Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
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 Betreff des Beitrags: Vermächtnis
BeitragVerfasst: 27. Aug 2011, 01:04 
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Vermächtnis

Mitternacht

Mitternacht. Ein umwölkter Mond und pfeifender Wind. Letzterer sprach zur Landschaft. Undeutbar und leise, sodass man seinen kalten Atem mit dem Wiegen schwarzer Blätter des Waldes hätte verwechseln können. Es toste. Ewiger Regen. Ein donnerndes Prasseln, laut wie Mörserhagel und Nässe in der Luft, eines Sumpfes gleich. In Straßengräben und zwischen zersplitterten Pflastersteinen hob sich Himmelswasser zu dichten, verschlammten Pfützen. Im tiefen Dunst verborgen wuchsen Ranken und Geflecht. Die Wälder waren verlassen, verloren bis zum Vergessen hin.

Schepperndes Galoppieren wurde laut. Ein Wiehern und lautes Patschen auf nassem Untergrund. Gelegentlich spritzte Schlamm, doch niemand war in Sichtweite, den es ernsthaft hätte stören können. Das Tier antreibend saß ein junger Recke. Blonde Haare klebten an gebleichten, blassen Wangen. Tief knorpelnd, ein Makel im Bild, lag ihm Narbenfleisch unter dem Auge. Metallenes Klirren, den Regen untermalend. Auf seiner Schulter ruhte bebräunter, vermackter Rüstungsrest. Das Schwert, fest am Rücken zurechtgegurtet rüttelte und schrie dagegen kaum. Es hatte viel erlebt, mehr als das jüngliche Antliz des Reiters hätte preisgeben können. Die Muskelansätze überspannend hing klitschnasser Hemdenstoff. Die Kleidung war eindeutig zu groß geschnitten. Handdicht aber ungekonnt vernäht war dagegen sein schwarzer Wappenrock. Alt, doch man hatte Wert darauf gelegt, ihn nicht dem zeitlichen Verfall preiszugeben. Vor Allem von ihm ausgehend verloren sich feuchte Tropfen im Grau-Grün-Braun der verschnörkelten, endlos anmutenden, sehr schmalen Straße.

In jeder Kurve ertönte ein Klagelaut des Rappen. Peitschender Zügelschlag, die Hände des Bewappneten waren fellumschlossen. Immerhin ein Hauch von wetterfester Tracht. Im Aufklaren lag dann zwar kein Ende des Regens, doch die Nebelwand gab nach. Äste verschwanden in langsam-regelmäßiger Manier. Jeder durchquerte Meter gab freieren Blick auf dichtes Wolkenbild. Vollmond, wäre es der Anfang einer Bardensage, doch in Wirklichkeit war kaum mehr als graue Sicht auf eine dürre Sichel auszumachen. Fluten flüsterten. Keine Pfütze mehr. Der breite Fluss, von lichtendem Waldgebiet geboren, drohte zu überschwemmen. Wasser fiel in Wasser, als der Regen gewitternd nachsetzte und sich über dem Strom ergoß.

Kaum vom Himmel zu unterscheiden näherten sich Pferd und Recke weißem Brückenstein. Traurig und angerissen hing blauer Stoff, golden verziert mit Löwenfratze von geradlinig erbauten, jedoch angebrochenen Türmchen. Die Zinnen waren längst zertrümmert. Dahinter schlummerte ein schneller, beinahe plötzlicher Kontrast. Roter Fels, emporstechend aus verschlafenen Bäumen. Hier ein schlammbedeckter Strauch, woanders jedoch zerklüfteter Kamm aus Stein. Blutfarben vom Himmel rein gewaschen. Im stetigen Ritt baute sich ein Wegekreuz vor ihm auf.

Modriges, verkrustetes Holz, wettergegerbter Baustoff und ein zweites Banner, wie kaum mehr als ein Dutzend Lidschläge zuvor an der Brücke. Ein Grenzposten, denn in blauer Kutte und rostigem Stahl gekleidet hob fremdes Gesicht im prasselnden Wetter die Laterne an. Nach einem ohrenerfüllenden Aufscheuchen rammte das Tier seine Hufe von Dreck und Wasser aus empor. Es spritzte, es kleckerte. Ein verstohlenes Augenrollen huschte über die Mimik des Reisenden. Die behandschuhten Finger hielten ihn fest und sicher im Sattel. In rostiger, strenger und gleichermaßen müder Stimme setzte der Soldat zu Worten an.

"Halt! Wer ist es, der des Nachts die Grenze gen Rotkamm passiert? Mich dünkt, euch begleitet Unheil, da ihr doch aus solch zwielichtigen Landen kommt!"

Es folgte Mundwinkelheben, der Recke grinste. Peitschender Knall, als das Tier wieder aufkam. Wildes Schnauben, bei klitschnasser Mähne. Lippen unter nassen Wangen und von Bartansatz umschlossen, vom Reiter stammend, bereiteten die Antwort.

"So'n Quatsch. Zwielicht liegt' nich' in meiner Herkunft, Wachmann. Es is' euer Misstraun', welch's Zwielicht schürt. Lass' mich passiern', mein Pfad führt nach Seenhain."

Er schien wenig Wert auf bedachte Aussprache zu legen. Die Worte lauteten, eines Bauern gleich, doch der Soldat, im festen Mustern verfallen, ließ nicht ab.

"Der Tag trauerte längst, der Mond steht zur Sichel am Himmel. Es regnet. Es stürmt und es donnert. Beim besten Willen, ich kann den Umstand eurer Reise nicht nachvollziehen."

Männlich, einfach aber ebenso jung und frisch dann die Antwort:

"Red'n um des Redn's Will'n is' Zweitverschwendung. Beim Geiste meines' Vaters. Ich reit' nach Seenhain um'n Bekannt'n zu treff'n. Es is' dringend, ich bekam'n Eilbrief!"

Murren wurde laut, doch dem Stahltragenden schien nicht der Sinn nach weiterem Gespräch. Im Brodeln des Regens dann ein Scheppern. Er war zur Seite getreten. Zügelschlag. Ein Aufruf. Dann hallte wieder donnernder Galopp. Sein Ziel enttarnt über Stock und Stein. Kein Baum war mehr sichtbar auf roten Kämmen toten Felsgesteins. Im Osten blitzte feuernd der Himmel, doch war es fernab seines Weges. Hügelnd trommelte er die verzerrte Straße herab. Weit und schwarz. Keineswegs ruhig, sondern stürmisch wellend baute sich gewaltige Seelandschaft vor ihm auf. Schneeweiß poliert, sauber, trotz des Wetters majestätisch, ragte ein gewaltig erbauter Bogen über die weiträumigen Fluten hinweg. Auf der anderen Seite schimmerten scharlachfarbene Dächer hinter meterhohen Palisaden.

Zufriedenheit und Erleichterung in der Miene des Recken. Lederschaben und Zügelpeitschen. Dann ertönte das klappernde Reiten über sauberen Quadratstein. Von der vermeintlichen Stadt gingen gespaltene Lichter aus. Scharfe Blicke in dichter Rüstung berührten die Gestalt, die nach kargen Worten das Tor passierte und zwischen die Häuser ritt. Das Wetter und die Uhrzeit, das Rathaus schlug Eins, hatten vermieden, dass viele Einheimische die gepflegten Wege beschritten. Grüne und farbenfrohe Pflanzen zierten die unzähligen Fachwerkhäuser. Allesamt standen sie im Schatten der roten Felsen des Umlandes, doch für ihn gab es wenig Zeit, diesen Ort zu bestaunen. Seinem sicheren Manövrieren nach, kannte er ihn ohnehin bereits.

Vor einem Gebäude, lediglich in Größe von den kleineren Wohnhäuser zu unterscheiden, hielt seine Reise dann. Gurte rasselten und er stieg ab. Fellhandschuhe glitten über den Pferdehals, dann band er die Zügel mit drei Griffen an einen Pfahl. Klingende Schritte, dann wurde die Tür aufgestoßen. Er trat ein. Es war warm. Irgendwo prasselte ein Feuer. Rauchiger Dunst lag im Raum. Zahllose leere Tische und am anderen Ende wartete eine Theke. Zwei, drei bürgerliche Gesellen genossen die Nacht. Der Wirt schrubbte trübe Glashumpen. Er spuckte hinein, dann wandte der Recke den Blick ab.

In tiefschwarze und dunkelgrüne Kleidung gehüllt, saß fernab der weniger bedrohlichen Gesellen ein Mann. Er war allein, der Tisch vermackt. Ein unpolierter Dolch steckte im Käse, den man ihm auf einem Zinnteller serviert hatte. Dunkel und braun stach sein Wappenrock hervor, welcher helles Schwert und helles Schild trug. Gurte, mit Vorderladern bestückt schliefen über seiner Brust, doch die Arme hatte er verschränkt. Ein Köcher und mehrere Taschen hingen zusammen mit geschliffenem Bogen über dem knarzenden Stuhl. In Wirklichkeit knarzte er nicht. Er hätte es aber getan, hätte sich der Herr auch nur einen Atemzug weit bewegt. Doch er tat es nicht. Er saß ruhig. Ein Schatten warf sich von der Kapuze ausgehend über sein Gesicht. Man erkannte kaum, wie er aussah. Die Lippen trugen Narben.

Der Recke trat schnelle, fast unbeholfene Schritte auf die zwielichtige Gestalt zu. Eine Pfütze zog sich hinter ihm her. Das klitschnasse, strohblonde Haar klebte ihm am Kopfe. Während er sich ein letztes Mal durch die ersten Barthaare strich, stoppte er dann. Vorne an der Theke lachte jemand. Er linste nur flüchtig vom Kapuzenträger weg, musste dann jedoch feststellen, dass er nicht der Auslöser besagter Belustigung war. Die Gestalt fixierte den Recken aus dem Schatten der Kapuze heraus. Dann nahm er Haltung an und sprach los. Laut und deutlich, durchaus demütig.

"Sturm zum Gruße, Rottenmeister Grünauge. Wie's gewünscht' wurd', hier bin' ich um Meldung' zu mach'n, ich hab' auf meiner gründlich'n Observa-."

Doch ruhig und beschwichtigend, die ledernen Hände hebend, .. unterbrach ihn sein Gegenüber.

"Setzt euch ersteinmal, Feritan, Grauschmieds' Sohn."

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Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


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 Betreff des Beitrags: Re: Vermächtnis
BeitragVerfasst: 3. Aug 2013, 15:23 
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Heimkehr

Es war Nacht in Eisenschmiede. Zweifelsohne ein Zustand, den keiner wirklich bemerkt hätte, wären da nicht die geschlossenen Läden, die müden Gesichter und die gefüllten Tavernen gewesen. Letztere eben ohne die Müdigkeit, denn man trank hier schon immer gut, viel - und zu Preisen, die jeder bereit war zu bezahlen. Die Wachen taten ihr nächtliches Werk und hielten die Straßen, Gassen und Steinbauten in Schach, während kühler Wind vergeblich versuchte die stickige Atemluft, verpestet von Gestank, sowie vom Rauch und Ruß der Schmiede, zu vertreiben. Man hatte der Stadt keine weiteren Lüftungsschächte gegönnt - zumal es eben jene waren, die oft von unliebsamen Eindringlingen, versprengten Ratten und Kriminellen genutzt wurden, um den Ort rasch zu betreten oder wieder zu verlassen. Die Decken sah man nicht. Alles umgab die kolossale Atmosphäre von unsterblicher Existenz und niemand wagte es in Frage zu stellen, dass auch noch zehntausend Jahre, nach eigenem Ableben, vom Ruhm und Glanz der Hauptstadt unter dem Berg gesprochen wird. Die politische Situation hatte sich in den letzten zwanzig Jahren stabilisiert, der Rat der drei Hämmer führte die Regierungsgeschäfte, während König Bronzebart seinen Platz als Führer Khaz Modans langsam wieder einnahm. Man sprach grundsätzlich und im ganzen Land verbreitet von einer glorreichen Zeit, von Ruhe, Ordnung und dem unanfechtbaren Stolz der Zwergenrasse.

Eine Gestalt schritt mit flatternden Gewändern durch die Nacht. Ihre Gangart führte geschwind an den steinernen Behausungen vorbei, von Gasse zu Gasse, mal über eine Kreuzung und mal auf eine andere Ebene, denn Eisenschmiede ragte tief in den Berg hinein. Sie trug einen dunklen Mantel, eine völlig schwarze Maske und einen Wappenrock, derselben Farbe. Auf seinem düsteren Grund trug er ein aufgesticktes weißes Schild, welches von einer langen, ebenso weißen Klinge bedeckt wurde. Sie war bewaffnet, wenn auch nicht schwer. Drei Dolche hingen aufgereiht an ihrem Gurt, - auf der rechten Seite klapperte eine klein gehaltene Armbrust, die sie sich fest ans Bein geschnürt hatte, sodass niemand die Waffe hätte erkennen können, würde sie stehen und der Stoff über ihren Gliedmaßen ruhen. Passanten blickten ihr nach, denn sie überragte die Einwohner der Stadt. Entweder war sie ein Mensch oder aber eine besonders klein gewachsene Elfe, denn zumindest die Schulterbreite enttarnte sie als grazil - und keineswegs als besonders maskulin.

Vor steinernen Hallen beendete sie ihren Gang, hielt inne und atmete warme Luft. Ein großes Gebäude. Ein Gebäude mit Schatten. Aus den undurchsichtigen, mannshohen Fenstern funkelte helles Licht. Vom einzigen Balkon der Konstruktion hingen schwarze Banner, die jenes Wappen zeigten, welches auch sie auf ihrer Brust trug. Dieses Meisterwerk zwergischer Architektur, mit Mauern, die so dick waren, dass sie auch mehreren Kanonenschüssen hätten standhalten können, stand im Mystikerviertel der Stadt. Relief um Relief zierten die Wände, zeigten Schlachten, Fahnen und Siege auf fernen Schlachtfeldern. Über dem Türbogen ragte die verschnörkelte Inschrift "Dem Sturm entgegen". Es waren eingemeißelte Buchstaben, doch in ihrem fehlerfreien Detailgrad wurde deutlich, dass man keine Kosten und Mühen gescheut hatte, dieses Anwesen nach außen hin zu präsentieren. Dies waren die Hallen des Dämmersturms, in denen sich die Gestalt befand, nachdem sie die schwere, verzierte Holztür geöffnet hatte.

Die Einrichtung erschien etwas rustikaler, in ihrer Preisklasse aber keineswegs geringer anzusiedeln, als der ganze Rest des Gebäudes. Kunstvoll ausgearbeitete Holzmöbel, ein roter, dicker Teppich und Kriegstrophäen, die von der Wand hingen, in Regalen standen oder auf Beistelltischen abgelegt ihren Ruheplatz fanden. Eine breite Treppe führte hinauf - auf ihr lag kein Teppich. Neben ihr allerdings standen gut situierte Personen in braunschwarzer Kleidung, ebenfalls den Wappenrock tragend. Sie studierten ein schwarzes Brett, einen Aushang - bestückt mit sorgsam angeordneten Briefen, Fahndungsplakaten und Flugblättern. Einer der Männer drehte sich um und nahm die zierliche Gestalt in sein Blickfeld auf. Er war relativ groß, trug kurzes braunes Haar und einen von ordentlich gestutzten Bartstoppeln übersäten Unterkiefer. Das Gesicht bot feine Züge zur Schau, ohne weiblich zu wirken, hatte keine Narben und ein charmantes Auftreten. Das fiel spätestens dann auf, als er den Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen in ungeahnte Höhen katapultierte, eine Verbeugung andeutete und der Szene seinen Satz verlieh.

„Dem Sturm entgegen, Marisa. Es muss Monate her sein, dass wir einander das letzte Mal sahen.“

Die Gestalt zog die Kapuze zurück und offenbarte das Antlitz einer jungen Frau. Blass wie die gefrorenen Gipfel Dun Moroghs, während schwarzes, wild gelocktes Haar aus den Stoffen hervorbrach, sich weit auftat und schließlich ihre makellosen Wangen, ihr Kinn und ihren schmalen Hals einrahmte. Dieser wirkte besonders zerbrechlich. Ihre Augen waren groß, dunkelgrün und von dichter Wimpernpracht. Sie schimmerten wie eine aufkeimende Frühlingsblume im unberührten Schnee der draußen vorherrschenden Eiswüste.

Ihre zarten, wenn auch behandschuhten Finger hoben sich an die kahl geschorenen Wangen des Kriegers – der Daumen kraulte, doch ihr Blick erübrigte nur Kälte für den jungen Mann. Dann ließ sie von ihm ab. Ihre Stimme, wie der Auftakt einer schmelzend warmen Ballade, erklang durch den Raum und ein jeder hätte das Brummen der Hauptstadt für diesen Moment außer Acht gelassen, hätte er ihren sanft aufflackernden Satz vernommen. Sie sprach, als sei ihr jeder Ton ein tief verwurzelter Freund, jedes Wort ein neu zu perfektionierendes Lied und gleichweg doch ein Kunstwerk, so individuell wie die Gesichter, die ihr zuhörten. Sie sprach mit der Kontrolle einer Königin, die ihr Volk liebte und ihr Gefolge zu schätzen wusste.

„Ihr wart zuhause, Sohn des Wellenheims. Ebenso wie ich meinen Vater aufsuchte, habt ihr den euren zu ehren gewusst. Ich muss aber zugeben, nicht damit gerechnet zu haben, euch hier anzutreffen. Frisch rasiert und narbenlos. Es muss ruhiger sein, als ich annahm, dort oben – im Norden. Er scheint sein Handwerk verstanden zu haben.“

Jedes Wort glitt wie ein lautloser Federschlag, - unscheinbar aber mit der aufpeitschenden Kraft die Gemüter zu beflügeln, die ihr lauschten. Und so brauchte der Mann eine Weile, bis er die Worte für seine Antwort zurechtgelegt hatte. Vier Lidschläge, die grünes Augenlicht bedeckten und kurz darauf wieder aufglänzen ließen.

„Freilich, denn in ihm – wie auch in mir – fließt das Blut des Kriegers und der Gefallenen vom dunklen Portal. Wir Wellenheimer wissen zu handeln, wenn zu handeln ist und zu ruhen, wenn zu ruhen ist. Wir erfüllen unseren Dienst, auch wenn dies fernab der Grenzen des Reiches, in einer geschundenen Welt und umgeben von Feindland sein mag. Die Häuser wachsen, die Bauern sind gut genährt.“

Ein Lächeln zuckte über die Lippen Marisas. Es war keine Mimik der Belustigung, vielmehr aber ein aufkeimendes Verneinen dessen, was er sagte, als er anfing zu sprechen. Das, was danach folgte, entglitt entweder ihrer Aufmerksamkeit oder sie schenkte ihm nicht die Beachtung, die er sich daraus vielleicht erhoffte.

„Ihr seid kein Krieger, Richard. Ebenso wenig wie das Blut der Gefallenen durch eure Adern fließt und ebenso wenig, wie ihr bereit seid, in die Fußstapfen eures Vaters zu treten. Euch sind andere Aufgaben vorbehalten. Nicht weniger ehrenwert – doch so zu verstehen, dass sie euch ein längeres Leben bescheren. Weißt das zu schätzen. Und sprecht meinen Namen mit der nötigen Zurückhaltung.“

Sie ließ ihn stehen und glitt über die Treppen nach oben in einen langen Raum, der nach Büchern roch. Neben einem steinernen Geländer lag ein roter Teppich aus, den man gut und häufig pflegte, der aber schon viele Jahre und zahlreiche Gebrauchsspuren in sich aufgenommen hatte. In den zahlreichen Regalen standen dicke Wälzer, uralte Mitschriften, Aufzeichnungen und Ansammlungen alter Einsatzberichte. Vor ihr lag ein Tisch, zugeschüttet mit Aktenbergen und Pergamentfetzen. Davor und dahinter jeweils zwei Stühle. Der Tisch war von Einkerbungen übersät, schien schon lange in Gebrauch und im Vergleich zur restlichen Einrichtung eher rustikal gehalten.

Ein Sägen, wie das bebende Herannahen eines schrecklichen Unwetters dröhnte bis zu ihr durch. Sie ortete dessen Ursprung und fand auf der anderen Seite des Tisches eine Zwergenfratze, unkenntlich vergraben unter Wogen aus grauem, ehrwürdigem Haar, die unter regelmäßigen Atemstößen aufgepeitscht wurden. Er schlief. Zumindest sah es danach aus. Das, was man gerade von ihm sah. Denn eigentlich saß er aufrecht und wachsam, nur eben bedeckt von der einschüchternden Mähne.

Sie platzierte sich neben ihm, wahrte respektvollen Abstand und begann mit dem Studium des vorliegenden Papierkrams. Einige Augenblicke später vernahm man, wie schwarzer Tee seinen Geruch durch das Gebäude sprühte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Vermächtnis
BeitragVerfasst: 16. Aug 2013, 20:14 
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"Du musst verstehen, Feritan, dass wir uns auf das Ziel konzentrieren müssen. Auf die Mission. Und prinzipiell würde ich sagen, wir ignorieren diesen kleinen Umstand, dass der Kerl uns auf die Eier gegangen ist und kümmern uns weiter um die Ostmark."

Der Rottenmeister sprach mit völliger Entspannung, während Pfeifenrauch sein Gesicht in tiefen Dunst hüllte. In der Taverne war es mittlerweile völlig still, die Morgenstunden waren längst erreicht und auf dem Tisch lag eine große, ausgerollte Karte des Königreiches von Sturmwind, das sich vom Rotkammgebirge im Norden, bis zu den Dschungeln des Schlingendorntals im Süden erstreckte, wo man einen Waffenstillstand mit der Horde genoss. Das Pergament hatte der Kapuzenträger mit zwei Dolchen fixiert, und die leeren Halterungen an seinem Gürtel kündeten davon, woher diese stammten.

"Ich weiß, ich weiß. Aber trotzdem' isses' doch nich' tragbar, dass er uns vor versammelter Mannschaft in Dunkelhain sowas von an'n Pranger schmettert, dass wird schlechter da stehen, als ... als ..."

Der junge Krieger suchte nach Worten, beschrieb einen Halbkreis in der Luft und seufzte dann gestreckt aus. Er war Nichtraucher - und sein unbeschadeter Atem blies den würzigen Tabak einen halben Meter beiseite. So stark war die Brise, so stark war sein entnervter Verstand.

"Es ist schon eine Weile her, dass man überhaupt mal gut von uns in Dunkelhain gesprochen hat. Seit der Sache mit - Na du weißt schon. Wir sollten nicht weiter darüber reden. Das bringt Unglück. Hat man irgendwie aggressiv auf dich reagiert, als du durch die Stadt geritten bist?"

Der Recke schüttelte den Kopf und ließ den Blick an die Tischkante herabwandern. Weniger aus Bedauern, als vielmehr aus Müdigkeit. Insgeheim auch aus stillschweigendem Zorn über die Worte des Unbekannten, den er beobachtet hatte. In seinem Bericht war von einem Kuttenträger die Rede, der das Urteil und die Kompetenz des Dämmersturms in Frage stellte. Vor versammeltem Volke hatte er die Menschen der Südmark davon überzeugen können, keine weiteren Aufträge an ihn aufzugeben und unterm Strich war das ein schwerer, finanzieller Schlag für die südlichen Sektionen des Söldnerbundes. Schlimmer noch: Das man jetzt auf die Konkurrenz auswich, stellte auch langfristige Folgen für die anderen Niederlassungen in Aussicht. Feritan war die Sache nicht geheuer und er fuhr sich durch das inzwischen trockene, strohblonde Haar. In der Tat war es fragwürdig, wie ein einzelner Mann dazu in der Lage sein konnte, eine ganze Provinz in den Irrglauben zu führen, der Söldnerbund bestünde aus Stümpern, Halsabschneidern und mörderischen Wegelagerern. Zumal er bereits viele Male erfolgreich im Dämmerwald aktiv gewesen war. Wenn man von jenem Ereignis absah, über das nicht länger gesprochen wurde.

"Siehst du, Grauschmied. Kommt Zeit, kommt Rat. Ich werde einen Brief nach Sturmwind schicken, Everard soll sich einen Überblick über das Ganze verschaffen. Ich vertraue ausnahmsweise mal in dein Misstrauen und ziehe einen Champion zurate. Muss ich sowieso, schließlich ist er für das Gebiet hier zuständig."

Feritan legte die Stirn in Falten. Seit seinem Eintritt in den Dämmersturm hatte er eine Abneigung für den Champion entwickelt. Er war ein Mann der Straße, aber schweigsam wie ein schattenreicher Fels über den Klippen Seenhains. Eine zwielichtige Kreatur, die nur den Kampf kannte, ihm mit kalter Genugtuung begegnete und Blut regnen ließ, wenn es denn zur Schlacht kam. Brutalität, einhergehend mit berechnender Abwägung fleischgewordener Zahlen. Ihm missfiel diese Art, auch wenn viele, nicht zuletzt sein Rottenmeister, bereit gewesen wären, ihm sein Leben anzuvertrauen. Vielleicht lag es auch daran, dass er im Akt seiner Führung, ein Ebenbild des Kommandanten war. Und böse Zungen speiten bereits Sätze vom "kleinen Orodaro". Der junge Grauschmied verzog das Gesicht.

Der Kommandant. Seine erste und einzige bewusste Begegnung mit ihm lag bereits zehn Jahre zurück. Damals hatte er sich in den blutigen, sagenumwobenen Fetzen eingeschrieben, der nunmehr nicht weiter bekannt war, als die Liste des Dämmersturms. Ein Gesicht, dass sich tief in seinen Kopf gebrannt hatte. Ein Mosaik der Schlacht, Narben, so tief wie Schluchten und Krater aus knorpelndem Fleisch, wie eine eingeschlagene Naturgewalt. Eine wuchernde, pechschwarze Mähne, die sich bis zu den Schultern hin erstreckte und in einen Bart überging, der jedem Zwergen hätte Konkurrenz machen können. Eigentlich war sein Name überflüssig, denn jeder wusste bei diesem Anblick was er verkörperte. Und seine Stimme ragte wie ein Lanzenstoß in die Seele des Zuhörers. Sie war gezeichnet und bestrichen von völliger Kontrolle über die Luft, die er atmete, die andere atmeten - und über das, was andere dachten, während seine schmalen Augen sie fixierten. Sein Blick sprach jede Sprache dieser Welt - so donnernd, dass ihr keiner zu widerstehen vermochte.

Zwar hatte man ihm gesagt, in seiner Kindheit sei ihm der Führer des Söldnerbundes ein häufiges Bild vor seinen unerfahrenen Augen gewesen, doch diese Erinnerungen waren längst verblasst. Ebenso wie jene, die er an Mutter und Vater hegte. Nur eine letzte hielt ihn nachts wach. Ein Schrei - und obwohl er kein Gesicht erkannte, er wusste doch, dass es die Stimme seines Blutes war. Niemand hatte ihm jemals Auskunft darüber gegeben.

Der Rottenmeister lies Finger knacken, - schnippsen und vor seinem Gesicht aufzucken.

"Du versinkst schon wieder in Gedanken, - ein bisschen mehr Aufmerksamkeit bitte. Morgen reitest du nach Norden. Lichtensang erwartet dich dort. Um den Brief kümmere ich mich selbst. Ich sitze hier schon viel zu lange auf dem faulen Hintern."

Feritans Braue ragte nach oben.

"Ähm, Lichtensang? Wirklich? Seit wann is'n die da ob'n zugange? Ich dacht', die hätt' längst' mit dem Champion. Na, ihr wisst schon, die is' doch häuslich geword'n."

Aus der Kapuze heraus drang schepperndes Auflachen, - ein dröhnender Kontrast zur Stille in der rustikalen Taverne. Der hervortretende Rauch hüllte seinen ganzen Kopf in so dicken Nebel, dass er seine eigene Hand nicht mehr hätte erkennen können. Nokomis von Lichtensang war eine temperamentvolle Rottenmeisterin in den frühen Vierzigern. Sie war ein glanzvoller Diamant und in ihrer Schönheit unübertroffen schimmernd, schon seit den Tagen der Expansion, als sie dem Söldnerbund als Tagelöhnerin beitrat. Unverfälscht langes, blondes Haar wehte im Sturme ihres Angriffs - kühl und erfahren waren ihre Entscheidungen. Sie hatte Everard als Lehrmeister gehabt. Und ihre blauen Augen durchstachen jede Männerseele. Auch jetzt noch.

"Nennt mir den Tag, an dem Nokomis von Lichtensang häuslich wird, Feritan. Und ich werde euch immer wieder eines Besseren belehren. Ganz ehrlich, dann friert der Nether zu und Blei durchbohrt mein Hirn. Dieses Weib ist ein Teufel - und die Sache mit Everard: Hört endlich auf, jeden Mist zu glauben, den man euch in Sturmwind vorgackert. Die Tagelöhner sind ein geschwätziges Volk."

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 Betreff des Beitrags: Re: Vermächtnis
BeitragVerfasst: 12. Okt 2013, 17:21 
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Rotglut

Es peitschte der Gestank vom großen Schlachten über die ganze, vom Feuer geschwärzte Ebene. Das Gras hier war einst grün, über viele Meilen hinweg. Was jetzt übrig war: Ein verdorbener, platt getrampelter Rest der Ebenen Arathors. Der Lärm hallte über hunderte Hügel hinweg, noch bis weit in den Himmel hinein, wo sich dunkle Wolken, wie anfeuernd bebendes Publikum, zusammenfanden. Das Getümmel setzte sich aus zwei, sich unentwegt hassenden Kriegsparteien zusammen, die selbst aber nicht das Kriegsgut besaßen - das Blut junger Männer - um einander umzubringen. Sie ließen also Söldner in die Arena des Krieges, auf das Schlachtfeld, niederjagen. Zahlenmäßig waren beide Heere - die so um die fünfhundert Mann umfassten - sich ebenbürtig und auch an Waffen hatten sie es nicht mangeln lassen. Schließlich warteten der goldgelbe Profit und die Beute des Kampfes auf all jene, die diesen Tag überleben sollten.

Man kämpfte nicht, wie es die Adligen taten - oder die Armeen der großen Reiche. Man begegnete sich kaum in festen Formationen, sondern in losen Kampfgruppen, die dann immer wieder aufeinanderprallten und sich gegenseitig die Äxte, Schwerter und Keulen um die Ohren schlugen. Feuerwaffen waren unbeliebt, zumindest in diesem Teil der Welt. Und selbst manch ein Emporkömmling, der diese Söldner für seine Interessen anzuwerben suchte, verneinte das Angebot tatkräftiger Schützen, um seiner eigenen Ehre keinen Schaden zuzufügen.

Die Erde brannte, weil man sie angezündet hatte. Brennende Geschosse - wenn man von den Pfeilen absah - gab es nicht. Keine Artillerie und auch keinen Sprengstoff. Und inmitten eines aufkommenden Scharmützels, welches weit hinter den losen Stellungen eines Herzogs lag, den man weithin "vom Hafen" nannte, sprangen Krieger auseinander und Fleisch wurde zerrissen. Der Haufen, von mehr als zwei Dutzend Schildträgern war kurz davor den Rückzug anzutreten, um diesen Wahnsinnigen, der sich da gerade mit der Axt durch ihre Reihen schlug, passieren zu lassen. Es war ein rothaariger Zwerg, dessen Bart ihn nicht selten ins Stolpern brachte - nur um eben jenes Schwingen seines, mit Platten beschlagenen Körpers, für den nächsten Hieb seiner zweihändig geführten, gewaltigen Waffe zu kanalisieren. Die Axt fürchtete man seit seinem Erscheinen in diesen Landen unter dem Namen "Fortbruch". Und er selbst war Rarnulf Rotglut, Blutgeschworener des Dämmersturms. Hinter ihm stürmten siebzehn Mitläufer, die seine Flanken deckten und hauptsächlich nur leichtes Mordwerkzeug trugen, denn etwas besseres hatten sie sich noch nicht verdient.

Als der Widerstand gebrochen war und Rarnulf vom Blut bekleckert auf den Leichen seiner Opfer stand, die schwere, eingeschlossene Kehle mit dem Aroma der Toten füllte und sich unschlüssig umsah, wo er diesen jungfräulichen Haufen als nächstes hinschicken sollte, konnte er gerade noch die peinlichen Reste der flüchtenden Schar sehen, welche er gerade bezwungen hatte. Sie verschwanden in einer der vielen Staubwolken.

"Mein Champion! Sie fliehen - warum verfolgen wir sie nicht? Sie werden sich sammeln und noch in der nächsten Stunde in irgendeine andere Flanke rennen!", sprach Luis Rexler, ein frischer Anwärter auf besten Wegen zum Rang des vollwertigen Söldners. Er war jung, trug nur wenige Narben und hatte wehendes, braunes Haar. Seine Haut war blass - ein Sumpfländer aus dem Süden also.

"Maul halten. Die schießen uns Pfeile in den Arsch. Magst du Pfeile in deinem Arsch? Also ich will keinen Pfeil in meinem Arsch - weil ich nicht so eine verdammte, hässliche Schwuchtel bin, wie du. Wir sind hinter den feindlichen Linien. Und jetzt rühr' mal deinen Hirnschmalz um und sage mir, wer nun so gar nicht mit uns rechnet.", bellte Rotglut, schraubte einen Lederschlauch auf und schüttete den Inhalt in sich hinein, wobei sich dicke Tropfen in seinem Bart verloren. Die wirren, weit offenen Augen richtete er danach augenblicklich auf sein Gefolge.

"Ähhh - hmmm - also."
Und mehr kam da nicht.

"Verdammte Scheiße, hör auf zu Stammeln. Wir drehen jetzt um und marschieren in die andere Richtung!"

Man blieb unschlüssig stehen, denn eigentlich war man es gewohnt, an Rotgluts Seite immer vorwärts dem Herzen des Feindes entgegen zu streben. Das ganze klang verdächtig - und die unerfahrene Schar ließ sich leicht beunruhigen.

"Rückzug, Boss?", meinte einer, der nicht zu den hellsten gehörte.

"Das ist kein Rückzug, das ist ein Vormarsch in die andere Richtung, du Volltrottel. Morgen schrubbst du die Klingen - und alle Helme. Und wenn du das gemacht hast, schlage ich deinen Schädel darauf auf, sodass du gleich nochmal das ganze, verdammte Blut von allen Klingen und von allen Helmen wischen kannst. Und dann frühstücken wir.", sprach Rarnulf grimmig, während er vom fleischgewordenen Throne der getöteten Widersacher hinunterstieg, sodass es schmatzte und Knochen barsten - und Fortbruch riss eine tiefe Kerbe in den Dreck, denn er schliff die Axt hinter sich her, wie einen Pflug. Die Spur führte übrigens auch über das gesamte Schlachtfeld, bis zum Ort des jüngsten Scharmützels.

Der Haufen folgte und unterwegs verloren sie keinen einzigen ihrer Waffenbrüder, denn immer wenn ihnen eine der schwerer gerüsteten, zurückfallenden Kriegsbanden zu Leibe rückte, stemmte sich der Champion dazwischen, um seine Schützlinge im Fall der Fälle aus einer bedrohlichen Situation zu befreien. Dies tat er jedoch nie, ohne den Frischlingen die Chance auf eine dicke, hässliche Narbe gelassen zu haben. Nach zwanzig Minuten erreichten sie den Sammelpunkt der östlichen Flanke, die "von Hafens" Armee zu stärken versuchte. Da sich Rotglut bereits bis auf feindlichen Boden durchgeschlagen hatten, fiel ein überraschender Angriff von hinten, auf diese extravaganten Söldner in ihren polierten, teils bunt beschmückten Rüstungen, relativ leicht. Nur war das kleine Kontingent des Dämmersturms in Zahl und Ausstattung unterlegen. Rotglut ließ sein Gefolge warten - hinter einem Hügel, der dem Sammelpunkt recht nahe lag.

Die Gelegenheit, die er sich erhoffte, würde mit dem Angriff einer verbündeten Söldnerrotte aus Westfall einhergehen. Diese Söldner waren nicht Teil des Dämmersturms, standen ihm jedoch recht nahe und waren mit der Aussicht auf große Anteile an seiner Seite nach Arathi gezogen. Sie folgten einem Mann namens "Bertling". Doch sowohl Rotgluts Gefolge als auch Bertlings Söldnerbande machten nur einen kleinen Teil der Streitmacht aus, der sie angehörten. Sie hatten sich einem älteren Adligen aus Stromgarde verpflichtet, der hier seine territorialen Interessen durchzusetzen versuchte. Außerdem war die Familie "vom Hafen" ihm schon lange ein lästiger Dorn im Auge gewesen. Unter seinem Banner marschierten einige arathorianische Clanführer, sieben Söldnerfraktionen, zu denen der Dämmersturm gehörte und sein eigenes, jedoch recht klein gehaltenes Heer aus einhundert Fußsoldaten in stechend roten Rüstungen. Abgesehen von Rotglut gab es noch einen anderen Mann, der hier im Namen des Dämmersturms in die Schlacht zog und ebenfalls Teil der Operation war. Er hieß Julius von Wellenheim und war der Anführer einer elitären Kavallerieeinheit, die eine lange Tradition im Dämmersturm genoss, der Wellenheimer Lanze. Darüber hinaus war er der oberste Schutzherr einiger Ländereien, die der Söldnerbund im Norden für sich beanspruchen konnte.

Je länger Rarnulf nun wartete, desto größer wurde der Mob an beachtlich gerüsteten Männern unter feindlicher Flagge. Aber ob er nun größer wurde oder die Bedrohlichkeit vom Anfang seines geduldigen Wartens behielt, er hätte ihm ohnehin nicht ohne bedenkliche Verluste begegnen können. Und hier, soweit abgeschnitten von den Stützpunkten des Söldnerbundes, hätte er lange auf Verstärkung warten müssen. Nicht nur in der Schlacht, sondern im ganzen Krieg. Und Rarnulf war jemand, der es vermied, mit leeren Händen nach Eisenschmiede zurückzukehren. "Lieber mit gar keinen Händen", sagte er einst mit einem Augenzwinkern. Sein Gegenüber war Alvrim Everard.

Die Nacht war hereingebrochen und da die Jahreszeit besonders kalt war, wenn auch ohne Schnee, wünschte sich manch einer ein wärmendes Feuer. Doch das hätte sie verraten - und Rarnulf musste mehr als einmal die ermahnende Faust umherschnellen lassen, als der ungebändigte Haufen sich nach trockenem Holz umsehen wollte. Und so lagen sie auf der Lauer, ließen sich von Dreck beschmücken und von Pflanzen überwuchern. Irgendwann ging das sägende Schnarchen des Champions einher mit markerschütterndem Magenknurren, denn sie standen - oder lagen - schon viel zu lange auf dem Schlachtfeld. Und da er nun eingeschlafen war, machten sich die frechen Gestalten daran, doch noch ein Feuer zu entzünden. Nur ein kleines, in der Hoffnung, er würde es schon nicht merken. Doch die rote Glut, eingekesselt von kleinen Steinen, schimmerte so hell, dass es dem Feind nicht entgehen konnte.

Es war das Rasseln von Kettenhemden, welches den Champion weckte, ihn aufschrecken, aufsabbern und herum fluchen ließ. Die Sonne schien ihm auf den eisernen Hintern, der von Dreck besudelt war. Es roch obendrein nach Urin, da der ganze Trupp sich einfach über der offenen Ebene erleichtert hatte. Als er sich umsah, konnte er die Banner "von Hafens" auf den Hügelkuppen um ihn herum erspähen - und so war es doch tatsächlich geschehen, dass sie ihn noch vor dem Frühstück umstellt hatten.

"IHR VERDAMMTEN PISSER - WAS HABE ICH EUCH GESAGT?! .. WAS HABE ICH EUCH GESAGT, WAS IHR NICHT MACHEN SOLLT?! .. JAA - ZWEI VERKACKTE DINGE! .. IHR SOLLT NICHT WICHSEN IN MEINER NÄHE - UND IHR SOLLT KEIN VERDAMMTES FEUER MACHEN! .. Jetzt sieh sich einer diese Sauerei an!"
Und er schrie so laut, dass es vermutlich sogar der Feind hören konnte, denn er bildete sich sein Gelächter ein, sodass er noch tobender wurde. Und so schlug er noch im selben Atemzug drei seiner Mitläufer, die er für die Verantwortlichen hielt, ins Land der Träume. "BEI DEN ROSTIGEN SCHAMLIPPEN MEINER DRÖLFTAUSEND JAHRE ALTEN EX-URGROSSTANTE - BILDET EINEN KREIS!"

Sie standen, viele trugen nicht mal einen Schild, im Kreis und der Feind im Kreis auf den Hügeln um sie herum. Rarnulfs Haufen wirkte eingeschüchtert, mehr von ihm, als von den Bogenschützen, die sich gerade über ihnen formierten, wobei diese sicherlich auch nicht wenig Bedrohlichkeit versprühten. Arathorianischer Dialekt ging durch den Himmel, Sehnen wurden gespannt und Pfeile teilten pfeifend die Luft, als sie auf die eingekesselten Söldner niederregneten. Und mit einem Schlag, den Schreien der ewig jung bleibenden Waffenbrüder, verlor der Champion sein halbes Gefolge. Die Mitläufer brachen leblos und durchlöchert zusammen, während seine eigene Rüstung dick genug war, das schlimmste zu verhindern. Er brüllte und über seinen Kopf schrammte wirrer Stahl, - der Wange eine neue Kerbe einverleibend. Dann stampfte er los und ließ den ganzen Rest wortlos stehen, wovon ihm die meisten dann aber trotzdem, wenn auch verspätet, hinterherrannten. Rarnulf schnitt die Hügelkruste mit Fortbruch außeinander - und war schneller beim Feind, als es seine Plattenrüstung hätte vermuten lassen können. Er stand keuchend vor den Bogenschützen, - der Kopf hochrot und an besagter Stelle blutend, als von hinten der nächste Pfeilhagel kam und diesmal keinen Dämmerstürmler mehr fällte, sondern drei Löcher in die Hüfte des Champions schlug, dann aber dreizehn Schützen den Tod brachte, die direkt vor ihm standen. Rotgluts Schützlinge, die durch das fokussierte Feuer des Feindes unbeschadet blieben, fielen über die überrumpelten Bogenschützen her - und der rote Zwerg selbst brach wie ein Rammbock durch die Reihen, sodass Fleisch, Blut und alle Arten menschlicher Gliedmaßen durch den Himmel regneten und Fortbruch sein zerschmetterndes Werk tat.

Als sie nun aber dem Feind die Stirn boten, für den nur kurzen Moment von zwölf langen Atemzügen, traten ihnen die Schwertkämpfer entgegen, die sie am Abend zuvor beobachtet hatten. Und diesen waren sie wahrlich unterlegen. Zwar schlachtete Rotglut drei von ihnen noch ehe sie ihren Kriegsschrei hervorspeien konnten, doch die Mitläufer fielen immer weiter zurück. "Von Hafens" Männer trugen allesamt schwere Rüstungen, waren gut bezahlt und mit der Kunst des Schwertkämpfens in mehrfacher Hinsicht gesegnet. Die Lage gewann also an Aussichtslosigkeit - und auch dem Champion schnitt man das Schulterblech vom Körper, auf das er viele Fleischwunden erntete.

Der Mitläufer Luis, der noch lebte, bekam hartes Schildblech ins Gesicht, sodass seine Nase brach und die Augen wirres Licht umherflackern sahen. Der Boden unter ihm verlor an Konsistenz - und er stürzte, doch was er dann sah, war nichts, das er gerade zu verstehen vermochte. Schlamm schmatzte an ihm hoch, ein Huf brach seine Hand - und Pferde wirbelten an ihm vorbei über den Hügel, durch den Feind hindurch, nichts von ihm stehen lassend. Schwarzes Kleid, das Wappen von Wellenheim und Dämmersturm. Die Kavallerie befreite sie aus dem Getümmel, trampelte alles nieder, was nicht die dunkle Heraldik trug und schreckte auch nicht davor zurück, den ein oder anderen Mitläufer grob beiseite zu fegen, denn sie standen ihrem Sturmangriff nun im Wege. Sie trugen schwere, polierte Plattenpanzer, waren ansonsten aber von Farbe befreit und wenig geschmückt - wie das frische Gletscherwasser Alteracs. Von der anderen Seite sah man, wie Bertlings Kriegsbande zu Fuß ins Geschehen stürmte und mit denen aufräumte, die nicht schon längst die Flucht ergriffen hatten.

Rarnulf fluchte. Er stand, trotz zahlreicher Wunden, die er kennen und lieben gelernt hatte. Doch was ihn störte, war nicht etwa der gestohlene Heldentod auf dem Schlachtfeld, sondern die Tatsache, dass man ihn wieder einmal zum Lockvogel degradiert hatte.

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Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


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