie auf, hauptsächlich vor Überraschung. Er zuckte zurück, doch die Fesseln hielten ihn unerbittlich fest. "Ja, das gefällt mir", kommentierte Hochinquisitorin Vermillion hinter ihm, ehe sie einen anderen Hebel umlegte. Diesmal zuckte heißer Dampf über seinen nackten Bauch, über die Brandwunde und er brüllte erneut auf, während ihm die Tränen in die Augen schossen und ihm schwindelig vor Schmerzen wurden. "Sag bitte", hörte er es hinter sich, doch er schüttelte den Kopf und presste die Lippen aufeinander. Immer wieder zerrte die Hochinquisitorin an ihren Hebeln, legten jeden immer nur kurz um, dann wieder zurück. Immer wieder zischten dünne, heiße Dampfstrahlen auf seinen Körper ein. Alexander zuckte immer wieder auf, kämpfte darum, den Mund geschlossen zu halten, doch es gelang ihm nicht. Tränen rannen sein Gesicht hinab. Dann endlich trat die Hochinquisitorin wieder nach vorne, öffnete das Gestell und schob die Rohre auseinander. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren, hatte nicht einmal die Strahlen mitgezählt, die da unerbittlich auf ihn gefeuert wurden. Doch an ihrem Grinsen sah Alexander, dass es noch nicht vorbei war. Sie griff an ihm vorbei, an das Brett, welches als Rückenlehne diente und zog es aus einer Halterung, so dass er nur noch gefesselt da saß wie auf einem Hocker mit Lehnen für die Arme. Dann schloss sie das Gestell mit den sadistischen, pervertierten Orgelpfeifen wieder um ihn herum und trat wieder an die Hebel. "Sag bitte", forderte Vermillion erneut doch Alexander schüttelte nur den Kopf. Dann zischte heißer Dampf über seine rechte Schulter und er zuckte nach vorne, nur um dort einen anderen Strahl auf sich zu zucken zu sehen. Mühsam spannte er sich an, gefangen zwischen zwei Strahlen heißen Dampfes. Seine Bauchwunde schmerzte und Sterne tanzten bunt vor seinen Augen. "Du sollst Bitte sagen!", donnerte ihre Stimme durch den Raum und sie packte weitere Hebel. Heißer Dampf zischte über seine Stirn, über sein linkes Bein und er zuckte, in einen Strahl hinein und dann in den anderen, schrie auf vor Schmerzen. Seine Mutter hatte ihm immer gesagt, dass der Schmerz nie stärker sein durfte als er. Doch all seine Selbstbeherrschung war am Ende. Er schrie auf vor Qual, als pfeifend der heiße Dampf auf ihn einprasselte, wie kochend heißer Regen. Seine Lippen waren längst blutig gebissen, doch er bettelte nicht um Gnade. Dann schließlich war der Schmerz zu viel, die Erschöpfung zu fiel. Vage nahm er die Schmerzen im Rücken wahr, als er kraftlos nach hinten sackte, gegen die heißen Rohre. Dann wurde alles schwarz um ihn herum.

Als Alexander erwachte und sich bewegte, drangen die Schmerzen sofort wieder auf ihn ein. Maria hatte seinen Kopf in ihrem Schoß gebettet, strich vorsichtig über seinen Kopf. "Bleib still liegen, Alexander." Er blinzelte, atmete tief durch und versuchte, die Gedanken zu ordnen. Was war nur geschehen? Doch als er an sich hinab sah, die verbundene Brandwunde sah und die zahlreichen krebsroten Stellen auf der Haut, wo sich Blasen gebildet hatten, wusste er wieder, was passiert war und wo er war. "Wie lange war ich weg? Haben sie John schon gefunden?" Maria schüttelte den Kopf. Aus einer dunklen Ecke abseits des spärlichen Lichts, das durch die Gitter in der Tür drang, schlenderte Ian zu ihnen. Seine rechte Gesichtshälfte war verbunden. "Einige Stunden", sagte er und setzte sich zu ihnen auf den Steinboden. "Aber nein, soweit wir wissen, haben sie ihn noch nicht. Allerdings kannst du dir sicher vorstellen, dass uns mit Neuigkeiten zu versorgen ganz unten auf ihrer Prioritätenliste steht." Ian lächelte freudlos, ehe sein Blick über Alex huschte. "Was zum Henken haben die mit dir gemacht?" Doch Alexander schüttelte nur den Kopf und schluckte hart. "Die wollten mich weich kochen. Sieht man doch." Maria beugte sich vor und küsste vorsichtig die unverbrühte Seite seiner Stirn. "Ich wollte dich heilen, aber... es klappt nicht immer. Auch nicht bei Ian." Ian aber winkte ab. "Mir geht es gut, das kommt schon wieder in Ordnung. Du hast Alex gerettet. Wir leben noch. Besser... als anders." Ians Worte nahmen einen betroffenen Tonfall an und Alexander wusste, an wen er dachte. Isabelle war eine gute Freundin gewesen, fast wie eine Schwester. Und John hatte sie kaltblütig ermordet. "Was ist nur in ihn gefahren?", fragte Maria, "Ich dachte, er hätte sich beruhigt und all die Monate war doch alles in Ordnung?" Ian schnaubte verächtlich. "Den Verstand hat er verloren. Vielleicht hat er sich doch irgendwas zugezogen. Aber ich hab den Irrsinn in seinen Augen gesehen. Als er seine Schwester abstach. Keine Reue. Hoffe, sie finden diesen verdammten Hund und werfen ihn auf den Scheiterhaufen." Ian ballte zornig die Fäuste. Alexander zwang sich zur Ruhe. Untypischerweise waren sie zu dritt in eine Zelle gesperrt worden. Wahrscheinlich, weil bei ihnen allen der Verdacht auf Krankheit bestand. Allerdings glaubte Alexander nicht an etwas Ansteckendes. Aber was hatte John nur so ausrasten lassen? Er hoffte, dass man ihn zu fassen bekam, lebend. Er hatte es zweifellos verdient, ordentlich verhört zu werden, ehe man ihm seine Strafe zukommen ließ.

Stunden vergingen und wurden zu Tagen. Rasch verloren sie das Zeitgefühl und das einzige Maß, dass sie hatten war die Nahrung, die man ihnen regelmäßig durch den Spalt in der Tür in die Zelle schob. Ab und an waren frische Verbände dabei, so dass Maria Alex und Ians Wunden neu versorgen konnte. Dann aber, nach nicht einmal einer Woche, wurde die Zellentür aufgerissen und Waffenmeister Hellfeuer stand in der Zelle. "Hoch mit euch", bellte er, doch sie sahen echte Panik in seinem Gesicht. "Rauf, schnappt euch Waffen und Rüstungen und raus mit euch!" Ian, Maria und Alexander sahen sich verwundert an. "Was ist denn los?", fragte Maria perplex. Doch der Waffenmeister verließ die Zelle bereits wieder. "Fordring hat eure Quarantäne aufgehoben", hörten sie seine Stimme auf dem Flur, sich bereits wieder rasch entfernend. "Wir werden angegriffen und wenn ihr krank wärt, wäre es wohl die beste Gelegenheit, es raus zu lassen. Andernfalls macht euch gefälligst nützlich." Sie hörten seine klirrenden Schritte auf der Treppe, die nach oben führte. Hastig standen sie auf und folgten ihm, eilten zu den Unterkünften, wo sie ihre Rüstungen anlegten und sich ihre Waffen schnappten. Aufgrund seiner Brandwunden sah Alexander allerdings davon ab, seine Rüstung anzulegen. Er legte die alten Pistolen seines Mentors an und beschloss, einfach besser aufzupassen, als durch den Druck der Rüstung dauerhaft Schmerzen zu haben. Er band sich jedoch eine zweite Schwertscheide an den Gürtel und beschloss, beidhändig zu kämpfen, wenn er nicht gerade die Pistolen sprechen ließ. Sie sprachen nicht, während sie ihre Ausrüstung anlegten. Doch sie hörten andere Soldaten, die ganze Burg war in Aufruhr. Untote in der Stadt, hieß es. Doch wie konnte das sein? Wie konnten Untote es überhaupt unbemerkt bis Herdweiler schaffen, geschweige denn die Stadtmauer überwinden? Als sie die Burgtore von Mardenholde hinter sich ließen, erkannten sie jedoch, dass Herdweiler tatsächlich angegriffen wurde, von innen. Die Stadtmauer kreiste Herdweiler nicht vollständig ein. Und wo die südliche Mauer im Steilhang der nördlichen Berge endete, quollen Untote wie Ameisen in die Stadt. Alexander sah, wie zahlreiche Ghule und die flinken Wesen, die man Spuke nannte, hinter der Mauer hervor kletterten und durch die Straßen stürmten, gierig auf der Suche nach Opfern. "Das war John", knurrte Alexander, felsenfest überzeugt. "Nie zuvor griffen die Untoten uns so an. In all den Jahren nicht. John ist nicht nur verrückt geworden. Er hat uns allesamt verraten."


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 1 )
BeitragVerfasst: 3. Jan 2015, 23:30 
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Panische Schreie und Befehle hallten durch die nächtlichen Straßen von Herdweiler. Alexander sah sich um und stellte zu seiner Erleichterung fest, dass sich an der südlichen Stadtmauer bereits die Soldaten formierten und die herein strömenden Ghule und Spuke mit erhobenen Waffen erwarteten. Zahlreiche der vermummten, springenden Spuke sprangen geradewegs auf ausgestreckte Speere und Lanzen und spießten sich selbst auf, ehe sie am Boden in Stücke gehackt wurden. Er sah Hochinquisitorin Vermillion in ihrer schwarz-goldenen Rüstung mit den roten Verzierungen, die mit ihrem Schwert durch die anstürmenden Ghule mähte als schneide sie Getreide mit einer Sense. In ihrer Nähe wütete Galvar Reinblut mit seinem Streithammer und erschlug einen Untoten nach dem anderen. "Wird das nördliche Ende der Mauer bereits verteidigt", fragte Alexander einen vorbei eilenden Soldaten und dieser nickte. "Fordring ist bereits dort. Auch da fallen welche ein." Ian und Maria stürzten sich bereits in das Getümmel, doch Alexander zögerte. John war also zur Geißel übergelaufen. War er dann ebenfalls hier? Er sah zum Rand der Stadtmauer, wo die Schlacht tobte. Einige der vermummten, springenden Spukgestalten waren bereits im Stadtinneren und Alexander sah, wie sie wie Frösche herum hüpften, von Person zu Person und ihre Krallen wie Messer in Körper stießen, ehe sie mit ihren großen Augen nach neuen Opfern Ausschau hielten. Irgendetwas stimmte bei dem ganzen jedoch nicht, doch Alexander konnte noch nicht mit dem Finger darauf zeigen. Das Umgehen der Stadtmauer war eine Überraschung, natürlich. Aber Alexander war sich sicher, dass hinter all dem mehr steckte. Das Erklettern der Hänge, die Herdweiler umgaben, war für einige Ghule und Spuke möglich, würde aber nie den Untergang der ganzen Stadt bewirken. John aber war clever genug, genau das zu wissen. Er musste etwas anderes vorhaben. So überrumpelnd dieser Angriff auch war, er war nichts anderes als eine Ablenkung. Unter der Zivilbevölkerung herrschte absolute Panik. Menschen flohen panisch durch die Straßen, bemüht, in ihre Häuser zu kommen um sich dort zu verbarrikadieren. Einige Soldaten machten bereits Jagd auf die Untoten, die es bereits in die Stadt geschafft hatten. Was hatte John vor? Alexander sah sich um. Es behagte ihm nicht besonders, aber er konnte nicht anders, als sich zu fragen, was er wohl an John's Stelle machen würde. Doch er konnte und wollte sich nicht in die Gedankengänge eines Wahnsinnigen und eines Verräters hinein versetzen. John war ein Ketzer und er würde dieses verräterische Gedankengut nicht in seinen Kopf lassen, denn obwohl er immer versuchte, die Dinge rational zu sehen und die meisten fanatischen Predigten des Kreuzzugs für Unsinn hielt, hatte ein Teil von ihm nun doch Angst, dass John's Irrsinn ansteckend war und dass er sich selbst verdammte, wenn er versuchte, wie John zu denken.

Alexander atmete tief durch und ignorierte die Schmerzen, die ihm seine Bauchwunde noch immer bereitete. Dann drängte er sich nach vorne, zog beide Schwerter und gesellte sich zu Ian und Maria und stieß erst eine Klinge in die Brust eines Ghuls, ehe er der Kreatur mit der anderen den Kopf von den Schultern schlug. "Das ist eine Finte", brüllte er gegen den Lärm der klirrenden Waffen und der kreischenden Ghule an. "Wie meinst du das?", fragte Ian, der einen der vermummten, Vogelscheuchen-ähnlichen Spuke mit dem Zweihänder aufspießte, zu Boden rang und mit dem Stiefel auf seinen Kopf trat, bis der Inhalt der sackartigen Kopfbedeckung nur noch weicher Brei war. Noch immer war Ians rechtes Auge verbunden, das andere aber fixierte seinen Bruder mit fragendem Gesichtsausdruck. Alexander winkte ihn mit sich, griff nach Marias Schulter und zog auch sie aus dem Getümmel. "Das muss einfach eine List sein", erklärte Alexander ein wenig abseits der Verteidigungslinie. "John mag seinen neuen Freunden verraten haben, dass die Mauer Schwächen hat, aber wenn nur flinke Biester wie Spuke und Ghule die Berge und Hänge passieren und in die Stadt können, nehmen die Herdweiler auf diese Weise trotzdem nicht ein. Die Absicht muss also eine andere sein." Ian sah sich um, schulterte den Zweihänder und deutete mit der freien Hand auf das Durcheinander in den Straßen. "Er beweist, wenn auch hoffentlich nur einmalig, dass man innerhalb der Mauern doch nicht so sicher ist, wie wir immer glaubten." Alexander nickte seinem Bruder zustimmend zu. "Schrecken ist eine Taktik der Geißel, ja. Aber es muss hier einfach um mehr gehen." Er deutete zum Rand der Stadtmauer, wo weitere Ghule in die Stadt strömten und sofort abgeschlachtet wurden. "Die suggerieren uns die stumpfsinnige Taktik, einfach nur in die Stadt zu wollen. Und die vorhersehbare Reaktion von uns seht ihr direkt vor euch." Alexander deutete auf die versammelten Soldaten, die beinah mühelos die eindringenden Untoten erwarteten und nieder machten. Nur sehr selten gelang es einem Spuk, einen Soldaten zu Boden zu reißen, denn die versammelten Soldaten waren zahlreich und wachsam. "Ich weiß nicht, was John wirklich vorhat, aber wir sollten auf der Hut sein. Möglicherweise ist er auch hier. Schlich sich als erstes in die Stadt. Die meisten Soldaten sind abgelenkt, in den Straßen herrscht Panik. Und keiner erkennt es als Finte, weil die Geißel normalerweise wenig auf Taktik und mehr auf Überzahl und Schrecken setzt. Diesmal aber haben sie einen Verräter von uns bei sich. Der uns und unsere Taktiken kennt. Unsere Schwächen." Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er wusste genau, was er an Johns Stelle versuchen würde. Und als er sich von der Stadtmauer abwandte, verriet der rötliche Schein von Feuer im Nachthimmel, dass er Recht hatte. "Es geht ihm nicht darum, die Stadt zu überrennen. Er will, dass wir hier elendig von alleine zugrunde gehen."

"Ian", begann Alexander und packte seinen Bruder bei den Schultern. "Sieh zu, dass du zu Fordring kommst und ihm sagst, was Sache ist. Wir brauchen so viele Soldaten wie nur möglich in den Straßen. John wird versuchen, unsere Nahrungsmittelvorräte zu verbrennen. Möglicherweise auch, unsere Brunnen zu vergiften. Die Untoten müssen uns nicht einmal mehr erwischen, wenn wir ohnehin keine Lebensgrundlage mehr haben." Ian nickte grimmig und machte sich auch schon auf den Weg zum nördlichen Ende der Stadtmauer, wo Taelan Fordring die Verteidigung gegen die dort einfallenden Untoten anführte. Alexander drängte sich wieder nach vorne, dicht gefolgt von Maria. Er drängte sich durch die Soldaten, bis er Kommandant Reinblut erreicht hatte. "Kommandant", rief ihm zu, nicht so töricht, ihn zu berühren, da der Mann sichtbar im Kampfrausch war und nur mit dem Streitkolben nach ihm geschlagen hätte. Doch der Kommandant hielt inne, sah ihn an. "Was?" Alexander deutete zum Schein des Feuers in der Ferne. "Das hier ist nur Ablenkung", erklärte Alexander. "Der Feind will unsere Vorräte verbrennen, unsere Brunnen vergiften. Ich bin sehr sicher, dass der Verräter hier irgendwo ist. Wir müssen Soldaten abziehen und in die Straßen schicken, den Schaden gering halten. Dieser Ansturm führt doch zu nichts. Und John von Nordtal weiß das. Es muss eine Finte sein." Der Kommandant sah zum entfernten Feuerschein. Auch Hochinquisitorin Vermillion hatte sich zu ihnen gesellt und Alexanders Schilderungen gelauscht. "Ich denke, ein halber Zug Soldaten wird hier genügen. Ich bleibe hier", bot sie an richtete ihre giftgrünen Augen auf Alexander. Ein Mundwinkel hob sich, doch ihr Blick war undeutlich. "Einige Soldaten hoch zu Ross würden für eine bessere Koordinierung und Kommunikation sorgen", fügte sie noch hinzu. Galvar Reinblut nickte und bellte Befehle. Zwei Gruppen, geführt von Liam Smith und Edward Drake blieben bei der Hochinquisitorin. Alexander bemerkte nun auch einige Armbrustschützen auf dem Wehrgang der Stadtmauer. Er hatte zwar keine Ahnung, wie viele Spuke und Ghule noch ihr Glück versuchen würden, doch er war sich sicher, dass sie sich allesamt die Zähne ausbeißen würden. Kommandant Reinblut packte Alexander an der Schulter. "Hochlord Fordring muss ebenfalls informiert werden." Nun gönnte sich Alexander ein kurzes Grinsen. "Ich habe meinen Bruder bereits los geschickt." Der Kommandant nickte anerkennend, ehe er den ihn umgebenden Soldaten Befehle zubrüllte. "Ich werde mich um die Verteidigung der Lagerhäuser kümmern. Aber ich will auch alle Brunnen südlich der Hauptstraße, die vom Wachturm bis zur Burg führt, gesichert sehen. Das sind..." Er überlegte kurz. "Sechs Stück. Ein Trupp bei jedem Brunnen wird genügen." Er deutete mit dem Finger auf Soldaten um sich herum. "Mallea, Malloy, Wagner, Kraus, Mölling, Simmons. Ihr übernehmt das. Faolweg, Fordringsgasse, Abbendisstieg, Ritterplatz, Hellweg und den Brunnen beim östlichen Markt." Und während sich bereits Soldaten zu den auserwählten Personen gesellten, winkte Reinblaut die restlichen mit sich und eilte davon, verschwand rasch zwischen den Gassen der Stadt.

Alexander und seine sieben Soldaten eilten durch die Straßen, in Richtung des östlichen Marktplatzes. Wie von der Hochinquisitorin empfohlen galoppierten nun auch einige Pferde durch die Gassen und Alexander sah, wie sich Rauchsäulen in den Himmel schraubten, wo bereits gelegte Feuer mithilfe von Eimerketten gelöscht wurden. Das Laufen tat ihm nicht besonders gut, sein Bauch begann wieder zu schmerzen und als sie endlich den Marktplatz erreicht hatten, lehnte er sich schnaufend gegen den Brunnen. Der Marktplatz lag direkt südlich vom Wachturm und der Hauptstraße und so hatte sein Trupp eine gute Sicht auf die Umgebung. "Was, wenn sie bereits Gift in die Brunnen getan haben?" fragte einer seiner Soldaten, ein junger Mann aus Schwarzhain. Alexander brummte, atmete tief ein. "Möglich. Wir werden das Wasser testen. Abkochen. Aber der Verräter kann auch nicht überall gewesen sein." Er deutete die Hauptstraße hinab, in Richtung Burg Mardenholde, wo ein Lagerhaus in Flammen stand. Hastig bemühte man sich, ein Ausbreiten der Flammen zu verhindern. Das alles war tatsächlich gut geplant gewesen, von John. Aber die rasche Reaktion auf die Finte würde die Verluste dennoch gering halten, vermutete Alexander. Ghule und Spuke waren gut im Töten, aber nicht für komplexe Sabotage geeignet. Und alleine konnte John schlecht die ganze Stadt lahm legen. Aber was war, wenn es sich um eine doppelte Finte handelte? Wo konnte er denn noch zuschlagen, um größtmöglichen Schaden anzurichten? Alexander sah zur Burg. Doch die Burg Mardenholde war gut gesichert, der Großinquisitor hatte eine riesige Leibwache. Wenn John dort zuschlagen wollte, würde er direkt in sein Verderben rennen. Ein lautes, langsames Klatschen riss ihn aus den Gedanken und er fuhr herum, als aus einer dunklen Gasse genau die Person geschlendert kam, die all das Chaos verursacht hatte. John von Nordtal trug schwarze Wollkleidung und einen langen, ebenso schwarzen Fellumhang, dessen Kapuze ein Wolfskopf war. Mit jedem langsamen, lauernden Schritt klatschten seine Hände in süffisantem, spottendem Beifall aufeinander. An seiner Hüfte trug er ein neues Schwert, Alexander erkannte, dass die Klinge dieses Schwerts breiter war als die, die mit der er vor nicht einmal einer Woche seine Schwester durchbohrt hatte. "Ich muss auch nicht überall sein, Alexander", höhnte John und schlug die Kapuze zurück und grinste ihn aus seinem blassen Gesicht heraus an. "Ich bin immerhin nicht alleine gekommen."

Er hatte den Satz kaum ausgesprochen, als aus den Gassen, die den Marktplatz umgaben, weitere Männer aus den Schatten traten und ihre Waffen zückten. Es war ein Dutzend ausgemergelter, dreckiger Gestalten, doch ein, zwei von ihnen trugen die Rüstungen scharlachroter Soldaten. Nichts desto trotz erkannte Alexander sie. Es waren Überlebende der Marodeure, denen sie im Winter begegnet waren und denen die Flucht gelungen war, als die Untoten dazu gekommen waren. Alexander schalt sich dafür, nicht verstärkt dafür gesorgt zu haben, diese Mistkerle zu jagen und unschädlich zu machen. Irgendwie hatte John sie gefunden und auf seine Seite gezogen. "Ihr verdammten Verräter", zischte Alexander und zog seine Pistolen, richtete sie auf John, doch gerade, als er die Abzüge drücken wollte, bemerkte er aus den Augenwinkeln, wie der Soldat neben ihm sein Schwert herum schwang, um ihm den Bauch aufzuschlitzen. Hastig sprang Alexander beiseite, riss eine Pistole herum und feuerte dem verkleideten Marodeur mitten ins Gesicht, so dass sein Hirn noch in das Gesicht des Mannes klatschte, der hinter ihm stand. Nun wandten die anderen sechs Soldaten die Klingen gegeneinander, stoben auseinander, denn keiner konnte sich sicher sein, ob sein Nebenmann nicht ebenso zum Feind gehörte. "Wir sind doch Kameraden", sagte einer der Männer, ein anderer aber spuckte ihm vor die Füße. "Ich habe dich noch nie gesehen!" Alexander aber fixierte wieder John, während er versuchte, die anderen Männer, ob Feind oder angeblichen Kamerad ein wenig auf Distanz zu halten. "Dieser Kerl dient der Geißel", brüllte Alexander den Marodeuren entgegen. "Wie könnt ihr ihm nur folgen?" John lachte auf und zog sein Schwert. Die Klinge war mattschwarz und voller leuchtender, blauer Runen. "Sie waren fast am Verhungern und ich bot ihnen.... Nahrung. Fotzen. Rache. Ist doch besser als der Tod. Und die Geißel kann lebende Helfer ab und an gut gebrauchen. Aber die Geißel ist heute Abend nur Mittel zum Zweck, Alexander." Schwarze Schatten standen unter seinen gehetzt wirkenden, bernsteinfarbenen Augen, die Haare fielen ihm in dreckigen Strähnen ins Gesicht. "Herdweiler wird heute nicht fallen. Soll es auch nicht. Ich bin eigentlich nur wegen dir hier."

Alexander knurrte, lachte dann verächtlich. "Also hatte Ian doch immer Recht. Du bist wirklich eine Schwuchtel, hm?" John lachte nur freundlos, während die Marodeure langsam ihren Kreis um den Trupp enger zogen. Der junge Soldat aus Schwarzhain gesellte sich an Alex' Seite und Alexander sah zu den anderen. "Verräter unter euch können gerne zu ihren Freunden treten und anschließend sterben. Andernfalls... macht euch bereit." Die anderen fünf Männer stellten sich mit dem Rücken zum Brunnen und richteten ihre Waffen auf die sie umzingelnden Marodeure. Alexander blieb dennoch vorsichtig. Er wusste, dass etwa zwei Dutzend Marodeure den Kampf bei Dalsons Hof überlebt hatten. Wie viele davon den Winter überstanden hatten, wusste er allerdings nicht zu sagen. Möglicherweise war noch ein Dutzend dieser Mistkerle verkleidet irgendwo in der Stadt unterwegs. Doch man würde sie bei näherer Untersuchung erkennen. "Wenn ihr Jungs euren glorreichen Anführer abschlachtet, lasse ich euch gehen", bot John an und breitete in einer Geste der Gutmütigkeit die Arme aus. "Von mir aus könnt ihr auch jetzt einfach fliehen. Ich will nur ihn tot sehen." Alexander sah kurz zur Seite und bemerkte die Angst bei den anderen Soldaten, sah, dass sie überlegten. "Er ist ein Verräter. Ein Diener der Geißel", spie Alexander wütend hervor. Dann hob er die Pistole, die noch geladen war und feuerte auf John. Doch dieser riss in einer unglaublich schnellen Bewegung seine Runenklinge hoch und wehrte die Kugel ab, die als Querschläger harmlos ins Leere flog. Dann, als wäre der Schuss ein einvernehmliches Startsignal, warfen sich Soldaten und Marodeure aufeinander. Alexander stieß einem der Männer den Lauf seiner leeren Pistole durch das Auge in den Schädel und ließ die Waffe dort, zückte sein Schwert, als John auch schon bei ihm war. Doch auch der Verräter war langsamer, aufgrund der Verletzung, die Ian ihm zugefügt hatte. Alexander parierte den Schwerthieb, drückte seine Runenklinge nach unten, ehe er die andere Pistole nach John warf und ihn am Kopf traf, John taumelte nach hinten und Alexander wollte ihm schon folgen, doch einer der Marodeure stellte sich ihm in den Weg und schlug mit dem Morgenstern nach seinem Kopf. Mühsam duckte sich Alexander und der Schmerz seiner Bauchwunde ließ ihn bereits wieder Sterne sehen. Hastig zog er auch die zweite Klinge, während er die erste nach vorne stieß, in den Unterleib seines Angreifers. Schreie und das Klirren von Stahl auf Stahl hallte über den Marktplatz. Die Marodeure waren in der Überzahl, doch die Soldaten hatten die bessere Ausbildung genossen. Der junge Soldat aus Schwarzhain wehrte zwei schnelle Schwerthiebe seiner Angreifer ab, ehe er einem den Knauf seiner Waffe auf den Nasenrücken drosch, dann dem anderen die Klinge in die Schulter stieß. Doch sah Alexander auch, wie einem der Soldaten die Kehle aufgeschlitzt wurde, ehe man den Mann in den Brunnen stieß. Dann aber sah er wieder zu John, der ihn heran winkte und die Runenklinge hob. Alexander folgte ihm, als der Verräter rückwärts über den Platz zurück wich, achtete jedoch auch darauf, dass keiner der Marodeure ihm in den Rücken fallen konnte.

"Es ist vorbei, John", keuchte Alexander, als sie einander mit erhobenen Klingen umkreisten. "Hier wimmelt es gleich nur so vor Soldaten und du hast keine Chance, hier noch lebend raus zu kommen, ist dir das klar?" Doch John lachte nur und schüttelte den Kopf. "Du hast keine Ahnung von der Macht der Geißel, Simmons. Du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe. Ihr alle steht auf verlorenem Posten und ich bin sicher, du bist klug genug, das zu wissen. Und ich stehe jetzt auf der Seite der Gewinner. Mein Leiden ist vorbei!" Mit diesen Worten machte er einen Schritt nach vorne, wich mit einem Ausfallschritt zur Seite aus und seine Klinge zuckte nach vorne. Wäre er nicht verwundet gewesen, hätte er mühelos zwischen Alexanders Klingen hindurch gestochen und sein Herz durchbohrt, doch Alexander gelang es, hastig die Klinge mit seinen eigenen beiseite zu drücken, ehe er beide Klingen nach vorne stieß, eine, um Johns Klinge in Schach zu halten, die andere, um John's Schulter zu treffen. Doch sein Kontrahent duckte sich, wagte einen Schritt nach vorne und rammte die Faust seiner freien Hand in Alexanders Magen. Ihm wurde schwarz vor Augen und er sackte seitlich weg, klatschte auf den Boden und verlor dabei eines seiner Schwerter. "Du verfluchter Mistkerl", knurrte Alexander und blinzelte die bunten Funken fort, die er vor Augen hatte. "Was ist nur passiert mit dir? Wir waren Kameraden, John! Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet, erinnere dich! Hör auf mit diesem Wahnsinn!" John aber schnaubte, ehe er das fallen gelassene Schwert Alexanders beiseite trat. "Erinnern?", fragte John höhnisch und lachte. "An was? Wie du meine Mutter umgebracht hast? Wie du meine Schwester gegen mich aufgehetzt hast? Ich habe nichts Gutes, an was ich mich erinnern kann." Er trat nach Alexanders Schulter, doch dieser rollte sich über den gepflasterten Boden des Marktplatzes beiseite. "Die Vergangenheit ist so grässlich. Ich möchte lieber die Gegenwart genießen. Die Zukunft." Er grinste Alexander böse an, ehe er mit dem Schwert nach ihm ausholte, doch Alexander riss die verbliebene Klinge hoch und parierte. "Erinnerungen sind so widerwärtig. Hässliche kleine Monstrositäten. Fast so hässliche wie meine kleine Ablenkung." John lachte gackernd auf und stach erneut nach Alexander, der aber lenkte die Klinge zur Seite ab, stach seinerseits nach Johns Standbein, doch der Verräter sprang rechtzeitig nach hinten. Rasch stemmte sich Alexander wieder auf die Beine. "Doch können wir überhaupt ohne Erinnerungen leben?", fragte John und seufzte theatralisch. "Sind nicht alle vergangenen Geschehnisse das, was uns ausmacht? Und wenn wir unsere Erinnerungen leugnen, leugnen wir nicht dann auch uns selbst?" Alexander sah kurz zum Brunnen. Soldaten und Marodeure gleichermaßen waren gefallen, nur eine Handvoll drosch noch erbittert auf einander ein. Er sah wieder zu John, beschloss, ihn reden zu lassen und nach einer Lücke in seiner Verteidigung zu suchen.

"Aber dann ist es eben so", rief John lachend und beschrieb einen horizontalen Hieb mit der Klinge, den Alexander jedoch parierte. John war abgelenkt durch sein Gerede, langsamer, wegen seiner Verletzung. Aber auch Alexander war angeschlagen, musste sein Schwert schon mit beiden Händen umklammern. John streckte die Arme zu einer umfassenden Geste aus. "Sieh dir diese verkorkste, dunkle, grausame Welt doch mal an. Wo Magie einem das Fleisch von den Knochen schmilzt, wo Tote umher wandern und Lebende die aussterbende Art sind. Und es gibt kein Entkommen, vor dem Unvermeidlichen, Alexander. Keinen Ausweg, keinen Schutz. Außer dem Wahnsinn." Er grinste und zuckte mit den Schultern. "So viele schreckliche Dinge auf dieser Welt. Doch der Wahnsinn... ist die Lösung." John schnippte mit der freien Hand. "Man lässt all die hässlichen Erinnerungen einfach verschwinden. Sperrt sie aus, dass sie einen nicht mehr erreichen können. Wahnsinn? Wahnsinn ist besser als jede Rüstung, jedes lächerliche Gebet und jede fanatische, falsche Predigt, Alexander. In dieser düsteren Welt... ist Wahnsinn der einzige Schutz, den man wirklich hat." Er breitete erneut die Arme aus und diesen Moment nutzte Alexander, warf sich nach vorne und streckte die Klinge aus. Die Spitze seines Schwerts zuckte über die Innenseite von Johns rechten Oberarm und riss ein Loch in seinen Umhang. Doch sofort reagierte John, drehte sich seitlich und schmetterte Alexander die linke Faust ins Gesicht. Alexander taumelte, packte aber Johns rechtes Handgelenk und drehte es, so dass er die Klinge fallen ließ. Doch ehe er John mit einem Rückhandhieb den Bauch aufschneiden konnte, trat dieser ihm in den Bauch. Alexander krümmte sich, kassierte einen weiteren Fausthieb ins Gesicht. Hastig ging John einige Schritte zurück. Ein Signalhorn wurde geblasen und Alexander sah kurz zur Hauptstraße, wo ein Reiter das Geschehen bemerkt hatte. In der Ferne sah er, wie zahlreiche Soldaten sich näherten. "Du hast verloren, John", erklärte Alexander und bemühte sich, langsam zu atmen. "Ich lebe noch und du hast heute keines deiner Ziele erreicht, so scheint es." John grinste verschlagen. "Man kann in allem etwas Positives sehen, Alexander. Über diese Nacht wird man noch lange reden, denke ich. Das ganze hier war doch nur ein kleiner Weckruf. Vor allem für dich." John wich weiter zurück. "Ich werde meinen Schwur erfüllen, Alexander. Nicht heute. Aber in einigen Tagen." Er lachte, steckte dann zwei Finger in den Mund und stieß einen gellenden, lauten Pfiff aus. "Sehen wir uns in Schwarzhain, Alexander?", fragte John schließlich und hielt sich die schmerzende Seite. "Bereits jetzt sind Truppen der Geißel dorthin unterwegs. Und ich persönlich halte es für... fast schon schicksalhaft, wenn wir beide es dort beenden würden, findest du nicht?" Alexander schüttelte fassungslos den Kopf. "Du spuckst auf das Andenken deiner Mutter! Sie starb, um das Dorf zu retten und du willst es angreifen?" Er zuckte zusammen, als etwas an ihm vorbei schoss, mit schlitternden Krallen auf dem Marktplatz landete. Es war eine Kreatur mit ledernen Schwingen und grässlichen Krallen, einem annähernd fledermausartigen Aussehen. Durch Geschichten aus den östlichen Pestländern vermutete Alexander, dass er einen Gargoyle vor sich hatte. Die Kreatur packte Johns Runenschwert und schwang sich mit flatternden Schwingen wieder in die Luft, verschwand rasch wieder im dunklen Nachthimmel. In John's Augen flackerte nur Hass und Irrsinn und er nickte. "Wenn ich Schwarzhain auslösche, lösche ich auch eine weitere, schmerzhafte Erinnerung aus, Alex. Und die allerletzte, die ich ausmerze... wirst du sein." Alexander stürmte mit ausgestrecktem Schwert auf ihn zu, doch ehe er ihn erreichen konnte, diesen verdammten Feigling und Verräter endlich durchbohren konnte, stieß ein weiterer Gargoyle kreischend vom Himmel und packte John an den Schultern, riss den Verräter mit sich in die Luft, wo die Kreatur hastig davon flatterte.

Das Löschen der Brände dauerte bis in die Morgenstunden an, doch war der Schaden verhältnismäßig gering. Herdweiler würde nicht verhungern, würde nicht verdursten, denn keine Brunnen waren vergiftet worden. Nur eine Handvoll Marodeure wurde gestellt, unter Folter verhört und noch am Vormittag exekutiert. Die Marodeure erzählten von dem langen, harten Winter, in dem sie aufgrund ihrer Verluste auch einander abgeschlachtet und gegessen hatten, wenn sie kein Wild erlegen konnten. Sie hatten Zuflucht in einer Höhle gefunden und John war vor einigen Tagen zu ihnen gekommen und hatte ihnen die Wahl zwischen dem sofortigen Tod und dem Dienst unter ihm gelassen. Er hatte ihnen versprochen, in Herdweiler reichlich Beute zu machen. Doch sie waren nur Bauern in seinem Schachspiel gewesen, so wie auch John nur noch eine Marionette der Geißel war. Allerdings war eine gefährliche Marionette. Der Angriff hatte nur verhältnismäßig wenige Leben gefordert, wenig mehr als zwei Dutzend Soldaten und ebenso viele Zivilisten, doch an den Mauern waren viele Dutzend Ghule und Spuke erschlagen worden. Großinquisitor Isillien und Hochlord Fordring erstellten einen neuen Wachplan, um zukünftige Angriffe von Seiten der Stadtmauer zu verhindern, außerdem befahlen sie, einen mit Spießen gespickten Graben anzulegen, als zusätzliche Verteidigungsmaßname. Und sobald Alexander von John' Plänen berichtet hatte, kam der Befehl, Schlaf zu finden, so gut es ging. Denn es wurde beschlossen, Schwarzhain zu verteidigen und ein weiteres Mal zu retten. Kommandant Galvar Reinblut würde die Offensive anführen. Gerne wären sie sofort aufgebrochen, doch die Befehle waren nur logisch: Ganz Herdweiler war die ganze Nacht lang wach gewesen. Die Geißel brauchte keinen Schlaf, doch wenn vor Herdweiler müde Soldaten in die Schlacht zogen, würden sie nicht das leisten, was notwendig war. "Dir ist schon klar, dass das eine Falle ist, wenn der Verräter es schon so großspurig ankündigt", fragte Ian, der im Doppelbett der Soldatenunterkünfte unter ihm lag." Seine Stimme im Dunkeln des Zimmers war nur ein leises Wispern. Alexander drehte sich leise im Bett, atmete zischend ein, da seine Wunde schmerzte. "Ich würde ja gerne sagen, dass es keine echte Falle ist, wenn man weiß, dass es eine Falle ist. Aber wahrscheinlich wird es hässlich werden. Und ich hoffe, dass uns die Stunden des Schlafs nicht wieder wertvolle Zeit stehlen. Zu frisch sind die Erinnerungen an unseren letzten Besuch in Schwarzhain." Ian brummte nur zustimmend. Dann schnitt Marias Stimme durch die Finsternis. "Schlaft lieber. Ich will euch nicht wieder die Ärsche retten müssen, nur weil hier halb einpennt beim Kampf." Ihr Tonfall war jedoch scherzhaft, ehe sie zuversichtlicher klang: "Wir machen das schon. Wir schnappen uns diesen Mistkerl." Alexander aber starrte noch lange in die Dunkelheit, allein mit seinen Gedanken und den Worten des Verräters. Er versuchte, zuversichtlich zu sein, doch er hatte den unendlichen Wahnsinn in den Augen seines einstigen Kameraden gesehen. Alexander wusste, was auf dem Spiel stand. Schon der letzte Angriff der Geißel auf das kleine Dorf war verheerend gewesen. Wie katastrophal würde es jetzt erst werden?


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