Söldnerbund Dämmersturm

RP-Gilde - Die Aldor
Aktuelle Zeit: 19. Nov 2018, 17:40

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 6 Beiträge ] 
AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 21. Sep 2016, 04:40 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 01.2010
Beiträge: 1527
Wohnort: Münster
Geschlecht: männlich
Jammertal


Die spätsommerliche Brise fährt durch das Laub der Mischwälder des Nordwestgefälles. Die trockenwerdenden Blätter schütteln sich knisternd. Das Gestrüpp wirft rostrote, undurchsichtige Schatten. Es vermengt sich auf weite Sicht zu unheimlicher Düsternis, die nur an wenigen Stellen vom aschfahl vernebelten Sonnenlicht unterbrochen wird. Säulenartig und kraftlos: Das Geschimmer. Über den Kronen lautet der krächzende Klang alteracscher Sittiche, die ihrem Ruf nachgekommen sind, Unglück zu verheißen. Dem überwucherten, halb zerfallenen Straßenlauf folgen mehrere Karren. Das Waldaroma - dieser krautartige Schleier - nimmt Gemüse in sich auf. Ladeflächen tragen Kartoffeln. Bauern mit Hüten - wohlgekleidet - treiben Vieh vor sich her, das die Karren zieht; wenn sich nicht schon ein Pferd geleistet wurde. Knister, knister: Die Blätter sprechen über den Einfall der Kartoffelernte hinweg. Jeder, der die vorhergehenden Wochen und Monate in diesem Land erlebt hat, begegnet der klangvollen Geräuschkulisse nunmehr mit stillschweigender Ehrfurcht. Die Schlacht am Kaderwulstpass - überhaupt der ganze Zweite Frühlingskrieg - haben eine Wunde hinterlassen, die nun in Mythen und Sagen vernarbt; in Mären von Waldgeistern und jenen Schauergeschichten, die man frechen Kindern zu erzählen weiß.


Kind!
Geh' nicht aus dem Dorf!
Nicht zwischen Eibenwurz und Torf!
Wo Äste, Wurzeln, Stämme streben
erwacht der ganze Wald zum Leben:
Hungert, frisst - ist nimmersatt,
die alte Weide Wucherblatt.


Ins Windgeflüster mischt sich das klappernde Raunen einer Plattenrüstung. Etwa in einhundertfünfundachtzig Zentimetern Höhe verklingt das Geräusch von kantig bestrichener Haut und fallendem Haar. Derebron Darkwood sitzt in voller Montur auf einem Hocker; unweit der Straße - die er sehen kann - neben einem erloschenen Lagerfeuer und zwei güldenen Mitläufern der Sektion Alpha. Er rasiert sich. Militärisch akkurat, weil es sich so gehört. Neben ihm steht eine gefüllte Schwertscheide, rechts von ihm ein eigenhändig polierter Schild. Es ist - das darf man bemerken - sehr laut hier, obwohl keiner etwas sagt.

Karren um Karren rattert vorbei. Die Bauern durchqueren den Wald, um ihre Ernte in Markstadt zu verkaufen. Sie sind in den letzten Jahren schlagartig zu Reichtum gekommen. Sie müssen nicht mehr hungern, weil der Dämmersturm sie aus den schartigen Krallen eines Banditenfürsten befreit hat, dessen Name der Vergessenheit überantwortet wurde; nicht mehr hungern, weil sie ihre Felder bestellen können... Doch allem voran müssen sie nicht hungern, weil es dem Nordwestgefälle dieser Tage schlecht ergeht. Markstadt ist ein desolater Ort, dessen Grundversorgung gerade so gewährleistet werden kann. Zwei Kriege: Der Erste und der Zweite Frühlingskrieg wurden auf seinem Rücken ausgefochten. Das Land der Kobra - dem Herren Bauergard von Markstadt - ist platt und verwildert; ist verarmt, unbestellt und trostlos. Hier jedoch, in den Ländereien des Dämmersturms, wo die Grenzen standhielten, wo die Bäume kein Dorf niederschlugen; wo die Westbergzwerge scheiterten und der Wolf nie einen Fuß hinsetzen konnte, hier... geht es den Menschen gut. So gut, dass sie ihre Überschüsse gewinnbringend an ihre hungernden Nachbarn verkaufen können.

Das Wort des Dämmersturms wurde eingehalten. Das Versprechen von Frieden und Wohlstand. Von Fortschritt! Und die fortschreitenden Karren halten den Grenzen der söldnergeschützten Ländereien entgegen. Die Helden von Lordamm, Dörflingen, Pökelheim, von Alterszapfen und dem kaderwulstschen Pass gedeihen zur Folklore. Kapellen tragen schwarze Banner und wo sich der sagenhafte Mantel über die letzten Jahre spannt, wirft Altvater Legende seine Schatten in die goldgelockte Vergangenheit.

Einer der Sektionssoldaten bietet dem Hüter der Ländereien, dem Nachfolger des großen Julius von Wellenheims, ein gewürztes Stück Fleisch an. Die dankbaren Bauern haben zu Ehren des Dämmersturms einen schwarzen Stier geschlachtet. Derebron lehnt ab. Schweres Essen zu solch früher Stunde raubt dem ganzen Tag die Lebensfreude. Er betupft sein frischrasiertes Gesicht mit einem Handtuch und steht vom Hocker auf. Kurze Schritte tragen ihn näher an die Straße, wo er die vorbeiziehenden Bauern beobachtet. Sie sind guter Dinge. Er dreht sich wieder um. Die beiden Männer der Sektion tragen polierte Bronzerüstungen. Sie glänzen in einer einfallenden Lichtsäule mit dem gleichfarbigen Rostrot des Laubes um die Wette. Das sind gute Männer, denkt Derebron. Er erinnert sich an die Wandgemälde eines gilneerischen Herrenhauses, wenn er sie so ansieht; bloß strecken sich keine weißen Federschwingen, aus ihren oberkörperumspannenden Platten, der Sonne entgegen. Außerdem könnten sie sich mal wieder waschen und etwas gerader stehen; ihre Wappenröcke säubern und das Haar richten. Die Unterschiede zum Wandgemälde, die er sich da erinnernderweise zurechtgedacht hat, sind größer als erwartet: Aber das macht nichts. Wenn Derebron sieht, wie die Bauern zu ihnen herüberstarren; wie sie Patrouillen beklatschen und Brotkörbe ungefragt zu ihren Füßen legen, dann bedarf es keiner Schwingen mehr; dann ist getan, was getan werden musste. Und vielleicht noch etwas mehr.

"Ahner, wir befinden uns in einer vortrefflichen Situation, sehe ich das richtig? Der Krieg ist beendet, den Menschen unter unserem Schutz geht es gut, der Wolf trachtet ausnahmsweise einmal nicht nach unserem Leben und seit mehr als vier Wochen gab es keine Übergriffe auf unsere Lieferungen mehr."

"Ja, mein Herr! Die Lage könnte nich' besser sein, Herr."

"Warum zum Teufel bin ich dann so unzufrieden?"

"Is' vielleicht so'n Soldatending, Herr."

"Was soll das sein?"

"Naja, eben so'n Soldatending, Herr. Wenn Frieden is', dann gibt's nichts zu tun."

"Glaubt mal, Ahner. Ich habe genug zu tun. Bin auf meinen alten Knochen nochmal ordentlich die Treppe hochgestolpert. Nicht zu empfehlen."

"Jaa, aber's gibt kein Gezänk, Herr. Nichts für die Arme und für die Beine. Vielleicht braucht'er mal'n bisschen Entspannung. Ich kenn' da die Anneliese, die-"

"Haltet den Mund, Ahner. Wie viele waren das jetzt?"

"Einundzwanzig, Herr. Fünfzehn kommen noch - wobei' der alte Ulf sich gestern 'n Knöchel verstaucht hat; also sind's wohl doch nur vierziehn."

"Ein Jammer."

"Ja, Herr. Wirklich'n Jammer."

_________________
Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 2. Jan 2017, 03:22 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 01.2010
Beiträge: 1527
Wohnort: Münster
Geschlecht: männlich
Die Gebrüder Schwarz


Wäre man vor wenigen Jahren mit der Aufgabe betraut worden, das Leben der Gebrüder Schwarz zu beschreiben, hätte man es getrost als unauffällig abtun und in wenigen Sätzen abwickeln können. Geboren in einem Zeitabstand von zweieinhalb Jahren; beide dunkelbraunhaarig mit dichten, breit wachsenden, alteracschen Augenbrauen und einer unverkennbaren Hakennase, die sich schon seit ihrem Urururgroßvater durch die Ahnenreihe der Familie zieht, erlebten sie die raue Kindheit nordwestgefällischer Bauernjungen. Die Sommer- und Herbstmonate verbrachten sie ohne sonderlich viel Freizeit unter dem grauschwarzbewölkten Himmel der Verräternation; rübenstechend und hafersäend. Ihr Vater, ein Mann, der zur damaligen Zeit siebenundvierzig Winter zählte, starb während des dritten Krieges, als er von einer Leiter fiel. Ihre Mutter, jetzt zweiundsiebzigjährig, bewohnt heute noch immer das kleine Gehöft der Familie im aufblühenden Alterszapfen, unweit der dämmersturmschen Handelsroute nach Markstadt. Die Gebrüder nun, die ihr ganzes Leben lang bloß Bauernjungen gewesen waren und sich zwar zur Tüchtigkeit, nicht aber zu nennenswerter Weisheit entwickelten, nunmehr mittzwanzigjährig, besuchten nie mehr als eine priesterliche Dorfschule, in der sie beinahe daran scheiterten das Lesen zu verstehen; im Rechnen aber wenigstens das erreichten, was man von ihnen verlangte. Eine nicht zu verachtende, natürliche Konstitution ließ sie sämtliche Krankheiten des Landes bis zum heutigen Tage überstehen. Selbst unter der Herrschaft des Wiesels, welches nur ein weiterer von vielen Banditenfürsten war, die nach dem Fall Alteracs das Nordwestgefälle beherrschten, erwiesen sich beide als zäh und unnachgiebig. Ohne zu fragen, wurde auch diese Zeit überstanden und kommentarlos abgewickelt. Sie hatten den Duft von Freiheit, von Individualität und kreativer Schaffenskraft nie gekostet; waren immer geistlos-fleißig und schätzten die Arbeit als etwas, das nun mal getan werden müsste; nicht anders als essen und schlafengehen.

Als der Dämmersturm kam und das Land von der Herrschaft des Wiesels befreite, veränderte sich ihr Leben langsam aber beständig. Dieselben Männer, die zuvor im Namen des Herzogs de Pusché - also des Wiesels - vergewaltigend und drangsalierend durch das Land gezogen waren, trugen nun die Wappenröcke des Dämmersturms; dieselben Gesichter: Dieselben abscheulichen Kreaturen. Doch sie hielten still, denn nun wurden sie bezahlt.

Plötzlich hatten die Gebrüder Schwarz mehr von ihrer Ernte, als sie bis zur nächsten verzehren konnten; mehr als sonst jemand im Dorf gebraucht hätte. Allen anderen Bauern Alterszapfens erging es nämlich ähnlich: Ernte um Ernte floss plötzlich in die eigenen Silos. Magenknurren gehörte der Vergangenheit an und die Bauern erfuhren etwas, das sie vorher nicht kannten: Wie es ist, Geld zu besitzen. In den Folgejahren - den Jahren der Frühlingskriege - hungerte die größte Stadt des Gefälles, Markstadt, was dann zur Folge hatte, dass die Bauern des Umlandes in Scharen zur Küste des Lordamersees pilgerten, wo besagtes Markstadt nämlich liegt. Nach anfänglich rührseliger Naivität, entwickelten sie schnell einen Geschäftssinn, der sie alle zu wohlhabenden Unternehmern machte. So auch die Gebrüder Schwarz! Diese, die ja stets nur gewartet hatten, wurden also für ihre Mühen entlohnt und schickten nunmehr regelmäßig Kartoffelsäcke nach Markstadt.

Der ungewohnt rasche Wandel der Lebensumstände, hier im Osten des Gefälles, hinterließ ein allgemeines Fressen. Das will heißen: Die aufgeblähten Bäuche der Bauern, die so viele Jahre hungerten, stürzten sich mit ihrem neuen Reichtum in einen kulinarischen Rausch, der zwar in seiner Vielfältigkeit zu wünschen übrig ließ, jedoch überall im Lande Dämmersturm so fabriziert wurde. Man aß und fraß, eines Ebers würdig, und die Leiber gewannen im Allgemeinen soviel Gewicht, dass es für fremdes Volk nicht immer schön anzusehen war. Als dann die Flüchtlinge kamen; die vielen Menschen Markstadt, die es nicht länger ertrugen, all diese Vorzüge vor der Haustür zu haben, selbst aber hungernd sterben zu müssen, mehrte sich das Bild der Stallburschen, der Lieferanten, Hübschlerinnen, ja sogar der Mägde und Gesellen - hier im besagten Alterszapfen. Die reichgewordenen Bauern, die kaum Anteile an den Söldnerbund zu zahlen hatten, stellten viele von ihnen zu mehr als verträglichen Löhnen ein; sodass sie alsbald nicht mehr selbst auf den Feldern zu sehen waren, geschweige denn die beschwerliche Reise nach Markstadt auf sich nehmen mussten. Man muss dazu aber sagen, dass es zum Zeichen von Anstand gedieh, seine Ernte selbst per Handschlag zu verkaufen, weswegen es sich die beiden Schwarzbrüder nicht nehmen ließen, selbiges auf den hungerumzäunten Märkten Markstadts zu tun. Diese nicht abreißende Tüchtigkeit war auch der Grund dafür, dass sie nicht im selben Maße an Gewicht zulegten, wie zum Beispiel ihre Mutter - trotzdem aber ordentliche Wangen aufbauten, die unter eskalierender Schrittfolge freudig und rosig durch die Gegend hüpften.

Nun verhält es sich so, dass diese beiden Brüder mit - mit Knechten im Gefolge und zwei Pferdefuhrwerken - von Alterszapfen nach Markstadt fahren, um wieder einmal unverschämte Gewinne zu erzielen. Dass diese Gewinne unverschämt sind, ahnen sie selbst nicht, denn sie hatten ja nie ein Land außerhalb des Nordwestgefälles kennengelernt; überhaupt eigentlich keine Ahnung von den 'Dingen', bloß - und das mit verrucht unterschwelliger Leidenschaft - eine Vorliebe für Silber entwickelt. Sie sahen nämlich, dass Silber gut war und dass es gereichte, ihnen zu allerlei praktischem Kram zu verhelfen. Man sehe die Knechte und die Karren. Da wäre es nachlässig, fast faul gewesen, es anders zu halten und auf diesen fulminanten, gesellschaftlichen Aufstieg zu verzichten, den sie - dem Dämmersturm sei Dank - erfahren durften. Selbstredend wissen sie ihm regelmäßig dafür zu danken, indem sie in der Dorfkapelle eine Kerze anzünden. Sie hatten nämlich erfahren, dass dieser sich einer großen Gefahr stellen müsste und deshalb jedes möglichen Beistandes bedarf.

Das markstädtische Land auf ihrer Route ist allem voran als trist zu bezeichnen, sodass der Name Tristan eine häufige Wahl für Neugeborene dieser Region ist. Hierbei handelt es sich nämlich um die Herkunft dieses Namens; Tristan kommt von 'trist' und es wäre euphemistisch gesprochen, wenn Mütter und Väter, die sich bei derlei Überlegungen etymologisch haben inspirieren lassen, nicht allzu große Begeisterung über die Geburt ihres Sohnes empfanden. Ich sage hier "Sohn", weil sich der galante Name "Tristess" dieserorts nie wirklich durchzusetzen vermochte. Seis drum. Die Gebrüder Schwarz sehen sich von ihren Karren aus um und was sie sehen, ist karges, felsiges, Land, das sich einer fulminanten Mischung unterschiedlicher Grautöne erfreuen darf, die jedoch alle vergleichsweise flach daherkommen; also keine verschlungenen Pässe, Klippen oder Kämme bilden. Das Umland gleicht sozusagen einer umgestürzten Schiefertafel oder - in Rohform - einer rücklings liegenden, leicht unkrautigen Steinwand. Im Westen lassen sich Baumgruppen erspähen; weit im Süden grünes, arathorisch anmutendes Weideland. Im Norden erstrecken sich die pechschwarzen, binnenmeerartigen Weiten des Lordamersees und im Osten tiefster Mischwald. Sie kommen von Osten her, aus dem Wald, und fahren nach Westen, Markstadt hinter den Baumgruppen entgegenstrebend. Freies Getier ist auf eine Schar von Wildgänsen reduziert und die Vegetation, hier im Land der Tristane, bildet zäher Löwenzahn und ein mageres Aufgebot grüner, wasserbeständiger Gräser, denn hier regnet es viel und oft, sozusagen aus Kübeln, und die letzte große Überschwemmung liegt noch nicht lange zurück.

Wir möchten unseren aufmerksamen Blick von hier aus dann genauer auf die daherziehende Karawane lenken, die klappernd - und spritzenderweise - die alte Reichsstraße heimsucht. Sie ist, während das geschieht, einer Vielzahl von Schlamm- und Schlaglöchern ausgesetzt, denen auszuweichen es versierter Fuhrwerkfahrtechnik bedarf. Die Gebrüder Schwarz dürfen sich dieser Fähigkeit rühmen, während sie von vier fußweise laufenden Knechten mit Mistgabeln flankiert werden. Die Namen dieser Knechte sind Tristan, Thorsten, Thorben und Peter. Das soll nicht weiter wichtig sein, sondern dem geneigten Leser nocheinmal empirischerweise vorhalten, wie es sich mit den Namen dieserorts verhält. Sie alle - und damit auch die Gebrüder Schwarz - tragen einfache Bauernkluft und man wäre als unwissender Beobachter nicht dazu in der Lage, eine Hierarchie zu identifizieren; von der die Brüder und ihre Dienerschaft - zugegebenermaßen - auch nie sprechen würden. Auf den Ladeflächen befinden sich aufgestapelte Kartoffelsäcke. Die letzte Ernte ist erfolgreich verlaufen! Und auch an dieser Stelle sei dem Dämmersturm bäuerlicher Dank gewiss, wenngleich der nun freilich nicht für die alteracschen Wetterverhältnisse verantwortlich war. Möglicherweise beruht diese Annahme auf dem verheißungsvollen Namen des Söldnerbundes. Doch ehe jemand Gefahr läuft, sich in dieser Überlegung zu verlieren, zelebrieren wir nun - wie ein plötzliches Donnergrollen - das Unterbrechen der gedanklichen Exkursion, denn unsere Reisegesellschaft sieht sich schwarzen Wolken, einem drohenden Unwetter und überaus eigenartigen Luftverhältnissen ausgesetzt.

Und was sehen wir da also mit unseren schulterblickartig begleiteten Figuren am Himmel streben! Es ist ein Rollen und Grollen! Ein Gespinst - schleierhaft von Düsterwolken umschlossen! Und wie unter tiefdrückenden Luftverhältnissen, die nun tatsächlich ohne jedwede Illusion vorherrschen, neigen sich die missmutigen Gräser stürmisch zur Seite. Unklar ist, ob's ein Westwind, einer von Norden, Osten oder Süden ist. Vielmehr scheint es - so bemerkt einer der Helfer in dialektaler Blödelei: "As blout miä'n Oga ob'n Luttich!". Und wir dürfen hinzufügen, dass er damit nicht Unrecht - ja eigentlich sogar den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Der Wind kommt von oben und bläst geradewegs auf Straße und Umland hernieder, wo er dann vom Boden abprallt und zu allen Seiten in die Lande fährt. Als wäre das, was sich da oben in den Wolken verbirgt (die nun übrigens brechen und klatschenderweise den Regen einsetzen lassen) von solcher Gewalt, die ganze Luft beiseite zu drücken, die vorher noch zwischen Bodenreich und Himmelszelt lag. "Doa' is' miä aber'n Sturmbout durchgegang', doh." Doch er irrt sich - geneigter Leser! Er irrt sich fürchterlich! Denn kaum ist das gesprochen, entfaltet sich da oben kein dämmersturmscher Fanfarrenklang, sondern ein unwirkliches, giftiges Grün, das sich herzschlagartig durch das Dunkel der Gewitterwolken schlängelt. Über eine volle Meile ist der Himmel sozusagen ins Toxin gehüllt. Voller Schrecken starren die Bauern hoch - und auch die Gebrüder Schwarz wissen ihr Starren nicht abzuwenden. Unser lieber Tristan - ach was hatten wir über seinen Namen gekürt - stürzt schmatzend in den Schlamm, krümmt sich hart und atmet falsch. Als man ihm aufzuhelfen sucht, ist er bereits fernab jeder Lebendigkeit; ja gewissermaßen tot! Unruhe macht sich also breit - in doppelter Weise. Über das nicht mehr schlagende Herz des gefallenen Knechtes und das unheilvolle Ding am Himmel!

Ein scheußliches Reißen rauscht durch die Wolkendecke. Es lautet, wie zerfledderndes Papier, bloß in einer kolossal-entarteten Lautstärke, dass's einem mit jedem Knick und Faserzerren im Kopfe schmerzt. Und da also teilt sich der Himmel und die Auswüchse einer schwarzen, zackenumwitterten Kathedrale neigen sich - ganz falsch, denn fliegend und nicht am Boden stehend - aus dem Gewitter heraus. Ihre Glocken schlagen grün und ihre messingfarbenen Fenster speien aufwühlende, unmögliche Lieder, die besonders in den simpel geformten Bauernseelen - die derartig vernichtende Komplexität nie zuvor erfahren hatten - für Verstörung sorgt. Sie sehen sich nicht länger an, starren nur hoch und sind von lähmender Furcht ergriffen. Und nun spinnen auch die Tiere, wie sieh's eigentlich verfrüht tun, wenn derartiges Weltgeschehen sich ankündigt. Sie reißen die Karren fort und stürzen wirr entlang der Straße - manche ja sogar von ihr herab, wo sie sich von den nachstürzenden Fuhrwerken erschlagen lassen. Die Gebrüder starren und warten; geben keine Ordnung vor und hören auch kaum von der Seite, wie die übrigen Knechte ersuchen, die Tiere zu beruhigen, während sie selbst voller Panik mit sich und dem Pflichtbewusstsein ringen. Dann wird es periodisch leiser - das Gewitter - und mit dem nächsten Lidschlag pulsiert der Himmel in saurem, ätzenden Regen, der sturmflutartig alle Wolken beiseite fegt und einen abendlichen Himmel hinterlässt. Was da war - wie ein Kathedralenschatten - ist nun verschwunden. Bloß der Glockenklang - wie zu eintausend Beerdigungen - hallt noch halbminütig in den Köpfen der armen, kleinen Seelen nach, die beschließen, nicht zu reden und ihre Reise fortzusetzen.

In Markstadt verläuft das Geschäft, wie es zu verlaufen hat, unter den strengen Augen verschiedener Wachgruppierungen, von denen manche gar nicht dem hiesigen Herrscher, sondern anderen Mächten zu unterstehen scheinen, die aufgrund jüngst aufkeimender Sicherheitsprobleme, helfend herbeigeeilt sind. Markstadt selbst darf die höchsten Bauten des Nordwestgefälles sein eigen nennen, wobei allem voran die große Kirche im Zentrum zu erwähnen ist; vielmehr soll hier aber die Rede von den charakteristischen Fachwerkbauten sein, die tiefe Häuserschluchten bilden und in ihrer Gassigkeit nicht selten den Schatten für zwielichtige Unternehmungen spenden. Markstadt ist groß. Markstadt lebt. Doch Markstadt ist auch deutlich erkrankt; an schlurfender Armut und vielen, hungernden Gestalten, denen es in den letzten Monaten auch schon schlechter ging - da ein Eskalieren der Hungersnot gerade so abgewendet werden konnte - die aber immer noch jedes Recht haben, über ihren fürchterlichen Zustand zu klagen. Viele sind aus den anderen Ländereien des Herzogs von Bauergard vor dem Krieg geflohen. Unter diesen Umständen - des allgemeinen Hungers - sind die Kartoffeln schnell an den Mann gebracht. Der tote Tristan kann daraufhin in einem freigewordenen Sack verstaut und für die Rückreise vorbereitet werden, die dann auch schnell angetreten ist.

Es wird nicht über die eigenartige Erscheinung auf ihrer Reise gen Markstadt gesprochen, als sie wieder in Alterszapfen eintreffen. So heißt es nun, der Schlag habe den armen Tristan in seinen besten Jahren gefällt; ja das Licht habe es so gewollt und man wünsche ihm alles Gute auf seinen Pfaden ins wohligwarme Totenreich, dem er unter nackter Erde, mit nunmehr endlich geschlossenen, weißen, leeren Augen, zugeführt wird. Ein Holzpfahl zu seinem Gedenken. Die Gebrüder Schwarz tragen die rechtmäßig eingefahrenen Silbermünzen heimwärts in ihr offenkundig bodenständiges, doch keineswegs ärmliches, zweigeschossiges Haus, das sich in den Hütten Alterszapfens sehen lassen kann. Alterszapfen reift von der Dorfartigkeit mehr und mehr zu einem kleinen Städtchen heran, dessen Kapelle die Banner des Dämmersturms trägt. Für Einwanderer aus den Resten des Verräterkönigreiches oder aus Markstadt - von denen es sehr viele gibt - wurden Flüchtlingsheime errichtet, wo man sie bestens mit Kartoffelsuppe, Kartoffelschnaps und Haferbrei versorgt, ehe man ihnen einen Burschen oder ein tüchtiges Mädel für den Dienst im dämmersturmschen Heer abrekrutiert. Die Gebrüder treten über die Feldwege - denn eine echte Straße hat Alterszapfen noch nicht - hinein in die gute Stube. Hier ist es düster, doch das soll unsere beiden Herren nicht beunruhigen. Rötliches Kerzenlicht erhellt die Finsternis der Räume und ein süffisanter, gaumenschmeichelnder Duft liegt an den Wänden, am Boden - und auf jedem feuchten Lidschlag.

Mutter Schwarz - in ihrer pompösen Fettigkeit - mit großgeschwollenen, hängenden Brüsten und dem öligwabbelnden Becken einer Übersiebzigjährigen, die es mit dem Leben und dem aus ihm hervorgehenden Speisen auf letzter Etappe zu gut gemeint hat, liegt mit gespreizten Schenkeln auf dem Boden, von denen ausgehend sich das Flammenspiel der Kerzen eigenartig reflektiert. Sie gibt zum Vollen die Blöße ihres Leibes, an dessen Ausmaßen sich ein ganzer markstädtischer Straßenzug sattzufressen hätte - ja der in seiner schwülstigen aufgedunsenen Art und Weise daherkommt, wie ein unförmiges Ogerweibchen. Ihre namenlosen Söhne treten auf sie zu. Das Silber stürzt und verendet in den Schatten. Die alten Worte neigen sich aus dicken Lippen geflüstert durch das Duftgewitter - vibrieren wie von gespaltener Zunge ausgesabbert - und kleben schließlich fest in den Ohren der Gebrüder Schwarz, die sich nunmehr selbst ihrer Kleider entledigen, ihre Hände in die Brüste krallen und sich unter ihrem raunenden Zutun stoßend-und-stoßend im mütterlichen Leib versenken.

Und mit dem nächsten Sonnenaufgang ist der Blick der Mutter von Gift erfüllt - und das Leben ihrer Söhne zunichte gemacht.

_________________
Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 13. Nov 2017, 18:22 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 01.2010
Beiträge: 1527
Wohnort: Münster
Geschlecht: männlich
Samuel


Nennt mich Samuel. Ich bin ein Kind Alteracs. Meinen Geburtsort muss ich nicht nennen, denn er ist vollkommen unerheblich. Überhaupt werde ich euch nicht viel über mich erzählen, denn ich täte all den anderen damit großes Unrecht. Ich würde mich und meine Geschichte über die ihre profilieren; dabei ist meine Geschichte - womit ich meine ganz persönliche meine - erschreckend uninteressant. Unsere gemeinsame Geschichte dagegen, für die ich mit diesen Worten einstehe, ist es möglicherweise wert, erzählt zu werden.

Ich kam als Flüchtling in das Nordwestgefälle. Man erzählte mir, es sei hier friedlicher, als in den anderen Regionen meiner Heimat; wo Oger wüten, das Syndikat die Überlebenden drangsaliert oder verbrecherische Emporkömmlinge sich aufspielen wie altehrwürdiger Provinzadel, um die Bauern zu unterjochen. Ich erreichte das Gebiet von Osten heran und kam in einer aufblühenden Ortschaft namens Alterszapfen unter. Sie stand unter dem Schutz des Dämmersturms, von dem ich bis dahin nur Gutes gehört hatte. Er habe das Land von der Banditenherrschaft befreit und sorge nun für Sicherheit und Wohlstand.

Wie sich Alterszapfen vor mir ausbreitete, bestätigten sich diese Geschichten: Überall standen die schwarzweißen Banner und wappenrocktragenden Soldaten. Die meisten waren selbst Alteracer, was mir sehr imponierte, da ich schon lang' nicht mehr jene meines Volkes in Reih und Glied hatte stehen sehen. Die Felder trugen Kartoffeln und all jene, die mit mir eingetroffen waren oder schon vor mir kamen, verdienten sich bei den aufstrebenden Bauern. Ich hatte genug zu essen und da ich ohne Familie eintraf, auch keine Sorgen. Nach zwei Monaten erreichte eine Delegation von Burg Wellenheim - so hieß der Sitz des Dämmersturms im Gefälle - das beschauliche Dorf und es wurde mit stärkenden Speisen und reichlich Bier ein Fest zu ihren Ehren abgehalten.

Ihre Rüstungen waren - wie das Blätterdach zu dieser Jahreszeit - bronzefarben. Sie schimmerten so herrlich und standen mit solcher Anmut, dass es den Respekt in mir temperte, wie kein Anblick zuvor. Ach, was mussten das für selige Recken sein! Normalerweise hatten wir die Schergen des Adels zu fürchten - doch sie vermochten es, dieser Tage, mich ernsthaft zu inspirieren. Ich diente ihnen gerne; brachte Essen und lauschte den grenzläuferischen Geschichten. Zur sechsten Abendstund‘ sprach mich ihr Befehlshaber an und ich erfuhr, dass diese besondere Einheit, dieser Trupp des Dämmersturms, den Namen 'Sektion Alpha' trug; und er, der sein Wort an mich richtete, Hendrick Heineken. Heineken war ein guter Mann mit leichtem Hang zum Zynismus aber einem großen Respekt vor uns einfachen Leuten. Er sprach auch nicht so geschwollen daher, wie man es von einem hochrangigen Offizier erwartet hätte. Seine Haltung wirkte diszipliniert, wirkte imponierend, ohne steif daher zu kommen. Hendrick Heineken, als er da saß, war eben jemand, dem man keinen Stock in den Hintern schieben musste, um eine respektable Offiziersfigur zu erhalten. Stattdessen schien es mir vielmehr so, als habe er die charakterlichen Qualitäten, die es braucht, ein Ordnungshüter und Soldat zu sein, schon von Grundauf erfahren - oder später besonders eindrücklich gelernt.

Nun sprach er mich also an und wollte wissen, wie ich heiße. Und ich sagte "Samuel" und den Namen meines Vaters; doch sprach er mich fortwährend bloß mit Ersterem an. "So euer Vater nicht hier ist, Samuel, sollt ihr einen Namen tragen, den ihr euch aussucht - denn hier im Lande Dämmersturm seid ihr eurer Vergangenheit nicht länger verpflichtet." Und weil ich um sein hohes Amt wusste, sprach ich dazu mit den Worten: "Es war der Dämmersturm, der mir diese Zukunft hier ermöglicht hat. Ich wäre geehrt, wenn er auch meinen Namen bestimmt - denn mindestens das bin ich ihm schuldig!"

Hendrick Heineken wusste darüber zu lachen, doch sah er den Respekt darin und schätzte ihn. „Sprichst mir wohlerzogen, Kerl – mag ich, mach ich – sach‘ mir an: Schon mal am Beil, am Speer oder mit der Lanz gedient? Der Dämmersturm sucht stets Waffenvolk! Tagelöhner wärst erstmal, aber nicht lang – der Rang danach heißt Mitläufer und beim Dritten… aber eins nach dem anderen!“ Er bat mich also, mit ihm zu kommen, um den Truppen zu dienen und ein Söldner des Dämmersturms zu werden. Jemanden wie mich - groß und kräftig - könne man gut gebrauchen; und meine Demut sei die Saat einer großen Karriere. Mensch, wie war ich doch in diesem Augenblick verführt! Einmal selbst in solch‘ prächtiger Brünne zu marschieren – ja, das wär’s! Doch er verschwieg mir - und darin lag eine gewisse Ehre - dass ich keine Wahl hatte, denn später erfuhr ich, dass jede Familie vor den Gesetzen des Dämmersturms wenigstens einen wehrfähigen Mann oder ein wehrfähiges Weib zu stellen hatte, wenn sie weiterhin seinen Schutz genießen wollte. Doch dies Gesetz hätte es nicht gebraucht, mich mitziehen zu lassen - denn der Sold war gut, sich täglich Brot zu leisten. Ganz zu schweigen davon, dass ich längst ein Inspirierter war - vom Rüstzeug und der Freude, die diesen Recken entgegenkam. Ich unterschrieb mit "Samuel Zukunft".

Viele Brüder und Väter wurden an diesem Tag rekrutiert. Im langen Marsch durch die Wälder trug es uns bis nach Gorheim; immer vorneweg: Heineken und seine bronzene Sektion Alpha. Gorheim war, wie Alterszapfen schon, von der Seele des Aufschwungs erfüllt - noch größer und beinahe prächtig in seinem Wachstum und seiner dekadenzlosen Einfachheit. Fachwerkbauten waren zu bewundern; bestellte Felder und freigelegtes, weites Land - von schützenden, dunklen Felsen umrahmt. An allen Ecken entstanden neue Bauten und Kapellen trugen schwarze Banner. Schon Alterszapfen regte in mir neuerlich: den totgeglaubten, alteracschen Nationalstolz. Doch als ich die Soldaten Gorheims sah - von denen es viele gab - in ihren Kettenhemden und der Heraldik des Söldnerbundes - da vergaß ich die schwelenden Ruinen meiner Heimat und glaubte, es werde alles gut.

Und da war ein Mann, der dieses aufkeimende Gefühl am Schopf ergriff und in mein Herz zu nageln wusste, wie kein Zweiter...

Meine erste Begegnung mit Derebron Darkwood - dem Hüter der Ländereien und Oberbefehlshaber des Dämmersturms in Alterac - war auf dem Truppenübungsplatz von Gorheim. Er erschien vor uns Rekruten in seiner grauen, mehrfach ausgebeulten Plattenrüstung. Sie war poliert; zeigte aber noch die Spuren vergangener Kämpfe. Das graue Haar und die Narben auf seiner Haut verhießen gleichermaßen Eindruck, wie es der Rest seiner Ausrüstung tat. Die bärenstarke Sturheit, die er ausstrahlte, ließ mich selbst Haltung annehmen, ohne jemals zuvor exerziert zu haben. Wie er da ankam - vor Erfahrung strotzend - schien selbige ohne ein Wort auf uns abzufärben.

Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut seiner Rede, bloß dass man uns nun zu Kriegern formen würde, deren große Ehre es sei, ihre neue Heimat zu beschützen. Dass man uns respektieren würde und dass wir fortan das Aushängeschild einer unbezwungenen Macht seien; des Dämmersturms, der dieses Land befreit hat. Und möglicherweise sei uns einmal die Ehre vorbehalten, vor den großen Kommandanten zu treten, um den heiligen Eid abzulegen.

Ich erfuhr außerdem, dass die Hauptstreitmacht des Dämmersturms außer Landes sei und dass sich die Zweige des Söldnerbundes bis in den gelobten Süden, nach Eisenschmiede und Sturmwind, erstreckten und es selbst auf dem Dach der Welt einen Ort gäbe, der sein Banner trägt. Es hieß, eine große Schuld laste auf unseren Reihen und dass wir, die wir nun hier für Ordnung sorgen, den Rücken jener Helden freihalten, die versuchen, diese Schuld zu begleichen. Das waren beschwingende Worte, denn sie ließen uns ahnen, wie groß der Söldnerbund tatsächlich war – doch schufen sie auch eine ehrfürchtige Distanz zu den fernen Heroen, die dieser Tage jenseits des großen Meeres über fremde Kontinente marschierten.

Langweilig wäre es nun, die Einzelheiten der Ausbildung breit zu schlagen. Und ich sagte ja schon, dass ich nicht viel davon halte, mich hier mit persönlichen Geschichten zu profilieren. Alles, was ich bis hierhin sagte, geschah so oder so ähnlich auch schon – oder nach mir – anderen, die ich spätestens auf dem Übungsplatz kennenlernte. Ich darf aber soviel sagen: Das Essen war in Ordnung und sie gaben mir eine festgesurrte, schicke Lederrüstung – einen überzogenen Gambeson; mehrfach beschichtet, sodass er auch in kalten Nächten schön warm hielt und mich fast schwitzen ließ. Aber als ein Alteracer weiß man doch das Schwitzen schätzen – ja in jeder Hinsicht dem schnöden Gefriere, das uns schon seit unserer Geburt anhaftet, vorzuziehen. Unser Land kennt nämlich selten milde Winter – und es war mir ein merkwürdiges Ding, das ausgerechnet der Nachfolgende ein solcher sein sollte. Kaum ein Flöckchen senkte sich über die dunkelgrünen Wälder der dämmersturmschen Ländereien. Kaufleute hört‘ ich gar sagen, dass auch im Westen – wo ein unliebsamer Verbündeter hauste und die großen Grenzgebirge lagen, nur in äußerster Höhenlage von Frost zu sprechen wäre. Drum darf ich erzählen, dass meine Ausbildung, eben wie gesagt, besonders feucht und verschwitzt vonstatten ging und ich das als willkommene Abwechslung empfand. Tüchtig! So nannt‘ der Darkwood mich höchstselbst – mit sturem Nicken und einem kurzen Blick, wie er mich nicht hätte großartiger mit Stolz erfüllen können!

Ein Gambeson mit Lederkleid, einen bronzenen Speer und den Wappenrock des Dämmersturms; all das erhielten wir. Und als Lanzenträger führte man uns in den Listen. Wir erlernten die Phalanx – lernten in Reih- und Glied zu stehen und die Waffe lang‘ und ausdauernd zu halten, um jedwedem Feind das Eindringen zu versperren; ob groß oder klein – und besonders Reiter hatten uns zu fürchten. Ganz vertieft lehrte man uns dies – nämlich wie ein Rittersmann vom Pferd zu ziehen ist: Mit dem Haken überm Speerschaft, auf dass er herniederstürzt und vom ersten Glied zerstochen wird. Wir lernten Dinge über Kameradschaft; lernten wie eine Einheit zu sein – ein verteidigender Körper unserer Heimat – und lernten auch praktisches Zeug. Tiere häuten, Feuer ohne Zunder schaffen und – was mir gänzlich neu war – den Speer zu schmieden und zu schärfen. Bronze ist in derlei Hinsicht ein beeindruckendes Material. Es ist bei weitem nicht so hart wie Eisen; doch hat man es einmal verbogen oder wurde es im Kampf beschädigt, ist es mit gutgemeinter Hitze schnell wieder gerade gemacht und kann fürs nächste Scharmützel bereitet werden.

Nachdem man uns also ausgebildet hatte, in fünf kurzen Monaten – zum Ende hin war’s wohl knapp November, erhielten wir das, was gemeinhin den Abschluss unserer Ausbildung symbolisierte: Ein Kettenhemd. Und was musst‘ ich mich erstmal gewöhnen! Schwer sind die Dinger für jeden, der sie noch nicht kennt. Doch damit war es ja noch gar nicht getan! Stulpen und Sabatons – und nicht zuletzt ein rüstiger Helm, sodass wir im Fluss schon Kriegsgewappnete erkannten! Da sagte ich mir: „Mensch Samuel, hast’s weit gebracht!“, womit ich für sehr viele sprach. „Dem Sturm entgegen!“

Am vierten Tag des elften Mondes erhielten wir – die wir ein gutes Dutzend waren – unseren ersten Auftrag. All die Ländereien des verbündeten Markstadts, sagte man, könnten nicht ausreichend vor Diebesbanden und Marodeuren geschützt werden, weswegen es die Kriegsgebeutelten vermieden, auf ihre Höfe zurückzukehren. Legdenstein, Erwins Ruh – das waren Siedlungen unter markstädtischer Herrschaft, die wegen der jüngsten Kriege allesamt brach lagen und denen aus Furcht das Volk fernblieb. Drum seien längst schon Männer von Osten und Westen her ausgezogen, um den Verbündeten zu unterstützen und einen Wohlstand zu schaffen, wie ihm schon Alterszapfen und Gorheim frönten. Doch weil die Zahl der Soldaten, die nun über dämmersturmsche Grenzen hinaus dienen mussten, endlich war, gab es kein Waffenvolk mehr, das die eigenen Hecken hütete. Drum wies man uns an, nach Alterszapfen zu ziehen und die ausrückenden Truppen abzulösen. Für mich ging es also zurück an den Ort meiner ersten Begegnung mit dem Dämmersturm.

Zwei Granaten und zwei Heiltränke, nebst Speer, Wappenrock und reichlich Verpflegung trugen wir in Rucksäcken über dem Kettenhemd und schwitzten ein Rinnsal auf die waldlandschaftliche Route! Doch den Speer hielten wir wie einen Wanderstecken, dass man uns von Weitem für Pilger hätte halten können. Doch welchen Pilger treibt’s schon her nach Alterac. Das will ich sagen: Den, der sich dem Dämmersturm verpflichten will! Das Lied eines alten Rottenmeisters auf den Lippen, zogen wir von dannen über Stock und Stein, bis uns die Augen schmerzten – vor soviel Grün und Finsternis; dass wir erstmal rasten mussten – so zehn Meilen vor dem Zielgebiet. Aber was muss, das muss – und unser Wortführer war selbst bloß Mitläufer; gar nicht mit dem Reiz, uns sonderlich zu quälen. „Eilt ja nicht – es is‘ kein Krieg.“, hatte er gesagt.

Wir machten uns notdürftig eine Unterkunft zurecht, indem wir Äste übereinanderschlugen und das Laub daran verteilten. Zelte führten wir nicht mit uns; wohl aber gefütterte Schlafmatten, die uns des Nachts ordentlich zu wärmen wussten. Mit schmerzenden Gliedern sanken wir ein: Ins Land der Träume; und schliefen schon tief und fest, als uns die dritte Wache weckte. Nun ist das mit dem Schlaf so eine Sache. Wer einmal richtig tief versunken ist, der wird besser gar nicht geweckt; sonst hätte er das Schlafen auch gleich sein lassen können. Man muss eben von selbst aufwachen, damit alles seine Richtigkeit hat. Jemand, der aber bereits über die Schwelle des Dösens hinausgesegelt ist und dann schiffbrüchig wird, der hat erstmal große Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Dem Soldaten ist daher diktiert, sich in latenter Döserei zu üben; also entgegen der reißenden Ebbe in Ufernähe zu bleiben. Doch das ist freilich eine Kunst für sich. Wir waren alle nicht sonderlich geübt darin und schlummerten, als wäre es das heimatliche Bett.

Jedenfalls wurden wir nun unter Schreien geweckt. Der Mann, der so sehr brüllte – Patrick war sein Name, glaube ich – hatte ein heftiges Organ. „Flüchtlinge aus Alterszapfen! Der Ort wurde angegriffen! Auf-auf! Schnell-schnell!“ Noch ganz träumerisch mussten wir raus; wussten kaum, wie uns geschieht und hatten noch den kalten Schweiß des fremden Bettes in den Achseln kleben. „Scheusale haben Alterszapfen überfallen – viele sind tot! Aufstehen, na los! Na los! Wir müssen retten, was geht!“ Und wie ich realisierte, was Schreckliches geschehen sein mochte, mit meinen Kameraden zusammen, traf es mich wie ein Schlag. Alterszapfen in Not – ja das kann doch nicht die Wahrheit sein! Doch freilich war sie’s und ich nahm schnell an mich: Speer und Rüstzeug und stand als Dritter in der Phalanx, was mich noch in diesem Augenblick regelrecht störte; denn ich war eifrig und wollte Erster sein!

Rumms-rumms, Kling, Schepper, Rasselsang. In Reih und Glied also durchs Waldstück, bloß mal getrennt vom sperrigen Baum – und beim Licht, es war ja auch noch Nacht! Dessen wurd‘ ich mir so langsam gewahr, denn zu allem Erschrecken, war es nicht so düster, wie man es sonst von einer Nacht erwartet hätte. Vielmehr schien beständig etwas durch die unlichten Rindenträger: Ein Schauer in ganz und gar fremdem Farbenspiel. Ich hätte ihm was von Frühling beigemessen; grün wie’s frische Laub – aber er war hell und abstoßend, sodass es in den Augen brannte. Giftig! Doch wie könnte eine Farbe giftig sein?

Da schrie eine Frau und nicht wenige zuckten zusammen, als sie in dreckigen Lumpen aus dem Dickicht stürzte, vor unsere Speere sank und Fuß um Fuß mit ihren Lippen absuchte. „Gutes Weib, steh auf und sprich – was ist geschehen in Alterszapfen?“ Doch so recht war ihr im ersten Augenblick nichts abzugewinnen. Erst als ich sie hochriss – denn ich sah mich dazu verpflichtet, einer Frau in Not zu helfen - sah sie mich leeren Blickes an und flüsterte schrecklich: „Teufel! Schwefel! Hexerei!“ Und wie sie das aus ihrem Munde spie – in dem es viele schiefe Zähne gab – erschrak ich so, dass ich sie ohrfeigte. „Sprich nicht wirr!“, rief ich. „Sag uns, was geschehen ist!“ Doch ich vergaß, wie schwer mein Arm gepanzert war. Sie stürzte blutig und stand nicht wieder auf. Mir wurde flau im Magen. Das Farbengift war greller denn je – und mit ihm kam ein übler Gestank, als faule ein ganzer Hühnerstall vor meiner Nase!

Kaum fünfhundert Meter weit entfernt leckten verkehrte Flammen durch die nächtliche Finsternis. Der Wortführer schrie zum raschen Marsch und wir trampelten los; so schnell es eben ging, ohne die Schlachtordnung zu gefährden. Nun also sollte sich die erste Gelegenheit bieten, dem armen Volk zur Seite zu stehen; Recht und Ordnung zu erhalten und dämmersturmsche Kund‘ ins Land zu schallen. Motiviert atmeten wir zum Gestank und würgten gehässig, als unsere Mägen schrien. Manch einer übergab sich; doch ihm ward rasch wieder aufgeholfen. Vorwärts und weiter; der Siedlung entgegenstrebend, während jammernde Schatten an uns vorbei ihr Heil in der Flucht suchten. Was muss das sein, das einen ganzen Ort vertreibt? Und dieses Dutzend hier mit Speeren – in was hatte es sich manövriert? An Umkehr war nicht zu denken; nicht angesichts der flüchtenden Gestalten Alterszapfens, zu deren Heil wir überhaupt erst Wappen trugen.

Unter Räucherdunst fiel wie Rinde von den Bäumen; plötzlich war ein Gekreisch erklungen, wie wir’s lebtags noch nicht gehört! Hässlich war’s Rauschen in unserem Kopfe – ich wollt‘ mir helfen und den Speer entlassen – zum Ohr führen: die Hand, damit ich es nicht länger hören müsst. Doch angestoßen musst ich Haltung wahren. Mein Kamerad – der Peter – klopfte auf mein Schulterzeug; ich solle doch die Waffe nicht senken! Der Feind ist nah!

Das Kreischen wich einem Gegacker; schien ferner als es wirklich war. Wir waren taub; mit toxiniertem Blick – und die Luft flackerte im Feuerschein. Gelbes Glimmen schoss da aus der Dunkelheit; immerzu gepaart. Zwei und vier und acht; zwölf und vierzehn, zwanzig – ungezählt das Weitere. Augenartig taten sich die Schlitze auf, die da gelauert hatten; pfeilartig die Pupillen, groß und breit und weit: Die Mäuler. Doch ihre Leiber waren klein – waren koboldartig und ganz schief geformt; hatten hier und dort scheußlich anzusehende Auswüchse; im Ganzen kleiner als jeder Bengel. Sie sprangen schwarz und dunkelgrün; manch‘ Ding auch rosenfarben und violett! Grässliche Kreaturen aus der Finsternis! Wie mein Ohr noch schwieg und vor Schreck nicht mehr zum Kopfe sprach, da lauschte ich der Erinnerung; von bösen Geistern aus dem Wald, die böses Balg sonst zu sich holten. Doch dies hier war kein Ammenmärchen. Das Ammenmärchen ward Wirklichkeit und die Gefahr so lauernd wie die Rachsucht einer Mutter vor ihrem frechen Kinde, das um seine Schuld gewusst!

Ich sah die Münder meiner Waffenbrüder rufen und pflanzte meinen Speer nach vorn; in das was, da kommen sollte. So taten es mir alle gleich und vor soviel Schrecken und Ärgernis, erschien es dem tiefsten Triebe nach sinnvoll, sich nicht noch weiter zu wagen, sondern den Grund zu halten. Um Alterszapfen zu erreichen, müsste sich der Pfad sowieso durch diese Unholde ziehen, die da hüpften und japsten und gackerten. Speere blank – und dann kam das Höllenfeuer!

Ein Geschleier und Gedröhn von vielen leckenden Flammenzungen, ganz grün durchwirkt und schwefelstinkend, prallte unserer Schlachtordnung entgegen; ausgespuckt und aus teuflischen Klauen heraufbeschworen. Wir sahen übelstes Hexenwerk vonstatten gehen; doch zwei drei – gleich und schnell – sahen es nur kurz, denn ihre Wappenröcke verglühten sternenhell; das Kettenhemd darunter schmolz und Brustfleisch brach platzend unter Blut- und Knochenregen. Grässlich war’s, das sag‘ ich dazu. Einfach umgekommen, ohne den Kampf wirklich erfahren zu haben; ohne ihrer hehren Ambition gerecht geworden zu sein – mit bester Absicht, doch ohne Geschichtsträchtigkeit und fortwährende Anerkennung, denn zum Trauern und Gedenken blieb uns keine Zeit. Panisch strebte alles auseinander; die Reihe ward mit dem ersten Einschlag giftigen Feuers gebrochen und hinter Bäumen und Büschen suchte das Mannsvolk Schutz. Oh wie hörten wir sie gackern, die Teufel!

Schulter an Schulter mit Patrick: Unsere Wappenröcke labten sich am Rindenholz und die Kettenhemden schnitten tief ins Stoffkleid. Oh, wie spürten wir die Angst mit jedem Wabern der vergorenen Morgenluft in die das Feuer so unwirklich zu tänzeln wusste! Wie die fangenden Arme eines Vaters am türmenden Kinde, hielt uns die Furcht an Ort und Stelle gefesselt. Wir redeten uns ein: Der Feind müsse schon kommen! Von der Seite würden wir ihn anfallen und niedermachen; doch wie Atemzug um Atemzug verstrich ward das Land der Zernichtung ein Stück näher gekommen und unsere Schicksalsweihung abgeschlossen.

Manchmal ist die Furcht auch bloß dazu geschaffen, das Vorherbestimmte einzuleiten. Dann wirkt sie so, dass sie den Menschen an Ort und Stelle erfriert und den Geschehnissen der Welt überantwortet, die nun einmal so bereitet sind – von den höheren Gewalten, die sich über ihm thronend einen Spaß erlauben. Ihr Wirken ist der eitlen Vernunft in so vielen Dingen überlegen! Nicht, dass sie auch wirkt, wenn doch eigentlich keine Gefahr besteht; nein vielmehr weiß sie sogar Antworten auf Fragen zu geben, die gar keine Antwort erlauben. So auch in diesem Augenblick, wo’s Ausfallen unseren sicheren Tod bedeutet hätte, das Ausharren aber ein ähnliches Schicksal verhieß.

Da kam plötzlich ein Scheusal vorbeigesprungen, das mich noch nicht erkannt hatte. Es hätte auch ein Blatt, ein Reh oder ein Waschweib sein können; doch so erpicht darauf, sofort zu erstechen, was vorbeizustreben sucht, stieß ich den Speer nach vorn und traf das Ding im Genick! Es krächzte hasserfüllt, verlor giftfarbenes Blut und zerstieß in schwarze Wolken. Das Monster ward geschlachtet! Und ich rief aus tiefster Kehle den Kameraden meinen Sieg entgegen, auf dass sie mit neuem Mut aus ihren Verstecken eilten. Denn das ward‘ nun zum Kredo erkoren: Besser im Kampfe untergehen als auf den Tod zu warten. Und wenigstens, so glaubten wir, musste das Zerplatzen an ihrem Höllenfeuer ja ein schnelles Dahinscheiden sein. Ohne Leid und ehrloses Gejammer.

„Dem Sturm entgegen! Dem Sturm entgegen! Dem Sturm entgegen! Hurra! Hurra!“, so stieß die Hymne aus acht Kehlen, die bald sieben waren; bald sechs und mit dem Erreichen der Palisaden von Alterszapfen bloß noch fünf. Wir waren scheppernd gerannt, doch immer wieder hatte umherwirbelnde Hexerei gewütet und einen der unseren geraubt. Die Scheusale derweil taten ihr Bestes, uns stets aufs Neue zu entkommen; hielten Abstand in den Schatten und lachten uns für unser Vorankommen aus. Sie wussten um die Hoffnungslosigkeit des Ausfalls: Doch irgendwer musste in Erfahrung bringen, was hier geschehen war. Das war nun unsere Pflicht an diesem Ort.

Die Tore des Ortes waren weit geöffnet, doch wie’s Leuchten schon verkündete: Häuser standen lichterloh im Flammenschein, der nach Schwefel stank. Rußverfärbte und Verbrannte lagen auf den Feldstraßen und Asche wehte mit dem Giftgestank. Weibs- und Kindervolk, Alte und auch Männer; die Mörder hatten sich keine Schranke gesetzt und viele kleine Teufel wüteten über den Trümmern und schändeten die Leichen, dass wir schon auf den ersten Blick ahnten: Je länger wir verweilten, desto geringer sei die Wahrscheinlichkeit, dass es einer von uns lebend bis nach Gorheim schaffen würde.

Wir stießen in die Gassen vor und hielten uns am Mauerwerk eines Lehmgehöfts. Es deckte unseren Rücken, damit sich’s mutig aus den Schatten spähen ließ – rüber zum Platz und zur Kapelle, wo die Schrecken wuselten und einander mit scheußlichem Schabernack übertrumpften. Mit Schädeln sahen wir sie kegeln, wobei geisterhaft schwebendes Gerippe das Ende ihrer Bahn markierte; das es umzustoßen galt und von dem ich glaube, dass es kaum ausgewachsen war, bevor sie es vom Fleisch getrennt hatten. Da packte mich die Wut erneut und ich riss mir aus dem Feldgepäck: Eine Granate. Die ward rasch geschärft und losgeschmissen – in die Teufel, die dann platzten und von Splittern zerbombt auseinanderstießen. Wahrlich: Wenn so ein Ding vergeht, ist der Blutschwall größer, denn Vernunft es uns zu glauben erlaubt! Wie viel grüne Sülze da zu allen Seiten spritzte und dampfend in das Umland stieß – ich weiß es nicht zu sagen; doch war’s mir wesentlich mehr, als es hätte sein können bei solch kindlicher Abscheulichkeit.

Das hatte nun endgültig den Kampf besiegelt, denn gewiss: Ich traf nicht alle. Und das Gackern ließ verlauten, dass sie nun von allen Seiten kämen und wir uns schleunigst aufzumachen hätten. Über den Platz strebte unser Schepperschritt! Rasch! Rasch! Da traf es Bernd – oder Björn, man will es mir verzeihen, denn ich kannte ihn nicht gut – und er fiel mit Höllenfeuer in der Brust hernieder, ehe sein Leib zu allen Seiten hin in grässlichem Geschmatz zerfetzte. Oh wie die falschen Lichter uns im Auge brannten und selbst die Tränen schmerzten wie ein Peitschenhieb!

Die dämmersturmsche Kapelle – mit ihren feuerzerfressenen Bannern – wurde uns für den Augenblick zur Zuflucht. Wir verschlossen die Pforte und rückten knarrend die Bänke vors Portal – doch keinen Lidschlag später sahen wir’s Fenster bersten und sie strebten zu Dutzenden in wilden Sprüngen durch das Buntglas, landeten blutend in den Splittern und fielen über uns her. Doch dies eine Mal, da war uns der Vorteil hold! Es war eine glückliche Fügung – und auch ein galantes Zeugnis unserer Ausbildung. Der Feind nun, der uns mit Garstigkeiten beschoss, doch stets vor unseren Lanzen floh, war zum nahen Kampf gezwungen, sodass wir viele seinesgleichen aufspießen konnten, noch ehe das Giftgrün aus ihren Klauen blitzte.

Da knallten und zerplatzten viele Kreaturen, bis die Bronze sich am Schaft verbog! Unsere Kettenhemden sprudelten vor Gift, wurden löchrig – und das Blut der Wichtel ätzte durch den Gambeson, bis hernieder auf die nackte Haut, wo heut kein Haar mehr wächst und das Fleisch sich faltig krümmte! Wir litten über jeden Sieg – doch nie fehlte uns der Atem zum nächsten Streich! „Stirb doch! Stirb! Brenn! Ich zerhack‘ dich, du Scheusal! Brenn, stirb! Ja – gib‘ Blut du Aas! Gib Blut, ich will dich enden sehen!“

Und so schlugen wir zwanzigminütig - oder einen ganzen Tag - die Unheilvollen aus der Anderwelt; bis der Kapellenboden unter Kriegsnektar verschwand und ihr Schwall an uns verebbte. Doch uns war, als wär die Schlacht noch nicht gewonnen; ungläubig standen wir mit acht Armen und acht Beinen, unseren verbogenen Waffen und dem zerschlissenen Kriegsgeschirr – mit Luft für mehr und keiner Müdigkeit in Schenkel und Bizeps. Ein seltsamer Zunder fing Feuer im linken Auge des Sebastian; unseres mittleren Streiters. Unsichtbar, doch infernal, schlug es über seinen Kopf und ließ ihn schreien, auf die Knie sich werfen – herab ins dampfende Dämonenblut! – und den Lanzenschaft zur Seite rammen.

„AAAAAAAAAAAAAAAAAAAARH!“

So fiel er uns plötzlich an, ganz toll geworden, wie ein krankes Raubtier in der Grube! Er schwang seine Waffe wie gegen eines der Biester, das uns angefallen hatte. Durchs Wollkleid bohrte sich das zitternde Metall der Lanzenspitze; hernieder ins Herz von Hermannsson, der gar nicht wusste, wie ihm geschah: Vom eigenen Waffenbruder niedergestreckt! Karmesinrot loderte Sebastians Augenlicht in der Berserkerwut!

Als der arme Hermansson nun zusammenbrach, stand ich wie vom Donner gerührt! Mord! Verrat! Die Folge schrie nach Unverzüglichkeit, doch als mich noch der Schock gefangen hielt, war Hugo – so hieß der letzte im Bunde – längst ausgerückt, um den wahnsinnigen Sebastian seiner gerechten Strafe zuzuführen. Er stach ihn ab – von oben ins Genick, sodass sein Klagen rasch verstummte. Da setzte auf einmal fürchterliches Gelächter ein! Hugo und ich, wir waren schwer atmend die Verbliebenen. Hinterblieben, gewissermaßen – das letzte Aufgebot von Alterszapfen und die umdrehende Hand an der Sanduhr für all das Volk, das noch nicht weit genug geflohen war. Was gab es da zu lachen?

Ein Erdbeben! Ein Schlag wie von Tribok und Katapult; hier in der dämmersturmschen Kapelle. Da zitterte alles und Kerzenständer warf es um, gleichwohl wie unsere Barrikaden. Glas, das noch gehalten hatte, zersprang vor unseren Augen, das wir schützend die Hände heben mussten. Das Dach brach auseinander. Ziegel flogen in den Dreck. Dem Schwefelgestank schloss sich nun auch Schweiß an – und schmatzend klang da das Fleisch einer Abscheulichkeit. Oh, fürchterlich! Augenblicklich zwang sie mir ab, meinen Mageninhalt auf den blutgesäumten Boden zu speien. Urghs!

In übergewaltigen, abscheulichen Ausmaßen überspannten Fleischlagen einander wie fettgetränkte Lappen. Riesige, mütterliche Brüste mit ranzigversifften Knospen hingen zwei Meter in die Tiefe und die über und über bewachsene Stirn - faltig und schwefelstinkend - bis halb über die gleißendgrünen Augen der Höllengeburt. Winzige Füße an Schenkeln – dick wie drei Schweine – ragten unter ihr hervor, während zwei winzige, ledrig bespannte Flügel den hässlichen Wanst unmöglicherweise in der Luft hielten. Ihre grässlich-kratzende Stimme hallte durchs eingebrochene Dach der Kapelle, spie schmerzende Worte in fremder Zunge und grölte vor giftsabberndem Gelächter.

Es brach mir den Kampfesmut. Meine Stiefel, vom Erbrochenen umflossenen, setzten einen Schritt vor den anderen und Hugo, der wohl das gleiche dachte, sprang mir gleich hinterher. Doch der arme Teufel rutschte aus, als ich durch die Kapellenpforte eilte, unter fettriefenden Schenkeln der Abscheulichkeit hindurch und raus aufs Dorf, hinüber zu den Hütten. Dass er tatsächlich fehlte, fiel mir erst auf, als ich seine Schreie vernahm, denn das unsägliche Ding, das ich nicht betrachten konnte, ohne unter roten Augen zu weinen wie ein Kind, hatte ihn sich geschnappt und riss nun mehr und mehr von seinem Leibe ab, um‘s blutplatzend zu verschlingen und den ganzen armen Hugo schließlich herunterzuschlucken.

Es trieb mich durch die Gassen. Ich sah noch gackernde Unholde. Sie machten sich über mich lustig, doch da flog kein neuerliches Feuer, um mich niederzustrecken. Wie ich die Sache überlebte, glaube ich jetzt, dass sie mich nur entkommen ließen, um Meldung zu machen und diese unsägliche Geschichte zu erzählen. Es ätzt mein Herz mit Scham, ihren Willen so zielgenau zu erfüllen, doch schweigen kann ich nicht!

Ich brachte Alterszapfen mit seinen verbrannten Häusern, Leibern und Knochen hinter mich und schlug mich blindlings durch den Wald, bis ich endlich die Straße fand und rastlos südwärts irrte; flankiert von Tannen und Gestrüpp, die mir den Blick auf das, was ich überstanden hatte – die Übel des Waldes generell – verschleierte. Tobiasstadt war der Ort, der mir am nächsten lag – das Heim der Cherusker Fahne; einer stolzen Waffenschar, die dem Dämmersturm verbündet war. Man wollte mir kaum glauben, hielt mich für toll – doch so wahr ich dort stand und alles mit Eiden und verzweifelten Schwüren bekräftigte, gaben sie mir Wasser, Brot und Schinken, von dem ich kaum etwas herunterbekam und sandten schließlich nach Gorheim. Derebron Darkwood müsse die Sache überprüfen.

_________________
Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 28. Dez 2017, 01:53 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 01.2010
Beiträge: 1527
Wohnort: Münster
Geschlecht: männlich
Zwei Gorheimer



Hubert stieß den Pflug ins Feld. Das Holzgestell hing an einem gutmütigen Rindvieh und Frederick, sein Nachbar, tätschelte dessen Schnauze.

"Has' du schon gehört, wasse mit die Sälma Sinklär mach'n?", sprach selbiger zum Rind. Und das Rind schwieg.

"Mach ma' hinne da.", rief Hubert. Und Frederick stieß das Rindvieh an, sodass es pflugziehend vorantrottete, um Furchen ins Kartoffelfeld zu treiben.

"Has' du schon gehört, wasse mit die-"

"Wart' ma' Freddy, ich muss kurz hintern Baum sprühen." Und Hubert verschwand hinter einem Baum. Frederick blieb neben dem pflügenden Rindvieh zurück; die Hand aufs Fell gebettet.

Sie hatten noch viel Arbeit vor sich. Es lag leichter Morgennebel auf dem Acker, doch er konnte hören, wie es auf den anderen Feldern bereits zur Sache ging. Das dumpfe Geräusch des bodenteilenden Pfluges klang wie frisch gebackenes Brot. Hubert kehrte zurück.

"So, watt' wolltes' du von mir?"

"Hä?"

"Du bis' eben losgesprochen mit irgendwas."

"Was'n?"

"Datt weiß ich nu' auch nich' mehr, Freddy. Wenn du mir was klickern wills', dann mussu' schon behalten, was ansteht."

"Ich werd' wohl alt, sach'."

"Hä?"

"Wohl alt werd' ich, sach'."

"Wieso alt?"

"Na, dann werd' ich vergesslich."

"Achso. Sach' das doch."

"Hab' ich doch."

"Tja."

"Jetzt fällt's mir wieder ein. Also nich', was ich erzähl'n wollt' - aber's andere von gestern."

"Dann lass'ma hören, Freddy."

Sie flankierten das Rindvieh beidseitig und warfen beiläufig die Kartoffelsamen in die aufgegrabenen Schluchten ihrer Arbeit.

"Gestern, 'ne?"

"Ja."

"Also gestern is' so'n Haufen verheulter Wirrköppe hergekommen. Die ham' gesacht, Alterszapfen - das gibt's nich' mehr."

"Wie - das gib's nich' mehr. Wo soll's denn hin sein?"

"Naja."

"Ich mocht' die von da wech sowieso nich'."

"Wieso?"

"Die war'n immer so frech. Ich meine, ich will'ja jetz' nich' mit die Vorurteile ankomm'n un' sagen, dass wer wech' von Alterszapfen geburtsschtansschrechtlisch schlecht is' oder sowas, aber wenne' dir die ma angucken tus'. Die ham' immer so 'ne Fresse, da guckste ersma' und weiß nich', was'de siehs', verstehste?"

"Nee, was siehste da denn?"

"Ja nix irgendwie. Da trau' ich gar nich'."

"Du traust da gar nich'?"

"Ne, sach'. Is' mir unheimlich. Datt is' mit Sicherheit, weil die von die Wald kommen. Da is' nämlich dunkel. Und wenne gar nich' siehs', wie der andere ausschaut, dann guckste auch nich' mehr, wie'de selber ausschaust."

Frederick nickte nachdenklich. Hubert sah das aber nicht, da zwischen ihnen das Rindvieh trottete.

"Aber...", begann Frederick. "... hier war doch auch'n Wald bis vor'n paar Jahren."

"Naja, 's kannste so nich' sagen. War ja nur'n kleiner Wald. Und jetzt isser ja weg. Und isser bei Alterszapfen weg? Nee, die wohn' imma‘noch im Wald."

"Nee, das'ja was ich sagen wollt'."

"Da is' kein Wald mehr?", raunte Hubert erstaunt.

"Ja, doch. Wald is' da bestimmt noch, aber die von da wech' sin' wech' un' sin' jetz' hier."

"Pfah, soll'n ersma' ihr'n Wald wegmach'n, sach'."

"Ja's geht' ja gar nich', weil die nämlich keine Häuser mehr ham'."

"Wie jetz'?"

"Ja, weil Alterszapfen doch weg' is', sach'."

"Achso. Und dann komm' die hier zu uns? Sowas!"

"Wurd' nämlich kaputtgemacht."

"Kaputtgemacht?"

"Ja, vonne Gespenster abgebrannt. Aus'm Wald."

"Hah! Siehste wohl, ham'se davon, ihr'n Wald nich' wegzumachen."

"Wussten'ja nich', dass dann die Gespenster komm'."

"Sicher' is' sicher, 'nech?"

"Ja, schon."

"Ja."

Sie drückten das Rindvieh zur Seite, sodass der Pflug einen Bogen beschrieb und parallel zur ersten Furche eine zweite Furche grub.

"Un' jetz' sin' die hier?", wollte Hubert erfahren.

"Ja."

"Datt gefällt mir nich', sach'."

"Wieso nich', hasse doch nich' mit zu tun."

"Ja sach' das nich'. Das'ja nich' das erste Mal. Komm' doch ständich' welche hier an, von alle Herrn Länder wech. Und dann woll'n 'se ersma' was zu fress'n."

"Ham' doch'nuch."

"Ja, das sachse bisse uns alles weggefress'n ham'. Un' mit die Frau'n, sach'."

"Meinste?"

"Na musse' nur ma' schauen. Die Lotta vom Lutz! Watt'die immer hinna' die Fremden herstarren tut. Un' die's noch jung, sach'. Die weiß noch nix' vom Leben. Datt is' dem aber egal, sach'. Kriegt'er aufs Brot halt noch'n Weib dazu un' Lutz kann'ma gucken, wo'rer bleibt."

"Ach, 'n Lutz macht'se schon zurecht, dasse nich' mit'm Fremden was tut."

"Sei'ma nich' so sicher da."

"Wieso?"

"Ja datt Mädchen hat noch Flausen im Kopp, 'sach. Un' dann komm' die Fremd'n ran un' die sieht'se und weil's ma' watt anneres is', denkt 'se, datt'wär wat'janz tolles, 'sach."

"Un' schon sin'se schwanger."

"Genau."

"Müss'ma vielleich' im Auge behalt'n mit die Fremd'n. Die vonne Dämmasturm' ham'n Haus für die gebaut, sach'."

"Hab'ch gesehen. Jaja. Bisschen weiter oben, häh?"

"Ja'n Stück. Nich' direkt bei die Dorfplatz."

"Ja."

"Aber gute Arbeit mach'n 'se, sach'."

"Hä?"

"Ja, die woll'n nich' viel un' dann helfen die auf'm Feld, oder so."

"Ja's wär' ja noch schöner, Freddy! Soll'n ersma'n eigenes Feld ham'."

"Wir zwei beide ham' doch auch kein Feld und ackern hier nur für'n Jupp."

"Das'doch gar nich' was ich mein."

"Was'n?"

"Soll'n daheim 'n Feld bestell'n, nich' bei uns."

"Ob'se daheim 'n Feld bestell'n oda' bei uns, 's is' doch egal. Also nich' egal, weil dann ham' wir hier mehr Hände un' werd'n schneller fertich'."

"Ja, komm' mir damit ma' an, wenn'er Jupp sagen tut: Tut mir Leid, Jungs, aber der Harrifarri von'ne Gebirge macht's für'n Taler weniger."

"Das macht'er schon nich', der Jupp hat doch Geld, sach'."

"Sagst du."

"Ja, bei alle Karren, die da imma' wegfahren nach die Markstadt mit die Kartoffeln von seine Felder."

"Datt'war auch schonmal mehr."

"Ja, is' weil'die von Markstadt jetz' wieder arbeiten tun, hab'ch gehört."

"Ja guck! Wenne' von die Markstadt jetz' wieder arbeiten tun un' hier die ganz'n Angereist'n auch was von'ne gorheimer Felder woll'n, sach'."

"Ah, du spuck's auch inne Suppe, damit'de rüber schimpf'n kanns'."

"Warum baun'se eigentlich nich'ma mir'n Haus? Muss'ch ers' dafür anreisen tun? Vielleicht will'ch gar nich' im Stall vonne' Jupp penn', sach'."

"Ja, pflugziehn, pflugziehn - dann kannse mal'n Haus bauen."

"Ja, rum hier."

Und sie wendeten ein weiteres Mal Pflug und Rindvieh, um die dritte Furche zu bereiten.

"Jetz' isset' mir wieder eingefall'n.", blinzelte Frederick.

"Du has' heute so Eingebung'n, bisse' sicher, dasset' gestern nich' doch die Plörre vom Jupp war, die'de aus der Schale gesoff'n has'?"

"Nee, datt'war Bier, sach'. Bloß'n bisschen warm. Also mit die Sälma Sinklär, 'ne. Die ham' die weggeben an'n Wolf, sach'."

"An'n Wolf? Datt schöne Ding für'n Wolf zum Fressen?"

"Ja nich' für'n richtigen Wolf, sonnan für'n Mann, der so heißen tut."

"Der heiß' Wolf?"

"Ja."

"Das'ja irgen'wie einfallslos. Mein Onkel heiß' auch so."

"Wolf?"

"Ne, Wolfgang. Aber is' ja so ähnlich."

Sie kicherten.

"Ja, gut. Also die ham'se weggeben an den Wolf. Datt is' wohl der Könich' von denen."

"Vom Dämmasturm?"

"Nee, von woanders, wohin 'se wegegeben wurd'."

"Kein Könich' sach - wir ham' hier in Alterac keine Könige."

"Ja, is'ja auch egal! Du weiß, was'ch mein. Datt is' der mit die Frühlingskrieg, warum der Wellenheim nu' tot is'."

"Ach laber nich', dass doch kein Wolf. Dass der von Wolke, sach'. Das'der Name. Nich' Wolf. Wolke. So."

"Ja, oder so. Un' die is' nun von dem seine Frau."

"Ich dacht', die war's Weib vom Wellenheim?"

"Ja, aber der's ja tot wegen dem Wolke."

"Un' dann geht die nach den Mörder von ihrem Mann?"

"Ja."

"Flittchen!"

"Na, 'ch weiß nich', ob'ma die da groß gefragt hat. Aber'ch hab' da noch was gehört, sach'."

"Was'n?"

"Auf die Hochzeit soll' sies wohl mit jeb'm da getrieb'n ham'."

"Woah, is' nich' wahr? Wo has'n das aufgeschnappt?"

"Ham' mir so Krämer erzählt, neulich auf'm Markt."

"Wär'ch ma' da gewesen."

"Auf'm Markt?"

"Ne, auffer Hochzeit, sach'."

Sie lachten und wendeten das Tier zur vierten Furche.

_________________
Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 27. Mai 2018, 00:09 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 01.2010
Beiträge: 1527
Wohnort: Münster
Geschlecht: männlich
Die Hure Dämmersturm


Die fahle Wintersonne über Alterac. Sie glänzt auf ein kaltes Land, dessen Winde in diesem Jahr von überraschender Wärme gezeichnet sind. Hier wehen sie über eine Straße. Alt und bemoost und längst verlassen; angelegt in jenen Tagen, als dies hier noch ein Königreich war. Da lautet Galopp! Durch unser Bild eilt ein einsamer Reiter in bronzenem Rüstzeug. Unter seinen rasselnden Panzerplatten schimmert an den Ärmeln ein rotes Hemd hervor, über das sich wiederum die schwere Gestalt eines Fellmantels legt. Die schillernden Farben durchbrechend, spannt sich ein dunkler Wappenrock über den Heroen. Er ist aschfarben bis schwarz und trägt das schneeweiße Wappen des Dämmersturms. Der Reiter reitet einen Rappen und am Sattel ruhen ein Schwert und ein handliches Schießeisen mit Steinschloss. Proviant oder eine Ausrüstung für das Kampieren im Wald sind nicht am Zaumzeug vorzufinden.

„Reitet zum Wolf, Heineken. Reitet nach Westen und beschwört den Bündnisfall. Wir wurden angegriffen und brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können. Sprecht mit Salma von Wolke.“

So hatte es ihm der Hüter der Ländereien aufgetragen. Es ist beileibe kein leichter Ritt für Hendrick Heineken, den Truppführer der Sektion Alpha – den güldenen Hüter von Recht und Ordnung im dämmersturmschen Nordwestgefälle. Sein Befehl ist klar und niederschmetternd. Er reist in die Lande des Wolfs. Jenes Fürsten, der vor wenigen Jahren noch erklärter Feind des Dämmersturms war.1

1(Als nach dem Ersten Frühlingskrieg, in dem Wolfstruppen und Dämmersturm einander heftig angingen, die Markstädtische Koalition ausgerufen wurde, um den Frieden in allen Teilen des Nordwestgefälles zu gewährleisten, schien die Lage zwar beruhigt – doch der darauffolgende Zweite Frühlingskrieg hatte die Abneigung des Wolfs gegenüber dem Dämmersturm wieder offengelegt. Zwar waren hier andere Aggressoren der Grund für den Konflikt, doch der Wolf verweigerte dem Dämmersturm jegliche Hilfe. Erst die Hochzeit mit Salma Sinclaire, einem vereidigten Weib des Dämmersturms, hatte die Wogen geglättet und zur Mobilmachung an der Seite des Söldnerbundes geführt. Sie war die geliebte Dirne des legendären Julius von Wellenheim, der durch die Hand des Wolfs sein Leben ließ. Ihr Schoß hatte Richard von Wellenheim zur Welt gebracht, den letzten Wellenheimer – und nun sollte ihr Schoß die Erben von Wolkes gebären; des wölfischen Banditengeschlechts. Eine demütigende Situation: Nicht bloß, dass der Dämmersturm die Hilfe von Wolkes benötigte – er musste ihm auch noch das Weib des Helden zu Füßen werfen, dessen Tod dieser Raffzahn selbst eingefädelt hatte. Dies war der ungeteilte Triumph über den Dämmersturm: erst einen seiner Generäle abzuschlachten und dann sein Weib zur Frau zu nehmen. Und nun ist es wieder soweit; ein Abgesandter des Dämmersturms reitet gen Wolfsland, um vor ihm das Knie zu beugen. Alterszapfen ist gefallen und Höllengeburten verwüsten das Territorium des Dämmersturms.)


Als ließe er den Rappen schon seit Wochen galoppieren, erscheint ihm das heimatliche Gorheim unwahrscheinlich fern. In Wirklichkeit ist er erst seit einem Tag unterwegs, doch das Wolfsland, das sich langsam am Horizont ankündigt, ist ein selten angestrebtes Reiseziel – um nicht zu sagen, dass man stets froh darüber war, nicht gegen die berüchtigten Truppen von Wolkes kämpfen zu müssen. Und auch sonst hielt man Abstand zu seinen Gebieten. Das Wolfsland ist eine zerklüftete, schwer passierbare Gebirgskette an der nordwestlichen Grenze von Alterac. Als Gebiet – so könnte man mutmaßen – gibt es dem Gefälle überhaupt erst seinen Namen. Insofern als dass ein Gefälle mit den Verhältnissen arbeitet – eben dem Oben und Unten, welche es nur geben kann, wenn etwas besonders hoch oder besonders tief beschaffen ist. Nun ist besagtes Gebirge besonders hoch, zum Teil von Zweitausendern bestimmt, und in mancher Höhenlage stets von Schnee bedeckt. Es verhüllt den ganzen Abendhimmel und trägt, als wäre das Land selbst nicht schon Mauer genug, zwei größere und zahlreiche kleinere Festungsanlagen. Es sind die wehrhaftesten der ganzen Region. Praktisch uneinnehmbar, wie der Dämmersturm zu seinem Bedauern schon erfahren musste.

Dieses fremdartige Gebilde, das sich wie ein Monster aus Granit und Eisenminen vor ihm in den Himmel streckt, die Tatsache, dass er nicht hier sein möchte, der Anlass seiner Reise und die platte Eintönigkeit der umliegenden, schiefergrauen Ebene, machen ihm die Reise lang und ungastlich. Hinter der nächsten Hügelkuppe brennen Lichter am Fuße der wölfischen Gebirgskette. Es ist ein palisadenumschlossener Ort namens Höhlingen. Eine Minenkolonie, deren Metalle die furchterregende Militärmaschinerie des wölfischen Heeres ankurbeln. Heineken kommt näher. Auf flacher, baumloser Weite liegt also dieser Palisadenring – mit windschiefen Häusern dazwischen und Minenloren, die quer über den Marktplatz rauschen. Sie bringen das Eisen unmittelbar zu den bereitstehenden Fuhrwerken. Es herrscht Dauerbetrieb. Es ist kaum eine Familie ersichtlich, die hier nicht in den Bergbau involviert ist. Im Frieden begraben Söhne ihre Väter. Im Krieg die Väter ihre Söhne. In Höhlingen arbeiten sie gemeinsam begraben ihr ganzes Leben lang unter der Erde.

Heineken ist müde. Er muss rasten. Er reitet ans Tor heran und weist sich aus, wo zwei Wappenträger des Wolfs ihn knurrend begrüßen.

„Was willst du hier, Söldner?“

„Ich reite mit einer wichtigen Botschaft nach Stahlkamm – aber mein Pferd und ich sind erschöpft. Lasst mich eine Nacht bei euch unterkommen – ich zahle die Absteige selbst.“

„Wenn es so dringend ist, wirst’s ja wohl noch bis nach Stahlkamm schaffen. Die paar Meilen. Ihr Söldner seid alle gleich – faul wie Scheiße, aber früher nach’er Bezahlung gaffen, als der Kampf vorbei ist.“

„Ich wüsste meine Worte nicht angemessen für euren Herrn zu wählen, Wolfsmänner, wenn ich müde vor ihn treten müsste. Und wenn mir der Gaul schlapp macht, dann verspäte ich mich. Es sind nur wenige Stunden, die ich ruhen will.“

„Verlaustes Pack. Na, mir soll es gleich sein. Name?“

„Hendrick Heineken.“

„Oho! Etwa der Hendrick Heineken?“

„Ja, der Truppführer der…“


Doch der Wolfsmann winkt ab.

„Ich hab‘ dich verarscht. Nie gehört. Jetzt verpiss dich.“

Heineken schreitet durchs Tor. Er steigt aus dem Sattel. Er scheppert. Und er glänzt in der Abendsonne wie ein Herbstbaum, als er durch die Schlammstraßen der Minensiedlung zieht und sich nach einer Bleibe umsieht. Schwarzgesichtige Kreaturen ziehen erdverdreckt an ihm vorbei. Nasse, muskelbepackte Bergmänner und kleine, dürre Kinder – Jungs wie Mädels – schieben die Loren aus den schattigen Schächten, die sich am Ende der ausgelegten Schienen andeuten. Richtige Wege gibt es hier nicht – wohl aber Gassen, die von den Barracken, Bretterbuden und dem ein oder anderen Fachwerkhaus gebildet werden. Verächtliche Blicke treffen sein prunkvolles Rüstzeug. Da fliegt ein Stein! Heineken weicht nicht – doch schlägt’s ihm eine Delle in die Schulterplatte. Erdspritzend verschwindet ein Bengel im Schatten einer Spielunke und im Vorbeigehen spuckt ihm ein hoch aufragendes Mannsweib auf die Hacken seiner Sabatons. Sie mögen den Dämmersturm hier nicht – er hat ihnen viele Witwen und Waisen gemacht.

Hinter einem hochbeladenen Karren mit Steinbrocken und Erzklumpen öffnet sich der Weg in ein Gasthaus. Zum Stollenschubser. Der Söldner bindet sein Pferd an, gurtet sich die Waffen um und tritt ein. Bierwolken treffen sein Gesicht und Schweißgeruch die Nase. Tavernaler Dunst liegt in der Luft und ungewaschenes Arbeitervolk sitzt an den dichtbepackten Tischen, wo pisswarmes Bier durch Pfützen schwimmt, sich mit Speichel und Blut vermischt – und worüber Schankdirnen sich beugen, um den schwadronierenden Kerlen neuen Alkohol aufzuschwatzen. So will ein gutes Gasthaus betrieben sein! Mit billigem Bier und dem barbrüstig entfachten Blut in den Lenden der Hirnlosigkeit.

Der Geräuschkulisse seines Kürass verschuldet zieht er beim Thekengang Aufmerksamkeit auf sich. Das bronzene Schillern wiederum fesselt sie und lässt dutzende Gesprächsfetzen abreißen – ja manchen Tisch ganz verstummen und strenge, abfällige Musterung entstehen. Sie starren regelrecht, doch keiner wagt es den Gerüsteten anzusprechen.

„Watt willste, Strahlemann?“, fragt ihn der Wirt an der Theke. Ein dicklicher Mittvierziger mit braunbefleckter Schürze und fettigen, schwarzen Haaren, die ihm bis weit über den Nacken reichen, aber vorderseitig hässlich tiefe Einfälle von ausufernden Geheimratsecken zeigen.

„Bier.“, antwortet Heineken.

„Da bisse anner richtig‘n Adresse.“, erwidert der Wirt und schenkt aus.

„Und ein Zimmer für die Nacht. Nur bis Sonnenaufgang.“

„Na’s hätt’mich auch gewundert, wenne‘ gesacht hättes‘, dass‘de hier Urlaub machen tust.“

„Was zahle ich?“


Der Wirt begutachtet den Krieger eine geschlagene Viertelminute; gemeinsam mit der schweigenden Schar. Doch wie er das tut, trinkt Heineken bereits sein Bier – tief und lauthals schluckend - um die Zeit zu überbrücken.

„Zehn Silberne.“, entgegnet der Wirt schließlich mit selbstüberzeugtem Gestus.

„Das ist viel Geld, guter Mann.“

„Und du nich‘ arm und auffer Suche nach’m Bett.“


Heineken öffnet seinen Geldbeutel und schiebt zehn Silbermünzen mit sturmwinder Prägung übers Holz. Ein lächerlich hoher Preis für diesen Schuppen, doch es wäre unklug, sich in diesen Landen auf Streitigkeiten einzulassen. Insbesondere im Angesicht seiner diplomatischen Mission. Langsam flackern die Gespräche wieder auf, während er sein Bier austrinkt. Es schmeckt nicht. Alteracer konnten noch nie Bier brauen – doch diese Plörre genießt nicht einmal den kulturellen Charme schlechten Bieres aus der Region. Es ist nicht schlecht – es ist einfach nur scheiße. Daher dauert der Umtrunk – Unhöflichkeit brächte ihn jetzt auch nicht schneller ans Ziel. Geschweige denn, dass er ein Interesse daran hat, die Vorurteile über den Dämmersturm zu bestätigen.

„Und wie’s dann vorbei war mit der Trauung… Da sin’se vor’n Strohkopf getreten, der’s Zeichen vonne Söldner trug… und ham‘ den einfach angezündet! Wusch! Das war’n Fest, hehe… Abgebrannt ham’se den… Aber’s war gar nich‘, was ich erzählen wollt‘. Das beste kam ja dann überhaupt ers‘ noch. Ohhhoho, ja.“

An irgendeinem Tisch – Heineken dreht sich nicht um – wuchert ein feuriger Dialog. Wie er die ersten Gesprächsfetzen, die er beim Hereinkommen aufgeschnappt hatte nun mit den neusten Worten verwebt, scheint es wohl um die Hochzeit Salma Sinclairs mit Friedrich von Wolke zu gehen. Die Wolfshochzeit. Ein gerüchtebrodelnder Mythos, dem fast nur Soldaten beiwohnten – mit Ausnahme der Braut, die ganz alleine vor ihren neuen Herrn treten musste.

„Die sin‘ dann die Empore hoch – Mann, watt’sach ich euch… die Alte war so’n heißes Bückstück. Blond und blaue Augen und boah – die Titt’n quollen ihr fast aus’m Kleid… und’s war hinten ganz offen, da haste fast auf’n Arsch schauen können. So’n Arsch hab‘ ich sowieso noch nich‘ gesehen. Ah, ich werd‘ schon wieder rattich‘, wenn ich bloß dran denk!“

Heineken schließt die Augen. Sein Blick fällt ins Bier herab – das lange, braune Haar bis über die Wangen, sodass sich sein Gesicht den Blicken etwaiger Spanner entzieht. Herzschläge torpedieren das Rüstzeug von innen.

„Also die sin‘ diesen Balk’n hoch und da hat’er sie nochmal vor alle‘ Soldaten präsentiert, jau. Sein neues Weib… der Wolf, ey. Was’n Kerl. Und die ham‘ geheult wie die Bluthunde. Da dachteste, gleich fall‘n ´se fleischfressend über sie her – aber ne, besser ey. Die Alte hat ihre Händchen hochgepatscht – annet‘ Kleid… und sich’s ausgezogen! Pahahah! Jaaah – und watt’waren das für Euter. Boah – straff wie vonnem Wirt die Kleine… aber groß ey, jaha… groß wie von’er Rosswita. Ey, wenn ich’da mal drüberhobeln könnt… Leutz – haut mir’s Messer ins Genick, ich sterb‘ glücklich. Hahahaha…“

Der Tisch grölt vor Lachen. Ein brünstiges Rülpskonzert vergast die ethanolschen Winde. Durchsetztes Blut klatscht aus dem Kopf herab durchs Herz, verliert sich dort, und geht dann runter in die Eingeweide, wo’s schließlich die Saftschleudern der dreckigen Gesellen in die Höhe schießen lässt. Heineken schluckt.

„Jaaha, aber halt’ma, halt’ma! Geht noch‘ weiter!“

„Neee, sach‘ – noch weiter?“, wirft einer ungläubig ein.

„Nich‘ bloß die Titten, - dann ging’et bis runter auffe Fotze! Booahah, kanns‘ ja vom Dämmersturm halten, wasse‘ willst – aber die Weiber… Die Weiber wissen wie’se auszuschauen haben, boahaha… Da stand’se nackich‘ in ihren Stöckelschüchen, die kleine Hure. Watt’ein Prachtweib! Ich krieg‘ mich gar nich‘ mehr ein! Und dann… boaahaha…“

„Erzähl Mann, erzähl!“

„Da hat’se gesacht…“

„Was hat’se gesacht, nu‘ sach‘ schon!“


„Fickt mich! Fickt mich!“, womit der Prolet seine flache Arbeiterpranke auf den Tisch knallt. „Die Hure Dämmersturm, ich sach’s euch, hat noch um’s Vögeln gebettelt. Und was soll’ch sagen – er hat’s ihr gegeben! So richtich‘ ordentlich, dasse‘ zichmal kam, eh‘ ihr sein Gewichs die Möse flutete. Boahaha, ein Fest, sach‘ ich euch! Vor versammelter Mannschaft – als wär’se Beute aus’m Kriech, oder sowas!“

„Ahahaha, die Hure Dämmersturm, jau – das hab‘ ich auch schon gehört!“

„Und’s hat ihr gefallen, ich schwör’s euch. Die wollt noch mehr! Die war einfach geil drauf, dasse der Kerl fickt, der ihr’n Tunich’gut auf’m Gewissen hat. Der Stärkere, sach‘. Darauf steh’n die Weiber. Killse‘ ihr’n Mann – plong! Dann geh’n die Beine außenanna‘! Die wollt’sowas von noch mehr, jaja… Und’s bekam sie auch, als’er sie dann wegtrug! Ey, die Latten standen stramm wie’n Fahnenmast – da gab’s kein‘ vonne dreihundert Kerls, der nich‘ fickerich auf sie war.“

„Hahahaha, ja! Das glaub‘ ich – das glaub‘ ich, aber sach’ma an, woher weißt’n das eigentlich alles?“

„Na, ich hab-„

Doch die Erzählung findet ihr jähes Ende, als sich Hendrick Heineken zu ihnen an den Tisch setzt, scheppernd und gepanzert, sein Bier nachziehend.

„Ich will euch etwas fragen.“

Sie starren ihn an. Er spricht weiter.

„Ihr spracht eben – im Nebensatz - von der Tochter des Wirts, habe ich das richtig verstanden?“

„Hasse – un‘ nu?“

„Wo kann ich sie finden?“

„Datt sach‘ ich dir doch nich‘.“

„Was würde es mich kosten?“

„Hehehe, ja – nu‘ tun wir uns goldig verstehen. Mhhh. Mach’ma fünf Silberlinge.“

Und er macht fünf Silberlinge.

„Dat‘ is‘ die kleine Brünette, davorne.“

„Ich danke dir.“


Hendrick lässt seinen Becher stehen und erhebt sich mit bronzen-schallender Geräuschkulisse. Sein Blick trifft ein junges Ding, das ihm gerade so zur Brust gereicht. Es hat ein hübsches Gesicht mit kohlegeschminkten, düsteren Augen und kokettierendem Lidschlag. Die Haare fallen ihr bis über die kleinen Brüste, die sie jedoch stramm und gequetscht aus ihrem Kleid heraus präsentiert, um den gaffenden Minenarbeitern reiches Trinkgeld abzugewinnen. Ihr Hintern presst sich an das luftig herabfallende Kleid, das bis zu den Knien an ihr herabfließt und schließlich ihre strumpflosen, glatten Schienbeine zeigt, die in nackte Füßlein gleiten, denen zwar der ein oder andere gezupfte Splitter anzusehen ist – die ansonsten aber von langen Fußmärschen verschont blieben.

Er geht auf sie zu und spricht sie an.

„Dein Vater gewährt mir Unterkunft für eine Nacht, doch will ich sie nicht alleine verbringen. Ich habe einen weiten Weg hinter mir und du gefällst mir. Geh mit mir hoch, wenn deine Schicht beendet ist. Ich habe dir viel zu geben.“

Das Mädel fährt herum und blinzelt irritiert – man kann es ihr nicht verdenken! Die dunklen Wimpern schlagen herab und wieder herauf. Sie errötet nicht, denn sie ist eine Schankmaid – hat schon frivolere Anfragen gehört und manchen Klaps auf den Hintern ertragen, doch nun also dieser Fremde, dessen Rüstzeug das Kerzenlicht in ihren verschwitzten Ausschnitt reflektiert – ja sie darüber hinweg geradezu blendet und verdattert.

„Willst mich wohl vergackeiern!“

„Keineswegs. Was ist es dir wert?“

„Sucht ein Hurenhaus, Söldnerflegel! Nun rasch fort, oder ich sag’s dem Vater!“

Heineken greift nach seiner Begurtung und öffnet den Geldbeutel.

„Wie viel gibt man euch zur Rechnung obendrauf? Der Schönheit und des Dienstes wegen. Sag‘ an. Wie sieht’s damit aus?“


„Ich bin doch nicht verrückt und mach’s mit einem Söldner! Läuse und was’da nicht sonst noch alles dran is‘!“, ruft sie so laut, dass manch einer sich umdreht und die ersten drei treudoofen Dreckwühler sich protektionistisch fürs Mädchen erheben. Sie starren Hendrick vielsagend an und führen die Fäuste in ihre offenen Handflächen.

„Lass meine Tochter in Ruh, du Aasfresser – gleich schmeiß ich dich raus! Dein Blech hin oder her! Du bis‘ hier nich‘ willkommen, sach‘!“, kommt es unterdessen hinter der Theke hervor.
Hendrick bewahrt Haltung, hebt den Beutel demonstrativ und hält den Augenkontakt zur Umworbenen. Er führt seinen bestulpten Finger ins Sackleinen herab, zieht erst eine Münze hervor, dann eine zweite, dann eine dritte – und immer so weiter, bis sie dem vollen Dutzend entgegengehen und sie sich vor der Nase eines hochstarrenden Kürschners stapeln, der sich aber offenkundig nicht weiter einmischen möchte.

„Zwölf?“

„Für wen hältst du mich!“

„Dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn – einundzwanzig.“, stapelt er weiter.

„Vater!“

„Lass mir die Tochter in Ruh‘, du Scheusal!“


Doch bei der zwanzigsten Münze hat der Wirt mit den Anstalten aufgehört. Er scheint gespannt, wie weit der Söldner noch gehen mag. Selbstredend, um sich dann eine Abfuhr abzuholen – jaja! Hendrick erreicht zuweilen die dreißigste Münze und da ihr Vater schweigt, schweigen auch die aufgebrachten Schläger, die kurz zuvor noch geneigt waren, für das Weib in die Bresche zu springen. Sie schluckt derweil und sieht von Hendrick ab durch den Raum der Fahnenflüchtigen. Es sind jene Fratzen, die ihr bei jedem Thekengang auf den Hintern starren und sich erst nach tosendem Gelächter entschuldigen, wenn sie mit ach-solchem Versehen das Bier über sie schütten. Sie hört den zerfließenden Speichel zwischen Hopfen und Malz, der die Kehlen der brünstigen Gaunerbande herunterölt. Die schnaubenden Nasen und die verstummten Gespräche in blutpulsierender Spannung vor dem, was da geschehen mag. Ihr zarter Oberleib hebt sich aufgeregt.
Hendrick hält inne und schickt sein Augenmerk beharrlich auf den Wirt. Der starrt zurück.

„Fünfunddreißig.“

Und wie er das sagt, seufzt sein Töchterchen wehmütig, als entglitte ihr auf einen Schlag jeglicher Mut. Hendrick hebt einen Mundwinkel und fügt dem Stapel fünf Münzen hinzu. Dann greift er das Mädchen bei der Hand.

„Doch sei ehrenhaft mit ihr.“

Der Söldnersmann verzieht das Gesicht. Seine Nase schnaubt, wobei er das drückende Gelächter herunterschluckt, das von seinem Herzen aus aufwärtsdringt. Die Tochter des Wirts folgt ihm die Treppe herauf, ins Zimmer, das ihm der Wirt gewiesen hat. Die Dielen knarzen verheißungsvoll. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt und sie sich in einer kleinen Kammer mit Nachttisch und Einzelbett wiederfinden, dreht Heineken sich zu ihr um. Ihre Lippen beben. Sie weint nicht. Ihre Augen suchen die Kupferzinnlegierung ab, die den Sektionisten wie einen drohenden Engelskrieger umschließt. Im Kerzenlicht weiß das Rüstzeug grell zu funkeln. Er zieht die Stulpen aus und legt sie sorgfältig in eine Schublade. Dann dreht er sich zu ihr um. Er stapft auf sie zu, greift sich ihren Hals und drückt sie gegen die Wand, dass sie scharf die Luft einzieht – alsbald jedoch seinen Atem schluckt, da er sie heftig küsst. Unter der prallen, angstschweißgeölten Brust in ihrem Ausschnitt pocht das junge Herz. Ihre Knie werden weich. Es hat seine Richtigkeit, schließlich hat er sie soeben für einen feinen Preis erstanden. Sie blinzelt über ihre eigenen Gedanken. Dann erwidert sie den Kuss und lässt sich seine Hände fallen.

Unten hören sie unmittelbar darauf das Lattenrost knarzen. Ihr holzgedämpftes Stöhnen verheißt gepeitschte Lust – und wie sie schließlich aufschreit und wir’s Fleisch noch einmal klatschen hören, trommeln die Herrschaften im Schankraum affenartig auf die Tische, lachen und werfen dem Wirt heftig nickende Blicke zu – er solle sich doch stolz bekennen, so ein Weib sein Töchterchen zu nennen.

Tags drauf reitet Heineken weiter nach Burg Stahlkamm, wo der Wolf betrunken ist und die Braut ihn hinreißend in Empfang nimmt. Und neun Monate später ward ein kleiner Söldnerssohn in Höhlingen geboren.

_________________
Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Die Kinder Alteracs
BeitragVerfasst: 29. Jun 2018, 16:21 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 01.2010
Beiträge: 1527
Wohnort: Münster
Geschlecht: männlich
Pikenieren

Ein Sturm aus Kohlebrocken, lichterloh brennenden Bauernkaten und würzig verlodernden Kartoffelsträuchern säumt das Antlitz der einstmaligen Siedlung von Alterszapfen. Der Ort ist vollkommen zerstört. Schwergepanzerte Soldaten in der Wappnung des Fürsten von Wolkes ziehen über die Lichtung und stecken sie zur Gänze in Brand. Ihre kampfdreckigen Plattenrüstungen reflektieren das Inferno. Beruhigte Mienen schmecken einen Hauch von Genugtuung in der umherflatternden Asche. Zwischen schwarzer Erde und den Überresten eines Holzkarrens ragt die Leiche eines Dämmersturmsöldners hervor, erkennbar an seinem Wappenrock und dem deutlich verbogenen Spieß darunter. Einer der Soldaten meldet den Gefallenen an seinen Zugführer weiter, der einige Augenblicke auf sich warten lässt. Unterdessen neigt sich der Krieger scheppernd herab. In einem Hüftbeutel findet er das blutige Tagebuch des Toten. Die erste Hälfte ist dem Schlamm längst zum Opfer gefallen.


47. Eintrag

Sind heute in Alterszapfen eingetroffen. Der Ort ist schön. Ich hoffe, wir finden alsbald eine Bleibe. Rosann klagt über erste Schmerzen. Die anderen sind guter Dinge. Man hat uns mit Kartoffelbrei begrüßt. Bisweilen sehe ich, dass sie die Pflanze hier mit großem Eifer und auf allen Feldern anbauen. Natürlich gibt es auch Weizen, Gerste und Hafer, doch davon bedeutend weniger. Das Land wird von Söldnern beherrscht, die sich Dämmersturm nennen.


48. Eintrag

Man hat uns in eine Unterkunft gebracht. Sie ist wetterfest und sicher, doch wir haben nicht viel Platz und wenn das Kind kommt, wird es nicht reichen. Das Essen dagegen ist zur Genüge vorhanden. Sie sind sehr gut zu uns. Ich werde mich rasch nach Arbeit umsehen. Auf den Feldern scheint es viel zu tun zu geben und wie ich mich bereits umhörte, stellen sie gerne die Zugezogenen ein.


49. Eintrag

Mir wird schwer ums Herz. Ich bin sehr betrübt. Ich habe erfahren, dass in diesen Landen eine Wehrpflicht gilt. Der Dämmersturm fordert von jeder Familie einen Rekruten ein, falls man auf seinem Gebiet siedeln möchte. Ich fürchte mich davor, an der Waffe zu dienen. Schließlich sind wir hierher gekommen, um dem Krieg zu entfliehen. Nun aber hat er uns wieder eingeholt. Rosann hat gestern vorgeschlagen, es vielleicht in Tobiasstadt zu versuchen, das nur wenige Meilen entfernt von Alterszapfen liegt, doch ich bin in großer Sorge um ihre Gesundheit und die sichere Geburt des Kindes.


50. Eintrag

Ich habe beschlossen, mich für den Dienst an der Waffe zu melden und nicht nach Tobiasstadt zu ziehen. Wie weiß ich denn, dass sie es da nicht genau so mit den Fremden halten und dann wäre all das Risiko umsonst in Kauf genommen. Rosann klagt immer häufiger über Schmerzen und eine liebe Frau mit Namen Tina meinte, das Kind würde wohl bald kommen. War mir doch etwas ulkig - schließlich konnte ich mir das selbst ausmalen! Doch sicherlich wollte sie nur helfen.


51. Eintrag

Mir ward ein süßes Töchterlein geboren. Das Licht schenke ihr ein langes Leben. Sie heißt Erika. So hatte ich es mit Rosann ausgemacht. Wäre es ein Junge geworden, so hätte er den Namen Erik getragen - doch dafür gilt es wohl noch zu üben.


52. Eintrag

Nun wo die kleine Erika geboren ist, nützt es nichts - ich muss wohl ran und mich zügig bei den Söldnern melden, sonst wird man mich oder mein Weib - ja gar mein Kind! - noch strafen. Doch wie kann ich es halten? Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Wenn ich nun weggehen muss, dann ist meine geschwächte Rosann doch gar nicht fähig, sich um das Töchterlein zu kümmern oder sich selbst zu versorgen. Drum holte ich mir das Wissen beim Gastwirt ein, der mich lobte, wie schön mein liebes Weib doch ist - als hätte ich es nicht selbst gewusst. So ein Schelm, das muss man sagen. Jedenfalls sagte mir der Gastwirt, das ein Hendrick Heineken kommt, der dann die Rekrutierten nach Gorheim bringen wird, was ein Städtchen ist, das auch zum Dämmersturm gehört.


53. Eintrag

Meine liebe Rosann ist immer noch sehr schwach! Hätte sie doch etwas Fleisch zum Essen - nein, bloß immer Kartoffelsuppe. Das macht eine schlechte Verdauung. Kaufte also mit ein bisschen Silber das noch vom Ersparten übrig war, eine Pute und schlachte das Ding, damit das Frauchen sich gesund essen kann. Da straft mich das Weib noch mit bösen Blicken, dass ich die gesparten Münzen hingeworfen habe für etwas Fleisch. Der kleinen Erika geht es prächtig, hier in Alterszapfen. Sie ist mir ein liebes Kind, das nur fürs Nötigste schreit.


54. Eintrag

Habe beim Wirt erfragt, wann denn dieser Hendrick Heineken kommen möge, doch der wusste es auch nicht besser. Sagte dann, dass er wohl mein Weib zur Schenkerin nehmen würde, was sehr gut bezahlt ist. Das war mir eine große Erleichterung. Habe ich gleich mit ihm ausgemacht und näher besprochen, damit sie - wie sie wieder gesund ist - gleich mit der Arbeit beginnen kann. Mir ist aber ein wenig schlecht dabei, dass ich es nicht bin, der fürs Brot und die Kartoffelsuppe Münzen verdient.


55. Eintrag

Rosann ist noch gar nicht wieder ganz gesund, da kam ein Mann nach Alterszapfen, wo wir waren. Der schien hell - da brannten mir die Augen von. Im Sonnenlicht musste ich dann wegschauen, weil ich sonst blind geworden wäre. Habe auch viele andere gesehen, die den Blick mussten abwenden und manche sind wohl wirklich blind geworden. Stand ganz ordentlich. Da dachte ich mir, dass das wohl anstrengend ist. Hat sich dann mit Heineken vorgestellt und war sehr höflich. Und dann zog er also nach und nach uns alle ein, die wir starke Burschen von woanders waren. Frauen hat er nicht eingezogen, hat er sich aber auch angeguckt. Meine Rosann hat er ganz zuversichtlich angeschaut.


56. Eintrag

Habe Abschied genommen von meiner lieben Rosann und dem kleinen Töchterlein Erika. Der Wirt hat gemeint er nehme sie schon auf und sorge für Pflege und Essen, bis sie dann soweit ist. Da konnte ich beruhigt gehen, aber Rosann hat manche Träne vergossen und Erika mehr geschrien als sonst. Sind dann mit wenig Gepäck, weil wir ja nichts hatten, los und über Stock und Stein und dann zur Straße hin. Immer nach Süden, wo die Berge waren. Der Hendrick ist immer vorneweg und ich dacht wieder, dass das wohl anstrengend ist.


57. Eintrag

Wollte nur einmal zwischendurch schreiben, dass wir in den Bergen eine Rast für einen Tag gemacht haben, weil wohl ein Unwetter droht und wir uns darauf vorbereiten müssen. Da haben wir manches Feuer gemacht und uns vor Wind geschützt. Heineken kannte eine Höhle in der wir Zuflucht fanden. Und holterdiepolter da ging ein Gewitter los, dass es blitzte und donnerte. Manch einer witzelte, wie das mit dem Dämmersturm eigentlich gemeint sei und auch Heineken wusste darüber zu lachen, was ihn sehr lieb machte. Wie das Unwetter war durchgestanden, zog alles Volk weiter und bald ging es über einen Pfad und dann runter in ein Tal, wo Gorheim liegen sollte.


58. Eintrag

Haben Gorheim erreicht, dass viele Felder und eine große Mitte mit Palisade hat. Auch hier machen sie viel mit Kartoffeln aber die schönen Mühlen konnte ich ebenso bewundern. Und manches Haus, das ganz gekonnt gebaut war. Da dachte ich, dass ich wohl noch nie so ein stabiles Haus gesehen habe und jemand sehr reiches darin wohnen muss. Da war ich ein bisschen neidisch und die anderen staunten auch, wo sie denn nun gelandet sind. Wir aßen Kartoffelsuppe, die man uns gab. Die schmeckte gut, aber wir waren Kartoffeln leid, daher dauerte das Mahl und niemand schlang so recht und es tat einem vor den Köchen leid. Heineken erklärte, dass dies nun Gorheim sei, wo der Dämmersturm seine Tagelöhner ausbildet, die er aber gerne befördern mag, sodass sie zu anständigen Leuten werden. Und er sagte, dass oben auf dem Berg eine Burg sei, wo sein Herr lebe, der Derebron heißt. Der kam dann auch dazu und war ein strenger alter Mann mit Eisenrüstung. Er sagte, dass der Dämmersturm all die Länder von Alterszapfen, Gorheim und Kupferdorf - was ich gar nicht kannte - gerne beschützen mag und das wir dabei helfen sollen, und dass wir dann auch zum Dämmersturm gehören. Das mochte ich gerne hören, weil es wichtig klang und auch durchaus war. Wir erhielten ein Quartier, wo's recht eng aber daher auch warm war.


59. Eintrag

Haben jetzt erstmal Rüstzeug erhalten und Farben vom Dämmersturm. Man gab uns große Spieße mit denen wir pikenieren sollten. Hab mich ganz scheußlich angestellt, aber viele andere auch.


60. Eintrag

Ist mir ein arges Treiben mit dem Derebron, dem Herrn vom Heineken, der uns immer um die Häuser rennen lässt und vor dem wir mit dem Spieß immer wieder zu pikenieren haben. Da werden mir die Arme müde und wie ich nachts schlafen gehe, werde ich wach, weil sie schmerzen - und die Beine auch. Ich war nicht der einzige, der zu jammern hatte. Alle haben wir gejammert wie die Weiber. Trudel, ein Kerl von Süden her, der ist mir lieb und ein guter Freund geworden, hat eine schwache Blase. Und wenn er nachts vor die Tür muss, schafft er es manchmal nicht rechtzeitig und deshalb bekommt er immer großen Ärger und muss von uns verhauen werden.


61. Eintrag

Heute war ein bisschen Freizeit für uns, da habe ich auf einem Feld geholfen. Gab zehn Kupfermünzen. Da legte ich mit Trudel zusammen und wir kauften einen großen Laib Würzbrot, den wir verschlangen, weil er nicht nach Kartoffeln schmeckte.


62. Eintrag

Wieder viel pikenieren. Arme und Beine werden nicht mehr so schnell leidig.


63. Eintrag

Trudel hat mal wieder nicht an sich halten können, da wurde ihm etwas zu fest aufs Bein geschlagen, das nun gebrochen ist. Der Derebron hat ihn ganz stumpf angesehen und es gut sein lassen. Da hat er den Trudel nach Hause geschickt mit einem Beutel voll Münzen, weil jetzt sein Bruder kommen sollte.


64. Eintrag

Sind diesmal raus auf die Felder und zu einigen Sträuchern hin. Haben gemacht, dass wir auch bei Hindernissen in der Reihe bleiben. Und wieder viel pikeniert. Abends sind gekommen Reiter, die wohl auch Lanzen haben, aber besseres Rüstzeug. Sind gebürtig aus Gorheim und waren ganz toll anzusehen.


65. Eintrag

Mein liebes Weib hat mir geschrieben, dass der Wirt wohl ein mieser Geselle sei und ich kommen muss, ihn zu verhauen. Doch hab mich nicht getraut, was vorm Derebron zu sagen, was ihm nicht gefallen könnte. Habe die Nacht viel seufzen müssen. Tags drauf wurde wieder viel pikeniert und bisschen Kochen gelernt.


66. Eintrag

Heute war mir ein spannender Tag, denn man hat uns gezeigt, wie der Spieß und anderes aus Bronze zu bearbeiten ist. Das ist wichtig, weil er wohl schnell verbogen wird und nicht so fest wie Eisen ist. Ist aber gut, weil Eisen nicht wieder gerade zu biegen ist und Bronze schon, was wir alle genutzt haben an den Spießen.


67. Eintrag

Rosann hat schreiben lassen, dass sie nicht mehr beim Wirt arbeiten wolle und deswegen wieder weggegangen ist und nun wieder in der Unterkunft wohnt, mit der kleinen Erika. Das Geld reiche aber kaum und ich sollte dringend was schicken. Hab noch gejammert, weil ich ja doch nichts habe.


68. Eintrag

Heute sind Rekruten belohnt worden, die schon lange da waren. Haben Eisenzeug bekommen und besseres Geschirr und wohl auch Sprengstoff, den man uns noch nicht gezeigt hat. Sind dann losgezogen mit einem Dutzend, glaube ich - und zwar nach Alterszapfen, wo sie sollen beziehen Stellung. Habe gehört, dass wohl der Dämmersturm Gehöfte schützt, die ihm befreundet sind, aber dann gar nicht mehr seine eigenen hüten kann.


69. Eintrag

Dies ist mir die schwärzeste Nacht von allen. Ich musste hören, dass Alterszapfen ganz zerstört wurde von Teufeln aus dem Wald. Was mache ich nur? Weiß doch gar nichts von meiner Rosann und der Erika. Bin drauf und dran Reißaus zu nehmen, aber nützt ja doch nichts. Jammere viel. Wenn ihnen etwas zugestoßen ist, bin ich ganz alleine auf der Welt.


70. Eintrag

Immer noch nichts.


71. Eintrag

Es kamen Leute aus Alterszapfen, die wohl rechtzeitig geflohen sind. Meine Rosann oder die Erika waren nicht dabei und niemand konnte was dazu sagen. Traf aber den Wirt, der viel auf sie schimpfte, dass ich ihn zurechgewiesen habe. Da meinte er, dass ich nicht zu reden habe, weil ich nicht von hier sei, drum stieß ich ihn mit dem Stock vom Spieß, weil ich den gerade bei mir trug. Da jammerte er und bekam viele Tränen im Gesicht, das ganz rot wurde. Habe ihn dann nochmal gehauen und wie ich das tat, war er dann ruhig. Ein Mitläufer fragte mich, was das denn sollte - woraufhin ich sagte, dass er mich beleidigt hat. Dann war es gut. Ein Mitläufer ist einer, der im Rang über mir steht, da ich nur Tagelöhner bin.


72. Eintrag

Heute kam Derebron und ließ uns beisammen treten und erklärte von der Lage, dass Alterszapfen zerstört ist, was ich nicht hören wollte, weil ich immer noch nicht wusste, was mit meinem Weib und Töchterlein ist. Derebron sagte, die Ausbildung werde woanders fortgeführt, weil wir die Teufel bekämpfen werden, die bei Alterszapfen gewütet hatten. Drum ging es also los und wir marschierten viel nach Norden, von wo wir gekommen sind.


73. Eintrag

Ich weine vor Freude. Wir haben heute Tobiasstadt erreicht und da bin ich Rosann und Erika begegnet, die beide ganz gesund sind. Sie ging nach Tobiasstadt, weil sie nicht auf den Wirt treffen und Arbeit suchen wollte. Das geschah vor dem Angriff. Habe erzählt, was ich mit dem Wirt tat. Da liebte sie mich sehr. Ich will auch sagen, wie Tobiasstadt aussieht. Das hat keine richtige Mauer, ist aber ganz stattlich und macht mit der Schmiede viel her. Waffen, Werkzeug und wohl auch Rüstungen. Hier ist die Cherusker Fahne, die mit dem Dämmersturm befreundet ist. Das sind starke Männer, aber nicht viele. Wir waren immerhin vier Dutzend mit Spießen. Die Cherusker Fahne wollte uns helfen gegen die Teufel bei Alterszapfen, doch es ging noch nicht weiter dahin, sondern erst wieder pikenieren. Bei Tobiasstadt ist ein Wald, da ging viel Manöver. Aber nichts mit Sprengstoff, wie wir mal gesehen hatten.


74. Eintrag

Wieder viel pikeniert, aber abends durfte ich bei Rosann liegen, was mir sehr lustig war.


75. Eintrag

Habe jetzt verstanden, dass wir nicht nur fürs Pikenieren in Tobiasstadt warten, sondern weil ein Herr mit Namen Wolf und seine Armee nach Tobiasstadt kommt, die dann auch gegen die Teufel Unterstützung leistet. Das müssen sehr viele Teufel sein, denke ich - aber arme Teufel, weil ich mit dem Spieß inzwischen ganz gut stoßen kann.


76. Eintrag

Habe Trudel getroffen, der auch in Tobiasstadt ist. Sein Bruder ist wohl nie losgezogen, da hat er das ganze Geld verzecht und hatte wieder viel zu jammern. Ich war ihm ein Freund, weil ich nichts verriet, doch mochte ich ihm auch nichts geben von meinem Sold, da er doch ein Feigling war. Deswegen jammerte er noch schlimmer und ging dann hinaus.


77. Eintrag

Nach dem Pikenieren habe ich mit einem Großen gesprochen, der sagte von der Cherusker Fahne zu sein. Grimmiger Kerl. Gar nicht älter als ich. Da wollte ich mit ihm trinken gehen, doch er soff wie für Zehn und fraß ein halbes Schwein. Da dachte ich, dass so ja doch ein ganzes Dorf zu ernähren wäre, wie für zehn dieser Männer der Cherusker Fahne. Wenn es heißt, dass wir mit denen ins Feld ziehen, muss ich mich nicht fürchten vor den Teufeln und dem Bösen. Mit Verlaub: Bloß immer schattig bei einem solchen stehen! Ärgerlich, wie ich doch seinen Namen vergessen habe.


78. Eintrag

Wieder pikeniert, aber bekamen heute gut zu essen. Viel Fleisch und wenig von den Kartoffeln, sondern auch Rüben und allerlei Krautzeugs.


79. Eintrag

Heute war mir flau im Bauch, da er wohl nicht recht bekannt auf das viele Fleisch und die fremden Rüben zu sprechen wahr. Habe mich ganz fürchterlich übergeben, dass die Rosann noch besorgt dreinblicken tat. Bin aber schnell erholt, wie alles raus war, dass ich wieder bei ihr liegen konnte und den Rest ausschwitzte.


80. Eintrag

Heute habe ich ein rotes Mützchen von meinem Sold erstanden, für das liebe Töchterlein. Das war sehr schön anzusehen und sie hat gelächelt. Drum wurde mir warm ums Herz, weil sie so gelächelt hat.


81. Eintrag

Wieder viel pikeniert, dass es ein Elend war.


82. Eintrag

Ich habe erfahren, wie der Wolf und die seinen nun an Markstadt vorbeigezogen sind und wohl bald zu uns einkehren werden. Bin doch verwundert, dass ich nichts gehört habe, von einem Empfang oder Feierlichkeiten. Die Hochzeit wird ganz ohne Getöse begangen, dass beide Haufen stillschweigend zusammenkommen und wir nicht viel weiter reden. Vielleicht weil die Herren nicht gut Wort auf den Wolf sprechen mögen.


83. Eintrag

Heut ist der Wolf nach Tobiasstadt gekommen mit vielen Mann, dass der Wald sich geschüttelt hat und die Vögel beim Krachen davonflogen. Es hat so sehr gekracht, weil sie alle schwere Rüstungen trugen. Da wurde mir ganz schwach. Wieso eigentlich pikenieren, wenn so eine Schar dabei ist und die Arbeit machen darf und auch die von der Fahne, die viel stärker sind als wir. Doch als ich wirklich sah, was da über die Straßen kam, staunte ich mit großer Scham, denn ihrer Armada Spitze war ein Weib, das wie ein Engel ritt. Da war die Haut so hell und strahlend und so weich und der Busen voll wie einer Nymphe! Ja sie war fast ganz nackt, dass mir komisch wurde und ich innerlich rasen tat. Und alle anderen starrten auch, glaube ich, weil sie doch so schön anzusehen war - das war die Salma, dem Wolf seine Frau und wohl mal eine vom Dämmersturm gewesen, vom Wellenheim nämlich seine Frau. Und weil ich doch so toll war, liebte ich meine liebe Rosann danach sehr und denke doch, ihr nun einen Erik gemacht zu haben.


84. Eintrag

Es gab wohl Debattierung, wer den Haufen anführen mag, wenn es gegen die Teufel geht. Der Wolf, der ein garstiger Geselle ist, bestand zu sehr darauf, dass Derebron viel über ihn fluchte und unser Pikenieren einmal ausfiel. Schaute, ob ich denn die schöne Salma nochmal sehen konnte. Doch nichts davon. Musst ich also mit meiner lieben Rosann auskommen.


85. Eintrag

Ich erhielt eine wichtige Aufgabe vom Rottenmeister, dass ich nämlich mit den Wolfssoldaten reden und mich ein bisschen erkundigen sollte, ob ich nicht was Interessantes herausfinden kann, doch mir war ein bisschen unwohl, mit diesen Gesellen zu reden. Was hätte ich denn zu berichten gehabt - bin ja gar kein Krieger, so wie die. Drum habe ich einfach ein bisschen schawenzelt und dann vermelden lassen: Mit Verlaub Rottenmeister, nichts herauszukriegen aus den Burschen!


86. Eintrag

Heute hat es den ganzen Tag geregnet, dass der Wald ist wie eine räudige Hundsfott. Sind alle erbärmlich nass geworden und bis auf den Arsch klamm. Dem Sturm entgegen, ja.


87. Eintrag

Es ist mir ein schlimmes Gefühl, immerzu warten zu müssen. Es ist in Ordnung, weil doch meine Familie bei mir ist, doch ist es auch schlimm, da ich nicht weiß, wann es losgeht, jederzeit aber der Ruf erfolgen kann. Und wäre es sofort in die Bresche gegangen, um die Teufel zu pikenieren, da hätte ich gar nicht so viel darüber brüten können, dass es ja auch ein Elend mit mir nehmen kann und ich vielleicht nicht lebend heimkehre. Bestimmt werde ich nicht tot sein, wenn die Schlacht geschlagen ist, denn es stehen ja so viel rüstigere Recken mit im Haufen, die auf uns aufpassen mögen, aber was hilft es, das zu sagen - denken tu ich ja doch anders. Da rede ich viel mit meiner lieben Rosann und der süßen Erika über allerlei Schelmisches, dass ich nicht an den Krieg denken muss und die Teufel. Gut, wie ich es hier auch niederschreiben kann, denn wer nicht schreiben kann oder will, der versäuft den Sold.


88. Eintrag

Es ergab sich immer noch keine Einigung, wer denn die Rotten anführen mag, dass ich schon fürchte, irgendwer mag resignieren. Der Wolf besteht wohl immer noch drauf, doch auch die unseren. Mir ist es ganz egal, soll es nur einer machen!


89. Eintrag

Mir hat der Jannes erzählt, das ist nämlich einer von uns, dass es nicht gut wär, wenn der Wolf die Rotten führt und dass es besser der Derebron machen muss. Das ist so, weil der Wolf sonst nicht mehr weggehen mag und sich aufführen will, wie der Herr über den Dämmersturm und Tobiasstadt. Ich hab gesagt, Jannes, das magst du ja meinen, aber wer weiß das schon. Dacht mir auch, besser nicht zuviel übers Politische denken, das verstehst du ja doch nicht.


90. Eintrag

Heute nur pikeniert, dass es eine Art war.


91. Eintrag

Jetzt ist wohl Bewegung. Der Wolf soll es machen und bald wird ausgerückt, dass es endlich nach Alterszapfen geht.


92. Eintrag

Da sollte es nicht sein mit dem Wolf und viel Schabernack muss geschehen sein. Der ist nämlich ganz plötzlich krank geworden und kann jetzt doch nicht den Haufen führen, dass es wer anders machen muss. Also der Derebron. Aber das ist nicht so einfach, weil die vom Wolf ja gar nicht für den Derebron marschieren mögen. Da scherz ich: Wenn wir nach Alterszapfen kommen, ist der Feind schon drei Wochen weg.


93. Eintrag

Nicht der Derebron macht es, sondern die Salma - die Braut nämlich! Wussten gar nicht, dass die weiß, wie es mit dem Geplänkel und dem Kriegshandwerk so vonstatten geht. Verwunderliches Weib, ja mit Verlaub: Da schütze sie aller Väter und Mütter Segen, dass sie uns sicher wieder heimbringen mag und auch beim Pikenieren noch so schön anzusehen ist. Bin nun ganz fröhlich, dass endlich Bewegung geschieht und es jetzt losgehen wird. Doch meine liebe Rosann ist ganz besorgt. Ich sage immerzu, die Salma - sieh doch. Dieser Engel führt uns nur zu schönen Dingen. Ja und geb mir Acht auf die Erika und auf den kleinen Erik in deinem Bauch. Wie ich wiederkomme will ich ihr viele Küsse schenken!


94. Eintrag

Es geht also auf und meine Rosann hat viel geweint. Die Erika aber nicht, weil die schon weiß, dass es gut gehen wird. Der ganze Haufen ist gestampft hinter der schönen Braut auf einem weißen Pferd, dass ich den Derebron und den Cherusk gar nicht sah, sondern nur die Braut und ihr Pferd. Das war so herrlich, dass ich gar nicht dachte, wohin wir eigentlich gehen und meine Freunde und die anderen waren auch alle mit den Gedanken woanders, wollten doch nicht schwach wirken vor der Braut. Und da hielten wir die Lanzen hoch, eine nämlich in der Hand und eine in der Hose. Vorne waren die Wolfsmänner und dahinter wir mit den Spießen und bei uns auch die von Cherusk. Die von Cherusk waren nicht viele, aber starke Kerle.


95. Eintrag

Heute Nacht ward komisches Leuchten gesichtet, da ist Alterszapfen nicht mehr weit. Im Wind riecht es ganz faul, dass viele spucken mussten. Glaube, ein Gegacker zu hören, wenn es still ist und Tiere blöken hier nicht mehr. Mir ist ein bisschen bang, aber wie es nur Leuchten und Gestank ist, will ich denken, nur zuviel getrunken zu haben, auch wenn ich das nicht habe. Einfach betrunken, mehr soll es mir nicht sein, dann mag das schon gut ausgehen.

_________________
Dem Sturm entgegen! - Schlachtruf und Grußformel der Söldner des Dämmersturms.


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 6 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
© phpBB® Forum Software | phpBB3 Forum von phpBB8.de
» Kontakt & Rechtliches Support / Hilfe Forum Gooof Webdesign Kostenloses Forum Dein Forumo Forum web tracker