Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: Scharlachrote Rache ( Teil 2 )
BeitragVerfasst: 22. Jan 2015, 04:55 
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Diese Geschichte enthält Wörter, die für die Augen von Jugendlichen eventuell ungeeignet sind und beinhaltet außerdem explizite Gewaltdarstellung. Sie sollte von niemandem, der zartbesaitet ist oder auch nur einen Hauch von gutem Geschmack hat gelesen werden. Allen anderen wünsche ich viel Spaß!


Scharlachrote Rache
Teil 2

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Die Straße der Enttäuschung

"Die Welt mag untergehen, wenn ich mich nur rächen kann."

- Cyrano de Bergerac (1619 - 1655)


"Hallo, Alexander."

Kaum zu glauben, dass vor einer halben Stunde die Welt noch relativ in Ordnung war, sah man einmal von gewissen kleinen Problemen ab. Nun aber stürzte mein ganzes Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Stimme drang wie aus weiter Ferne zu mir, kälter als der tiefste Winter und schneidend wie ein Messer. Ich registrierte zwar, zu wem sie gehörte, erkannte auch den Mann, der sich da langsam aus den Schatten schälte, doch ich war wie gelähmt vor Schock, während meine Gedanken sich überschlugen. Vier Augenpaare starrten mich an und mein Blick huschte entsetzt hin und her, während ich zurück wich. Zurück vor dieser Albtraumgestalt und zurück vor den drei Köpfen auf dem kleinen Tisch neben meiner Schlafnische. Er hatte meine Exfrau umgebracht. Und unsere beiden Kinder. Und nun sah ich sie wieder, nach so vielen Jahren. Nur ihre abgeschlagenen Köpfe und ihre starrenden, leblosen Augen. Julia war ein Fehler gewesen, damals. Sie war eine nette Frau gewesen, doch die Hochzeit kam viel zu früh. Ich war dumm gewesen und verzweifelt, hatte mich alleine gefühlt, nach meiner Ankunft in Sturmwind. Doch ich erinnerte mich noch immer an den Geruch ihres Haars, wusste noch genau, was ihre ersten an mich gerichteten Worte gewesen waren. Und was die letzten waren. "Was kann ich für Sie tun?", hatte sie mich gefragt, als ich damals den Weinladen ihres Vaters betrat. Ich war Stadtwache gewesen und hatte den Auftrag, einer Bande von Schutzgelderpressern auf die Schliche zu kommen. Und während ich immer wieder auf diese Kerle lauerte, lernten wir uns besser kennen. Die Streiterei am Ende war schwer für mich gewesen, doch gab es nicht nur schlimme Erinnerungen an diese paar Monate. Und nun war sie tot. Ihre letzten Worte an mich waren "Scher dich zur Arbeit oder zum Nether" gewesen. Als meine Vergangenheit beim Kreuzzug damals herausgekommen war, hatte das der Ehe nicht gut getan. Sie hatte sich belogen gefühlt, verraten und fragte sich, wie viel sie von mir eigentlich wusste. All meine Versuche, diese hässliche Sache zu erklären und aus der Welt zu schaffen scheiterten. Und als ich von meiner Schicht nach hause kam, war sie fort gewesen, hatte die Kinder mit sich genommen und nur einen Zettel zurück gelassen, mit der Bitte, sie nicht zu suchen, sie in Frieden zu lassen. Damals war ich wütend gewesen, doch die Wut und der Kummer schwanden verhältnismäßig schnell, als ich nach Beutebucht ging und dort meinen Bruder wieder traf. Das Leben ging irgendwie weiter. Doch Julia hatte so ein Ende nicht verdient. Mein Blick zwang sich von den toten, braunen Augen los und huschte zu denen der Zwillinge, Ian und Isabelle. Mein Bruder hatte mich einmal gefragt, ob ich ihnen nachtrauerte, ob ich sie überhaupt als meine Kinder anerkannte. Ich hatte verneint und es auch so gemeint. In all den Jahren hatte ich dieses Kapitel meines Lebens einfach geschlossen und verdrängt. Ich vergaß Julia und die Kinder zwar nicht, doch ich legte mir einen Eispanzer zu, der mein Herz vor speziell diesem Kummer bewahrte. Und nun hatte ich ihre Köpfe vor mir. Und es war absolut egal, dass die Dinge damals so unschön endeten. Es war auch egal, dass ich die drei jahrelang nicht gesehen habe, sie aus meinem Leben verbannte, so wie ich aus ihrem verbannt wurde. Es spielte keine Rolle, weil ich diese Frau irgendwann einmal geliebt habe, es zumindest geglaubt habe. Doch am Wichtigsten war, dass ich die Zwillinge am Tag ihrer Geburt im Arm gehalten hatte. Mich an ihren Geruch erinnerte und daran, wie ihre kleinen Fingerchen nach meinem Daumen griffen. Gedanken rasten, schneller als ein Armbrustbolzen. Und nun rasteten sie ein und die Welt, die Dunkelheit in meinem Haus, färbte sich rot. Schock, Furcht, Kummer und Entsetzen wichen dem einzigen Gefühl, dass immer funktioniert hatte, immer geholfen hatte. Hass.

Ich stieß mich vom hölzernen Geländer hinter mir ab und sprang John entgegen, wollte ihm meine Klinge in den Hals rammen und anschließend seinen Kopf von den Schultern trennen. Ich wollte sein Blut spritzen sehen und beobachten, wie das Leben aus seinen verdammten Augen wich. Dass er zwei meiner Schrotflinten auf mich richtete, war mir klar, aber in diesem Moment absolut egal. Ich wollte diesen Verräter, diesen Mörder, einfach nur noch tot sehen. Doch John war schneller. Mit einer der Flinten schlug er mein Schwert beiseite, trat mir entgegen und rammte mir den Griff der anderen Waffe gegen den Kopf. Haut platzte auf und das Rot der puren Wut, welches die Dunkelheit vertrieben hatte, wich bunten Sternen und Schmerz. John hörte jedoch nicht auf. Er ließ die Schrotflinten fallen, packte meinen Schwertarm mit der Linken, ehe er mir die rechte Handfläche gegen den Oberkörper stieß und mich mit fast spöttischer Mühelosigkeit in meinem Ansturm bremste und zurück schubste. Ich krachte gegen das Geländer hinter mir, welches knackend nachgab und verlor den Boden unter den Füßen, als ich nach hinten fiel. Eine endlos lange Sekunde des Fallens, der Schwerelosigkeit, wich einem lauten Scheppern und einer Welle aus Schmerz, als ich auf die Treppe knallte. Dabei streifte ich das untere Treppengeländer, was meinen Fall wenigstens etwas bremste, ehe ich zuerst mit dem Rücken und dann mit dem Hinterkopf auf eine Stufe krachte. Kurz wurde alles schwarz, dann aber merkte ich noch, wie ich einige Stufen hinab polterte und schließlich auf der Treppe liegen blieb, wobei mir jeder Muskel meines Körpers schmerzte. An der linken Seite meines Kopfes wurde es warm, als Blut aus der Platzwunde hinab lief. Mein Schwert hatte ich verloren, es lag am Ende der Treppe. "Du verdammter Mistkerl", stöhnte ich benommen, doch noch immer voller Hass. Über mir, am Ende der Treppe, tauchte John auf, der die Kerze aufgehoben hatte und nun eine der Lampen, die im ganzen Haus verteilt waren, anzündete. "Alexander", gab er erneut von sich, der Tonfall tadelnd aber auch spöttisch. In einer Hand hielt er die Kerze, in der anderen eine meiner Flinten. "Begrüßt man so alte Freunde? Oder wolltest du mich nur umarmen? Dann hättest du vorher dein Schwert wegstecken sollen, meinst du nicht?" Er setzte sich auf die oberste Treppenstufe, fixierte mich mit seinen Bernsteinaugen, während ein gespenstisches Lächeln über seine blassen Gesichtszüge huschte. "Ich bring dich um", nuschelte ich und versuchte, mich hoch zu rappeln, machte Anstalten, die Treppe hoch zu kriechen. Doch John bettete die Flinte auf seinem Knie und richtete den Lauf auf mich. "Sei kein Narr, Alexander", schnarrte er nun mit eiskalter Stimme. "Ich könnte dich mühelos töten. Hätte dich einfach abknallen können. So hart bist du doch nicht auf den Kopf gefallen, um das nicht zu erkennen, oder?" Er warf die Kerze nach mir und obwohl ich abwehrend einen Arm hob, benetzten einige Tropfen heißen Wachses mein Gesicht. "Wir beide werden uns jetzt anständig unterhalten, hast du mich verstanden?" John erhob sich und kam langsam die Treppe hinab, blieb jedoch außerhalb meiner Reichweite stehen und richtete die Flinte auf meinen Kopf. "Keine lächerlichen Versuche, mich umzubringen. Es würde nichts ändern, Alexander." Er grinste mich bösartig, nahezu triumphierend an. "Alexander" spie er hervor, dann spuckte er mir ins Gesicht und wütend versuchte ich, nach seinem Fuß zu greifen, doch er trat mir auf die Hand. Nicht feste genug um Finger zu brechen, aber schmerzhaft genug. "Benimm dich gefälligst. Sonst hast du bald noch ganz andere Köpfe hier in der Wohnung liegen. Selbst wenn du das Wunder vollbringst, mich zu erledigen. Ich hoffe, du weißt, was ich meine."

Sein Grinsen, sein Tonfall und das wahnsinnige Funkeln in seinen Augen ließen keinen Zweifel. Er hatte das hier schon sehr lange geplant. Wenn er von anderen Köpfen sprach, gab es zwar nur wenige Personen, die er meinen konnte. Aber es gab sie. Ich wusste das und John wusste das auch. Immerhin hatte er mich hier gefunden. Wer konnte sagen, wie lange er mich bereits beobachtete? Wen er hatte kommen und gehen sehen? Und seine Worte ließen darauf schließen, dass er nicht alleine handelte, wobei das allerdings auch ein Bluff sein konnte. "Hoch mit dir", befahl John und machte eine Geste mit der Schrotflinte. "Zünde ein paar Lampen an. Den Kamin. Und mach die verdammte Tür zu." Ich starrte ihn hasserfüllt an, sehnte mich danach, ihm diese verdammten Bernsteinaugen mit meinem Folterschüreisen auszubrennen. Und dann fiel mir etwas auf. Bei meiner Zeit bei der Stadtwache hatte ich einige Verhörmethoden gelernt. Hatte gelernt, zu beobachten und die richtigen Schlüsse aus diesen Beobachtungen zu ziehen. Mühsam erhob ich mich, unschlüssig, ob ich es nicht doch auf einen Versuch ankommen lassen sollte, ihn erneut anzugreifen. Zweifellos würde es ohnehin schlimm enden. Er sagte, er wolle reden. Doch dabei würde es nicht bleiben. Ich wandte mich von ihm ab und meine Nackenhaare richteten sich auf, ich rechnete bereits mit dem Knall einer Schrotflinte. Alles, was John jemals angerichtet hatte, war hinterrücks geschehen. Auf die feige Art und Weise. Mein Blick fiel auf mein Schwert, am Fuße der Treppe. Möglicherweise konnte ich doch einen entscheidenden Hieb anbringen. Langsam ging ich die restlichen Stufen hinab und das Knarren der alten Holzlatten verriet mir, dass John mir folgte. Doch das Bücken nach dem Schwert würde Zeit kosten. Das umdrehen und ausholen ebenso. Es war eine dumme Idee. "Lass das Schwert ja schön dort liegen, wo es ist, Alexander", wisperte die Stimme hinter mir, als könne er meine Gedanken lesen. "Ich möchte dich nicht töten müssen. Es würde mir so sehr den Spaß verderben." Er hatte den Satz nicht einmal beendet, als ich mein Messer aus der Lederscheide am Gürtel zog, herum wirbelte und abtauchte, mit der Absicht, seine Flinte mit der linken Hand beiseite zu drücken und das Messer in der rechten tief in seinen verfluchten Körper zu rammen. Es gelang mir, die Schrotflinte zur Seite zu drücken. Doch mit seiner freien Hand schlug er meinen rechten Arm beiseite, ehe er mir einen Fuß in den Magen stemmte und mich zurück stieß. Ich flog gegen das Bücherregal, ging zu Boden in einer Lawine aus fallenden Holzbrettern und Büchern. Doch John folgte mir sofort, trat mir gegen den Arm, dass mein Messer davon flog, ehe er mir den Fuß gegen die Brust stemmte. Ich sah ihm in die bernsteinfarbenen Augen und versuchte mir einzureden, dass er nur ein Mensch war. Sagte mir, dass er vielleicht Dinge wusste, aber unmöglich die Macht haben konnte, mir wirklich gefährlich zu werden. Doch andererseits war ich es, der mit schmerzendem Leib am Boden lag. Ich war es, der in die Schwärze eines Gewehrlaufs starrte. Bei meiner Zeit bei der Stadtwache hatte ich etwas über das menschliche Auge gelernt. Es gab sechs Bewegungen, die einem die Absicht der Person verrieten, dann verschiedene Variationen dieser Bewegungen. Bei jedem Menschen, den ich je getroffen habe, selbst die ruhigsten Soldaten oder die bösartigsten Verbrecher, weiten oder verengen sich die Pupillen aufgrund von Emotionen. Freude, Gelächter, Zuneigung - die Pupillen weiten sich. Furcht, Zorn, Hass - die Pupillen verengen sich. Doch nicht die von John. Seine Pupillen waren immer fixiert, kleine Punkte aus Finsternis, umrandet von Bernstein. Die Augen von jemandem, der alles hasste. Alles und jeden.

Augen, die kein Licht in sich ließen, um die Dunkelheit zu verbannen. Augen, die sich in einen bohrten wie Dolche, jede Pupille ein endloser schwarzer Abgrund, der einen zu verschlingen drohte. Pupillen so schwarz wie der Lauf der Schrotflinte, der auf mich gerichtet war und nicht weniger bereit, Tod und Verderben zu bringen. Augen, die mir sagten, dass er eben doch die Macht hatte, mir wirklich gefährlich zu werden. Augen, die mir verrieten, dass er nicht nur Dinge wusste, sondern mich kannte. Zu gut kannte. Ich versuchte mir klar zu machen, dass ich noch immer lebte, dass da eine Absicht hinter steckte. Er war nur ein Mensch. Ein aufbrausender Junge, der dem Wahnsinn anheim fiel. Ein feiger Lügner und hinterhältiger Verräter. Aber immer noch ein Mensch, genau wie ich. Aus Fleisch und Blut und Knochen. Anfällig für Fehler. Anfällig für Gewalt. Ganz langsam hockte John sich hin, ohne den Lauf der Flinte aus meinem Gesicht zu nehmen. Er hob mein Schwert auf, ehe er sich wieder aufrichtete und an mir vorbei schlenderte. "Vermillions Schwert", stellte John fest und grinste, ehe er zur Haustür schlenderte und sie schloss. "Hoch mit dir", wiederholte er dann und steuerte meinen Arbeitstisch an, legte das Schwert dort ab, ehe er die Flinte wieder auf mich richtete. "Mach den Kamin an. Keine Dummheiten mehr." Er ging zum Tisch unter der Treppe, war dank der Treppe außer Sichtweite. Das Knarren von Holz verriet mir, dass er sich hingesetzt hatte. Ich spielte mit dem Gedanken, mir oben meine anderen Gewehre zu holen. Doch möglicherweise würde er dann fliehen, ohne dass ich ihn zur Strecke bringen konnte. Langsam erhob ich mich und humpelte zum Kamin, nahm Zunder aus einem nahen Korb und verteilte ihn auf der Feuerstelle, während er mich beobachtete. "Was willst du?", knurrte ich ihn an. "Warum hast du mich nicht einfach umgebracht?" Ich sah zu ihm und er lachte auf. Seine Augen aber blieben fixiert. Es war, als ahme sein Gesicht die Bewegungen von Anderen nach, als erinnerten sich die Muskeln zwar noch daran, Emotionen auszudrücken, doch die Augen waren im Grunde genau so leblos wie die von Julia, Isabelle und Ian oben auf dem Tisch. "Ich will mein Versprechen einhalten, Alexander", antwortete er süffisant und legte die Flinte auf den Tisch. "Ich habe doch geschworen, euch fertig zu machen, erinnerst du dich etwa nicht mehr?" Natürlich erinnerte ich mich. "Ich werde dir alles nehmen was dir lieb und teuer ist, Alexander Simmons", wiederholte John die exakten Worte von damals und grinste breit. " Und wenn ich mit dir fertig bin, wirst du ein gebrochener Mann sein und mich anflehen, dich von deinem Elend zu erlösen! Das ist es, was ich will!" Ich wich seinem Blick aus, verteilte Feuerholz auf dem Zunder und griff an den Tabakbeutel, zückte ein Zündholz. Kurz sah ich zur Schrotflinte auf dem Tisch. "Du hast Julia umgebracht", sagte ich. Feststellend, nicht anklagend. Mühsam rang ich die Wut nieder. Die Wut würde mir wohl nur den Tod bescheren. Der Verstand war es, mit dem ich diese Situation lösen würde. "Und meine Kinder. Wie lange ist es nun her, John? Seit damals? Fünfzehn Jahre, ungefähr? Und so gerne ich dich jetzt grade umbringen würde, mache ich dir ein einmaliges Angebot." Ich zog die Spitze des Zündholzes über den rauen Steinboden und es entzündete sich. Kurz hob ich das Zündholz vor mein Gesicht, fixierte John, der mich abwartend anstarrte. "Es muss nicht so enden. Geh einfach und komm mir nie wieder unter die Augen. So viele Jahre sind vergangen. Bist du noch bei deinen untoten Freunden? Wenn nicht, baue dir endlich ein Leben auf, Mann. Das hier ist die letzte Warnung. Die letzte Chance, die du eigentlich nicht verdient hast."

Bernsteinfarbene Augen begegneten meinem Blick. Ich warf das Zündholz in den Zunder auf der Feuerstelle, ohne den Blick von John abzuwenden. Ich starrte ihn an, wie er auch mich anstarrte. Dann lachte er schallend los, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. "Du begreifst offensichtlich nicht, in was für einer Position du bist, Alexander. Setz dich." Er nahm die Schrotflinte wieder in eine Hand und ich stand auf, setzte mich ihm gegenüber an den Tisch. "Ich habe mir ein Leben aufgebaut, Alexander", wisperte er und richtete den Lauf wieder auf meine Brust. "Aber ich habe nie aufgehört, an dich zu denken." Ich lachte auf und schüttelte den Kopf. "Also hatte Ian doch recht", entgegnete ich und spannte mich an, bereit, mich notfalls zur Seite zu werfen, sollte er die Flinte heben. "Schwuchtel!" Den Mann mit dem Gewehr zu reizen, war nicht besonders clever, aber ich hoffte, Provokation würde zu Fehlern führen. Doch John schmunzelte nur freudlos. "Ich habe dir etwas geschworen und diesen Schwur werde ich nicht brechen. Aber du begreifst es noch immer nicht, Alexander Veidt." John grinste mich breit an. "Erinnerst du dich nicht mehr an das alte Sprichwort aus der Heimat? Wenn ein Lordaerone aufhört, vorsichtig zu sein, ist er seines Lebens überdrüssig geworden. Und du bist unvorsichtig geworden." Er deutete mit dem Gewehr auf eine Pinnwand in der Ecke, an der gemalte Bilder von Meritia hingen. "Du hast Leute in dein Leben gelassen, Alexander. Und jeder, der etwas zu verlieren hat, hat einen Hebel, den man benutzen kann, um ihn zu kontrollieren." Triumphierend grinste er mich an, legte die Flinte auf den Tisch, legte die Hand aber direkt daneben. "Und du hast... genug Hebel, mit denen ich dich nun kontrollieren kann. Siehst du es langsam ein?" Er griff sich das Kinderbuch, an dem ich schrieb und blätterte durch die Seiten, ohne mich aus den Augen zu lassen. "Du vertraust anderen Leuten. Und dieses Vertrauen ist nun dein Verhängnis." Er schloss das Buch schlagartig, schlug es zu mit der drohenden Endgültigkeit eines Henkerbeils, das auf den Holzblock kracht, nachdem es einen Hals durchtrennt hat. "Backen statt hacken", las John den Titel und lachte verächtlich, ehe er das Buch ins wachsende Kaminfeuer schleuderte. "Du solltest Angst haben, Alexander. Du solltest aufhören, zu vertrauen. Denn du hast keinen Grund, zu vertrauen." Er packte die Schrotflinte, richtete sie auf mein Gesicht und schlug mit der freien Hand auf die Tischplatte. Ich zuckte und schämte mich sofort dafür. John lachte schrill los und schüttelte mit dem Kopf, ehe er aufstand und zum Kamin ging, wo mein Buch längst brannte. Seiten wurden schwarz, kräuselten sich zusammen und zerfielen zu Asche. Dann steuerte er die Haken nahe der Tür an, wo Umhänge und Jacken hingen. Als er wieder zurück kam, stellte er den Flachmann auf den Tisch, den Bruces mir geschenkt hatte. Den mit dem eingravierten, roten A. "Was, wenn ich dir sage, dass Bruces Falkenbach mir gehorcht? Dass er nur zurück zum Dämmersturm kam, weil ich ihn geschickt habe?" Seine blassen, grausamen Züge bildeten ein hässliches Grinsen, als er in seine schwarze Weste griff und einen identischen Flachmann auf den Tisch stellte, ebenso mit einem roten, eingraviertem A. "Und wie schnell Worte, Gesten und Geschenke doch Vertrauen bewirken. Zuneigung?" John lachte und schüttelte den Kopf, während er sich setzte. "Was, wenn Letticia Silberhauch von mir auf Ian angesetzt wurde? Oder die Kleine, Vanessa, in Wahrheit für mich arbeitet?" Er zuckte mit den Schultern. "Du hast gehofft, ein normales Leben zu führen, nicht wahr? Hast gehofft, so etwas wie eine Familie aufzubauen. Freundschaften zu schließen. Aber ich sage dir, dass all das ab heute egal ist, Alexander. Hoffnung ist der erste Schritt auf der Straße der Enttäuschung."

Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Es war offensichtlich, was John hier versuchte. Er grinste mich an, beugte sich vor und stellte einen Ellenbogen auf den Tisch, stützte sein Kinn in der Handfläche ab. "Du bist so leicht zu manipulieren, Alexander Veidt. So leicht zu beeindrucken. Niemand auf dieser Welt kennt dich besser als ich." Ich schnaubte, vor Wut und Verachtung. "Du hast mich zu dem gemacht, was ich heute bin, Alexander", erklärte John von Nordtal weiter und breitete die Arme aus, ehe er die Flinte wieder auf mich richtete. "Aber umgekehrt ist es nicht anders, Alexander. Ich habe dich auch zu dem gemacht, was du heute bist." Er lachte erneut, ehe er wieder ernst wurde. "Nach der Sache von Schwarzhain schien mein Nutzen für die Geißel... fast schon ein Ende gefunden zu haben. Ich hatte ihnen Herdweiler versprochen und versagt. Ihr habt es trotz des Verlusts von Schwarzhain geschafft, doch nicht elendig zu verhungern. Ich war einige Jahre unterwegs und habe gelernt. Gelernt zu infiltrieren und zu manipulieren. Mich hat es gerade rechtzeitig zurück nach Lordaeron verschlagen, um bei diesem wundervollen Großangriff auf Herdweiler dabei zu sein." Er bleckte die Zähne zu einem hämischen Grinsen. "Du musst mir natürlich nicht glauben. Aber eigentlich habe ich immer an euch gedacht. Immer. Und wie erfreut ich doch war, euch wieder zu sehen. Als eure Kompanie unter Hauptmann Valor auf Dalsons Hof in die Falle tappte. In meine, könnte ich behaupten. Aber du musst mir ja nicht glauben." Ich versuchte, mir einzureden, dass jedes seiner Worte eine potentielle Lüge war, konnte aber nicht verhindern, eine Gänsehaut zu bekommen. Ein kalter Klumpen bildete sich in meinem Magen. "Hatte so gehofft, euch auf dem Feld sterben zu sehen. So gehofft, euch im Untod als meine Haustiere halten zu können. Aber ihr musstet euch ja zurückziehen. Feiges Pack." Ich ballte die Fäuste, schluckte hart und starrte ihn an. Würden Blicke töten können, verletzen können, dann wäre John augenblicklich in Flammen aufgegangen. "Aber die Schlacht beim Wachturm war wirklich schön anzusehen, wenn man auf der richtigen Seite stand, versteht sich." Seine Augen bohrten sich in mich und einige lange Sekunden schwieg er, obwohl sein boshaftes Feixen für sich sprach. "Eigentlich sollte das Geschoss den Wachturm zum Einsturz bringen. Aber ich nehme an, die nette, ungeplante Zwickmühle, in die ich dich brachte, war fast das bessere Endresultat, nicht wahr?" Ich hörte seine Stimme nur noch wie aus weiter Ferne. Beim Atmen fühlte sich die Luft schwer an, dickflüssig wie Honig. Auf meinen Knien ballte ich die Fäuste, bis die Finger schmerzten und musste mit aller Kraft gegen den Drang ankämpfen, ihn anzuspringen. John musste die Mordlust in meinen Augen sehen, denn er lehnte sich zurück und richtete die Schrotflinte neu aus. "Ich mache nur Spaß, Alexander. Ja, ich war vor Ort. Aber nein, leider war die Sache mit dem Turm nur ein lustiger Zufall. Und ich verlasse mich nicht auf Zufälle. Aber die Geschichte bringt mich direkt zum eigentlichen Thema zurück. Zum Grund meines Besuchs, heute. Teile und Herrsche." Er grinste mich wölfisch an und seufzte theatralisch. "Es ist ja durchaus niedlich, dich und deine Freunde zu beobachten. Aber es wird Zeit, für dieses Kapitel deines Lebens einen Schlussstrich zu ziehen. Vertrauen, Hoffnung, Glück und Freundschaft sind nur Illusion, Alexander." Einige lange Sekunden schwieg er. "Komm zum Punkt", knurrte ich wütend, was ihm wieder nur ein Lachen entlockte. "Ich habe dich aus den Augen verloren, als Fordring zurück nach Herdweiler kam. Das waren auch für mich schwierige Zeiten, musst du wissen. Es hieß, der Lichkönig sei tot. Es kamen keine Befehle mehr." Er schnippte mit der freien Hand. "Ganz plötzlich waren wir abgeschnitten, alleine, ohne Führung und ohne Bestimmung. Viele schlossen sich dem Schattenhammer an, als der Drache erwachte. Aber mir war immer klar, dass meine Bestimmung das Einhalten meines Versprechens an dich sein würde."

Er lächelte, gespielt sanft, während seine Augen jedoch kalt und ausdruckslos blieben. "Und dann fand ich dich, in Sturmwind. Als Stadtwache. Mit Frau und Kindern." John erhob sich so rasch, dass sein Stuhl nach hinten fiel und schlug mich mit der Schrotflinte, diesmal gegen die rechte Seite des Kopfes. Fast wäre ich vom Stuhl gefallen. Benommen versuchte ich, seinen Arm zu packen, doch er sprang nach hinten. "Ich war es, der deine Vergangenheit verriet, Alexander. Der diese bösen Gerüchte verbreiten ließ. An die Wache, an deine Frau... Hätte nicht gedacht, dass sie dich direkt verlässt, deswegen. Lief besser als erwartet, das alles. War möglicherweise übertrieben, das Gerücht zu verbreiten, beim Kreuzzug esse man kleine Kinder, weil man junges Fleisch noch für reine Nahrung hielt." Er begann, schallend zu lachen und ich verlor die Beherrschung, sprang auf und stürzte mich auf ihn. Doch ich war benommen, alles tat mir weh. Und ich trug außerdem noch die schwere Rüstung. Es war ein leichtes für ihn, mir auszuweichen und er schlug die Flinte gegen meinen Hinterkopf, ehe er mir ein Bein weg zog. Mit einem Scheppern klatschte ich der Länge nach auf den Boden und John ließ die Flinte los, packte mich mit einer Hand an den Haaren, mit der anderen am Umhang und zerrte mich in Richtung des Kaminfeuers. "Ich sagte, du sollst diese Dummheiten lassen, Alexander!" Er brachte mein Gesicht nah an die Flammen und ich versuchte, mich los zu reißen. Dann drosch er meinen Kopf auf den Steinboden und wieder sah ich Sterne. John ließ mich los. "Als du nach Beutebucht gingst, habe ich dich wieder aus den Augen verloren. Erst als du mit Ian irgendwann zurück kamst und Söldner wurdest, wurde ich wieder auf euch aufmerksam. Pöbelnd und prügelnd und saufend. Unübersehbar. Das hat mich ehrlich gesagt immer sehr amüsiert. Noch immer seid ihr beide barbarische, dumme Affen." Er trat mir in die Seite und obwohl die Rüstung den Tritt dämpfte, krümmte ich mich. Er hob die Schrotflinte auf, stellte seinen Stuhl wieder hin und setzte sich. "Ich beobachtete euch eine ganze Weile. Und schmiedete Pläne. Wagte ein paar kleine Versuche, tastete nach der richtigen Vorgehensweise, nach den richtigen Hebeln. Die gab es damals aber noch nicht. Ihr hattet nur einander." Mein Blickfeld war ein Reigen aus bunten Funken, mein Kopf schmerzte ebenso wie der Rest meines Körpers. Mühsam setzte ich mich auf und wischte mir Blut von der Stirn, ehe ich wieder zu John sah. "Und einen Keil zwischen euch zu treiben war schwer. Aber dennoch gab es Mittel und Wege, euch zu ärgern." Er tippte sich auf die rechte Seite der Stirn, wo bei mir die lange, grässliche Narbe zu sehen war. "Ihr beide könnt so berechenbar sein. Die Wahrscheinlichkeit ist verdammt hoch, dass jeder Auftrag, der an den Dämmersturm geht und Hexerei, Schwarzmagie, Entführung oder Nekromantie beinhaltet dich und deinen Bruder auf den Plan ruft. So auch damals, im Dämmerwald." Er grinste breit, als ich ihn hasserfüllt anstarrte. Er musste einfach lügen, konnte einfach unmöglich derlei Kontrolle über mein Leben haben. "Ein Jammer, dass ihr diese Geschichte irgendwie überlebt habt. Nichts desto trotz hab ich dir damals einen bleibenden Stempel aufgedrückt." John kratzte sich übertrieben an der Stirn. "Und dann seid ihr abgehauen. Doch diesmal schickte ich meine Augen und Ohren hinterher, nach Beutebucht." John seufzte gedehnt, vor Entzücken. "War schön, dich Leiden zu sehen, Alexander. Ein Jammer, dass meine kleine Freundin dir doch nicht den ganzen Schädel weg gesprengt hat. Und für das schwarze Kreuz auf der Stirn hat es auch nicht gereicht. Das wäre auch ein ziemliches Vergnügen gewesen, dich als Krüppel schön elendig dahin siechen zu sehen."

John nahm die beiden identischen Flachmänner, schüttelte sie nacheinander und schraubte den auf, der mit Kräuterlikör gefüllt war. Dann gönnte er sich einen Schluck und leckte sich über die Lippen, ehe er beide Flachmänner ins Kaminfeuer warf. "Doch du hast dich erholt. Und ihr kehrtet zurück nach Sturmwind. Zurück zum Dämmersturm." Mit der Schrotflinte bedeutete er mir, mich wieder zu setzen. "Und dann fing es erst an, richtig interessant zu werden." Er grinste breit und wartete, während ich mich mühsam erhob und mich wieder an den Tisch setzte. "Du hast begonnen, anderen zu vertrauen. Über die Monate immer mehr. Du hast andere in dein Leben gelassen. Und ehrlich gesagt habe ich nun so viele Hebel, mit denen ich dich kontrollieren kann, dass ich mich kaum entscheiden kann, welchen ich zuerst betätigen soll. Du bist wie meine Marionette, bei der ich die Fäden durchschneide, sobald das Puppentheater vorbei ist. Meine Geige, auf der ich spiele und die Saiten durchtrenne, sobald das Lied beendet ist." John von Nordtal fixierte mich mit seinen leblosen, bösartigen Augen und beugte sich vor. "Wie gesagt, es ist so unglaublich einfach, dich zu manipulieren. So einfach, dein Vertrauen zu erwecken und dich im Auge zu behalten. Ich habe dich immer im Auge, Alexander. Sogar in Alterac hatte ich meine Augen und Ohren. Euer Tross war schon eine praktische Sache, muss ich sagen. Das ironische ist, dass du einige meiner Singvögel sogar... gevögelt hast." Er lachte und schüttelte den Kopf. "Jeder neue Tagelöhner beim Dämmersturm könnte auf meiner Gehaltsliste stehen. Jede Schlampe, die dich in einer Taverne angräbt, könnte von mir geschickt worden sein. Überleg doch einfach einmal, wie oft dir Falkenbach in Sturmwind so über den Weg rennt. Scheinbar zufällig. Große Stadt, nicht wahr?" John zuckte mit den Schultern. "Jeder, der etwas zu verlieren hat, kann kontrolliert werden. Alle anderen bezahlt man mit Geld. Es ist leicht, sich... die Werkzeuge zurecht zu legen." Er schnippte. "Bruces Falkenbach". Schnippte erneut. "Letticia Silberhauch". Schnippte ein drittes Mal. "Vanessa Richter." Schließlich schnippte er dreimal hintereinander. "Ian Samual Falkner." Dann lachte er hämisch. "Seine persönliche Schwäche, sein Hebel, bist du, Alexander. Was er nicht alles für dich tun würde..." Ich presste die Lippen zusammen und kämpfte darum, mich zusammen zu reißen. "Wen Ian wohl alles töten würde, um dich nicht zu verlieren, wenn es die Situation erforderlich machen würde? Maria? Vielleicht sogar deine Tochter?" Er erhob sich. "Was, wenn er schon seit Ewigkeiten... seit Jahren.... wusste, dass du eine Tochter hast und es dir nur aus einem einzigen Grund nicht sagte: Damit du bei ihm bleibst?" Sein Grinsen war so bösartig, dass ich eine Gänsehaut bekam, aber auch wegen den Dingen, die er implizierte. Manipulationsversuche, sagte ich mir. Er versuchte nur, mich gegen meine Familie und Freunde aufzubringen. Ian würde mich niemals verraten. Und was Bruces, Letticia, Vanessa und alle anderen anging, so gab es schlichtweg Dinge, die man nicht vorspielen konnte. Oder doch? War ich vielleicht einfach zu leichtgläubig, um es zu erkennen? "Ehrlich gesagt solltest du niemandem mehr vertrauen", erklärte John und umrundete den Tisch, "Außer mir, versteht sich. Denn auf eine Wahrheit kannst du dich ganz bestimmt verlassen: Wenn du nicht das tust, was ich dir sage, dann wird es hässlich für dich. Sehr hässlich."

Er hielt mir die Schrotflinte gegen die Wange, strich mit der freien Hand fast zärtlich über meine verschwitzten, blutverklebten Haare. "Ich habe meine Augen und Ohren überall. Das solltest du mir besser glauben. Wie sonst könnte ich so viel wissen?" Dann griff John plötzlich in meine Haare und zerrte meinen Kopf nach hinten, während er mir die Mündung der Flinte brutal unter das Kinn drückte. "Selbst wenn mir irgendetwas zustößt, wird es euch nicht retten, Alexander! Wenn sie nicht regelmäßig von mir hören, schlagen meine Leute zu. Und weitere Köpfe werden rollen." Er ließ mich los, trat zurück und stellte sich seitlich vor den Kamin. "Ich habe euch immer im Auge. Und mal angenommen, so manche deiner Freunde stünden eh auf meiner Gehaltsliste, dann wären gar nicht so viele Personen erforderlich, dich im Auge zu behalten." Seine blassen, hämischen Züge wurden zu einer unerträglichen Qual für meine Augen, mit jeder Faser meines Körpers, meiner Seele wollte ich ihm den Tod bringen. "Mein... Freund", spie er spöttisch hervor und stieß mit der Stiefelspitze gegen einen der rußgeschwärzten Flachmänner in der Feuerstelle. "Aber weißt du, was noch viel zuverlässiger ist als meine Vögelchen? Meine Spione?" Er gesellte sich wieder zu mir an den Tisch, blieb neben mir stehen und legte die Flinte auf die Tischplatte, ließ die Hand aber auf dem Griff ruhen. "Die Aufklärung aus erster Hand. Nichts ist informativer als deine Gedichte zu lesen. Zu lesen, was dich erfreut, was dich bedrückt. Was du liebst und was du hasst." Er führte seinen linken Ärmel zum Mund, leckte mit der Zunge über den Wollstoff, ehe er Anstalten machte, mir die blutige Wange abzutupfen. Ich wich zurück, als würde er mir ein glühendes Schüreisen hinhalten. "Bleib weg von mir und verrate mir endlich, was du willst!", herrschte ich ihn brüllend an, "Ich bin deines endlosen Geschwafels schon vor Jahren überdrüssig geworden." Ich wollte mich nicht mehr zurück halten. Am Liebsten hätte ich mich wieder auf ihn geworfen. Doch das würde nichts bringen. Nicht in meinem Zustand. Er hatte hier die Vorteile. Aber das musste ja nicht so bleiben. John hörte sich unendlich gerne selber reden und das war eine seiner Schwächen. Eine, die ich irgendwie ausnutzen musste. Doch fürs erste wollte ich endlich wissen, was genau er von mir wollte. John hatte nach der Flinte gegriffen, als ich ihn anbrüllte, doch nun ließ er die Waffe wieder los. "Deine Gedichte sind sehr informativ und unterhaltsam. Es ist so schön, zwischen den Zeilen zu lesen. Macht dein Bruder dich krank, Alexander? So ganz unter uns kannst du ruhig offen und ehrlich sein. Schämst du dich für ihn? Wünscht du ihm vielleicht den Tod? Wünscht du dir, ihn damals beim Turm im Stich gelassen zu haben?" Er grinste breit und ich schüttelte den Kopf. "Spar dir deine Manipulationsversuche", knurrte und schnappte nach Luft, als mir fast wieder die Selbstbeherrschung entglitten wäre. "Du sagst selbst, ich muss dir nicht glauben. Und das habe ich auch nicht vor. Ian ist mein Bruder! Er wird immer auf meiner Seite sein." Nun grinste ich ihn an, starrte ihn voller Hass an. "Aber du kannst so etwas ja nicht nachvollziehen, John. Du hast deine Schwester abgestochen!" Er schlug mir dermaßen hart ins Gesicht, dass meine Lippe aufplatzte und ich mitsamt dem Stuhl umkippte. Mein Hinterkopf knallte nicht zum ersten Mal an diesem Morgen auf den Steinboden. "Deine Lügen haben ihr den Tod gebracht", brüllte John aufgebracht, fast schon heulend und ich sah, wie er sich über mir aufbaute und die Flinte auf mich richtete. Dann legte er das Gewehr auf den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen durch die langen, schwarzen Haare.

"Keine gute Idee, mich zu reizen, mein Freund", knurrte John und schnappte ebenso wie ich nach Luft. Der Hass innerhalb meiner vier Wände war dick genug, ihn in Würfel zu schneiden und raus tragen zu können. Es war, als hätte man unsichtbare Stapel aus Dynamit bis unter die Decke aufgerichtet und als stünde jede Sekunde der entscheidende, alles vernichtende Funke bevor. "Ich dachte, mit den drei Köpfen oben hätte ich bereits meinen Standpunkt klar gemacht. Ein Exempel statuiert. Aber vielleicht willst du auch, dass ich dir weitere Köpfe präsentiere, hm?" Er schritt auf und ab, wie ein wildes Tier in einem Käfig, aber ohne mich aus den Augen zu lassen. Ich zog mir die Handschuhe aus, legte meine Hände an die blutende Stirn, leckte mir über die aufgeplatzte Unterlippe und schmeckte warmes Kupfer. "Soll ich Ian für dich umbringen? Ist er nicht mittlerweile nur noch eine Last in deinem perfekten Leben?" Wieder dieses Grinsen. Ich schloss die Augen, drehte mich auf die Seite. Doch die bunten Funken, das Feuerwerk aus Schmerz selbst vor geschlossenen Augen wollte einfach nicht enden. "Du verschweigst ihm Dinge, Alex. Du verbirgst Dinge. Ich weiß das. Ich weiß alles über dich, vergiss das nicht." Ich hörte ihn theatralisch seufzen. "Ja, ich lese sehr gerne deine Gedichte. Aber nichts ist so... persönlich, so amüsant und effizient, als einfach mal des nachts unter fremden Betten zu liegen und zu lauschen." Sein Tonfall war süffisant, triumphierend. "Unter deinem Bett, wo du dein Trollkraut versteckst." Nun riss ich die Augen auf und es war, als würde eine kalte Hand sich um mein Herz klammern. Denn tatsächlich versteckte ich mein Trollkraut in einer kleinen Schachtel, unter einem losen Brett unter meinem Bett. John lachte, als er meinen entsetzten Blick sah. "So gerne liege ich dort und lausche. Lausche wie du schläfst. Lausche, wie du dichtest. Lausche auch, wie du dich mit deinen... Besuchern unterhältst. Sofern der Köter nicht im Haus ist. Aber... möglicherweise ist das ja auch der Grund, warum Vanessa aktuell nicht bei dir nächtigt, Alexander. Möglicherweise wollte sie dir nicht Privatsphäre gönnen, sondern befolgt lediglich meinen Befehl, fern zu bleiben, mit dem Köter. Damit ich dich besuchen kann, wann immer ich möchte." Ich setzte mich auf, schüttelte den Kopf. "Halt dein Maul", wisperte ich, was ihn jedoch nur umso lauter gackern ließ. "Ich höre, wie du dich hin- und her drehst und nicht schlafen kannst, wie du Namen flüsterst. Namen, die sich durchaus auch ändern, mein Freund." Er kniete sich neben mich hin. "Und genau so schön ist es, unter dem Bett deiner Tochter zu liegen. Ihren Gebeten zu lauschen. Ihr seid so jämmerlich. So traurig und bemitleidenswert." Er streckte die Hände nach mir aus und ich versuchte, sie beiseite zu schlagen. Doch mühelos legte er mir seine Hände um den Hals. "Wie gerne würde ich dann unter dem Bett hervor kriechen, die Arme ausstrecken..." Er erhöhte den Druck auf meinen Hals, während er mit den Fingerspitzen über meine Wagen strich. "... und das Leiden beenden!" Ich schlug nach ihm, versuchte, die Beine anzuziehen und ihn zu treten, doch er hielt meinen Hals im eisernen Griff umklammert. "Verrecke", flüsterte John mit vor Hass zitternder Stimme und schwarze Flecken tanzten mir vor Augen, während ich vergeblich nach Luft schnappte, vergeblich um mich schlug. Dann hallte lautes Pochen durch den Raum, als jemand dreimal gegen die Haustür klopfte.

Augenblicklich ließ John mich los, wich fast erschrocken vor mir zurück und erhob sich wieder. "Da wäre es doch fast mit mir durchgegangen", wisperte er und strich sich wieder durch die Haare, schlug sich mit dem Handballen mehrere Male gegen den Kopf, während er diesen schüttelte, wobei er aber noch immer diabolisch grinste. "Entschuldige bitte, mein Freund." Schließlich griff er sich die Schrotflinte vom Tisch, huschte in die Ecke neben der Tür und legte warnend einen Zeigefinger an die Lippen. Noch immer klopfte es. Dann hörte ich eine gedämpfte Stimme. "Papa?" Augenblick verschwanden die Schmerzen und die Atemnot, sofort wurde mein Kopf klar, als hätte man mir einen Eimer Eiswasser über den Kopf geschüttet. Meritia war da, um etwas mit mir zu unternehmen. Wie ich es ihr versprochen hatte. John grinste und zuckte mit den Schultern, ehe er mit der Schrotflinte zum Schreibtisch zeigte. Dort, wo mein Schwert lag und wo ich meinen Helm abgestellt hatte. Ich erhob mich, taumelte halb benommen zum Schreibtisch. Als ich zur Tür blickte, hielt John die Schrotflinte gegen das Holz, wackelte tadelnd mit dem Zeigefinger, ehe er die Hand auf die Türklinge legte. Ich ließ mein Schwert liegen, setzte aber meinen Helm auf und ging zur Tür. Sofort nahm John die Hand von der Klinke. "Du wirst sie fort schicken, Alexander", wisperte John und stellte sich so, dass er beim Öffnen der Tür dahinter im toten Winkel stehen würde. "Du wirst gemein zu ihr sein. Und keine Zeichen geben, sonst knallt es." Er tippte auf die runde Glaslinse in der Tür, mit der man nach draußen sehen konnte. Mit der er mich beobachten würde, sobald ich die Tür öffnete. "Sei besser überzeugend, Alex." Ich atmete tief durch, ehe ich die Tür öffnete. Meritia stand vor mir, eingehüllt in einen Mantel mit Kapuze und ihre großen, graublauen Augen strahlten mich an, als sie breit lächelte, dann aber sofort ernst wurde. "Warum hast du deine Rüstung an, Papa?" Ich liebte den Klang dieses Wortes. Papa. Meritia benahm und artikulierte sich immer hervorragend, doch nur bei diesem einen Wort erlaubte sie sich einen Schnitzer. Denn sie sprach das zweite P stets wie ein B aus. Es war das schönste Wort auf der ganzen weiten Welt. Ich liebte sie mehr als alles auf der Welt. Und doch stand hinter der Tür ein Mann mit einer Schrotflinte. Ich musste sie um jeden Preis beschützen. "Hallo, kleine Prinzessin", begann ich und mein Herz schlug mir bis zum Hals vor Angst. "Ich bin vorhin erst von einer Mission nach hause gekommen und muss gleich schon wieder los." Die Worte fielen mir schwer, meine Zunge wurde träge wie Blei. "Ich befürchte, heute wird das nichts. Und ich weiß nicht, wann ich aus Alterac zurück bin." Ich hatte die rechte Hand noch auf der Innenseite der Tür, nahe der Türklinke und merkte nun, wie John mir kräftig in den Handrücken zwickte, ein Stück Haut zwischen Daumen- und Zeigefinger klemmte und drehte. Eine Warnung. Mein Herz klopfte so wild, als drohte es zu explodieren, ich hörte das Rauschen meines Bluts im Kopf. "Vielleicht war das mit uns beiden doch keine so gute Idee", sagte ich und mein Herz brach, als ich den Kummer in ihren Augen sah, die meinen so ähnlich waren. "Meine Arbeit kommt mir dauernd in die Quere. Es ist wohl besser, wenn wir uns nicht mehr sehen." Meine Stimme war monoton vor Kummer geworden, was meine Angst nur ins Unermessliche steigerte. Doch ich konnte nicht überzeugender sein. Ich konnte tausend Weiber mühelos belügen, aber niemanden, den ich liebte. Tränen stiegen in Meritias Augen und in meine ebenso, was sie aber dank des Helms nicht sehen konnte. Was, wenn ich mich gegen die Tür warf? Wenn ich es schaffte, John die Waffe zu entreißen? Doch das Risiko war groß. Dann aber hatte ich einen anderen Einfall. Meine linke Hand würde John durch die Linse in der Tür nicht sehen, wenn ich sie nah am Körper hielt. Es war gut, dass ich die Handschuhe ausgezogen hatte. Ich zeigte Meritia meine blutverschmierte Hand. "Ich schwöre dir..." Und nun kreuzte ich zwei Finger, schlug den Zeigefinger über den Mittelfinger. "Es ist wirklich das Beste für dich. Geh einfach. Es tut mir leid."

Meine von der Tür abgewandte Hand streckte erst einen Finger aus, tippte dann gegen meinen Oberschenkel, dann streckte ich noch einen zweiten Finger aus. Durch die Linse konnte John nur mich sehen. Vielleicht durch die Zarge aber auch Meritia. Ihr Blick war verwirrt, huschte hin und her. "Ich versteh schon", stieß sie dann hervor und Tränen kullerten ihre von der Kälte geröteten Wangen hinab. Sofort wischte sie sich mit den Handschuhen die Tränen weg und schniefte. "Ist schon in Ordnung. Ich bin ja kein Kind mehr." Sie wandte sich ab und flitzte über den Hof davon, bog auf dem Steg am See nach rechts und huschte aus meinem Blickfeld. "Sehr schön", hörte ich John hinter der Tür flüstern. Meine Schultern sackten nach unten und ich nahm meinen Helm ab. Dann sah ich einen Mann über den Steg schlendern, das Gesicht unter einer gefütterten Kapuze und einem Schal verborgen. Doch es bestand kein Zweifel, dass er mit hastigen Schritten Meritia folgte, denn er tippte in einem spöttischen Gruß mit Zeige- und Mittelfinger an seinen Kopf, als er zu mir blickte. Mein Handzeichen hatte er allerdings nicht gesehen. "Siehst du?", lachte John und drückte die Tür zu, so dass ich einen Schritt nach hinten gehen musste. "Überall sind meine Leute. Du kannst gern so dumm sein, irgendetwas zu versuchen. Aber du kannst nicht alle gleichzeitig erwischen." Er drehte die Schrotflinte in seiner Hand, packte den Lauf mit beiden Händen und hielt sich die Mündung an die Stirn, stellte sich vor mich, so dass nun der Griff der Waffe auf mich zeigte. "Greif zu und drück ab, Alexander! Ich wüsste gerne, ob du Meritias Leben darauf verwettest. Denn selbst wenn ich drauf gehe, wird das letzte, was deine Tochter sieht die Klinge eines meiner Leute sein." Er lachte und seine bernsteinfarbenen Augen funkelten grausam. Und ich musste gegen den Drang ankämpfen, den Griff zu packen und den Abzug zu betätigen. Möglicherweise konnte ich den Kerl, der Meri folgte einholen und ebenso unschädlich machen. Doch tatsächlich wusste ich nicht, wie viele wohl noch auf der Lauer lagen. Wie viele von Johns Leuten jene beobachteten, die mir wichtig waren. Hastig entfernte ich mich von der Tür und von John, setzte mich wieder an den Tisch und stellte den Helm auf die Tischplatte. "Und nun?", fragte ich heiser, "Wie soll dein Spielchen weitergehen, John? Soll ich betteln, dass du sie in Ruhe lässt? Betteln, dass du mich tötest?" John nahm das Gewehr runter und setzte sich mir wieder gegenüber, sah mich einen Moment an, ehe er wieder loslachte. "Aber ich will dich doch nicht umbringen, mein Freund." Er legte die Schrotflinte neben meinen Helm. "Ich will dich leiden sehen. Dein Tod wäre so ein kurzweiliges Vergnügen. Und dabei möchte ich mich doch noch sehr, sehr lange mit dir amüsieren." Er stellte die Ellenbogen auf den Tisch, klatschte einige Male in die Hände, ehe er die Finger ineinander verschränkte und sein blasses Kinn auf ihnen bettete und mich anstarrte. "Du wirst dich von all deinen niedlichen Freunden abkapseln, Alexander. Von Ian, Maria, Meritia, Letticia, Iris, Bruces, Vanessa. Du wirst nicht länger so oft du kannst hier runter kommen. Denn du hast schlicht und einfach keinen Grund mehr, hier irgendjemanden zu besuchen. Im Gegenteil, du hast nun gute Gründe, dich fern zu halten, nicht wahr? Niemand muss zu schaden kommen." Er grinste und bleckte die Zähne wie ein Raubtier. "Im Grunde bin ich sogar noch gnädig. Keiner muss sterben, solange du nur brav fern bleibst. Allein bleibst."

John lehnte sich zurück, verschränkte entspannt die Arme hinter dem Kopf. "Dich umzubringen wäre so langweilig", erklärte er dann. "Außerdem würde mich nichts daran hindern, deine Leute nicht trotzdem umzubringen. Auf diese Weise ist es viel interessanter. Der Kummer in den Augen deiner Tochter war ein wirklich schöner Anblick, als ich durch Tür und Rahmen sah, wie du ihr das kleine Herz gebrochen hast." Er seufzte genüsslich, wie jemand, der guten Tee trank oder sich nach einem harten Arbeitstag ins Bett legte. "Bleib einfach weg und alles ist gut. Oder wollen wir der kleinen Meri mal ihren Patenonkel John vorstellen?" Er hob die Mundwinkel ebenso schnell, wie ich die Fäuste ballte. Dann deutete er auf die Schrotflinte. "Na komm. Trau dich." Doch ich traute mich nicht und verfluchte mich selbst ob meiner Feigheit, verfluchte mich für die Gedanken, die John mit seinen Lügen in meinen Kopf gepflanzt hatte. John sah meinen zerknirschten Blick und lachte los. "Ja, genau. Trauen... ist keine gute Idee. Im Grunde tue ich dir sogar etwas gutes." Er erhob sich und kam zu mir. "Ich nehme dir alles weg, was dir lieb und teuer ist. Aber gleichzeitig biete ich dir auch die Chance auf ein neues Leben." Er hockte sich neben meinen Stuhl und lächelte sanft, wobei seine Augen natürlich eiskalt blieben. "Kein Vertrauen mehr. Keine Klötze an deinen Beinen. Keine Rechenschaft mehr, die du ablegen musst. Saufe, Ficke und Feier, du dummer blonder Affe!" Er tätschelte meine Wange und ich schlug seine Hand weg und John zuckte zurück, setzte sich hin. "Das kannst du doch alles so gut", stieß er hervor, ehe er gegen eines der Stuhlbeine trat, welches knackend zerbrach. Mein Stuhl gab unter mir nach und ich landete auf dem Boden. "Mein Freund!", brüllte John aufbrausend und griff sich eines der abgebrochenen Stuhlbeine. Ich tastete über mir auf der Tischplatte nach der Schrotflinte, doch John drosch das Stuhlbein gegen meinen Arm. Die Flinte, die ich mit den Fingerspitzen gepackt hatte, rutschte vom Tisch und landete zwischen uns auf dem Boden. "Erschieß mich", stieß ich zornig hervor. "Denn ich schwöre dir, du wirst mich nicht brechen, John von Nordtal. Das ist mein Schwur an dich! Irgendwie erwische ich dich und dann mache ich dich fertig. Also los, töte mich. Und das ist die aller letzte Chance für dich, am Leben zu bleiben." Mein Herz raste, meine Gedanken ebenso. Es war nicht gut, wütend zu sein. In diesem Fall half der Hass eben doch nicht. Nur der Verstand war es, der mich irgendwie aus dieser Lage heraus bringen konnte. Ich musste einen kühlen Kopf bewahren, doch das war unendlich schwer. John zu reizen machte die Situation nicht besser, denn er war immerhin wahnsinnig, konnte so oft die Wut selber nicht zurück halten. John schüttelte mit dem Kopf, packte die Flinte und schleuderte sie weg. Sie schlitterte über den Steinboden außer Reichweite. "Oh doch, Alexander Veidt. Ich werde dich brechen." Er schlug mir mit dem Stuhlbein gegen den Kopf, ehe seine freie Hand meinen Helm vom Tisch nahm. "Ich breche dich! Und du wirst gute Gründe haben, deinen Helm zu tragen..." Mit diesen Worten drosch er mir den Helm ins Gesicht, ehe er sich auf mich hockte und mit den Fäusten auf mich einschlug. Und ich versuchte, ihm nicht die Genugtuung zu geben, zu schreien oder zu jammern. Ich starrte ihn einfach nur an, während Faust um Faust auf mein Gesicht donnerte. Ich versuchte, mir wieder einzureden, dass er nur ein Mensch war, genau wie ich. Er hatte Fleisch, dass man aufschneiden konnte, Knochen die man brechen konnte und Blut, dass man vergießen konnte. Er musste atmen, schlafen, essen. Und so starrte ich ihn trotzig an, um es mir selber zu beweisen. Schaute ohne zu blinzeln in diese verdammten, bernsteinfarbenen Augen, während er die Scheiße aus mir heraus prügelte. Schaute ihn auch noch an, als er sich irgendwann erhob, sich spöttisch vor mir verbeugte und zur Tür schlenderte. Starrte auch noch, als die Tür bereits lange hinter ihm ins Schloss gefallen war, während sich auf dem Boden unter mir Blut und Tränen sammelten.


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 Betreff des Beitrags: Re: Scharlachrote Rache ( Teil 2 )
BeitragVerfasst: 22. Jan 2015, 04:55 
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Es kostete all meine Willenskraft, mich nicht der Ohnmacht zu ergeben. Ich wusste, dass ich stundenlang schlafen würde, sollte ich das Bewusstsein verlieren. Doch ich hatte noch eine Tiefenbahn zu erwischen. Und ein Flugzeug nach Alterac. Mühsam schälte ich mich aus meiner Rüstung, stellte einen Topf Wasser auf das Feuer und kaum dass es warm war, säuberte ich meinen geschundenen Körper, wusch all das Blut ab, ehe ich meine Rüstung ebenso säuberte. Jede Berührung des Lappens war schmerzhaft wie ein Schüreisen und meine Erinnerungen wanderten zurück, zu Folterkammern und Stunden der Qual. Aus dem Spiegel an der Wand sah sich eine Monstrosität an, mit einem unkenntlichen, geschwollenen Gesicht, mehr rohes, wundes Fleisch als Person. Immer wieder spuckte ich blutigen Speichel auf den Boden, ehe ich mich die Treppe hinauf schleppte und mich auf mein Bett setzte und die drei Köpfe auf dem Tisch betrachtete. Immer wieder kamen mir die Tränen und ich verfluchte mich, während ich überlegte, was ich mit den Köpfen machen sollte. Es war hell. Ich konnte schlecht mit einem Jutesack voller Köpfe durch die Stadt laufen. Und selbst wenn, blieb noch die Frage, wohin. Ich konnte ja schlecht auf dem Friedhof herum buddeln. Auch stellte sich mir nun die Frage, was John eigentlich mit den Körpern angestellt hatte. Ich spielte mit dem Gedanken, die drei Köpfe einfach in den Kamin zu werfen und die Knochen anschließend zu zerschmettern, brachte es aber nicht übers Herz. Der Gestank würde auch so rasch nicht aus den Wänden weichen. So ein Ende hatten sie nicht verdient. Schließlich nahm ich schweren Herzens doch einen Jutesack, füllte ihn mit einigen Lumpen, damit nicht direkt deutlich wurde, was wohl in diesem Sack sein könnte. Mir wurde unglaublich schlecht, schlecht bei dem Anblick der drei Köpfe, schlecht beim Gedanken, sie wie Müll entsorgen zu müssen und schlecht wegen der Sorge, die ich mir nun machen musste, ob ich bald noch andere Köpfe in meinem Haus vorfinden würde. Schließlich ging ich wieder nach unten, wo ich meine Rüstung anlegte. Mit einem dermaßen kaputten Gesicht wollte ich nicht in Zivil durch die Straßen, selbst mit Kapuze hätte man mir das Elend noch angesehen. John hatte Recht. Nun hatte ich einen guten Grund, den Helm zu tragen. Ich verließ das Haus, beschloss, nach einem geeigneten Ort zu suchen, wo ich mit einem Sack voller Köpfe hingehen konnte, während mir jeder Knochen schmerzte und mir die Seele weh tat. Ich dachte an Küsse, an Blicke. An meine Hochzeit. An ihren harten, festen Griff um meine Hand, während sie die Zwillinge zur Welt brachte. Dachte an die Blicke der Babys, an zahnloses Strahlen und an das selige Gefühl, sie im Arm zu halten. Jahrelang hatte ich diese Gedanken nicht gehabt. Hatte anderweitig schon genug Kummer mit mir herum geschleppt. Ich schlenderte am See entlang, doch spielten hier durchaus ab und an Kinder. Ich wollte nicht gesehen werden. Auch beim Hafen wäre es schwierig. Daher mietete ich mir ein Pferd in der Altstadt, ritt an den Kanälen entlang, bis zum Steg, wo ich es kurz fest band und in mein Haus stürmte. Traurig sah ich jeden Kopf noch einmal lange an. Julia und Ian und Isabelle. Dann steckte ich sie in den Sack, einen nach dem anderen und zog diesen zu. Es fühlte sich an, als würde sich gleichzeitig meine Kehle zusammen schnüren. Als würde John wieder seine Hände um meinen Hals legen.

Ich ritt aus der Stadt, schlug mich in die Wildnis. An einem kleinen Bach, der sich durch den Wald schlängelte, hielt ich inne und begrub den Sack unter zahlreichen Steinen. Versuchte, auch die Erinnerung an leblose Augen und erbitterte, nicht enden wollende Streitereien zu begraben. Ich betete, dass die drei nun beim Licht waren. Dass es ihnen irgendwo gut ging. Dann quälte ich mich wieder in den Sattel und ritt zurück, wobei ich jeden Knochen im Leib einzeln spürte und der Helm mir Schmerzen bereitete. Es war bereits Nachmittag, als ich das Pferd in der Altstadt abgeliefert hatte und wieder daheim war. Auf dem Weg durch die Altstadt hatte ich mir Brötchen gekauft, doch zuhause machte ich mir Wasser warm, riss die Brötchen in kleine Stücke, die ich im Wasser aufweichte. Meine Lippe war geschwollen und blutverkrustet. Und ich fürchtete mich vor fester Nahrung, fürchtete mich, zu kauen. Und so saß ich in meinem zertrümmerten Haus und schlang aufgeweichte Brötchenstücke hinunter. Ich machte mir nicht die Mühe, aufzuräumen. Ich ließ die Trümmer des Geländers auf der Treppe liegen, ließ die Bücher und Regelböden auf dem Boden liegen und auch den zertrümmerten Stuhl. Schließlich packte ich meine Habseligkeiten, meine Gewehre und verließ mein Haus, ging an den Kanälen entlang in Richtung Zwergenviertel. Immer wieder hielt ich inne und sah mich unauffällig um. Wurde ich auch jetzt beschattet? In den Wald war mir definitiv niemand gefolgt. Aber nun war ich mir nicht sicher. Die Straßen waren voller Leute. Ich schritt rasch durch das Zwergenviertel und in der Tiefenbahn warf ich ein Auge auf Leute, die mir folgten. Einige waren das schon. Zwerge, Gnome, einige Menschen. Aber natürlich kannte ich Beschattungstechniken. Die würden höchstwahrscheinlich wissen, dass ich nach Alterac musste. Es war gut möglich, dass ein Beobachter mir nicht folgte, sondern mir voraus ging. Oder in Eisenschmiede auf mich wartete. Und während ich in der Tiefenbahn saß, ließ ich Johns Worte noch einmal Revue passieren. John versuchte, mein Vertrauen in meine Freunde zu untergraben, sogar das in Ian. Ich durfte seine Worte nicht an mich heran lassen. Ja, es war richtig, dass Ian lange von der Existenz meiner Tochter gewusst hatte. Doch hatte er Maria versprochen, zu schweigen. Er hätte so etwas nie aus Eigennutzen zurück gehalten. Dessen war ich mir sicher. Natürlich hatte ich es ihm übel genommen und war wütend gewesen, doch er hatte lediglich Marias Wunsch respektiert. Ihn traf keine Schuld. Mein ganzes Leben lang hatte ich mich immer auf Ian verlassen können. Ich würde damit nicht aufhören. Ohne Ian wäre ich bereits lange tot. Und ohne Ian würde auch ein Teil von mir selbst fehlen. Und genau hier kam John ins Spiel, der mich zwang, auf Distanz zu gehen. Doch Ian war nicht dumm. Er würde merken, dass etwas nicht in Ordnung war. Und was war mit den anderen? Bruces, Letticia, Iris und Vanessa? John wollte auch mein Vertrauen in sie untergraben. Während die Tiefenbahn durch den unterirdischen Tunnel ratterte, dachte ich gründlich nach. Vertraute ich wirklich zu schnell? War ich so leicht zu manipulieren und zu beeindrucken? Konnte man Freundschaft dermaßen gut vorspielen? Natürlich war ich stellenweise immer vorsichtig, wem ich etwas anvertraute und was ich ihm anvertraute. Aber ich musste wieder an die identischen Flachmänner denken. An all die Dinge, die John gesagt hatte. War es möglich, sich derartig in ein Leben zu schleichen? Doch Bruces hatte mir das Leben gerettet, als die Lawine im Alterac mich erwischt hatte. So gut konnte man Zuneigung nicht spielen. Ich musste wieder an die Bewegungen der Augen denken, auch bei den anderen. Bei Iris, Letticia, Vanessa. Das Weiten oder Verengen der Pupillen war etwas, was man nicht steuern konnte. Und hatte John es nicht selbst gesagt? Teile und Herrsche? Nein, beschloss ich und verdrängte all die Lügen und Implikationen dieses gemeinen Verräters. Ich würde mich in meinem Vertrauen in meine Freunde, in meine Familie nicht erschüttern lassen.

In Eisenschmiede erwartete mich die stickige Luft, die aus der großen Schmiede in den äußeren Ring drang. Ich mochte die Stadt nicht. Als Standort für das Hauptquartier des Dämmersturms war sie zwar ideal, doch fühlte ich mich weder in den Tavernen wohl, noch in den Gasthäusern. Zwar gab es auch Betten in Menschengröße, doch fühlte ich mich einfach nicht heimisch, fühlte mich unter Menschen wesentlich wohler. Als ich die Tüftlerstadt verließ, steuerte ich eine Taverne im Militärviertel an und sah mich vorher noch um. Ein Dunkeleisenzwerg beäugte mich. Auch er war in Sturmwind in die Tiefenbahn gestiegen. Noch hatte ich etwas Zeit. In der Taverne bestellte ich mir eine Brühe und starken Schnaps, um die Schmerzen zu betäuben. Ich setzte mich in eine abgelegene Ecke, wo ich den Helm abnahm und vorsichtig die Brühe als auch den Schnaps über meine kaputte Lippe in den Mund schüttete. Als ich nach draußen trat und mich umsah, sah ich den Dunkeleisenzwerg noch immer in Sichtweite herum lungern. Ich steuerte wieder die Tüftlerstadt an, durchquerte sie und bog in der Halle der Forscher in einen langen Gang, der geradewegs in Richtung Flughafen führte. Ich war pünktlich. Draußen war es windig, es schneite und der Wind heulte fast ebenso laut wie die Motoren des wartenden Flugzeugs auf der Landebahn. Die Ladeluke war offen. Eis knackte unter meinen Stiefeln, als ich mich dem Flugzeug näherte. Das dunkle Innere der Flugmaschine gähnte mir entgegen wie der Rachen eines Drachen, bereit mich zu verschlingen. Ich hasste Alterac. Ich hasste die Isolation dort, hasste es, niemanden bei mir zu haben. Niemanden von Belang. Und das wusste John. Doch was war, wenn die Rotte Wellenheim irgendwann komplett zurück beordert wurde? Auch musste ich regelmäßig Berichte in Eisenschmiede abliefern und musste dann durchaus so lange bleiben, wie nötig, ehe das Flugzeug wieder gen Norden flog. Langsam, als wären meine Stiefel mit Blei gefüllt, stieg ich die Laderampe hoch. John hatte mich in der Hand. Ich wusste nicht, wie ich da heil heraus kommen konnte. Wusste nicht, wie ich ihn und seine Leute unschädlich machen konnte, ohne die, die mir etwas bedeuteten in Gefahr zu bringen. "Na endlich", brüllte Trixine aus dem Pilotensitz und sah über die Schulter zu mir. "Worauf wartest du?" Ich sah noch einmal zurück. Sah den Dunkeleisenzwergen bei den Toren ins Innere von Eisenschmiede stehen und starren. "Auf nichts", knurrte ich leise, während sich die Laderampe langsam hob und sich mit der Endgültigkeit eines Sargdeckels schloss. Wie benommen taumelte ich durch das Flugzeug, setzte mich neben die Gnomin und schnallte mich an. Das Flugzeug setzte sich in Bewegung und mir kamen fast wieder die Tränen. Nein, sagte ich mir, ich würde mich nicht brechen lassen. Ich würde mich nicht der Verzweiflung ergeben, würde nicht aufgeben. Ich versuchte, mich auf den Hass zu konzentrieren, der immer geholfen hatte, wenn der Kummer zu stark wurde. Der gute, alte Hass, mit der man die Stimmung in eine andere, bessere Richtung lenken konnte. Ja, John hatte mich in der Hand. Noch. Doch war mein Verstand nicht immer meine stärkste Waffe gewesen? Hatte ich bisher nicht alles überstanden, irgendwie? Vielleicht war es so, dass John mich auf dieser Welt am Besten kannte. Nein. Ein, zwei Personen kannten mich da wohl besser. Und vielleicht war es so, dass ich niemanden auf dieser Welt so sehr fürchtete wie ihn, dass er mich manipulierte und zu dem gemacht hatte, der ich heute war. Doch auch John von Nordtal hatte einen Hebel. Er hatte vielleicht nichts und niemanden mehr zu verlieren, doch bedeutete dies auch, dass er im Gegensatz zu mir keinen Grund hatte, wie ein Löwe zu kämpfen, um alles was einem lieb und teuer war. Einen einzigen Hebel hatte er, ich hatte es gesehen, als er mein Gesicht zu einer blutenden, wunden Masse geprügelt hatte, als ich ihn anstarrte, trotzig und forschend. Denn tatsächlich hatte ich den Beweis gesehen, dass er noch immer ein menschliches Wesen war. Ich hatte in die wahnsinnige Schwärze seiner Augen gestarrt, ohne zu blinzeln, trotz der Schmerzen, trotz der Schläge. Bis er es war, der meinem Blick auswich, nur für einen Sekundenbruchteil. Und seine Augen wie die eines normalen Menschen funktionieren, nur für einen Augenblick. So plötzlich, so flüchtig, dass man es für eine Täuschung halten könnte, aber nicht desto trotz vorhanden. Das kurze Verengen der Pupille. Das Anzeichen einer Emotion. Der Hebel, der John von Nordtal zu Fall bringen würde. Die Schwäche, die ich mir zunutze machen würde. John würde mich noch richtig kennen lernen. Würde diese Emotion noch richtig kennen lernen. Denn hinter all seiner Arroganz, hinter dem Wahnsinn, war da noch immer diese andere Sache, die sein Ende sein würde und meine Chance war, ihn doch noch zu besiegen.

Angst.


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